Swiss Wave: Die Neue Deutsche Welle in der Schweiz

Schweizer Bezüge in den Texten der Gruppe Grauzone


Seminararbeit, 2006
19 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Neue Deutsche Welle: Soziokultureller Kontext
1.1. Achtziger Unruhen: Jugendbewegung in der Schweiz?

2. Swiss Wave
2.1. Grauzone 1980/81
2.2. Hertz 1982/84

3. Textanalyse: Bezug zur Schweiz
3.1. Eisbär: Splendid Isolation (1980)
3.2. Moskau : Schweiz und der Kalte Krieg (1981)
3.3. Hinter den Bergen: Alpenstaat
3.4. Der Weg zu zweit: Konkrete Poesie

Zusammenfassung der Ergebnisse

Literaturverzeichnis:

Anhang 1:
Moskau:
Eisbär:
Hinter den Bergen
Der Weg zu zweit

Einleitung

Die Neue Deutsche Welle war eine Musikbewegung, die im Zusammenhang mit den Jugendprotesten der Achtziger Jahren entstand. Aus der allgemeinen Frustration der Jungen, die in dem technischen Fortschritt und dem weltfernen Hippieoptimismus keinen Sinn mehr erkennen konnten, entstand eine Musik, die mit abgehackten sloganartigen Texten und monotonen Rhythmen gegen das gängige Verständnis von Normalität und Ästhetik verstiess. Nach dem Protest der Punkbewegung kristallisierte sich in England der New Wave heraus, was im deutschsprachigen Raum wiederum zur Neuen Deutschen Welle wurde. Ein explizit deutschsprachiger Musikstil, der auch lokale Themen und Probleme aufnahm.

Als deutschsprachiges Phänomen wird die Welle auch hauptsächlich mit Deutschland in Verbindung gebracht, obwohl sowohl aus der Schweiz als auch aus Österreich wichtige Beiträge zum neuen Musikstil stammen. In dieser Arbeit wird als Einführung der soziokulturelle Kontext der Neuen Deutschen Welle kurz vorgestellt, danach wird auf die Unruhen der Achtziger Jahren in der Schweiz Bezug genommen und schliesslich der Frage nachgegangen, ob es auch in der Schweiz eine Neue Deutschsprachige Welle gab. Die Swiss Wave wird anhand zweier Schweizer Gruppen, Grauzone und Hertz, kurz vorgestellt. Im Hauptteil der Arbeit werden vier ausgewählte Texte der Gruppe Grauzone auf ihren spezifischen Bezug zur Schweiz hin analysiert. Das Ziel ist aufzuzeigen, ob und inwiefern die Gruppe Grauzone sich mit den lokalen Themen und Problemen auseinandersetzt und inwiefern ihre Texte universelle oder deutsche Inhalte aufgreifen.

