Gender in Märchen. Eine vergleichende Analyse der Geschlechterrolle der Schneewittchenfigur


Bachelorarbeit, 2019

47 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. ,Gender Performance4 nach Judith Butler

3. Das Märchen Sneewittchen der Brüder Grimm als literarische Vorlage

4. Die filmischen Umsetzungen des Märchentextes Sneewittchen
4.1 Disney's Zeichentrickfilm Schneewittchen und die sieben Zwerge
4.2 Die Komödie Spieglein Spieglein - Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen
4.3 Der Actionfilm Snow White and the Huntsman

5. Die serielle Umsetzung des Märchens in der ABC-Fernsehserie Once Upon a Time

6. Fazit: Schneewittchen als dynamisch codiertes Frauenbild

Literaturverzeichnis

Medienverzeichnis

1. Einleitung

Märchen sind zeitlos. Besonders die Themen der wahren Liebe, endlosen Schönheit und Magie verlieren nie ihre Aktualität und sind auch heute noch von großer Relevanz. So werden insbesondere die Märchen der Brüder Grimm immer wieder neu adaptiert (Zipes 2015, 165). Dabei ist der traditionelle Märchentext einem zeitgenössischen Wandel unterlegen, der aktuelle Normen und Werte zum Ausdruck bringt und insbesondere das Geschlechterverständnis der Zeit veranschaulicht (Lindsay 2016, 115).

In meiner Bachelorarbeit möchte ich diesen Wandel der Geschlechterideale in Märchenadaptionen untersuchen und dabei auf die sich verändernde Figur des Schneewittchens eingehen. Den theoretischen Rahmen bildet dabei Judith Butlers Gender Theorie, auf die im zweiten Kapitel Bezug genommen wird.

Nachdem ich den theoretischen Teil abgeschlossen habe, wende ich die gesammelten Erkenntnisse auf die literarische Märchenvorlage der Brüder Grimm an. Ich werde herausstellen, inwieweit die Rolle des Sneewittchens dem Frauenbild der damaligen Zeit entsprach und dieses Frauenbild dann im vierten Kapitel mit dem Frauenbild im Zeichentrickfilm von Disney Schneewittchen und die sieben Zwerge vergleichen. Dabei werde ich insbesondere herauskristallisieren, inwiefern europäische Stereotype in amerikanische Geschlechtervorstellungen umgewandelt wurden.

Um die Entwicklung der Geschlechterideologien zeitlich besser analysieren zu können, werden danach noch aktuelle filmische Adaptionen untersucht. Dafür beschäftige ich mich zunächst mit der Rolle des Schneewittchens in den Filmen Spieglein Spieglein und Snow White and the Huntsman. Zuletzt nehme ich im fünften Kapitel Bezug auf ausgewählte Serienepisoden von Once Upon a Time. Zum Schluss werde ich aus den gesammelten Erkenntnissen ein Fazit ziehen.

2. ,Gender Performance4 nach Judith Butler

Bevor ich zu der Untersuchung der verschiedenen Schneewittchenfiguren gelange, möchte ich mich zunächst mit der theoretischen Grundlage beschäftigen, auf die ich meine Arbeit stützen werde. Hierfür ziehe ich das 1990 erschienene Werk Gender Trouble von Judith Butler heran. Darin kritisiert Butler die strikte Zweiteilung der Geschlechter in der Gesellschaft sowie die Unterscheidung von ,sex‘, dem biologischen Geschlecht, und ,gender‘, der sozialen Geschlechtsidentität. Wurde zuvor im Zuge des Feminismus das biologische Geschlecht als natürlich angesehen, so sieht Butler den Körper als ein Produkt der Kultur an, das aktiv durch gesellschaftliche Diskurse entwickelt wird (Butler 19901999,11).

Die in der Gesellschaft zugrundeliegenden Normen werden durch die konstante Wiederholung von normativen ,gender performances‘, also geschlechtsspezifischen Akten, reguliert. Daraus ergibt sich, dass die Entwicklung des sozialen Geschlechts ein fortwährender und aktiver Prozess ist, welcher sich den kulturellen Bedingungen performativ anpasst und das Subjekt erst in seiner Aktivität hervorbringt: „[G]ender is always a doing.“ (Butler 19901999, 33)

Doch auch das anatomische Geschlecht ist laut Butler nicht allein durch die Geburt vorgegeben, da sonst unweigerlich stets ein geschlechtlicher Dualismus vorherrschen würde (19901999,11). Vielmehr entwickelt sich der Körper diskursiv durch gesellschaftliche Geschlechtszuschreibungen, die sich nach den, von der Kultur hervorgebrachten, allgemeingültigen Geschlechternormen richten. Durch diese heterosexuellen Normen entsteht ein Rahmen, den die Geschlechter nicht übertreten dürfen. Dieser Rahmen trennt die Geschlechter in männlich und weiblich auf und schafft ein gesellschaftliches Ideal, an welches sich die Subjekte orientieren müssen (Butler 19901999, 7). Erst der kulturelle Diskurs ordnet den biologischen Körper also in eine zweigeschlechtliche Matrix ein: „In such a case, not biology, but culture, becomes destiny.“ (ebd., 12)

Diese Matrix setzt eine Kohärenz zwischen sex, gender und desire voraus; die soziale Geschlechtsidentität muss also dem biologischen Geschlecht folgen und dem sexuellen Verlangen entsprechen (Butler 19901999,30).

Allerdings gibt es Butler zufolge keine wahren Geschlechtsidentitäten (19901999, 179 - 180), sondern vielmehr Abweichungen von heterosexuellen Idealen, indem Subjekte eben nicht dem sozialen Konstrukt der Binarität folgen und die geschlechtliche Kohärenz aufrechterhalten. Diese sogenannten intelligiblen Geschlechter bewegen sich während ihrer Geschlechtsentwicklung außerhalb heterosexueller Normen, außerhalb des binären Rahmens und werden somit zu gesellschaftlichen Grenzgängern (ebd., 23 - 24).

Inwiefern sich die Rolle des Schneewittchens durch ihre ,gender performances‘ in den verschiedenen Märchentexten entwickelt hat und wie sie im Laufe der aktuellen Verfilmungen den binären Rahmen der Geschlechter überschreitet, wird in den nächsten Kapiteln näher behandelt.

