Der ökonomische Liberalismus nach Smith: Merkmale und Widersprüche

Eine Textanalyse des „Reichtums der Nationen“, Kap. I-VII


Seminararbeit, 2006

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

2. Merkmale des Liberalismus
2.1 Ausführungen zur Merkantilismus-Epoche
2.2 Ausführungen zur Liberalismus-Epoche
2.3 Zusammenfassung der Merkmale des Liberalismus

3. Systematische Textanalyse zu Adam Smiths „Inquiry into the Wealth Of Nations“ (Kapitel I – VII)
3.1 Textanalyse Kapitel I: Von der Arbeitsteilung
3.2 Textanalyse Kapitel II: Von dem die Arbeitsteilung bewirkendem Prinzip
3.3 Textanalyse Kapitel III: Daß die Arbeitsteilung durch die Ausdehnung des Marktes begrenzt ist
3.4 Textanalyse Kapitel IV: Vom Ursprung und der Verwendung des Geldes
3.5 Textanalyse Kapitel V: Vom realen und nominellen Preis der Waren oder von ihrem Preis in Arbeit und ihrem Preis in Geld
3.6 Textanalyse Kapitel VI : Von den Bestandteilen des Preises der Waren
3.7 Textanalyse Kapitel VII: Vom natürlichen und vom Marktpreis der Waren

4. Zusammenfassung der Ergebnisse der Textanalyse

Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

Adam Smith gilt, zusammen mit David Ricardo, als der Hauptvertreter des (ökonomischen) Liberalismus – jener Epoche, die mit Beginn der Industriellen Revolution um 1765 den Merkantilismus ablöste und mit der Großen Depression 1873/79 und dem aufkommenden Imperialismus endete (vgl. Stapelfeldt 2006: 49).

Das Buch I seines dreibändigen Hauptwerkes „Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“ (auf deutsch: „Eine Untersuchung über das Wesen und die Ursachen des Reichtums der Nationen“ – oftmals kurz „Reichtum der Nationen“ genannt) handelt „von den Ursachen für die Steigerung der produktiven Kräfte der Arbeit und von der Regel, nach der ihr Produkt unter die verschiedenen Klassen des Volkes natürlicherweise verteilt wird“ (Smith 1976 [1776]: 9). Die Prämisse, die Smiths Werk zugrunde liegt, besagt, dass der Entwicklungsstand der Produktivkräfte der Arbeit bestimmend für Armut und Reichtum eines Volkes seien – insbesondere käme es hier auf die Arbeitsteilung zum einen und die Kapitalakkumulation zum anderen an, die als Ursache für diese Entwicklung anzusehen seien (vgl. Fay 1986: 98).

Nach seinem Selbstverständnis vollzieht der Liberalismus (lat.: ‚libertas’ – ‚Freiheit’) durch den Beginn einer Epoche kosmopolitischer Freiheit und ewigen Friedens einen Bruch gegenüber aller bisherigen Gewalt geschichte – andererseits weist der Liberalismus geradewegs eine wesentliche Kontinuität mit der Gewaltgeschichte des vorangegangenen Merkantilismus auf – demnach besteht ein Widerspruch zwischen Bruch und Kontinuität im Liberalismus (vgl. Stapelfeldt 2006: 16 ff.).

Im Rahmen dieser Arbeit soll dieser Widerspruch an konkreten Textstellen im Werk Smiths vor Augen geführt werden. Es werden daher nach dieser Einleitung (1.) zunächst die Merkmale des Liberalismus dargestellt, deren Kenntnis für die Beantwortung der Fragestellung notwendig ist (2.); daran schließt das Kernstück dieser Arbeit an: Eine systematische Textanalyse, die die zentralen Aussagen der Kapitel I bis VII[1] wiedergibt, ferner aufzeigt, welche Liberalismus-Merkmale sich in ihnen widerspiegeln und anschließend kritisiert; dies in Form einer Sichtbarmachung von den in der Liberalismus-Epoche ungesehenen Widersprüchen (3.). Schließlich folgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse (4.).

