Brünhilds Macht im Nibelungenlied. Auswirkungen auf andere Figuren und Veränderungsprozesse in den Machtbeziehungen


Seminararbeit, 2019

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Brünhild und ihre Macht

3 Brünhilds Machtbeziehungen
3.1 Brünhild und Gunther
3.2 Brünhild und Siegfried
3.3 Brünhild und Hagen
3.4 Brünhild und Kriemhild

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Wenn eine Frau aus der Rolle der hilfreichen Begleiterin des Mannes heraustritt und selbstständig agiert, hat das schreckliche Folgen“1. Dies vermittelt das Nibelungenlied, in dem die mächtige und autonome Königin Brünhild, als ungewöhnliches Phänomen, ja sogar als ein Störfaktor auftritt. Ihre Macht soll von einem Mann überwunden werden, um die gesellschaftliche Ordnung in der Erzählwelt wiederherzustellen . Denn eine mächtige Frau ist für das Narrativ des Nibelungenlied es eine gefährliche Frau2.

Brünhilds Macht wird in den Beziehungen zu den anderen Figuren sichtbar . „Macht ist omnipräsent, eindringend in soziale Beziehungen jeden Gehalts: sie steckt überall drin.“3 Folglich lässt sich Macht anhand von Beziehungsverhältnissen herausarbeiten, was die Aufgabe der folgenden Seminararbeit sein wird. Diese wird sich mit Brünhilds Macht und den Machtbeziehungen zwischen Brünhild und den zentralen Figuren, Gunther, Siegfried, Hagen und Kriemhild, beschäftigen. Dabei wird untersucht wie sich Brünhilds Macht auf diese Figuren auswirkt und wie sich diese Macht mit der Zeit verändert.

Um das Phänomen der ‚Macht‘ besser beschreiben zu können, verwende ich den Machtbegriff nach POPITZ. Er unterteilt den weiten Begriff ‚Macht‘ in vier Grundformen und bietet damit ein Instrumentarium, um den weiten und schwammigen Begriff ‚Macht‘ an Beispielen erläutern zu können und somit transparenter zu machen.

Die erste Grundform ist die verletzende Aktionsmacht. Es ist das Vermögen ein anderes Lebewesen verletzen oder gar töten zu können. Diese Macht ist auf Einzelaktionen beschränkt und somit keine dauerhafte Manipulation.4 Dies unterscheidet sie von der zweiten Form, der instrumentellen Macht. „Sie steuert […] das Verhalten des Unterlegenen [langfristig].“5 Das Lebewesen wird durch Belohnungen und Strafen konditioniert, indem mit dessen Ängsten und Hoffnungen gespielt wird. Dabei spielt die verletzende Aktionsmacht in Form von Strafen eine Rolle. Mit Drohungen und Versprechungen kann nach einiger Zeit dieser Effekt ebenfalls erreicht werden. Die dritte Form ist die autoritative Macht. Diese Machtform wirkt ohne die Anwesenheit des Machthabers und ist im Gegensatz zur instrumentellen Macht eine ‚innere Macht‘. Der Unterlegene sieht den Machtausübenden als überlegen, als eine maßsetzende Instanz, von der er anerkannt werden will. Der Machthaber benutzt dieses Bedürfnis nach Anerkennung, kann mit dem Geben und dem Entziehen von Anerkennung autoritative Macht ausüben und damit den Unterlegenen an sich binden.6 Die vierte und letzte Form ist die objektvermittelte Macht. Es ist die Macht des Menschen über die Natur. Indem der Mensch die Natur zerstört oder in und aus der Natur etwas baut, herstellt usw. wirkt sich diese Macht wiederrum zurück auf den Hersteller und auf andere Menschen aus.7 Diese ist für die Betrachtungen dieser Arbeit nicht relevant, da diese Machtform von Brünhild nicht ausgeübt wird.

In dem ersten Kapitel beschreibe ich Brünhilds Macht in groben Zügen und gehe im zweiten Kapitel auf diese genauer ein, in dem ich unter der Betrachtung der Aspekte Gender, Stand und physische Stärke die Beziehungen zu den anderen Figuren betrachte.

