Der Mittelmeerraum hört nicht auf, sich selbst zu erzählen und sich selbst zu erneuern. Unzählige Landschaften und sämtliche Zivilisationen treffen aufeinander. Dort zu reisen heißt, auf römische und prähistorische Lebensbereiche zu treffen. Denn schon immer ist das Mittelmeer Schnittpunkt verschiedener Welten. Die Bildungsreisenden im 18. Jahrhundert brachen vorwiegend nach Italien auf, um die Faszination eines „besseren Landes“, indem Schönheit und Freiheit sich als zusammengehörig erweisen, zu erfahren und sich in die fremde Welt einzuleben. Johann Gottfried Seumes Blick auf Italien ist von Anfang an entgegengesetzt orientiert. Er beharrt auf seiner deutschen Andersartigkeit. Für ihn stellt sein Spaziergang keine Seelen-Kur dar, wie das Rom-Erlebnis für Goethe, sondern es geht ihm um eine Bestandsaufnahme durch einen kritischen Blick. In seinem Reisebericht Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 läuft er zu Fuß fast 6000 Kilometer von Rostock zu seinem Ziel Syrakus. Nicht, der Kunst oder der Sehenswürdigkeiten willen, sondern um sich selbst und der Menschen willen. Seine Wanderung quer durch ungesicherte, mitunter auch weglose Gegenden, ist eine „modern“ anmutende Mischung von Abenteuerlust, physischer Grenzerfahrung, radikalem Aufbruch ins Ungewisse und Flucht aus der gewohnten Umwelt, in der nicht immer leicht Fuß zu fassen ist. Diese Obsession kann ansteckend sein. Zwei Jahrhunderte später ist Seume für viele Menschen wieder aktuell, beispielsweise als Wanderer und kritischer Reiseschreiber. Und er erregt unsere Neugier, schon weil der unangepasste Querdenker in kein gängiges Klischee passt
Genau diese Reise aktualisiert Friedrich Christian Delius und zwar zu DDR-Zeiten. Er erzählt die Geschichte eines DDR-Bürgers, dessen größter Traum es ist, auf Seumes Spuren den Spaziergang von Rostock nach Syrakus nachzulaufen. Er bereitet ihn sieben Jahre lang vor, bis ihm kurz vor der Wende die abenteuerliche Flucht im Segelboot tatsächlich gelingt.
Im Hauptteil der Arbeit widme ich mich Seumes Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Welche Motivation hinter Seumes Reise steckt und worin sich seine Kulturauffassung von all den anderen unterscheidet, werde ich näher beleuchten. Warum läuft er gerade zu Fuß, wo es doch zu seiner Zeit schon einige bequemere Fortbewegungsmittel gab? Was bedeutet die mediterrane Welt in ihrem Ursprung und was ist sie jetzt? Und inwiefern unterscheidet sich Seumes Reise von den herkömmlichen Bildungsreisen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Johann Gottfried Seume
Der Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802
2.1 Biographie Seumes
2.2. Seume – Der Tourist
2.3. Seumes Motivation der Reise
2.4. Der Spaziergänger Seume
2.5. Kulturbetrachtung Seumes
2.6. Die mediterrane Welt
2.7. Politische Situation
2.8. Textgrundlage
2.9. Entstehung und Wirkung
3. Friedrich Christian Delius:
Spaziergang von Rostock nach Syrakus
3.1. Ausgangspunkt der Erzählung
3.2. Entstehung der Erzählung
3.3. Inhalt
3.4. Politische Situation
3.5. Vergleich Delius und Seume
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Reiseberichte von Johann Gottfried Seume und Friedrich Christian Delius, wobei der Fokus auf den unterschiedlichen Motivationen, Wahrnehmungsweisen und politischen Hintergründen beider Reisen sowie deren literarische Verarbeitung liegt.