2. Merkmale des Liberalismus

Im nun Folgenden sollen zunächst die Merkmale des Liberalismus dargestellt werden, um später in der Textanalyse die zentralen Aussagen Smiths zu transzendieren. Es sei vorangestellt, dass im Rahmen dieser Arbeit dezidiert nur auf die Merkmale der Epoche des ökonomischen Liberalismus eingegangen wird, die mit den Namen Smith und Ricardo verbunden ist – das Problem einer ‚historischen Überfrachtung’ und unzureichender Definitionssetzung des ‚Liberalismus’-Begriffs im Allgemeinen (vgl. Gall 1976: 9) bleibt bewusst unberücksichtigt, da dies zu weit von der Fragestellung dieser Arbeit ablenken würde.

Der Liberalismus folgt auf die Epoche des Merkantilismus, dessen Kenntnis zum Verständnis des Liberalismus unabdingbar ist; so stellt die liberale ökonomische Theorie eine Kritik der zeitgenössischen ökonomischen Verhältnisse dar, eine Kritik des Merkantilismus also[2] (vgl. Stapelfeldt 2006: 51)[3] – daher soll zu Anfang kurz auf diesen eingegangen werden.

2.1 Ausführungen zur Merkantilismus-Epoche

Die Epoche des Merkantilismus kann auf die Zeit von etwa 1520 bis 1765 datiert werden (vgl. Stapelfeldt 2001: 26).

Der Merkantilismus als Handelskapitalismus (vgl. Stapelfeldt 2001: 41) setzt auf das Prinzip, Reichtum in Geldform durch Außenhandel anzueignen (vgl. Stapelfeldt 2001: 36). Allerdings basiert diese Akkumulation von Geld auf einer unausgeglichenen Handelsbilanz: Die merkantilistischen Länder bereichern sich auf Kosten der nicht-merkantilistischen Länder, die verarmen – mithin kann sich der Merkantilismus nicht selbst reproduzieren und ist daher kein selbstgeregeltes System (vgl. Stapelfeldt 2001: 46f.).

Es ist dieser ungleiche Tausch zwischen den bürgerlichen und vorbürgerlichen Ökonomien, welcher eine ungleiche Gesellschafts- und Technikentwicklung nach sich zieht – darüber hinaus besteht auch innerhalb der handelskapitalistischen Länder eine sozialökonomische Ungleichheit zwischen den Sphären des Handels und der Produktion (vgl. Stapelfeldt 2001: 50). Demnach beruht das merkantilistische System auf einer doppelten Spaltung – inter- und innernational –, welches zudem durch Ausbeutung und Gewalt geprägt ist (vgl. Stapelfeldt 2001: 546).

Die merkantilistische Politik-Ökonomie kann zwar als erste Form einer bürgerlichen Gesellschafts-Theorie begriffen werden, jedoch vermag sie nicht, Gesellschaft als Determinante für menschliches Verhalten zu begreifen; die Gesellschaft hat sich dem Individuum und der Politik gegenüber noch nicht verselbständigt (Stapelfeldt 2001: 167f.).

2.2 Ausführungen zur Liberalismus-Epoche

Im Gegensatz dazu ist die auf die Epoche des Merkantilismus folgende Liberalismus-Epoche die erste, in der die bürgerliche Gesellschaft als Gesellschaft verselbständigt ist[4]; diese Verselbständigung erfolgt – wie wir später noch sehen werden – in der Ausdifferenzierung des Tauschwertes (vgl. Stapelfeldt 2006: 11).

Der Liberalismus kann in zwei Phasen der Industriellen Revolution unterteilt werden: 1765-1846 und 1846-1873/79 (vgl. Stapelfeldt 2006: 51). Diese fand in England statt und erwies sich als der „Nährboden des Liberalismus“[5] (Schapiro 1976: 21) – die Dynamik einer sich schnell ändernden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung wird durch den liberalen Fortschrittsglauben absorbiert (vgl. Schapiro 1976: 30).

Seinem Selbstverständnis nach vollzieht der Liberalismus einen Bruch mit der bisherigen Gewalt geschichte (vgl. Stapelfeldt 2006: 16). Nach liberaler Auffassung geht alles Übel dieser Welt von einer schlechten Gesellschaftsordnung aus – der Mensch hingegen sei seinem Wesen nach gut und es bedürfe nur einer zu errichtenden guten Gesellschaftsordnung, die den Menschen von den ihn bedrängenden Ängsten befreit und Sicherheit herstellt (vgl. Schapiro 1976: 22f.).

