Druckräume im Drogenkonsum. Das konzeptionelle Selbstverständnis im Kontext der normativen und menschenwürdigen Zielsetzung Sozialer Arbeit


Bachelorarbeit, 2020

65 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagenbestimmung
2.1 Gesundheit - eine sozialmedizinische Betrachtung
2.2 Die Suchterkrankung
2.2.1 Formen der Suchterkrankung
2.2.2 Substanzgebundene Sucht
2.2.3 Substanzungebundene Sucht
2.3 Klassifizierung von Drogen
2.4 Konsumformen, Wirkungen und Folgen des Konsums von Heroin
2.4.1 Konsumformen von Heroin
2.4.2 Pharmakologische Wirkung von Heroin
2.4.3 Gesundheitsfolgen und Gefahren des Heroinkonsums
2.5 Angebote der Suchthilfe

3 Der Druckraum - ein Ort des risikominimierenden Konsums von Heroin
3.1 Ziel- und Zweckbestimmung von Druckräumen
3.2 Zielgruppe
3.3 Die Konzeptionierung
3.4 Tätigkeitsbeschreibung

4 Die normative Zielsetzung der Sozialen Arbeit
4.1 Soziale Arbeit - eine Profession der und für die Menschenrechte
4.2 Ziel- und Zweckbestimmung der Sozialen Arbeit unter der Betrachtung der Grundrechte der BRD
4.3 Das Tripelmandat der Sozialen Arbeit

5 Die deskriptive Betrachtung der Sozialen Arbeit im Kontext der Druckräume
5.1 Gesellschaftliche Auffassung von Drogenkonsumenten illegalisierter Substanzen
5.2 Die Soziale Arbeit als Brückenbauer zwischen Individuum und Gesellschaft
5.3 Die Soziale Arbeit als Begleiter bei der Vermeidung von sozialer Ausgrenzung
5.4 Die Soziale Arbeit als Förderer der gesundheitlichen Unversehrtheit
5.5 Die Soziale Arbeit als Begleiter zur individuellen Entfaltung der Persönlichkeit

6 Fazit

Executive Summary

Das Angebot Druckräume wird immer dort, wo aktuell eines dieser sozialarbeiterischen Angebote errichtet werden soll, heiß diskutiert. Die gesellschaftlichen Standpunkte diesbe­züglich gehen weit auseinander. Die eine Ansicht ist dahingehend, dieses Angebot sei eine sinnvolle Ergänzung des Drogenhilfesystems als Überlebenshilfe, bei der Drogenabhängi­gen die Möglichkeit geboten wird individuelle Perspektiven zu entwickeln und sehen den Ansatz der Risikominimierung und Schadensbegrenzung in drogenbezogenen Krisengebie­ten. Andererseits werden Standpunkte vertreten, die Druckräume als unheilvoll ansehen, da diese dazu beitragen würden, dass das Rechtsbewusstsein geschmälert würde, dem illega­len Drogenhandel keinen Vorschub geleistet und Rechtsbrüche toleriert würden.

Daraus resultiert, dass die Thematik der Druckräume für den Großteil der Bevölkerung unübersichtlich, oft emotionsgeladen und daher nicht greifbar ist. Durch die Auseinander­setzungen in Medien und Fachwelt geht die grundlegende Bedeutung der Konsumräume verloren. Das Ziel meiner Forschung ist es, die Bedeutung und Dringlichkeit von Druck­räumen hervorzuheben zu unterstreichen, damit ein Beitrag zu Verringerung der Stigmati­sierung von Drogenkonsumenten und Druckräumen geleistet werden kann. Dazu wird das Angebot der Druckräume detailliert vorgestellt und in den Kontext der Sozialen Arbeit und ihrer Ziele und Werte eingeordnet. Dadurch soll bezweckt werden, dass diese Thematik für den Leser leichter zu greifen ist und die fundamentalen Ziele, Erfolge und Tätigkeiten ver­standen werden können. Das sozialarbeiterische Angebot der Druckräume leistet nament­lich durch ihr niedrigschwelliges und brückenbauendes Hilfsangebot einen wichtigen Bei­trag zur Sicherung von Rechten Einzelner und gesellschaftlichem Zusammenleben Aller.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Irgendwo in Hannover, früher Morgen, Herbst 1995

Das Blut läuft dünn wie Wasser aus den Einstichen an meinen Armen und Hand­rücken. Immer wieder jage ich mir die Nadel im Schein der Straßenlaterne in den linken und dann in den rechten Arm. Am liebsten würde ich die Nadel an der Halsschlagader ansetzen, aber dazu bin ich auch mit Spiegel nicht mehr in der Lage. Meine Hände zittern und vor mei­nen Augen verschwimmt alles.

Tränen schießen mir in die Augen. Durch den Nebel in meinem Kopf sehe ich den Sensenmann auf mich zukommen. Jedes Mal, wenn ich mir die Kanüle ins Fleisch bohre, kommt er einen Schritt näher, so nahe, dass ich glaube, ihn berühren zu können, wenn ich die Hand nach ihm ausstrecken würde. Trotzdem höre ich nicht auf, mich mit dem Stahl zu penetrieren. Auf dem Asphalt zwischen meinen Füßen glänzt eine Blutlache.“ ( $ick 2020a: S. 10 f.).

