Ende des Jahres 2003 rollte eine Schockwelle durch die deutsche Medienlandschaft. Die Veröffentlichung der Ergebnisse der zweiten PISA-Studie rief ein allgemeines Echo der Empörung hervor. Schon seit der Bekanntgabe der Ergebnisse der ersten PISA-Studie stand fest, dass das deutsche Schulsystem im internationalen Vergleich der Schülerleistungen nur unteres Mittelmaß ist . Zudem habe die Bundesrepublik „das unsozialste Schulsystem der Welt“, das unteren Schichten kaum Zugang zu höherer Bildung ermöglicht . PISA galt fortan als Verkörperung der deutschen Bildungsmisere. Sofort kam eine Debatte über die Reform des deutschen Schulwesens in Gang. Von der Abschaffung des 3-gliedrigen Systems bis hin zur flächendeckenden Einführung von Ganztagsschulen wurde alles erwogen.
Über die Höhe der öffentlichen Bildungsausgaben, die nach OECD-Untersuchungen ebenfalls unter dem OECD-Schnitt liegt , wurde jedoch weit weniger und vor allem weniger heftig diskutiert. Auch in der Politikwissenschaft gewinnt diese Thematik erst langsam an Bedeutung. Die lange Zeit von der Politikwissenschaft stiefmütterlich behandelten öffentlichen Bildungsausgaben spiegeln sich auch im Forschungsstand wider, der eher dürftig ausfällt. Zu nennen wäre für die 1990er Jahre der Industrieländervergleich von Castles (1998) und die Arbeiten von Heidenheimer . Nach der Jahrtausendwende nimmt die Zahl der Publikationen langsam zu. Schmidt verweist 2002 darauf, dass die öffentlichen Bildungsausgaben der Bundesrepublik unter dem Schnitt der EU- und auch unter dem Schnitt der OECD-Staaten liegen. Dem Anteil der öffentlichen Bildungsausgaben am BIP nach zu urteilen ist Deutschland also auch hier nur unteres Mittelmaß (Schmidt 2002). Ein breit angelegtes Forschungsprojekt über öffentliche Bildungsausgaben im inter- und intranationalen Vergleich beleuchtet Bestimmungsfaktoren von Bildungsausgaben in den OECD-Staaten (Schmidt u.a. 2006). Gerade der intranationale Vergleich erscheint in einem föderalen System, wie dem der Bundesrepublik, besonders ergiebig, da Bildung ausschließlich Sache der Bundesländer ist . Die Ausformung des Schulwesens und die Höhe der finanziellen Ausstattung variiert von Bundesland zu Bundesland. Daher muss gefragt werden, was eine gesamtdeutsche Betrachtung leisten kann und ob nicht ein Vergleich der einzelnen Bundesländer zu besseren Ergebnissen führt.
Im Rahmen dieser Arbeit soll daher der Frage nachgegangen werden, wie sich die Bildungsausgaben der einzelnen Bundesländer zueinander verhalten und wie man ihre teilweise beträchtliche Variation erklären kann. Anschließend soll anhand eines Bundeslandes nachgezeichnet werden, wie sich die Höhe der Bildungsausgaben zusammensetzt. Als Beispielland soll hier Thüringen dienen, da es in vielen untersuchten Bereichen eine Sonderstellung einnimmt, die es zu untersuchen gilt.
Um diese Ziele zu erreichen, wird diese Arbeit kurz auf gesamtdeutsche Befunde eingehen, die sich aus dem internationalen Vergleich her ableiten lassen (Kapitel 2). Danach soll der Blick nach innen gewendet werden, um die einzelnen Bundesländer miteinander zu vergleichen und Erklärungsansätze für die unterschiedliche Finanzausstattung der Bildungssysteme zu überprüfen (Kapitel 3). Abschließend soll untersucht werden, welche Eigenheiten das thüringische Bildungssystem aufweist, die seine Sonderstellung erklären können (Kapitel 4).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die öffentlichen Bildungsausgaben der Bundesrepublik im internationalen Vergleich
3. Vergleich der öffentlichen Bildungsausgaben der Bundesländer
4. Fallbeispiel Thüringen
5. Zusammenfassung und Ausblick
6. Literaturverzeichnis
6. 1. Online-Ressourcen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Bestimmungsfaktoren öffentlicher Bildungsausgaben in Deutschland, wobei sowohl der internationale als auch der innerdeutsche Vergleich (Bundesländer) herangezogen wird, um die Ursachen für Variationsbreiten in der Bildungsfinanzierung zu identifizieren.
- Inter- und intranationaler Vergleich von Bildungsausgaben
- Analyse von Bestimmungsfaktoren wie demografischem Druck und Wirtschaftskraft
- Untersuchung von Finanzierungsbedingungen und politischer Steuerung
- Fallstudie zur Sonderstellung des Bundeslandes Thüringen
Auszug aus dem Buch
Politikerbe
Bei der Haushaltsaufstellung orientieren sich Ministerialbeamte stark an der Praxis der Vorperiode, wodurch besonders die Bildungsausgaben starken Trägheitseffekten ausgesetzt sind (siehe Kapitel 2 dieser Arbeit). Gerade im personalintensiven Bildungswesen sind die Veränderungsmöglichkeiten besonders nach unten hin stark begrenzt. So machen zum Beispiel in Baden-Württemberg die Personalkosten schon 70 % der Gesamtbildungsausgaben aus. Verstärkt wird dieser Umstand noch durch den Beamtenstatus, den viele Lehrer haben, was sie im Prinzip unkündbar macht.
