Interkulturelle Faktoren des Marketing in Australien


Bachelorarbeit, 2007
62 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Interkulturelle Faktoren des Marketing in Australien
1.1. Einleitung
1.2. Aufbau der Arbeit

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Interkulturelles Marketing vs. Internationales Marketing
2.2. Der Kulturbegriff
2.2.1. Explikativ-deskriptives Modell von Osgood
2.2.2. Das Kulturmodell nach Hofstede
2.2.3. Das Kulturmodell nach Hall/ Hall
2.3. Kulturmerkmale in Anlehnung an die vorangegangenen Kulturmodelle
2.3.1. Kulturmerkmale Deutschlands
2.3.2. Kulturmerkmale Australiens

3. Interkulturelles Marketing in Australien
3.1. Bestimmung deutscher und australischer Kulturspezifika
3.2. Bedeutung für die Steuerung deutsch-australischer Kooperationen
3.2.1. Einfluss auf das Management
3.2.2. Einfluss auf die Personalführung
3.2.3. Einfluss auf das Kommunikationsverhalten
3.3. Standardisierung vs. Differenzierung deutscher Marketingaktivitäten
3.4. Kulturelle Einflüsse auf den Marketing-Mix in Australien
3.4.1. Produktpolitik
3.4.2. Preispolitik
3.4.3. Distributionspolitik
3.4.4. Kommunikationspolitik

4. Empirische Untersuchung
4.1. Festlegung des Untersuchungsziels
4.2. Abstraktionsebene und Methode des Interviews
4.3. Auswahl des Experten
4.4. Kritische Analyse der Ergebnisse

5. Resümee

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Kulturmerkmale Deutschland/ Australien nach Hofstede

Abb. 2: Kulturunterschiede Deutschland und Australien

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Religionen in Australien

Tab. 2: Vergleich der Mediaspendings 2004 Australien-Deutschland

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Interkulturelle Faktoren des Marketing in Australien

1.1. Einleitung

Die weltwirtschaftliche Entwicklung sowie ein geringes wirtschaftliches Wachstum auf den einheimischen Märkten haben die Unternehmen in den letzten Jahrzehnten zur Erschließung grenzüberschreitender Märkte veranlasst. Vorangetrieben wurde diese Internationalisierung durch den rasanten technologischen Fortschritt und den Kommunikationsmöglichkeiten durch das World Wide Web.

Das internationale Marketing richtet seine Aktivitäten oftmals ohne Rücksicht auf kulturelle Besonderheiten auf den globalen Konsumenten aus, um keine Wettbewerbsvorteile zu verlieren. Im Zuge der internationalen Geschäftstätigkeit lag der Fokus zumeist auf Kostendegression und Risikominimierung.

Der unternehmerische Erfolg eines Unternehmens wird jedoch auf Grund der internationalen Wettbewerbsintensität zunehmend vom „erfolgreichen Umgang mit kulturellen Unterschieden“ geprägt sein[1]. Insofern stellt sich für jedes Unternehmen die Frage, ob ein einheitliches Marketingkonzept vertreten werden kann oder ob kulturspezifische Anpassungen vorgenommen werden müssen.

Die historischen Entwicklungen sind ausschlaggebend für die engen Handelsbeziehungen zwischen Australien und der Europäischen Union (EU), wobei Deutschland nach Großbritannien der wichtigste Wirtschaftspartner ist[2]. Ein stabiles Wirtschaftswachstum von 2,7 % sowie eine konstant geringe Arbeitslosenquote von 5 %[3] lassen den australischen Markt für deutsche Firmen zu einem attraktiven Geschäftsfeld werden. Mit der geringen Distanz zum asiatischen Raum und der Mitgliedschaft in der Asia-Pacific Economic Cooperation (APEC)[4] wird sich der Zugang zum wachstumsstarken asiatischen Markt über Niederlassungen deutscher Unternehmen in Australien eröffnen. Für ein erfolgreiches Marketing und eine Etablierung auf dem australischen Markt ist die systematische Analyse der kulturellen Einflussfaktoren notwendig.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird untersucht, welche Determinanten der australischen Kultur bei der Expansion auf den australischen Markt berücksichtigt werden müssen. Damit wird eine erfolgreiche Etablierung deutscher Unternehmen unter Ausnutzung der interkulturellen Kenntnisse ermöglicht.

1.2. Aufbau der Arbeit

Der Einleitung folgt im Kapitel 2. die Abgrenzung des Internationalen Marketings zum Interkulturellen Marketing. Anschließend wird der Kulturbegriff mit Hilfe des explikativen-deskripitven Modells von Osgood operationalisiert. Darauf folgend werden die Kulturmodelle von Hofstede und Hall/ Hall vorgestellt, anhand derer die deutsche und die australische Kultur im Anschluss analysiert werden. In Kapitel 3. wird auf signifikante Unterschiede der beiden Kulturen hingewiesen, um nachfolgend die kulturellen Einflüsse auf deutsch-australische Unternehmenskooperationen sowie das Marketing deutscher Unternehmen in Australien herauszustellen. In Kapitel 4. erfolgt eine Überprüfung der in den vorangegangenen Kapiteln erarbeiteten kulturellen Theorien und Thesen mittels einer Expertenbefragung und einer kritischen Analyse der Antworten. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse und einem Resümee in Kapitel 5..

2. Theoretische Grundlagen

2.1. Interkulturelles Marketing vs. Internationales Marketing

Marketing ist nach Meffert „die Planung, Koordination und Kontrolle aller auf die aktuellen und potentiellen Märkte ausgerichteten Unternehmensaktivitäten. Durch eine dauerhafte Befriedigung der Kundenbedürfnisse sollen die Unternehmensziele verwirklicht werden“[5]. Sobald sich Unternehmen international betätigen wollen, sucht das Internationale Marketing nach Lösungsansätzen zur Stimulierung der Konsumentennachfrage.

Internationales Marketing definiert Quack als „eine an länderübergreifenden Märkten und deren Umfeld orientierte Unternehmensführung“[6]. Hierbei handelt es sich um die Umsetzung strategischer und operativer Maßnahmen von der nationalen auf die interna-

tionale Ebene. Internationales Marketing ist eine dogmenorientierte akademische Disziplin, die die Bearbeitung internationaler Märkte mit Hilfe standardisierter Strategien vornimmt. Die kulturellen Faktoren werden im Internationalen Marketing nicht ausreichend berücksichtigt, sie werden in Ausnahmefällen lediglich „deskriptiv und atheoretisch diskutiert und beschrieben“[7].

