Kontrastive Strukturen in Góngoras „Fábula de Polifemo y Galatea“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit

2. Gegensätzliche Charaktere
2.1. Die Scheußlichkeit des Polyphem
2.2. Die Schönheit der Galatea
2.3. Die Männlichkeit des Akis

3. Kontrastive Ausprägungen von Leidenschaft
3.1. Liebe zwischen Galatea und Akis
3.1.1. Annäherung der Liebenden
3.1.2. Vereinigung und das Motiv der Sinnlichkeit
3.2. Eifersucht des Polyphem
3.2.1. Entdeckung des Liebespaares und das Motiv des Zorns

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit

Góngora gilt als einer der bedeutendsten spanischen Barockdichter des Siglo de Oro. Sein für die damalige Zeit neuer Stil, der artifiziell und blumig wirkt, wurde als Gongorismus oder Culteranismo bekannt.

Zu Góngoras lyrischem Werk gehört, neben mehr als 300 Dichtungen, die großartige Versdichtung „Fábula de Polifemo y Galatea“. Im Jahre 1612 entstanden, aber erst 1627 erschienen, zählt sie zu seinen bekanntesten Werken. In 63 Strophen wird die Geschichte des Zyklopen Polyphem erzählt, der sich in die schöne Nymphe Galatea verliebt. Nachdem er bemerkt, dass diese eine Liebesbeziehung mit Akis führt, kommt es zu einem Wutanfall Polyphems, der für Akis tödlich endet.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit werde ich das Gedicht auf seine verschiedenen kontrastiven Elemente untersuchen. Hierbei werde ich mich an der Struktur des Gedichtes orientieren, das zwei unterschiedliche Ebenen aufweist. Der erste Teil der „Fábula de Polifemo y Galatea“ ist vorwiegend deskriptiv und dient zur Vorstellung der einzelnen Figuren, während die eigentliche Handlung erst im zweiten Teil einsetzt.

Dementsprechend werde ich mich zunächst mit den drei Charakteren befassen und dabei untersuchen, mit welchen sprachlichen Mitteln Góngora dem Leser die Abscheulichkeit des Polyphem, die Schönheit der Galatea und die Männlichkeit des Akis nahe bringt. Die Kontraste der äußeren Erscheinungsbilder und Handlungsweisen sollen als Grundlage für die in Kapitel 3 untersuchte Thematik dienen.

Dieser Teil beschäftigt sich mit den im Gedicht zu findenden, unterschiedlichen Ausprägungen von Leidenschaft. Zunächst werden die Strophen 40-42 analysiert, um sie dann den Strophen 59-62 gegenüberzustellen. Hier wird das Augenmerk besonders auf die Motive der Sinnlichkeit und des Zorns gelegt. Die Gefühle Liebe und Eifersucht stellen in diesem Gedicht einen zentralen Kontrast dar, der einer genauen Analyse bedarf.

Das Erkenntnisinteresse der Arbeit liegt darin, herauszufinden, welche Funktion die herausgearbeiteten Kontraste in ihrer jeweiligen Umgebung besitzen.

2. Gegensätzliche Charaktere

Bei der Lektüre des Gedichtes „Fábula de Polifemo y Galatea“ fällt besonders die gegensätzliche Darstellung des Polyphem gegenüber der Galatea auf, aber bei einer genaueren Untersuchung stellt man fest, dass auch Akis kontrastive Charakterzüge zu den anderen beiden Figuren aufweist. In diesem Kapitel sollen die drei Protagonisten bezüglich ihrer gegensätzlichen Elemente untersucht werden. Die Vorgehensweise soll die Herausarbeitung einer These zum Ziel haben, welche die Funktionen erklärt, die die kontrastiven Motive in der Figurenkonzeption einnehmen.

2.1. Die Scheußlichkeit des Polyphem

Die Beschreibung des Polyphem erstreckt sich über neun Strophen, wobei man Sinneinheiten bilden kann, so dass drei thematische Einheiten entstehen. In den Strophen 4-6 wird die Höhle des Polyphem beschrieben, in den beiden darauf folgenden seine Gestalt und in der 9.-12. Strophe seine Gewohnheiten und Besitztümer.

