Der politische Marxismus hat sich selbst überlebt. Zu Beginn des neuen Jahrtausends lebt nur noch ein Bruchteil der Menschheit in vom Marxismus geprägten Staatswesen. Das kapitalistische Wirtschaftssystem scheint sich weltweit trotz aller Krisen und Schwächen dieses Systems durchzusetzen. Warum sich also noch mit Marx, Engels und dem Marxismus beschäftigen? Vielleicht gerade wegen der Schwächen des kapitalistischen Wirtschaftssystems. In Zeiten, in denen die Schere zwischen arm und reich in unserer Gesellschaft immer weiter auseinander geht, in denen ein Großteil der Bevölkerung findet, dass es nicht mehr gerecht zugeht in der Gesellschaft und eine Partei, die sich auf den Marxismus beruft, in den letzten Monaten auch im Westteil der Republik beachtliche Wahlerfolge verbuchen kann, scheint das häufig totgesagte Gespenst Marxismus wieder umzugehen. Daher ist es auch berechtigt, wenn an deutschen Universitäten Oberseminare zu Marx und Engels abgehalten werden.
Karl Marx und Friedrich Engels – zwei Namen die untrennbar miteinander verbunden sind. Es gibt wahrscheinlich kein Buch und keinen Aufsatz über den Einen, welche ohne die Nennung des Anderen auskommen. Ihre innige Freundschaft und ihre gemeinsamen Arbeiten geben beredtes Zeugnis davon ab. Die Begegnung der beiden führte zu einer Freundschaft, die Jahrzehnte überdauern und die durch eine ergiebige Zusammenarbeit geprägt sein sollte. Auf dieser in einigen Zügen ungewöhnlichen Freundschaft gründet die Entwicklung des Marxismus.
Dass Engels dabei einen großen Anteil an der Herausbildung des Marxismus hatte, ist unter Forschern soweit auch unumstritten. Trotzdem spricht man nicht, im Gegensatz zum Marxismus-Leninismus, vom Marxismus-Engelismus. Warum ist das so? Ist die Rolle von Engels bei der Entwicklung der marxistischen Ideen so klein, dass es gerechtfertigt ist, seinen Namen bei der Nennung dieser Ideologie zu verschweigen? Diese Arbeit widmet sich dem Einfluss von Friedrich Engels auf Karl Marx und seine Ideen. Es wird gefragt, wie viel Gewicht Engels bei der Entwicklung der Ideen des Marxismus beigemessen werden muss.
Im Rahmen dieser Arbeit wird der engelssche Einfluss auf den Marxismus auf vier Ebenen betrachtet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Engels und das Kapital, die Erste
2.1 Engels als wissenschaftlicher Beirat
2.2 Engels als Finanzier der Arbeit
3. Engels als erster Marxist
3.1. Die Entstehung des Anti-Dühring
3.2. Die Bedeutung des Anti-Dühring
4. Engels verknüpft den Marxismus
4.1. Engels Militärstudien
4.2. Spätere Rezeption der Kriegslehre
5. Nach dem Tod des Freundes
5.1. Engels bastelt an Marx´ Andenken
5.2. Engels und das Kapital, die Zweite
6. Zusammenfassung
7. Werks- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht den maßgeblichen, aber oft unterschätzten Einfluss von Friedrich Engels auf das Werk von Karl Marx und die Entwicklung des Marxismus. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert sich darauf, wie hoch das Gewicht des engelsschen Einflusses in wissenschaftlicher, finanzieller und theoretischer Hinsicht zu bewerten ist und warum trotz seiner Bedeutung die Bezeichnung "Marxismus-Engelismus" nicht gebräuchlich ist.
- Der Einfluss von Engels auf das wissenschaftliche Wirken von Marx
- Engels als Propagandist und erster Interpret der marxschen Ideen
- Die Verknüpfung des Marxismus mit anderen Disziplinen, beispielhaft dargestellt an Militärstudien
- Die Rolle von Engels bei der Sicherung des marxschen Nachlasses und der Fertigstellung des "Kapitals"
Auszug aus dem Buch
3. Engels als erster Marxist
Marx hat einmal in einem Brief seinem Schwiegersohn Paul Lafargue erklärt: „Ce qu´il y a de certain, c´est que moi je ne suis pas Marxiste“. Für Marx stand fest, dass es andere sein werden, die den Marxismus als Ideologie, als komplettes Ganzes zusammenfügen. Dabei hatte Engels, der mit den Arbeiten und vor allem mit der Denkweise von Marx am besten vertraut war, den größten Anteil. Vielen Kommunisten, die die Werke von Marx verschlangen, geradezu in sich aufsaugten, war das ganze Ausmaß der Gedankengänge eines Marx aufgrund ihrer Komplexität und der schwer verständlichen Sprache nicht bewusst. So wussten sie zwar, was er schrieb, nicht jedoch, was in aller Konsequenz damit gemeint war.