3. Das Märchen Sneewittchen der Brüder Grimm als literarische Vorlage

Auch wenn die Brüder Grimm schon im 19. Jahrhundert ihre Märchen gesammelt und niedergeschrieben haben, werden diese auch heute noch stetig adaptiert und als neue, kulturspezifische Version in unsere Zeit umgesetzt (Zipes 2016, XIV - XVI). Insbesondere das Märchen Sneewittchen wird dabei von der Filmindustrie immer wieder neu verfilmt. Zunächst wird jedoch auf den literarischen Ursprung dieser Verfilmungen eingegangen.

Sneewittchen gehört zu den berühmtesten Märchen der Brüder Grimm (Witthöft 2006, 90). Es erschien erstmalig im Jahre 1812 in der Sammlung Kinder-& Hausmärchen (Paradzik 2015, 12). In meiner Bachelorarbeit befasse ich mich jedoch mit der überarbeiteten Fassung aus dem Jahre 1837.

Das Märchen handelt von der Prinzessin Sneewittchen, die von ihrer eifersüchtigen Stiefmutter verfolgt wird und letztlich bei den sieben Zwergen Schutz findet.

Sneewittchens Körper ist dabei Dreh- und Angelpunkt des Märchens. Ihre äußere Schönheit löst die Handlung aus und bringt diese voran. So stellt zwar die Königin „die schönste [sic!] im Land“ (Grimm 1837, 314) dar, Sneewittchen vermag jedoch „tausendmal schöner“ (ebd.) zu sein als sie. Der magische Spiegel, der dies zu beurteilen vermag und den Neid der Stiefmutter antreibt, stellt dabei die gesellschaftliche Vorstellung von weiblicher Schönheit dar. Während Sneewittchens Körper dieser Vorstellung scheinbar entspricht, stimmt das Aussehen der bösen Königin nicht vollkommen mit der vorherrschenden Geschlechternorm überein. Sneewittchen wird für sie somit zu einer Konkurrenz im gesellschaftlichen Wertesystem. Aus lauter Angst aus diesem Wertesystem herauszufallen, beauftragt die böse Stiefmutter einen Jäger, der Sneewittchen töten soll. Doch auch hier spielt Sneewittchens schöner Körper eine tragende Rolle: Denn „weil es so schön war“ (Grimm 1837, 314-315), lässt der Jäger sie laufen, beschützt und rettet sie (ebd.). Auch als sie daraufhin zu den Zwergen flüchtet und die Zwerge sie in einem ihrer Betten entdecken, wird Schneewittchens Schönheit direkt kommentiert: „[W]as ist das Kind schön!“ (316)

Die Anwesenheit einer Frau versetzt die Zwerge in Freude und so lassen sie sie letztlich auch wegen ihres schönen Aussehens bei ihnen schlafen. Sneewittchens gutaussehender Körper, ihr biologisches Geschlecht, scheint ihr also in bedrohlichen Lebenssituation weiterzuhelfen und hält sie erfolgreich am Leben. Denn erst durch ihre Schönheit erfährt sie die Rettung durch männliche Charaktere und wird von diesen beschützt. Alleine scheint sie nämlich kaum zum Überleben fähig. Schon im Wald „ward ihm so angst [sic!], daß es [...] nicht wußte wie es sich helfen sollte.“ (Grimm 1837,315) Während also Sneewittchens Schönheit die Handlung an sich vorantreibt, bleibt sie selbst in ihren Handlungen passiv und ist „erlösungsbedürftig“ (Lüthi 1969, 56).

Durch ihre Passivität ist den Männern auch bewusst, dass sich Sneewittchen ihnen ohne Widerworte fügen wird. So stellen die Zwerge als Bedingung für ihre Obhut, dass Schneewittchen den Haushalt tätigt (Grimm 1837, 317). Sie offenbaren ihre Erwartungen, die sie an ihr soziales Geschlecht haben und konstruieren damit eine für Schneewittchen zu übernehmende Frauenrolle: Die Rolle der fleißigen Hausfrau.

Sneewittchen legt von da an ihre adelige Herkunft ab und fügt sich den Zwergen. Eigene Bedürfnisse äußert sie dabei nicht. Diese Unterordnung resultiert zum einen daraus, dass ihr keine andere Wahl verbleibt, als bei den Zwergen zu bleiben. Zum anderen fehlt ihr aber auch ein weibliches Leitbild, welches ihr die Möglichkeiten ihrer Geschlechterrolle aufzeigt. Sie ist noch an keine anderen Geschlechtervorstellungen gebunden, die sie innerlich umsetzen will und erfährt die Erwartungen an sie als natürlich. Erst mit dem Verlassen der vertrauten häuslichen Umgebung wird sie mit der binären Welt konfrontiert, weshalb sie ab diesem Moment beginnt, ihr soziales Geschlecht zu entwickeln. In diesem Entwicklungsprozess wird sie von ihrem männlichen Umfeld beeinflusst: Sie „gleicht einem unbeschriebenen Blatt, das sich mit den Ansprüchen der Umwelt füllen läßt, ohne daß sie selbst Erwartungen hätte.“ (Witthöft 2006, 96)

Sneewittchen handelt also nur wenig selbstbestimmt. Die einzigen Versuche, bei denen sie aus eigenem Bestreben handelt, bringen sie fast um. Als sie sich dem Rat der Zwerge widersetzt und der bösen Königin in Gestalt einer Krämerin und eines „alten Weibes“ (Grimm 1837, 320) zweimal gutgläubig die Tür öffnet, geht sie auf die tödlichen Verführungen ein. Dabei fällt auf, dass sie immer wieder aufgrund ihrer eigenen Eitelkeit verführt wird. Angefangen mit dem Schnürriemen, der ihr Interesse für die Mode der damaligen Zeit ausdrückt, bis hin zum Kamm, mit dem sie sich verschönern möchte: Ihre Entscheidungen sind stets von dem Wunsch geprägt, ihr biologisches Geschlecht sexuell attraktiv und damit besonders weiblich aussehen zu lassen (Bettelheim 1977, 200 - 201). Daran erkennt man Sneewittchens innere Bestrebung, ihre Sexualität geschlechtsspezifisch auszuleben und endgültig zu einer Frau heranzureifen. Diese Bestrebungen jedoch missglücken: So wäre sie durch die zu eng geschnürte Korsage und den vergifteten Kamm beinahe umgekommen, hätten die Zwerge sie nicht immer wieder aufs Neue gerettet. Diese Nahtoderfahrungen lassen sie zumindest für einen kleinen Moment zur Besinnung kommen. Denn als die böse Stiefmutter ein weiteres Mal als Bauersfrau zu dem Haus der sieben Zwerge kommt, weist sie diese zunächst ab: „[I]ch darf keinen Menschen einlassen, die sieben Zwerge haben mirs verboten.“ (Grimm 1837, 321)