Länger als zwanzig Jahre bestimmen Heroin, Kokain und Beschaffungskriminalität das Leben von Autor $ick. Doch er schafft es den Teufelskreis aus Drogen und Kriminalität zu durchbrechen und die Sucht hinter sich zu lassen. Heute leistet er als ehemaliger schwerst Drogenabhängiger gute Präventionsarbeit durch Aufklärung und den Einblick sein Leben (vgl. $ick 2020b: S.XVI ff.).

Der Einblick in die Vergangenheit von Autor $ick, der am frühen Herbstmorgen 1995, un­ter unhygienischen, risikoreichen und stressbehafteten Bedingungen intravenös konsumiert (siehe Abbildung 1), soll die perspektivlose Situation eines heroinabhängigen Menschen, der sinnbildlich für viele andere stehen kann, verdeutlichen.

Seit Anfang der 90er Jahre werden in Deutschland, die noch heute kontrovers diskutierten, Druckräume vor allem in städtischen Regionen mit bestehendem Bedarf betrieben. Durch eine Änderung des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) im Februar 2000 wurden die rechtli­chen Bedingungen für die legale Nutzung und den Betrieb dieser Räumlichkeiten festge­legt. Seitdem wird in diesen Einrichtungen der Drogenhilfe, die Voraussetzung für einen hygienischen und risikoarmen Konsum geschaffen und der Konsum mitgebrachter Drogen in einer angst- und stressfreien Atmosphäre geduldet. Über diese Leistung hinaus werden den Klienten weitere Hilfsangebote unterbreitet (vgl. Meyenberg & Stöver 2000: S.14).

Warum der Konsum psychotroper Substanzen hingenommen, sogar hygienische und räum­liche Bedingungen dafür geschaffen werden müssen und was das sozialarbeiterische Ange­bot der Konsumräume so unverzichtbar macht wird in dieser Thesis thematisiert.

Der Hauptteil der Arbeit gliedert sich in vier Teile, von Kapitel zwei bis Kapitel fünf. Das folgende Kapitel (Kapitel 2) widmet sich der theoretischen Grundlagenbestimmung und bildet im Rahmen dieser Bearbeitung das Fundament. Es wird der sozialmedizinische Ge- sundgheitsbegriff (2.1), das Thema Suchterkrankung (2.2), eine Klassifizierung von Dro­gen (2.3), Konsumformen, Wirkungen und Folgen des Heroinkonsums sowie das Angebot der Suchthilfe in Deutschland aufgegriffen. Auf dieser Grundlage kann im weiteren Verlauf auf Druckräume (Kapitel 3) eingegangen werden. Dabei wird die Ziel- und Zweckbestim­mung (3.1), die Zielgruppe (3.2), die Konzeptionierung (3.3) und eine Tätigkeitsbeschrei­bung (3.4) des Angebots der Drogenhilfe konkretisiert. Daraufhin wird die normative Ziel­setzung der Sozialen Arbeit (Kapitel 4) unter der Berücksichtigung der Menschenrechte (4.1) , dem Einfluss des Grundrechts auf Ziel-und Zweckbestimmung der Sozialen Arbeit (4.2) und der normative Ansatz des Tripelmandats (4.3) untersucht. Im Hauptteil wird ab­schließend die deskriptive Betrachtung der Sozialen Arbeit im Kontext der Druckräume (Kapitel 5) beleuchtet. Dafür wird zuerst die gesellschaftliche Auffassung von Konsumen­ten illegalisierter Drogen erörtert (5.1), daran schließt sich die Darlegung der Brückenfunk­tion der Sozialen Arbeit (5.2), die Begleitfunktion der Sozialen Arbeit im Bezug zu Ver­meidung der sozialen Ausgrenzung (5.3) und der individuellen Entfaltung der Persönlich­keit (5.5) und die Rolle der Sozialen Arbeit als Förderer der gesundheitlichen Unversehrt­heit (5.4). Abschließend werden im Fazit (Kapitel 6) die Ergebnisse der Thesis zusammen- gefasst und es wird Raum gewährt um weitere Diskussionen anzuregen und weitere For­schungsfragen zu stellen.

2 Theoretische Grundlagenbestimmung

Dieses Kapitel dient zur Bestimmung der Grundlagen zur Bearbeitung der deskriptiven Betrachtung des konzeptionellen Selbstverständnisses der Druckräume im Kontext von normativer und menschenwürdigender Zielsetzung der Sozialen Arbeit. Die theoretische Grundlagenbestimmung umfasst eine sozialmedizinische Betrachtung von Gesundheit (Kapitel 2.1), eine generelle Erläuterung der Suchterkrankung (Kapitel 2.2) und der spezi­fischen Formen der Suchterkrankung (Kapitel 2.2.1). Auf diese geschaffene Grundlage folgt eine Klassifizierung von Drogen, welche die Gefahr des Konsums verschiedener psy­chotroper Substanzen darstellt und eine Deskription der Substanz Heroin. Die möglichen Konsumformen, die Wirkung und die Folgen des Konsums dieser Substanz werden aus­führlich behandelt. Das Fundament der Thesis wird komplettiert mittels einer Erläuterung des Angebots der Suchthilfe in Deutschland, so dass im darauf Folgenden die Thematisie­rung der Druckräume mit der Bestimmung der nötigen theoretischen Grundlagen beginnen kann.

