Der Zeitbegriff Augustinus' im XI. Buch der Confessiones und der moderne Begriff der Zeitwahrnehmung im Vergleich


Hausarbeit, 2020

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kontext des Buch XI der Confessiones

3. Aufbau des XI. Buches

4. Der Zeitbegriff im XI. Buch der Confessiones
I Ausgangsposition
II Auslegung von Gen 1,1
III Quid est tempus? – Erster Anlauf
IV Ubi sunt tempora?
V Zeit als distentio amini – Zweiter Anlauf
VI Rückkehr zur Ewigkeit

5. Der moderne Begriff der Zeitwahrnehmung im Vergleich
I Gegenwart und Gleichzeitigkeit
II Zeitmessung und Zeitschätzung
III Kontinuität der Zeit
IV Was ist also Zeit?

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

Augustinus´ Gedanken zu dem Wesen der Zeit sind fundamental. Die Zeitabhandlung des XI. Buches wird in der Philosophiegeschichte bis heute als Grundlagentext zum Zeitbegriff betrachtet.1 Der Kirchenvater stellt sehr viele sehr interessante Überlegungen zu der Zeit und den menschlichen Geist an. Diese Überlegungen sind nun allerdings schon über 1500 Jahre alt. Können sie mit den modernen Erkenntnissen der Wissenschaft und Psychologie mithalten? Ist Augustinus´ Zeituntersuchung mit den modernen Erkenntnissen zur Zeitwahrnehmung noch haltbar? Hat die Moderne endlich eine Antwort auf seine Frage? Die vorliegende Hausarbeit setzt sich mit der Zeitauffassung Augustinus´ im XI. Buch der Confessiones auseinander. Der Fokus liegt dabei auf dem Vergleich dieser Zeitauffassung mit dem modernen Begriff der Zeitwahrnehmung. Dafür werde ich, nachdem das XI. Buch der Confessiones in seinen Kontext eingeordnet und sein formeller Aufbau geklärt wurde, den Zeitbegriff Augustinus´ in seine Einzelteile aufteilen. Die Auslegung des XI. Buches wird weitgehend chronologisch zum Text Augustinus´ vollzogen, da sonst der Charakter der Suchbewegung Gefahr läuft verloren zu gehen. Im Anschluss werde ich den modernen Begriff der Zeitwahrnehmung im Vergleich zu Augustinus´ Zeitverständnis darlegen und so einige Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten. Zum Schluss werde ich die leitende Frage, die schon Augustinus so beschäftigt hat, mit den neuen Mitteln der Moderne versuchen zu klären: Was ist Zeit?

Kontext des Buch XI der Confessiones

Augustinus von Hippo wurde am 13.11.345 als Sohn eines römischen Beamten geboren und starb am 28.08.430 als Bischof von Hippo.2 Ab 370 studiert er Rhetorik in Karthago und wird währenddessen Manichäer.3 Die Confessiones zählen zu den wohl bekanntesten Werken des Kirchenvaters. Augustinus selbst teilt die Confessiones in zwei Teile: Die Bücher I-X, die von ihm selbst handeln, und die Bücher XI-XIII, die von der heiligen Schrift handeln.4 Sie können aber auch (in Verbindung mit der in Buch XI herausgearbeiteten Zeitstruktur) in drei Teile geteilt werden: Erzählung vergangener Zeit (Buch I-IX), Gegenwart (Buch X) und Hoffnung auf absolute Zukunft (Buch XI-XIII).5 Die Grundfrage der Confessiones beschäftigt sich mit dem Glück des Menschen und wird in der Vorgehensweise beantwortet, dass Augustinus ausgehend von seiner eigenen Biografie Überlegungen zu einzelnen Themen anführt.6 Diese Grundfrage ist in der Philosophie sehr bekannt, wobei der Kirchenvater allerdings immer auf eine Vollendung durch Gott besteht. Dies wird in seinem Stil deutlich, in dem sich kritischer Scharfsinn mit unterwürfig scheinender Frömmigkeit mischt.7 Die Bücher XI-XIII werden von Augustinus selbst als Dankopfer bezeichnet und Gott wird um das Geschenk der Einsicht gebeten: „Sacrificem tibi famulatum cogitationis et linguae meae, et da quod ‚offeram tibi‘.“ 8 Bei der Betrachtung des XI. Buches ist es wichtig die Lebenshintergründe Augustinus´ zu kennen. Der Tod eines Jugendfreundes stößt ihn auf das Problem der Flüchtigkeit menschlicher Existenz.9 Durch seine durchgängige Beeinflussung durch das Platonische hat sein Weltbild eine deutliche Richtung auf das Jenseitige.10 Dadurch steht auch bei der Frage nach der Zeit die Endlichkeit und Kostbarkeit menschlichen Lebens im Mittelpunkt.11 Nachdem nun die Narrationes beendet sind,12 bringt Augustinus sein Wissen und Nicht-Wissen vor Gott. Von der göttlichen Wahrheit aus wird Zugang zu der geschöpflichen Wahrheit gesucht.13 Von der Schöpfung und der Ewigkeit aus wird versucht das Zeitliche und vor allem die Zeit an sich zu verstehen. Augustinus argumentiert in der Zeitthematik nicht direkt biblisch, die heilige Schrift ist aber präsent. Außerdem erwartet er erst eschatologisch ganz von Gott erleuchtet zu werden.14 Dabei kommt er in seiner Argumentation immer wieder auf die allgemein zugängliche menschliche Erfahrung zurück.15 Ziel der Zeituntersuchung ist die Entflüchtigung des Zeitlichen.16