Doch die böse Stiefmutter nutzt auch hier wieder Sneewittchens Naivität aus, beißt als Vortäuschung selbst in die ungiftige Seite und überreicht ihr die giftige rote Hälfte. Sneewittchen fällt daraufhin leblos zu Boden und dieses Mal schaffen die Zwerge es nicht, sie erneut zu retten: „[D]as liebe Kind war todt, und blieb todt. [sic!]“ (ebd., 322)

Weil die Zwerge es nicht über ihr Herz bringen, Sneewittchen zu begraben und damit ihren schönen Körper für ewig aus dem Blick zu verlieren, lassen sie einen Sarg aus Glas anfertigen. Sie stellen ihn erhöht gelegen auf einen Berg, von wo aus sie Sneewittchen immer anschauen und bewundern können (Grimm 1837, 322). Wie ein „Ausstellungsobjekt“ (Hinteregger 2015, 22) thront Sneewittchen nun unter der Bewachung der Zwerge auf dem Berg. Die Zwerge ergreifen Besitz über ihren weiblichen Körper, stellen ihn zur Schau und behandeln ihn wie ihr Eigentum. Dieses Besitzergreifen wird vor allem dann deutlich, als ein Königssohn zufällig an der Todesstätte vorbeikommt und das tote Sneewittchen erblickt. Dieser ist von ihrer Schönheit so ergriffen, dass er den Sarg mitnehmen möchte und im Gegenzug bereit ist, den Zwergen alles zu geben. Diese bleiben von dem Angebot jedoch unbeeindruckt und gehen nicht auf den Handel ein (Grimm 1837, 323). Sie wollen ihren Besitz, „ihr liebes Sneewittchen“ (ebd., 319), „nicht um alles Gold in der Welt“ (ebd.) abgeben. Sneewittchen wird in diesem Abschnitt zum „Objekt der (männlichen) Anschauung“ (Hinteregger 2015, 22), zum Objekt männlichen Begehrens und ist den Männern komplett ausgeliefert. Während die Zwerge ihr Inneres kennen und neben ihrer Schönheit auch ihre gute Seele betrauern, reduziert der Prinz sie lediglich auf ihren Stand und ihr Äußeres. Er sieht sie als einen Gegenstand an, um den es zu verhandeln gilt und versucht sie zunächst durch materielle Aspekte für sich zu gewinnen. Dieses Verhalten zeigt seine chauvinistische Einstellung gegenüber Frauen auf, die zu der Entstehungszeit des Märchens in der Gesellschaft vorherrschte: „Im Alterthum [sic!] gilt die Frau [...] nur als Sache: Sie ist Sklavin, das erste Stück des Hausrathes.“ (Thiele 1878, 5)

Erst als die Zwerge Sneewittchen nicht verkaufen wollen, drückt der Prinz seine tiefen Gefühle für die Prinzessin aus und gesteht, dass er ohne sie nicht leben kann. Er garantiert den Zwergen, dass er Schneewittchen „ehren und hochachten“ (Grimm 1837, 323) wird. Diese empfinden daraufhin Mitleid mit ihm und entscheiden sich dafür, ihm Sneewittchen zu überlassen. Der Prinz hat es also durch taktisches Geschick geschafft, die Prinzessin zu erwerben und lässt sie wie ein Gewinn von seinen Dienern forttragen. Als einer dieser Diener stolpert, fällt das giftige Apfelstück durch die Erschütterung aus ihrem Mund und sie erwacht aus ihrem todesähnlichen Schlaf. Wieder am Leben, erscheint Sneewittchen voller Kraft und richtet sich selbst aus ihrem Sarg auf (Grimm 1837, 323).

Auch wenn sie stärker erscheint als vor dem Schlaf, wird sie innerlich noch immer fremdbestimmt. Als sie den Prinzen erblickt, wird sie sofort mit den für sie gehegten Zukunftsplänen konfrontiert: „[K]omm mit mir in meines Vaters Schloß, du sollst meine Gemahlin werden.“ (Grimm 1837, 323)

Obwohl Sneewittchen den Prinzen nicht kennt, fügt sie sich ihm und repräsentiert damit das Frauenbild der damaligen Zeit, welches nur wenig weibliche Selbstbestimmung vorsah. So waren arrangierte Ehen im mittelalterlichen Europa keine Seltenheit, sondern durchaus üblich (Van Eickels 2008, 47). Sie gaben den Frauen einen Namen, einen Rang und sicherten ihre Zukunft in einer für sie ohne Gatten eher perspektivlosen patriarchischen Welt. Heiraten galt also „als feine edelste, ja als feine einzige Bestimmung“ (Thiele 1878, 11) einer jeden Frau der damaligen Zeit.

Dieses Frauenbild scheint Sneewittchen während ihres todesähnlichen Schlafes innerlich übernommen zu haben. Der Schlaf kann in diesem Lichte als „eine Zeit des Rückzugs, der Selbstreflexion, Entwicklung und Selbstfindung“ (Hinteregger 2015, 21) gesehen werden und das Ausspucken des Apfels als eine endgültige Befreiung von ihrer Unreife (Bettelheim 1977, 203). Nachdem sie durch die Missachtung der männlichen Ratschläge drei Mal knapp mit ihrem Leben davon gekommen ist, ist sie innerlich herangereift und möchte von nun an ihr Leben in Sicherheit wissen. Dieses Gefühl von Sicherheit vermag Sneewittchen in ihren Augen nur in der Obhut eines Mannes verspüren zu können, wodurch die Hochzeit mit dem Königssohn ihre erlösende Rettung vor den Gefahren der Welt darstellt. Während der Trauung wird somit auch ihre größte Feindin, die Stiefmutter, qualvoll getötet. Mit glühenden Pantoffeln wird sie dazu gezwungen, sich zu Tode zu tanzen (Grimm 1837, 324). Sneewittchen lässt diese Hinrichtung trotz ihres unschuldigen Wesens zu, was die „mittelalterliche Gerichtsbarkeit“ (Röhrich 2001, 157) und damit auch Sneewittchens Sinn für Gerechtigkeit zum Ausdruck bringt. Sie ist standhafter geworden und wirkt als Ehefrau des Prinzen viel erhabener als zuvor, bleibt aber dennoch weiterhin passiv in ihren Handlungen. Die Vermählung mit dem Prinzen symbolisiert somit das Ende ihres Reifungsprozesses zur Frau, deren soziales Geschlecht sich entsprechend des binären Rahmens dem Patriarchat gefügt hat und somit das weibliche Ideal der Entstehungszeit darstellt. Das Märchen gibt dadurch einen „Einblick in die literarische Verarbeitung weiblicher Sozialisationsmuster in einem patriarchalischen Herrschaftssystem“ (Witthöft 2006, 90) und bildet „als Wesensschau der Wirklichkeit“ (Lüthi 1974, 85) das Frauenbild der damaligen Zeit ab. Inwiefern dieses Frauenbild in den weiteren Verfilmungen adaptiert wird und inwieweit es Veränderungen unterliegt, wird in den folgenden Kapiteln besprochen.

