Die Diskussion um die Mittel zur Bekämpfung der “Arbeits-losigkeit“ wird seit dem Aufkommem als Massenerscheinung geführt. Ein in der jüngeren Vergangenheit (70er Jahre) und vielleicht heute noch mit vielen Erwartungen befrachtetes und zugleich umstrittenes Instrument aus der Palette arbeitsmarktpolitischer Bekämpfungsmöglichkeiten stellen die sog. Arbeitsbeschaffungs-maßnahmen (ABM) dar. In diesem Kontext wurde auch die Zweck-mäßigkeit eines "zweiten Arbeitsmarktes" diskutiert, zu dem die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gerechnet werden.
Die Grundidee ist, daß durch eine zeitlich befristete großteils öffentliche Förderung von Arbeiten, die im öffentlichen Interesse liegen, ohne Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen aber nicht erledigt würden, Arbeitslosen eine befristete Unterbrechung ihrer Arbeitslosigkeit, mit allen daraus folgenden Konsequenzen, u.a. verbesserte Chancen für den Übergang in dauerhafte Beschäftigung, ermöglicht werden soll.
Teil A 1 gibt zunächst einen knappen historischen Abriß der Arbeitsbeschaffungspolitik in Deutschland; daran anschließend befaßt sich Teil A 2 eingehender mit dem Begriff “Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“ und stellt das Instrument in seiner heutigen Ausgestaltung vor.
Teil B widmet sich der rein quantitativen Dimension dieses arbeitsmarktpolitischen Instruments. Dabei sollen die Komponenten, die zu einer Erhöhung oder zumindest Erhaltung des Beschäftigungsstandes und damit zu einer Entlastung des Arbeitsmarktes beitragen den theoretisch denkbaren konterkarierenden Wirkungskomponenten gegenübergestellt werden.
Teil C diskutiert die Vor- und Nachteile, die sich für die Person selbst ergeben können, wenn sie in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme beschäftigt ist. Dabei beschränkt sich die Diskussion auf die Bereiche psychosoziale Auswirkungen, materielle Lage und qualifikatorische Effekte.
Teil D schließlich wirft einen Blick auf die Situation nach der Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und stellt die Frage, ob sie ein geeignetes Mittel ist, die Wiedereingliederung in den regulären Arbeitsmarkt zu fördern; da mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen bevorzugt schwervermittelbare Arbeitslose gefördert werden sollen, muss auch geklärt werden, inwiefern dieses Instrument überhaupt geeignet ist, die Lebenslage bestimmter als Problemgruppen und/oder als "sozial schwach" definierter Personen zu verbessern.
Die Arbeit ergänzt die nach 1989 veröffentlichten Beiträge zu "ABM" und zur Evaluation von aktiver Arbeitsmarktpolitik des IAB in Nürnberg.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Teil A
Historische Entwicklung der Arbeitsbeschaffungspolitik und allgemeine Darstellung des Instruments "Arbeitsbeschaffungsmaßnahme" heute
1. Historischer Abriß der Arbeitsbeschaffungspolitik
1.1 Vorindustrielle Zeitalter
1.2 Frühindustrialisierung und Pauperismus
1.3 Die Notstandsarbeiten der Kommunen bis zum Ersten Weltkrieg
1.4 Die Notstandsarbeiten in der Weimarer Republik bis zum Inkrafttreten des AVAVG (1918-1927)
1.5 Die Politik der "Wertschaffende Arbeitslosenfürsorge" bis 1957
1.5.1 Die Entwicklung der Notstandsarbeiten
1.5.2 Arbeitsbeschaffungsprogramme der späten Weimarer Republik (ca. 1929-1933)
1.6 Die Arbeitsbeschaffungspolitik Hitlers bis 1939
1.7 Die Politik der "Wertschaffenden Arbeitslosenhilfe" nach der Großen Novelle des AVAVG 1957
1.8 Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung nach dem Arbeitsförderungsgesetz von 1969
1.8.1 Die "Allgemeinen Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung"
