Herausforderungen in der Kommunikation mit Menschen mit Autismus. Wie kann die Soziale Arbeit Betroffene fördern?


Hausarbeit, 2015

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsbestimmungen der Autismus-Spektrum-Störung
2.1 Symptomatik
2.2 Frühkindlicher Autismus
2.3 Atypischer Autismus
2.4 Asperger-Syndrom

3 Diagnostik und genetische Faktoren des Autismus

4 Kommunikation als fachliche Herausforderung
4.1 Kommunikationsprobleme im familiären Kontext
4.2 Der Ansatz der gestützten Kommunikation
4.3 Möglichkeiten und Grenzen der Sprachanbahnung
4.4 Aufbau von Sprachkompetenz

5 Individueller Förderungsbedarf
5.1 Von Defizit- zu Kompetenzorientierung
5.2 Grundlagen pädagogischer Arbeit mit autistischen Menschen
5.3 Teilnahme am Arbeitsleben

6 Zusammenfassung und Fazit

7 Literaturverzeichnis

Abstract

Diese Arbeit beschäftigt sich mit den fachlichen Herausforderungen in der Kommunikation mit Menschen mit Autismus. Anhand verschiedener Fachliteratur werden zunächst grundlegende Begriffe erläutert sowie die genetischen Faktoren und die Diagnostik dieser Erkrankung dargestellt. Im nächsten Abschnitt werden die Kommunikationsschwierigkeiten im familiären Kontext näher beleuchtet und verschiedene Kommunikationsmethoden vorgestellt. Im weiteren Verlauf wird die große Bedeutung des individuellen Förderbedarfes der Erkrankten aufgezeigt. Dies geschieht im Hinblick auf pädagogische Grundlagen, die in verschiedenen Lebensabschnitten bedeutend sind

1 Einleitung

Eine Fortbildung im Laufe meines Praxissemesters in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gab Anreiz zum Verfassen dieser Arbeit. Es wurde deutlich, dass das Krankheitsbild der Autismus-Spektrum-Störung deutlich häufiger anzutreffen ist, als zuvor gedacht. Die differenzierte Auseinandersetzung mit den Besonderheiten dieser Krankheit stellt Fachkräfte verschiedener Professionen vor eine große Herausforderung. Durch verschiedene Begleiterkrankungen sowie Verhaltensauffälligkeiten, sind Fehldiagnosen durchaus Realität. Die Anforderungen an die Soziale Arbeit erweisen sich durch das große Spektrum dieser Krankheit als sehr hoch. Im Hinblick auf individuellen Förderungsbedarf kommt man daher schnell an fachliche und persönliche Grenzen. Die angewandten Methoden müssen auf die Bedürfnislage autistischer Menschen abgestimmt werden, um persönliche Stärken herauszuarbeiten und optimale Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen. Oftmals ist dies eine große Herausforderung, nicht zuletzt durch die Entwicklungsstörungen, die bereits beim frühkindlichen Autismus eine große Rolle spielen. Im Alltag herrscht vorwiegend ein fehlendes Verständnis für die unterschiedlichen Ausprägungen des Störungsbildes, wodurch Betroffene in der Gesellschaft schnell an deren Rand gedrängt werden. Die Diagnose Autismus hat nicht nur Auswirkungen auf die Erkrankten, sondern ebenfalls auf ihr gesamtes Umfeld. Durch individualisierte Förderung, wie beispielsweise in beruflichen Tätigkeiten und Integration autistischer Menschen kann ein weitgehend selbstbestimmtes Leben ermöglicht werden. Dies kann allerdings ein langer Prozess sein und stellt auch die Soziale Arbeit vor eine große Herausforderung.

2 Begriffsbestimmungen der Autismus-Spektrum-Störung

Zum Verständnis der Thematik müssen zuerst die zentralen Begriffe dieser Arbeit erläutert werden. Als Erstes wird auf die verschiedenen Symptome und die Art ihrer Ausprägung in den verschiedenen, nachfolgend erläuterten Formen des Autismus eingegangen. Dies ist sehr bedeutend für Diagnostik und die Art des Umgangs mit Betroffenen, da eine große Bandbreite an Symptomen besteht. Im ICD 10 (International classification of diseases) wird diese Erkrankung zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen (F84.-) zugeordnet. Im Anschluss wird zwischen frühkindlichen Autismus (F84.0), atypischen Autismus (F84.1) und dem Asperger- Syndrom (F84.5) unterschieden (Krollner & Krollner, 2014).