2.1 Gesundheit - eine sozialmedizinische Betrachtung

Verbunden mit dem Gesundheitsbegriff ist eine große Bandbreite von Bedeutungen, wel­che von rein fachlichen Inhalten bis hin zu allumfassenden moralischen oder philosophi­schen Bedeutungen reichen können. Das englische Wort health (Gesundheit) ist abgeleitet von dem altenglischen Wort hael (heilen) und bedeutet heilen. Hael drückt aus, dass Ge­sundheit die Integrität, Unversehrtheit oder das Wohlbefinden der ganzen Person betrifft. Was gemeinhin unter Gesundheit zu verstehen ist, darüber haben unterschiedliche Gesell­schaften unterschiedliche Vorstellungen. Allgemein verbreitet sind Laienkonzepte der Ge­sundheit, dies sind Sichtweisen von Gesundheit, die über Generationen als Teil des ge­meinsamen Erbes weitergegeben wurden (vgl. Ostermann 2010: 84).

Jeder Mensch weiß, was Gesundheit ist, da jeder mit dieser seine eigenen Erfahrungen macht. Sie ist ein natürlicher Zustand, welcher sich aufgrund zu vieler Aspekte, die sich in unterschiedlichen Definitionen wiederfinden, schwer definieren lässt. Eine definitorische Erörterung wird dadurch erschwert, dass Gesundheit auf Wertentscheidungen, bezie­hungsweise Normen beruht. Ein persönliches Verständnis von Gesundheit hat jeder, der sich für den Erhalt und die Förderung der Gesundheit einsetzt (vgl. Ostermann 2010: 83).

Einer der wichtigsten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts, Ernst Bloch, schrieb im Jahr 1975 „Gesundheit ist überhaupt nicht nur ein medizinischer, sondern vorwiegend ein gesellschaftlicher Begriff.“ (zit. aus Beushausen 2013: S.186).

Daher ist es wegen dieser Schwierigkeiten und der Multidimensionalität von Gesundheit sinnvoll, sich für die deskriptive Betrachtung des konzeptionellen Selbstverständnisses von Druckräumen im Kontext der normativen Zielsetzung Sozialer Arbeit, um eine Definition zu bemühen. Anhand dieser Begriffsbestimmung soll zur Geltung kommen, dass diese Ausarbeitung auf einem sozialmedizinischen Verständnis von Gesundheit beruht. Das Ver­ständnis von Gesundheit geht weit über das rein biomedizinische Verständnis hinaus und bezieht neben dem Gesundheitsproblem auch die subjektive Bewertung, den individuellen und umweltbezogenen Kontext der Person sowie Auswirkungen auf die Lebensgestaltung, die Aktivität und Teilhabe ein (vgl. Bönisch & Cosanne 2018: 252).

Die Sozialmedizin befasst sich in der Forschung, der Lehre und auch als angewandte Sozi­almedizin mit den Zusammenhängen zwischen Krankheit, Gesundheit, Individuum und Gesellschaft (vgl. Nüchtern, E.; von Mittelstaedt, G. 2015).

Der Begriff Gesundheit wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als ein Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens definiert. Darüber hinaus wird seitens der WHO grundlegende Bedeutung der gesunden Entwicklung eines Kindes zugeschrieben. Die Möglichkeit, harmonisch in einer in voller Umwandlung begrif­fenen Umgebung zu leben, ist für diese Entwicklung besonders wichtig (vgl. World Health Organization 1946: S.1).

Das medizinisch-wissenschaftliche Modell westlicher Prägung interpretiert Gesundheit häufig als die Abwesenheit von Krankheit oder Leiden (vgl. Ostermann 2010, 84).

Baut man auf dem Gesundheitsverständnis der WHO auf, so ist gute Gesundheit eine wert­volle Ressource, die allen Bereichen einer Gesellschaft wie auch deren Gesamtheit Nutzen bringt. Für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung allgemein ist gute Gesundheit un­entbehrlich, für einzelne Personen sowie deren Familien und die Gemeinschaft ist sie ein lebenswichtiger Aspekt. Potenziale können ungenutzt bleiben, Betroffene können verzwei­feln und Ressourcen in allen Politikbereichen verloren gehen, wenn schlechte Gesundheit herrscht. Es stärkt die Gemeinschaft und verbessert das Leben, wenn Menschen Einfluss­nahme auf ihre Gesundheit und deren Determinanten ermöglicht wird. Die aktive Beteili­gung der Menschen ist essenziell zur Förderung und zum Schutz der Gesundheit und zur Mehrung des Wohlbefindens (vgl. World Health Organization 2013: S.1).

Berücksichtigen politische Handlungskonzepte, dass es Gesellschaften ermöglicht wird, sich zu entfalten und zu gedeihen, so besitzen diese eine größere Durchschlagskraft, da dies der Gesundheit der in der Gesellschaft lebenden Menschen dient. Außerdem kommen der Gesundheit ein gerechter Zugang zu Bildung sowie menschenwürdige Arbeitsbedin­gungen, Wohnungen und Einkommen zugute. Zu höherer Produktivität, einer effizienteren Arbeitnehmerschaft, gesünderem Altern und niedrigeren Ausgaben für Krankheit und So­zialleistungen sowie Steuerausfällen trägt eine gute Gesundheit bei. Wenn alle Bereiche des Staates an der Auseinandersetzung mit den sozialen und individuellen Determinanten von Gesundheit beteiligt sind, kann die Gesundheit und das Wohlbefinden der Bevölke­rung am wirksamsten gefördert werden. Die wirtschaftliche Erholung und Entwicklung kann durch gute Gesundheit unterstützt werden. (vgl. World Health Organization 2013: S. 1 f.).