1. Neue Deutsche Welle: Soziokultureller Kontext

Punk war der Protest der Jugend gegen die Sinnlosigkeit und gegen die Perspektivenlosigkeit der damaligen Gesellschaft. Die Musik, die ursprünglich vom Arbeitermilieu ausging, war ebenso individuelle Auflehnung wie Selbstdarstellung und zumindest in den Anfängen mehr als einfach ein neuer Modetrend. Die Bewegung griff gegen Ende der siebziger Jahre von England auf Deutschland über und bewirkte durch ihr revolutionäres Gedankengut eine neue Identifikation der Jungen mit der deutschen Sprache. Während sich die Bands anfangs noch stark am englischen Vorbild orientierten, setzte sich schon ab 1978 die deutsche Sprache durch. Das Gedankengut der Punkbewegung prägte auch die Neue Deutsche Welle, die mit alten Werten und Vorbildern brach, um die Musik neu zu erfinden.[1]. Es ging fortan nicht mehr darum, amerikanische oder englische Gruppen und Stile möglichst getreu zu nachzuspielen, vielmehr gab es eine Abgrenzung gegenüber der importierten Musik, und verschiedene Bands begannen damit, dem Rock’n Roll eine deutsche Antwort entgegen zu setzen.[2]. Die neue Musik war also deutsch, gespielt von einer Jugend, die sich gegen die designten Trends der Plattenindustrie auflehnte und sich gemäss dem Motto „Jeder kann was“ selbst ans Werk machte. Die Klänge waren ebenso experimentell wie die Tonwerkzeuge, zu Gitarre, Bass und Schlagzeug kamen immer häufiger elektronische Instrumente wie Synthesizer und Sequenzer. Weil es nicht länger wichtig war, ein Instrument oder eine Technik bis zur Perfektion zu beherrschen, spielte jeder alles. Innovation stand vor Können und so wurden Gebrauchsgegenstände wie Rohre, Kettensägen, Eisenträger, etc. zum Tönen gebracht. Die Gruppe „Einstürzende Neubauten“ in Berlin baute beispielsweise auch Alltagsgeräusche wie das Rauschen der Autobahn in ihre Klangwelten ein.[3]. Es waren Töne, die aus der Desillusionierung einer Generation entstand, die alles hatte und sich dennoch nur mit Mühe in der Gefühllosigkeit der fortschreitenden Technisierung zurechtfand. Die Lieder richteten sich gegen die allgegenwärtige Langeweile, gegen die künstlichen Träume der Superstars, gegen die vorgegaukelte Harmonie und Ästhetik. Musikalischer Minimalismus war die Antwort auf die Reizüberflutung der Werbung und der Medien. Kindliche Fröhlichkeit, leichte Melodien auf monotonen Rhythmen nehmen den im Alltag erlebten Frust auf und kontrastieren ihn. Wie die Musik richtete sich auch die Sprache der Neuen Deutschen Welle gegen die Traumwelten und den Pseudooptimismus, die noch im deutschen Schlager der Vorkriegszeit propagiert wurden und die gegenüber der harten Realität als Fluchtmöglichkeit dienten. Neu wurde nicht mehr von Liebe und Sehnsüchten gesungen, vielmehr wurden soziale Missstände, Ängste und Aggressionen in Wortspielen, Sprüchen und Schlagworten angesprochen und ausgelebt.[4]

1.1. Achtziger Unruhen: Jugendbewegung in der Schweiz?

Die Situation in der Schweiz war ähnlich wie in Deutschland. Auch hierzulande war man jung, frustriert und gelangweilt vom grauen Alltag und einer Kultur, die von oben diktiert wurde. Die Jugend begann sich zu organisieren, stellte soziale Missstände, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot an den Pranger. Ende der Siebziger, anfangs der Achtziger Jahre kam es immer häufiger zu Krawallen und Unruhen. Man war gegen alles und man war politisch. Die Jugend kämpfte gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen die Autorität von Staat und Polizei, gegen Rassismus, gegen den Mainstream, Konformität und die Kommerzialisierung. Die Gegenwart wurde als perspektivenlos, ohne Sinn und Zukunft wahrgenommen, die Antwort darauf war Wut und Aggression. Zum 30.Mai 1980, der Nacht der Opernhauskrawalle, meint Markus P. Kenner, „Es war eine ungemeine Wut da, aber auch Stärke. Man spürte, dass die Macht eine Nacht lang auf der Gasse lag.“[5]

Demonstrationen und Widerstand waren an der Tagesordnung, so wurde beispielsweise im Juni 1980 in Bern gegen den Abbruch zweier alter Bauernhäuser und damit gegen die Errichtung neuer Betonwohnblocks demonstriert. In Zürich gab es langwierige Auseinandersetzungen um die Eröffnung eines Autonomen Jugendzentrums (AJZ) an der Limmatstrasse, das schliesslich am 28. Juni 1980 eröffnet wurde. So wurden nicht nur politische, sondern auch kulturelle Forderungen nach Räumen für eine selbstbestimmte Kultur und Kreativität laut. Die soziale Bewegung und der Protest der Jugend spiegelten sich auch in der Musik wieder. Der Übergang vom Punk, als Vorreiter eines neuen Denkens und eines neuen Selbstverständnisses, zur New Wave, zur Neuen Welle mit Synthesizern und deutschen Texten, war auch in der Schweiz fliessend.[6]