2.1 Symptomatik

Die Symptome sind meist bis zum dritten Lebensjahr, aber auch darüber hinaus erkennbar. Soziale Beeinträchtigungen, wie das fehlende Aufnehmen von Blickkontakt, eingeschränkte Mimik sowie die schwach ausgeprägte Empathie sind charakteristisch für diese Erkrankung. Oft sind Störungen in der Kommunikation zu beobachten. Es ist bekannt, dass autistische Kinder Sprachen mit erfundenen Wörtern sprechen und sprachliche Fähigkeiten wenig genutzt werden. Auffällig können stereotype oder zwanghafte Verhaltensweisen, wie die Ausübung von Ritualen oder Routinen sein. Hierbei können sich ungewöhnliche Interessen, wie das Betasten, Beriechen oder Belecken verschiedener Objekte entwickeln. In den verschiedenen Formen kann die Intelligenz deutlich gemindert sein, wobei eine geistige Behinderung vorliegt. Zusätzlich können andere Verhaltensauffälligkeiten, wie Hyperaktivität, Wutausbrüche, selbstverletzendes Verhalten, etc. beobachtet werden (Rotthaus & Trapmann, 2004: 84 ff.). Bei autistischen Kindern fällt oft auf, dass sie lieber allein spielen. Beispielsweise das Sammeln von Objekten oder die intensive Beschäftigung mit einem Spezialthema, wie Geschichtsdaten, sind zu beobachten. Schlafstörungen, wie zu frühes Aufwachen oder schlechtes Einschlafen sind häufige Begleiterscheinungen. Im Ess- und Trinkverhalten ist auffällig, dass bestimmte Getränke und Speisen bevorzugt und andere völlig abgelehnt werden sowie auffälliges Essen wie Stopfen, Schlingen und dergleichen. Andere, spezielle Symptome sind spezielle Fähigkeiten, wie mathematische oder künstlerische Begabungen sowie die Ausdauer diese Interessen und Vorlieben zu pflegen (Landesverband Bayern e. V., 2004: 16 ff.). Diese Symptome sind in den verschiedenen Formen des Autismus unterschiedlich stark vertreten. Es fällt auf, dass die Bandbreite der verschiedenen diagnostischen Kriterien immens ist und somit mit Fehldiagnosen einhergehen kann.

2.2 Frühkindlicher Autismus

Charakteristisch für diese Form des Autismus, auch Kanner-Syndrom genannt, ist das Auftreten der Entwicklungsstörung vor dem dritten Lebensjahr. Hauptsymptome sind eine deutliche Verminderung im Blickkontakt und im Äußern von Zuwendung. Bei etwa der Hälfte der Erkrankten ist der Sprachbeginn verspätet oder bleibt ganz aus. Meist ist die Intelligenz stark eingeschränkt und im sprachlichen sowie nichtsprachlichen Bereich, wie Tonfall, Mimik oder Gestik treten starke Behinderungen auf (Rotthaus & Trapmann, 2004: 86). Auch kann die motorische Entwicklung, wie das Drehen des Kopfes, Sitzen oder Krabbeln stark verzögert sein. Dieser Rückstand zu normal entwickelten Kindern vergrößert sich ständig (Petersen, 1994: 15 f.). Die Schwierigkeiten in der Kommunikation werden zusätzlich durch die oftmals verminderte Gedächtnisleistung sowie verschiedene Verhaltensstörungen begünstigt. Rein sprachliches Wissen ist eine relativ schlechte Hilfe zum Behalten von Informationen. Der Bereich des Langzeitgedächtnisses scheint gestört, nicht jedoch der Bereich des Kurzzeitgedächtnisses. Beispielsweise fällt die Wiederholung von Zahlenreihen leichter als die Wiedergabe einer Aufgabe, bei der ein größeres Zeitintervall vergangen ist. Des Weiteren passen die Gefühlsäußerungen meist nicht zum Verhalten Betroffener, wodurch die tatsächlichen Bedürfnisse in den Hintergrund geraten können. Allerdings scheint dies im umgekehrten Sinn derselbe Fall zu sein. Die betroffenen Kinder haben große Defizite im „Lesen“ von Gestik und Mimik, sowie im empathischen Einfühlen und Verstehen von Gefühlsäußerungen ihrer Mitmenschen (Warnke, 1998: 36). Diese Besonderheiten zeigen das weite Spektrum und die unterschiedlichen Auftrittsformen dieses Störungsbildes auf und machen deutlich, dass bei jedem Betroffenen individuelles Handeln sowie eine gründliche diagnostische Einschätzung gefragt ist.