Das Konsumentenverhalten wird jedoch von den jeweiligen kulturellen Werten und Normen beeinflusst. Daher ist es notwendig eine eingehende Analyse der relevanten Kulturen vorzunehmen und die Marketing-Instrumente mit Hilfe des Interkulturellen Marketings hierauf abzustimmen.

Dem Begriff „Interkulturelles Marketing“ liegt keine eindeutige Definition zu Grunde[8]. Überschneidungen mit dem Internationalen Marketing sind in den operativen und strategischen Maßnahmen zu finden. Jedoch liegt die strategische Ausrichtung des Interkulturellen Marketings auf dem kulturellen Hintergrund. Interkulturelles Marketing ist eine interdisziplinäre Wissenschaft, in die neben den betriebswirtschaftlichen Theorien die Vorkenntnisse weiteren Wissenschaften wie Ethnologie, Anthropologie, Soziologie, Psychologie sowie vergleichender Politologie und Rechtswissenschaften einfließen[9]. Die Märkte werden hinsichtlich ihres Standardisierungspotentials und ihres Differenzierungsbedarfes analysiert, um sich Wettbewerbsvorteile durch Kultur- und somit Kundenorientierung zu sichern. Die kulturellen Eigenheiten werden bei der Erstellung des Marketingkonzeptes hinsichtlich der Produkt-, Preis-, Distributions- und Kommunikationspolitik berücksichtigt. Im Folgenden wird der Begriff „Kultur“ erläutert, um diesen anschließend zu operationalisieren.

2.2. Der Kulturbegriff

Kultur ist für die Menschen „wie das Wasser für die Fische: Das Wasser bleibt unbemerkt, solange der Fisch darin bleibt“[10]. Erst wenn sie sich in einer anderen Kultur befinden, wird ihnen bewusst, dass ihre Denk- und Verhaltensmuster nicht mehr zu der neuen Umgebung passen.

Was ist Kultur? Kultur ist ein mehrdeutiges Konstrukt. Auf Grund der zahlreichen involvierten Wissenschaftsdisziplinen ist eine eindeutige Definition in der Literatur nicht auffindbar[11].

Der Begriff Kultur wurde von dem lateinischen „cultura“ abgeleitet und bezeichnet die „Bebauung“ bzw. „Bodenhaltung“[12].

Nach Müller/ Gelbrich steht Kultur für einen gemeinsamen Wissensvorrat, den eine Gruppe von Menschen teilt und wodurch sie sich von anderen Gruppen unterscheidet[13]. Um eine Abgrenzung zur Natur herzustellen, wird Kultur als „das vom Menschen Geschaffene“[14] bezeichnet.

Eine umfassendere Definition hat von Keller entwickelt: Kultur sind „sämtliche kollektiv geteilten, impliziten oder expliziten Verhaltensnormen, Verhaltensmuster, Verhaltensäußerungen und Verhaltensresultate, die von Mitgliedern einer sozialen Gruppe erlernt und mittels Symbolen von Generation zu Generation weitervererbt werden“[15].

Kultur ist als ein kollektives, soziales Phänomen zu betrachten, denn sie wurde von der Gesellschaft oder Gemeinschaft im Laufe vieler Jahre entwickelt, getragen und überliefert. Sie kann auch fortbestehen, wenn die Individuen oder die von ihr getragene Gesellschaft untergegangen ist wie bspw. die griechisch-römische Antike. Sie besitzt Prozesscharakter, denn sie verändert sich ständig durch physikalische und geschichtliche Einflüsse[16].

Nach Hofstede ist sie gekennzeichnet durch ein inneres Muster des Denkens, Fühlens und Handelns, welches sich im Laufe des Lebens angeeignet wurde[17]. In jeder Kultur wurden Vorstellungen über angemessene und unangemessene Verhaltensweisen entwickelt[18]. Der Großteil bleibt für Außenstehende verborgen. Nur ein geringer Teil der Kultur ist sichtbar, was mit der Metapher des Eisbergs verdeutlicht wird[19]. Die sichtbaren Unterschiede (der sichtbare Teil des Eisbergs) werden in der Sprache, Literatur, Musik, Architektur, Rechts- und Wirtschaftssystemen u.v.m. wahrgenommen. Der verborgene Teil (Werte, Normen und Einstellungen) ist für Außenstehende nicht erkennbar.

Eine Abgrenzung der Kulturen scheint mit Hilfe der Nationalgrenzen möglich. Jedoch kann eine Kultur nicht durch Nationen abgegrenzt werden, da innerhalb von Nationen eine Reihe weiterer Kulturen Bestand haben, so genannte Sub-Kulturen wie bspw. in Indien[20].

Zur Systematisierung des Kulturbegriffes werden die einzelnen Kulturquellen herangezogen, die sich in die Makroebene (Nationalität, ethnische Gruppe, Sprache, Religion), Mesoebene (Unternehmen/ Organisationen, Beruf) und Mikroebene (Familie, Erziehung, Klasse/ Schicht, Geschlecht) gliedern lassen[21].

Zur Darstellung der Vielschichtigkeit von Kultur wird nachfolgend das Modell von Osgood herangezogen.

2.2.1. Explikativ-deskriptives Modell von Osgood

Kultur besteht aus einer materiellen, wahrnehmbaren Ebene (Bücher, Kleidung, Kunst) und einer immateriellen, für Außenstehende nicht unmittelbar wahrnehmbaren, Ebene (Bräuche, Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen)[22]. Ausgehend von diesen Erscheinungsformen stellte der Forscher Osgood Anfang der 1950er Jahre ein Konzept zur Beschreibung von Kultur vor, das in Concepta und Percepta unterteilt ist[23].

Concepta stellt den explikativen Teil des Konzeptes dar. Hierunter werden die verhaltensbestimmenden geistigen Vorstellungen innerhalb einer Gesellschaft erfasst, die sich im Laufe der historischen Entwicklung herausgebildet haben. Sie werden als „mental culture“ erfasst[24] und im Folgenden erläutert:

Tabus sind ein Teil der mentalen Kultur, die das Verhalten maßgeblich beeinflussen. Sie sind definiert als „das Unverletzliche, Unantastbare; das worüber nicht gesprochen werden darf“[25]. Beispielhaft in Deutschland anzuführen sind Inzest, Schwangerschaftsabbruch und Alkoholismus, in anderen Kulturen die Frauenbeschneidung, Inkontinenz oder der Verzehr von bestimmtem Fleisch.