Dabei lautet meine These, dass Brünhilds Macht nicht durch den Vollzug der Ehe mit Gunther verschwindet, sondern sich in eine vom Mann abhängige Machtform umwandelt.

2 Brünhild und ihre Macht

Brünhild wird als eine unvergleichbare Königin eingeführt, die übermäßig schön und außergewöhnlich stark ist. Ez was ein küneginne gesezzen über sê,/ ir gelîche enheine man wesse ninder mê./ diu was unmâzen sc ne, vil michel was ir kraft. / sie scôz mit snellen degenen umbe mínné den scaft. 8 Diese Beschreibung ist untypisch für die Charakterisierung einer Frau im Mittelalter. Denn physische Stärke ist zu dieser Zeit eine männliche Zuschreibung. Brünhilds Alleinherrschaft und die Kämpfe mit ihren Werbern sind ebenfalls untypisch für eine Frau.9 „Konventionelle Weiblichkeit bedeutet [demgegenüber] zunächst Schönheit, Anpassung, Repräsentation ohne oder mit nur vom Ehemann abgeleiteter Macht.“10 Brünhild ist sowohl durch ihre Schönheit als auch durch ihre körperliche Kraft und ihre Herrschaft über Isenstein eine mächtige Königin. Folglich ist schon in der Einführung der neuen Figur ein Bruch zu erkennen, denn sie vereint in sich sowohl weibliche als auch männliche Eigenschaften.11 Brünhild übt verschiedene Formen der Macht aus. Im Kampf mit ihren Werbern demonstriert sie verletzende Aktionsmacht. Durch das Töten ihrer Gegner übt sie vollkommene Macht über diese aus. Auf der Aktionsmacht aufbauend, entwickelt sich die instrumentelle Macht. Mit Drohungen (NL 423:4) und Versprechungen (NL 423:3) weckt Brünhild sowohl Ängste als auch die Hoffnungen der Männer. Die Drohungen funktionieren nur, weil bekannt ist, dass sie die vorhergehenden Männer besiegt hat. Die Hoffnung der Männer entsteht, da sie sich selbst als Gewinn, für den Kampf gegen sich, anbietet.

Brünhild weiß wie sie ihre Macht zu präsentieren hat. Sie zeigt sich stets in wichtigen Situationen in ihren prächtigsten Kleidern (NL 417:1, 428, 434) und umgibt sich mit ihren Kriegern, welche mit Waffen aufmarschieren (NL 418, 433, 439). Ihre eigene Kraft wird anhand der Waffen, welche sie trägt, demonstriert. In Strophe 437, 441:1-3, 449 des Nibelungenlied es wird aufgezeigt, dass vier Männer benötigt werden, um ihr Schild, drei, um ihr Speer und ganze zwölf, um den später zu werfenden Stein zu tragen. Diese Kraft- und Machtdemonstrationen zeigen Brünhilds machtbewusstes Agieren.

Brünhild Stellung als autonome Königin mit Besitz von Land und Leuten verleiht ihr autoritative Macht über ihre Untertanen.12 Doch die autoritative Macht Brünhilds reicht auch über die Grenzen von Island. Ihr Ruf eilt ihr voraus, denn Brünhilds Stärke und Macht ist nicht nur in ihrem Königreich bekannt (NL 325-329) und es wird davor gewarnt (NL 330, 337:1-3, 372). Aufbauend auf Ängsten und Hoffnungen und folglich durch die instrumentelle Macht, entsteht ihr Ruf als ‚Schreckenskönigin‘. Dieser Ruf wirkt sich auf die Denk- und Handelsweise der Figuren im Nibelungenlied aus, was die autoritative Macht entstehen lässt. Diese Macht bewegt Gunther dazu, Siegfried um Hilfe für die Brautwerbungsfahrt zu fragen und ihm für den Erfolg der Brautwerbung Kriemhild zu versprechen (NL 332-334). Denn Gunther fürchtet sich vor Brünhilds Stärke und möchte deshalb die bestmögliche Unterstützung nach Isenstein mitnehmen. Die gesamten Vorbereitungen Siegfrieds für diese Fahrt (NL 336-344) und die Werbungsbetrug, durch den Brünhild letztendlich gewonnen wird, zeigen die Angst vor der mächtigen Königin und damit Auswirkung der autoritativen Macht auf die Handlungsweise der Figuren. Die autoritative Macht reicht soweit, dass am Wormser Hof davon ausgegangen wird, dass Gunther von Brünhild im Kampf erschlagen wurde, als Siegfried ohne den König zurückkehrt (NL 542:3-4, 544, 552). An diesen Beispielen ist sichtbar, dass die Macht von Brünhild ohne ihre Gegenwart präsent ist.