Aufbau des XI. Buches

Fischer stellt den Aufbau des Buches schematisch dar:

I. Einleitung zu den drei letzten Bücher der Confessiones (1-4)
II. Beginn der Schrifterklärung und Einleitung der Zeituntersuchung (5-16)
III. Die Ausarbeitung der Frage nach dem Sein der Zeit: Quid est enim tempus? (17-41)

1. Das Scheitern der dinglichen Auffassung der Zeit im alltäglichen Umgang mit ihr (17-22)
2. Beginn der Analyse der Funktion des Geistes in der Erfassung des Seins der Zeit (23-28)
3. Die Zurückweisung der wissenschaftlich verdinglichenden Zeitauffassung (29-32)
4. Erneute Prüfung der Tätigkeit des Geistes und Vertiefung der Auslegung (33-39)
5. Die Anknüpfung an die Ausgangsfrage nach Zeit und Ewigkeit (40-41)17

Augustinus beginnt mit einer Art Gebet zu Gott, das sich durch das ganze Buch zieht. Das Zeittraktat, in dem er überwiegend nicht theologisch argumentiert, ist umrahmt von der Frage nach der Ewigkeit, die wiederum im Gespräch mit Gott und im Hinblick auf die Schöpfung reflektiert wird. Der Kirchenvater selbst wünscht sein Vorgehen durch „audiam et intelligam“, also durch das Anhören und die Erleuchtung von Gott, sowie durch eigene Überlegung und Erfahrung charakterisiert.

Der Zeitbegriff im XI. Buch der Confessiones

Ausgangsposition

Augustinus leitet das XI. Buch mit der Frage ein, ob Gott die weltlichen Dinge oder die Zeitlichkeit überhaupt zur Kenntnis nimmt.18 Dieser Tiefpunkt, an dem die Beziehung Gottes zu der Zeit fraglich ist, bildet den Ausgangspunkt.19 Wenn diese Frage negativ beantwortet werden würde, wäre die bisherigen Erzählungen Augustinus´ und somit auch die Confessiones ohne Sinn, da der Adressat nicht interessiert, und die Lenkung des Lesers auf Gott ohne dessen Teilnahme auch sinnlos wäre. Der Fakt, dass Augustinus Gott hier allerdings direkt anspricht, impliziert, dass Gott ein Interesse an der zeitlichen Welt hat.20 In einem der Schriftauslegung vorangestellten Gebet ruft Augustinus Gott als Herrscher der Zeit an („Tuus est dies et tua est nox“ 21 ) und bittet ihn um Einsicht. Außerdem benennt er Jesus Christus als Mittler zwischen Gott und den Menschen22 und somit auch als Mittler zwischen Ewigkeit und Zeitlichkeit. Des Weiteren verbindet Augustinus hier die Schöpfung mit dem Ziel des menschlichen Lebens, dem Wort Gottes.23