4. Die filmischen Umsetzungen des Märchentextes Sneewittchen

Die Brüder Grimm und deren umfangreiche Märchensammlungen werden in den Massenmedien ständig zitiert (Zipes 2015, 165). Ob als Zeichentrickfilm oder Realfilm, Melodrama oder Actionfilm, Spielfilm oder Fernsehserie: Die filmischen Adaptionsmöglichkeiten scheinen nahezu grenzenlos zu sein (Maiwald 2018, 375). Jede dieser Adaptionen ist dabei ein einzigartiges, kulturspezifisches Produkt ihrer Entstehungszeit, welches zeitgenössische Werte und Normen in sich trägt: „Fairy tales are shaped by the time and place they are told [...]“ (Lindsay 2016, 121)

Zunächst möchte ich mich mit dem Zeichentrickfilm Schneewittchen und die sieben Zwerge von Disney befassen.

4.1 Disney's Zeichentrickfilm Schneewittchen und die sieben Zwerge

Der Zeichentrickfilm Schneewittchen und die sieben Zwerge (USA 1937) ist einer der erfolgreichsten Animationsfilme von Disney (Solomon 2015, 29). Bleibt die Handlung in den Grundzügen gleich, hat die Story durch Disney auch einen Prozess der Amerikanisierung durchlaufen (Zipes 2015, 90). Welche Aspekte sich vor allem in Hinblick auf das Geschlechterverständnis verändert haben, wird im Folgenden erörtert.

Der Film beginnt mit einer Einführung in das Märchen. Die böse Stiefmutter befragt den magischen Spiegel, der durch sein männliches Gesicht und durch seine männliche Stimme die patriarchische Vorstellung von Schönheit preisgibt (00:02:53). Schneewittchen entspricht dem männlichen Ideal von Schönheit und wird dadurch in ihrem Wert angehoben. Dabei fällt auf, dass das erste Bild von Schneewittchen sie bei einer häuslichen Tätigkeit zeigt, was nicht nur ihr Aussehen sondern auch den Aspekt der Häuslichkeit als ein wichtiges Charakteristika von Weiblichkeit unterstreicht. In Lumpen gekleidet, bürstet sie die Stufen des Palastes (00:03:30). Als sie hierfür Wasser vom Brunnen holt, stimmt sie verträumt das Lied „Ich wünsch' mir“ (00:04:26 - 00:05:00) an. Mit zarter und lieblicher Stimme trällert sie vor sich hin und gibt ihren innersten Wunsch preis: Den Wunsch nach wahrer Liebe und nach der Erlösung durch einen Mann. Sie leidet unter den Torturen der bösen Stiefmutter, akzeptiert aber dennoch stillschweigend und passiv ihr Schicksal. Statt sich gegen die Königin zu stellen und ihr Leben selbstbestimmt in die Hand zu nehmen, wartet sie naiv auf ein Wunder.

Völlig überraschend erscheint der Prinz und vervollständigt ihr Lied (00:05:15). Während der Königssohn im traditionellen Märchen nur am Ende auftritt, kommt er in dem Zeichentrickfilm schon zu Beginn vor. Disney verwirft damit die mittelalterliche Vorstellung einer Hochzeit zwischen Fremden und fügt dem ganzen Märchen mehr Romantik hinzu, damit der Film den zeitgenössischen gesellschaftlichen Vorstellungen von Liebe entspricht.

Statt den Prinzen jedoch kennenzulernen, entzieht sie sich einem intensiveren Kontakt mit dem Fremden und flüchtet in das Schloss zurück (00:05:20). Obwohl sie ihrem Traum nach Liebe und Zuneigung zum Greifen nahe ist, nutzt Schneewittchen die Gelegenheit zur Erfüllung ihrer Sehnsüchte nicht. Vielmehr hindert sie ihre innere Unsicherheit daran, die Chance zu ergreifen. Da sie noch nie in einer engeren Beziehung zu einem Mann stand, weiß sie nicht, wie sie sich gegenüber dem Prinzen zu verhalten hat und ist peinlich berührt. So erscheint sie wie ein schüchternes Mädchen, welches sich mitten in der Pubertät und damit noch am Anfang ihrer Geschlechtsreife befindet. Ihre ,gender performances4 sind noch kindlich geprägt, weisen jedoch auch schon Züge einer Frau auf. So möchte sie dem Prinzen beispielsweise ganz bewusst ihr Aussehen und ihre weiblichen Züge präsentieren, die ihr biologisches Geschlecht zu bieten hat. Sie richtet sich ihr Haar sowie ihr Kleid, kommt aus sich heraus und zeigt ihren Körper aus sicherer Entfernung von einem Balkon aus (00:05:45 - 00:06:05). Während sie den Prinzen beobachtet, schickt sie ihm einen Kuss durch eine weiße Taube (00:06:26), welche in diesem intimen Moment der Liebeserklärung als ein Zeichen für „ihre jungfräuliche Unschuld“ (Kreutzer 2015,45) gedeutet werden könnte.

