Die audiovisuelle Reisewelt des James Bond. Wirkung und Auswirkung filmgeprägter Imagination zwischen Overtourism und Corona-Pandemie


Essay, 2020

28 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Filmgeprägte Reisemotive

3 Die visuelle Welt des James Bond

4 Destination Placement und Imagination

5 Raumwahrnehmung im Süden Italiens

6 Nutzen und Last für Bond-Drehorte und deren Bevölkerung

7 Fazit

Quellenverzeichnis

* Gender Erklärung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in diesem Essay die Sprachform des generischen Maskulinums angewendet. Die ausschließliche Verwendung der männlichen Form soll geschlechtsunabhängig verstanden werden und keinesfalls eine Diskriminierung oder Benachteiligung implizieren.

1 Einleitung

Die Debatte zwischen zukunftsorientiertem Destinationsmanagement als Sollzustand und Overtourism als Istzustand1 einiger Destinationen, die aufgrund audiovisueller Inhalte und Darstellungen einen hohen Bekanntheitsgrad und massiven Zustrom erlang(t)en, wirft Fragen auf: Wie kam es zu solch massenhaften Reisemotiven? Wodurch wird die Raumwahrnehmung vor Ort beeinflusst? Und wohin führt der Weg für diese Destinationen durch filmgeprägte Imagination?

Erfolgreiche Filme und Serien erreichen ein Millionenpublikum. In der Folge dessen gewinnt Filmtourismus weiter an Bedeutung für den Reisemarkt. Ein Grund liegt in den Gemeinsamkeiten des Films und der Reise – beide entführen für eine gewisse Zeit aus dem Alltag heraus in eine Welt, die fiktionale und traumhafte Elemente besitzt. Beide rufen Sehnsüchte hervor und das Verlangen nach Wiederholung, was sowohl von bewussten, größtenteils jedoch von unterbewussten Impulsen und affektiven Seherfahrungen ausgelöst wird. Populäre Filmfiguren und Serienhelden haben somit einen enormen Einfluss auf das Image ihrer Schauplätze und Drehorte. Und dementsprechend beeinflussen sie unsere kulturräumliche n Vorstellungen und unser Reiseverhalten.

In diesem Kontext lohnt sich der Blick auf eine legendäre Filmfigur, die erstmals 1962 in James Bond jagt Dr. No die Leinwand betrat. Kaum eine Filmfigur hat derart die Filmwelt geprägt und damit auch die Reiseentwicklung über ein halbes Jahrhundert beeinflusst. No Time To Die lautet der Titel des neuesten 007 -Streifens. Es ist der offiziell 25. James Bond-Film, der im April 2020 in den Kinos starten sollte [vgl. JamesBond.de 2020a].

Doch ein Coronavirus (Coronavirus SARS-CoV-22 ) torpedierte den Plan. Die Weltpremiere wurde verschoben, auf den 12. November3 [vgl. Zeit.de 2020]. Für Unternehmen und Destinationen, die stark von Tourismuseinnahmen abhängig sind, geht es in Corona-Zeiten wie im fiktionalen Agententhriller derzeit ums existentielle Überleben, denn die Pandemie führt zu drastischen Einschränkungen im internationalen Luft- und Reiseverkehr und zu weltweiten Reisewarnungen. In vielen Ländern gelten Einreisebeschränkungen, Quarantänemaßnahmen und Einschränkungen des öffentlichen Lebens [vgl. Auswärtiges Amt 2020a]. Kann der verschobene Kinostart im November involvierten Destinationen den entscheidenden Impuls zum Restart des internationalen Tourismus geben? Verhindert diese Pandemie das Phänomen des Overtourism über einen längeren Zeitraum oder ändern sich gar Reiseströme und Reiseverhalten als wir es zuvor kannten?

