Zu: Bertolt Brechts "Me-ti Buch der Wendungen"


Hausarbeit, 2007

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Brechts Me-ti
2.1. Einführung
2.2.Entstehung
2.3. Buchtitel
2.4. Vorlagen und Forschungsstand
2.5. Verurteilung der Ethiken

3. Physik versus Dialektik

4. Die große Ordnung

5. Brechts Verhältnis zu Korsch

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im schwedischen Exil, direkt nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges, stellte Bertolt Brecht in seinem „Arbeitsjournal“ ein Verzeichnis der wenigen Gegenstände zusammen, die er besaß. Unter den Büchern, die er über die wechselnden Ländergrenzen mitschleppen konnte, befand sich „ME-TI in Leder“. In den Darstellungsformen der alten chinesischen Philosophie, wo Kunst und Wissenschaft noch eine Einheit bilden, erblickte Brecht einen produktiven Ansatz und ein erstrebenswertes Vorbild. Diese Anregung führte zu einer Sammlung kleiner Kapitel, von künstlerisch geformten Notaten, die Brechts gesellschaftliches Anliegen zum Ausdruck bringen. Dieser Sammlung gab er den Titel „Me-ti – Buch der Wendungen“, er nannte sie gelegentlich auch „Buch der Erfahrung“ oder „Büchlein mit Verhaltenslehren“. Die Phasen der Rezeption eines großen Werkes verlaufen langsam. Es wäre zu einfach anzunehmen, Wesentliches erschließe sich auf den ersten Blick. Wenn man das Buch der Wendungen nicht einfach als philosophische Schrift betrachtet, so ergibt sich die Frage, auf welche Weise die künstlerische Formung erfolgt sei. Handelt es sich hier um Aphorismen, Gespräche, Selbstbekenntnisse oder um Texte, die allein durch die Sprachkraft des Autors ästhetische Wirkung auslösen?

Mit der folgenden Untersuchung möchte ich die Intention und Bedeutung des Werkes Me-ti – Buch der Wendungen erschließen.

Zunächst erläutere ich die Entstehungsgeschichte des Werkes, sowie den Buchtitel „Me-ti“, darauf gehe ich auf die chinesischen Vorlagen und die Forschungsstände näher ein. Da Brechts marxistische Studien für „Me-ti“ von großer Bedeutung sind und sich die marxistische Lehre als dessen Thema erweist, stelle ich Brechts Marxismusauffassung dar, indem ich auf das Verhältnis von Brecht und Karl Korsch näher eingehe, um Brechts Schaffensprozess im Zusammenhang mit seiner Bemühung um neue künstlerische Formen für antifaschistische Literatur als Mittel zur Darstellung der Wirklichkeit zu veranschaulichen.

Hat die „Große Methode“ Brecht dazu verholfen, der Entwicklung des "realen Sozialismus" ins Auge zu sehen? Im Bezug auf die Stalinsche Sowjetunion sah er gravierende Fehler. Dass der Sozialismus in eine neue, totalitäre Herrschaft umschlagen könnte - diese Möglichkeit stand Brecht, dem Dialektiker, vor Augen, aber er schreckte vor ihr zurück. Könnte es sein, dass seine Beschäftigung mit den chinesischen Denkern der fernen Vergangenheit den Versuch darstellt, die Bewegung der Gesellschaft in Widersprüchen auch für Gesellschaftsformationen der Zukunft zu prognostizieren?

2. Brechts Me-ti

2.1. Einführung

Das „Buch der Wendungen“ lässt sich in die Tradition der Lebens-, Klugheits- und Weisheitslehren der Renaissance und des Barock einordnen, also in einen im weitesten Sinne moralphilosophischen Diskurs.

Die "Große Methode", die Brecht im "Me-ti" entwickelt, indoktriniert nicht, sondern "sie lehrt, Fragen zu stellen, die das Handeln ermöglichen". Sie ist "eine praktische Lehre, von der Bewerkstelligung der Veränderung und der Veränderung der Bewerksteller, der Trennung und Entstehung von Einheiten, der Unselbständigkeit der Gegensätze ohne einander, der Vereinbarkeit einander ausschließender Gegensätze. Die Große Methode ermöglicht, in den Dingen Prozesse zu erkennen und sie zu benutzen."[1]

