E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“

Die einzigartige Liebe des Studenten Nathanaels zur Automate Olimpia


Seminararbeit, 2005
15 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begründung der Liebe Nathanaels zu Olimpia
2.1. Erste Begegnung Nathanaels mit Olimpia
2.2. Das Phänomen des Fernglases
2.3. Der Sandmann
2.3.1. Schreckliches Kindheitserlebnis
2.3.2. Das Experiment Olimpia
2.4. Räumliche Distanz
2.5. Jean Paul: Die Unauffälligkeit Olimpias
2.6. Projektion seines Selbst
2.6.1. Sigmund Freud: Narzisstische Liebe
2.7. Vergleich Klara mit Olimpia

3. Rückblick

4. Bibliografie

1. Einleitung

„In der Novelle Der Sandmann verliebt sich der Student Nathanael in ein weibliches Automat, in eine naturalistisch gestaltete schöne Puppe namens Olimpia, die Nathanaels Physikprofessor Spalanzani für seine leibliche Tochter ausgibt.“[1]

Diese Worte beschreiben einen sehr bedeutenden Handlungsstrang innerhalb der von E.T.A. Hoffmann 1815 verfassten Erzählung „Der Sandmann“, der bis heute als Markenzeichen dieses literarischen Werkes gilt.[2] Der beschriebene Tatbestand erscheint jedoch, gerade für Außenstehende, zunächst eher unglaubwürdig oder gar absurd. Doch auch als Kenner der Lektüre wird schnell deutlich, dass es einer genaueren Betrachtung und Analyse bedarf, um sämtliche Gründe für die Liebe Nathanaels zu der Automate benennen zu können.

Das genannte Zitat verweist zusätzlich auf einen weiteren, interessanten Aspekt. Es geht dabei um die Frage nach Olimpias Beschaffenheit, die es offenbar möglich macht, sie als Tochter eines Professors, eines Mannes mit hoher Stellung, zu präsentieren.

Ich möchte versuchen, die Fragen, die sich an dieser Stelle naturgemäß stellen, in dieser Hausarbeit zu beantworten. So wird es mir zum einen um die Frage gehen, worin sich die Liebe Nathanaels zu Olimpia begründet und was genau er an ihr für liebenswürdig empfindet. Zum anderen möchte ich auch versuchen darzustellen, weshalb Olimpia als Puppe verkannt wird und somit die notwendige Vorraussetzung für Nathanaels Liebe gegeben ist. Die gesamten genannten Punkte sollen demzufolge die Struktur und Logik dieser einzigartigen Liebe verdeutlichen.

Es ist mir an dieser Stelle wichtig zu betonen, dass ich ausschließlich den oben genannten Leitfragen meine Aufmerksamkeit widmen werde. Die Liebe Nathanaels hat bemerkenswerte Folgen, die sich zwar als außerordentlich interessant erweisen, aber hier nicht zusätzlich von Relevanz sein können. Auch möchte ich, um im Rahmen solch einer Arbeit zu bleiben, auf die zusätzliche Bearbeitung des Leitmotivs des Auges verzichten, wobei sich jedoch eine grobe Kenntnis darüber als durchaus hilfreich erweist.

Im dritten und letzten Teil möchte ich rückblickend auf die bis dahin genannten Punkte eingehen, meine persönlichen Eindrücke sammeln und somit die Hausarbeit beenden.

2. Begründung der Liebe Nathanaels zu Olimpia

2.1. Erste Begegnung Nathanaels mit Olimpia

Um die aufeinander aufbauende Struktur der Liebe Nathanaels zu Olimpia verdeutlichen zu können, möchte ich zunächst auf die neutrale Ausgangssituation hinweisen. Hierbei berichtet Nathanael in einem Brief an seinen Freund Lothar ohne auffälliges Interesse von der ersten Begegnung mit Olimpia. So habe er durch einen kleinen Spalt in der Türgardine „[…] ein hohes, sehr schlank im reinsten Ebenmaß gewachsenes, herrlich gekleidetes Frauenzimmer […]“[3] erblickt, wobei ihm jedoch gleichzeitig die Blicklosigkeit ihrer Augen aufgefallen sei. „Sie schien mich nicht zu bemerken und überhaupt hatten ihre Augen etwas Starres, beinahe möcht ich sagen, keine Sehkraft, es war mir so, als schliefe sie mit offenen Augen.“[4] Trotz ihres „engelschönen Gesichts“[5], zeigt sich Nathanael von dieser ersten Begegnung „ganz unheimlich“[6] berührt und „[…] schlich [deshalb] leise fort […]“[7]. Obwohl dem Studenten Olimpias Schönheit ganz offensichtlich auffällt, schafft die Automate es dennoch nicht, ihn auf Anhieb tiefer zu beeindrucken oder gar zu berühren. Durch ihre starren Augen vermittelt sie ihm vielmehr ein beängstigendes Gefühl, dem Nathanael naturgemäß auszuweichen versucht.