Abb.1: Ursprünglich vorgesehener Kinostart und veränderter Filmtitel (in Anlehnung an die Corona-Pandemie)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[eigene Darstellung verändert nach Universal Pictures & MGM; JamesBond.de 2020b]

Gehen wir vom optimistischen Szenario aus, dass die Menschheit wirksame Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 entwickelt und sich infolgedessen die Reiseströme wieder „normalisieren“. Dann wiederum scheint es ein schmaler Grad zwischen rettendem Anker durch erhöhte audiovisuelle Aufmerksamkeit und andererseits überlaufenen Destinationen, mit einer Belastung für die Einwohner druch Touristen, in mehrfacher Hinsicht.

In den Fokus dieses Essays soll ein Schauplatz und Drehort des neuesten James Bond-Thrillers rücken: eine Stadt auf einer felsigen Landzunge in Süditalien, die seit 1993 UNESCO Weltkulturerbe ist und 2019 Europäische Kulturhauptstadt war: Matera .

Wie geht es weiter mit Matera? Zuletzt noch im Fokus von Kulturtouristen, erleben die Einwohner Materas momentan die Ruhe vor dem Touristensturm? Oder sind die Gegebenheiten in der italienischen Kleinstadt andere als beispielsweise in Venedig oder Dubrovnik ? Kann vielleicht ein tourismuspolitisches Konzept der Destinationsmanagementorganisation (DMO) mögliche negative Folgen durch Overtourism vermeiden?

Drei Aspekte sollen diesbezüglich beleuchtet werden:

- Reisemotive – Wie beeinflussen Filme die Reisemotivation der Zuschauer?
- Imagination – Wie nachhaltig können filmische Produktionen auf die Imagination, Imagebildung und Anziehungskraft wirken?
- Raumwahrnehmung – Inwiefern prägen Filme die kulturräumlichen Erwartungen, Reisewahrnehmung vor Ort und die räumliche Wahrnehmung der Filmtouristen und Einwohner? [vgl. Siehl 2011: 12 ff.]

2 Filmgeprägte Reisemotive

Wohin wollen wir reisen? Welche Orte ziehen uns an und lohnt es sich noch, diese Orte zu bereisen?

Allgemein wird die Motivation zum Reisen – der Reisewunsch – durch zwei wesentliche Einflüsse bestimmt, die von Sozialwissenschaftler Dann bezeichneten Push - und Pull- Faktoren [vgl. Dann 1977: 184-194]. Push -Faktoren gehen von der Gesellschaft aus. Täglicher Leistungsdruck und soziale Verpflichtungen fördern den Drang nach kurzzeitiger Veränderung, einer Flucht aus dem grauen Alltag. „Wohin“ wir reisen wollen, wird jedoch überwiegend durch Pull -Faktoren bestimmt. Diese anziehenden Faktoren werden durch Reize aus der Umwelt gesteuert.

Mit der Durchführung von Themen-Events gelingt es Destinationen auf dem Tourismusmarkt Aufmerksamkeit zu erzeugen und somit Gäste anzulocken. Eine Destination sollte sich generell als Bühne verstehen, so Steinecke und Herntrei, auf der neben dem Standardprogramm wie Sehenswürdigkeiten, Museen etc. immer wieder neue Stücke aufgeführt werden – z.B. Filmfestivals, Open-Air-Konzerte, Sonderausstellungen, etc. Diese implizieren eine Einzigartigkeit und ermöglichen Besuchern einen positiven Erinnerungswert [vgl. Steinecke & Herntrei 2017: 95]. Auch Spielfilme und Serien können solche Effekte haben. Sie erreichen häufig ein Millionenpublikum und steigern damit – teilweise direkt und größtenteils indirekt – ein gesteigertes Interesse an den Schauplätzen und Drehorten. Die positive Wirkung beschränkt sich dabei nicht nur auf einen quantitativen Effekt. Vielmehr besitzen bewegte Bilder eine enorme Überzeugungskraft und werden intensiver wahrgenommen als klassische Werbebotschaften in Prospekten und Zeitschriften. Aufgrund dieser Wirkung werden Filme oder Serien auch mit Hallmark Events verglichen, da sie der Destination einen Stempel aufdrücken können und im Optimalfall ein Alleinstellungsmerkmal (USP) erzeugen, ohne dass die DMOs dafür größere Anstrengungen unternehmen. Filme, die auf uns mit ihren Schauplätzen und Drehorten anziehend wirken, hält Urry sogar für die größte Reisemotivation, da sie aufgrund des situativen oder persönlichen Involvements durch die Filmhandlung und Empathie für die Protagonist*innen bzw. Hauptfiguren eine starke emotionale Bindung erzeugen [vgl. Urry 1990; Steinecke 2016: 162 f.].