3 Brünhilds Machtbeziehungen

Anhand von Beziehungen zwischen Brünhild und den Hauptfiguren Gunther, Siegfried, Hagen und Kriemhild können Machtverhältnisse deutlich gemacht machen. Die Entwicklung der Beziehungen zeigt auf, wie sich der Einfluss von Brünhilds Macht auf die Handlungen der Figuren auswirkt.

Durch ihre übermäßige Stärke verkörpert Brünhild eine scheinbar unbesiegbare Figur, die eine Herausforderung für die Männerwelt darstellt . Zu diesen Männern gehört Gunther. Mit welchen Mitteln und mit wessen Hilfe Gunther es dennoch schafft Brünhild zu besiegen, werde ich im Kapitel 3.1 und 3.2 darstellen. Im Kapitel 3.3 veranschauliche ich wie sich Brünhilds Macht auf Hagen auswirkt und welche Konsequenzen das mit sich führt. Im letzten Kapitel (3.4) zeige ich den Machtkampf zwischen Brünhild und Kriemhild auf. Insgesamt möchte ich veranschaulichen, wie sich Brünhilds Macht innerhalb der Beziehungsverläufe wandelt und welche Rollen dabei Stand und Gender spielen.

3.1 Brünhild und Gunther

Gunther will Brünhild minnen, obwohl er um ihre Stärke und um die aussichtlosen Kämpfe weiß (NL 329), denn damit kann er seine eigene Macht demonstrieren. Dem besten Mann gebührt in der mittelalterlichen Dichtung die beste Frau. Wenn Gunther die mächtigste Königin besiegt und sie zur Frau nimmt, lässt dies ihn zum mächtigsten Mann aufsteigen. Gunther will für diese Machtdemonstration sein Leben aufs Spiel setzen (NL 329: 3). Brünhild verkörpert eine Frau, die bis jetzt jeden Mann besiegt hat. Sie ist überzeugt auch über Gunther zu siegen, denn sie ist sich ihrer Kraft bewusst (NL 425). Sie ist Gunther körperlich überlegen und folglich mächtiger als er. Gunthers ursprünglich positives Bild von Brünhild (NL 392, 393:4) wandelt sich, sobald er ihre Kraft erkennt (NL 441:4). Brünhild droht Gunthers Leben zu beenden (NL 423:4), wenn er in den Kampf mit ihr treten möchte. Zugleich verspricht sie ihm ihre Hand als Preis für den Sieg gegen sie (NL 423:3). Die Mischung aus Drohen und Versprechen ist die Äußerung ihrer instrumentellen Macht. Gunther lernt Brünhild zu fürchten und bereut die Fahrt nach Isenstein (NL 442). Er stellt Brünhild sogar in den Bezug zum Teufel (442:1-2), was seine starke Furcht vor ihr betont.

Der Sieg über Brünhild wäre ohne Siegfrieds Hilfe für Gunther nicht möglich (NL 452:1-2). Hier entsteht ein Bruch, denn der ‚Besten‘ wird nicht der ‚Beste‘ zugeordnet, was später zu Problemen führt.