Sittliches Tun wird von klugem und nützlichem Tun ausgestochen, die normorientierte Tugend wird von der erfolgsorientierten Tüchtigkeit verdrängt und die Moralität gerät unter den Einfluss der Strategie.[2] Viele Texte im „Buch der Wendungen“ stehen als begleitende Kommentare zur Realgeschichte, sie reflektieren auf konkrete „tagespolitische“ Ereignisse, beispielsweise auf die Entwicklungen im faschistischen Deutschland, die Moskauer Prozesse oder die Bündnispolitik der UdSSR. So können die Fragmente auch als Zeitbuch angesehen werden, da die linke Politik dieser Epoche enthalten ist.[3] Diese Fragmente dokumentieren Brechts Versuch „zentrale Themen der Zeitgeschichte während eines Zeitraums von über 20 Jahren in eine fiktional-verfremdende , d.h. in eine ästhetische Darstellung zu bringen.“[4]

Es erschien Brecht wohl notwendig, unter den außerordentlichen historischen Verhältnissen der 30er-, 40er- und frühen 50er Jahren und den sich daraus ergebenden Debatten unter den Linken über „Ethik“ und „Verhalten“ ein „Lehrbuch des Verhaltens“ zu erstellen, das andere Ansichten hat als die herkömmlichen bürgerlichen Vorstellungen von Verhalten.

2.2.Entstehung

Bertolt Brecht hat in mehreren Phasen am „Buch der Wendungen“ gearbeitet. Es besteht in der Fassung der GBA aus 319 Texten.

Schon in den 20er Jahren setzte sich Brecht zum ersten Mal mit der chinesischen Philosophie auseinander. Von seiner Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann ist überliefert worden, dass Brecht sich in dieser Zeit mit den deutschen Übersetzungen der chinesischen Klassiker durch Richard Wilhelm (1873–1930) beschäftigt habe. An der Schule der Weisheit in Darmstadt hielt Wilhelm zwischen 1924 -1939 öfter Vorträge über klassische Werke der chinesischen Philosophie und erläuterte das „I Ching“ sowie dessen Denksystem und die Zeichen in seinem Weisheitsbuch. Brecht hat vermutlich durch die Vermittlung von Richard Wilhelm das „I Ching“ kennengelernt.

Die Arbeit an „Me-ti. Buch der Wendungen“ erfolgt diskontinuierlich. Der früheste Zeitpunkt der Abfassung, den die Forschung annimmt, ist in den Jahren 1927/28. So behauptete Yun-Yeop Song in seiner Dissertation „Bertolt Brecht und die chinesische Philosophie“, dass Brechts Begegnung mit dem Mehismus (der Lehre Mo Tzus) ungefähr für die Entstehungszeit der „Dreigroschenoper“ festzulegen sei, d.h. 1927/28. Seine Behauptung stützt sich allerdings im Wesentlichen auf die Deutung des Brechtschen Gedichts „Ein Nützlichkeitsstandpunkt“, das einen Grundgedanken des Mehismus vertritt. Die Mehrzahl der Forscher geht jedoch davon aus, dass Brecht 1933 mit dem Entwurf des „Me-ti“ begann. Das Ende der Arbeit wird in der Regel auf das Jahr 1942 datiert.[5]

Laut des Exilgefährten Brechts, Hanns Eisler, arbeitete er möglicherweise ab 1930/31 an „Me-ti“, Eisler sagte in einem Gespräch mit Hans Bunge:

„Es gab damals eine ausgezeichnete sinologische Gesellschaft, ich glaube in Wiesbaden, und es kamen Publikationen, und Brecht hat das von seinen Freunden bekommen. Das war eine große Entdeckung für uns.“[6]

Das Material des Bertolt- Brecht- Archivs spricht dafür, dass die meisten Notizen in den dreißiger Jahren im Exil in Dänemark entstanden sind. Die Briefe und das Arbeitsjournal von Brecht liefern Aufschlüsse für die Phasen seiner Arbeit an „Me-ti“, die zwischen 1933-1942 liegen.

Aus dem Brief an Otto Neurath ergibt sich, dass die erste Arbeitsphase für „Me-ti“ wohl schon im Sommer 1933 vorlag. In diesem Brief geht es um die kleine Gesellschaft, die „in enger Zusammenarbeit einen Katalog eingreifender Sätze in Angriff nehmen“ sollte. Diese Gesellschaft hatte den Namen „Gesellschaft für materialistische Dialektik“ mit dem Zweck „gewisse Erkenntnisse und Erkenntnismöglichkeiten gerade aus den sozialen Wandlungen heraus […] zu gewinnen.“[7] In diesem Brief war zwar nicht von „Me-ti“ die Rede, aber der Katalog sollte „jede Art von Metaphysik bekämpfen“[8].