Die Begegnung mit dem Prinzen stellt also einen entscheidenden Punkt in der Entwicklung ihres sozialen Geschlechts dar. Durch die Gefühle, die in Schneewittchen aufkommen, lernt sie neue Seiten an sich kennen und tastet sich zaghaft an die Frauenrolle heran. Der Prinz scheint Schneewittchen dabei nicht mehr aus dem Kopf zu gehen. So singt sie in Minute weiterhin ihr Liebeslied, pflückt verträumt Blumen und bekommt dadurch gar nicht das Auftreten des Jägers mit, welcher Schneewittchen töten soll (00:07:30). Statt wegzulaufen oder sich zur Wehr zu setzen, hält sie bloß schützend die Hände vor ihr Gesicht und wäre für den Jäger somit ein leichtes Opfer (00:08:33). Dieser empfindet jedoch aufgrund ihres unschuldigen Wesens Mitleid und lässt sie laufen (00:08:38).

Auf der Flucht irrt Schneewittchen panisch durch die Nacht. Sie hat die Selbstkontrolle verloren, bricht weinend zusammen und weiß nicht, wohin mit sich selbst (00:09:05 - 00:10:30). Alleine ist sie nicht im Stande dazu, sich aus der Situation zu retten. Statt einen Ausweg zu finden, gibt sie verzweifelt auf und verweilt in ihrer Passivität.

Am nächsten Morgen wacht sie umringt von Waldtieren auf, die sie zu einem kleinen Häuschen führen (00:10:45 - 00:15:07). Dort bemerkt Schneewittchen die vorherrschende Unordnung und vermutet sofort, dass Waisenkinder in dem Häuschen leben müssen (00:16:48). Chaos, Schmutz und Durcheinander kann es in ihren Augen also nur geben, wenn eine Frau im Haus fehlt. Sie scheint schon ein klardefiniertes weibliches Geschlechtsbild in sich zu tragen, welches Frauen als grundsätzlich fleißig, häuslich und ordentlich abzeichnet. Dieses verinnerlichte Frauenbild baut sie in ihre ,gender performances4 ein: So bringt sie sofort ihr häusliches Können ein, beginnt mit dem Putzen und erteilt den Waldtieren konkrete Anweisungen (00:16:59 - 00:17:20). Anders wie im Märchen der Brüder Grimm wird sie hierbei nicht von den Zwergen aufgefordert, den Haushalt zu tätigen, sondern tut dies aus eigenem Willen heraus. Sie hat die Hoffnung, dadurch die Entscheidung der Zwerge hinsichtlich ihres Verbleibs bei ihnen beeinflussen zu können: „Wenn ich bei euch bleiben darf, dann halte ich das Haus in Ordnung. Ich werde waschen, putzen, nähen, kochen (00:37:17)

Die Zwerge sind beeindruckt von ihren häuslichen Fähigkeiten und lassen sie letztendlich bei sich wohnen. Während die Zwerge auf der Arbeit sind, erledigt sie ihre im Haushalt anfallenden alltäglichen Verpflichtungen gewissenhaft. Dabei scheint sie so voller Freude und Leichtigkeit zu sein, dass der Eindruck entsteht, die Hausarbeit ginge ihr leicht von der Hand (00:17:27). Wie selbstverständlich putzt sie, wie selbstverständlich kocht sie und wie selbstverständlich kann sie natürlich auch „Stachelbeerkompett“ (00:37:33) backen. Durch diese ,gender performances4 kristallisiert sie sich als die perfekte Hausfrau der damaligen Zeit heraus. Doch Schneewittchen übernimmt nicht nur die Rolle der Hausfrau, sondern agiert auch gleichzeitig als Mutter. Indem sie den Zwergen immer wieder Anweisungen gibt, erzieht sie die Männer zur Ordnung und spielt ihre mütterliche Seite aus. So stemmt sie beispielsweise ermahnend die Hände in die Hüfte, als die Zwerge ihre verschmutzten Hände zeigen und fordert sie auf, sich waschen zu gehen (00:38:21 - 00:39:55). Die Zwerge leisten ihren mütterlichen Regeln folge, was Schneewittchen im Vergleich zum Grimm'schen Märchen dominanter erscheinen lässt. Während die Zwerge eine Verkindlichung durchlaufen, wirkt Schneewittchen ihnen gegenüber viel erwachsener. Sie kümmert sich um die Zwerge, nimmt sich den vermeintlichen Waisenkindern mütterlich an und entkommt damit ihrer Passivität: „Snow White rescued the dwarves in a traditionally feminine way, by cooking and cleaning and acting as their surrogate mother in order to stay with them.“ (Collier-Meek, Descartes und England 2011, 563)

Neben ihrer erwachsenen Art scheint Schneewittchen trotzdem teilweise noch selbst ein Kind zu sein. So offenbart sie in einem Nachtgebet ihren naiven Wunsch, welcher in einer Rettung durch den Prinzen liegt (00:58:07). Dabei spielen Streicher eine schlichte Melodie ähnlich eines Kinderliedes an und verstärken die Wirkung ihres kindlichen Gedankenverhaltens (Heiligenthal 2016, 52). Auch während sie für die Zwerge den Haushalt erledigt, träumt sie immer wieder davon, eines Tages von ihrem Prinzen zu seinem Schloss mitgenommen zu werden: „Kommt erst mein Prinz zu mir und führt mich fort von hier, zieh'n wir beide ins Königsschloss ein. Ach, wer könnte da glücklicher sein.“ (01:06:10)

Sie erfreut sich zwar an der Arbeit bei den Zwergen, ihr Inneres verlangt jedoch nach einer Veränderung. Einer Veränderung, die sie selbst nicht im Stande ist, zu vollziehen. So beschwert sie sich nicht über ihr Schicksal, sondern nimmt es an und wartet geduldig auf bessere Zeiten. Diese besseren Zeiten scheinen für Schneewittchen nur durch den Prinzen erreichbar zu sein, wodurch das soziale Geschlechterverständnis der Entstehungszeit des Filmes deutlich wird, der den Platz einer Frau in der Gesellschaft an der Seite eines Mannes situiert. Gerade in den 1930ern veränderte sich das Frauenbild nachhaltig. Durch die schwere Wirtschaftskrise, der Great Depression, waren auch die Frauen gezwungen, in das Arbeitsleben zu treten und die häusliche Sphäre zu verlassen, was jedoch von vielen Männern nicht akzeptiert wurde (Milkman 2016, 13 - 15). Indem Schneewittchens Arbeit in die häusliche Sphäre verlagert wird, wollte Disney diesem gesellschaftlichen Wandel entgegenwirken und unterbewusst das binäre Geschlechtsmodell vermitteln. Die idealisierte Frau sollte sich demnach von dem freien Arbeitsmarkt entfernen, wieder häuslich werden und passiv ihr Schicksal erwarten, welches in der Hand eines Mannes liegt.

