Die Rolle von Politik in Wissensgesellschaften


Seminararbeit, 2006

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Merkmale der Wissensgesellschaft
2.1 Wissenspluralismus
2.2 Wissenschaft und Expertise
2.3 Wissensökonomie
2.4 Risiko

3. Problemdiagnose: Das Dilemma von Politik im Kontext der Wissensgesellschaft
3.1 Politik und Risiko
3.2 Politik und Wissenspluralismus
3.3 Politik und Wissensökonomie
3.4 Politik und Wissenschaftssystem

4. Lösungsansätze und Ausblick
4.1 Lernen
4.2 Aufgaben der Politik
4.2.1 Politische Vermittlung im Wissenspluralismus
4.3 Realisierungschancen
4.4 Legitimität des Wissens

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Aktuelle öffentliche Debatten moderner Gesellschaften in Politik, Wirtschaft, und Philosophie verweisen immer wieder auf bekannte soziale Phänomene: Politik- bzw. Parteienverdrossenheit, gebrochene Wahlversprechen, staatliche Immobilität und Problemlösungsunfähigkeit im Zeitalter der „Globalisierung“. Als Lösungen werden oft mehr Ehrlichkeit von Politikern, die Entkrustung des Parteienstaates, sowie Kompetenzverschiebungen und Ausschussbildungen im institutionellen Gefüge politischer Systeme gefordert.

Die Gemeinsamkeit fast aller dieser Forderungen besteht darin, dass sie sich hauptsächlich am Selbstverständnis des jeweiligen politischen Systems orientieren, also grundlegende politische Strukturen, Prozesse, und Inhalte kaum in Frage stellen, wenngleich genau jene als Hauptursache für die genannten Probleme identifiziert werden können. Dies liegt einerseits daran, dass die auf Machtsicherung ausgelegte Operationslogik von Politik diese Verhaltensweise verlangt, und, genau wie das Mediensystem, immer eine entsprechende Anschlussfähigkeit von kommunikativen Beiträgen voraussetzt, an die sich die Teilnehmer in aller Regel halten, wollen sie nicht „kommunikativen Selbstmord“ begehen. Neben dieser Kommunikationsschwelle scheint es allerdings auch einen Bildungsrückstand und/oder ein Unverständnis in Politik und Öffentlichkeit darüber zu geben, was die Sozialwissenschaften bereits seit vielen Jahren als (Teil der) Ursache für die zuvor skizzierten Probleme ausmacht: Den Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft.

In den westlichen Demokratien der OECD vollzieht sich eine sozioökonomische Wandlung, die prinzipielles und vor allem politisches Umdenken erfordert. Spezifisches Fachwissen, in erster Linie auf wissenschaftlicher Basis, diffundiert zunehmend in alle gesellschaftlichen Teilbereiche und löst den Materialismus des Industriezeitalters als Berufsgrundlage ab (vgl. Stehr 2001). Die zwischenzeitliche Ernennung moderner Sozialsysteme zu „Dienstleistungsgesellschaften“ verliert genauso ihre Gültigkeit, weil auch in diesem Bereich Wissen zur primären Grundlage wird (etwa bei Unternehmensberatungen, Rating-Agenturen, Finanzdienstleistern, etc.; vgl. Input Consulting GmbH 2004). Wenn die betreffenden politischen Systeme ihre Steuerungsfähigkeit und Responsivität unter diesen veränderten Umständen unter Beweis stellen müssen, ihre Institutionen und Mechanismen aber im Kern denen der Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts entsprechen, dann ergeben sich grundlegende Missverhältnisse.

Die Wissensgesellschaft muss mit nie da gewesenen Risiken und Ungewissheiten von existenzieller Natur fertig werden, die, entgegen einiger Annahmen, durch die fortlaufende Akkumulation von Wissen und die Detailreformierung politischer Systeme nicht einfach ausgeräumt werden können. Demgegenüber hat es die Wissensgesellschaft mit altüberlieferten Erwartungen der Bevölkerung an die Zuständigkeiten und Leistungsfähigkeit der Politik zu tun und einem entsprechenden Selbstverständnis vom politischen System als allzuständiger Stiftung von sozialer Sicherheit und Führung (vgl. Michael 1993; Willke 2002; Willke 2005).

Folglich stellt sich die Frage: Welche Rolle sollte Politik unter den veränderten Umständen der Wissensgesellschaft einnehmen, um an Problemlösungsfähigkeit und Legitimität zu gewinnen und wie ließe sich diese Rolle verwirklichen?