Wie viele Touristen aufgrund eines Films tatsächlich eine gewisse Destination oder ein Land besuchen, ist ein komplexer Prozess und nicht einfach zu ermitteln. Zumal sich dieser Entscheidungsprozess oft über mehrere Jahre hinzieht. Der grundsätzliche Einfluss von Filmen ist unumstritten. Filme sind heute keine Übermittler mehr einer völlig fremdartigen Welt, als vielmehr Entscheidungshelfer für die nächste Reise. Das haben Bolan und Davidson bereits 2005 mit ihrer Studie zum Einfluss der Medien in Irland beschrieben [vgl. Bolan & Davidson 2005: 8].

Im Filmtourismus können verschiedene Formen ausgemacht werden, die ein unterschiedliches Interesse am Film beinhalten. Dementsprechend variieren auch die Erwartungen der Filmtouristen an die jeweiligen Schauplätze bzw. Drehorte. Filme und Serien leben von Emotionen. Ziel eines jeden Regisseurs ist es, sein Publikum zu emotionalisieren. Entscheidend für den Tourismus sind insbesondere die langfristigen Gefühle wie Stimmungen und Sehnsüchte. Diese sind in der Regel nicht so intensiv, spielen aber bei der Reiseentscheidung oft eine größere Rolle – insbesondere, wenn es sich um Fernreisen handelt. Die cineastischen Reize, die dabei auf den Zuschauer einwirken, können durch verschiedene Filmgenres entstehen. Spielfilme und Serien erreichen in der Regel ein breites internationales Publikum – und das nicht selten über Jahrzehnte. Bildhafte Eindrücke, die Aufmerksamkeit erregen und emotional fesseln. Filmemachern gelinkt dies durch ein komplexes Zusammenspiel filmischer Codes und filmsprachlicher Mittel, wie die Bildkomposition, Kameraführung, Einstellungsgrößen, Licht- und Farbreize oder die Montage der Bilder. Diese verändern nicht nur das Aussehen auf der Leinwand, sondern auch das innere Spannungsgerüst, das dem sensiblen Beobachter den Film spüren lässt. Das ist keine Sache der Anschauung, es ist ein überprüfbares Wahrnehmungsphänomen, betont Mikunda [vgl. Mikunda 1986: 82]. Welche Gefühle wir letztlich entwickeln, hängt auch von unserer Kultur, unserem sozialen und gesellschaftlichen Umfeld ab, sowie von unserer Seherfahrung als Teil der Lebenserfahrung. Schon in der Antike beschrieben Philosophen, dass nicht das Auge sehe, sondern die Seele durch das Auge [vgl. Rathmann 2007].

Bewegtbild ist das zentrale Medium unserer Zeit und bestimmt maßgeblich die Wahrnehmung der Menschen, beshreibt Bunkše in seinem Werk Geography and the Art of Life [vgl. Bunkše 2004: 79]. Weil unser Leben in vielfältiger Weise beeinflusst wird, beschäftigen sich Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen mit der Verbindung ‚Reisen und Filme‘. Im Fokus stehen durch visuelle und audiovisuelle Medien erzeugte Emotionen, die Reisesehnsüchte auslösen können. Drehorte oder Schauplätze von Filmen beeinflussen die Vorstellungskraft, die Imagination von Destinationen sowie letztlich auch unsere Reiseentscheidung. Darüber hinaus konstruieren wir mit all jenen Informationen und mit Hilfe unserer räumlichen Wahrnehmung individuelle Weltbilder – eine Vorstellung unserer Welt, wie wir sie subjektiv sehen. Einen bedeutenden Teil unseres Wissens über andere Städte, Regionen, Länder und Kulturen erhalten wir durch unzählige Impulse audiovisueller Inhalte – z.B. durch den britischen Geheimagent 007.