Die Wertvorstellungen/ Werte einer Kultur sind ein weiterer Teil der Concepta und für Außenstehende nicht sichtbar. Sie stellen gesellschaftliche Ideale dar, sind wünschenswert und anerkannt. Sie schaffen „ein Ordnungsprinzip kultureller Identität“[26], wodurch eine Abgrenzung gegenüber anderen Kulturen möglich ist. Unterschieden werden sie in moralische (Treue), materielle (Wohlstand), politische (Freiheit) und ästhetische (Schönheit) Werte, die in einer Gesellschaft erstrebenswert sind[27].

Aus den Werten leiten sich Normen ab, die das Leben in der Gesellschaft bestimmen. Normen sind gesellschaftlich erwartete Verhaltensweisen und machen das Handeln des Einzelnen und das Reagieren in gewissem Maße vorhersehbar. Auch Begrüßungsrituale und Verhaltenskodices lassen sich unter Normen zusammenfassen[28]. So erfolgt die Begrüßung in Deutschland durch einen mäßig kräftigen Händedruck, wohingegen sich andere Kulturen umarmen oder küssen.

Auch die Einstellungen sind Teil der Concepta. Sie sind definiert als „zeitlich stabile auf soziale Objekte gerichtete Verhaltensbereitschaft“[29], auf deren Grundlage sich das Verhalten von Personen prognostizieren lässt, wobei der Einfluss von situativen und persönlichen Faktoren berücksichtigt werden muss.

Der deskriptive Teil des Kulturkonzeptes, Percepta, konzentriert sich auf unmittelbar wahrnehmbare Artefakte. Sie werden sichtbar im Verhalten („social culture“) und in den Verhaltensergebnissen („material culture“)[30].

Rituale und Zeremonien sind immaterielle Faktoren der Kultur. Sie sind im Laufe der Evolution gefestigt und zwischen den Generationen weitervererbt worden. Dargestellt werden sie in einem nach vorgegebenen Regeln wiederkehrenden Handlungsablauf, so bspw. das Ritual der Trauung zwischen Eheleuten.

Die Sitten einer Kultur haben ebenfalls Einfluss auf das Verhalten. Dabei entspricht es in Deutschland den guten Tischsitten mit geschlossenem Mund zu essen, wohingegen andere Kulturen ein Schmatzen als wohlwollendes Zeichen deuten.

Auch Symbole werden den sichtbaren immateriellen Faktoren einer Kultur zugeordnet. Dies können Gesten, Schrift- oder Bildzeichen, aber auch Farben sein[31]. Für nicht dem jeweiligen Kulturkreis Angehörige ist der inhaltliche Aspekt von Symbolen schwer nachvollziehbar, da sie interkulturell unterschiedliche Bedeutungen haben. So wird die Farbe rot in westlichen Kulturen u.a. mit Gefahr assoziiert, in der chinesischen Kultur hingegen steht sie für Erfolg[32].

Durch die zuvor beschriebene mentale und soziale Kultur bildet sich die materielle Kultur als Verhaltensergebnis heraus. Sie wird in der Architektur, der Kunst oder der Kleidung sichtbar. So unterscheidet sich bspw. die Kleidung der Europäer auf Grund klimatischer und wirtschaftlicher Bedingungen, aber auch durch ihre Werte und Einstellungen von der der Bewohner Afrikas.

Um interkulturelle Unterschiede zu erfassen, sind die Kulturstudien von Douglas, Pinto, Trompenaars, Kluckhohn/ Strodtbeck, Hall/ Hall und Hofstede erwähnenswert. Diese Arbeit beschränkt sich im Folgenden auf die Modelle von Hofstede und Hall/ Hall.

2.2.2. Das Kulturmodell nach Hofstede

Die umfassendste Studie zum Vergleich von Kulturen hat der niederländische Organisationswissenschaftler Geert Hofstede durchgeführt. Die Erstellung des kulturvergleichenden Modells erfolgte auf Grundlage einer umfangreichen Datenmenge. Diese gewann er aus einer Umfrage unter IBM-Mitarbeitern in über fünfzig Ländern in den Jahren 1968 bis 1972[33]. Bei der korrelationsanalytischen Auswertung ergaben sich nach einer Faktoranalyse vier Kulturdimensionen: Machtdistanz (power distance), Individualismus (individualism), Maskulinität (masculinity) und Vermeidung von Unsicherheit (uncertainty avoidance). Aus einer Nachfolgestudie ging eine fünfte Dimension hervor, die Hofstede als „Langfristige versus Kurzfristige Orientierung“ bezeichnete. Jedoch wird die Vergleichbarkeit wissenschaftlich angezweifelt, da diese Studie nicht wie zuvor unter Managern sondern unter Studenten durchgeführt wurde[34]. Im Folgenden werden die erst genannten vier Dimensionen und ihre Auswirkungen näher erläutert[35].

Machtdistanz ist das Ausmaß, in dem Menschen glauben und akzeptieren, dass Macht und Status in einer Gesellschaft ungleich verteilt sind[36]. Diese Ungleichheit wird durch das Bestehen sozialer Schichten und durch die Möglichkeit der Mobilität, d.h. der Aufstiegsmöglichkeiten in eine höhere soziale Schicht, sichtbar. Machtdistanz geht einher mit einem hierarchischen Gefüge und dem Grad autoritärer Werthaltung. Die Auswirkungen einer großen Machtdistanz auf das soziale Leben zeigen sich u.a. darin, dass die Menschen schon während der Kindheit in der Familie zur Unterordnung und zu Gehorsam erzogen werden[37]. In Kulturen mit geringerer Machtdistanz liegt das Ziel der Erziehung darin, Kinder so schnell wie möglich zu selbstständigem Denken und Handeln anzuleiten. Dieses Denkmuster setzt sich in der Schule fort und wird bis ins Berufsleben weiterentwickelt. In Ländern mit hoher Machtdistanz sind die Unternehmen mit stark hierarchisch strukturierten Organisationen ausgestattet[38]. Von den Mitarbeitern wird Gehorsam verlangt, diese wiederum erwarten klare und eindeutige Anweisungen. Ein autoritärer Führungsstil ist hier vorherrschend. Die Machtdemonstration durch sichtbare Statussymbole wird akzeptiert und unterstützt die Autorität der Führungspersönlichkeiten[39]. Kulturen mit einer geringen Machtdistanz hingegen weisen meist einen kooperativen Führungsstil auf. Ein guter Manager muss nicht auf alle Fragen seiner Mitarbeiter eine präzise Antwort wissen. Vorgesetzte und Mitarbeiter sehen sich als Teil eines funktionalen Systems, in dem die Rollen austauschbar sind. Statussymbole wird in diesen Kulturen mit Misstrauen begegnet[40].