Als Brünhild im Dreikampf besiegt wird, akzeptiert sie ihre Unterlegenheit (NL 466) und fügt sich scheinbar schnell ihrer Rolle als Ehefrau eines Königs (NL 510; 511:3). Obwohl die beiden noch keine Hochzeit gefeiert haben, ist mit Gunthers Gewinn des Kampfes die zukünftige Ehe besiegelt. Folglich fühlt sich Brünhild nun Gunther unterlegen, denn von diesem Moment an hat Gunther autoritative Macht über sie.13 Brünhild teilt ihrem Gefolge mit, dass diese ab nun Gunters Untertanen sind (NL 466). Dennoch will Brünhild auf die ihr zustehende Macht nicht verzichten. Trotz der Bemerkung von Hagen, es gebe genug Reichtum in Worms (NL 519) tritt sie selbstbewusst auf und entscheidet sich ihr Gold mitzunehmen: «Nein, durch mîne liebe», sprach diu künegîn./ «lâzet mich erfüllen zweinzec leitschrîn/ von golde unt von sîden, daz geben sol mîn hant,/ sô wir komen übere in daz Guntheres lant.» (NL 520). Außerdem nimmt sie zweinzic hundert man (NL 524) mit nach Worms, womit sie sich ihre alleinige, von Gunther unabhängige Macht, sichert.14

Auf dem doppelten Hochzeitfest in Worms beweint Brünhild die Vermählung zwischen Kriemhild und Siegfried. Sie kann es nicht verstehen, wie Gunther seine Schwester mit seinem eigenholden (NL 620:3) vermählen kann. Sie hat Angst um den Verlust von ihrem Status15 und verweigert Gunther die Hochzeitsnacht (NL 634:3-4, 635). Gunther versucht sie mit Gewalt zu bezwingen, woraufhin sie ihn an die Wand hängt. Sie übt hier auf ihn verletzende Aktionsmacht aus. Obwohl sie sich in der Öffentlichkeit dem König als seine Gemahlin unterwirft, behält sie ihre ursprüngliche Machtstellung im Privaten. Sie ist stärker als Gunther und somit mächtiger. Ihrer Ansicht nach ist jedoch Gunther der Stärkere, da er sie auf Isenstein bezwungen hat.16 Als Gunther am Nagel hängt, bettelt er sie an ihn herunterzunehmen und gibt ihr dafür das Versprechen sie nicht mehr anzurühren (NL 638, 641:2-4). „Die Hinwendung an die Ehefrau, die die Macht, über die Ehre des Ehemannes zu verfügen, in die Hand genommen hat, stellt eine […] Facette seiner Erniedrigung dar“17 Um diese Schande zu überwinden, zeigt Gunther Brünhild, dass ihr Ansehen von ihm abhängt18. Er sagt zu ihr, dass es nicht nur seinem, sondern auch ihrem Status schaden würde, würde man ihn so vorfinden (NL 640). Hiermit demonstriert er seine Überlegenheit. Brünhild ist ihr Ansehen sehr wichtig, weshalb sie ihn daraufhin vom Nagel herunternimmt . In der folgenden Nacht droht sie ihm diese Strafe zu wiederholen (NL 666,2-3) . Hier ist Brünhild wieder von ihrer Überlegenheit überzeugt, da sie diese beim Machtkampf in der letzten Nacht unter Beweis stellen konnte (NL 670:3-4). Um Brünhild zu überwältigen und entjungfern zu können benötigt Gunther die Hilfe von Siegfried. Dies geschieht jedoch nicht, ohne dass Siegfried und Gunther um Siegfrieds Leben bangen müssen (NL 673-674).

