Lyrik - auch politische Lyrik - gilt noch immer als die literarische Gattung, vor der nicht nur Schülerinnen und Schüler sondern auch viele Lehrkräfte zurückschrecken. Ein Gedicht zu verstehen und zu analysieren verlangt hohe fachliche Kompetzen, Gedichte zu selbst zu verfassen scheint nur Genies vergönnt zu sein. In der vorliegenden Unterrichtseinheit entgegne ich diesem Problem und stelle dar, wie Schülerinnen und Schüler mit kreativen, experimentellen und handlungsorientierten Methoden an das Schreiben eigenener Gedichte herangeführt werden. Die vier Stunden bieten sich als praktischer Teil einer größeren Unterrichtseinheit, in der politische Lyrik behandelt wird, an. Da sie eine Bildanalyse und kunstdidaktische Elemente enthalten, eigenen sie sich insbesondere für fächerverbindenden Unterricht.
n der vorliegenden Arbeit werden vier Unterrichtsstunden vorgestellt, die den handlungsorientierten Teil einer größeren Unterrichtseinheit zu politischer Lyrik bilden. Inhalt der hier dargestellten Stunden ist die experimentelle Analyse des Werks Die Stützen der Gesellschaft (1926) des Malers George Grosz und das eigenständige Verfassen eines Gedichts auf der Basis dieser Ergebnisse.
Die Hausarbeit ist in drei Teile gegliedert. Zunächst erfolgt eine Analyse des Kunstwerks unter Einbezug der historischen Begebenheiten der Weimarer Republik. Anschließend stelle ich in der didaktischen Analyse dar, inwiefern die Unterrichtsstunden die Individuation, Sozialisation und der Enkulturation der SuS fördern und schließlich beschreibe und begründe ich im dritten Teil die im Unterricht zu verwendenden Methoden und den Unterrichtsverlauf.
Die Arbeit entstand im Rahmen des Seminars „Politische Lyrik im fächerverbindenden Unterricht interpretieren“, das im Wintersemester 07/08 an der Universität Bremen von Petra Anders angeboten wurde. Der schriftlichen Fassung ging ein Referat voraus, welches ich am 17.12.07 zusammen mit Julia Schoderer und Stephan Werner hielt, denen ich an dieser Stelle für die sehr gute Zusammenarbeit und die vielen Hinweise bezüglich der Sach- und der Methodenanalyse danken will.
Struktur der Unterrichtseinheit
1. Einleitung
2. Eingliederung der Unterrichtsstunden in den Unterricht
3. Sachanalyse
3.1 Historischer und politischer Hintergrund: Die Weimarer Republik
3.2 Literatur und Kunst in der Weimarer Republik
3.3 George Grosz (1893 – 1959)
3.4 Die Stützen der Gesellschaft – Bildbetrachtung
3.5 Die Stützen der Gesellschaft – Bildinterpretation
4. Didaktische Analyse
4.1 Förderung des Sprachbewusstseins
4.2 Förderung des politischen Bewusstseins
4.3 Warum dieser Schwerpunkt und kein anderer?
5. Bezug zu den Lehrplänen
5.1 Bezug zum Lehrplan für die gymnasiale Oberstufe Deutsch
5.2 Bezug zum Lehrplan für die gymnasiale Oberstufe Kunst
6. Lernziele
7. Methodische Analyse
7.1 Beschreibung der Stunden
7.2 Verlaufsplan
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit konzipiert vier handlungsorientierte Unterrichtsstunden für die Oberstufe, in denen Schülerinnen und Schüler auf Basis einer experimentellen Bildanalyse des Werks "Die Stützen der Gesellschaft" von George Grosz eigene Gedichte verfassen, um die Wechselwirkung zwischen politischer Kunst und lyrischem Ausdruck zu erproben.
- Experimentelle Analyse des Kunstwerks im historischen Kontext der Weimarer Republik
- Förderung des Sprach- und politischen Bewusstseins durch produktionsorientierte Verfahren
- Methodische Verknüpfung von Bildbetrachtung und kreativem Schreiben
- Identifikation und Auseinandersetzung mit gesellschaftskritischen Motiven
- Implementierung handlungsorientierter Lehrplanvorgaben für Deutsch und Kunst
Auszug aus dem Buch
3.5 Die Stützen der Gesellschaft – Bildinterpretation
Der Künstler hat die Figuren als Verkörperungen sozialer Gruppen und politischer bzw. gesellschaftlicher Verhaltensweisen durch besondere Attribute und Überzeichnungen einzelner Merkmale gekennzeichnet. Jede Person gehört somit einer anderen Gesellschaftsschicht an.
(a) Die vorderste Figur repräsentiert vermutlich einen Mann aus der gehobenen Mittelklasse, der in einer rechtsradikalen Partei integriert ist. Hinweise sind das Hakenkreuz auf seiner Krawatte, der Säbel in seiner rechten Hand sowie die Narben in seinem Gesicht. Diese sogenannten „Schmisse“ ist Zeichen einer schlagenden Studentenverbindung. Der berittene Soldat, der seinem Kopf entspringt, symbolisiert Macht und Eroberung. Die Gesetzesparagraphen könnten darauf hinweisen, dass er ein gesetzestreuer und ordnungsliebender Akademiker ist, vermutlich Jurist.
