Herders „Journal meiner Reise im Jahr 1769“

Diagnose seiner Reise über die verschiedenen Kulturen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeines zum Reisejournal

3. Situation vor der Reise

4. Geschichte des Kulturbegriffs

5. Methoden zur Kulturanalyse
5.1. Das Sichhineinversetzen
5.2. Die Analogie

6. Diagnose der europäischen Kulturen
6.1. Provinz Livland und Russland
6.2. Holland
6.3. Frankreich
6.4. Deutschland

7. Selbst- und Fremdbild

8. Schluss

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Johann Gottfried Herder entwickelte in seinen Werken Gedanken, die bis heute in zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen präsent sind, ohne dass man sich ihren Ursprünge immer bewusst wäre. Seine Texte nahmen Einfluss auf die Philosophie, die Geschichts-, Sozial- und Kulturwissenschaft. Diese hat die Voraussetzung für ihre Entstehung, nämlich die Anerkennung einer Vielfalt verschiedener gleichwertiger Kulturen, zu einem bedeutenden Teil Herder zu verdanken.

Im „Journal meiner Reise im Jahr 1769“ versucht Herder der Reihe nach die Kulturzustände der Länder, an denen er vorbeisegelte oder die er besuchte, zu bestimmen und durch Vergleiche das jeweils Individuelle der verschiedenen Völker herauszustellen. Bei Russland und insbesondere bei Deutschland prüft er über die Analyse des Ist-Zustandes der Kultur hinaus ihre schlummernden kulturellen Möglichkeiten und fragt nach Wegen, wie die Verwirklichung dieser Möglichkeiten zu befördern ist. Erst in der Reflexion auf konkrete unmittelbare Erfahrungen mit diesen Kulturen entwickelt Herder eine eigene Kulturkonzeption. Dieser soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden.

Zuerst beschreibe ich das Reisejournal im Allgemeinen und erläutere die Situation vor der Abreise näher, damit sein plötzlicher Aufbruch verständlich wird.

Im Hauptteil der Arbeit beschäftige ich mich mit Herders Analyse bzw. Kritik der spezifischen Kultur von Livland, Russland, Holland, Frankreich und Deutschland. Die entscheidenden Ursachen für die Individualität der einzelnen Kulturen liegen in ihrer Entwicklung. Das Verstehen der Geschichte einer Nation, ihres Klimas, ihrer Bildung und ihres Nationalcharakters spielt eine wichtige Rolle, denn aus dem Ineinanderwirken dieser 4 Faktoren geht die Individualität einer Volkskultur hervor.

Ferner arbeite ich einen Unterschied zwischen Herders eigener deutscher Kultur und der fremden heraus. Dabei ist das Eigen- und Fremdbild von zentraler Bedeutung.

2. Allgemeines zum Reisejournal

Herders „Journal meiner Reise im Jahr 1769“, das er während seiner Frankreichfahrt führte, ist kein Reisetagebuch im traditionellen Sinne, denn von der Reise selbst wird nur am Rande berichtet. Weder von der Fahrt mit dem Segelschiff von Riga nach Paimboef in der Bretagne noch von den Erlebissen und Begegnungen in Nantes, wo er drei Monate Zwischenstation machte und wo die Niederschrift des größten Teils des „Journal“ erfolgte –auf dem Schiff hatte er nur einige Skizzen angefertigt-, noch von Paris, wo die Tagebuchaufzeichnungen enden, wird ausführlich erzählt. Es lassen sich nur vereinzelte Bemerkungen zum Abschied in Riga, zu Beobachtungen auf dem Schiff, zur Ankunft auf dem französischen Festland und zu Bekanntschaften in Nantes und Paris finden, dies geschieht meist zu Beginn von Sinnabschnitten, von denen aus er sich jedoch schnell nach der Assoziations- oder Analogiemethode anderen Themen zuwendet. Diese Passagen über die Reiseerlebnisse haben nur eine Anknüpfungs- und äußere Gliederungsfunktion- so lässt sich ein Aufbau am Leitfaden der Chronologie der Ereignisse erkennen- sie haben aber keine zentrale Bedeutung, sondern stehen gegenüber dem Wesentlichen des Tagebuchs, der Darstellung der herrschenden Gedanken und Einflüsse, ganz im Hintergrund. Es handelt sich also in erster Linie um ein „Reflexions-Tagebuch“. Dass aber Herder diese Gedanken und Einfälle auf einer Reise hat, darf nicht als nebensächlich angesehen werden. Denn erst eine veränderte Lebenssituation schafft ihm die Voraussetzung für das Denken des Neuen; erst das Verlassen der gewohnten Umgebung ermöglicht ihm diese Gedankenreise zu einer neuen Sicht von Mensch und Welt.[1]

3. Situation vor der Reise

Im Jahr 1764 wurde Herder als Lehrer an die Domschule von Riga berufen, 1767 brachte ihm die Ernennung zum Prediger an den Vorstadtkirchen auch die materielle Existenzsicherung. Er war sowohl als Lehrer als auch als Prediger erfolgreich, als Literaturkritiker machte er sich bald einen skandalumwitterten Namen, da er versuchte, seine literaturkritischen Schriften zu verleugnen. Die heftige öffentliche Auseinandersetzung über seine frühen Schriften veranlasste ihn sogar, eine der bedeutendsten Schriften „Das vierte kritische Wäldchen“ ungedruckt zu lassen. Er verzichtete darauf wohl aus Rücksicht auf seine womöglich scheiternde Karriere als Theologieprofessor. Hier gibt es bereits Anzeichen eines Identitätskonfliktes.