3 Die visuelle Welt des James Bond

Was wäre James Bond s Welt ohne die exotischen Schauplätze, die luxuriösen Hotels, die einsamen Strände, an denen Bikinischönheiten aus dem Wasser kommen und die phantastischen Ausblicke in fremde Kulturen? Neben den aufregenden Abenteuern, den außergewöhnlichen Frauen und den exzentrischen Bösewichten hat der Globus, wie James Bond ihn bereist, schon immer eine besondere Rolle gespielt “ [Tesche 2008: 8]. Allein durch die James Bond -Filme und deren zahlreiche Drehorte kann ein Zuschauer ein Netz aus virtuell erlebten Destinationen spinnen, welches sich über den gesamten Globus erstreckt. Verschiedene Quellen sprechen von mindestens 50 Ländern und weit über 100 Orten, die James Bond bereist hat. In twitter.com/BondMaps ist sogar von über 1.000 Locations die Rede, die Ian Flemming´s Bond-Thriller aufzeigen [vgl. Twitter.com 2017] und vermeintliche Authentizität suggerieren. Der Geheimagent hat bislang nur wenige bedeutende Reiseländer ausgelassen, z.B. Kanada, Argentinien oder Australien. Mit Norwegen als Schauplatz und Drehort wird 007 im neuesten Bondfilm erstmals auch in Skandinavien Spuren hinterlassen – und nach ihm wohl zahlreiche Filmtouristen.

Abb. 2: Länder, die James Bond bereiste (Schauplätze von 1962-2020)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[verändert nach gomolo.com 2012]

Um die Wirkungskraft der legendären Filmfigur für die Tourismusbranche zu erfassen, ist zunächst einmal der Produktionsaufwand von Interesse. So legen die Filmteams bereits für die Dreharbeiten etliche Kilometer zurück, um die ‚authentischen Reiseabenteuer‘ des Geheimagenten auf die Leinwand zu bringen. Im fünften Bondfilm Man lebt nur zweimal (1967) beispielsweise reiste das Team für 14 Drehorte insgesamt über 70.000 Kilometer (beinahe zweimal um die Erde), um verschiedene Perspektiven Japans zu vermitteln: von der ruhelosen Megacity bis hin zum ruhigen Fischerdorf, technologische Moderne und traditionelle Zeremonien in idyllischer Atmosphäre. Immer wieder spielt der Regisseur Lewis Gilbert in seinem Film mit dem Kontrast dieses Landes – Moderne trifft auf Tradition [vgl. Tesche 2008: 95].

Abb. 3: Bond rettet die Welt in Japan [ Man lebt nur zweimal: MGM & United Artists 1967]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Marke James Bond hinterlässt selbst viele Jahrzehnte später visuelle Spuren für Filmtouristen. Das Drehrestaurant Piz Gloria auf dem Schilthorn in 2.970 Meter Höhe diente im Berner Oberland einst als Schauplatz für den Bond-Klassiker: Im Geheimdienst Ihrer Majestät (1969). Da sich das Drehrestaurant damals im Rohbau befand und die Schilthornbahn in finanziellen Schwierigkeiten steckte, war für die Bond-Produzenten die optimale Produktionsstätte gefunden. In Zusammenarbeit mit der Schilthornbahn konnten die Filmemacher das Drehrestaurant nach ihren Vorstellungen gestalteten und finanzierten im Gegenzug den Ausbau und die Innenausstattung des Restaurants. Vor imposanter Kulisse drehte das Filmteam sieben Monate lang in der Schweiz und brachte damit der Alpenregion damals finanzkräftige Umsätze [vgl. Schilthorn.ch 2009]. Doch der Besucherstrom, der danach kam – und seit über 50 Jahren anhält – ist finanziell um Weiten lukrativer.

James Bond ist langlebiger als zahlreiche andere Werbemaßnahmen, eine schier zeitresistente Marke, mit der sich ohne großen Aufwand werben lässt. So konnte die Schilthornbahn AG aus dem Drehort ein emotionales Nischenprodukt mit Kult-Status formen, welches der Destination einen deutlichen Wettbewerbs­vorteil gegenüber der Konkurrenz liefert.