Der Zyklop Polyphem lebt in einer Höhle auf der Insel Sizilien. Der Eingang der Grotte wird von einem großen Felsbrocken verschlossen, vor dem kräftige Bäume wachsen, wodurch sehr wenig Licht und frische Luft in die Höhle gelangen: „a cuya greña menos luz debe, menos aire puro la caverna profunda, que a la peña“
(V.34 f.). Der Innenraum wird mithilfe von mehreren Adjektiven, durch die Dunkelheit ausgedrückt wird, als sehr finster und düster beschrieben:
caliginoso[1] (V.37), obscuro (V.37), negra (V.38), nocturnas (V.39). Dieser Effekt wird durch die Klangfarben einiger Worte verstärkt. Vor allem der Mittelteil von Vers 39 erhält durch das doppelte Auftreten der Silbe /tur/ eine dunkle Farbe, da der Vokal /u/ zu den schwarzen Vokalen zählt. Laut Untersuchungen der experimentellen Psychologie weckt dieser Vokal, der aufgrund seines hinteren Artikulationsortes eine niedrige Frequenz besitzt, die Assoziation mit dunklen Farben.[2] Außerdem liegt sowohl bei dem Wort turba als auch bei nocturnas die Betonung auf der besagten Silbe, da beide zu den palabras llanas gehören.

Mit dem Auftreten eines Schwarms niederträchtiger Nachtvögel erhält die Beschreibung der Behausung des Zyklopen eine unheimliche und geheimnisvolle Nuance, zumal man diese auch als Metapher für Fledermäuse betrachten kann. In Anbetracht einer dunklen Grotte liegt eine solche Assoziation nahe, auch wenn es sich bei Fledermäusen um Säugetiere und nicht um Vögel handelt. Damaso Alonso sieht sie jedoch als „aves de mal agüero“[3] – Unglücksvögel.

Mit der sechsten Strophe wird die Beschreibung der Höhle, hier durch die Metapher eines ungeheuren Gähnens („formidable bostezo“) bezeichnet, abgeschlossen. Sie erfüllt für Polyphem den Zweck einer Hütte, einer Herberge und eines Pferches („choza“, „albergue“, „redil“). Des Weiteren wird erwähnt, dass er eine solch große Zahl an Ziegen besitzt, dass man die zerklüfteten Gipfel nicht mehr sehen kann (V.46 f.). Dies ist eine Anspielung auf die Reichtümer des Zyklopen, welche Gegenstand der dritten Sinneinheit (Strophe 10-12) sind und an späterer Stelle näher betrachtet werden sollen.

Insgesamt ist die Strophe von einem Durcheinander der Worte gekennzeichnet, was eine gewisse Unruhe in die Verseinheit bringt. Durch den letzten Vers – ein klassischer Bimembre[4] – endet die Oktave jedoch harmonisch und unterstreicht somit das Bild eines reichen Polyphem.

Die Strophen 7 und 8 befassen sich mit dem äußeren Erscheinungsbild des Polyphem. Hier erfährt der Leser, dass es sich um einen Zyklopen handelt. Er wird mit einem Berg aus Gliedern (V.49) verglichen, was dafür spricht, dass er sehr groß ist. Mitten auf seiner Stirn sitzt ein einzelnes Auge, welches der Sonne gleichgesetzt wird, während seine Stirn einem orbe (V.51) gegenübergestellt wird. Somit wird die Vorstellung der Riesenhaftigkeit unterstrichen. Des Weiteren wird gesagt, dass ihm die stärkste Kiefer als Stock oder Hirtenstab diene und trotz des schweren Gewichtes für ihn nur ein dünnes Binsengras sei (V.53 ff.). Dadurch gewinnt die Gestalt des Polyphem an Kraft und Stärke.

Die Metaphern der folgenden Strophe schließen nahtlos an die der vorherigen an. Wird Polyphem dort einem Berg gleichgesetzt, kommt es nun zur Analogie seiner Haare mit einem dunklen Strom und seines Bartes mit einem Wasserfall, der den Berg, beziehungsweise seine Brust, hinabströmt. Die Tatsache, dass der Zyklop offensichtlich keinen Kamm besitzt und seine Mähne vom Wind kämmen lässt und den Bart mit seinen Fingern zu ordnen versucht, gibt ihm einen verwegenen und ungepflegten Charakterzug. Sein Hygieneverständnis lässt zu wünschen übrig, da er Körperpflege entweder selten – tarde, schlecht – mal oder vergebens – en vano (V.63) betreibt.

