Authentizität und Fiktion in Anna Seghers’ Roman „Das siebte Kreuz“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
30 Seiten, Note: 2,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hintergrundsinformationen
2.1 Das siebte Kreuz – ein Exilroman
2.2 Der aktuelle Forschungsstand

3. Die Idee der sieben Kreuze

4. Vergleich der Konzentrationslager Ost- und Westhofen
4.1 Osthofen
4.2 Unterschiede
4.3 Gemeinsamkeiten

5. Westhofen im Vergleich mit weiteren Lagern
5.1 Das Konzentrationslager Sachsenhausen
5.2 Das Konzentrationslager Oranienburg

6. Personenvergleich: fiktiv - real
6.1 Flüchtlinge
6.1.1 Georg Heisler – Hans Beimler
6.1.2 Ernst Wallau – Ernst Thälmann
6.1.3 Aldinger – Brenner
6.1.4 Löwenstein – Löwenstein
6.2 Die Nationalsozialisten
6.2.1 Fahrenberg – Karl d’Angelo
6.2.2 Fahrenberg – Schäfer

7. Schlussfolgerungen

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Über Anna Seghers’ Roman Das Siebte Kreuz wurde seit seiner Erstveröffentlichung in Mexiko im Jahre 1943 bereits viel geschrieben und geforscht, Sekundärliteratur gibt es in einer großen Anzahl. Zufällig bin ich bei meiner Recherche zu Das Siebte Kreuz jedoch auf einen Songtext gestoßen, der bislang nicht von der Seghers-Forschung beachtet worden ist. Dabei handelt es sich um den Song „Erinnerung“ von der Band Feindflug, den ich der vorliegenden Arbeit vorangestellt habe. Feindflug ist ein Electro-Projekt im Label Black Rain, das 1995 gegründet wurde. Das Projekt zeichnet sich aus durch extreme Provokation mit Texten, Zitaten, Bildern und dem gesamten Image der Zeit des Nationalsozialismus. Charakteristisch ist der völlige Verzicht auf Gesang, stattdessen werden Sprachsamples verschiedenster Herkunft verwendet. Ob die Band mit dem Titel direkt Bezug nimmt auf den Roman, ist mir nicht bekannt. (Eine Email an die Band mit entsprechenden Nachfragen blieb unbeantwortet.) Parallelen sind jedoch eindeutig zu erkennen, auch wenn Seghers’ Roman nicht im Jahre 1936, sondern im Herbst 1937 spielt. Ich war überrascht und finde es interessant, dass auch heute noch das Thema ihres Romans aktuell ist und künstlerisch umgesetzt wird. Deshalb habe ich den Text als Einstieg für meine Arbeit ausgewählt.

Anna Seghers selbst war 1937, in dem Jahr also, in dem ihr Roman spielt, schon seit langem nicht mehr in Deutschland. Bereits in den ersten Monaten des Jahres 1933 hatte sie Deutschland verlassen müssen und lebte seitdem im französischen Exil.[1] Dort verfasste sie auch Das siebte Kreuz. In diesem Roman beschreibt sie trotz der Ferne aus der Heimat den genauen Volksalltag in Deutschland und die dortigen Spannungen.

Gerade wegen ihrer Situation im Exil ergibt sich aber die Frage, wie es Anna Seghers fernab von Deutschland gelang, an die Hintergrundsinformationen für ihren Roman zu kommen, zumal sie sehr detailliert über die Situation in Nazideutschland berichtet. Zu Recht stellt auch Sonja Hilzinger die Frage, wie es möglich war, dass Seghers in ihrem Roman ein „so genaues und wahrhaftiges Bild von den Menschen und den Vorgängen in Nazi-Deutschland“[2] gestalten konnte. Ich stimme ihr zu, schließlich ist ein Roman wie Das siebte Kreuz nicht denkbar ohne genaue Kenntnisse der Ereignisse in Deutschland unter dem NS-Regime, ohne die Auswertung von Informationen und dokumentarischem Material und ohne Gespräche mit Flüchtlingen. Diese Vorraussetzungen aber waren erfüllt und sie sind es, die den Roman so authentisch wirken lassen und ihm bis heute weltweiten Erfolg beschert haben. Das Siebte Kreuz ist kein Zeitzeugen-Bericht, aber dennoch lassen sich geschichtliche Parallelen zu realen Personen und Orten ziehen. Deshalb ergibt sich für seine Leser die Frage nach der Wahrheit und dem Verhältnis von literarischer Fiktion und historischer Authentizität; auch wenn Anna Seghers stets betonte, dass es sich beim ihrem Siebten Kreuz um eine Erzählung handelt, die „zugleich“ „wahr“ und „erfunden“ sei.[3] Konkreter lässt sich diese Frage folgendermaßen formulieren: In welchem Verhältnis stehen Authentizität und Fiktion in Anna Seghers Roman Das siebte Kreuz ?