Die in Brünhild verkörperte weibliche Gewalt wird als Bedrohung der männlichen Weltordnung wahrgenommen und im solidarischen Handeln der Männer gender -typisch beseitigt: Während männliche Gegner getötet oder, wie Liudeger und Liudigast, großzügig befriedet werden, reagieren die Männer auf weibliche Gewalt mit körperlicher Mißhandlung und sexueller Überwältigung.19

Durch diese sexuelle Überwältigung übt Gunter verletzende Aktionsmacht über Brünhild aus. Schließlich muss Brünhild Gunther anflehen, ihr Leben zu verschonen (NL 678). Damit überzeugt Gunther sie erneut von seiner Überlegenheit und stellt die normale Weltordnung wieder her. Nach der Deflorierung verliert Brünhild ihre körperliche Kraft, nachdem sie schon durch die offizielle Hochzeit ihre Autonomie verloren hat. Ihre neue Macht ist die vom Ehemann abgeleitete und somit eine weibliche Machtform.20 Die Entjungferung Brünhilds stellt den Wendepunkt in der Beziehung zwischen ihr und Gunther dar. Ab diesem Punkt ist sie Gunther vollkommen unterlegen.

Brünhild beschäftigt nach all den Jahren immer noch die Frage, warum Siegfried seine Lehnspflicht nicht erfüllt (NL 722). Sie möchte, dass Gunther Siegfried und Kriemhild nach Worms einlädt. Dies stellt sie jedoch so dar, als würde sie Kriemhild unbedingt sehen wollen (NL 726: 1-2, 729-729). Es ist nicht belegbar, dass Brünhild dabei böse Absichten hegt, jedoch ist eindeutig, dass sie Gunther manipuliert, um die beiden nach Worms zu bekommen.21 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich Brünhilds unabhängige Macht, nach der Deflorierung, zu einer, von Gunther abhängenden Macht, umwandelt. Brünhild verfügt theoretisch auf Worms weiterhin über vom Ehemann unabhängige Macht dadurch, dass sie Besitz und Leute mit nach Worms nimmt. Jedoch wird nicht erwähnt, dass sie Gebrauch davon macht. Außerdem ist sie keine Alleinherrscherin, verfügt nicht mehr über ihr eigenes Land und hat ihre physische Stärke verloren. Sie findet jedoch Wege und Mittel, um über andere Figuren ihre Macht auszuüben.

3.2 Brünhild und Siegfried

Siegfried erfindet eine Lüge, um Gunther in einem besseren Licht darzustellen. Er macht für ihn den Steigbügeldienst (NL 396:2-4, 397-398), um damit zu symbolisieren, er sei Gunther unterlegen. Als er dennoch als Erster von Brünhild begrüßt wird (NL 419) sagt er, 22 Gunther sei sein herre (NL 420). Diese Inszenierung rückt die Machtverhältnisse zwischen den Figuren in ein anderes Licht und führt später zu dem Konflikt zwischen Brünhild und Kriemhild. Hierdurch wird Brünhilds Sichtweise auf Siegfried und Gunther verändert.23

Der Werbungsbetrug ist damit jedoch nicht abgeschlossen, denn beim Turnier kämpft Siegfried anstelle von Gunther (NL 452-465). Siegfried ist unter der Tarnkappe versteckt, welche ihm die zusätzliche Kraft von zwölf Männern verleiht (NL 337:1-3). Im Kampf übt Brünhild auf Siegfried, und Siegfried wiederrum auf Brünhild, verletzende Aktionsmacht aus (NL 457- 458:1-2, 459-460). Aus Brünhilds Sicht ist es jedoch ein Kampf gegen Gunther und somit ein Machtaustausch mit ihm. Die List Brünhild mithilfe von Siegfried zu bekämpfen ermöglicht Gunther den Sieg über Brünhild und sichert ihm somit das Überleben.