Etwa Mitte der dreißiger Jahre verwies Brecht in einem Brief auf das „Taoteking“ in Zusammenhang mit Lao Tzus Sprache, d.h. einer durch eine besondere konkrete Sprache vermittelten Sittenlehre. Schließlich schrieb Brecht im März/April 1935 einen Brief aus Moskau an Helene Weigel und fragte sie, ob sie den „Me-ti“ schon geholt habe und ob er „hübsch“ geworden sei.[9]

Einen weiteren Hinweis auf Brechts Arbeit liefert sein Brief an Karl Korsch Ende 1936/Anfang 1937, in dem er schreibt:

„Ich will das im chinesischen Stil geschriebene Büchlein mit Verhaltenslehren, von dem Sie ja einiges kennen, weiter schreiben und bei der Durchsicht des Materials fielen mir wieder beiliegende Sätze in die Hand; sie sind so sehr nützlich, daß ich Sie um eine Fortsetzung bitten möchte.“[10]

Diese obigen Sätze beziehen sich auf die Aphorismen, die Karl Korsch zum Teil mit Brecht zusammen nach Art einer chinesischen Verhaltenslehre geschrieben hatte.

In den Jahren des Exils wurde das Buch mit Verhaltenslehren nun ausgebildet zum „Buch der Wendungen“, im Jahre 1939 wird der Titel zum ersten Mal im Arbeitsjournal erwähnt.

In seinen Exiljahren gab ihm sein Mitemigrant Hermann Greid weitere Anregungen, denn Greid schrieb über eine „Marxistische Ethik“. Brecht vermerkte: „das positive des Marxismus […] wird im ethischen gesucht [...] für das buch der wendungen allerhand material.“[11]

In Brechts „Me-ti“ selbst finden sich historische Hinweise, so bezieht sich beispielsweise der Aphorismus „Mi-en-lehs Stimme“ auf den Überfall der deutschen Armee 1941 auf die Sowjetunion. Deshalb ist anzunehmen, dass Brecht bis 1942 noch an „Me-ti“ gearbeitet hat. Ein weiterer Hinweis zur Datierung hängt mit dem von Brecht selbst entwickeltem, an der chinesischen Schrift orientierten Schriftsystem zusammen, das auf das Aufbauprinzip (der Hexagramme) im „I Ching“ zurückverweist.[12]

Als Vorlagen zu „Me-ti“ benutzte Brecht schließlich die Schriften des Sozialethikers Mo Tzu, übersetzt von Alfred Forke. Ein Exemplar der Übersetzung ist in den Jahren des Exils in Dänemark mit Anstreichungen von Brecht und Karl Korsch versehen worden. Außerdem verrät die Schreibweise des chinesischen Namens „Me-ti“ die Benutzung der Übersetzung von Forke.[13]

[...]


[1] Tageszeitung über Brecht: Wendung statt Wandlung von Christian Semmler. Artikel vom 6.8.2006. http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2006/08/07/a0205

[2] ebd

[3] Vgl. Jan Knopf: Brecht Handbuch. Prosa, Filme, Drehbücher. 3. Bde., Stuttgart/Weimar 2002, S. 236.

[4] Ebd.

[5] Vgl. Mei-Ling Luzia Wang: Chinesische Elemente in Bertolt Brechts „Me-ti Buch der Wendungen“. Frankfurt am Main 1990, S. 12ff.

[6] Hans Eisler: Gespräche mit Hans Bunge: Fragen Sie mehr über Brecht. 1.Aufl., München 1976, S.134.

[7] Briefe, Nr. 179, S. 173 – 174.

[8] Ebd.

[9] Vgl. Briefe, Nr. 251, S. 248.

[10] Briefe, Nr. 304, S. 301.

[11] Am 25.5.1983: Werner Hecht (Hrsg): Arbeitsjournal, Bd.1, 1.Aufl. 1973, S. 51.

[12] Knopf: Brecht Handbuch 2002, S. 291.

[13] Helwig Schmidt-Glintzer: Mo Ti. Gegen den Krieg, Stuttgart 1989, S. 161 – 162.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Zu: Bertolt Brechts "Me-ti Buch der Wendungen"
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Brechts Buch der Wendungen
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V92752
ISBN (eBook)
9783638066464
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bertolt, Brechts, Me-ti, Buch, Wendungen
Arbeit zitieren
Julia Trefzer (Autor), 2007, Zu: Bertolt Brechts "Me-ti Buch der Wendungen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92752

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