Der Aufklärung dieser Frage widme ich mich in der vorliegenden Arbeit, wobei der Schwerpunkt meiner Untersuchung auf der Gegenüberstellung von Osthofen und Westhofen, sowie dem Vergleich realer mit fiktiven Personen liegt.

Vor der eigentlichen Analyse gehe ich jedoch noch knapp auf die Exilproblematik der Autorin ein, um so die Umstände zu verdeutlichen, unter denen das Siebte Kreuz entstanden ist.

2. Hintergrundsinformationen

2.1 Das siebte Kreuz – ein Exilroman

Anna Seghers begann mit der Arbeit an ihrem Roman Das siebte Kreuz in den Jahren 1937/38. Zu dieser Zeit lebte sie im Pariser Exil. Über die Entstehungsgeschichte des Siebten Kreuzes gibt es wenig gesichertes Wissen und manches von dem, was in der Forschungsliteratur darüber berichtet wird, ist Bernhard Spies’ Forschungsergebnissen zu Folge „Legende“.[4] Insbesondere über das Verschwinden und Wiederauftauchen der Manuskripte des Romans gibt es verschiedene Versionen. Zu Recht weist Sonja Hilzinger darauf hin, dass es charakteristisch für Seghers war, durchaus an einer Legendenbildung um die eigene Person mitzuwirken und „dabei Spuren zu legen und andere zu verwischen.“[5] Gesichert weiß man jedoch, dass es sich mit dem Informationsfluss von Deutschland schlecht verhielt. Die Erinnerungen der Autorin an Deutschland beschränkten sich auf die Zeit vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Somit waren Erinnerungen aus eigenen Erfahrungen und Erlebnissen Deutschland betreffend bereits mehr als vier Jahre alt.

Durch die Erinnerungen von befreundeten Genossinnen und Genossen[6] aber ist überliefert, dass Anna Seghers bei der Gestaltung des Romans in ständigem Dialog mit anderen Flüchtlingen stand und jede noch so kleine Nachricht aus dem faschistischen Deutschland verfolgte.

Die Situation, in der sich Anna Seghers und alle anderen im Exil lebenden Schriftsteller befanden, beschreibt sehr treffend ihr Freund Wieland Herzfelde[7]:

"Für die Antifaschisten im Exil hörte Deutschland auf, etwas Alltägliches, Selbstverständliches zu sein.[...] Da es ihnen physisch unzugänglich war, versuchte die Erinnerung das Bild der Heimat bis ins kleinste Detail zu bewahren. Bewußt und leidenschaftlich wurde jede neue Einzelheit, die durch Gefährten im Exil, durch illegale Besucher aus dem Reich, durch Presse und Rundfunk in Erfahrung kam, diesem Bild hinzugefügt. Selbst die Frage, wie es in den Köpfen und Herzen derjenigen aussah, die der Demagogie erlagen, sich dem Terror fügten, ihn guthießen oder sogar ausübten, war eine - wenn auch schmerzhafte - Teilnahme am Leben in Deutschland."[8]

Auch der amerikanische Seghers-Forscher Alexander Stephan kam zu dem Schluss, dass die Autorin „um dieser Wirklichkeit trotz der Distanz des Exils so genau wie möglich auf der Spur zu bleiben“ versuchen musste „auf allen möglichen Wegen verlässliche Informationen über den Alltag in NS-Deutschland zu erhalten: aus Zeitungen und durch Augenzeugenberichte ebenso wie von Grenzgängern ihrer Partei, aus Publikationen wie dem Braunbuch ebenso wie aus den Erzählungen ihrer Haushälterin Katharina Schulz aus Lindelbach.“[9]

Darüber hinaus ist bekannt, dass Anna Seghers vor der Arbeit am Siebten Kreuz Augenzeugen- beziehungsweise Tatsachenberichte vorlagen. Schon im Jahr der Machtergreifung 1933 war der authentische Bericht Hans Beimlers "Im Mörderlager Dachau" erschienen. Ein Jahr später wurden die Vorgänge im Konzentrationslager Oranienburg von Gerhard Seger in "Oranienburg" veröffentlicht.