1.8.2 Sonderprogramme des Bundes
2. Darstellung des arbeitsmarktpolitischen Instruments "Arbeitsbeschaffungsmaßnahme" heute
2.1 Begriff, Abgrenzung und sozialorganisatorische Einordnung von "Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen"
2.1.1 Begriff und Abgrenzung von "Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen" zu ähnlichen arbeitsmarktpolitischen Instrumenten
2.1.2 Sozialorganisatorische Darstellung und Einordnung des Instruments "Arbeitsbeschaffungsmaßnahme"
2.2 Zieldimensionen und Zielgruppen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
2.3 Darstellung des Instruments Arbeitsbeschaffungsmaßnahme
2.3.1 Voraussetzungen des Einsatzes von AB-Maßnahmen
2.3.1.1 Das Erfordernis des "öffentlichen Interesses"
2.3.1.2 "Zusätzlichkeit" der zu fördernden Maßnahmen
2.3.1.3 Erfordernis der "arbeitsmarktpolitischen Zweckmäßigkeit"
2.3.2 Art und Umfang der Förderung von AB-Maßnahmen
2.3.3 Mögliche Träger von AB-Maßnahmen
2.3.4 Die Finanzierung von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
Teil B
Quantitative Arbeitsmarktwirkungen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
1. Erhöhung der Arbeitsnachfrage durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
1.1 Direkte Beschäftigungseffekte
1.1.1 Direkte Beschäftigungseffekte durch in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen geförderte Arbeitnehmer
1.1.2 Stammarbeitnehmereffekte
1.2 Indirekte Beschäftigungseffekte
1.3 Einkommensmultiplikative Beschäftigungseffekte
2. Kompensationseffekte der Erhöhung der Arbeitsnachfrage mittels Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
2.1 Mitnahmeeffekte
2.2 Substitutionseffekte
2.3 Verdrängungseffekte
2.3.1 Unmittelbare Verdrängungseffekte
2.3.2 Indirekte Verdrängungseffekte ("Crowding-Out"-Effekte)
2.4 Modellrechnungen für das Ausmaß der konterkarierenden Größen
3. Fiskalischer Kostenvergleich zwischen Leistungen für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Arbeitslosigkeit
3.1 Fiskalische Entlastungseffekte durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
3.1.1 Unmittelbare Kostenentlastungseffekte
3.1.2 Mittelbare Kostenentlastungseffekte
3.2 Kosten für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
3.3 Selbstfinanzierungsquoten für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
Teil C
Personale Aspekte von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
1. Psycho-soziale Wirkungen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
1.0 Psycho-soziale Belastungen während der Arbeitslosigkeit
1.1 Individuell-psychologische Gesichtspunkte von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
1.1.1 Sinngebung durch Arbeit
1.1.2 Motivation zu weiterer Erwerbstätigkeit?
1.1.3 Neue Hoffnungen auf einen Dauerarbeitsplatz
1.2 "Soziale" Auswirkungen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
2. Materielle Lage der AB-Geförderten
2.1 Einkommenssituation während der AB-Maßnahme
2.1.1 Tariflohn bei Tarifgebundenheit
2.1.2 Stellung des Geförderten bei kollektiver (ohne Tarifvertrag) Vereinbarung auf Betriebsebene
2.1.3 Zuschüsse zur Vermögensbildung
2.1.4 Berücksichtigung sonstiger Einkommensquellen während Zeiten der Arbeitslosigkeit
2.2 Empirische Indizien zur Einkommenssituation in AB-Maßnahmen
2.3 Sozialversicherungsrechtliche Aspekte
3. Auswirkungen einer Beschäftigung in AB-Maßnahmen auf die berufliche Qualifikationslage der Geförderten
3.1 Aspekte qualifikatorischer Besserstellung gegenüber unfreiwilliger Arbeitslosigkeit
3.1.1 Erhaltung und Erweiterung der beruflichen Qualifikation
3.1.2 Förderung extrafunktionaler und "sozialer" Qualifikationen
