In Deutschland leben ca. 80.000 gehörlose und zwischen 80.000 und 100.000 so hochgradig schwerhörige Menschen, dass diese sich nicht über Lautsprache verständigen können. Da unsere Gesellschaft auf hörende Menschen ausgerichtet ist und das Leben in ihr auf der Lautsprache basiert, stoßen gehörlose Menschen immer wieder auf Kommunikationsbarrieren, weswegen auch von einer Kommunikationsbehinderung ausgegangen werden kann. Wenn sie aber mit anderen Betroffenen zusammen sind, existieren diese Probleme in der Regel nicht. Aufgrund dessen spricht man in diesem Bereich von zwei Welten, in denen sich gehörlose Personen bewegen (müssen). Auf der einen Seite die ‚Welt der Gehörlosen’, in der sie sich ohne Probleme aufhalten, leben und kommunizieren können, und auf der anderen Seite die ‚Welt der Hörenden’, in der die Lautsprache vorherrscht, wodurch wenig verstanden wird und viele Grenzen erlebt werden.
Man kann diese Sichtweise natürlich auch auf gehörlose Eltern sowie deren hörende Kinder übertragen. Die Eltern ziehen in der Regel die gehörlose Welt vor, während für die Kinder eher ein „Pendeln zwischen [den] zwei Welten“ üblich ist. Sie haben aufgrund der familiären Situation und ihrer Hörfähigkeit zu beiden Welten Zugang. Hierdurch können für die Kinder Ambivalenzen entstehen, wenn ihnen eindeutige Zugehörigkeiten fehlen.
Anhand dieser Situation können vielseitige Probleme auftreten, die sich auf die Entwicklung und Identität beider Generationen beziehen. Hinzu kommt, dass gehörlose Menschen häufig eine wesentlich niedrigere Bildung sowie Laut- und Schriftsprachkompetenz als hörende Menschen haben. Dies resultiert in der Regel aus der Sozialisation von gehörlosen Kindern (den jetzigen Eltern) und deren hauptsächlich hörenden Eltern. Ferner ist der Umgang der hörenden Gesellschaft mit gehörlosen Menschen unsicher, da das Thema Gehörlosigkeit und damit zusammenhängende Merkmale unbekannt sind. Außerdem wird die Situation von hörenden Kindern gehörloser Eltern nicht richtig eingeschätzt, weil in dem Fall das Kind keine Behinderung hat und deshalb von weniger Problemen ausgegangen wird. Die aus diesen Faktoren resultierenden Schwierigkeiten können ein hohes Ausmaß annehmen. Wenn sie gehäuft und in Kumulation mit anderen auftreten, können Situationen entstehen, die sozialpädagogische Familienhilfe erforderlich machen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Gehörlosigkeit
2.1 Medizinische Grundlagen der Gehörlosigkeit
2.2 Unterschiedliche Perspektiven zur Gehörlosigkeit
2.2.1 Betroffenenperspektive und soziale Gehörlosigkeit
2.2.2 Pädagogische Sichtweisen
2.2.3 Gesellschaftliches Bild der Gehörlosigkeit
2.3 Gehörlosigkeit als Behinderung
2.3.1 Stigma
2.3.2 Sekundäreffekte
2.4 Gehörlosigkeit und Identität
2.4.1 Familiäre und institutionelle Sozialisation gehörloser Eltern
2.4.2 Folgen für die Identitätsbildung
2.4.3 Folgen für das eigene Erziehungsverhalten
2.4.4 Selbstbild gehörloser Eltern
2.5 Inhaltliche Konsequenzen für die Soziale Arbeit
3 Sozialpädagogische Familienhilfe allgemein
3.1 Rechtsanspruch und gesetzliche Grundlage
3.2 Indikationen für Familienhilfe
3.3 Zielgruppe
3.4 Inhalte und Aufgaben
3.5 Anforderungen an professionelle Fachkräfte
3.6 Kritische Aspekte
4 Sozialpädagogische Familienhilfe mit gehörlosen Eltern und hörenden Kindern