Der Individualismusindex drückt aus, in wie weit ein Mitglied seine Identität aus sich heraus entwickelt und die individuellen Interessen Vorrang gegenüber den kollektiven Interessen haben[41]. Die Kinder werden meist in Familien mit zwei Elternteilen großgezogen und lernen schnell eine persönliche Identität aufzubauen. Das Erziehungsziel besteht darin den Menschen beizubringen „Wie man lernt“[42], damit diese später mit unerwarteten Situationen selbständig umgehen können. Der Gegenpol, Kollektivismus, beschreibt Gesellschaften, in denen der Mensch einer Gruppe zugehörig ist und die einzelnen Interessen den kollektiven Interessen untergeordnet sind[43]. In kollektivistischen Kulturen wachsen die Kinder in Großfamilien auf und verstehen sich als Teil einer Gruppe. Aus der Gruppe heraus erhält der Mensch seine Identität sowie Schutz vor Gefahren. Dafür ist er ihr zur Loyalität verpflichtet[44]. So entwickelt sich ein Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit, was im Gegensatz zu individualistischen Ländern zu einer lebenslangen intensiven Bindung und Verpflichtung gegenüber der Familie führt. Diese Verpflichtungen sind auch ritueller Art. Traditionen spielen in kollektivistisch geprägten Ländern eine große Rolle[45]. Die gegenseitige Abhängigkeit spiegelt sich auch im späteren Berufsleben wieder. Mitglieder einer In-Group erfahren eine bevorzugte Behandlung, so bspw. bei Beförderungen. Jedoch ist auch jeder einzelne verpflichtet, die Gruppenharmonie zu wahren. Entscheidungen werden auf Grundlage eines Gruppenkonsenses getroffen. Im Geschäftsleben wird nicht die Aufgabe als Priorität angesehen, sondern das Aufbauen einer vertrauensbasierten Beziehung[46].

In individualistisch geprägten Ländern wird im Arbeitsleben ein selbstständiges Arbeiten unter Einhaltung der vorgegebenen Rahmenbedingungen erwartet. Dieses muss im Einklang mit den persönlichen Interessen stehen, denn Selbstentfaltung, Autonomie und persönliche Herausforderungen sind von entscheidender Bedeutung. Bei der Entscheidung über eine Beförderung zählen die Fähigkeiten des Einzelnen. „Management by Objects“[47] ist ein geeignetes Anreizsystem zur Mitarbeitermotivation in diesen Ländern. Im Vordergrund von Geschäftsbeziehungen steht die schnelle und reibungslose Abwicklung von Transaktionen.

Zu beobachten ist, dass individualistische Länder tendenziell reich und kollektivistische Länder eher arm sind[48]. Das ist darauf zurückzuführen, dass in individualistischen Ländern das Streben nach persönlichen und somit auch zum Teil gesellschaftlichen Zielen im Vordergrund steht.

In maskulin orientierten Kulturen sind die Rollen der Geschlechter emotional klar voneinander abgegrenzt[49]. Diese Kulturen zeichnen sich vorrangig durch Werte wie hohes Einkommen, Leistungsbereitschaft, Zielstrebigkeit und Konkurrenzdenken aus. Frauen sind in diesen Kulturen vorrangig für die Erziehung und die häuslichen Pflichten zuständig und besitzen meist einen symbolischen Status. Männer sind das Oberhaupt der Familie und sorgen für die finanziellen Einkünfte. Die Mutter verkörpert die Gefühlswelt, der Vater hingegen steht für die Vermittlung der Faktenwelt[50]. Prestige und Machtsymbole finden verstärkt Beachtung. In femininen Gesellschaften hingegen herrscht ein ausgewogenes Rollenverständnis. Mann und Frau sind gleichberechtigt, beide nehmen am Berufsleben teil und häusliche Verpflichtungen unterliegen der Arbeitsteilung[51]. In diesen Kulturen wird einer hohen Lebensqualität der Vorrang eingeräumt[52]. Zwischenmenschliche Beziehungen, soziale Stabilität und Ausgeglichenheit stehen hier im Fokus.

Auch im Arbeitsleben macht sich die Ausprägung dieser Dimension bemerkbar. Während in maskulinen Kulturen selbstbewusstes und bestimmendes Verhalten erwartet wird, wirkt dieses in feminin orientierten Kulturen meist wie Imponiergehabe. Hier zählen Understatement und Anpassungsbereitschaft. Karriereaussichten und Leistungsanreize besitzen in maskulin orientierten Kulturen einen hohen Stellenwert[53]. Ein hohes Einkommen ist wichtiger als Freizeit. Die Menschen „leben, um zu arbeiten“[54].

Die vierte Dimension zum Vergleich von Kulturen stellt die unterschiedliche Ausprägung von Unsicherheitsvermeidung dar. Diese definiert Hofstede als „der Grad, bis zu dem die Mitglieder einer Kultur sich durch uneindeutige oder unbekannte Situationen bedroht fühlen.“[55]. Eine niedrige Ausprägung des Indexwertes, wie bspw. in Schweden, Dänemark und Hongkong, lässt auf Risikobereitschaft schließen. Gelassenheit, optimistische Grundeinstellung sowie lockere Verhaltensregeln im Umgang miteinander sind typisch für diese Kulturen. Rahmenbedingungen für das Handeln werden vorgegeben, in dessen Raum der Einzelne entscheiden kann. Im Arbeitsleben sind flache Hierarchien anzutreffen. Lange Entscheidungswege werden eher als hinderlich angesehen. Toleranz gegenüber Uneindeutigkeit und Unbekanntem stellt eine signifikante Eigenschaft dieser Kulturen dar[56].

Kulturen mit einem hohen Unsicherheitsvermeidungsindex hingegen sind geprägt von Gesetzen, Regeln und Vorschriften, um mit unbestimmten und unvorhersehbaren Situationen umgehen zu können[57]. Sie dienen der Absicherung und Risikovermeidung. Während der Erziehung werden den Kindern strenge Verhaltensregeln vermittelt, so bspw. die bestimmte Ansprache von Erwachsenen und das Verhalten ihnen gegenüber[58]. Das Berufsleben ist gekennzeichnet durch starre Hierarchien und lange Entscheidungswege. Formale Kommunikationswege sind stets einzuhalten. Strategische Planungen in Unternehmen werden durch Frühwarnsysteme abgesichert[59]. Im privaten Bereich findet man eine Vielzahl von Versicherungen zur Unsicherheitsreduktion. Auch ist in diesen Kulturen ein erhöhter Anteil ethnischer Vorurteile zu beobachten[60].