Beruhte der merkantilistische Handelskapitalismus noch auf der doppelten Spaltung der Welt, tritt der liberale Industriekapitalismus als potentiell einheitliches Weltsystem auf. Die Überwindung dieser Spaltung durch den Übergang von der Zirkulation zur Produktion ist es, die die Diskontinuität des Liberalismus mit dem Merkantilismus zum Ausdruck bringt; Kontinuität zwischen den Epochen hingegen besteht hinsichtlich des kapitalistischen Prinzips, Geld in Kapital zu verwandeln. Der ökonomische Liberalismus vollzieht mithin durch den Übergang vom Handels- zum Industriekapitalismus, durch die Umwandlung nicht-kapitalistischer in kapitalistische Ökonomien, eine Verallgemeinerung des Kapitalismus. Darüber hinaus tritt an die Stelle der unausgeglichenen Handelsbilanz der gleiche Tausch, die Gleichsetzung von Geld und Waren. (Vgl. Stapelfeldt 2006: 49)

Die Einbeziehung der Produktion in das liberale Ökonomie-Verständnis lässt sich auch daran erkennen, dass – nach Smiths Verständnis – die einzige Quelle des Tauschwerts einer jeden Ware, genauso wie die einzige Quelle jeglichen Wohlstands einer Nation, Arbeit, also Produktion, ist (vgl. Fay 1986: 99). Letztlich ist es diese im Liberalismus gestiegene Bedeutung der Produktion gegenüber dem Merkantilismus, die einen Rationalisierungsschub der Produktion und damit die Industrielle Revolution einleitet (vgl. Stapelfeldt 2006: 54). Die Bedeutung von Produktion bzw. Arbeit für die Prinzipien des Liberalismus spiegelt sich auch in der Entwicklung von Smiths Arbeitswerttheorie wider, auf die an späterer Stelle – im Rahmen der Textanalyse – näher eingegangen wird.

Dadurch, dass der merkantilistische Widerspruch von Gleichheit und Ungleichheit von Waren und Geld im Liberalismus überwunden wird, erfolgt eine Verallgemeinerung der Warenform: Es herrscht eine Einheit zwischen Austausch und Produktion; ferner wird der Reichtum abstrakt, da er sich fortan nicht mehr nur im Geld, sondern in allen Waren – das Geld ist eine unter vielen – manifestiert. Der abstrakte Reichtum als übersinnlicher ‚Tauschwert’ (im Smithschen Sinne) kann einem ‚Gebrauchswert’, die sinnliche Beschaffenheit der Dinge darstellend, gegenübergestellt werden. Der Tauschwert stellt ein bewusstloses gesellschaftliches Verhältnis dar; aufgrund seiner Allgemeinheit gilt er als gesellschaftliche Vernunft. (Vgl. Stapelfeldt 2006: 52)

Diese Vernunft ist es, die für den Liberalismus das regulierende Moment des Lebens darstellt (vgl. Schapiro 1976: 20); letztlich ist in diesem Kontext auch Smiths viel zitierte invisible hand[6] zu begreifen, die bewusstlos – unsichtbar – in die gesellschaftlichen Prozesse eingreift: Die invisible hand stellt einen Mechanismus dar, der den Nutzen der Allgemeinheit von egoistischen Zielen egoistischer Individuen ableitet (vgl. Bellamy 2000: 145; vgl. Levine 1998: 89).

Es ist die Herrschaft dieses abstrakten Tauschwerts, die nach dem liberalen Verständnis an die Stelle der ausbeuterischen Herrschaft von Menschen über Menschen tritt; das Prinzip der Gleichheit[7] überwindet mithin die doppelte gesellschaftliche Spaltung der Welt, die noch den Merkantilismus kennzeichnete (vgl. Stapelfeldt 2006: 52f.).