Auch der gesellschaftliche Erfolg blieb Herder nicht fremd. Er verkehrte im Hause seines Verlegers Hartknoch und war bald eng mit der Frau seines Rigaer Kaufmannes befreundet. Wegen des öffentlichen Rufes musste die Beziehung rein platonisch bleiben, auch dies trug nicht unwesentlich zu seiner Krise bei. Im Jahr 1769 quittierte er kurzerhand sein Rigaer Amt und ging auf Reisen.

Der ursprüngliche Plan einer Bildungsreise baute ganz auf Herders Rigaer Tätigkeit unter Einschluss der Literaturkritik auf. Er nahm sich, vor mit bekannten Theologen in Kontakt zu treten, Klopstock zu besuchen und mit Gerstenberg zu diskutieren.

Mit der „buchstäblich verschlafenen Möglichkeit jedoch, das Schiff bei Helsingör zu verlassen, manövrierte er sich in ein Vakuum, das ihn zwang, seinen Lebensplan neu zu entwerfen“[2]. Dies geschieht im „Journal meiner Reise“. Da er den größten Teil dieses Textes während des zweiwöchigen Aufenthalts in Nantes schrieb, liegt kein Reisejournal von Tag zu Tag vor, sondern „das Produkt einer von tiefer Depression gezeichneten Klausur, die Herder sich in Frankreich zunächst auferlegte“[3]. Der Schluss entstand kurz darauf in Paris. Veröffentlicht wurde das „Journal“ erst nach Herders Tod.[4]

4. Geschichte des Kulturbegriffs

Der Begriff Kultur kommt ursprünglich aus dem Lehnwort des lateinischen Wortes „cultura“ (Bearbeitung, Anbau , Ackerbau). Cicero spricht erstmalig von Kultur in metaphorischer Hinsicht, nämlich von der „cultura animi“, der Kultur des Geistes. Sowohl bezüglich des Ackerbaus als auch des Geistes ist menschliche Arbeit und Anstrengung erforderlich. Wenn diese nicht vollbracht wird, kann die Kultur wieder verfallen. Auch enthält die „animi cultura“ einen moralischen Aspekt im Sinne von „guten Sitten“, der mit Herders Kulturbegriff jedoch wieder verschwindet.

Bei frühchristlichen oder mittelalterlichen Schriftstellern wurde „cultura“ in Abgrenzung zum angeblich heidnischen Gebrauch entweder im rein agrarischen Sinne oder als „cultura Christianae religionis“ gesehen. Der Mensch war nicht eigenverantwortlich für seine Kultur, sondern verdankte sie Gott. Die Humanisten nahmen wieder den ciceronischen Gebrauch an, nach dem der Mensch allein für seine Würde verantwortlich ist. Der Frühaufklärer und Naturrechtslehrer Samuel von Pufendorf (1632 – 1694) verleiht dem Begriff „cultura“ eine soziale Komponente, indem er unterscheidet zwischen einem barbarischen Naturzustand außerhalb der Gesellschaft („status naturalis“) und einem menschenwürdigem „status cultura“. Damit geht es um das gesellschaftliche Leben, also um gemeinschaftliche Normen, Pflichten und Vorzüge.

[...]


[1] Vgl. Rainer Wisbert: Das Bildungsdenken des jungen Herder. Interpretation der Schrift „Journal meiner Reise im Jahr 1769, Frankfurt am Main, 1987, S. 71 – 73.

[2] Rudolf Käser: Flucht aus dem Amt und zurück. Das Journal meiner Reise im Jahr 1769. In: ders.: Die Schwierigkeit, ich zu sagen. Rhetorik der Selbstdarstellung in Texten des „Sturm und Drang“ Herder - Goethe – Lenz, Bern /Frankfurt am Main /New York /Paris 1987, S. 33.

[3] Ebd.

[4] Wisbert: Das Bildungsdenken des jungen Herder, S.74.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Herders „Journal meiner Reise im Jahr 1769“
Untertitel
Diagnose seiner Reise über die verschiedenen Kulturen
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Interkulturelle Germanistik
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V92756
ISBN (eBook)
9783638066655
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herders, Reise, Jahr, Interkulturelle, Germanistik, Journal, 1769, johann gottride, kulturen, Mittelmeer
Arbeit zitieren
Julia Trefzer (Autor), 2006, Herders „Journal meiner Reise im Jahr 1769“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92756

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