Dennoch zeigt sich hier eine wichtige Vorraussetzung für Nathanaels Liebe zu Olimpia; Indem er in seiner Beschreibung auf ihre Blicklosigkeit und ihr nahezu perfektes Aussehen verweist, nennt er im Grunde deutliche puppenhafte Merkmale. In seinem Brief vermerkt er jedoch keinerlei Hinweise auf das Erkennen einer Automate, sodass er offensichtlich ihre tatsächliche Leblosigkeit nur unbewusst wahrnimmt.[8] Daher erklärt er sich ihre Isoliertheit in einem abgesperrten Zimmer mit vermuteter Blödsinnigkeit. Dieses Unwissen Nathanaels über die wahre Beschaffenheit Olimpias ist grundlegend für die Entwicklung seiner Liebe.

2.2. Das Phänomen des Fernglases

Nathanaels Desinteresse an Olimpia ändert sich jedoch schlagartig. Nachdem der Student ein Fernglas vom „Wetterglashändler“ Coppola gekauft hat, blickt er damit erneut in das Zimmer der Automate; „Nun erschaute Nathanael erst Olimpias wunderschön geformtes Gesicht. Nur die Augen schienen ihm gar seltsam starr und tot. Doch wie er immer schärfer und schärfer durch das Glas hinschaute, war es, als gingen in Olimpias Augen feuchte Mondesstrahlen auf. Es schien, als wenn nun erst die Sehkraft entzündet würde; immer lebendiger und lebendiger flammten die Blicke.“[9] Die Sicht durch das Perspektiv verändert demnach Nathanaels Wahrnehmung, sodass aus Olimpias starrem Blick plötzlich ein dynamischer wird. Fasziniert von ihrem jetzigen „verführerischem Anblick“, zeigt sich der Student sogar von einer stetigen Sehnsucht getrieben, sie permanent zu beobachten.[10] Sein starkes Empfinden, durch das er Olimpia nur einen Moment später als „herrlichen Liebesstern“[11] bezeichnet, wirkt auf den Leser jedoch merkwürdig und zweifelsohne übertrieben. Es erhebt sich somit der Verdacht, dass das Fernglas eine wundersame Wirkung in Nathanael evoziert.

Ein weiteres Ereignis bekräftigt diese Vermutung; Während eines von Professor Spalanzani organisierten Festes, bei dem Olimpia zum ersten Mal in der Öffentlichkeit auftritt, zeigt der Blick durch das Fernglas erneut eine enorme emotionale Sinnessteigerung der Hauptfigur. So ist Nathanael von der Automate vorerst nur „entzückt“, verfällt dem Bann aber dann vollends durch das Ansetzen des Fernglases. „Ach! - da wurde er gewahr, wie sie voll Sehnsucht nach ihm herübersah, wie jeder Ton erst deutlich aufging in dem Liebesblick, der zündend sein Inneres durchdrang.“[12] Auch hier ist die Begegnung Nathanaels mit Olimpia nur von kurzer Dauer, doch weist eine ebenso hohe und somit auffällige emotionale Intensität auf. Selbst die Empfindung eines „grausigen Todesfrost[es]“ bei der ersten Berührung ihrer Hand gerät bei einem Blick in ihre „von Liebe und Sehnsucht“[13] strahlenden Augen in Vergessenheit und kann Nathanaels Empfindungen nicht mindern.

Diese übertrieben erscheinenden Gefühle lassen sich, nicht zuletzt aufgrund ihres wiederholten Auftretens, durchaus als Indizien für die sonderbare Wirkung des Fernglases auslegen.

2.3. Der Sandmann

Um meinen Verdacht vollständig zu bestätigen, muss zusätzlich der Frage nachgegangen werden, wodurch das Fernglas seine wundersame Wirkung erhielt. Hierbei spielt also der „Wetterglashändler“ Coppola die ausschlaggebende Rolle, in dem Nathanael den Advokaten Coppelius aus seiner Kindheit wieder erkennt.[14] Diesen setzte er damals mit dem gefürchteten Sandmann gleich, ein irrtümlicher Gedanke, der sich für ihn dennoch während seines gesamten Lebens nicht aufklären ließ.[15]

[...]


[1] Frank Witting, Maschinenmenschen, zum Wandel eines literarischen Motivs im Kontext von Philosophie, Naturwissenschaft und Technik, Königshausen& Neumann, Würzburg, 1997, S. 64.

[2] Hanno Möbius, Jörg Jochen Berns, Die Mechanik in den Künsten, Studien zur ästhetischen Bedeutung von Naturwissenschaft und Technologie, Jonas Verlag, Marburg, 1990, S. 201.

[3] E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann, Hamburger Leseheft Verlag, Husum/Nordsee, 2001, S. 15.

[4] Ebd., S. 15.

[5] Ebd., S. 15.

[6] Ebd., S. 15.

[7] Ebd., S. 15.

[8] Ebd., S. 15.

[9] E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann, a.a.O., S. 25.

[10] Ebd., S. 25.

[11] Ebd., S. 25.

[12] Ebd., S. 26.

[13] Ebd., S. 26.

[14] E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann, a.a.O., S. 12.

[15] Ebd., S. 7.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“
Untertitel
Die einzigartige Liebe des Studenten Nathanaels zur Automate Olimpia
Hochschule
Universität Konstanz  (Fachbereich Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
MaschinenMenschen
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
15
Katalognummer
V92973
ISBN (eBook)
9783640097135
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hoffmanns, Sandmann“, MaschinenMenschen
Arbeit zitieren
Catharina Cerezo (Autor), 2005, E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92973

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