Partizipation ist ein hochaktuelles Thema. Während früher die Entwicklungshelfer von außerhalb die Lösungen hatten, und die "Locals", die Zielgruppe der Hilfsprojekte, Teil des Problems waren, das es zu lösen galt. Erste Versuche, partizipativere Ansätze in die Entwicklungsarbeit zu integrieren, gab es schon 1950/60, aber meist blieb es bei allenfalls unverbindlicher Zusammenarbeit mit den Armen selbst.. Am Anfang der neuren Diskussion war "Partizipation" als Forderung Teil der immer stärker werdenden Kritik an scheiternden "Top-Down"-Entwicklungsprojekten und wurde als eine demokratischere Form der Entwicklungshilfe propagiert. Gleichzeitig wurden Nichtregierungsorganisationen immer professioneller, viele verstanden sich als "Anwälte" ihrer Zielgruppe und experimentierten auch mit neuen Formen der Entwicklungszusammenarbeit. Als Konsequenz wurde der Wert lokalen Wissens und indigener Methoden, beispielsweise des Managements natürlicher Ressourcen, in der offiziellen Diskussion ernster genommen. Auch das Interesse an sozialen und ökologischen Dimensionen von Entwicklung nahm zu. 1985 forderte Cernea, der erste Soziologe bei der Weltbank, in Entwicklungsprojekten die soziokulturellen Gegebenheiten vor Ort stärker zu berücksichtigen und die Forschungsmethoden der Soziologie und der Ethnologie zu diesem Zweck in der Entwicklungszusammenarbeit zu institutionalisieren. Zunehmend wurden nicht mehr nur die "Locals", sondern auch die Entwicklungs-helfer selbst, ihre Herangehensweisen, Strukturen und Organisationen als Teil des Problems begriffen. Seit den 70ern wurden mindestens 29 Ansätze zur praktischen Umsetzung partizipatorischer Arbeitsweise entwickelt, die mittlerweile alle in Kombination angewendet werden. Ein neuer Terminus, unter dem diese Ansätze zusammengefasst werden ist "PLA" für Participatory Learning and Action". Es geht dabei um eine Familie von Ansätzen, Methoden und Verhaltensweisen, die den Armen eine Stimme geben soll, es ihnen ermöglichen soll, ihre Lebensumstände selbst zu analysieren und ihre Entwicklungshilfe selbst (mit) zu planen, zu überwachen und zu evaluieren. Die Anwendung von PLA begann in kleinen Projekten ist aber seit den 90ern – zumindest rhehorischer – Mainstream in der Entwicklungszusammenarbeit geworden und wird mittlerweile auch zunehmend in größeren Projekten verlangt. Partizipation ist somit zum zentralen Thema in der Entwicklungszusammenarbeit geworden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Aktuelle Bedeutung des Themas / Einbettung in den Seminarkontext
1.2. Aufbau der Arbeit
2. Hindernisse bei der Implementierung von partizipativen Ansätzen
2.1. Diskurse im Dienst des Staates: Partizipation in Sri Lanka
2.1.1. Ausgangsthesen des Autors Mike Woost
2.1.2. Der Staat im internationalen Geflecht aus Wirtschaftsinteressen
2.1.3. Internationale Nichtregierungsorganisationen und die Interessen der Spender
2.1.4. Einheimische NROs und ihre finanzielle Abhängigkeit
2.1.5. Dorfbewohner im südöstlichen Sri Lanka: "It's all gamble"
2.1.6. Fazit
2.1.6.1. Partizipation - ein "schillernder" Begriff
2.1.6.2. Die Rolle des Staates
2.2. Fallstudie: Partizipatives Umweltmanagement im Himalaya
2.2.1. Ausgangsthesen des Autors Andrew Shepherd
2.2.2. Hintergrund zum Doon Valley Projekt
2.2.2.1. Schwache lokale Institutionen
2.2.2.2. Die Ermächtigung lokaler Institutionen
2.2.2.3. Korruption innerhalb lokaler Institutionen