- Vergleich der Reisephilosophien von Seume und Delius
- Analyse der Rolle der individuellen Freiheit im Kontext historischer und politischer Einschränkungen
- Untersuchung des "Spaziergangs" als literarischer Code und politisches Instrument
- Darstellung der Wahrnehmung der mediterranen Welt im Wandel der Zeit
- Gegenüberstellung von Aufklärung (Seume) und DDR-Alltagserfahrung (Delius)
Auszug aus dem Buch
2.4. Der Spaziergang Seume
In der Betrachtung der äußeren Dinge wachsen dem Spaziergänger innere Welten zu. Er neigt zwar nicht sehr dazu, Beobachtungen zielgerichtet auf einzelne Phänomene hin vorzunehmen, zu sammeln und zu sortieren, wie dies der Forscher tut. Doch er öffnet unmittelbar seinen Blick für die vielfältigen Erscheinungen auf seinem Wege, er wendet sich der Kleinwelt zu, dem Detail und der Augenblicksszene und dem flüchtigen Eindruck, um all dies in Schwingungen seiner inneren Gestimmtheit einzufügen. Der Spaziergänger unterscheidet sich damit auch grundlegend vom klischeejagenden Fototouristen, der nicht das Offene des Eindrucks sucht, sondern vielmehr das vorgefertigte Bildchen, im Glauben, dass nun alles festgehalten wurde, was „man“ gesehen haben muss. Und auch der Bildungstourist, der die „Geheimtipps“ fern von den Routen des Massentourismus aufsucht, ist im Grunde kein Spaziergänger. Denn er versucht bloß, sein Bildungswissen zu reproduzieren, um das Geschehen gleich in feste, überkommene Bildungsraster einzuordnen. Die „Unmittelbarkeit des Schauens“ ist sowohl dem einen wie dem anderen fremd. Viel eher scheint der Tourist besitzergreifend gegenüber den Dingen zu sein, „zu denen er nie in Beziehung treten wird, ja die er ihres Distanzsein und ihrer Selbstständigkeit zu berauben beflissen ist.“
Der Spaziergänger harmoniert mit der Innen-und Außenwelt, indem etwas sichtbar wird – in der Stimmung einer Landschaft, in der Aura von etwas, das noch unbestimmt bleiben kann. Es ist nicht das Bestreben des Spaziergängers, dieses oder jenes als ´Trophäe´, als Souvenir vom Spaziergang mit nach Hause zu bringen, sondern vielmehr nimmt er die Aura der Dinge als solche in sich auf, die Aura eines Ereignisses oder einer Landschaft, die sich im Bewusstsein des Beobachters reflektiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Italienreisen ein und setzt Seumes ursprüngliche Wanderung in Kontrast zu Delius' literarischer Aktualisierung in der DDR-Zeit.
2. Johann Gottfried Seume: Dieses Kapitel analysiert detailliert Biographie, Motivation, kulturelle Auffassung und die politische Dimension von Seumes Fußreise nach Syrakus.
3. Friedrich Christian Delius: Hier wird das Werk "Spaziergang von Rostock nach Syrakus" im Kontext der DDR-Situation und des Vergleichs zu Seume untersucht.
4. Schluss: Das Fazit fasst die Bedeutung der Reise als Akt der Selbstbefreiung zusammen und betont die anhaltende Aktualität der literarischen Auseinandersetzung mit Bevormundung.
Schlüsselwörter
Johann Gottfried Seume, Friedrich Christian Delius, Spaziergang, Syrakus, Italienreise, DDR, Reisebericht, Politische Situation, Kulturauffassung, Selbstbefreiung, Literaturwissenschaft, Bildungsreise, Identität, Freiheit, Zeitkritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert und vergleicht Johann Gottfried Seumes Reisebericht "Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802" mit Friedrich Christian Delius' Erzählung "Spaziergang von Rostock nach Syrakus".
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Konzepte von Mobilität, Freiheit, politische und gesellschaftliche Umstände (Aufklärung vs. DDR) sowie die unterschiedliche Herangehensweise an die Gattung des Reiseberichts.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Reisenden sowie deren jeweilige Motivation zur Grenzüberschreitung und ihre literarische Umsetzung herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse, die sowohl historische Kontexte als auch rezeptionsästhetische Aspekte einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil ist zweigeteilt: Zuerst erfolgt eine tiefgehende Untersuchung von Seumes Reise, gefolgt von einer Analyse der Delius-Erzählung und einem anschließenden direkten Vergleich der beiden Werke.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Seume, Delius, Spaziergang, Italienreise, Freiheit, DDR, Literatur und Politische Situation.
Warum wählte Seume das Gehen als Fortbewegungsmittel?
Das Gehen war für Seume ein bewusster Akt der sozialen Tradition der Unterprivilegierten und ermöglichte ihm eine "unmittelbare" Erfahrung der Welt abseits der bequemen, isolierenden Kutschreisen des Adels.
Was unterscheidet Paul Gompitz in Delius' Erzählung von Seume?
Während Seume tatsächlich zu Fuß wanderte, nutzt Gompitz zur Reisevorbereitung und Durchführung verschiedene Transportmittel, um trotz der strengen Überwachung durch das DDR-Regime Zeit zu sparen.
Welche Rolle spielt die Ironie in Delius' Erzählung?
Die Ironie dient Delius als Instrument, um die Absurdität der staatlichen Einschränkungen in der DDR und die Widersprüche des kapitalistischen Westens zu verdeutlichen.
Inwiefern beeinflusst das politische Klima das Schreiben der beiden Autoren?
Seume schreibt als Spätaufklärer im Kontext der napoleonischen Zeit, während Delius seine Erzählung nach der Wende verfasst, um literarisch die Lebensgefühle der DDR-Bürger zu reflektieren.
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- Julia Trefzer (Author), 2006, Vergleich der Werke: Johann Gottfried Seumes "Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802" mit Friedrich Christian Delius "Spaziergang von Rostock nach Syrakus", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92758