2. Swiss Wave

Es gab sowohl in Deutschland wie auch in der Schweiz ähnliche Voraussetzung für die Entwicklung einer Subkultur. überall im Lande begannen die Jungen Räume für eine autonome Kultur einzufordern, der Kern der Bewegung konzentrierte sich auf die grösseren Städte wie Zürich, Basel und Bern. Es entstanden diverse Aktionskomitees, die durch Häuserbesetzungen und Demonstrationen ihren Forderungen Nachdruck verliehen. Die anhaltenden und zum Teil gewaltsamen Aktionen erzwangen schliesslich die Einrichtung autonomer Jugendzentren. So dienten in Basel verschiedene besetzte Häuser, in Bern die Reithalle und in Zürich das AJZ an der Limmatstrasse als Plattform und Bühne für alternative Musik und Kultur.[7]

In Zürich bildete sich im Herbst 1979 die Arbeitsgemeinschaft „Rock als Revolte“ (RAR), die sich zum Ziel setzte, die Musikszene in Zürich zu verbessern. Sie wollten Raum schaffen für alternative Musik und Konzerte, wo es möglich war, sich ausserhalb des kommerziellen Rahmens zu treffen und Feste zu feiern. In den späten Siebzigern kamen immer mehr junge Bands auf, die ihrem Lebensgefühl durch die Musik Ausdruck verliehen. Gruppen wie Grauzone, Kleenex, Liliput, Taxi und Hertz vertonten die allgemeine No-Future-Einstellung und musizierten frisch und unkonventionell. Dazu Astrid Spirig, Bandmitglied von Kleenex:

Die Art und Weise, wie unsere Musik entstand. Wir trafen uns im Übungskeller, und los ging es: Vier Stunden Gekreisch und überhaupt keine Musik. Alles nahmen wir auf Band auf. […] Wir waren immer auf der Suche nach neuen Klängen.[8]

Die neue Musik war eng mit der politischen Jugend verbunden, sie wurde auch von Leuten gespielt, die aktiv und Teil der Bewegung waren. Astrid Spirig, Sängerin der Band Kleenex antwortet auf die Frage, wie die Band auf die Achtziger Unruhen reagierte:

Wir sind mit der 80er-Bewegung gewachsen. Wir fanden es toll, dass es das AJZ gab, traten dort auch auf, aber es war nicht unser Zuhause. In der Roten Fabrik gefiel es uns besser. Ich ging an die Demos. Das war mir vertraut.[9]

Die Schweizer Neue Deutsche Welle- Szene entstand als Reaktion auf die politischen Unruhen Ende der Siebziger Jahren. Damals wurde Raum für Kultur gefordert, den es dann auch zu füllen galt. In diesem Sinne war sie sicher auch Vorläufer für die Bundesdeutsche Neue Welle, die sich etwas später dafür umso ausgiebiger an der neuen Strömung beteiligte. Bands wie Ideal, Extrabreit und Palais Schaumburg machten Musik, die schnell, hart und monoton war, untermalt von sloganartigen Texten.[10]