Auch Schneewittchen erwartet passiv ihr Schicksal. Der einzige Versuch aus diesem passiven Verhaltensmuster auszubrechen und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, scheint wie im Grimm'schen Märchen zunächst nicht gut für sie zu enden. Als die böse Stiefmutter in Gestalt einer alten Dame an das Haus der Zwerge tritt und Schneewittchen einen Apfel anbietet, der all ihre Wünsche erfüllen soll, nimmt diese die Verführung entgegen (01:07:57 - 01:12:28). Sie möchte ihre Chance nach Liebe nicht ein zweites Mal versäumen, lässt sich entgegen der Warnungen der Zwerge auf die alte Frau ein und beißt in den giftigen Apfel hinein. Während selbst die Tiere die Intrige durch ihr inneres Gespür erkennen, ist Schneewittchen von ihrer tiefen Sehnsucht nach Liebe so verblendet, dass ihre Vernunft schwindet. Das Hineinbeißen in den Apfel kann somit als ein Akt ihrer sexuellen Entwicklung gesehen werden, der sie jedoch als noch nicht geschlechtsreif herausstellt. So wird Schneewittchen schließlich aufgrund ihres Strebens nach sexueller Entfaltung umgebracht. Die Zwerge können nichts mehr für sie tun und trauern um sie (01:14:40).

Auch hier bringen die Zwerge es nicht über ihr Herz, Schneewittchen zu begraben und legen sie in einen gläsernen Sarg (01:15:39). Dabei erscheint die Figur des Schneewittchens jedoch durch die hinzugefügten Romantikelemente weniger objektifiziert als im Volksmärchen. Denn während der Königssohn in der literarischen Vorlage der Brüder Grimm Schneewittchen nur aufgrund ihrer Schönheit besitzen will, ist der Disney-Prinz von seinen Gefühlen für sie getrieben und möchte sie deshalb noch ein letztes Mal küssen. Zwar könnte der Kuss auch hier als ein Akt des männlichen Begehrens angesehen werden, da Schneewittchens Körper zu diesem Zeitpunkt fremdbestimmt wird und dem Prinzen unterlegen ist (01:17:25). Jedoch erhalten die ZuschauerInnen den gesamten Film über Einblicke in die Gefühlswelt von Schneewittchen und erkennen den Kuss dadurch als von ihr gewollt an. Die männliche Dominanz des Prinzen wird somit durch die romantisch aufgeladenen Szenen relativiert und heruntergespielt. Vielmehr wird er als Schneewittchens Retter hervorgehoben, der ihrem Leid ein Ende bereitet und ihre Sehnsucht nach Liebe stillt. So reitet Schneewittchen mit ihrem Prinzen dem im Morgenrot erstrahlenden Märchenschloss und damit auch gleichzeitig ihrem ,Happy End‘ entgegen (01:19:10).

Mit diesem Ende fügt sich die Schneewittchenfigur von Disney endgültig dem Prinzen, lässt sich von ihm führen und unterliegt damit ebenfalls der männlichen Dominanz. Diese Unterwerfung geschieht jedoch nicht auf radikale und unterdrückende Weise, wie es im Märchen der Brüder Grimm der Fall ist. Vielmehr wird dem Film ein patriarchischer Unterton verliehen, der die ZuschauerInnen unterbewusst erreichen möchte. Insbesondere die romantischen Elemente der Handlung verschleiern dabei das patriarchisch motivierte Frauenbild, welches die Schneewittchenfigur in sich trägt und sie idealisiert hervorhebt. Während sie von einer Zukunft mit dem Prinzen träumt, nimmt sie klaglos ihr Schicksal hin, erfüllt fleißig sowie freudig ihre häuslichen Verpflichtungen und sieht dabei stets makellos aus. Schneewittchen trägt in ihrem sozialen sowie biologischen Geschlecht alle Eigenschaften mit sich, die gesellschaftlich zu Zeiten der Great Depression angesehen waren. Dabei ist anzumerken, dass Schneewittchen und die sieben Zwerge überwiegend von Männern produziert wurde (Kreutzer 2015, 33). Die Schneewittchenfigur wurde also aus dem männlichen Blickwinkel heraus gezeichnet und ist demnach „ein Produkt, ein Spiegel und das von Männern erschaffene Idealbild ihrer Entstehungszeit.“ (ebd., 48)

Ob die Figur des Schneewittchens auch in den filmischen Versionen des letzten Jahrhunderts das Frauenbild der Entstehungszeit wiederspiegelt, wird in den nächsten Kapiteln erörtert.

4.2 Die Komödie Spieglein Spieglein — Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen

Der Film Spieglein Spieglein - Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen (USA 2011) erschien 2012 unter der Regie von Tarsem Singh in den deutschen Kinos. Der Film erzählt auf parodistische Weise neu und codiert die alten Geschlechtskonventionen in aktuellere Rollenbilder um.

Der Film beginnt mit einem Voiceover durch die böse Stiefmutter, das in das Märchen einführt. Da Schneewittchens Mutter kurz nach ihrer Geburt gestorben ist, zog der König seine Tochter zunächst alleine groß. Dabei bemerkte er jedoch schnell, dass es Dinge gibt, die er Schneewittchen durch seine männliche Geschlechterrolle nicht beibringen konnte. Dennoch sollte seine Tochter ihr soziales Geschlecht entlang ihres biologischen Geschlechts ausbilden. So heiratete er Clementianna, die für Schneewittchen als weibliches Vorbild dienen sollte, jedoch letztlich nur wenig als Rollenmodell fungierte. Stattdessen verzauberte sie den König und ließ ihn verschwinden. Von diesem Moment an hält sie Schneewittchen im Schloss fest, ohne ihr jegliche Achtung zu schenken. Sie darf nicht an Festen teilnehmen, wird mit gehässigen Kommentaren von der Königin erniedrigt und selbst an ihrem achtzehnten Geburtstag von ihr abgewiesen (00:06:02). Schneewittchen, die sich durch die Erniedrigungen als weniger wert ansieht, lässt dies über sich ergehen und unterliegt der Stiefmutter widerspruchslos. Als sie zu ihren einzigen Bezugspersonen, den Bediensteten, geht, wird sie von der Bäckerin Margaret aufgefordert, ihr rechtmäßig zustehendes Königreich zurückzuerobern (00:12:37). Doch Schneewittchen, die die Königin in ihrer machtvoll ausgespielten Rolle respektiert, möchte den Thron nicht für sich beanspruchen: „Es ist nicht mein Königreich.“ (00:12:47)