Nach dem Turnier verhöhnt Siegfried Brünhilds Niederlage: «Sô wol mich dirre mære», sprach Sîfrit der degen,/ «daz iuwer hôhverte ist alsô hie gelegen,/ daz iemen lebet, der iuwer meister müge sîn./ nu sult ir, maget edele, uns hinnen volgen an den Rîn.» (NL 474). Auf Siegfrieds Bemerkung hin reagiert Brünhild selbstbewusst: Dô sprach diu wol getâne: «des enmác níht ergân./ ez müezen ê bevinden mâge unt mîne man./ jane mág ich alsô lîhte gerûmen miniu lant./ die mîne besten friunde müezen werden ê besant (NL 475). Mir stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob Brünhild ihre noch bestehende Macht als Reaktion auf Siegfrieds Aussage hin nutzen will und deshalb ir vriunde, mâge unde man (NL 476:2) zu sich bestellt. Siegfried fährt daraufhin nach Nibelungenland, um Verstärkung zu holen (NL 479). Obwohl Brünhild nicht mit ihren Männern droht, verspüren Hagen, Siegfried und Gunther Angst vor einem möglichen Angriff (NL 478-481). Mit dem Bestellen ihrer Gefolgsleute demonstriert Brünhild ihre Macht und das hat den Anschein einer Bedrohung. Hier wirkt sich die autoritative Macht Brünhilds auf die Denk- und Handlungsweisen von Gunther, Siegfried und Hagen aus.

Als Siegfried aus Nibelungenland zurückkehrt, merkt man deutlich, dass sich die Machtverhältnisse gewandelt haben. Brünhild erkundigt sich bei Gunther, ob sie die Gäste grüßen soll: Dô sah man Sîfrîde vor in éinem schiffe stân/ in hêrlîcher wæte unde ander manigen man./ dô sprach diu küneginne: «her künec, ir sult mir sagen,/ sol ich die geste enpfâhen oder sól ich grüezen si verdagen?» (NL 510). Brünhild demonstriert mit dieser Geste an erster Stelle ihre Unterwürfigkeit gegenüber Gunther. Außerdem sieht sie nun Siegfried nicht mehr als den mächtigen König an, als welchen sie ihn bei beim vorhergehenden Aufeinandertreffen betrachtet hat (NL 419). Jetzt sieht sie ihn nur als den man Gunthers (NL 424:1). Folglich will sie ihn nur begrüßen, wenn Gunther dies anordnet.

In der zweiten Hochzeitsnacht auf Worms gibt es einen Kampf zwischen Brünhild und Siegfried. Dabei muss Siegfried um sein Leben fürchten (NL 669:3, 673:1). Brünhild übt wieder verletzende Aktionsmacht über ihn aus (NL 672:3-4, NL 675). Beim darauffolgenden Wendepunkt bekommt Siegfried die Oberhand über Brünhild (NL 676-677). Nun übt Siegfried verletzende Aktionsmacht über Brünhild aus. Dies geschieht, wie auch schon beim Turnier auf Isenstein, nicht erkennbar für Brünhild. Deshalb hat aus ihrer Sicht nur Gunther diese Macht über sie. Obwohl Siegfried magische Kräfte hat, ist er nur mit der zusätzlichen Kraft seiner Tarnkappe Brünhild überlegen. Nach dem er Brünhild in der zweiten Hochzeitsnacht überwältigt, nimmt er sich ihren Ring und ihren Gürtel, als Symbol für den Sieg über sie, mit (NL 679-680).

Brünhild lässt die Frage um den Stand von Siegfried auch nach Jahren nicht los (NL 724-725). Sie versucht etwas darüber herauszufinden und als es auf direktem Wege nicht funktioniert (NL 726-728), überlegt sie sich wie sie Siegfried nach Worms holen kann (NL 729-730). Meiner Meinung nach geschieht dies nicht aus bösem Willen. Hier ist noch nichts von der zukünftigen Wut gegenüber Kriemhild und Siegfried zu spüren. Brünhild scheint hier noch aus reiner Neugier zu handeln, da sie laut Text auch noch später gut gegenüber Siegfried gesinnt ist (NL 803:4, 812:1-2). Brünhild wundert sich z.B., wie der eigenholde so mächtig auftritt (NL 803:2- 4), denkt jedoch noch nichts Negatives über ihn.