Beide Strophen verfolgen die Idee eines struppigen, gewaltigen und groben Riesen – ein Bild, das zu seiner zuvor beschriebenen Behausung, einer dunklen Höhle, passt. Diese Vorstellung wird durch expressive sprachliche Mittel erreicht, die alle dieselbe Konnotation tragen: Verruchtheit, Abscheulichkeit und Grobheit.[5]

Vergleicht man die vorangegangene Sinneinheit mit diesen beiden Strophen, so fällt auf, dass die Naturgebilde aus der Ersteren mit menschlichen Attributen umschrieben werden (boca für Eingang; greña für Geäst; bostezo für Höhle), wohingegen die menschlichen Züge des Zyklopen anhand natürlicher Phänomene und Naturgewalten skizziert werden (monte für Körper; obscuras aguas für Haare; torrente für Bart). Das Motiv der Natur ist daher stark mit der Person des Polyphem verknüpft, wodurch seine unzivilisierte Lebensweise in der Wildnis hervorgehoben wird, gleichzeitig aber seine Bildung und Kultur, Attribute eines zivilisierten Menschen, in Frage gestellt werden.

In der neunten Strophe kommt ein neuer Charakterzug hinzu: die Grausamkeit des Polyphem. Der Zyklop tötet die wildesten Bestien. Kein Tier ist vor ihm sicher; weder die Fluchttiere, noch solche, die aufgrund ihres blutrüstigen Instinktes selbst jagen und einst der Schrecken der Bauern waren. Die erste Hälfte der Strophe ist durch eine „correlación bimembre“[6] gekennzeichnet, die die Verse 66 und 67 umfasst. Dadurch wird der Rhythmus der Strophe recht langsam und ruhig. Außerdem erfordert der Bezug der Worte untereinander eine erhöhte Aufmerksamkeit des Lesers, der die einzelnen Satzglieder einander zuordnen muss. Die Grausamkeit des Polyphem wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass die zuvor beschriebenen wilden Tiere gegenüber ihm zu Felldecken verarbeitet werden. Das im letzten Vers beschriebene „dudosa luz del día“ unterstreicht das unheimliche, Furcht erregende Bild, welches in dieser Strophe gezeichnet wird.

Die folgenden zwei Strophen befassen sich mit den Gütern, die Polyphem besitzt und bilden einen starken Kontrast zu den vorherigen. Hier ist nichts mehr zu spüren von seiner Grausamkeit und der Dunkelheit, die die letzten Strophen so sehr gekennzeichnet haben. Die Verse besitzen eine einfache und klare Syntax und suggerieren dem Leser eine sanfte Note. Die riesige Tasche Polyphems ist prall gefüllt mit Früchten, die in den Versen 75-88 aufgezählt werden: Pflaumen, Birnen, Kastanien, Quitten, Äpfel und Eicheln. All diese Früchte stehen für den Reichtum des Zyklopen. Seine Hirtentasche schützt und bewahrt die unreifen Früchte auf. Die milden Worte, die in diesen Versen zu finden sind, beziehen sich zwar auf die Beschreibung der Früchte, dennoch erhält auch die Gestalt des Polyphem eine gewisse Zweideutigkeit.[7]

Die letzte Strophe, die für die Charakterisierung des Polyphem herangezogen werden soll, beschäftigt sich mit dem Instrument des Riesen und der Wirkung seiner Musik. Normalerweise bestehen Panflöten aus sieben Rohren[8]. Die des Polyphem zählt jedoch hundert, was die Größe und Monstrosität des Riesen hervorhebt. Der Klang der Flöte ist so laut und anhaltend, dass er mehr Echos nach sich zieht, als die Panflöte Rohre hat und wird als bárbaro ruído (V.90) bezeichnet. Das Motiv des Echos wird auch wörtlich wieder aufgegriffen. So findet man in Vers 89 „Cera y cánamo unió“ und in Vers 91 „unió cánamo y cera“.

[...]


[1] Cultismo: = obscuro, nebuloso, vgl. Alemany y Selfa: Vocabulario de las obras de Góngora.

[2] Vgl. Genette: Mimologiken: S. 482 f.

[3] Vgl. Alonso: Góngora y el <Polifemo>, S. 59.

[4] Vgl. Alonso: Góngora y el <Polifemo>, S. 68.

[5] Vgl. Núñez Ramos: Poética semiológica, S. 220.

[6] Alonso: Góngora y el <Polifemo>, S. 81.

[7] Vgl. http://www.uv.es/ivorra/Gongora/Polifemo/11.htm.

[8] Vgl. Alonso: Góngora y el <Polifemo>, S.94.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Kontrastive Strukturen in Góngoras „Fábula de Polifemo y Galatea“
Hochschule
Universität zu Köln  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Góngora
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V92993
ISBN (eBook)
9783638066778
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kontrastive, Strukturen, Góngoras, Polifemo, Galatea“, Góngora
Arbeit zitieren
Irina Tegethoff (Autor), 2006, Kontrastive Strukturen in Góngoras „Fábula de Polifemo y Galatea“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92993

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