Dass die Gewaltgeschichte mit dem aufkommenden Liberalismus keineswegs endete, erkennt die Liberale Politische Ökonomie nicht, da sie die Bewusstlosigkeit des Tauschwertes zwar ausspricht, aber nicht aufklärt – so bleibt seine Kontinuität mit der Gewaltgeschichte unbegriffen (vgl. Stapelfeldt 2006: 54): Denn was heißt es denn, wenn der Tauschwert anstelle von Menschen herrscht? Letztlich ist der Tauschwert, wenn auch ein bewusstloses, so doch ein gesellschaftliches – und somit ein von Menschen geformtes – Verhältnis. Die (ausbeuterische) Herrschaft von Menschen über Menschen endet daher nicht mit der bloßen Institutionalisierung des Tauschwertes.

Waren und Geld sind im Tauschwert gleich, was nach der liberalen Logik dazu führt, dass sich niemand im Ware-Geld-Tausch auf Kosten des anderen bereichern kann – anders noch als im Merkantilismus, dessen Kennzeichen die unausgeglichene Handelsbilanz war. Mithin tritt die Warenproduktion – und damit die Arbeit – als Grundlage des gesellschaftlichen Reichtums hervor. Diese gestiegene Bedeutung der Produktion manifestiert sich auch in der Entstehung des Lohnarbeiters, der frei von jeder fremden Herrschaft seine Ware Arbeitskraft veräußern kann (vgl. Stapelfeldt 2006: 54f.).

[...]


[1] Der Verfasser hat über einen Teil dieses Textabschnitts im Rahmen des im Wintersemester 05/06 von Prof. Gerhard Stapelfeldt abgehaltenen Hauptseminars „Vom Liberalismus zum Neoliberalismus“ an der Universität Hamburg referiert.

[2] Neben der Theorie der Merkantilisten wird von Smith auch die Theorie der Physiokraten kritisiert (vgl. Fay 1986: 99).

[3] Im Folgenden wird zum Großteil auf das Buch Der Liberalismus. Die Gesellschaftstheorien von Smith, Ricardo und Marx von Gerhard Stapelfeldt eingegangen, da dieses weitgehend kongruent mit den von Prof. Stapelfeldt vorgetragenen Inhalten im Seminar erscheint.

[4] So gilt Smith der Verdienst, als erster Denker den neuen Zugang zur ‚Gesellschaft’ systematisch und kohärent aufgearbeitet zu haben (vgl. Clarke 1991: 31ff.). – Der Bedeutungsgewinn der ‚Gesellschaft’ lässt sich auch an dem dominierenden Thema in Smiths Werk sehen: Dieses besteht in der Erforschung der allgemeinen Prosperität von Gesellschaft (vgl. Hardin 2003: 43).

[5] Es sei der Vollständigkeit halber ergänzt, aber im Weiteren nicht weiter erwähnt, dass die Französische Revolution einen starken Impuls auf liberale Ideen ausübte (vgl. Schapiro 1976: 21f.)

[6] Es erscheint geradezu paradox, dass im Zeitalter der Aufklärung eine Unsichtbare Hand und damit eine „gottähnliche Instanz“ (Veerkamp 2005: 67) zur Erklärung gesellschaftlichen Geschehens herangezogen wird.

[7] Dieses Prinzip der Gleichheit findet unter anderem seinen Niederschlag in der Konstituierung der Menschenrechte durch die amerikanische Unabhängigkeitserklärung (1776) und die französische Erklärung der Menschenrechte (1789) – alle Menschen waren gleich: Überall auf der Welt, unabhängig von Geschlecht, Nationalität, Beruf oder Lebensbedingungen (vgl. Schapiro 1976: 26); zumindest steht es so auf dem Papier. Man muss die Radikalität dieses (damals neuen) Prinzips aus der historischen Perspektive betrachten!

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Der ökonomische Liberalismus nach Smith: Merkmale und Widersprüche
Untertitel
Eine Textanalyse des „Reichtums der Nationen“, Kap. I-VII
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Vom klassischen Liberalismus zum Neoliberalismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
26
Katalognummer
V92770
ISBN (eBook)
9783638066891
ISBN (Buch)
9783638953085
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Liberalismus, Smith, Merkmale, Widersprüche, Neoliberalismus
Arbeit zitieren
Fabian Kühne (Autor), 2006, Der ökonomische Liberalismus nach Smith: Merkmale und Widersprüche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92770

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