4.1 Indikationen, Zielgruppe und generelle Inhalte
4.2 Familiäre Situation
4.2.1 Situation der hörenden Kinder innerhalb der Familie
4.2.2 Situation der hörenden Kinder außerhalb der Familie
4.2.3 Mögliche Sprachsituationen in der Familie
4.2.4 Rolle der Großeltern
4.3 Inhalte der Arbeit mit der Gesamtfamilie
4.3.1 Einbeziehung der Großeltern
4.3.2 Kommunikationsstrukturen innerhalb der Familie
4.3.3 Aufbau eines sozialen Netzes
4.4 Unterschiedliche Arbeitsschwerpunkte mit Eltern und Kindern
4.4.1 Inhalte der Arbeit mit den Eltern
4.4.1.1 Umgang mit der eigenen Gehörlosigkeit
4.4.1.2 Stärkung der Erziehungskompetenz
4.4.1.3 Familienspezifische Rollenverteilung
4.4.1.4 Dolmetschen
4.4.1.5 Informationsvermittlung
4.4.1.6 Vermittlung zwischen gehörloser und hörender Welt
4.4.1.7 Aktivierung eigener Antriebe und Ressourcen
4.4.2 Inhalte der Arbeit mit den Kindern
4.4.2.1 Familienspezifische Rollenverteilung und Grenzen
4.4.2.2 Gehörlosigkeit der Eltern
4.4.2.3 Eigene spezielle Situation
4.4.2.4 Identität
4.4.2.5 Umgang und Kommunikation mit der hörenden Welt
4.4.2.6 Freizeitgestaltung
4.5 Anforderungen an professionelle Fachkräfte
4.6 Kritische Beurteilung und Ergänzungen
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Diplomarbeit untersucht die spezifischen Anforderungen an die sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) bei Familien mit gehörlosen Eltern und hörenden Kindern. Das primäre Ziel ist es, ein besseres Verständnis für die Lebenswirklichkeit dieser Familien zu entwickeln, um daraus zielgerichtete Interventionsstrategien für die Soziale Arbeit abzuleiten, die sowohl die Gehörlosigkeit der Eltern als auch die besondere Rolle der hörenden Kinder angemessen berücksichtigen.
- Die lebensweltorientierte Perspektive von Familien mit gehörlosen Eltern und hörenden Kindern.
- Herausforderungen in der Identitätsbildung und der familiären Kommunikation.
- Die Problematik der Rollenvertauschung und des Dolmetschens durch Kinder.
- Notwendige fachliche Kompetenzen für Sozialpädagogen in diesem spezialisierten Arbeitsfeld.
- Die Bedeutung von Netzwerkarbeit und Unterstützungssystemen.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Betroffenenperspektive und soziale Gehörlosigkeit
Gehörlose Menschen sehen sich selbst oft nicht als behindert an, sondern bezeichnen sich als sprachliche Minderheit mit eigener Kultur (vgl. Boyes Braem 1995: 144; Funk 2004: 32). Die medizinische Hörschädigung wird im eigenen Leben, in der Kultur der Gehörlosen nicht als Handikap gesehen. Erst im Kontakt zur hörenden Umwelt treten Probleme auf, wodurch gehörlose Menschen an Grenzen stoßen. Dies bedeutet, dass die Hörschädigung dann als solche wahrgenommen wird, wenn das Leben in der Gesellschaft Grenzen aufzeigt (dies sind in erster Linie Kommunikationsgrenzen), die für gehörlose Personen nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen zu bewältigen sind. Da unsere Gesellschaft auf hörende Menschen ausgerichtet ist, kommt diese Situation häufig vor und erklärt, warum gehörlose Menschen ihre Zeit vorzugsweise mit anderen Betroffenen verbringen.
Allgemein müssen gehörlose Menschen sich aber in beiden Welten bewegen. Zu den Kommunikationsproblemen kommen dann noch weitere hinzu.