Sie gibt sich mit der jetzigen Situation zufrieden, bezieht keine Stellung und verzichtet auf ihr Thronrecht. Ihr Selbstbewusstsein ist durch die Demütigungen von Clementianna so geschwächt, dass sie sich nicht traut und sich auch nicht zumutet, gegen sie vorzugehen. Sie sieht sich gegenüber der Königin als schwach und wertlos an. Auch als Margaret ihr den Dolch übergibt, den ihr einst Schneewittchens Vater hinterlassen hat, fragt sie nur verhalten: „Was soll ich denn damit?“ (00:13:12)

Ihr soziales Geschlecht ist dieses Mal nicht von einem Mann fremdbestimmt, sondern von einer Frau. Clementianna hat sich Schneewittchen gefügig geformt, ihre Denkweise geprägt und ihr einen schwachen Charakter zugesprochen. Ihr zierliches Aussehen entspricht dabei ihrem Wesen. Sie trägt ein verspieltes, rosafarbenes Kleid, welches sie kindlich und jünger wirken lässt. Somit verbildlicht sich in ihrem Aussehen die Rolle des fügsamen Mädchens.

Margaret schafft es jedoch, sie von den festgesetzten Denkstrukturen in ihrem Kopf zu lösen. Sie erwähnt das leidende Volk und ermutigt Schneewittchen dazu, sich selbst über das Leid einen Eindruck zu verschaffen: „[...] [D]u musst an dich glauben.“ (00:13:30)

Schneewittchen stellt daraufhin ihre Gutmütigkeit über ihre Selbstzweifel und geht hinaus in die Stadt. Auf dem Weg dorthin begegnet sie zum ersten Mal dem Prinzen, der nach einem Raubüberfall durch die sieben Zwerge festgekettet an einem Baum hängt. Dieser befiehlt ihr in einem gebieterischen Tonfall, ihm zu helfen: „Falls ihr euch widersetzt, hat das Folgen für euch.“ (00:17:04)

Schneewittchen jedoch kann den Prinzen nicht ernst nehmen, belächelt ihn und lässt sich von seiner Drohung nicht einschüchtern. Sie ordnet sich nicht seinem unfreundlichen und herrischen Ton unter, sondern wehrt sich und stellt eine Bedingung für seine Befreiung auf: „Ich tue das nur, wenn ihr schön „Bitte“ sagt.“ (00:17:09)

Sie hat ihn in der Hand und weiß, dass er sich ihr unterordnen muss, wenn er gerettet werden will. Dies weiß auch der Prinz und so gibt er nach kurzem Zögern nach und erbittet seine Rettung. Sein Zögern drückt dabei seine Verwunderung und Verunsicherung über Schneewittchens ausgespieltes soziales Geschlecht aus, das für ihn nicht mit ihrem biologischen Geschlecht zusammenzupassen scheint. Ähnelt sie mit ihrem gelben Umhang, blauen Kleid und braunen Haaren äußerlich zwar noch der fügsamen Disney-Prinzessin, wirkt Schneewittchen nämlich charakterlich viel emanzipierter. Selbstbewusst tritt sie dem Prinzen gegenüber, anstatt sich vor ihm zu verstecken und muss ihn letztendlich sogar aktiv retten. Es wird ein Rollenwechsel zwischen beiden Geschlechtern vollzogen, der Schneewittchen den binären Rahmen übertreten lässt.

Die Grenze des binären Rahmens übertritt sie in dieser Szene jedoch nur für einen kurzen Moment, denn schnell wirkt sie wieder liebenswürdig, verschlossen und unbeholfen. Als sie mit dem Prinzen nach der Befreiung zusammenstößt, lächelt sie nur verlegen, schaut beschämend nach unten und umgeht die für sie unangenehme Situation mit einer Frage: „Soll ich euch mit dem Seil helfen?“ (00:17:50)

Auch als sich ihre Wege trennen und Schneewittchen noch einmal verträumt zu dem Prinzen zurückschaut, ist sie peinlich berührt, als sie dabei von ihm erwischt wird. Schnell zieht sie sich ihre Kapuze über und versteckt ihre Scham (00:18:34). Wie im Disney-Zeichentrickfilm scheint der Prinz bei ihr Gefühle zu wecken, die sie auf diese Weise vorher nicht zu spüren vermochte und mit denen sie deshalb nur schwer umgehen kann. So merkt man auch hier den laufenden Reifungsprozess, der sie langsam zu einer Frau heranwachsen lässt. Zu Beginn des Films verfängt sie sich jedoch immer wieder in stereotypische Handlungsmuster und verbleibt damit in der Rolle des Mädchens, was man beispielsweise an ihrer Reaktion nach dem Dorfbesuch sehen kann: Geschockt über die Armut und den elenden Zustand des Volkes, läuft sie weinend zurück und benötigt den Halt von Bäckerin Margaret (00:24:30). Sie erscheint wie ein kleines, weltfremdes und naives Kind, welches liebevoll getröstet werden muss. War sie zuvor abgeschirmt von der Realität, wird sie nun mit den bitteren Tatsachen konfrontiert, die sie aus ihrer heilen Welt reißen. Sie möchte helfen, doch weiß nicht wie und wird von ihrer eigenen Unbeholfenheit überwältigt. Da erzählt ihr Margaret von Prinz Alcott, der zum Ball kommen wird. In ihm sieht Schneewittchen die Chance, das Königreich für sich zurückzuerobern und das Volk aus dem Leid zu führen. So glaubt sie wie ihre Disney- Vorgängerin zunächst, dass es einen Mann bedarf, um das Königreich vor der Machtherrschaft Clementiannas zu befreien. Auf die Idee, dass sie selbst gegen die Königin vorgehen könnte, kommt sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Es erfordert schon genügend Mut von ihr, sich uneingeladen unter die Ballgäste zu mischen, um auf den Prinzen zu treffen. Sie möchte ihn davon überzeugen, ihr und dem Volk zu helfen. Durch dieses Verhalten beugt sich Schneewittchen nicht mehr den Regeln der Königin. Stattdessen löst sie sich von dem Rollenbild des fügsamen Mädchens und zeigt sich selbstbestimmt in einem Schwanen-Kostüm, welches mit symbolischen Verweisen aufgeladen ist (00:27:04). So ist sie nicht mehr das „graue Entlein“, welches im Schatten der Stiefmutter steht. Vielmehr entwickelt sie sich zu einer schönen, anmutigen und majestätischen Frau; einem Schwan. Schwäne hatten in Großbritannien seit 1186 königlichen Status (Gray 2005), weshalb das Outfit nicht nur auf ihre unendliche Schönheit, sondern auch auf ihr Thronrecht verweist. Es kann als Zeichen des stillen Protests gegen die Herrschaft der Königin verstanden werden. Die weiße Farbe ihres Kleides zeigt bei diesem symbolischen Akt ihre Reinheit und Unschuld auf. So kämpft sie also zunächst auf eher unauffällige Weise gegen die Königin an und verweilt damit während ihres Kampfes in dem binären Geschlechtsmodell.