2.3 Atypischer Autismus

Wird eine Entwicklungsstörung erst über das dritte Lebensjahr hinausgehend manifest und nicht alle fortfolgend genannten Symptome in psychopathologischen Bereichen liegen vor, sollte die Subkategorie des atypischen Autismus verwendet werden. Die psychopathologischen Bereiche umfassen dabei wechselseitig soziale Interaktionen, Kommunikation sowie stereotypes, eingeschränktes repetitives Verhalten. Auffällig sind dabei die schwer gestörte Sprachentwicklung sowie die schwere intellektuelle Behinderung der Erkrankten (Krollner & Krollner, 2014). Remschmidt & Kamp-Becker (2007: 874) zeigen die geringe Datenlage zum atypischen Autismus sowie zum folgend erläuterten Asperger-Syndrom auf. Demnach ist noch weitere Forschung nötig, um passende Interventionen auf Grundlage einer ausführlichen Diagnostik anwenden zu können.

2.4 Asperger-Syndrom

Durch die vielfältigen Auftrittsformen der Autismus-Spektrum-Störung ist eine als so beschriebene leichte Form als Asperger-Syndrom bekannt geworden. Diese, als autistische Persönlichkeitsstörung beschriebene Form, lässt sich deutlich vom frühkindlichen Autismus unterscheiden. In der Sprachentwicklungsverzögerung lassen sich kaum oder gar keine Behinderungen feststellen. Die Sprache besitzt eine kommunikative Funktion, wobei sich die Kinder hier oftmals auf ein Themengebiet beschränken und nicht wahrnehmen, dass sie im Umfeld auf kein Interesse Anderer stoßen. Ein Interesse an anderen Personen ist deutlich spürbar, jedoch wirken die sozialen Interaktionen sehr ungeschickt. Beim Asperger-Syndrom liegt der Intelligenzquotient laut Definition über 70, kann aber durchaus überdurchschnittlich sein. Viele Betroffene entwickeln Interessen, die mit viel Zeitaufwand und großer Hingabe verbunden sind. So können außerordentliche Fähigkeiten und nützliche Kompetenzen entwickelt werden (Rotthaus & Trapmann, 2004: 86 f.).

Beispielsweise können Autisten mit weitreichenden Computerkenntnissen gut auf dem Arbeitsmarkt vermittelt werden, da er oder sie sich über einen längeren Zeitraum mit großem Aufwand Expertenwissen aneignen konnte. Auffallend sind deutliche Schwächen in der motorischen Entwicklung. Erkrankte wirken ungeschickt und haben im Vergleich zu nicht autistischen Kindern ein deutlich schlechteres Körpergefühl (ebd.: 87). Die Aufklärung über die Besonderheiten dieses Störungsbildes ist dabei eine wichtige Aufgabe im sozialarbeiterischen Handeln, um beispielsweise Betroffene vor Stigmatisierung zu schützen und Verständnis für die besonderen Verhaltensweisen zu schaffen.

3 Diagnostik und genetische Faktoren des Autismus

Nach dem neuesten Stand der Forschung sind sich Fachleute einig, dass autistische Störungen kein Ausdruck von Erziehungsfehlern sind. In neunzig Prozent aller Fälle stellen genetische Faktoren das Hauptrisiko dar. Die restlichen zehn Prozent können auf zusätzliche Hirnschädigungen zurückgeführt werden (Rotthaus & Trapmann, 2004: 88 f.). Verschiedene Zwillings- und Familienuntersuchungen verdeutlichen eine genetische Grundlage dieser Erkrankung. Die Konkordanzraten bei Zwillingsstudien zeigen daher 36-96 % bei eineiigen und 0-5 % bei zweieiigen Kindern (Kamp-Becker & Bölte, 2011: 35). Insgesamt geht man von einer Vorkommenshäufigkeit von ca. fünf bis zehn Personen pro zehntausend aus. Das Verhältnis zwischen betroffenen Jungen und Mädchen beträgt ca. 3 bis 4:1 (Rotthaus & Trapmann, 2004: 87). Die Erblichkeit des Autismus beträgt 91 bis 93 %, was die hohe Bedeutung der Genetik unterstreicht. Die Entstehung einer Autismus-Spektrum-Störung durch Umwelteinflüsse scheint somit unwahrscheinlich. Dahingehend beschreiben Kamp-Becker & Bölte (2011: 35) den beträchtlichen Einfluss von genetischen Faktoren, der durch molekulargenetische Befunde, Chromosomenveränderungen sowie Familien- und Zwillingsstudien nachgewiesen werden kann. Allerdings können nicht alle Besonderheiten bei der Vererbbarkeit des Autismus geklärt werden.