2.2.3. Das Kulturmodell nach Hall/ Hall

Von den Anthropologen E.T. und M.R. Hall wurde ein Modell zur Klassifizierung von Kulturen entwickelt. Mit der Aussage „culture is communication“[61] liegt der Schwerpunkt auf der „Informationsübermittlung, -speicherung und -verarbeitung“[62]. Zum Vergleich von Kulturen werden vier Dimensionen herausgestellt, die im Folgenden kurz erläutert werden.

Die Ausprägungen der Kontextorientierung lassen sich in High context (kontextreiche) und Low context (kontextarme) Kulturen unterscheiden. Nach Hall/ Hall stellt Kontext die Information dar, die einen Vorgang/ eine Botschaft umgibt und untrennbar mit selbigen verbunden ist[63]. In High context-Kulturen sind viele Informationen einer Botschaft außerhalb der verbalen Kommunikation zu finden[64]. Ein Mitglied dieser Kultur wird auf Grund eines gemeinsamen Wertesystems und Erfahrungsrepertoires die Botschaft des Kommunikationspartners entschlüsseln. Ein Großteil der Information wird durch nonverbale Kommunikationselemente übermittelt[65]. Das Verständnis ist stark davon abhängig, ob die Kommunikationspartner sich in der „In-Group“ befinden und auf gemeinsame Kodices zurückgreifen können. Diese Form ist vorrangig in kollektivistisch orientierten Kulturen anzutreffen[66]. Jedoch sollte man diese grobe Zuordnung nicht ohne detaillierte Überprüfungen übernehmen, da die Franzosen zwar einer individualistischen Kultur angehören, nach Hall/ Hall aber der High context-Kultur zuzuordnen sind[67].

Low context-Kulturen hingegen zeichnen sich durch eine direkte, präzise und offene Kommunikation aus. Der Informationsgehalt der verbalen Botschaft ist so hoch, dass er sogar digitalisierbar ist[68]. Die einzelnen Botschaften lassen nur wenig Interpretationsspielraum zu. Meist ist diese Form der Kommunikation in individualistisch geprägten Kulturen vorzufinden[69]. Probleme können sich hier bei der Kommunikation zwischen beiden Kulturen ergeben, da Mitglieder der High context-Kulturen den Informationsaustausch mit Mitgliedern von Low context-Kulturen oft als zu direkt und unhöflich einstufen. Low context-Kulturen hingegen sind verwirrt über die ausschweifende Art der Kommunikation der Mitglieder aus High context-Kulturen.

Die Dimension Zeitorientierung wird in monochronistisches und polychronistisches Zeitverständnis unterschieden[70]. In monochronistischen Kulturen wird Zeit als ein linearer Verlauf von der Vergangenheit in die Zukunft gesehen[71]. Sie ist nur begrenzt vorhanden und somit in einzelne planbare Segmente einteilbar. In diesen Kulturen dominiert die Einteilung der Zeit mittels Terminplaner. Der Handlungsausführende konzentriert sich jeweils auf eine spezifische Handlung. Abweichungen von Vereinbarungen und Verspätungen werden als Respektlosigkeit empfunden. Zeit ist für diese Kulturen vergleichbar mit Geld. Polychronistische Kulturen hingegen sehen Zeit als unbeschränkt vorhanden an. Es gibt kein definiertes Ende. Zeitpläne werden als bedingt verbindlich angesehen. Pünktlichkeit hat in diesen Kulturen einen untergeordneten Stellenwert. Mehrere Dinge gleichzeitig zu tun oder auch das stete Ändern von Terminen sind kennzeichnend für diese Kulturen.

Ein weiterer Ansatz zur Unterscheidung von Kulturen bildet die Raumorientierung. Diese Dimension unterscheidet zwischen persönlichem Raum, die persönliche Nähe zum anderen, Hall/ Hall bezeichnet diesen als „bubble“[72], und dem territorialen Raum, das Gebiet um eine Person herum[73]. Die Raumorientierung ist von der jeweiligen Situation und der Beziehung zum Menschen abhängig, bspw. vom Grad der Vertrautheit. Das unterschiedliche Raumempfinden kann in vielen Kulturen beobachtet werden. Während sich die einen Mitglieder von Kulturen mit kleineren „bubbles“ zur Begrüßung küssen oder umarmen und auch während der Kommunikation miteinander Körperkontakt halten, fühlen sich andere Kulturen in diesen Situationen unwohl. Sie achten stets auf Einhaltung eines gewissen Abstandes, so erfolgt die Begrüßung durch einen Händedruck. Kulturelle Werte, historische Bedingungen sowie bspw. die Großflächigkeit und Weitläufigkeit eines Landes und die vorherrschenden Lebensbedingungen, sind nach Blom/ Meier ausschlaggebend für den Grad der räumlichen Distanz einer Kultur[74]. Die Kontaktbereitschaft der Amerikaner sei auf die Überwindung der räumlichen Distanz zurückzuführen[75].

Die letzte Dimension analysiert, mit welcher Geschwindigkeit Botschaften entschlüsselt werden. Bei Kulturen mit langsamer Botschaftsentschlüsselung dauert es eine bestimmte Zeit, bevor Vertrauen zu der kontaktierten Person aufgebaut werden kann. Dafür erweisen sich diese Verhältnisse oft als langwieriger, wie in den europäischen oder ostasiatischen Räumen. In Kulturen mit schneller Botschaftsentschlüsselung werden schnell oberflächliche und kurzweilige Beziehungen eingegangen, wie bspw. in angloamerikanischen Kulturen[76].

2.3. Kulturmerkmale in Anlehnung an die vorangegangenen Kulturmodelle

Die vorangegangenen Kulturmodelle von Hofstede und Hall/ Hall werden nachfolgend zur Operationalisierung der deutschen und der australischen Kultur angewandt.

2.3.1. Kulturmerkmale Deutschlands

Deutschland besitzt auf einer Fläche von 357.000 km² eine Einwohnerzahl von 82 Mio. Mit den sich daraus ergebenen 231 Einwohnern je km² zählt Deutschland zu den am dichtesten besiedelten Ländern der Welt[77]. Während sich das Land heute in 16 Bundesländer aufteilt, war es in der Geschichte geprägt vom Kleinstaatentum[78]. Die Anfänge zu einem einheitlichen Deutschland wurden mit dem Deutschen Bund geschaffen. Gefestigt wurde diese Entwicklung durch die Entstehung des Deutschen Reiches unter der Vormachtstellung Preußens[79]. Die zwei Weltkriege sind fundamental bedeutend für die weitere kulturelle Entwicklung Deutschlands. Die deutschen Grundwerte sind geprägt durch die griechische Denkweise, das römische Recht und den christlichen Glauben. Werte wie Pünktlichkeit, Ordnung und Zuverlässigkeit sind auf Grund des preußischen Einflusses in der deutschen Bevölkerung verankert.