2.2.3. Das Doon Valley Projekt
2.2.3.1. Eine hierarchische Organisationskultur
2.2.3.2. Training
2.2.3.3. Technische Zusammenarbeit
2.2.3.4. Die Organisationstruktur & das Budget
2.2.3.5. Gender
2.2.3.6. Zielvereinbarungen
2.2.3.7. Verunsicherung der Projektmitarbeiter
2.2.3.8. Anreize für "partizipatives Verhalten"
2.2.3.9. Korruptionsbekämpfung
2.2.3.10. Umsetzung in die Praxis: Die Wahl der Technologien
2.2.4. Fazit: Die Organisationskultur des öffentlichen Sektor
3. Lösungsansätze zur Implementierung von partizipativen Ansätzen
3.1. PRA - Partcipatory Rural Appraisal
3.1.1. Ursprünge
3.1.2. Schlüsselprinzipien
3.1.3. Verwendete Methoden
3.1.4. Kritik & Gefahren
3.1.5. Training in partizipativen Methoden
3.2.Who changes?: Das Self-Help Support Programme in Sri Lanka
3.2.1. Hintergrund zum Projekt
3.2.2. Arbeitsweise 1985 -1990
3.2.3. Institutionelle Veränderungen seit der Implementierung von PRA
3.2.3.1. Arbeit vor Ort
3.2.3.2. Budget
3.2.3.3. Geldgeber
3.2.3.4. Bauernorganisationen
3.2.4. Ergebnisse der Arbeit
3.2.5. Fazit
3.2.5.1. Finanzen und Rechenschaft in partizipativen Projekten
3.2.5.2. Differierende Interessen innerhalb der Zielgruppe
3.3. Who sets the Agenda? PAR in einem indischen Slum
3.3.1. PAR - Partizipative Aktionsforschung
3.3.2. Ziele des Projektes
3.3.3. Ausländer oder Einheimische?
3.3.4. Self-Selective Target Group Formation
3.3.5. Gruppenaktivitäten
3.3.6. Fazit
3.3.6.1 Die Frage der Größe von Projekten
3.3.6.2. The Facilitator - Die Rolle der "Vermittler"
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die unterschiedlichen Facetten des Begriffs "Partizipation" in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Ziel ist es, Hindernisse bei der Implementierung partizipativer Ansätze aufzuzeigen, kritische Fallbeispiele zu analysieren und Lösungsstrategien für die Praxis zu diskutieren, um eine echte Ermächtigung der Zielgruppen zu ermöglichen.
- Analyse der widersprüchlichen Bedeutung von Partizipation im Kontext staatlicher und NGO-Interessen.
- Untersuchung der strukturellen Herausforderungen bei der Integration partizipativer Methoden im öffentlichen Sektor.
- Evaluation von Praxismodellen wie dem "Participatory Rural Appraisal" (PRA) und der "Partizipativen Aktionsforschung" (PAR).
- Diskussion über Machtverhältnisse, finanzielle Abhängigkeiten und die Rolle der Vermittler in Entwicklungsprojekten.
- Herausarbeitung von Erfolgsfaktoren für eine nachhaltige, an den Bedürfnissen der Armen orientierte Entwicklungszusammenarbeit.
Auszug aus dem Buch
2.1.6.1. Partizipation - ein "schillernder" Begriff
Sehr deutlich wird an diesem Beispiel, dass es kein einheitliches Verständnis von der Bedeutung des Wortes "Partizipation" gibt, weder in Sri Lanka noch anderswo. Die Definitionen von Partizipation, mit denen international gearbeitet wird, könnten kaum unterschiedlicher sein. Die Regierung Sri Lankas versteht unter Partizipation anscheinend hauptsächlich, dass die Bevölkerung an der Entwicklung "partizipiert", indem sie ihre (billige) Arbeitskraft an Investoren verkauft. (Woost 2002:112) Internationale Nichtregierungsorganisationen in Sri Lanka verstehen unter Partizipation primär, den Armen beizubringen, wie sie sich im Markt besser behaupten können. (Woost 2002: 113/118). Lokale NROs sind von den beiden zuvor genannten Ebenen finanziell abhängig und haben wenig Freiraum, Alternativen zu gestalten.