Es ist von großer Bedeutung weiter zu forschen, inwieweit andere Erkrankungen dem Krankheitsbild des Autismus zugrunde liegen. Diese könnten beispielsweise für einen bestimmten Erbgang verantwortlich sein. Es muss sich daher die Frage gestellt werden, ob Autismus ein eigenständiger Erkrankungszustand ist oder ob er nur in Verbindung mit anderen Krankheiten auftritt. Durch die Ergebnisse unterschiedlicher Forschungsgruppen konnte gefolgert werden, dass der Zusammenhang zwischen Grunderkrankungen und autistischen Störungen bei ungefähr zehn Prozent liegt. Aufgrund dieser Untersuchungen wird deutlich, dass mehrere Gene und nicht nur ein einzelnes für diese Krankheit verantwortlich ist (Poustka, 1994: 134 ff.). Diese Erkenntnis kann eine wichtige Ressource für betroffene Eltern sein, da diese oftmals die Schuld bei sich selbst suchen und dadurch die Struktur der Familie gefährdet wird, die wiederum Ressource für Erkrankte darstellt. Da die genetische Veranlagung Auslöser zu sein scheint, kann die Schuldfrage entfallen und der Blick kann auf die momentane Situation gelenkt werden. Dies ist einerseits Entlastung für die Eltern, andererseits Möglichkeit, Entwicklungspotenziale autistischer Kinder besser fördern zu können.

4 Kommunikation als fachliche Herausforderung

Betrachtet man die Besonderheiten der Autismus-Spektrum-Störung lässt sich erkennen, dass viele schwierige Situationen in der Familie sowie im professionellen Kontext durch fehlende oder falsch verstandene Informationen entstehen. Dies bedeutet große Belastung und Herausforderung für Angehörige, das soziale Umfeld sowie Fachkräfte.

Es stellt sich die Frage, welche Form der Kommunikation bei autistischen Menschen die Richtige ist. Im Folgenden werden verschiedene Ansätze sowie die Kommunikationsprobleme autistischer Menschen in der Gesellschaft dargestellt.

4.1 Kommunikationsprobleme im familiären Kontext

Nach Hoehne (1994: 70 ff.) gibt es viele Theorien, die versuchen das System „Familie“ zu beschreiben und zu differenzieren. Besonders wichtig sind gegenseitige Abhängigkeiten (Interpendenz), sowie Grenzziehung von und für alle Beteiligten. Flexibilität ist hierbei von allen Mitgliedern einer Familie gefragt, da sich die einzelnen Positionen entwickeln und auch verändern. Daraus ergeben sich große Schwierigkeiten bei Familien mit einem autistischen Mitglied. Das Zusammenleben muss offen und beweglich sein, jedoch durch Grenzen markiert werden, um die optimalen Entwicklungspotenziale aller Beteiligten zu ermöglichen. Die Kommunikation macht oftmals die Behinderung erst aus, da diese Zuschreibung auf den schwächeren Partner zutrifft, mit dem eine Verständigung nur sehr schwer oder gar nicht möglich ist.

Hier lässt sich eine Stigmatisierung der ganzen Familie erkennen, denn auch in Fachkreisen wird in diesem Fall oft von autistischen Familien gesprochen. Die meisten Eltern haben vor der Diagnose ihres Kindes die Normen, Werte und Verhaltensweisen verinnerlicht, die in der Gesellschaft gelten. Dies schließt oftmals Vorurteile gegenüber geistig Behinderten und Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten mit ein. In der heutigen Zeit wird erhöhte Leistungsfähigkeit, besonders in Krisen immer gefragter und so werden Menschen schneller als behindert bezeichnet und ausgeschlossen. Familien entwickeln aus diesem sozialen Druck heraus unterschiedliche Reaktionen, wie die Vorführung fiktiver Normalität, Anpassung oder Unterwerfung. Dabei kann man den Rückzug aus sozialen Beziehungen häufig beobachten. Die Berufstätigkeit beider Eltern ist mit behinderten Kindern fast nicht möglich, da sozialrechtliche Ansprüche oft nicht ausreichend oder gar nicht in Anspruch genommen werden. Aufgrund negativer Reaktionen der Umwelt ist es eine Belastung, mögliche Termine der Behandlung und Förderung regelmäßig in Anspruch zu nehmen. Weitere Einschränkungen müssen bei Freizeitaktivitäten häufig aufgrund von Kosten oder fehlenden Aufsichts- und Versorgungsmöglichkeiten hingenommen werden. Des Weiteren muss damit gerechnet werden, dass autistische Menschen starke Angst vor einem Umgebungswechsel haben können, wodurch kleine, alltägliche Fortschritte verloren gehen. Um die verschiedenen Aspekte, die die Diagnose Autismus mit sich bringt besser verstehen zu können muss der Blick auch auf innerfamiliäre Problembereiche gerichtet werden (Hoehne, 1994: 73 ff.):