„Gehörlosigkeit bedeutet also mehr, als nur nicht hören und – in der Folge davon – nicht sprechen zu können. Gehörlosigkeit schafft für die davon betroffenen Menschen Bedingungen, die ihre individuelle und soziale Lebenswirklichkeit fundamental prägen und die für sie, was ihr Leben in der hörenden Welt betrifft, eine ganze Reihe von – auch lebenspraktischen – Besonderheiten und Belastungen mit sich bringen.“ (neue caritas spezial, 2000: 14)
Hierzu gehören zum einen Alltagsprobleme. Viele Dinge des täglichen Lebens sind nicht selbstverständlich handhabbar, wie Türklingeln, Wecker und Telefone. Zum anderen sind aber auch wichtige Informationen und Warnhinweise, wie Hupen, Katastrophenalarm, Durchsagen im Radio oder am Bahnhof usw., nur akustisch und nicht visuell wahrnehmbar (vgl. ebd.: 16). Diese Faktoren können meistens unter Zuhilfenahme spezieller technischer Vorrichtungen (zum Bespiel Lichtsignalanlagen) kompensiert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der Anforderungen an die Sozialpädagogische Familienhilfe bei gehörlosen Eltern und hörenden Kindern ein und skizziert die Problemlagen der Zielgruppe.
2 Gehörlosigkeit: Dieses Kapitel erläutert medizinische Grundlagen, verschiedene Perspektiven sowie den Identitäts- und Sozialisationsaspekt bei Gehörlosigkeit.
3 Sozialpädagogische Familienhilfe allgemein: Dieses Kapitel bietet einen Überblick über die gesetzlichen Grundlagen, Indikationen und Aufgaben der SPFH in der allgemeinen Sozialen Arbeit.
4 Sozialpädagogische Familienhilfe mit gehörlosen Eltern und hörenden Kindern: Dieses Kapitel vertieft die spezifischen Anforderungen und Arbeitsinhalte in der Arbeit mit gehörlosen Eltern und ihren hörenden Kindern.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und benennt Perspektiven für eine verbesserte Unterstützung gehörloser Eltern durch spezialisierte Angebote.
Schlüsselwörter
Sozialpädagogische Familienhilfe, SPFH, Gehörlosigkeit, hörende Kinder, Identitätsbildung, Gebärdensprache, soziale Arbeit, Erziehungskompetenz, Dolmetschen, Kommunikation, Beratungsangebote, kulturelle Minderheit, Sozialisation, Familiensystem, Behindertengleichstellungsgesetz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den speziellen Anforderungen, die sich aus der sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH) ergeben, wenn die Eltern gehörlos und die Kinder hörend sind.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Lebenswelten gehörloser Eltern, die Rolle der hörenden Kinder als „Brückenmenschen“, Kommunikationsbarrieren, Erziehungsfragen sowie die professionellen Anforderungen an Fachkräfte.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, für die Soziale Arbeit fundierte Erkenntnisse zu gewinnen, um gehörlose Eltern und ihre Familien in ihrem Alltag und ihrer Erziehungsaufgabe kompetent zu unterstützen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie der Auswertung von Fachkonzepten und Erfahrungen aus der Praxis der ambulanten Sozialpädagogik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl die allgemeinen Grundlagen der Gehörlosigkeit und der SPFH dargestellt als auch spezifische Schwerpunkte der Arbeit mit gehörlosen Eltern und ihren Kindern, etwa zur Sprachproblematik und Identität, erläutert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind SPFH, Gehörlosigkeit, Identität, Gebärdensprache, Dolmetschen, Sozialisation und das Doppelmandat der Sozialen Arbeit.
Welche Rolle spielen die Großeltern in diesem Familiensystem?
Großeltern fungieren oft als wichtige, aber auch ambivalente Bezugspersonen, die häufig erzieherische Aufgaben übernehmen, was zu Loyalitätskonflikten beim Kind führen kann.
Warum ist das „Dolmetschen“ für hörende Kinder problematisch?
Es führt häufig zur Überforderung, da das Kind in eine Verantwortung gedrängt wird, die über seine kindliche Rolle hinausgeht, und kann seine eigene Identitätsentwicklung negativ beeinflussen.
Was bedeutet die „Pendelsituation“ für das Kind?
Das Kind muss sich ständig zwischen der gehörlosen Welt der Eltern und der hörenden Umwelt bewegen, was zur Entwicklung einer Doppelidentität führt und oft keine eindeutige Zugehörigkeit zulässt.
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- Diplom Sozialpädagogin Katharina Gerlach (Author), 2006, Gehörlose Eltern und hörende Kinder. Anforderungen an Sozialpädagogische Familienhilfe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92842