3.1.3 Erwerb berufsfremder Qualifikationen
3.1.4 Erste praktische Berufserfahrung für Berufsanfänger
3.2 Aspekte beruflicher Dequalifizierung bei AB-Maßnahmen
3.2.1 Unterqualifizierter Einsatz in AB-Maßnahmen
3.2.2 Berufsfremder Einsatz in AB-Maßnahmen
Teil D
Zur Mitteladäquanz von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für das Ziel "dauerhafte und qualifikationsgerechte Wiedereingliederung arbeitsloser Arbeitnehmer" (§1 I Nr. 2 ABM-Anordnung), insbesondere für die Zielgruppen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
1. Mitteladäquanz von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für die Erreichbarkeit der Zielgruppen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
1.1 Zielkonforme Faktoren
1.1.1 Personenbedingte Vermittlungshemmnisse
1.1.2 Zielkonflikte auf der Ebene der Arbeitsverwaltung
1.1.3 Ausleseprozesse seitens der Träger
1.2 Zielkonforme Faktoren
1.2.1 Sozialpädagogische Beeinflussung der potentiellen Träger
1.2.2 Zielgruppenorientierung durch finanzielle Anreize
1.2.3 Zielgruppenkonzentrierte Entwicklung von AB-Maßnahmen
2. Mitteladäquanz von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für das Ziel "dauerhafte und qualifikationsgerechte Wiedereingliederung arbeitsloser Arbeitnehmer"
2.1 Verringerung des Risikofaktors "längerfristige Arbeitslosigkeit"
2.2 Übernahmemöglichkeit beim ehemaligen ABM-Träger selbst
2.3 Die Wiedereingliederungschancen in den externen Arbeitsmarkt
2.3.1 Verringerung des Dequalifizierungsprozesses durch qualifikations- und ausbildungsgerechten Einsatz
2.3.2 Bei unterqualifiziertem Einsatz
2.3.3 Empirische Befunde für die Wiedereingliederungschance in den externen Arbeitsmarkt
2.4 Förderung beruflicher Mobilität bei berufsfremdem Einsatz
2.5 Wiedereingliederungschancen bei struktureller Arbeitslosigkeit
Schlußbetrachtung
Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen der Publikation
Die vorliegende Arbeit untersucht die sozialpolitische Eignung von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) als Instrument zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit. Ziel ist es, sowohl die quantitativen Beschäftigungseffekte und die fiskalische Effizienz der Maßnahmen zu analysieren, als auch ihre qualitativen Auswirkungen auf die psychische Situation, die materielle Lage und die berufliche Qualifizierung der Teilnehmer zu bewerten. Dabei wird kritisch hinterfragt, inwieweit diese Instrumente tatsächlich eine nachhaltige Wiedereingliederung in den regulären Arbeitsmarkt begünstigen oder inwieweit durch Mitnahme-, Substitutions- und Verdrängungseffekte konterkarierende Prozesse entstehen.
- Historische Entwicklung und Einordnung der Arbeitsbeschaffungspolitik
- Quantitative Arbeitsmarktwirkungen und fiskalischer Kostenvergleich
- Psycho-soziale Folgen der Arbeitslosigkeit und der ABM-Teilnahme
- Qualifikatorische Auswirkungen und Dequalifizierungsrisiken
- Mitteladäquanz und Wiedereingliederungschancen in den regulären Arbeitsmarkt
Auszug aus dem Buch
1. Historischer Abriß der Arbeitsbeschaffungspolitik
Im folgenden Kapitel (1.) soll ein kurzgefaßter historischer Abriß der Arbeitsbeschaffungspolitik gegeben werden. Abschnitt 1.1 berücksichtigt die Tatsache, daß Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung in den meisten geschichtlichen Epochen nachzuweisen sind. Da aber eine eingehendere historische Analyse der Arbeitsbeschaffungspolitik in vorindustriellen Zeitaltern den Rahmen dieses Abrisses sprengen würde, sollen in Kapitel 1.1 bis zum 19. Jahrhundert nur schlaglichtartig einige Befunde referiert werden.
