Besteht die Notwendigkeit einer innerislamischen Neuorientierung oder wird die ŠarīÞa den rechtsstaatlichen Vorgaben gerecht ohne dass unsere muslimischen Mitbürger Gefahr laufen ihre eigene Identität aufgeben zu müssen? Welche Möglichkeiten stehen überhaupt den in Deutschland organisierten Verbänden zur Verfügung, um eine adäquate Umsetzung ihrer Ziele verfolgen zu können? Auf dem Fundament einer grundlegenden Betrachtung von Entwicklung, Struktur und Wesen der Šarī`a muss eine Analyse vorgenommen werden, die sich näher mit der islamischen Normenlehre im Verhältnis auf ihre Gültigkeit für Muslime in einem nicht-islamischen Land beschäftigt. Denn der Islam ist in seiner Rechtstradition hauptsächlich als ein Modell des Zusammenlebens von Muslimen und Nicht-Muslimen konzipiert. Dieses geht traditionell davon aus, dass die Muslime die herrschende Mehrheit darstellen, die politische Macht im Staat besitzen, die Gesetzgebung gestalten und die Rechtsprechung nach islamischen Recht und Gesetz besorgen.
Da die religiöse Komponente in der Integrationsproblematik eine unentbehrliche Grundlage für notwendige politische Überlegungen über die Mittel und Wege zur Ermöglichung eines gedeihlichen Zusammenlebens zwischen deutscher Mehrheitsgesellschaft und muslimischer Minderheit stellt, beschäftigt sich diese Abhandlung mit der Frage nach der islamisch religiösen Legitimität eines dauerhaften muslimischen Aufenthalts in einem nicht-islamischen Staat. Da Muslime in der Diaspora den historischen Ursprung ihrer Handlungsanweisungen bezüglich des Umgangs mit nicht-islamischen Mehrheitsgesellschaften in der Auswanderung (Hiğra) des Propheten Muhammads von Mekka nach Medina im Jahre 622 n. Chr. finden, bedarf es zunächst der Klärung des historischen Hintergrunds. Dies ermöglicht eine bessere Deutung der bestehenden Rechtsgrundlage. Im Zuge der Untersuchung werden dafür einschlägige Koran- und Hadīthpassagen gesichtet. Anknüpfend an klassische Gutachten zu diesem Prüfungsgegenstand steht die islamische Charta im Blickfeld moderner Positionierungen islamischer Gelehrter Europas und traditioneller islamischer Gelehrter.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Muslimische Migration in Deutschland
2.1. Politische Integration
2.2. Sozioökonomische Integration
2.3. Kulturelle Integration
2.4. Religiöse Integration
3. Religion im deutschen Recht
3.1. Deutsches Religionsverfassungsrecht
3.2. Religiöse Gemeinschaften nach deutschem Recht
3.2.1. Muslimische Gemeinschaften als Religionsgemeinschaften nach deutschem Recht?
3.1.2. Muslimische Gemeinschaften als Körperschaften des öffentlichen Rechts
a) Voraussetzungen für die Verleihung der Körperschaftsrechte an Religionsgemeinschaften
b) Verleihung der Körperschaftsrechte an muslimische Gemeinschaften
4. Islamische Normenlehre außerhalb der islamischen Welt
4.1.uÒl al-fiqh – wie sagt die ŠarÞa aus?
4.1.1. Íira – ein historischer Hintergrund
4.1.2. Der Koran
4.1.3. Die Sunna
4.1.4. Iğmāʿ
4.1.5. Qiyās
4.2. Identitätsstiftende Merkmale der islamischen Charta des ZDM
5. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Integration von Muslimen in Deutschland unter Berücksichtigung des Spannungsfeldes zwischen islamischer Normenlehre und dem deutschen Rechtsstaat. Ziel ist es, die rechtlichen Rahmenbedingungen und Entfaltungsmöglichkeiten muslimischer Minderheiten zu analysieren und dabei die Rolle der Islamischen Charta des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD) als Positionspapier und Angebot zum interreligiösen Dialog kritisch zu bewerten.