Daher war es Engels, der mit seiner Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte so zu reduzieren, dass sie allgemeinverständlich wurden und gegebenenfalls diese auch mal polemisch vortragen konnte, der den Marxismus propagierte. Er selbst beschrieb diese Arbeitsteilung zwischen ihm und Marx wie folgt:
„Infolge der Teilung der Arbeit, die zwischen Marx und mir bestand, fiel es mir zu, unsere Ansichten in der periodischen Presse, also namentlich im Kampf mit gegnerischen Ansichten, zu vertreten, damit Marx für die Ausarbeitung seines großen Hauptwerkes Zeit behielt. Ich kam dadurch in die Lage, unsere Anschauungsweise meist in polemischer Form, im Gegensatz zu anderen Anschauungsweisen, darzustellen.“
Dies tat er in mehreren Schriften und Rezensionen. Ob der Fülle an Material wird sich im Folgenden auf eines der wichtigsten Werke für das Verständnis von Marx´ Gedanken konzentriert, den teilweise sehr polemisch gehaltenen Anti-Dühring oder wie der etwas plakativ anmutende komplette Titel dieser Streitschrift lautet: „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die anhaltende Relevanz marxistischer Theorien trotz des Zusammenbruchs vieler sozialistischer Systeme und führt in die enge, produktive Freundschaft zwischen Marx und Engels ein.
2. Engels und das Kapital, die Erste: Dieses Kapitel analysiert Engels' Rolle als wissenschaftlicher Berater und finanzieller Unterstützer von Marx während der langjährigen Arbeit am Hauptwerk "Das Kapital".
3. Engels als erster Marxist: Hier wird Engels als zentraler Vermittler marxistischer Gedanken beschrieben, der durch seine Fähigkeit zur Popularisierung und Polemik, insbesondere im "Anti-Dühring", den Marxismus als Ideologie festigte.
4. Engels verknüpft den Marxismus: Der Fokus liegt auf Engels' Bestreben, den Marxismus durch interdisziplinäre Ansätze zu erweitern, wobei seine Militärstudien als zentrales Beispiel für diese wissenschaftliche Verknüpfung dienen.
5. Nach dem Tod des Freundes: Dieses Kapitel behandelt Engels' Wirken nach 1883, bei dem er die Aufarbeitung des Nachlasses vorantrieb und die ausstehenden Bände des "Kapitals" zur Druckreife brachte.
6. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die Untrennbarkeit des Wirkens von Marx und Engels und begründet die gewählte Terminologie der Arbeit.
7. Werks- und Literaturverzeichnis: Dokumentation der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Marxismus, Friedrich Engels, Karl Marx, Kapital, Anti-Dühring, Politische Ökonomie, Militärstudien, Sozialdemokratie, Wissenschaftlicher Sozialismus, Dialektischer Materialismus, Arbeitsteilung, Nachlass, Internationale Arbeiterbewegung, Ideologie, Sozialistische Theorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den maßgeblichen Anteil von Friedrich Engels an der Entstehung und Verbreitung der Ideen von Karl Marx sowie an der Konstruktion des Marxismus als Ideologie.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Feldern gehören die wissenschaftliche und finanzielle Unterstützung durch Engels, seine Rolle als erster Interpret des Marxismus, seine militärwissenschaftlichen Schriften sowie seine Arbeit an der Fertigstellung von Marx' unvollendeten Werken.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Engels durch seinen persönlichen Einsatz, sein theoretisches Verständnis und seine organisatorische Arbeit das Werk von Marx erst ermöglichte und formte, wobei die Frage nach der Bezeichnung "Marxismus-Engelismus" thematisiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor arbeitet primär quellengestützt auf der Basis des Briefwechsels zwischen Marx und Engels, zeitgenössischer Biographien und der Werkausgaben beider Denker.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in vier Ebenen: den wissenschaftlichen und finanziellen Einfluss auf Marx, die Popularisierung durch den "Anti-Dühring", die Verknüpfung des Marxismus mit Militärwissenschaften und die editorische Tätigkeit von Engels nach Marx' Tod.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind insbesondere Marxismus, Engels, Kapital, Anti-Dühring, Wissenschaftlicher Sozialismus und Militärstrategie.
Welche Rolle spielte die finanzielle Unterstützung von Engels für das Werk von Marx?
Die Arbeit belegt detailliert, dass Engels durch kontinuierliche finanzielle Hilfen und die Übernahme von (unter Marx' Namen veröffentlichten) Auftragsarbeiten erst die zeitliche Freiräume schuf, die es Marx ermöglichten, sich intensiv seiner Kapitalanalyse zu widmen.
Warum war der "Anti-Dühring" so wichtig für die Verbreitung marxistischer Ideen?
Der "Anti-Dühring" diente laut Arbeit als "Lehrbuch ersten Ranges", da Engels darin komplizierte theoretische Konzepte in eine allgemeinverständliche und polemische Form brachte, die für Arbeiter und Sozialisten zugänglich war und die marxistische Schule begründete.
Was war Engels' spezifischer Beitrag zur Fertigstellung des "Kapitals" nach 1883?
Engels sichtete das komplexe Sammelsurium aus Notizen und Skizzen, entzifferte die Handschrift von Marx und verfasste aus den lückenhaften Entwürfen die zweite und dritte Fassung des Werkes, wodurch er entscheidend zum Gesamtergebnis beitrug.
- Quote paper
- Toni Börner (Author), 2008, Marxismus-Engelismus?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93086