Geht man zeitlich weiter zurück, so könnte ein Erklärungsansatz für die hohe Bildungsausgabenquote der Ost-Länder in deren DDR-Vergangenheit zu finden sein. Gerade das personalintensive Bildungssystem der DDR könnte eine Erklärung für den im Bundesdurchschnitt überdurchschnittlichen Anteil der Bildungsausgaben am BIP geben. Dieser Befund ist allerdings mit Vorsicht zu genießen. Eine hohe Bildungsausgabenquote bedeutet eben nicht, dass auch pro Kopf mehr ausgegeben wird, da die Wirtschaftskraft der neuen Bundesländer der der alten noch stark hinterherhinkt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die bildungspolitische Debatte nach PISA und führt in die Relevanz der Untersuchung öffentlicher Bildungsausgaben im föderalen System Deutschlands ein.
2. Die öffentlichen Bildungsausgaben der Bundesrepublik im internationalen Vergleich: Dieses Kapitel vergleicht Deutschland mit anderen OECD-Staaten und diskutiert ökonomische sowie politische Erklärungsfaktoren für die unterdurchschnittlichen Bildungsausgabenquoten.
3. Vergleich der öffentlichen Bildungsausgaben der Bundesländer: Hier wird der Blick auf die innerstaatliche Ebene gerichtet, um Unterschiede in der Bildungsfinanzierung zwischen den deutschen Bundesländern anhand systematischer Daten zu analysieren.
4. Fallbeispiel Thüringen: Dieser Abschnitt analysiert die Sonderrolle Thüringens, welches durch spezifische historische und strukturelle Faktoren wie das Hortsystem überdurchschnittlich hohe Bildungsausgaben aufweist.
5. Zusammenfassung und Ausblick: Das Fazit fasst die zentralen Bestimmungsfaktoren zusammen und diskutiert künftige Herausforderungen, etwa durch den demografischen Wandel und Föderalismusreformen.
6. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen und wissenschaftlichen Publikationen.
6. 1. Online-Ressourcen: Zusammenstellung relevanter digitaler Datenquellen und statistischer Berichte.
Schlüsselwörter
Bildungsausgaben, Bundesländervergleich, PISA, OECD, BIP, Thüringen, Föderalismus, Finanzausgleich, Personalkosten, Politikerbe, demografischer Wandel, Bildungspolitik, Staatstätigkeit, Finanznot, Lehrerschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit der Analyse der Bestimmungsfaktoren für öffentliche Bildungsausgaben in der Bundesrepublik Deutschland unter Berücksichtigung eines inter- und intranationalen Vergleichs.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Bildungsfinanzierung im föderalen System, der Rolle der wirtschaftlichen Entwicklung, demografischen Faktoren sowie dem Einfluss politischer Entscheidungen auf das Bildungswesen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die teilweise beträchtlichen Unterschiede in der Bildungsausgabenhöhe zwischen den Bundesländern zu erklären und zu verstehen, warum Deutschland im internationalen Vergleich nur unteres Mittelmaß erreicht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen vergleichenden politikwissenschaftlichen Ansatz, der auf bestehenden Forschungsergebnissen (insbesondere von Frieder Wolf und dem Schmidt-Projekt) aufbaut und ökonomische Messgrößen interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine internationale Standortbestimmung, einen detaillierten Ländervergleich mit Fokus auf Haushaltsstrukturen und eine vertiefende Fallstudie zu den spezifischen Bedingungen im Bundesland Thüringen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Bildungsausgaben, Bundesländervergleich, Finanzausgleich, Politikerbe und das deutsche föderale Schulsystem.
Welche Rolle spielt das "Politikerbe" bei den Bildungsausgaben?
Das Politikerbe beschreibt die starke Abhängigkeit aktueller Bildungsausgaben von der Ausgabenpolitik der Vorperiode aufgrund von Trägheitseffekten im Haushalt und dem hohen Anteil an (unabänderlichen) Personalkosten.
Warum wird Thüringen als Fallbeispiel gesondert untersucht?
Thüringen nimmt eine Sonderstellung ein, da es bundesweit eine der höchsten Bildungsausgabenquoten aufweist, was unter anderem auf die Aufrechterhaltung des DDR-Hortsystems und eine hohe Sonderschülerquote zurückzuführen ist.
Wie wirkt sich der Länder-Finanzausgleich auf die Bildungsausgaben aus?
Der Finanzausgleich ermöglicht es ökonomisch schwächeren Ländern, überdurchschnittlich hohe Anteile ihres BIP für Bildung aufzuwenden, während er gleichzeitig bei reichen Ländern die steuerliche Kraft teilweise abschöpft.
- Quote paper
- Toni Börner (Author), 2007, Bestimmungsfaktoren der öffentlichen Bildungsausgaben in der BRD, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93090