- Dimensionen der Integration muslimischer Minderheiten
- Struktur des deutschen Religionsverfassungsrechts
- Rechtlicher Status muslimischer Gemeinschaften (Körperschaftsstatus)
- Methodik der islamischen Rechtsfindung (uÒl al-fiqh) im Kontext der Diaspora
- Analyse der Islamischen Charta des ZMD
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Während seiner Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, der ihm im Oktober 2001 verliehen wurde, mahnte der deutsche Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas, dass: „[…] säkulare Mehrheiten in einer demokratisch aufgeklärten Gesellschaft den Einspruch von Opponenten, die sich durch Beschlüsse in ihren Glaubensüberzeugungen verletzt fühlen, als eine Art aufschiebendes Veto zu betrachten hätten. Schließlich werde nur den Gläubigen zugemutet, ihre Identität in private und öffentliche Anteile aufzuspalten und ihre religiösen Überzeugungen in eine säkulare Sprache [zu] übersetzen. Die Rücksichtnahme auf religiöse Grundüberzeugung sei schon deshalb geboten [so Habermas weiter], weil in vielen politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen die Grenze zwischen säkularen und religiösen Gründen ohnehin fließend sei und die Entscheidungsfindung deshalb als eine kooperative Aufgabe zu verstehen sei, die von beiden Seiten fordert, auch die Perspektive des jeweils anderen einzunehmen.“ Um die Perspektiven wechseln zu können ist eine vertiefte Kenntnis der Religionen und Kulturen nötig: „über die Funktionsweise säkularer demokratischer Gesellschaften, aber auch über ihre christlichen Hintergründe und Prägungen und ebenso über den Einfluss, den der islamische Glaube auf das Leben, Fühlen und Denken der hier lebenden Muslime hat.“
Wird in diesem Zusammenhang lediglich von der Notwendigkeit nach einem interkulturellen und interreligiösen Dialog gesprochen, ist dies zwar korrekt, es reicht aber bei weitem nicht aus. Mathias Rohe bemerkt bereits kritisch, dass die dauerhafte Präsenz der Muslime in Deutschland nicht nur ein Umdenken der Mehrheitsgesellschaft [in diesem Zusammenhang können interreligiöse Dialoge Toleranz fördern und Vorurteile abbauen] erfordert, sondern vor allem ein Umdenken seitens des Staates im Umgang mit eben dieser muslimischen Minderheit. Der deutschen Rechtsordnung kommt deshalb die Aufgabe zu, diesem Umdenken gerecht zu werden, dabei Umfang und Grenzen muslimischer Entfaltungsmöglichkeiten zu bestimmen und Probleme die sich aus der Minderheitensituation der Muslime ergeben zu lösen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Notwendigkeit eines interkulturellen und interreligiösen Dialogs und betont, dass eine erfolgreiche Integration ein Umdenken seitens des Staates im Umgang mit der muslimischen Minderheit erfordert.
2. Muslimische Migration in Deutschland: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung der Migration in Deutschland nach und analysiert vier Dimensionen der Integration: politische, sozioökonomische, kulturelle und religiöse.
3. Religion im deutschen Recht: Hier werden das deutsche Religionsverfassungsrecht sowie die Voraussetzungen und Schwierigkeiten thematisiert, die muslimische Gemeinschaften bei der Erlangung des Körperschaftsstatus des öffentlichen Rechts im deutschen Rechtssystem vorfinden.
4. Islamische Normenlehre außerhalb der islamischen Welt: Dieses Kapitel erläutert die methodischen Grundlagen der islamischen Rechtsfindung (uÒl al-fiqh) und untersucht, wie die Scharia und die Islamische Charta des ZMD zur Identitätsbildung und zur rechtlichen Positionierung in der Diaspora beitragen.
5. Schlussfolgerung: Die Schlussfolgerung resümiert, dass die Herausbildung einer emanzipierten, europäisch geprägten muslimischen Identität ein langwieriger Prozess ist, der sowohl Integrationswillen der Muslime als auch die Rückendenkung der europäischen Staaten erfordert.
Schlüsselwörter
Integration, Muslimische Minderheit, Deutschland, Islamische Charta, Zentralrat der Muslime, Religionsverfassungsrecht, Körperschaftsstatus, Scharia, Religionsfreiheit, Diaspora, interreligiöser Dialog, Verfassungstreue, Identität, Rechtsordnung, Minderheitensituation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die rechtliche und gesellschaftliche Integration von Muslimen in Deutschland unter Berücksichtigung sowohl staatlicher Rechtsnormen als auch islamischer Normenlehren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Migrationsgeschichte, das deutsche Religionsverfassungsrecht, der Körperschaftsstatus religiöser Gemeinschaften und die theoretischen Grundlagen des islamischen Rechts in einer säkularen Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Konfliktlinien und Chancen einer rechtlich definierten Integration zu untersuchen und die Rolle der Islamischen Charta als Instrument des interreligiösen Dialogs und der Identitätsfindung zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine rechtswissenschaftliche und islamwissenschaftliche Analyse vorgenommen, die auf der Auswertung von Fachliteratur, rechtlichen Grundlagen des Grundgesetzes sowie Dokumenten muslimischer Dachverbände basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert die Migrations dimensionen, die rechtlichen Voraussetzungen für Religionsgemeinschaften in Deutschland, die Grundlagen des islamischen Rechts (uÒl al-fiqh) und die spezifische Identitätsarbeit des Zentralrats der Muslime.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Integration, muslimische Minderheit, Religionsverfassungsrecht, Körperschaftsstatus, Scharia, Identität und interreligiöser Dialog.
Welche Bedeutung hat die "Islamische Charta" des ZMD?
Sie dient als ein "vertragsähnliches" Angebot an den deutschen Staat, um die Haltung von Muslimen zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu dokumentieren und eine Basis für gesellschaftlichen Austausch zu schaffen.
Warum ist die Verleihung des Körperschaftsstatus für muslimische Verbände schwierig?
Die Schwierigkeiten resultieren primär aus der Forderung nach einer "Gewähr der Dauer", einer stabilen Mitgliederstruktur und rechtlichen Voraussetzungen, die der organisatorischen Vielfalt und den internen Strukturen vieler muslimischer Verbände oft entgegenstehen.
- Quote paper
- Christian Müller-Thomas (Author), 2008, Muslime in der Diaspora, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92840