Für die Machtdistanz in Deutschland wurde in der Hofstede-Studie ein Indexwert von 35 Punkten ermittelt[80]. Dieser liegt deutlich unter dem weltweiten Mittelwert von 55 Punkten[81]. Gleichheit hat in der deutschen Kultur einen hohen Stellenwert und ist im Grundgesetz in Artikel 3 Absatz 1 verankert. Chancengleichheit spielt in der deutschen Gesellschaft eine große Rolle. Das Schulsystem wurde in den 1970er Jahren reformiert, damit Chancengleichheit zur Wahrnehmung von Bildung eröffnet wird. Statusdenken ist in der deutschen Bevölkerung unerwünscht, auch wenn dieses zum Teil durch den früheren Aristokratenadel noch vorhanden ist[82]. Statussymbole wie exklusivere Büros, Autos oder Häuser lassen die Unterschiede sichtbar werden.

In der Familie werden die Kinder zu Unabhängigkeit und Selbständigkeit mittels antiautoritärer Erziehung erzogen. Die freie Meinungsäußerung und das selbständige Denken werden gefördert. Aktives Lernen wird in den Schulen vermittelt. In Unternehmen werden den Mitarbeitern innerhalb von Zielvorgaben freie Entscheidungsräume eingeräumt. Ein kooperativer Führungsstil dominiert in den Unternehmenskulturen. Informationen werden jedoch nur an Personen übermittelt, die in ihrer jeweiligen Position dafür Verwendung finden[83].

Mit einem Individualismusindex von 67 Punkten zählt Deutschland zu einem individualistisch geprägten Land. Die Interessen des Einzelnen sowie dessen Selbstverwirklichung stehen im Vordergrund. Man äußert offen seine Meinung, ohne Rücksicht auf die Reaktion der Gruppe. Selbst gesetzte Ziele werden ehrgeizig verfolgt. Kinder werden ermutigt sich in der Ich-Form zu artikulieren. Die Schule vermittelt die Grundkenntnisse zu dem, wie man sich Wissen aneignet. Die Eigenständigkeit wird schon im Kindesalter gefördert. Gute persönliche Leistungen, wie bspw. ein guter Studienabschluss, steigern das Selbstwertgefühl. Innerhalb von Unternehmen werden Leistung und die eigenen Fähigkeiten honoriert und sind ausschlaggebend für Beförderungen oder Gehaltserhöhungen. Die Aufgabe genießt höchste Priorität, persönliche Beziehungen werden außen vor gelassen.

Jedoch ist der Individualismus nicht so ausgeprägt wie in Australien. Die soziale Marktwirtschaft und das ausgeprägte Sozialsystem stehen für den Kollektivgedanken und Solidarität untereinander. Die Entscheidungsfindung in Unternehmen basiert vorrangig auf Gruppenkonsens[84].

Der Indexwert für die maskuline/ feminine Orientierung Deutschlands beträgt 66 Punkte[85]. Die deutsche Kultur kann somit als maskulin orientierte Kultur eingruppiert werden. Das Rollenbild der Hausfrau und des hart arbeitenden Mannes wird zwar nicht mehr praktiziert und akzeptiert, ist aber in vielen Einstellungen noch vorzufinden. So ist bspw. der Anteil von Frauen in Führungspositionen in Deutschland sehr gering. Auch die Einkommensunterschiede zwischen Männer und Frauen weisen auf eine nicht vollendete Gleichstellung hin. Das Leben ist geprägt von Leistungsdenken, Einbußen in der Freizeit werden dabei akzeptiert. Auch Überstunden werden zu Gunsten der Karriere in Kauf genommen. Der Gedanke „leben, um zu arbeiten“ ist dominierend, was in der geschichtlichen Entwicklung der dauernden Wiederaufbauten begründet ist[86]. Hier hat man erfahren, dass durch harte konsequente Arbeit zunehmender Wohlstand erreicht werden kann.

Deutschland zeichnet sich durch einen hohen Unsicherheitsvermeidungsfaktor aus (siehe Abb.1). Die Existenz vieler Generationen von Deutschen wurde im geschichtlichen Verlauf bedroht, so dass Unsicherheit die heutige Kultur prägt[87]. Eine Vielzahl von Gesetzen, Regeln und Verhaltensnormen bestimmen die deutsche Gesellschaft, um Unsicherheit zu reduzieren. Für das wirtschaftliche Zusammenwirken gibt es eine Reihe von Regelungen. Die Deutschen Industrie Normen (DIN) sind kennzeichnend für Deutschland. Der hohe Informationsgehalt in Werbebotschaften soll Unsicherheit beim Kauf von Produkten reduzieren[88]. Das gesellschaftliche Zusammenleben ist geprägt von Verhaltensnormen. So gibt es genauste Regelungen zur Ansprache von Personen mittels Nachnamen und Titel sowie der Differenzierung zwischen „Du“ und „Sie“. Geprägt wurden diese Verhaltensnormen noch durch Adolph Freiherr Knigge, der das „Benimmbuch“ „Über den Umgang mit Menschen“ im 18. Jahrhundert verfasste. Im Geschäftsleben zeichnen sich die Deutschen durch hohe Präzision und genauste Absicherung durch Einhaltung formaler Wege aus. Auf Grundlage eingehender auch zurückliegender Informationsquellen werden nach sorgfältiger Prüfung Entscheidungen gefällt. Qualität und Zuverlässigkeit sind kennzeichnend für die deutsche Kultur, hemmen jedoch Flexibilität und Spontaneität[89].

Die deutsche Kultur ist eine Low context-Kultur. Ein direkter, undiplomatischer und ehrlicher Kommunikationsstil ist kennzeichnend für die Deutschen, jedoch geben sie meist mehr Informationen weiter, als explizit verlangt werden[90]. Anweisungen, Stellungnahmen und Ablehnungen werden direkt kommuniziert. Konstruktive Kritik, die an der Sache ausgerichtet ist, wird offen ausgeübt und ist erwünscht.

Die Decodierung der Botschaften erfolgt schnell. Zum Verständnis des Sachverhaltes sind keine weiteren Hintergrundinformationen notwendig. Eine Vertrauensbasis muss nicht zuvor geschaffen werden. Man tauscht sich nur um der Sache Willen aus. Langwierige Unternehmungen zum Aufbau von Vertrauen oder gar Beziehungen zur Geschäftsanbahnung empfinden sie als überflüssig. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Deutschen als „kühl“ und reserviert bezeichnet werden. Vertrauen und Freundschaften entwickeln sich über einen langwierigen Prozess und sind dann meist sehr intensiv und persönlich.

