Diese Arbeit setzt sich mit der Zeitauffassung Augustinus´ im XI. Buch der Confessiones auseinander. Der Fokus liegt dabei auf dem Vergleich dieser Zeitauffassung mit dem modernen Begriff der Zeitwahrnehmung. Dafür wird, nachdem das XI. Buch der Confessiones in seinen Kontext eingeordnet und sein formeller Aufbau geklärt wurde, der Zeitbegriff Augustinus´ in seine Einzelteile aufgeteilt. Die Auslegung des XI. Buches wird weitgehend chronologisch zum Text Augustinus´ vollzogen, da sonst der Charakter der Suchbewegung Gefahr läuft verloren zu gehen.
Im Anschluss wird der moderne Begriff der Zeitwahrnehmung im Vergleich zu Augustinus´ Zeitverständnis dargelegt und somit einige Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet. Abschließend wird die leitende Frage, die schon Augustinus beschäftigt hat, mit den neuen Mitteln der Moderne zu erklären versucht: Was ist Zeit?
Augustinus´ Gedanken zu dem Wesen der Zeit sind fundamental. Die Zeitabhandlung des XI. Buches wird in der Philosophiegeschichte bis heute als Grundlagentext zum Zeitbegriff betrachtet. Der Kirchenvater stellt sehr viele sehr interessante Überlegungen zu der Zeit und den menschlichen Geist an. Diese Überlegungen sind nun allerdings schon über 1500 Jahre alt. Können sie mit den modernen Erkenntnissen der Wissenschaft und Psychologie mithalten? Ist Augustinus´ Zeituntersuchung mit den modernen Erkenntnissen zur Zeitwahrnehmung noch haltbar? Hat die Moderne endlich eine Antwort auf seine Frage?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kontext des Buch XI der Confessiones
3. Aufbau des XI. Buches
4. Der Zeitbegriff im XI. Buch der Confessiones
I Ausgangsposition
II Auslegung von Gen 1,1
III Quid est tempus? – Erster Anlauf
IV Ubi sunt tempora?
V Zeit als distentio amini – Zweiter Anlauf
VI Rückkehr zur Ewigkeit
5. Der moderne Begriff der Zeitwahrnehmung im Vergleich
I Gegenwart und Gleichzeitigkeit
II Zeitmessung und Zeitschätzung
III Kontinuität der Zeit
IV Was ist also Zeit?
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht Augustinus' Zeitverständnis im XI. Buch der Confessiones und vergleicht dieses mit modernen wissenschaftlichen und psychologischen Erkenntnissen zur menschlichen Zeitwahrnehmung, um Gemeinsamkeiten und Differenzen in der Beantwortung der Frage nach dem Wesen der Zeit herauszuarbeiten.
- Die Analyse des Zeitbegriffs bei Augustinus (distentio amini).
- Die Gegenüberstellung von subjektiver und objektiver Zeit.
- Das Problem der Zeitmessung und die Rolle des Gedächtnisses.
- Der Vergleich augustinischer Philosophie mit modernen Erkenntnissen der Zeitwahrnehmung.
- Die kritische Reflexion zur Unbeantwortbarkeit der Frage: "Was ist Zeit?".
Auszug aus dem Buch
Quid est tempus? – Erster Anlauf
Da Zeit als creatum objektiv real ist, muss sie auch erkennbar sein. Also fragt sich Augustinus nun was denn diese Zeit ist, die Gott ihm selbst gegenüber geschaffen hat. Damit startet er den ersten Anlauf zur Erklärung der Zeit: „Die Rettung der Zeit durch die Vergegenwärtigung des Zeitlichen in geistigen Akten.“ Der Kirchenvater setzt an der Alltagserfahrung an, indem er darauf eingeht, dass wir im Alltag, wenn wir nicht darüber nachdenken, wissen, was Zeit ist. Wenn wir aber danach gefragt werden, können wir diese Frage nicht beantworten. Weiterführend geht Augustinus auf einen maßgeblichen Einwand ein. Er postuliert, dass Vergangenheit nicht mehr ist und Zukunft noch nicht ist: „Duo ergo illa tempora, praeteritum et futurum, quomondo sunt, quando et praeteritam iam non est et futurum nondum est?“ Sie sind also nicht seiend im Sinne der Gegenwart. Gegenwart ist auch nur Gegenwart, weil sie in die Vergangenheit übergeht und zum Nicht-Sein strebt, sonst wäre sie Ewigkeit. In diesem Zusammenhang thematisiert der Rhetoriker die sprachliche Gewohnheit zukünftige und vergangene Zeiträume lang oder kurz zu nennen, obwohl diese doch gar nicht existieren („Sed quo pacto longum est aut breve, quod non est?“). Es kann nur etwas lang oder kurz genannt werden, wenn es gegenwärtig ist, da für Augustinus Seiend-Sein Gegenwärtig-Sein bedeutet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Relevanz des Zeitbegriffs bei Augustinus und die Fragestellung der Arbeit bezüglich der Vergleichbarkeit mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen.