Zudem konnte Anna Seghers Informationen und dokumentarischem Material auswerten, über das die verschiedenen Zusammenschlüsse der KPD im Exil verfügten.

Ausgestattet mit diesen verschiedenen Augenzeugen-Informationen konnte Seghers guten Gewissens am 23.September 1938 an einen Freund schreiben:

„Ich werde einen kleinen Roman beenden, etwa 200 bis 300 Seiten, nach einer Begebenheit, die sich vor kurzem in Deutschland zutrug.“[10]

Sonja Hilzinger merkt zutreffend an, dass im Siebten Kreuz zwar tatsächlich historische und gesellschaftliche Vorgänge erfasst werden, dass es Seghers aber nicht „um das Dokumentarische, um vordergründig realistische Schilderung im Sinn der ’Widerspiegelung’ realen Geschehens oder realer Strukturen“ geht, sondern um Verwandlung und Verdichtung gesellschaftlicher Wirklichkeit im „Interesse ihrer besseren Erkennbarkeit.“[11]

2.2 Der aktuelle Forschungsstand

Vor allem auf zwei wichtige Werke möchte ich an dieser Stelle hinweisen, den 1997 erschienenen Band „Welt und Wirkung eines Romans“ des amerikanischen Exilforschers Alexander Stephan und den 2001 im “Argonautenschiff“ veröffentlichten Aufsatz „Sieben Flüchtlinge und sieben Kreuze“ des Mainzer Forschers Erwin Rotermund. Über die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz informiert darüber hinaus ausführlich der gleichnamige Band[12], der unter der Redaktion von Angelika Arenz-Monch und Hans Berkessel entstand. Rotermund zog 2001 in seinem oben angeführten Aufsatz bereits die Schlussfolgerung, dass man über das Verhältnis von zeithistorischer Authentizität und epischer Fiktionalität in Anna Seghers’ Roman Das siebte Kreuz „vor allem dank der einlässlichen, eine Fülle von dokumentarischem Material aufarbeitenden Recherchen von Alexander Stephan gut informiert“[13] ist. Dem möchte ich hinzufügen, dass sich Stephan jedoch bei seinen Recherchen auf das KZ Osthofen und die Region um Mainz konzentriert. Weitere KZs bezieht er nicht in seine Nachforschungen mit ein.

Was das Konzentrationslager Osthofen betrifft, so reichen noch heute die Urteile vom Bild einer eher harmlosen politischen Erziehungsanstalt mit Arbeitsdienst, wie es der nationalsozialistische “Staatskommissar für das Polizeiwesen in Hessen“ Dr. Best selbst verbreitet hat und wie es von Teilen der Osthofener Bevölkerung in Abgrenzung zu den Vernichtungslagern auch weiterhin gern gesehen werden würde“[14], über die Konstruktion eines “Osthofener-Modells“[15], bis hin zur Beschreibung eines brutalen Lageralltags. Ein Aufsatz über Umfragen unter Bürgern und Jugendlichen in Osthofen liegt seit 1980 von Peter Frey vor.[16] Seit 1994 werden vom Land Rheinland-Pfalz systematisch schriftliche Dokumente aus Fremdarchiven, Fotos, Zeitzeugenberichte, Mikrofilme und Mikrofiche zu dem ehemaligen Konzentrationslagern Osthofen gesammelt. Seit 1996 gibt es ein Dokumentationszentrum über die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz. Mit der Eröffnung einer Dauerausstellung in der Gedenkstätte KZ Osthofen im November 1996 wurde ein erster sichtbarer Schritt getan. Eine neue völlig überarbeitete Ausstellung wurde im Mai 2004 im ersten Stock des ehemaligen Konzentrationslagers eröffnet.