Um diese Frage zu beantworten, werden in einem ersten Schritt die wichtigsten Charakteristika der entstehenden Wissensgesellschaften aufgeführt und erläutert (2). Anschließend werden diese Merkmale mit einigen politikwissenschaftlichen und öffentlich verbreiteten Auffassungen der Arbeitsweise des politischen Systems konfrontiert, um daraus Schlüsse für die angedeutete Notwendigkeit politischer Neuorientierung in der Wissensgesellschaft zu ziehen (3). Schließlich möchte ich Lösungsansätze für die dokumentierten Probleme anbieten und deren Realisierungschancen diskutieren (4). Im Rahmen der Analyse sollen auch alternative, insbesondere systemtheoretische Beobachtungen der Funktionsweise des politischen Systems in Betracht gezogen werden, die nicht an dessen Selbstbeschreibung orientiert sind, um letztendlich ein möglichst vollständiges, weitsichtiges, und vor allem brauchbares Ergebnis zu erzielen.

Ich möchte noch einige Anmerkungen vornehmen: Diese Arbeit beschränkt sich im Wesentlichen auf die Auseinandersetzung mit Politik und Wissensgesellschaft auf nationalstaatlicher Ebene. Ideen und Ansätze globaler Governanz und/oder globaler Wissensgesellschaften werden weitgehend außer Acht gelassen, was allerdings nicht deren Bedeutsamkeit in Frage stellen soll. Zweitens soll es hier in erster Linie nicht um die Steuerung von Wissen innerhalb eines sich möglicherweise bildenden Politikfeldes der „Wissenspolitik“ gehen, sondern um das gesamte politische System als solches im Rahmen einer Wissensgesellschaft. Die Frage, ob es eine Politik der Wissensregulierung geben sollte und wie diese aussehen könnte bleibt hier zunächst unbeantwortet. Auch in diesem Fall liegen jedoch keinerlei Gründe der Zuweisung unterschiedlicher thematischer Relevanzen vor, sondern eine pragmatische Entscheidung der Auseinandersetzung mit Kernaspekten sowie der formale Grund des begrenzten Ausmaßes einer Hausarbeit. Aus dem gleichen Grund wird auch auf eine definitorische Herleitung und Differenzierung des Wissensbegriffs verzichtet. Eine fortführende Beschäftigung mit allen genannten und anderen relevanten Themen ist allerdings geplant, etwa im Rahmen einer Bachelor-Thesis.

2. Merkmale der Wissensgesellschaft

„Wenn die Frage der Grundbedürfnisse für einige wenige Gesellschaften der Gegenwart – und nur auf diese Gesellschaften richtet sich hier der Blick – ausgestanden ist, dann ist dies nicht das Ende der Geschichte, sondern der Anfang einer anderen Art von gesellschaftlicher Autopoiese“ (Willke 2002, 11).

Auch wenn ein Großteil der Menschheit während des Kalten Krieges in akuter Todesangst leben musste, so waren zumindest ihre Symbolsysteme eindeutig: Klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse, deutliche Grenzen zwischen national und international, und der Glaube an ständig wachsenden Wohlstand. Und gerade weil sich diese historische Phase so unwidersprüchlich darstellte und Menschen dauerhaft mit der Auslöschung allen Lebens konfrontiert waren, bestand wenig Notwendigkeit für die umfassende Akkumulation von spezifischem Wissen, geschweige denn Wissen über Wissen. Das Wirtschaftswunder und die zunächst noch geringe Komplexität von Gesellschaften verlangten nicht nach höher stehenden Erklärungsmodellen. Dies änderte sich mit der Zunahme funktionaler Differenzierung, der Multipolarisierung des internationalen Systems, und der Revolutionierung der weltweiten Kommunikationsmedien.

2.1 Wissenspluralismus

Im Zuge der Ausbreitung jener Kommunikationsmedien war und ist die Folge allerdings nicht nur ein Zuwachs an grenzüberschreitenden Transaktionen und Komplexität, sondern vor allem auch die entsprechende Sozialisierung junger Generationen und die Resozialisierung einiger Älterer in Gesellschaften mit ausreichenden massenmedialen Zugangsmöglichkeiten. Durch den ständigen, kaum hinterfragten Umgang vieler mit Massenmedien und den damit verbundenen Kommunikations- und vor allem Informationsbeschaffungsmöglichkeiten vollzieht sich ein radikaler Wandel der grundlegenden Werthaltungen und Einstellungen in den betroffenen Gesellschaften. Hier entsteht ein Wechsel von den noch stark personalisierten und lokal orientierten Formen des gesellschaftlichen Umgangs und der Informationsgewinnung der Kohorten bis in die 1960er Jahre und denen, die ihnen in fließenden Übergängen folgten, und deren Informationsquellen multipel, formalisiert und kontradiktorisch sind.