Beginnend mit Kapitel 1.2 wird näher auf Entstehungszusammenhänge, Formen und Auswirkungen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen eingegangen. Gleichzeitig beschränkt sich die Darstellung auf die geschichtliche Entwicklung im Deutschen Reich bzw. in der Bundesrepublik Deutschland (nach 1945).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die arbeitsmarktpolitische Relevanz von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ein und skizziert die methodische sowie inhaltliche Gliederung der Arbeit.
Teil A: Historische Entwicklung der Arbeitsbeschaffungspolitik und allgemeine Darstellung des Instruments "Arbeitsbeschaffungsmaßnahme" heute: Dieses Kapitel liefert den historischen Kontext und definiert das Instrument ABM sowie dessen rechtliche und organisatorische Grundlagen in der Bundesrepublik Deutschland.
Teil B: Quantitative Arbeitsmarktwirkungen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen: Hier werden die ökonomischen Wirkmechanismen wie Beschäftigungseffekte, Mitnahme-, Substitutions- und Verdrängungseffekte sowie die fiskalische Kosten-Nutzen-Relation analysiert.
Teil C: Personale Aspekte von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen: Dieser Abschnitt untersucht die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, die materielle Situation und die berufliche Qualifikationsentwicklung der Teilnehmer.
Teil D: Zur Mitteladäquanz von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für das Ziel "dauerhafte und qualifikationsgerechte Wiedereingliederung arbeitsloser Arbeitnehmer" (§1 I Nr. 2 ABM-Anordnung), insbesondere für die Zielgruppen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen: Abschließend wird evaluiert, wie effektiv ABM zur Erreichung der Zielgruppen sind und welche Chancen für eine nachhaltige Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt bestehen.
Schlußbetrachtung: Die Schlußbetrachtung resümiert die Ergebnisse der Arbeit und bewertet die sozialpolitische Sinnhaftigkeit des Instruments trotz auftretender konterkarierender Effekte.
Schlüsselwörter
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, ABM, Arbeitslosigkeit, Arbeitsmarktpolitik, Wiedereingliederung, Beschäftigungseffekte, Mitnahmeeffekte, Verdrängungseffekte, Qualifizierung, Dequalifizierung, Fiskalische Effizienz, Arbeitsverwaltung, Sozialpolitik, Arbeitsförderungsgesetz, Zielgruppenorientierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Wirksamkeit von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) als arbeitsmarktpolitisches Instrument in Deutschland.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Die zentralen Themen sind die historische Entwicklung, die quantitativen und fiskalischen Wirkungen auf den Arbeitsmarkt sowie die psychologischen und qualifikatorischen Aspekte für die geförderten Arbeitnehmer.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es zu untersuchen, ob ABM geeignet sind, arbeitslose Arbeitnehmer dauerhaft und qualifikationsgerecht in den regulären Arbeitsmarkt einzugliedern.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine wissenschaftliche Arbeit, die historische Analysen mit einer theoretischen Aufarbeitung arbeitsmarktpolitischer Wirkungsmechanismen und der Auswertung empirischer Studien verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine ökonomische Analyse (quantitative Wirkungen), eine personale Analyse (psychologische und materielle Aspekte) sowie eine evaluative Untersuchung der Mitteladäquanz für das Ziel der Wiedereingliederung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Arbeitsmarktpolitik, Wiedereingliederung, Beschäftigungseffekte, Mitnahmeeffekte und Qualifizierung.
Wie wirken sich ABM auf das psychische Wohlbefinden der Teilnehmer aus?
Die Arbeit zeigt, dass eine Beschäftigung helfen kann, Gefühle der Sinnlosigkeit und soziale Isolation abzubauen, wobei jedoch enttäuschte Erwartungen bei fehlender Dauerbeschäftigung zu einer psychischen Belastung führen können.
Warum spielen Mitnahme- und Verdrängungseffekte bei der Bewertung eine Rolle?
Diese Effekte mindern die Netto-Beschäftigungswirkung des Instruments, da Mittel möglicherweise für Maßnahmen verwendet werden, die auch ohne Förderung stattgefunden hätten oder die privates Unternehmertum verdrängen.
- Quote paper
- Thomas Jung-Hammon (Author), 1989, Die sozialpolitische Eignung von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92590