Wird die Störung oder Behinderung eines Kindes diagnostiziert ist dies für die Eltern oftmals ein Schock, der großen Einfluss auf das Gleichgewicht einer Familie hat und zu Desorganisation führen kann. Drei häufige Reaktionsformen sind dabei immer wieder zu betrachten:

- Vorwurfshaltungen gegenüber Anderen
- Opferhaltung (Schuld wird bei sich gesucht, oftmals von Müttern übernommen)
- Fluchtreaktion (Trennung oder vermehrte Berufstätigkeit, meist von Vätern übernommen)

Im Umgang mit autistischen Kindern benötigt die Familie Dynamik, in Form von Kraft Geld und Zeit, um sich neu auszubalancieren. Dies kann Jahre oder Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Der unvorhersehbare Verlauf des Autismus sorgt für noch mehr Beunruhigung auf Seiten der Eltern. Dies macht es schwer, Betroffene zu integrieren und führt oft zu Isolation. Meist werden die ersten Symptome heruntergespielt oder gewollt übersehen. Im weiteren Verlauf versucht man auf die Bedürfnisse einzugehen und die Betroffenen zu verstehen, was aber nicht selten mit ablehnenden Gefühlen oder Ärger derer verbunden ist. Schnell müssen Eltern feststellen, dass die Verhaltensauffälligkeiten von Autisten mit Strafen oder Verboten kaum änderbar sind. Diese scheiternde Kommunikation führt zu einer Umstrukturierung der Familienstruktur. Die Betroffenen werden der Umwelt, die sich stetig verändert, weniger ausgesetzt um eine Stabilisation der Situation zu erreichen. Diese Veränderung wird von Außenstehenden als sehr auffällig wahrgenommen und birgt in sich autistischen Charakter. Somit ist eine Stigmatisierung der Familie sehr wahrscheinlich. Es gibt verschiedene Ansätze um die Kommunikation im familiären Kontext zu verbessern.

Die Gesellschaft muss über die Thematik aufgeklärt werden um ein Störungsverständnis schaffen zu können. Weiterhin müssen Elternverbände gestärkt werden, um eine fortschreitende Isolation autistischer Menschen zu vermeiden und den vermehrten Austausch zur Schule zu ermöglichen. Die Organisation von Selbsthilfegruppen muss gefördert werden. Des Weiteren kann die Installation von familienentlastenden und -beratenden Diensten dazu beitragen, das familiäre System zu entspannen. Durch die Schaffung von Wohnheimen und Heimplätzen für Autisten jeden Alters kann die optimale Förderung spezifischer Entwicklungspotenziale gewährleistet werden. In Kindergärten und Schulen muss die Möglichkeit der Integration gegeben sein. Dies erreicht man durch spezielle und individuelle Förderung, die sich auch integrativ auf den Freizeitbereich auswirkt. Zuletzt muss der freie Markt geöffnet werden, um dort und in Behindertenwerkstätten geeignete Arbeitsplätzt für Autisten zu schaffen. Je schneller und besser diese Ziele umgesetzt werden, desto erfolgreicher können Kommunikationsprobleme im familiären Kontext abgebaut werden (ebd.).

Das weite Spektrum kommunikativer Probleme, die mit Autismus einhergehen betrifft nicht nur den Autisten selbst, sondern sein ganzes Umfeld. Es wird deutlich, dass die Gesellschaft sehr viel Einfluss auf das Leben einer Familie hat. Daher ist es notwendig integrative Arbeitsweisen anzuwenden um einerseits die betroffenen Familien zu unterstützen und zu fördern sowie andererseits die Gesellschaft soweit für dieses Thema zu sensibilisieren, dass möglichst keine Stigmatisierung mit der Diagnose Autismus einhergeht.