2.1. Grauzone 1980/81

Die Musik, die für die Neue Deutsche Welle prägend war, wurde erstmals von der Schweizer Band Grauzone öffentlich gespielt. Die Band ging aus der Berner Punkband Glueams hervor. Im Januar 1980 fand sich nach einigen Wechseln das Quartett Stephan und Martin Eicher, G.T. und Marco Repetto zum Musikkonzept Grauzone zusammen. Sie entwickelten den Punksound von Glueams weiter und bauten mit Lichteffekten, Synthesizern und Filmprojektionen immer mehr multimediale Effekte ein. Grauzone, deren Konzerte eher Happenings glichen, an denen sie sich nicht auf das Spielen ihrer früheren Stücke beschränkten, sondern vielmehr mit Improvisationen auf die im Publikum vorherrschende Stimmung reagierten, wurden schliesslich angefragt, an dem Sampler „Swiss Wave – The Album“ von Off Course Records mitzuarbeiten. Die Platte kam im Herbst 1980 auf den Markt. Grauzone war mit den beiden Stücken „Raum“ und „Eisbär“ dabei. Worauf sich die Band vermehrt auf die Arbeit im Studio konzentrierte, um dessen musikalische Möglichkeiten besser auszuschöpfen. Der Song „Eisbär“ wurde zuerst in der Schweiz und ab 1981, dank der Promotion und dem Vertrieb durch das Label Welt - Rekord/ Emi, auch in Deutschland ein grosser Hit. Trotz diesem Erfolg liessen sich die „Grauzöner“ nicht kommerzialisieren. Sie weigerten sich, im Fernsehen aufzutreten und verzichteten an ihren Live- Auftritten darauf, die Hits zu spielen. Stattdessen boten sie veränderte Versionen und Synthesizer- Improvisationen. Nach dem Austritt von G.T. und Marco Repetto spielten die Brüder Eicher Ende 1981 in den Sunrise Studios als Duo die LP Grauzone ein, danach löste sich die Band 1982 endgültig auf. Martin Eicher zog sich anschliessend aus dem Musikgeschäft zurück, während Stephan Eicher solo weitermachte und zwei Jahre später mit „Les filles du Limmatquai“ einen der bedeutendsten Schweizer New Wave Hits landete.[11]

2.2. Hertz 1982/84

Die Zürcher Gruppe Hertz entstand 1977 aus der Studioband TAXI und konnte als deren live Version gelten. Dominique Grandjean und Martin Walder schlossen sich nach der Taxi-Platte „Es isch als gäbs mich nüme me“ mit Ronny Amsel und Thomas Wydler zu der Band Hertz zusammen. Die Texte in Deutsch, Französisch, Italienisch und Russisch sind ironisch, distanzierend. Die Musik nimmt Einflüsse von New Wave, Techno und Schlager auf. Durch skurrile und klar konzeptionierte Auftritte erhielt die Band grosse Beachtung. Hertz war Avantgarde, ihre Musik orientierte sich unter anderen auch an der Berliner Gruppe Kraftwerk. In ihren Stücken verschmolzen Musik und Sprache zu einem monotonen Ganzen und entfernten sich von den allgemeinen Hörergewohnheiten. Hertz veröffentlichten mehrere Tonträger. Die Erfolgreichste war die erste LP „Hertz“, die von Alex Eugster (Trio Eugster) produziert wurde. Die Gruppe gab viele Konzerte und trug vor allem durch die von Dominique Grandjean im Züridialekt gedichteten Texte, die als Klassiker der Schweizer Mundart gelten, zu der Neuen Schweizer Welle bei. Die Band löste sich 1984 auf.[12]

[...]


[1] Winfried 1989, S.44-59.

[2] http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pd/pd56.html

[3] Winfried 1989, S. 86-87.

[4] Kemper 1998, S. 299-305.

[5] http://www.sozialarchiv.ch/80/)

[6] ebd.

[7] http://www.woz.ch/dossier/80er.html

[8] http://www.sozialarchiv.ch/80/)

[9] ebd.

[10] http://www.die80er.ch

[11] http://www.ichwillspass.de ; http://www.swisskulthits.ch

[12] http://www.csr-records.ch/kuenstler-i.html ; http://www.swisskulthits.ch

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Swiss Wave: Die Neue Deutsche Welle in der Schweiz
Untertitel
Schweizer Bezüge in den Texten der Gruppe Grauzone
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)
Veranstaltung
Seminar. Neue Deutsche Welle und Neueste Deutsche Welle
Note
gut
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V93059
ISBN (eBook)
9783638070973
ISBN (Buch)
9783640204793
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
(nach schweizerischem Notensystem bewertet, Noten 1 – 6, wobei Bestnote mit 6 und genügend 4 bewertet wird)
Schlagworte
Swiss, Wave, Neue, Deutsche, Welle, Schweiz, Seminar, Neueste
Arbeit zitieren
Corinne Leuenberger (Autor), 2006, Swiss Wave: Die Neue Deutsche Welle in der Schweiz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93059

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