Auslegung von Gen 1,1

In den Paragraphen 6-16 widmet der Kirchenvater sich der Auslegung von Genesis 1,1, was er deutlich unter theologischen Prämissen vollzieht.24 Es geht ihm dabei vornehmlich um die rationale Durchdringung der heiligen Schrift. Er möchte verstehen, wie Gott Himmel und Erde geschaffen hat.25 Das Veränderliche muss nämlich eine Ursache haben, die nicht selbst Wirkung ist. Diese Ursache ist eine ewige und äußere: der Schöpfer. Für Augustinus ist das der christliche Gott. Gott hat allerdings nicht wie ein Mensch aus Vorhandenem etwas Neues geformt, sondern sein Akt der Kreation liegt außerhalb der Kategorien von Soff und Form. Er hat durch sein Wort geschaffen („In uerbo tuo fecisti ea“ 26 ) und der Grund der Schöpfung liegt in ihm. Einen regressus ad infinitum schließt der Kirchenvater so zugunsten der creatio de nihilo aus.27 Gottes Wort ist immerwährend und immer gleichzeitig.28 Es steht außerhalb der Zeit und ist dennoch das erste Zeitliche.29 Im Kontrast steht das Zeitliche und somit menschliche Wort, das verklingt. Gott ist für Augustinus also außerzeitlich, Urgrund des Seins und letztes Ziel des Menschen.

Im 12. Paragraphen wird der erste Einwand behandelt, jedoch gleich als vorgestrig und überholt beurteilt : „Nonne ecce pleni sunt uetustatis suae qui nobis dicunt: quid faciebat deus, antequam faceret caelum et terram?“ 30 Der Einwand besagt, dass Gottes Wille, wenn er zu einem Zeitpunkt einen Entschluss zur Schöpfung gefasst hätte, nicht unveränderbar wäre. Da Gott und sein Wille eins sind, wäre somit auch Gott veränderlich und somit nicht ewig. Der Kirchenvater antwortet darauf, indem er die Unvergleichbarkeit von Zeit und Ewigkeit hervorhebt.31 Während Zeit notwendigerweise durch Teilbarkeit und Sukzessivität gekennzeichnet ist, stellt sich die Ewigkeit entgegengesetzt dar.32 Die Frage, was Gott vor der Schöpfung tat erübrigt sich, da Gott und sein Wille zeitlos sind und somit nicht in zeitliche Kategorien eingeteilt werden können.33

Der zweite Einwand fragt, was Gott vor der Schöpfung tat.34 Augustinus entgegnet aber, dass sich diese Frage überhaupt nicht stellen lässt, da der Schöpfung gar keine Zeit vorausging. Gott hat die Welt nicht in der Zeit, sondern mit der Zeit geschaffen.35 Er ist Begründer aller Zeiten und vor ihm gab es keine Zeit: „Omnia tempora tu fecisti et ante omnia tempora tu es, nec aliquo tempore non erat tempus.“ 36

Bevor die Zeituntersuchung an sich beginnt, fasst Augustinus nochmal zusammen.37 Wichtig ist das Gegenüber von Zeit und Ewigkeit. Gott ist die Ewigkeit und geht der Zeit unzeitlich voraus, die er geschaffen hat. Die Ewigkeit ist gekennzeichnet durch Unveränderbarkeit und Beständigkeit, die Zeit aber durch ständigen Wechsel. Außerdem wird das zeitliche Leben erst ganz sein, wenn es nicht mehr ist.