2.2 Die Suchterkrankung

Immer mehr Menschen suchen in unserer globalisierten und akzelerierten Welt Zuflucht in Zuständen, die den Druck auf die Person scheinbar reduzieren und weniger spürbar ma­chen. Kurzfristig können Rauschzustände für sie zu Rückzugsräumen werden, sie entlasten und versetzen in einen anderen Bewusstseinszustand. Die Zuflucht vor einer Realität, deren Teil man selbst ist und die als feindlich empfunden wird, kann den Charakter des Rückzugs von der eigenen Gefühlswelt annehmen. Es wird von Sucht gesprochen, wenn der Rausch­zustand dauerhaft beginnt die Herrschaft über den Willen zu übernehmen. Im Leben des Betroffenen bläht sich der Rückzugsraum auf und nimmt ihn gefangen. Die Aufmerksam­keit fokussiert sich nur noch auf den nächsten Rauschzustand. Soziale Beziehungen, Inter­essen und andere Bezugspunkte des Lebens reduzieren sich dramatisch, die Arbeitsleistung sinkt, die Betroffenen können verwahrlosen, die Suchterkrankung wird zur existenziellen Not (vgl. Batthyäny & Pritz 2009: V f.).

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen definiert Sucht als „behandlungsbedürftige, psy­chosoziale und psychiatrisch relevante Krankheit und Behinderung mit chronischen Ver- läufen. Deren Folge ist das Entstehen einer sozialen, körperlichen und seelischen Beein­trächtigung, die die betroffenen Menschen daran hindern kann, ihren sozialen und gesell­schaftlichen Verpflichtungen nachzukommen und am Leben in der Gesellschaft teilzuha­ben.“ (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V o.J.).

Die Sucht ist hinsichtlich ihrer Klassifikation als Symptom oder als eigenständige Krank­heit zu untersuchen. Dass die Sucht immer ein Symptom einer komplexen somatopsychi- schen oder psychosomatischen Gefügedarstellung bildet ist so zu konstatieren. Da die In­terpretation von Sucht als Symptom implizieren würde, dass die Aufhebung der Suchtursa­chen gleichzeitig die Aufhebung der Sucht bedeuten würde, ist sie ebenfalls als eigenes Krankheitsbild zu betrachten. Auch unter der Bedingung der Ausschaltung potenzieller suchtbegünstigender Faktoren kann Sucht eine eigenständige Dynamik entfalten und auf­treten oder erneut auftreten, daher ist sie primär als eine eigenständige Störung und nur se­kundär als ein Symptom zu sehen (vgl Niekrens 2012: S.33 f.).

Als süchtig wird sowohl die Abhängigkeit von Substanzen als auch ein zwanghaft erlebtes Verhalten bezeichnet. Etymologisch geht das Wort Sucht auf siechen zurück, dem Leiden an einer Krankheit. Obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die das diagnosti­sche Manual der International Classification of Diseases (ICD-10) herausgibt, 1963 den Begriff Sucht (addiction) durch den Begriff Abhängigkeit (dependence) ersetzt hat, bleibt dem Suchtbegriff ein fester Platz in der heutigen Alltagssprache erhalten. In der Fachwelt wird sowohl der Begriff Sucht als auch der Abhängigkeitsbegriff kritisch diskutiert. Der Suchtbegriff treibt die Diskriminierung und Marginalisierung von Betroffenen voran, verstärkt Stigmatisierungsprozesse, verhindert einen offenen und unvoreingenommenen Umgang mit dem Problem und ist allgemein äußerst negativ besetzt. Der Ausdruck Abhän­gigkeit hingegen verharmlost das Krankheitsgeschehen und verallgemeinert dieses zu stark. Die vorgenommene Umbenennung durch die WHO konnte sich aufgrund der aufge­führten Gründe weder in der Fachwelt noch in der Alltagssprache durchsetzen, weshalb heute meist ein synonymer Gebrauch der Begriffe Sucht und Abhängigkeit verwendet wird. So wird in dieser Arbeit ein synonymer Gebrauch der Begrifflichkeiten genutzt (vgl. Laging 2018: 14).

2.2.1 Formen der Suchterkrankung

Es kann zwischen substanzgebundenen (stoffgebundenen) und substanzungebundenen (stoffungebundenen) Süchten unterschieden werden. Substanzgebundene Süchte sind am Konsum psychoaktiver Substanzen (beispielsweise Alkohol, Opioide, Cannabinoide, Ko­kain) zu erkennen, bei substanzungebundenen Süchten hingegen steht ein bestimmtes Verhalten im Zentrum des Suchtgeschehens (beispielsweise Glücksspiel, Sex). Aus Per­spektive von ICD-10 gehören zwanghafte Verhaltensweisen, wie Sexsucht oder Kaufsucht, nicht in die Gruppe der Abhängigkeitserkankungen. Die WHO geht davon aus, dass das Abhängigkeitssyndrom als Krankheit nur dann zu diagnostizieren ist, wenn dies mit einem Substanzkonsum verbunden ist. Andere Fachleute wiederum plädieren dafür, dass auch stoffungebundene Süchte als Süchte betrachtet werden, da ihrer Meinung nach nicht der Substanzkonsum im Zentrum einer Abhängigkeit steht, sondern dass vor allem die Psycho-Dynamik relevant ist und diese bei stoffgebundenen und stoffungebundenen Süchten vergleichbar ist (vgl. Laging 2018: 15).