Das deutsche Zeitverständnis ist monochronistisch geprägt, „Zeit ist Geld“. Die langfristige Zeitplanung wird mittels Terminplaner vorgenommen, um keine Zeit „zu verschwenden“. Das Sprichwort „Fünf Minuten vor der Zeit ist die beste Pünktlichkeit“ zeigt, dass Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit weit in die kulturelle Entwicklung zurückgreifen und bis heute Bestand haben. Ein Zuspätkommen wird in Deutschland gleichgesetzt mit Unzuverlässigkeit und Respektlosigkeit.

Die Deutschen benötigen bspw. im Gegensatz zu den südeuropäischen Kulturen einen großen persönlichen Raum für ihr individuelles Wohlbefinden. Sie sind stets bedacht, während der Konversation Abstand zum Kommunikationspartner zu halten. So gibt man sich zur Begrüßung die Hand und verabschiedet sich in derselben Form. Im Laufe der Jahre hat sich durch die kulturellen Einflüsse der Immigranten die Form der Begrüßung etwas gelockert, jedoch nur unter engen Freunden, so dass man sich auch mal umarmt bzw. ein Küsschen auf die Wange gibt. Körperberührungen sind jedoch weiter tabu. Auch das Territorialdenken ist sehr ausgeprägt. So werden Grundstücke stets nach genauster Vermessung durch Zäune begrenzt[91]. In Unternehmen sind die Büros oft durch Türen verschlossen, um so das eigene Territorium abzustecken[92].

Auch wenn sich die deutsche Kultur im Laufe der letzten Jahrzehnte durch die Immigrationspolitik etwas von ihren eigentlichen Werten gelöst hat, werden Deutsche nach Gwalik „immer ein wenig ordnungsliebender, arbeitswilliger, pünktlicher und zuverlässiger sein“[93].

2.3.2. Kulturmerkmale Australiens

Mit einer Fläche von 7,7 Mio. km² ist Australien eines der flächengrößten Länder der Erde. Mit ca. 20,5 Mio. Einwohnern ist es jedoch nur dünn besiedelt[94]. Die Mehrheit der Bevölkerung ist in den fünf größten Städten, Sydney, Melbourne, Brisbane, Perth und Adelaide, also in der Küstenregion ansässig. Das Land zeichnet sich durch geologische, geographische und klimatische Extreme aus. So findet man im Osten, Süden und Südwesten zumeist ertragsreichen Boden, das Zentrum des Landes ist von einer Wüstenlandschaft geprägt. Im Südosten sind schneebedeckte Höhenzüge zu finden und im Norden und Nordosten gestalten Regenwälder und weite Ebenen das Landschaftsbild. Das Klima erstreckt sich von tropischer Schwüle im Norden, extremer Hitze im Zentrum und mäßigen Temperaturen im Süden.

Aus der geschichtlichen Entwicklung Australiens geht hervor, dass das Land zunächst von den kulturellen Einflüssen der Ureinwohner, genannt Aborigines, geprägt war. Im 18. Jahrhundert begann die Kolonialisierung der Insel durch die Briten, die Strafgefangene, wegen überfüllter Gefängnisse, nach Australien deportierten. Nach Ablauf ihrer Strafe wurde diesen ein Stück Land zur Kultivierung zugeteilt, um den Kontinent zu besiedeln und den Rückfall in die Straffälligkeit zu verhindern. Die Anfänge Australiens stehen somit im Zeichen einer reinen Strafkolonie britischer Gefangener. Da eine vollständige Erschließung des Landes so nicht möglich war, bot man Freiwilligen in Form von Rückerstattung der Überfahrtkosten und Landbesitz Anreize zur Übersiedlung. Im weiteren Verlauf kam es durch die historischen Ereignisse sowie dem Goldrausch in Australien zur Immigration unterschiedlichster Nationalitäten, wobei die Aborigines aus ihren heimischen Gebieten vertrieben wurden, da man Australien nach der Terra-nullius-Theorie als Niemandsland ansah[95]. Heute besteht die Bevölkerung zum größten Teil aus Einwohnern britischer und irischer Abstammung, die vorrangig die Kultur Australiens prägen. Ein weiterer Teil hat seinen Ursprung in Italien, Deutschland, China, Schottland, Griechenland, Niederlande (anteilmäßig in der Reihenfolge) usw.[96]. Der Anteil der Immigranten aus Ost- und Südostasien steigt stetig. Nur noch eine Minderheit von ca. 2 % der Bevölkerung sind Aborigines[97]. Australien stellt sich heute als eine bunte Gesellschaft dar, in der Miteinander und Toleranz eine große Bedeutung besitzen.

Hofstede korreliert für die Machtdistanz Australiens einen Indexwert von 36 Punkten[98]. Im Verhältnis zum weltweiten Durchschnitt ist dieser relativ niedrig[99]. Australien ist somit ein Land, in dem Ungleichheit nicht akzeptiert wird. In der Literatur wird stets der Egalitarismus (Gleichheitsstreben) Australiens hervorgehoben[100]. Das Bestreben nach größtmöglicher Gleichbehandlung ist im privaten, wie auch im beruflichen Bereich präsent. Flache Hierarchien in den Unternehmen sowie ein kooperativer Führungsstil sind genauso ein Indiz dafür, wie die formlose Ansprache von Personen ohne akademischen Titel und meist nur beim Vornamen. Mitarbeiter werden in den Entscheidungsfindungsprozess einbezogen[101]. In der betrieblichen Umgangsform wird sich am durchschnittlichen gemeinsamen Nenner orientiert[102]. In der Familie schon werden Kinder mittels liberaler, antiautoritärer Erziehung zu selbstbewussten, selbständigen Menschen herangezogen. Politikern wird mit Misstrauen begegnet, denn diese werden von den Australiern verdächtig sich für etwas Besseres zu halten. Aus diesem Grund geben sich die Politiker im Vergleich zu Politikern anderer Länder extrem bescheiden[103]. Reichtum wird als Zeichen der Ungleichheit gesehen. So genannte „tall poppies“ (Hochstengel), die ihren Reichtum demonstrieren, werden durch gesellschaftliche Nichtachtung sanktioniert und so wieder „auf normale Länge gebracht“[104].

[...]


[1] Emrich (2006), S. V.

[2] Vgl. Joskowicz/ Stilijanow/ Thomas (2007), S. 12.

[3] Vgl. Australian Bureau of Statistics (2007).

[4] Die APEC ist eine internationale Organisation, die das Ziel verfolgt, im Asien-Pazifikraum eine Frei- handelszone zu errichten.