3. Die Idee der sieben Kreuze

Von der Herkunft des zentralen Motivs der sieben Kreuze, wusste man lange Zeit wenig. Nur, dass es nicht aus dem rheinhessischen Konzentrationslager Osthofen stammte, galt als gesichert. Anna Seghers selbst äußerte sich zu der Herkunft des Motivs stets vage. So beantwortete sie 1967 eine entsprechende Interviewfrage von Wilhelm Girnus[17], wie folgt:

„Man hat mir oft erzählt von Vorkommnissen in Konzentrationslagern. Ich erzählte Ihnen schon, ich war oft im schweizer Teil des Rheingebietes, und ich habe viele Flüchtlinge gesprochen, und irgend jemand hat mir diese sonderbare Begebenheit - ich sage sonderbar und schrecklich zugleich -, die am allerunwahrscheinlichsten klingt, berichtet, nämlich diese Sache mit dem Kreuz, an das ein Häftling gebunden wird, den man wieder gefunden hat."[18]

Danach könnte man zu Recht, wie etwa Gudrun Fischer[19] vermuten, dass „von einer Zahl, von sieben Kreuzen [...] zunächst nicht die Rede“ ist. Möglich „wären ja auch drei oder zwölf gewesen, um andere mythische Zahlen zu nennen.“ Zutreffend merkt hier der Exilforscher Erwin Rotermund an, dass zwei weitere Äußerungen Anna Seghers aber zeigen, dass „in dem Flüchtlings- und Häftlingsbericht bereits von sieben Kreuzen die Rede war“. Als Beleg nennt Rotermund einen Ausschnitt aus einem Brief, den die Autorin im Jahre 1968 an die schwedische Literaturhistorikerin Gisela Berglund schrieb. Darin schreibt Seghers:

„Was sich im Siebten Kreuz ereignet, bekam ich zum größten Teil von Häftlingen erzählt. Gerade die scharf und grausam wirkende Begebenheit mit den sieben Kreuzen, an die die Flüchtlinge gebunden wurden, hat ein ehemaliger Häftling mit angesehen und mir erzählt.“[20]

Auch in einem Interview, das Seghers 1976 der westdeutschen Gewerkschaftszeitung „Metall“ gab, äußerte sich die Autorin zu der Herkunft des Motivs der sieben Kreuze:

„Ich kam außerhalb Deutschlands mit Flüchtlingen aus Konzentrationslagern zusammen. Menschen kamen aus Deutschland und fuhren dorthin zurück. Da ich sehr viele Menschen in meiner Heimatstadt kannte, konnte ich mir vorstellen, wie die in einer gewissen Situation leben, wie sie unter gewissen Bedingungen leben würden. Was so unglaublich wirkt, nämlich die Sache mit dem siebten Kreuz: Es wurde mir von einem ehemaligen Häftling erzählt, dass sein Lagerkommandant auf diese Idee gekommen war.“[21]

Bisher musste die Seghers-Forschung annehmen , die „tatsächliche Begebenheit“, auf die „das symbolträchtige Motiv des siebten Kreuzes“ zurückgeht, sei „nirgendwo sonst verbürgt“[22]. Nach Forschungsergebnissen von Rotermund spricht aber einiges dafür, dass Anna Seghers bei der „epischen Ausgestaltung dieses Motivs von einem Vorfall angeregt worden ist, der sich im November 1936 im Konzentrationslager Sachsenhausen abgespielt hat“[23].

Ein Beleg für diese Vermutung liefert Harry Naujoks in „Mein Leben in Sachsenhausen. Erinnerungen des ehemaligen Lagerältesten.“, das 1987 in der Bundesrepublik und 1989 in der DDR erschienen ist.[24] Harry Naujoks[25] wurde nur wenige Tage nach der Flucht von siebener Häftlinge am 11. November 1937 nach Sachsenhausen eingeliefert. Sechs Jahre lang hat er das Geschehen im KZ Sachsenhausen als politischer Häftling miterlebt. In seinen Erinnerungen referiert er dieses Ereignis nach dem Bericht seiner „Kameraden“[26]. Zudem führt er auch eine längere Passage aus einem späteren nicht näher datierten Brief „des Kameraden Friedrich Schütte“[27] an. Allerdings ist in Naujoks Bericht nicht die Rede von sieben Kreuzen, sondern von Pfählen.

„Beim Abendappell fehlten sieben Gefangene. Die Folgen waren grausam. Die Häftlinge des Transportkommandos mit ihrem Vorarbeiter Hans Körbs gingen erstmal „über den Bock“, das heißt sie mussten sich über eine hohe Holzbank legen und erhielten 25 Stockschläge auf Gesäß und Rücken. [...] Die Kameraden erzählten uns, dass die Wiedereingefangenen an schnell errichteten Pfählen auf dem Appellplatz an den Handgelenken mit nach hinten geborgenen Armen hochgezogen wurden. Die Schreie der gemarterten Menschen seine bis in den letzten Winkel des Lager gedrungen.“[28]

Ausführlich dargestellt und um das zentrale Motiv der sieben Kreuze erweitert sind die Vorgänge des sechsten und siebten November 1936 in einem bis 2001 unbekannten Bericht von Dr. Willi Knoob(1914-1984). Knoob, der auf Anna Seghers’ Roman direkt Bezug nimmt, war seit September 1936 Häftling in Sachsenhausen und wurde gegen Ende November des Jahres entlassen. In den letzten Monaten vor seinem Tod im Juni 1984 schrieb er seine Lagererinnerungen auf. Daraufhin wurde sein Manuskript im Februar 1987 von seinem Freund Wolfgang Becker[29] maschinenschriftlich transkribiert und dem Exilforscher Rotermund zur Verfügung gestellt, der sie im zehnten Band des “Argonautenschiffes“ in seinem Aufsatz „Sieben Flüchtligen und sieben Kreuze“ veröffentlicht hat. Willi Knoob beginnt seine Erinnerungen mit den folgenden Worten:

„November 1936 im KZ Sachsenhausen bei Berlin, und seitdem habe ich dies noch viele Male in bösen Träumen erlitten.“[30]

Zu den sieben Kreuzen äußert er sich detailliert folgendermaßen:

„Beim Anmarsch zum Antreten des Mittagessen sahen wir dann auch die sieben Kreuze. Sie standen auf dem freien Feld zwischen äußerem Zaun, der den Baracken – und Dienstbereich der SS von der Umwelt trennte, und dem inneren Zaun mit den Stacheldrahtverhauen, dem Todesstreifen, und den Wachtürmen, wo die Untermenschen, die Vaterlandsverräter und Judenknechte eingepfercht waren, damit sie der gesunden deutschen Volkseele keinen Schaden zuzufügen vermochten.

Auf diesem Niemandland standen die rohgezimmerten Kreuze. „Da werden sie hängen, einer nach dem anderen“, sagte der Bewacher mit der M.P.[Maschinenpistole] unter der Achsel, „wir kriegen sie alle, die meisten haben wir schon“. Golgatha. Auf diese Idee konnte nur das kranke und pervertierte Hirn eines SS-Offiziers kommen. Der indianische Marterpfahl hätte da nichts genutzt. Das Kreuz war das stärkere Symbol für das protzige Machtgefühl. Stiefel, schwarze Uniform, M.P. und Kreuz. Soweit ich mich erinnere, wurden alle gefangen. Niemand im Lager wusste so recht wann und wie. Wir hatten keinem der Sieben eine Chance gegeben, es sei denn, er hätte Helfer draußen, so wie in Anna Seghers’ Roman. Wer aber wusste denn draußen, wer zum ersten Schub ins neue Lager Sachsenhausen zählte? Wer überhaupt in Deutschland wusste Genaues über KZ im allgemeinen und über Sachsenhausen im besonderen?“[31]

[...]


[1] Neben der Tschechoslowakei und Russland war Frankreich, nicht nur wegen seiner moderaten Exilpolitik, ein Ziel vieler Emigranten.

[2] Hilzinger, Sonja: „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers. Texte, Daten, Bilder. Seite 9

[3] „Zum Schulfunk (Das siebte Kreuz).“ Typoskript o.D. (Anna Seghers Archiv, Akademie der Künste, Berlin).

[4] Spies, Bernhard: Anna Seghers. Das siebte Kreuz. Seite 14

[5] Hilzinger, Sonja: Erläuterungen und Dokumente. Anna Seghers, Das siebte Kreuz. Seite 46

[6] wie Lore Wolf, Alexander Abusch, Bodo Uhse und anderen.

[7] Mit Anna Seghers gab er 1933-35 die Exilzeitschrift "Neue deutsche Blätter" heraus. Gemeinsam mit Brecht, Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin, Heinrich Mann, Ernst Bloch und anderen deutschen Exilanten gründete er 1940 den antifaschistischen Aurora-Verlag, dessen Geschäftsführung er übernahm.

[8] Herzfelde, Wieland: Liebe zu Deutschland. Seite 173

[9] Vgl. Stephan, Alexander: Authentizität und Fiktion. Das KZ Osthofen und der Roman „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers. Seite 113. in: Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz.. Band 2.

[10] Anna Seghers über „Das siebte Kreuz“ in einem Brief an Iwan Anissimow vom 23.9.1938. Übernommen aus: Roggausch, Werner: Das Exilwerk von Anna Seghers 1933-1939. Seite 245

[11] Hilzinger, Sonja: „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers. Texte, Daten, Bilder. Seite 17.

[12] erschienen im Jahr 2000

[13] Rotermund, Erwin: Sieben Flüchtlinge und sieben Kreuze. In: Argonautenschiff Band 10. Seite 253

[14] Vgl. Gallé, Volker: Karl d’Angelo – Lagerleiter des Konzentrationslagers Osthofen. Seite 73

[15] das auf der „wohlwollenden Einstellung“ Karl d’Angelos gegenüber den Gefangenen beruht habe

[16] veröffentlicht in: „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers. Texte, Daten, Bilder. Seite 153 ff

[17] Chefredakteurs von „Sinn und Form“

[18] Seghers, Anna: Über Kunstwerk und Wirklichkeit, Bd. 3. Seite. 34

[19] In Fischer, Gudrun: „Ach, essen von sieben Tellerchen“ - Märchen- und Sagenmotive im Roman „Das siebte Kreuz“. Argonautenschiff 2, 1993. Seite 132ff

[20] Berglund, Gisela: Deutsche Opposition gegen Hitler in Presse und Roman des Exils. Seite 200

[21] Anna Seghers, Gespräch mit der Zeitung der IG Metall, in: dies., Über Kunstwerk und Wirklichkeit, bearb. und eingel. von Sigrid Bock, Bd. IV,

[22] Vgl. Rotermund Seite 253

[23] Vgl. Rotermund Seite 254

[24] Mit der Niederschrift „Mein Leben in Sachsenhausen“ begann Harry Naujoks Anfang der siebziger Jahre und arbeitete daran bis zu seinem Tode. Seine Erinnerungen und Betrachtungen sind bisher [Stand 87] der erste Bericht eines ehemaligen Lagerältesten aus einem der großen faschistischen Konzentrationslager.

[25] Der Harburger Kesselschmied Harry Naujoks wurde als Kommunist 1933 verhaftet, nach Zwischenstationen in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern, 1936 ins KZ Sachsenhausen überführt.

[26] Naujoks, Harry: „Mein Leben im Sachsenhausen“, Seite 15

[27] Vgl. Naujoks. Seite 33

[28] Naujoks. Seite 32-33

[29] einem Frankfurter Kaufmann und Mitglied der „Gesellschaft für Exilforschung“,

[30] Rotermund. Seite 255

[31] Rotermund. Seite 257

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Authentizität und Fiktion in Anna Seghers’ Roman „Das siebte Kreuz“
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für Neuere Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Exilliteratur
Note
2,5
Autor
Jahr
2006
Seiten
30
Katalognummer
V92949
ISBN (eBook)
9783640097074
ISBN (Buch)
9783656902652
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Authentizität, Fiktion, Anna, Seghers’, Roman, Kreuz“, Exilliteratur
Arbeit zitieren
Melanie Grimm (Autor), 2006, Authentizität und Fiktion in Anna Seghers’ Roman „Das siebte Kreuz“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92949

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