Die substanzgebundene Sucht lässt sich zusätzlich in physische und psychische Abhängig­keit differenzieren. Es ist die Rede von einer physischen Abhängigkeit, wenn durch den plötzlichen Abbruch des Konsums körperliche Symptome (zum Beispiel Blutdruck-, Puls­erhöhung, Zittern, Schweißausbrüche oder Magenkrämpfe) auftreten. Ein dauerhafter Kon­sum führt dazu, dass die psychotrope Substanz im Organismus für ein normales Funktio­nieren gebraucht wird und bei Absetzung der Substanz der Stoffwechsel im Körper gestört wird. Wird der Konsum wieder aufgenommen können Entzugserscheinungen vermieden oder gelindert werden. Das unstillbare Verlangen, einen Suchtstoff zu konsumieren, die Dosis zu steigern, auch wenn keine Anzeichen einer physischen Abhängigkeit bestehen, bezeichnet die psychische Abhängigkeit. Die psychische Abhängigkeit besteht wesentlich länger als die physische Abhängigkeit und stellt einen Hauptfaktor hoher Rückfallquoten dar. Bei einer Suchtentwicklung sind jedoch beide Aspekte als relevant zu erachten (vgl. Niekrens 2012: S.33).

2.2.2 Substanzgebundene Sucht

Die international anerkannten Kriterien des ICD-10 eignen sich zur objektiven Diagnostik einer substanzgebundenen Suchtmittelabhängigkeit. Diese Kriterien besagen, dass die Dia­gnose einer Drogen-, Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit nur zu stellen ist, wenn mindestens drei der folgenden acht Kriterien (siehe Tabelle 1) innerhalb des letzten Jahres erfüllt wurden (vgl. Niekrens 2012: S. 34).

Tabelle 1: Kriterien der ICD-10 zur Diagnostik einer substanzgebundenen Suchtmit- telabhängigkeit (vgl. Niekrens 2012: S.34).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Jahr 1957 definierte die WHO den Begriff Sucht als einen Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung, der durch den wiederholten Gebrauch von natürlichen oder synthe­tischen Substanzen hervorgerufen wird und durch die Kriterien des unbezwingbaren Ver­langens der Beschaffung und der Einnahme eines Mittels (Abstinenzunfähigkeit), der Ten­denz zur Dosissteigerung (Toleranzsteigerung), der psychischen oder auch physischen Ab­hängigkeit von der Wirkung der Substanz und der Schädlichkeit für den Betroffenen selbst oder für andere. Neben den erwähnten Anhaltspunkten für das Bestehen einer substanzge­bundenen Sucht lässt sich der Kontrollverlust hinsichtlich einer Dosissteigerung nennen. Wenn der innere Zwang zur Durchführung des Konsums oder einer Handlung nicht mehr durch Selbstkontrolle zu beherrschen ist, dann besteht Kontrollverlust (vgl. Niekrens 2012: S.33).

Die Diagnose einer Abhängigkeit kann auf jede Substanzklasse, den multiplen Substanz­gebrauch und den Konsum sonstiger psychotroper Substanzen angewendet werden. Die ICD-10 unterscheidet bezüglich Psychischen- und Verhaltensstörungen aufgrund von psy­chotroper Substanzen zwischen Alkohol , Opioiden, Cannabinoiden, Sedativa oder Hypno- tika (beispielsweise Benzodiazepine), Kokain, Stimulanzien (beispielsweise Koffein), Hal­luzinogenen, flüchtigen Lösungsmitteln (Schnüffelstoffen), Tabak sowie Schlaf- und Beru­higungsmitteln. Ein körperliches Entzugssyndrom, was als Anzeichen gewertet werden kann, dass keine körperliche Abhängigkeit vorliegt, tritt nicht bei jeder Substanz auf (vgl. Deutsche Suchthilfestatistik o.J.).

Die Abhängigkeit und der Missbrauch von Drogen haben eine lange Geschichte. Der briti­sche Kulturhistoriker Mike Jay behauptet mit seiner Aussage „Wir nahmen Drogen, lange bevor wir Menschen wurden“ (ebd. 2011: S. 24), dass die Geschichte der Menschen und der Drogen quasi Hand in Hand ging. Drogen wie Alkohol, Cannabis, Opium sowie Koka­in wurden schon zu den frühesten Zeiten der menschlichen Existenz konsumiert (vgl. Fritzsche 2016: S.122).