Wenn Projekte schließlich bei der Zielgruppe selbst ankommen, wurden die Ideen über Partizipation auf den höheren Ebenen so verwässert, dass es für sie nur noch zwei Möglichkeiten gibt: mitmachen oder nicht. (Woost 2002: 118-9) Das Ziel der internationalen NROs in Sri Lanka passt gut zu einer Definition des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, der UNDP aus dem Jahre 1993: "The best route is to unleash entrepreneurial spirit - to take risks, to compete, to innovate, to determine the direction and pace of development". Gleichzeitig wird Partizipation bei der UNDP aber auch definiert als "access to decision-making and power". (Craig & Mayo 1995: 2) Dies unterstreicht was Beckmann 1997 in einer Studie herausgefunden hat: Auch innerhalb von einer Agentur, wie beispielsweise der GTZ oder dem DED, existiert oftmals kein konsistentes Verständnis.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Entwicklung und aktuelle Relevanz von Partizipation in der Entwicklungszusammenarbeit und erläutert den Aufbau der Arbeit.
2. Hindernisse bei der Implementierung von partizipativen Ansätzen: Dieses Kapitel analysiert anhand von Fallstudien in Sri Lanka und Indien, wie politische Rahmenbedingungen und bürokratische Strukturen die Umsetzung partizipativer Ziele behindern.
3. Lösungsansätze zur Implementierung von partizipativen Ansätzen: Dieser Teil stellt Methoden wie PRA und PAR vor und zeigt durch Praxisbeispiele auf, wie durch institutionelle Veränderungen und Empowerment die Partizipation der Armen gestärkt werden kann.
4. Schluss: Das Schlusskapitel fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und betont die notwendige, aber schwierige Transformation der Machtverhältnisse in der Entwicklungszusammenarbeit.
Schlüsselwörter
Partizipation, Entwicklungszusammenarbeit, Empowerment, PRA, Partizipative Aktionsforschung, NGOs, Organisationskultur, Armutsbekämpfung, Entwicklungshelfer, Lokale Institutionen, Machtverhältnisse, Nachhaltigkeit, Implementierung, Selbsthilfe, Indien, Sri Lanka.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Analyse des Partizipationsbegriffs in der Entwicklungszusammenarbeit und untersucht, wie dieses Prinzip in der Praxis umgesetzt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen die Hindernisse bei der Implementierung partizipativer Ansätze, die Rolle des Staates, das Rollenverständnis von Entwicklungshelfern und die Machtdynamiken zwischen Gebern und Zielgruppen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Partizipation von verschiedenen Akteuren unterschiedlich interpretiert wird und warum es in der Praxis oft zu einer Verwässerung des ursprünglichen Empowerment-Gedankens kommt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine tiefgehende Literaturanalyse und eine ethnologische Auswertung von Fallbeispielen und Studien, um die komplexen sozialen Prozesse in Entwicklungsprojekten zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse von Implementierungshindernissen, insbesondere in staatlichen und hierarchischen Kontexten, sowie eine detaillierte Auseinandersetzung mit Lösungsansätzen wie PRA und PAR.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Empowerment, Entwicklungszusammenarbeit, Partizipation, Organisationskultur und Machtverhältnisse in lokalen Gemeinschaften.
Warum scheitern viele partizipative Projekte laut der Autorin im öffentlichen Sektor?
Oft scheitern sie an rigiden, hierarchischen Organisationskulturen, unpassenden Anreizsystemen für Mitarbeiter und einer mangelnden Bereitschaft der Institutionen, tatsächliche Entscheidungsmacht abzugeben.
Welche Rolle spielen "Vermittler" im Projekt "Usha-Mandal"?
Der "Facilitator" agiert weniger als Leiter, sondern als Assistent und Unterstützer, der der Gruppe hilft, sich selbst zu organisieren, und als Brücke zu offiziellen Stellen fungiert, um die Verhandlungsposition der Armen zu stärken.
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- M.A. Mira Fels (Author), 2004, Partizipation in der Entwicklungszusammenarbeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92832