Auch Jahre nach Beendigung des Films wird das Schilthorn und „Piz Gloria“ von Tausenden in der ganzen Welt immer noch mit James Bond in Verbindung gebracht. (…) Die Geschichte der Verfilmung des James Bond -Films On Her Majesty`s Secret Service auf dem Schilthorn ist ebenfalls die Geschichte einer beispielhaften Zusammenarbeit zweier wildfremder Partner. Eine Zusammenarbeit, die beiden Partnern beträchtliche und bleibende Vorteile gebracht hat “, schreibt Hubert Fröhlich, der damalige Produktionsleiter des Bond -Abenteuers, in seinem Bericht über die Dreharbeiten 1969 in der Schweiz [zit. Fröhlich 1995: 23].

Und dementsprechend kann sich die Kooperation von Destinationen bzw. Regionen und Städten mit Filmproduktionen durchaus bezahlt machen, teilweise schon bevor der Film in den Kinos anläuft oder als Stream verfügbar ist. Der Bond -Streifen Ein Quantum Trost (2008) spielt zu Beginn in der italienischen Stadt Siena. Auch hier soll die Stadt für die Dreh­arbeiten bereits mehr als eine Millionen Euro erhalten haben [vgl. MI6 2010].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Filmbilder vom Hauptdrehort am Schilthorn in der Schweiz [MGM 1969]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Filmreise-Angebot und Filmtouriisten

[Tripadvisor.com 2019; Tripadvisor.com 2020]

Audiovisuelle Inhalte haben einen Vorteil im Meer des Überflusses “, urteilt Beisswenger [zit. Beisswenger 2010: 21]. Und Psychologe Groebel fügt in diesem Kontext an, dass emotional aufgeladene Bilder die stärkste Wirkung haben [vgl. Groebel in View 2/2008: 44 f.]. Insbesondere dann, wenn sie keine offensichtliche Werbung darstellen, sondern die Desti­nation in Gestalt des Drehortes hinter die primäre Motivation des Filmsehens tritt, wie in Der Mann mit dem goldenen Colt (1974).

Andrew Hewett, Manager des The Adventure Club in Thailand, offenbart den Hintergrund für den dauerhaften Ansturm auf den ‚Bond-Felsen‘ von Koh Tapu in der Region Phang Nga: “Now it´s just taking another level. Not so many new people will remember the James Bond movie, because it´s an old movie, but everybody knows James Bond” [zit. Hewett 2007]. Nach all den Jahren ist es nicht mehr der eigentliche Spielfilm, der die Besuchermassen anzieht, vielmehr ist es der Name James Bond – die universelle Marke, die dazu animiert, diesen einstigen 007 -Drehort aufzusuchen [vgl. Groebel in View 2/2008: 44 f.] und entsprechende Fotos auf Tripadvisor, Instagram & Co zu posten.

In Golden Eye (1995), Pierce Brosnans erste Mission als 007, springt Bond am Bungee-Seil von einer gewaltigen Staudammmauer in die Tiefe. In Wirklichkeit war es Wayne Michaels, der in der Schweiz, ca. 27 km nördlich von Locarno am Verzasca -Staudamm, diese Leistung vollbrachte. Der Stunt wurde so populär, dass mutige Touristen heute selbst in die Rolle des britischen Spions schlüpfen können. Lediglich ein Kick für fanatische Bond -Fans? Keineswegs, denn das Geschäft der Trekking Team AG mit dem 007 -Adrenalin-Kick blüht [vgl. Trekking.ch 2020] (siehe Abb. 6).

So profitieren zahlreiche touristische Unternehmen und Destinationen von den Reiseaktivitäten des James Bond, die mit den Schauplätzen und/oder Drehorten des Geheimagenten in Verbindung stehen. Folgende Weltkarte zeigt bisdato die Auflistung der Schauplätze, Drehorte und die feinen Unterschiede.