Quid est tempus? – Erster Anlauf

Da Zeit als creatum objektiv real ist, muss sie auch erkennbar sein.38 Also fragt sich Augustinus nun was denn diese Zeit ist, die Gott ihm selbst gegenüber geschaffen hat. Damit startet er den ersten Anlauf zur Erklärung der Zeit: „Die Rettung der Zeit durch die Vergegenwärtigung des Zeitlichen in geistigen Akten.“39 Der Kirchenvater setzt an der Alltagserfahrung an, indem er darauf eingeht, dass wir im Alltag, wenn wir nicht darüber nachdenken, wissen, was Zeit ist. Wenn wir aber danach gefragt werden, können wir diese Frage nicht beantworten. Weiterführend geht Augustinus auf einen maßgeblichen Einwand ein. Er postuliert, dass Vergangenheit nicht mehr ist und Zukunft noch nicht ist: „Duo ergo illa tempora, praeteritum et futurum, quomondo sunt, quando et praeteritam iam non est et futurum nondum est?“ 40 Sie sind also nicht seiend im Sinne der Gegenwart.41 Gegenwart ist auch nur Gegenwart, weil sie in die Vergangenheit übergeht und zum Nicht-Sein strebt, sonst wäre sie Ewigkeit. In diesem Zusammenhang thematisiert der Rhetoriker die sprachliche Gewohnheit zukünftige und vergangene Zeiträume lang oder kurz zu nennen, obwohl diese doch gar nicht existieren („Sed quo pacto longum est aut breve, quod non est?“ 42 ). Es kann nur etwas lang oder kurz genannt werden, wenn es gegenwärtig ist, da für Augustinus Seiend-Sein Gegenwärtig-Sein bedeutet.43 Er schlägt also vor, eine vergangene Zeit nicht lang zu nennen, sondern lang, als sie gegenwärtig war („Longum fuit illud praesens tempus“ 44 ).

[...]


1 A.a.O., 489

2 Vgl. Fischer 2000, XVI

3 A.a.O. XVIII

4 Vgl. Brachtendorf 2005, 11

5 Vgl. Fischer 2000, 507; A.a.O. XII

6 Vgl. Brachtendorf 2005, 15F.

7 Vgl. Fischer 2000, XII

8 Confessiones XI, 3

9 Vgl. Fischer 2000, XIX

10 Vgl. Fischer 1987, 149f.

11 Vgl. Confessiones XI,28; Fischer 1987, 309.; Fischer 1998/2004, 506

12 Vgl. Fischer 1998/2004, 505

13 A.a.O., 499

14 Vgl. Fischer 2000, 67f.

15 Vgl. Fischer 1998/2004, 493

16 A.a.O., 506

17 Nach Fischer 1998/2004, 545f., verkürzt

18 Vgl. Confessiones XI, 1

19 Vgl. Fischer 2000, XXXVI

20 A.a.O., 63

21 Confessiones XI, 3

22 Vgl. Confessiones XI, 4

23 Ebd.

24 Vgl. Schulter-Klöcker 2006, 12

25 Vgl. Confessiones XI, 5

26 A.a.O., 7

27 Vgl. Fischer 2000, 77

28 Vgl. Confessiones XI, 9

29 Vgl. von Herrmann 1992, 41

30 Confessiones XI, 12

31 A.a.O., 13

32 Vgl. von Herrmann 1992, 43

33 Ebd.

34 Vgl. Confessiones XI, 14

35 Vgl. Brachtendorf 2005, 240

36 Confessiones XI, 16

37 Vgl. Confessiones XI, 16

38 Vgl. Günther 1993, 27

39 Vgl. Fischer 1998/2004, 517

40 Confessiones XI, 17

41 Vgl. von Herrmann 1971, 76

42 Confessiones XI, 18

43 Vgl. Günther 1993, 16

44 Confessiones XI, 18

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Zeitbegriff Augustinus' im XI. Buch der Confessiones und der moderne Begriff der Zeitwahrnehmung im Vergleich
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Veranstaltung
Scholastik, Einführung in die Philosophie des Mittelalters
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
18
Katalognummer
V926153
ISBN (eBook)
9783346257611
ISBN (Buch)
9783346257628
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Augustinus, Zeit, Confessiones, Zeitbegriff, Vergleich, Hippo, Zeitwahrnehmung
Arbeit zitieren
Nora Weirich (Autor), 2020, Der Zeitbegriff Augustinus' im XI. Buch der Confessiones und der moderne Begriff der Zeitwahrnehmung im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/926153

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Zeitbegriff Augustinus' im XI. Buch der Confessiones und der moderne Begriff der Zeitwahrnehmung im Vergleich



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden