Die Arbeit behandelt den deutschen Afrikadiskurs in deutscher (Populär-)Literatur mit Fokus auf die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Repräsentativ werden zwei Novellen des beliebten Afrikaautors Hans Grimm ("Die Geschichte vom alten Blut und von der ungeheuren Verlassenheit", "Aus Gustav Voigts' Leben") und ein Theaterstück von Paul Keding ("Deutsch-Südwest") analysiert. Doch auch das bereits während dem Herero-Nama-Aufstand entstandene Buch Gustav Frenssens, "Peter Moors Fahrt nach Südwest", kann aufgrund seiner durchschlagenden Wirkung, seiner Vorbildfunktion und seiner anhaltenden Popularität bis hin zum Untergang des Dritten Reiches nicht einfach ausgeklammert werden. Frenssen wird explizit in dem britisch-südafrikanischen Blaubuch über den Genozid in der Namibwüste zitiert.
Das Blaubuch blieb auch nicht ohne Auswirkung auf den deutschen Afrikadiskurs und die Autoren, die die Deutungshoheit über die deutsche Kolonialzeit in Südwestafrika (Namibia) behaupten wollten. Vielmehr mussten sie sich mit den Vorwürfen und öffentlich gemachten Gräuel auseinandersetzen in ihren Versuchen die deutsche Kolonisation in Afrika, sowohl deren Vergangenheit als auch deren damals noch angestrebte Zukunft, zu rechtfertigen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Erste koloniale Gehversuche: neu Teutschland
III. Die Kolonialerwerbungen des Deutschen Reiches
IV. Kulturmission und wissenschaftlicher Rassismus
IV.1. Kampf gegen den Sklavenhandel
IV.2. Der Vorzug des Weißen vor dem Neger
V. Deutsch-Südwestafrika: Besiedlung und Völkermord
V.1. Die einzige deutsche Siedlungskolonie
V.2. Der Herero-Nama-Aufstand
VI. Feindbild und deutsche Identitätskonstruktion in Peter Moors Fahrt nach Südwest
VII. Die »Kolonialschuldlüge«: Zäsur nach dem Ersten Weltkrieg
VIII. Die Konstruktion von Siedleridentität bei Hans Grimm
VIII.1. Aus Gustav Voigts' Leben
VIII.2. Die Geschichte vom alten Blut und von der ungeheuren Verlassenheit
IX. Die deutsche Frau in Paul Kedings Deutsch-Südwest
X. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Konstruktion kolonialer Identitäten in der deutschen Literatur zwischen den Weltkriegen. Im Zentrum steht die Frage, wie Autoren wie Gustav Frenssen, Hans Grimm und Paul Keding koloniale Expansion und rassistische Weltbilder literarisch verarbeiteten, um deutsche Identität in einer postkolonialen Ära neu zu definieren.
- Konstruktion von Siedleridentität und deren rassistische Fundierung
- Die Rolle der "Kulturmission" und des wissenschaftlichen Rassismus in der Literatur
- Literarische Auseinandersetzung mit der sogenannten "Kolonialschuldlüge"
- Darstellung von Geschlechterrollen und deren Bedeutung für die koloniale Ordnung
- Die literarische Verarbeitung des Herero-Nama-Krieges und des Völkermords
Auszug aus dem Buch
I. Einleitung
„Manchmal erscheint am Horizont ein großer grauer Koloß, mit drei oder gar vier Schornsteinen und mit Kanonentürmen. Dann läßt Vater de Bonsac sogar seinen »Krieg und Frieden« sinken und sagt: »O, Kinder! Seht mal dort! Ist das nicht fa-bel-haft? Diese Kraft?« Und er kann sich vorstellen, welchen Nachdruck diese Ungeheuer den weltweiten Unternehmungen deutschen Geistes verleihen. Die Neger, was die wohl denken, wenn man ihnen so kommt?”
In Walter Kempowskis Roman Aus großer Zeit fallen solche Beobachtungen zu den Kolonien meist beiläufig. Er gibt mit feiner Ironie die Haltung des deutschen Bürgertums im Kaiserreich wieder, und hier, in dieser Passage, die Haltung zu den Kolonien und damit gleichzeitig das Bild, das sich ein gutsituierter Bürger der deutschen »Kulturnation« von sich machte, von seinem Platz in der Welt und von dem seiner nach Weltgeltung strebenden, noch quasi frischgebackenen Nation. Und er entwirft ein Bild, wie man es sich in solchen Kreisen von seinen neuen Mitmenschen in den deutschen »Schutzgebieten« in Übersee bildete.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Haltung des wilhelminischen Bürgertums zu den Kolonien und etabliert den theoretischen Rahmen für die Analyse kolonialer Identitätskonstruktionen.
II. Erste koloniale Gehversuche: neu Teutschland: Dieses Kapitel beschreibt die historischen Vorläufer des deutschen Kolonialismus seit dem 16. Jahrhundert und die Verknüpfung mit frühen bürgerlichen Nationalstaatsphantasien.
III. Die Kolonialerwerbungen des Deutschen Reiches: Hier wird der Prozess der deutschen Kolonialgründungen unter Bismarck und die Rolle des aufkommenden nationalen Geltungsdrangs analysiert.
IV. Kulturmission und wissenschaftlicher Rassismus: Dieses Kapitel untersucht die ideologischen Rechtfertigungen für koloniale Unterwerfung, insbesondere den Kampf gegen die Sklaverei und die pseudo-wissenschaftliche Konstruktion rassischer Überlegenheit.
V. Deutsch-Südwestafrika: Besiedlung und Völkermord: Der Fokus liegt auf der Entwicklung SWA als Siedlungskolonie und den Hintergründen des Herero-Nama-Krieges.
VI. Feindbild und deutsche Identitätskonstruktion in Peter Moors Fahrt nach Südwest: Analyse des Romans von Gustav Frenssen als zentrales Werk zur Mobilisierung kolonialer Identität.
VII. Die »Kolonialschuldlüge«: Zäsur nach dem Ersten Weltkrieg: Das Kapitel befasst sich mit der deutschen Reaktion auf den Verlust der Kolonien und das "Blue Book" der Alliierten.
VIII. Die Konstruktion von Siedleridentität bei Hans Grimm: Untersuchung der Romane und Erzählungen Grimms hinsichtlich der Konstruktion eines deutschen "Bauern- und Siedlertums".
IX. Die deutsche Frau in Paul Kedings Deutsch-Südwest: Analyse der Rolle der Frau als Hüterin deutscher Sitte und Kultur in der kolonialen Peripherie.
X. Fazit: Die Zusammenfassung resümiert die Kontinuitäten rassistischer Denkweisen und die Instrumentalisierung kolonialer Literatur zur Identitätsbildung.
Schlüsselwörter
Kolonialismus, Rassismus, Deutsch-Südwestafrika, Identitätskonstruktion, Siedlerliteratur, Völkermord, Kulturmission, Sozialdarwinismus, Kolonialschuldlüge, Herero-Nama-Krieg, Nationalismus, Empire, Identität, Geschlechterrollen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie deutsche Literatur zwischen den Weltkriegen koloniale Expansion legitimierte und dazu beitrug, eine spezifisch deutsche koloniale Identität zu konstruieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die koloniale Siedleridentität, die Rolle der pseudowissenschaftlichen Rassentheorien und die literarische Bewältigung des Verlusts der deutschen Kolonien.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Literatur dazu genutzt wurde, rassistische Herrschaftsstrukturen zu rechtfertigen und koloniale Mythen in das kollektive deutsche Bewusstsein zu übertragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die postkoloniale Theorieansätze und diskursgeschichtliche Methoden kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die koloniale Praxis in SWA, die Rolle von "Bestsellern" wie Frenssens „Peter Moor“ sowie die Schriften von Hans Grimm und Paul Keding.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Kolonialismus, Rassismus, Identitätskonstruktion, Völkermord, Siedlerliteratur und "Kulturmission".
Welche Bedeutung hat das "Blue Book" für die Argumentation des Autors?
Das "Blue Book" dient als zentrales Dokument, das die deutschen Verbrechen in SWA belegte, und bildet den Gegenpol zu den von Kolonialagitatoren in der Zwischenkriegszeit verbreiteten Mythen.
Wie wird das Bild der "deutschen Frau" in der untersuchten Literatur bewertet?
Die Arbeit zeigt auf, dass die Frau in der Kolonialliteratur oft idealisiert als "Hüterin deutscher Art" dargestellt wurde, um durch ihre Anwesenheit die rassische Reinheit und die koloniale Ordnung zu garantieren.
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- Steve Hoegener (Author), 2008, Koloniale Identitätskonstruktionen in der Literatur zwischen den Kriegen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92965