Abb. 6: Bungy Jumping wie im James Bond Film „Goldeneye“ (im Verzascatal in der Schweiz)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Schauplätze und Drehorte der James Bond -Filme (1962-2020)

[Quelle: verändert nach Siehl 2017; Tesche 2008: 4 f.; Reeves 2002]

4 Destination Placement und Imagination

Im Destinationsmanagement geht es um die Entwicklung, Vermarktung und Regulierung touristischer Angebote einer Destination, die sich als strategische Interessensgemeinschaft um die Belange unterschiedlicher Stakeholder bemüht. Somit ist es maßgebend, dass die Destination langfristig und aktiv gestaltet wird, um dauerhaft handlungs- und wettbewerbsfähig zu sein, insbesondere weil sich der Tourismusmarkt schnell wandelt [vgl. Rein & Strasdas 2017: 290 f.]. Der (positive) Ruf bzw. das Image einer Destination ist elementar im Sinne einer effektiven Vermarktung.

Im Kontext dieses Images von Destinationen spricht Crompton von der Summe an Kenntnissen, Eindrücken und Erwartungen, die wir von einem Ort haben [vgl. Crompton 1979]. Lawson und Baud - Bovy fügen emotionale Gedanken hinzu und Reynolds definiert das Image gar als geistiges Konstrukt, das wir aus einer Flut von Gesamteindrücken entwickeln [vgl. Lawson & Baud-Bovy 1977; Reynolds 1985]. Ob diese Eindrücke aus dem direkten Erleben oder einer medialen Vermittlung stammen, hält Geograph Fröhlich eher für neben­sächlich. Er bevorzugt generell den Begriff der Raumvorstellung 4, weil dieser im Vergleich zum Image nicht vordergründig mit emotionalen Wertungen behaftet sei [vgl. Fröhlich 2007: 47 ff.]. Doch gerade im Bereich der Ver­marktung von Destinationen wird der Markt­erfolg überwiegend davon gelenkt, wie bekannt und beliebt eine Destination bei der Zielgruppe ist. Der Druck für die DMOs eine außer­­gewöhnliche, einmalige Identität zu kreieren, ist groß. Bolan und Williams sind der Ansicht, dass Filme, vor allem erfolgreiche und weit verbreitete Kinofilme oder Serien, dabei helfen können, eine solche Identität zu schaffen – eine exklusive Marke zu entwickeln [vgl. Bolan & Williams 2008: 382].

Branding als Folge der geplanten Zusammenarbeit zwischen DMOs und Filmemachern oder Filmproduktionen erwies sich in der Vergangenheit immer wieder als lukratives Geschäft für beide Seiten. Das so genannte Country oder Landside Placement, auch als Location oder Destination Placement bezeichnet [vgl. Steinecke 2016: 90], stellt wohl die effektivste Form der touristischen Werbung dar. Denn eine Werbebotschaft ist dann besonders wirksam, wenn sie beiläufig mit einem positiven Ereignis wahrgenommen wird – ähnlich wie Bandenwerbung beim Fußball. Die Schauplätze der Filme und Serien werden beiläufig mit der spannenden und emotionalisierenden Filmgeschichte wahrgenommen [vgl. Siehl 2011, S. 67 ff.]. Destination Placement wird vom Publikum in der Regel also nicht als direkte Werbung erfasst, es hat eine große Reichweite und kann zielgruppengerecht eingesetzt werden [vgl. Steinecke 2016: 90; Vagionis & Loumioti 2011: 355].

Da die Zielgruppe der Drehorttouristen jeodch relativ klein ist, geht es beim Branding nicht nur darum, einen Schauplatz oder Drehort ausschließlich als filmtouristische Nische darzustellen. Vielmehr soll durch die Verbindung mit der Geschichte und den Bildern der Filme bzw. Serien der Bekanntheitsgrad auf internationaler Ebene gesteigert und die Neugier der potenziellen Besucher geweckt werden [vgl. Steinecke 2016: 104 f.]. Und somit steht das Image für eine zunächst wertfreie Charakter­isierung eines Raumes. Erst unsere räumlichen Wahrnehmungen und Emotionen führen schließ­lich zu einer subjektiven und oft komplexen Bewertung einer Destination mit all seinen natürlichen, sozio­kulturellen und geschicht­lichen Informationen und Imaginationen [vgl. Schreitmüller 2005: 25]. Eine räumliche Vorstellung, aufgeladen mit affektiven Inhalten, die Sehnsüchte und Reisewünsche erzeugen kann – sogar kulturübergreifend.