Nach dem Königinnenstreit klagt Brünhild vor Gunther über Kriemhilds Vorwürfe. Gunther lässt Siegfried rufen, welcher die Vorwürfe leugnet (NL 858). Gunther behauptet zuerst, für Brünhild einzustehen (NL 855), doch sobald Siegfried da ist, entlässt er ihn sogar aus seinem Eid (NL 860). Hieran erkennt man wie viel Macht Gunther mittlerweile über Brünhild hat. Sie sagt nichts dagegen, obwohl Gunther sein Versprechen bricht. Siegfrieds Macht über Gunther ist hier eindeutig sichtbar, denn Siegfried wird als einer seiner vriunde (NL 732), seinem wîp (NL 593:2) bevorzugt. Hier sind die Geschlechterrollen wieder ganz klar verteilt. Sowohl Gunther als auch Siegfried haben hier die Oberhand über ihre Frauen und wollen diese sogar für etwas bestrafen, was durch die Vasallitätsfiktion ausgelöst wurde (NL 862).

[...]


1 SCHULZE 2004: 106.

2 Vgl. LIENERT 1992: 10, 12.

3 POPITZ 1992: 20.

4 Vgl. ebd., S. 24f.

5 Ebd., S. 25.

6 Vgl. ebd., S. 25-29.

7 Vgl. ebd., S. 29-31.

8 Das Nibelungenlied. Nach der Ausgabe von Karl Bartsch. Hrsg. von Helmut de Boor. Wiesbaden 199622. Im Folgenden zitiert als NL.

9 Vgl. SCHULZE 2004: 108; RENZ 2012:69. RENZ sieht „physische Stärke als [ein] zentrales Kriterium geschlechtsspezifischer Differenz“ (RENZ 2012:35).

10 LIENERT 1992: 5.

11 Vgl. RENZ 2012: 69-70.

12 Vgl. POPITZ 1992: 28. „Herrschaft im Mittelalter beinhaltet immer zweierlei, zum einen Herrschaft über Land (‚gewere‘), damit verbunden, jedoch weit wichtiger, über Leute (‚munt‘), […].“ (BRANDT 1997: 96).

13 In der mittelalterlichen Ehe war die Frau dem Mann unterlegen (vgl. LIENERT 2003: 6-7).

14 Vgl. BRANDT 1997: 104.

15 Kriemhild ist durch die Heirat mit Gunther für Brünhild eine Verwandte. Wenn Kriemhild nun einen Lehnsmann heiratet, gefährdet dies Brünhilds Status. Weitere Ausführungen zum Thema sind in der Fußnote 19 und im Kapitel 3.4 zu finden.

16 Mir stellt sich hier die Frage, warum Brünhild sich nicht über Gunthers Schwäche in der ersten Hochzeitsnacht wundert.

17 RENZ 2012: 96.

18 Brünhilds „Ehre und ihr Status [sind] an die Ehre des (Ehe-)Mannes gebunden“ (LIENERT 2003: 9).

19 Ebd. S. 10 [Hervorhebung im Original].

20 Vgl. ebd. S. 5, 19.

21 Vgl. SCHAUSTEN 1999: 43.

22 Die Bekanntschaft Siegfrieds mit Brünhild vor seiner Reise mit Gunther nach Isenstein schließe ich aus meinen Betrachtungen aus, da die dafür benötigten Untersuchungen zu weitführend für diese Seminararbeit wären.

23 Vgl. ebd. S. 41.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Brünhilds Macht im Nibelungenlied. Auswirkungen auf andere Figuren und Veränderungsprozesse in den Machtbeziehungen
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Das Nibelungenlied. Destruktion als Erzählprinzip
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V926016
ISBN (eBook)
9783346253767
ISBN (Buch)
9783346253774
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nibelungelied, Brünhild, Macht, Gunther, Siegfried, Hagen, Kriemhild, Popitz, Phänomene der Macht, verletzende Aktionsmacht, instrumentelle Macht, autoritative Macht, objektvermittelte Macht
Arbeit zitieren
Lia Greiberg (Autor:in), 2019, Brünhilds Macht im Nibelungenlied. Auswirkungen auf andere Figuren und Veränderungsprozesse in den Machtbeziehungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/926016

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