Psychotrope Substanzen führen zu einer Freisetzung des Neurotransmitters Dopamin, wel­ches verbunden ist mit Bereichen wie Emotionalität, Sexualität, Lust- und Unlustempfin­dungen sowie mit Nahrungsaufnahme. Aus den Endigungen der Nervenzellen wird Dopa­min freigesetzt, das in der Folge mit unterschiedlichen Dopamin-Rezeptoren interagiert. Das Dopamin wird nach seiner Freisetzung aus dem synaptischen Spalt durch einen akti­ven Transportmechanismus wieder im Nervenende aufgenommen. Wird das Dopaminsys­tem wiederholt durch die Aufnahme psychotrop wirksamer Substanzen aktiviert kommt es zu Sensibilisierungs- und Koniditionierungsvorgängen, die an der Entwicklung der psychi­schen Abhängigkeit beteiligt sind. Bei diesen Vorgängen produziert das Dopamin nicht di­rekt Glücksgefühle oder Euphorie, sondern es trägt zur Steigerung der Aufmerksamkeit für andere Reize bei. Neben Dopamin sind andere neuronale Transmitter wie Glutamat (bezie­hungsweise Gammaaminobuttersäure) an der Entwicklung einer Abhängigkeit beteiligt. Diese Zusammenhänge zeigen sehr deutlich, dass Abhängigkeit primär eine pathophysio- logische Veränderung mit zum Teil sehr bekannten biochemischen, molekularbiologischen Substraten ist und nicht eine Eigenschaft einer Person (vgl. Beubler 2007: S. 52).

2.2.3 Substanzungebundene Sucht

Im Vordergrund der wissenschaftlichen und öffentlichen Wahrnehmung standen bisher vor allem Süchte, die von psychotropen Substanzen ausgelöst werden. Circa seit dem Jahr 1990 hat eine neue Gruppe von Süchten Zugang in die wissenschaftliche Literatur gefun­den, die sich ohne die Zuführung von Substanzen entfalten. Internet-, Sex-, Kauf-, Glücks­spiel-, Sport- und Arbeitssucht gehören zu den verbreitetsten Formen der nichtsubstanzge­bundenen Verhaltenssucht (vgl. Batthyäny & Pritz 2009: S.V f.).

Die exzessive Ausführung über das normale Maß hinaus ist ein gemeinsames Merkmal der verschiedenen Verhaltensabhängigkeiten (vgl. Thalemann 2009: S.4 f.).

Erstaunlich unterschiedlich und zahlreich sind laut der Fachwelt die Tätigkeiten, die zu suchtartigen Ausprägungen führen können. Dass bei substanzungebundenen Süchten ähnli­che Hirnprozesse zu beobachten sind wie bei so genannten substanzgebundenen Süchten, ist mit Hinweisen aus der Hirnforschung zu belegen (vgl. Batthyäny & Pritz 2009: S.V f.). Durch körpereigene biochemische Veränderungen, die durch bestimmte exzessive beloh­nende Verhaltensweisen ausgelöst werden, lässt sich erklären, dass ein psychotroper Effekt stattfindet (vgl. Thalemann 2009: S.4).

Für diese neuen Süchte, die so neu oft gar nicht sind, sondern lediglich nicht im Aufmerk­samkeitsfokus der Experten standen, ist die Klassifikation der einzelnen Formen und der Begrifflichkeit noch nicht im gewünschten Ausmaß gesichert. Das Konzept der Verhaltens­sucht lässt sich bisher nicht in den internationalen Diagnosesystemen (beispielsweise ICD­10) finden, deshalb existieren keine einheitlichen Kriterien für die Diagnosestellung (vgl. ebd. 2009: S.4).

Dies liegt zum einen an sprachlichen Vorlieben der forschenden Autoren selbst, zum ande­ren aber in unterschiedlichen Auffassungen zur Frage der Klassifikation dieses Störungs­bildes. In der Fachliteratur finden sich Begriffe, wie pathologisches Kaufen, Arbeitssucht, stoffungebundene beziehungsweise nichtsubstanzgebundene Abhängigkeit, Verhaltenssucht oder pathologisches Glücksspielverhalten. Diese Begrifflichkeiten implizieren nosologisch unterschiedliche Sichtweisen und stehen nebeneinander (vgl. Batthyäny & Pritz 2009: S.V f.).

Im ICD-10 finden sich unter der Kategorie der Persönlichkeits- und Verhaltensstörung die Kriterien für die Diagnosestellung eines pathologischen Glücksspielverhaltens als abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle. Probleme in der Vergleichbarkeit ein­zelner Studien entstehen nicht zuletzt, weil andere Kriterien für das Vorliegen einer Verhal­tenssucht die Abhängigkeitskriterien als Grundlage verwenden. Die Notwendigkeit eines verbindlichen Kriterienkatalogs wird dadurch verdeutlicht, dass allgemein gültige Aussa­gen über die untersuchten Störungsbilder kaum möglich sind. Für praktizierende Ärzte oder Therapeuten zeigt sich eine Problematik bei der Diagnosestellung Betroffener. Ver- 10 schiedene Formen der Verhaltenssucht können bislang lediglich unter abnormen Gewohn­heiten und Störungen der Impulskontrolle diagnostiziert werden und somit als Verhaltens­störung, die einen unkontrollierbaren Impuls beschreibt. Zahlreiche Studien, Fallberichte und Gespräche mit Betroffenen einer substanzungebunden Sucht verdeutlichen, dass die Kriterien der abnormen Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle das Störungs­bild nur unzureichend erklären (vgl. Thalemann 2009: S.4 f.).