Aufgrund dieser potenziellen Wirkung durch Filme und Serien bieten sich für die Destinationen Vorteile: das DMO muss zunächst keine eigenen Anstrengungen unternehmen, um an den positven Effekten zu partizipieren und Besucher halten sich relativ lange an den Drehorten bzw. Schauplätzen auf. Das hat mit der starken Bindung an die Destination zu tun – aufgrund des bereits zuvor erwähnten emotionalen Involvements. Doch die DMO kann diese Effekte nicht in gleicher Weise steuern wie bei typischen Kultur-, Sport- oder Unterhaltungs-Events, denn sie hat keinen direkten Einfluss auf das Drehbuch oder die Filmstars und nur bedingt auf die Auswahl der Locations.

Und das Phänomen der Anziehungskraft von Filmen birgt zudem eine nicht zu unterschätzende Gefahr der Realitäts­verzerrung durch filmische Darstellungen. So kann besonders die sozio­kulturelle Entwicklung unvorbereiteter Destinationen durch Filmprojekte ernsthaft gefährdet werden. Auch eine Fehleinschätzung touristischer Konzepte führt in diesem Zusammenhang nicht selten dazu, dass ruhige Urlaubsparadiese in kürzester Zeit zu überlaufenen Destinationen mutieren, deren natürliche Schönheit oder kulturelle Bereicherung einem lediglich kurzfristigen wirtschaftlichen Profit zum Opfer fällt [vgl. Siehl 2011, S. 67 ff.].

So bleibt die Vorhersehbarkeit des Erfolges von Filmen und dementsprechend auch das Echo für Filmtourismus eine Herausforderung, da einige Faktoren zusammenkommen müssen, damit ein Film seine Zuschauer in Verbindung mit der Location emotionalisiert. Und dennoch besteht durchaus die Chance für DMOs, durch die Verbindung mit Filmen oder Serien ein Alleinstellungsmerkmal (USP) zu schaffen und die touristische Produktpalette der Destination zu erweitern [vgl. Steinecke 2016: 162 f.].

[...]


1 Als Istzustand wird hier die tourismusrelevante Entwicklung vor der Corona-Pandemie beschrieben, da aufgrund der Corona-Pandemie derzeit noch keine seriöse Prognose über zukünftige grenzüberschreitende Touristenankünfte möglich erscheint.

2 Sars-CoV-2, severe acute respiratory syndrome coronavirus 2, „Schweres akutes Atemwegssyndrom Coronavirus 2”

3 Die Premiere des 25. James Bond-Films war zunächst von Oktober 2019 auf Februar 2020 verschoben worden, nachdem Regisseur Danny Boyle im Herbst 2018 wegen "kreativer Differenzen" vom Projekt zurückgetreten war. Unter Nachfolger Cary Joji Fukunaga war der Termin dann um weitere zwei Monate verlegt worden, weil das Drehbuch nachgebessert werden musste. (vgl. Zeit.de 2020)

4 Andere Wort­be­deutungen in der Wahr­nehmungs­­geographie sind Raum­­wahrnehmung, mental map oder kognitive Karte.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die audiovisuelle Reisewelt des James Bond. Wirkung und Auswirkung filmgeprägter Imagination zwischen Overtourism und Corona-Pandemie
Hochschule
DIPLOMA Fachhochschule Nordhessen; Zentrale
Autor
Jahr
2020
Seiten
28
Katalognummer
V925788
ISBN (eBook)
9783346255044
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Filmtourismus, Overtourism, Pandemie, James Bond, filmgeprägte Imagination
Arbeit zitieren
Dr. Stefan Siehl (Autor), 2020, Die audiovisuelle Reisewelt des James Bond. Wirkung und Auswirkung filmgeprägter Imagination zwischen Overtourism und Corona-Pandemie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/925788

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