Dabei scheint sie jedoch innerlich immer mehr an Stärke zu gewinnen, was sich an dem darauffolgenden Dialog mit der Königin zeigt. Die Königin will sie für ihr ungehorsames Verhalten zur Rede stellen, doch Schneewittchen lässt sich davon nicht einschüchtern und tritt ihr selbstbewusst gegenüber. Das scheint auch Clementianna nicht zu entgehen: „Da hat wohl über Nacht Eine Selbstvertrauen entwickelt!“ (00:30:15)

Ihre abfälligen Kommentare lassen sie jedoch kalt und entschlossen spricht sie das Elend im Dorf an. Sie kehrt das Machtspiel um und rügt die Königin: „Ihr habt kein Recht dazu, auf diese Weise zu herrschen. Und streng genommen, bin ich die rechtmäßige Thronerbin!“ (00:30:53)

Die Königin bemerkt ihren innerlichen Umbruch, ihre wachsende Stärke und beginnt, sie als Gefahr anzusehen. So lässt sie Schneewittchen von ihrem Diener Brighton in den dunklen Wald bringen, um sie zu töten. Dieser jedoch empfindet Mitleid mit ihr und lässt sie laufen (00:32:41). Schneewittchen irrt daraufhin verloren durch den Wald und findet sich in der Dunkelheit nicht zurecht. Sie prallt gegen einen Baumstamm und fällt daraufhin ohnmächtig um. Umringt von den sieben Zwergen wacht sie in deren Hütte wieder auf (00:34:42). Diese sind trotz ihres unschuldigen Aussehens zunächst skeptisch und somit nicht von ihrer Schönheit geblendet, wie es im Märchen der Brüder Grimm der Fall ist. Sie trauen ihr nicht, erkennen in ihr aber auch gleichzeitig ein lukratives Geschäft und wollen zunächst Lösegeld für sie fordern: „Sie ist Gold wert.“ (00:35:50)

Wie im Grimm'schen Märchen wird Schneewittchen hier zunächst als ein wertvolles Objekt betrachtet. Als die Zwerge jedoch erfahren, dass die böse Stiefmutter hinter ihr her ist, bemerken sie die Bedrohung, die Schneewittchen für sie darstellen könnte. Erbarmungslos wollen die Zwerge, dass „Prinzesschen“ (00:36:19) verschwindet.

Schneewittchen fleht daraufhin die Zwerge an, sie bloß für eine Nacht zu beherbergen. Mit traurigem Blick und liebreizender Stimme spielt sie ihre Rolle des unbeholfenen Mädchens perfekt aus und nutzt diese zu ihrem Vorteil aus. So schafft sie es, selbst den letzten zweifelnden Zwerg umzustimmen und seine harte Schale aufzuweichen: „Eine Nacht!“ (00:37:12)

Sie wird somit von den Zwergen in Obhut genommen und „bringt etwas Weiblichkeit ins Haus“ (00:37:56). Als die Zwerge von der Arbeit nachhause kommen, ist der Tisch üppig gedeckt und alles liebevoll hergerichtet (00:41:20). Schneewittchen hat fleißig gekocht, was die Zwerge begeistert stimmt: „Daran könnte ich mich gewöhnen.“ (00:41:38)

Auch hier spielt sie ihre weibliche Rolle perfekt aus, um den Zwergen, die repräsentativ für die Männerwelt stehen, zu gefallen. Sie erweist sich als nützlich und wird durch Lob und Begeisterung in ihren ,gender performances4 bestärkt: „Die lassen wir hier nicht mehr weg!“ (00:41:34)

Somit erfährt Schneewittchen indirekt die Erwartungshaltung der Zwerge an ihr soziales Geschlecht. Zwar wurde ihr die Hausarbeit wie in der Disney-Adaption auch hier nicht aufgedrängt, jedoch sind ihre häuslichen Fähigkeiten ein entscheidender Faktor dafür, dass sie länger bei den Zwergen bleiben darf und kann somit als unausgesprochene Bedingung für ihren weiteren Aufenthalt gesehen werden.

Um sich also in die Gemeinschaft der Zwerge zu integrieren, agiert Schneewittchen als liebevolle und fleißige Hausfrau mit teils mütterlichen Zügen. Als sie erfährt, dass die Zwerge mit Diebställen ihr Geld verdienen, ermahnt sie die Zwerge und erzieht sie zur Vernunft: „Ihr müsst es zurückbringen!“ (00:42:14)

Voller Tatendrang nimmt sie sich das Geld, gibt es dem Volk wieder und schreibt den Verdienst den Zwergen zu, damit diese im Dorf wieder an Ansehen gewinnen (00:43:35 - 00:44:20). Daran erkennt man ihre gutmütige, gerechte und emanzipierte Wesensart, die in ihr steckt und immer mehr auszubrechen scheint. Statt sich selbst für ihre gute Tat zu belohnen, denkt sie zunächst an die Zwerge und stellt ihre eigenen Bedürfnisse hinten an.

[...]

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Gender in Märchen. Eine vergleichende Analyse der Geschlechterrolle der Schneewittchenfigur
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Medienkultur und Theater)
Veranstaltung
Bachelorarbeit
Note
1,8
Autor
Jahr
2019
Seiten
47
Katalognummer
V925907
ISBN (eBook)
9783346257253
ISBN (Buch)
9783346257260
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender, Märchen, Geschlechterforschung, Schneewittchen, Filmanalyse, Gender Performance, Judith Butler, Märchenforschung
Arbeit zitieren
Katrin Adler (Autor), 2019, Gender in Märchen. Eine vergleichende Analyse der Geschlechterrolle der Schneewittchenfigur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/925907

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