Gerade die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts war noch dadurch gekennzeichnet, dass kompetente Ärzte und Handwerker im Plausch mit den Nachbarn persönlich empfohlen wurden, und dass die primäre politische Aufmerksamkeit vieler Menschen auf das Schicksal der lokalen Gemeinde gerichtet war. Heutzutage entscheiden unzählige überregionale Vergleichsranglisten in neuen Medien darüber, was Kompetenz ist, wer über sie verfügt und gleichzeitig noch preiswert ist, und welchen Dienst Menschen in Anspruch nehmen sollten. Das Lokale gewinnt zwar heutzutage in anderer Form wieder an Bedeutung (vgl. Robertson 1995), aber es bildet nicht mehr wie damals für viele den Horizont des Vorstellbaren und die verschworene, patriotische Gemeinde, die in festen Vorstellungen von richtig und falsch verankert ist.

Auch anspruchsvolleres Wissen wurde, vermehrt in bildungsschwachen Schichten, oft mündlich und mit Referenz auf bestimmte Personen vermittelt, deren Autorität zumeist unzweifelhaft war. Die heutige Funktionsweise der Massenmedien, speziell des Internets, erlaubt eine solche Verfahrensweise nicht mehr, weil lokale und nationale Autorität unter globalen Konkurrenzdruck geraten und Wissen nicht mehr über personelle, sondern über universell verfügbare und zumeist wissenschaftlich untermauerte Quellen übertragen wird. Damit ist nicht gesagt, dass die alten Muster komplett ausgelöscht sind; aber sie haben ihre Legitimität weitgehend verloren und werden zunehmend, speziell durch fortlaufende Generationenwechsel, aus der sozialen Praxis verdrängt.

Laut Donald N. Michael basiert die Aufrechterhaltung von kulturellen Normen und Denkmustern auf gesellschaftlichen Mythologien, die er als „… unquestioned beliefs shared by a society or civilisation, about the purposes and ways of life that are right and natural and worth maintaining“ bezeichnet (Michael 1993, 81). Er ist der Ansicht, dass sich durch die informative Offenheit moderner Gesellschaften die emanzipatorische Seite von Bildung stärker ausgeprägt hat, so dass traditionell unhinterfragbare Mythologien jetzt unter Angriff stehen und damit die Gesellschaften vor neue Herausforderungen stellen (ebd., 82).

Die Wissensgesellschaft stellt eine Informationsflut zur Verfügung, die die traditionellen Handlungsmuster westlicher Gemeinschaften auf den Kopf stellt und die dauerhaft aufrechterhaltene „heile Welt“ zerstört. Ich möchte diese Art des Pluralismus, der sich aufgrund der skizzierten Bedingungen der Wissensgesellschaft entwickelt, als Wissenspluralismus bezeichnen.

2.2 Wissenschaft und Expertise

Einige der dominierenden westlichen Mythologien als Kennzeichen der Wissensgesellschaft sind etwa (der Glaube an) Wissenschaft und Säkularisierung. Dabei hat sich Wissenschaft seit Beginn der Weber’schen okzidentalen Rationalisierung und „Entzauberung der Welt“ gegen konkurrierende Erklärungsmuster religiöser und anderer transzendenter Art durchgesetzt und sich als Quelle des Selbstverständnisses moderner Gesellschaften etabliert (vgl. Meyer 2005). Nicht umsonst werden etwa polizeiliche Täterprofile von studierten Kriminalpsychologen durchgeführt, obwohl man prinzipiell auch einen Astrologen aufgrund von Sternkreiszeichen eine Analyse anfertigen lassen könnte.[1] Insgesamt ist die Glaubwürdigkeit überirdischer und spiritueller Praktiken im Vergleich zur modernen Wissenschaft sehr gering, besonders im öffentlichen, aber auch im privaten Raum.

Die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung werden regelmäßig und schichtunabhängig in alltäglichen wie spezialisierten Diskursen thematisiert und haben einen enormen Einfluss auf gesellschaftliche Meinungsbildung und Entscheidungsfindung. Hiervon ist der Smalltalk über das statistisch erfasste Paarungsverhalten von Mann und Frau genauso betroffen wie bedeutende Entscheidungen von politischen Mandatsträgern und Vorstandsmitgliedern in transnationalen Unternehmen. In diesem Zusammenhang spielen statistisch orientierte und andere, (vermeintlich) stärker praktisch ausgerichtete Wissenschaftszweige eine größere Rolle als erkenntnistheoretische, was einhergeht mit dem Wandel von Wissen zur rentabilitätssteigernden Produktivkraft der Ökonomie, während Erkenntnisforschung in den Hintergrund tritt (vgl. Willke 2002).

[...]


[1] Im Übrigen eine in der Antike durchaus anerkannte Wissenschaft, etwa bei Aristoteles und seiner Metaphysik.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Rolle von Politik in Wissensgesellschaften
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Soziologie)
Veranstaltung
Globale Wissenspolitik
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V92927
ISBN (eBook)
9783638072670
ISBN (Buch)
9783640101849
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rolle, Politik, Wissensgesellschaften, Globale, Wissenspolitik
Arbeit zitieren
Patrick Sumpf (Autor), 2006, Die Rolle von Politik in Wissensgesellschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92927

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