[5] Meffert (2005), S. 8.

[6] Quack (1995), S. 6.

[7] Emrich (2006), S. 31.

[8] Vgl. Emrich (2006), S. 25.

[9] Vgl. Emrich (2006), S. 26.

[10] Blom/ Meier ( 2004), S. 35.

[11] Vgl. Gawlik (2006), S. 15.

[12] Vgl. Emrich (2007), S.11.

[13] Vgl. Müller/ Gelbrich(2004), S. 61.

[14] Müller/ Gelbrich(2004), S. 40.

[15] Von Keller, in: Gawlik (2004), S. 20.

[16] Vgl. Emrich (2007), S. 10.

[17] Vgl. Hofstede (2006), S. 3.

[18] Vgl. Scheer/ Köppen (2001), S. 50.

[19] Vgl. Scheer/ Köppen (2001), S. 45.

[20] Vgl. Scheer/ Köppen (2001), S. 65.

[21] Vgl. Emrich (2006), S. 12.

[22] Vgl. Müller/ Gelbrich (2004), S. 68.

[23] Vgl. Emrich (2006), S. 43.

[24] Vgl. Geistmann (2002), S. 76.

[25] Bünting/ Ader (1991), S. 229.

[26] Emrich (2006), S. 48.

[27] Vgl. Schlecht (2007).

[28] Vgl. Emrich (2006), S. 46.

[29] Emrich (2006), S. 50.

[30] Vgl. Geistmann (2002), S. 76.

[31] Vgl. Emrich (2007), S. 55.

[32] Vgl. Trompenaars/ Wooliams (2004), S. 188.

[33] Vgl. Hofstede (2006), S. 28.

[34] Vgl. Müller/ Gelbrich (2004). S. 152; Emrich (2007), S. 87.

[35] Auf Grund der eingeschränkten Vergleichbarkeit und den gleiche Werten Deutschlands und Australiens innerhalb der Dimension „Langfristige versus Kurzfristige Orientierung“ wird diese im Folgenden nicht weiter berücksichtigt.

[36] Vgl. Hofstede (2006), S. 59.

[37] Vgl. Hofstede (2006), S. 71.

[38] Vgl. Hofstede (2006), S. 73.

[39] Vgl. Hofstede (2006), S. 74.

[40] Vgl. ebenda.

[41] Vgl. Müller/ Gelbrich (2004), S. 115.

[42] Hofstede (2006), S. 139.

[43] Vgl. Hofstede (2006), S. 102.

[44] Vgl. Hofstede (2006), S. 117.

[45] Vgl. Hofstede (2006), S. 118.

[46] Vgl. Hofstede (2006), S. 139.

[47] Management by Objects ist ein System der Leistungsbeurteilung durch Zielvereinbarungen, die für einen jeweiligen Zeitraum gesetzt werden.

[48] Vgl. Hofstede (2006), S. 104.

[49] Vgl. Hofstede (2006), S. 165.

[50] Vgl. Emrich (2006), S, 82.

[51] Vgl. Hofstede (2006), S. 176.

[52] Vgl. ebenda.

[53] Vgl. Hofstede (2006), S. 164.

[54] Müller/ Gelbrich (2004), S. 147.

[55] Hofstede (2006), S. 233.

[56] Vgl. Hofstede (2006), S. 262.

[57] Vgl. Hofstede (2006), S. 252.

[58] Vgl. Müller/ Gelbrich (2004), S. 138.

[59] Vgl. Müller/ Gelbrich (2004), S. 136.

[60] Vgl. Hofstede (2006), S. 280.

[61] Hall/ Hall (1990), S. 3.

[62] Gawlik (2006), S. 63.

[63] Vgl. Hall/ Hall (1990), S. 6.

[64] Vgl. Emrich (2007), S. 61.

[65] Vgl. Emrich (2007), S. 136.

[66] Vgl. Scheer/ Köppen (2001), S. 71.

[67] Vgl. Hall/ Hall (1990), S. 10.

[68] Vgl Emrich (2007), S. 62.

[69] Müller/ Gelbrich (2004), S. 82.

[70] Vgl. Hall/ Hall (1990), S. 13.

[71] Vgl. ebenda.

[72] Vgl. Hall/ Hall (1990), S. 11.

[73] Vgl. Hall/ Hall (1990), S. 10.

[74] Vgl. Blom/ Meier (2004), S. 63.

[75] Vgl. ebenda.

[76] Vgl. Hall/ Hall (1990), S. 5 ff.

[77] Vgl. Kleis (2006), S. 9.

[78] Vgl. Thomas/ Kammhuber/ Schroll-Machl (2003), S. 84.

[79] Vgl. Kleis (2006), S. 32.

[80] Vgl. Hofstede (2007).

[81] Vgl. ebenda.

[82] Vgl. Hall/ Hall (1990), S. 48.

[83] Vgl. Hall/ Hall (1990), S. 41.

[84] Vgl. Hall/ Hall (1990), S. 59.

[85] Vgl. Hofstede (2007).

[86] Vgl. Thomas/ Kammhuber/ Schroll-Machl (2003), S. 86.

[87] Vgl. ebenda.

[88] Vgl. Hofstede (2006), S. 250.

[89] Vgl. Thomas/ Kammhuber/ Schroll-Machl (2003), S. 76.

[90] Vgl. Hall/ Hall (1990), S. 49.

[91] Vgl. Hall/ Hall (1990), S. 38.

[92] Vgl. Hall/ Hall (1990), S. 40.

[93] Gwalik (2004), S. 136.

[94] Vgl. Joskowicz/ Stilijanow/ Thomas (2007), S. 11.

[95] Vgl. Simon (2001), S. 31.

[96] Vgl. Gilissen (2004), S. 146.

[97] Vgl. Gilissen (2004), S. 73.

[98] Vgl. Hofstede (2007).

[99] Vgl. ebenda.

[100] Vgl. Gilissen (2004), S. 152.

[101] Vgl. Fichtinger/ Sterzenbach (2003), S. 51.

[102] Vgl. Gilissen (2004), S. 292.

[103] Vgl. Gilissen (2004), S. 157.

[104] Vgl. Gilissen (2004), S. 156.

Ende der Leseprobe aus 62 Seiten

Details

Titel
Interkulturelle Faktoren des Marketing in Australien
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
62
Katalognummer
V92700
ISBN (eBook)
9783638049863
ISBN (Buch)
9783638944281
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interkulturelle, Faktoren, Marketing, Australien
Arbeit zitieren
Anke Dorow (Autor), 2007, Interkulturelle Faktoren des Marketing in Australien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92700

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