2.3 Klassifizierung von Drogen

Unter dem Begriff Droge verstand man ursprünglich getrocknete Pflanzenteile, die zur Herstellung von Arzneimitteln oder Gewürzen verwendet wurden. Dieser leitet sich ab vom Althochdeutschen drög und bedeutet trocken. Die Bezeichnung Droge wird heute für chemische oder pflanzliche Substanzen verwendet, die durch ihre Wirkung auf das Gehirn psychische Funktionen beeinflussen können, wie beispielsweise Gemütszustände oder Emotionen. Nicht nur illegale Substanzen wie Heroin, Kokain oder Haschisch zählen zu diesen psychotropen Substanzen, sondern auch die legalen sogenannten Volksdrogen wie Alkohol, Nikotin und Medikamente. Der Besitz, die Herstellung und die Weitergabe von illegalen Drogen sind gemäß der Vorschriften des BtMG unter Strafe gestellt. (Hebold & Reinke 2004: S.1).

Das Klassifizieren von Drogen birgt eine große Herausforderung. Exemplarisch klassifi­ziert die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V (DHS) in die Suchtstoffklassen Alko­hol, Tabak, Medikamente und illegale Drogen. Diese Klassifizierung gibt jedoch lediglich einen groben Überblick und keine Auskunft über die Schädlichkeit der Substanzen (vgl. Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. o.J.).

Julien (1997) teilt psychotrope Stoffe in die Gruppen der psychedelischen Substanzen, Psy- chostimulantien, Opioidanalgetika, Anxiolytika, Antidepressiva, nicht-selektiv-zentralner­vös dämpfenden Substanzen und Neuroleptika ein. Die Klassifizierung nach Julien bezieht sich jedoch auf die psychologische Wirkung, die zur Regulierung sowie Veränderung be­stimmter Vorgänge im Körper beitragen und ist somit nicht ideal für die Erarbeitung dieser Thesis (vgl. ders. 1997 in Aldrian 2019: S.6).

Auch die Trennung zwischen legalen und illegalen Drogen ist problematisch, da diese das Resultat einer seit vielen Jahren währenden kulturellen und politischen Vormachtstellung ist. Bei der Entscheidung zwischen legalen und illegalen Substanzen wird nur selten die Wissenschaft eingebunden und wenn sie ihre Empfehlung abgeben darf, wird diese selten berücksichtigt. Auf wissenschaftlichen Einschätzungen des Schadenpotenzials der Sub­stanzen, für die Menschen, die sie konsumieren und für die Gesellschaft als Ganzes, oder auf dem potenziellen Nutzen für jene, die sie maßvoll konsumieren basiert diese Trennung nicht. Die Trennung zwischen legalen und illegalen Substanzen ist allzu oft von Ideologi­en, Vorurteilen und der Diskriminierung von Randgruppen geleitet, ganz zu schweigen von den Interessen der Pharmaindustrie (vgl. Dreifuss 2019: S.3).

Für die Berücksichtigung möglichst umfassender sozialer und gesundheitlicher Aspekte wird in der Erarbeitung der vorliegenden Thesis die Klassifizierung nach David Nutt ver­wendet. Nutt entwickelte eine wissenschaftliche Modellierung zu verschiedenen Schädi­gungsgraden von Drogen, die im Vereinigten Königreich konsumiert werden. Diese Mo­dellierung veranschaulicht eine auf sachlicher Ebene überprüfte Klassifizierung von Dro­gen mit dem Fokus auf Leben, Gesundheit und sozialer Sicherheit (vgl. Weltkommission für Drogenpolitik 2019: S.22 ff.).

Bei dieser wissenschaftlichen Modellierung handelt es sich um eine Gewichtung der Schädlichkeit von Drogen, die visuell in einem Balkendiagramm dargestellt wird. Je stär­ker die Gewichtung der Schädlichkeit einer Droge ist, desto länger ist dessen farbiger Bal­ken. Dabei wird die Schädlichkeit der jeweiligen Droge mit verschiedenen Farben spezifi­ziert. Die Schäden sind unterteilt in Schäden für die Konsumierenden und - S chäden an Dritten , diese wiederum werden erneut untergliedert. Die Schäden für die Konsumie­renden sind in Tabelle 2 gegliedert in Mortalität, gesundheitliche Schäden, Neigung zu Abhängigkeit, Beeinträchtigung der geistigen Leistungsfähigkeit, Verlust von materiellen Vermögenswerten und Scheitern von Beziehungen.

Tabelle 2: Schäden für die Konsumierenden (vgl. Weltkommission für Drogen­politik, S.22 ff.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Verbrechen und Verletzungen, Schäden an der Umwelt und auf internationaler Ebene, Probleme in der Familie und wirtschaftliche und gesellschaftliche Kosten sind die Schä­den an Dritte in Tabelle 3 untergliedert.

Tabelle 3: Schäden an Dritten (vgl. Weltkommission für Drogenpolitik, S.22 ff.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Tabelle 4 sind die Drogen Alkohol, Heroin, Crack, Methamphetamin, Kokain, Tabak, Amphetamin, Cannabis, Benzodiazepine, Ketamin, Methadon, Ananbole Steroide, Ecstasy, Lysergsäurediethylamid (LSD) und Pilze nach der Gewichtung der Schädlichkeit aufgelis­tet. Die oberste Zeile repräsentiert die Droge mit der insgesamt größten Gewichtung der Schädlichkeit, die unterste Spalte wiederum die insgesamt niedrigste Gewichtung der Schädlichkeit. Die Drogen sind demnach in Zeilen von oben nach unten sortiert nach der Gewichtung der Schädlichkeit. Bei dieser Klassifizierung wurde darauf geachtet, dass so­wohl alle Suchtstoffklassen nach der DHS, legale als auch illegale Substanzen sowie alle Stoffgruppen nach Julien berücksichtigt werden.