(b) Der vom Bertacher aus gesehen links hinter ihm stehende Mann ist höchstwahrscheinlich ein Mitglied der Presse. Der blutbeschmierte Palmenzweig in seiner linken Hand ist ein Friedensymbol, das in diesem Fall jedoch reine Heuchelei ist, da die Zeitungen unter seinem Arm Überschriften von Hetzartikeln aufweisen. Der Palmenzweig und auch der umgedrehte Nachtopf symbolisieren die Falschheit der Friedensbereitschaft der Presse.
(c) Der rechts hinter ihm stehende Mann ist vermutlich ein Parlamentarier der Weimarer Republik. Ein Zeichen dafür ist das Schild an seine Jacke mit der Aufschrift „Sozialismus ist Arbeit“. Mit dem Haufen Kot auf dem Kopf meint der Künstler eindeutig die mangelnde Intelligenz der Politiker. Die dargestellte Person vertritt entweder eine konservative, reaktionäre Partei worauf die Kaiserreichsfahne hinweist oder eine soziale, demokratische Partei, was das Pamphlet „Sozialismus ist Arbeit“ signalisiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit stellt vier Unterrichtsstunden vor, die eine experimentelle Bildanalyse mit kreativem Schreiben kombinieren.
2. Eingliederung der Unterrichtsstunden in den Unterricht: Die Stunden werden als handlungsorientierter Teil einer Unterrichtseinheit zum Thema politische Lyrik verortet.
3. Sachanalyse: Dieses Kapitel analysiert den historischen Kontext der Weimarer Republik und das Werk von George Grosz.
4. Didaktische Analyse: Hier wird der bildungstheoretische Wert der Unterrichtseinheit hinsichtlich Sprach- und Politikbewusstsein begründet.
5. Bezug zu den Lehrplänen: Es werden die Anknüpfungspunkte an den Rahmenplan für Deutsch und Kunst in der Hamburger gymnasialen Oberstufe dargelegt.
6. Lernziele: Die kognitiven, instrumentellen und affektiven Kompetenzen der Lernenden werden definiert.
7. Methodische Analyse: Das Kapitel beschreibt das methodische Vorgehen und den konkreten Verlaufsplan der Unterrichtseinheit.
8. Fazit: Die Autorin reflektiert die Ergebnisse der Unterrichtsreihe und den Abbau von Hemmschwellen beim kreativen Schreiben.
Schlüsselwörter
George Grosz, Die Stützen der Gesellschaft, Weimarer Republik, politische Lyrik, handlungsorientierter Unterricht, Bildanalyse, Szenische Interpretation, literarästhetische Produktionskompetenz, Deutschunterricht, Kunsterziehung, Rollenbiografie, Gesellschaftskritik, Neue Sachlichkeit, kreatives Schreiben, Bildungsplan.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit entwirft eine Unterrichtseinheit für die gymnasiale Oberstufe, in der Schülerinnen und Schüler George Grosz' Kunstwerk "Die Stützen der Gesellschaft" analysieren und die Ergebnisse in selbst verfasste Gedichte überführen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen die politische Lyrik, den historischen Kontext der Weimarer Republik, die Bildanalyse sowie produktionsorientierte Unterrichtsmethoden.
Was ist das primäre Ziel der Unterrichtseinheit?
Ziel ist es, den Lernenden durch die Analyse eines Bildmediums einen Zugang zur lyrischen Produktion zu ermöglichen und die Auseinandersetzung mit politischen Themen durch eine kreative Transferleistung zu fördern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein handlungsorientierter Ansatz nach Günter Waldmann und Ingo Scheller angewendet, der eine produktive Hermeneutik verfolgt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Sachanalyse des Kunstwerks, eine didaktische Begründung der Unterrichtsreihe, den Bezug zu aktuellen Lehrplänen sowie eine detaillierte methodische Planung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär durch Begriffe wie "kreativ-produktiver Umgang", "politische Lyrik", "Bildinterpretation" und "handlungsorientierter Unterricht" charakterisieren.
Welche Rolle spielt die "didaktische Reserve" in diesem Unterricht?
Die didaktische Reserve umfasst optional das Bauen von Standbildern, um die Figurenkonstellationen des Bildes körperlich nachzuvollziehen und tiefer in die Rollen einzutauchen.
Wie wird sichergestellt, dass die Schülerinnen und Schüler das Kunstwerk verstehen?
Durch einen induktiven Einstieg (Stummer Impuls) und die Zuordnung zu einzelnen Figuren, für die die Lernenden Rollenbiografien oder -interviews erstellen, wird ein emotionaler und inhaltlicher Zugang geschaffen.
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- Berit Eichler (Author), 2008, Kreativ-produktiver Umgang mit Lyrik in der Oberstufe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92803