4.2 Der Ansatz der gestützten Kommunikation

Um den Kommunikationsproblemen, die die Autismus-Spektrum-Störung mit sich bringt, entgegenzuwirken wurde der Ansatz der gestützten Kommunikation entwickelt. Gestützte Kommunikation (Facilitated Communication), kurz FC, soll zunächst eine emotionale, verbale und körperliche Stützung sein. Sie soll eine Hilfestellung sein, um sich ausdrücken zu können und eine erfolgreiche Kommunikation erreichen zu können. Ziel soll hierbei immer das selbstständige Handeln der Betroffenen sein. Die Besonderheit in dieser Kommunikationsmethode ist, dass Fähigkeiten aufgedeckt werden, die vorher nicht erahnt oder erkannt wurden. Diese Änderung bringt Folgen mit sich. Die Fähigkeit zur Kommunikation des Autisten muss neu eingeschätzt werden und es muss geklärt werden, woher die neuen Verhaltensweisen kommen (Schubert: 1994: 77).

Wenn von einer schweren Kommunikationsstörung ausgegangen wird, bietet die gestützte Kommunikation ebenfalls Hilfestellung bei der Verwendung von Symbolen, Objekten oder Bildern, um sich mitzuteilen. Menschen werden als schwer kommunikationsgestört bezeichnet, wenn weder Verbalsprache noch die Handschrift für eine effektive Kommunikation genutzt werden kann. Die gestützte Kommunikation sieht sich hier als Kommunikationsmethode, keinesfalls aber als Therapie. Der Anwender (Stützer) bietet dem Betroffenen (FC-Schreiber) verbale, emotionale und physische Hilfen, um sich so mitteilen zu können. Der FC-Schreiber soll seine Bewegungen zielgerichtet kontrollieren lernen, wobei nicht geführt, sondern den Impulsen der Betroffenen nachgegeben wird. Diese Methode sollte demnach als Training angesehen werden. Im weiteren Verlauf wird die physische Stütze reduziert und eigene funktionelle Bewegungsmuster aufgebaut. Das Voranschreiten dieser Methode liegt hier bei den Fortschritten des Individuums und wird dadurch von ihm oder ihr gesteuert. Die gestützte Kommunikation wird weltweit kontrovers betrachtet, doch von vielen Menschen angewandt. Eine unbewusste Manipulation der FC-Schreiber sowie die Zweifel am Aufdecken neuer kognitiver Fähigkeiten wird durch Kritiker unterstellt (ebd.). Nach Bundschuh & Basler-Eggen (2000: 140) konnte die physische Stütze bei 80,5 % der FC-Schreiber reduziert werden. Bei 16,6 % der Beteiligten konnte keine Veränderung festgestellt werden. Der Kommunikationswunsch wurde durch 30 von 36 der Beteiligten signalisiert. Positive Verhaltensveränderungen der Teilnehmer wurden von 69 % der Stützpersonen bejaht. Diese enthielten Reduktion von aggressivem sowie autoaggressivem Verhalten, weiterhin Abbau von Zwängen und angemesseneres Verhalten neue Situationen betreffend. 42% der Probanden zeigten Veränderungen in Verbalsprache, wie zuverlässigere und situationsangemessenere Ausdrucksweise.

Zusammenfassend ist die gestützte Kommunikation eine gute Methode um schwer kommunikationsgestörte Menschen zu unterstützen und ihre Kompetenzen weiter auszubilden. Die Ergebnisse der Studien mit autistischen Menschen sind durchaus als positiv zu bewerten, da durch die physische Stütze weiterhin das Körpergefühl autistischer Menschen trainiert wird, das oftmals fehlt.

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Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Herausforderungen in der Kommunikation mit Menschen mit Autismus. Wie kann die Soziale Arbeit Betroffene fördern?
Hochschule
Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut, ehem. Fachhochschule Landshut
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
22
Katalognummer
V926051
ISBN (eBook)
9783346252401
ISBN (Buch)
9783346252418
Sprache
Deutsch
Schlagworte
herausforderungen, kommunikation, menschen, autismus, soziale, arbeit, betroffene
Arbeit zitieren
Florian Moser (Autor), 2015, Herausforderungen in der Kommunikation mit Menschen mit Autismus. Wie kann die Soziale Arbeit Betroffene fördern?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/926051

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