Begutachtet man Tabelle 4 fällt auf, dass die legale und gesellschaftlich größtenteils akzep­tierte Droge Alkohol die Auflistung anführt mit der größten Gewichtung der Schädlichkeit aller Drogen. Die in dieser Thesis besonders begutachtete Substanz Heroin folgt erst an zweiter Stelle nach Alkohol mit einem relativ deutlichen Abstand. Bei genauerer Betrach­tung fällt auf, dass neben Heroin nur bei Alkohol, Kokain und Cannabis sowohl alle Schä­den für den Konsumierenden selbst als auch alle Schäden an Dritten vertreten sind. Jedoch haben Kokain und vor allem Cannabis eine deutlich schwächere Gewichtung der Schäd­lichkeit als Heroin und Alkohol. Neben Heroin sind auch die Drogen Crack, Methamphet- amin und Kokain in der Auflistung unter den fünf schädlichsten Drogen. Diese Drogen sind Substanzen, die ebenfalls in vielen Druckräumen konsumiert werden können. Über­prüft man diese Drogen auf die Mortalität und die Gefahr für gesundheitliche Schäden, kann der Tabelle 4 entnommen werden, dass der Konsum dieser Drogen besonders gefähr­lich ist für den Konsumierenden. Ebenfalls ist festzustellen, dass die Schäden an Dritten bei diesen Drogen, nach Alkohol, am höchsten ausfallen.

2.4 Konsumformen, Wirkungen und Folgen des Konsums von Heroin

In Drogenkonsumräumen wird nicht nur die Möglichkeit geboten Heroin unter Aufsicht, in geschützter Atmosphäre und unter hygienischen Bedingungen zu konsumieren, sondern auch für Kokain, Crack und weitere Substanzen. Es würde den Rahmen dieser Ausarbei­tung jedoch überschreiten, wenn auf alle Substanzen eingegangen werden würde, zudem ähneln sich die Lebenslagen und das Leid der Konsumenten illegalisierter Drogen. Exem­plarisch wird daher Heroin thematisiert, die Droge, die statistisch gesehen die meisten Drogennotfälle aller illegalisierter Betäubungsmittel verursacht (vgl. Deutsche AIDS-Hilfe & akzept e.V 2011: S.31 f.).

Das aus der Mohnpflanze gewonnene, halbsynthetische Heroin ist ein Opioid. Die chemi­sche Bezeichnung lautet Diacetylmorphin, Heroin ist lediglich ein Kunstname. Geschnupft, geraucht oder in Wasser gelöst in die Vene gespritzt werden kann das weiße bis leicht bräunliche Pulver. Sowohl der Heroinbesitz als auch der Heroinhandel ist illegal (vgl. Mül­ler 2015). 1889 wurde Heroin erstmals synthetisch hergestellt. Die schmerzstillende Wirkung ist fünf- bis zehnmal stärker als bei reinem Morphin und es wirkt weit stärker euphorisierend. Hero­in besitzt das stärkste Suchtpotential (siehe Tabelle 4), dem chronische Gebrauch und der sich damit ausbildenden Toleranz muss mit immer höheren Dosierungen begegnet werden. Der Reinheitsgrad des im Umlauf befindlichen Heroins kann unterschiedlich sein, daher besteht bei intravenöser Anwendung die Gefahr einer Überdosierung mit tödlichen Folgen, dem sogenannten goldenen Schuss. Der Abhängige kann sehr schnell in Entzugssituationen und Beschaffungsstress kommen, da die Wirkung bei Heroins bedeutend kürzer ist als bei beispielsweise Morphin. Die Heroinsucht führt wie kaum eine andere Abhängigkeit zur sozialen Verwahrlosung (siehe Tabelle 4), Wohnungen von Abhängigen dienen nur noch als Fluchtort, um sich den nächsten Schuss zu verabreichen und sind oft verkommen (vgl. ebd. 2016: S.125).

Relativ komplikationslos gestaltet sich der Entzug. Nach drei Tagen ist der Gipfel und un­gefähr nach einer Woche ist der körperliche Entzug überwunden. Im Gegensatz zu Alkohol bewirkt Heroin keine Organschäden. Dass der Heroinkonsum sehr selten isoliert vom Ein­satz anderer Drogen auftritt ist heutzutage jedoch allgemein bekannt (vgl. ebd. 2016: S.126).

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Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Druckräume im Drogenkonsum. Das konzeptionelle Selbstverständnis im Kontext der normativen und menschenwürdigen Zielsetzung Sozialer Arbeit
Hochschule
Fachhochschule des Mittelstands  (Köln)
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
65
Katalognummer
V926315
ISBN (eBook)
9783346298928
ISBN (Buch)
9783346298935
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Druckräume, Drogenkonsumräume, Gassenzimmer, Heroin, Drogenabhängigkeit, Drogenszene, Stigmatisierung, Brückenbauer, Soziale Arbeit, Zielsetzung, Menschenwürde, Grundgesetz
Arbeit zitieren
Oskar Stranzenbach (Autor), 2020, Druckräume im Drogenkonsum. Das konzeptionelle Selbstverständnis im Kontext der normativen und menschenwürdigen Zielsetzung Sozialer Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/926315

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