2. Kontext des Buch XI der Confessiones: Historische Einordnung des Kirchenvaters Augustinus und die Einbettung des XI. Buches in den Gesamtzusammenhang der Confessiones.
3. Aufbau des XI. Buches: Schematische Darstellung der inhaltlichen Struktur des XI. Buches, von der Einleitung bis zur abschließenden Ausarbeitung der Frage nach dem Sein der Zeit.
4. Der Zeitbegriff im XI. Buch der Confessiones: Detaillierte Analyse der augustinischen Zeitphilosophie, einschließlich der Auslegung der Genesis, der Problematisierung der Vergangenheit und Zukunft sowie der Definition der Zeit als "distentio amini".
5. Der moderne Begriff der Zeitwahrnehmung im Vergleich: Kritische Gegenüberstellung von Augustinus’ Gedanken mit modernen psychologischen Befunden zu Zeitfenstern, subjektivem Zeitparadoxon und der Kontinuität der Zeit.
Schlüsselwörter
Augustinus, Confessiones, Zeit, Zeitwahrnehmung, distentio amini, Ewigkeit, Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft, Zeitmessung, Gedächtnis, Philosophie, Psychologie, subjektive Zeit, Zeitkonstruktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Untersuchung der Zeitauffassung des heiligen Augustinus im XI. Buch seiner Confessiones und vergleicht diese mit modernen psychologischen und wissenschaftlichen Konzepten zur Zeitwahrnehmung.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Die zentralen Felder sind die augustinische Ontologie der Zeit, die Rolle des menschlichen Geistes bei der Zeitmessung sowie moderne Erkenntnisse über die subjektive Zeitwahrnehmung und das Zeitgefühl.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu prüfen, ob Augustinus’ Zeituntersuchung angesichts moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse noch haltbar ist und wie sich sein Verständnis von Zeit als geistige Erstreckung zur heutigen Forschung verhält.
Welche methodische Vorgehensweise wird gewählt?
Die Autorin wählt eine chronologische Auslegung des XI. Buches der Confessiones, gefolgt von einer vergleichenden Analyse mit aktuellen psychologischen Modellen der Zeitwahrnehmung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die augustinische Herleitung der Zeit – insbesondere die Aporien von Vergangenheit und Zukunft – und die anschließende moderne Perspektive auf Zeitfenster, Simultaneität und Zeitmessung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie "distentio amini", "Subjektivität", "Zeitwahrnehmung", "Gegenwart" und "Gedächtnis" (memoria) definiert.
Inwiefern spielt der Begriff "distentio amini" eine Schlüsselrolle?
Er ist Augustinus’ Antwort auf das Rätsel der Zeit: Die Zeit ist keine physikalische Größe der Welt, sondern eine Erstreckung des Geistes, der zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vermittelt.
Wie unterscheidet sich die moderne Sicht auf die "Gegenwart" von der augustinischen?
Während Augustinus die Gegenwart als punktförmigen, ausdehnungslosen Übergang beschreibt, betrachten moderne Ansätze sie als ein ausgedehntes Zeitfenster von etwa 2-3 Sekunden, in dem Erleben, Erinnern und Erwarten zusammenfließen.
- Arbeit zitieren
- Nora Weirich (Autor:in), 2020, Der Zeitbegriff Augustinus' im XI. Buch der Confessiones und der moderne Begriff der Zeitwahrnehmung im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/926153