Das mittelalterliche Motiv von Hässlichkeit in der Erzählung "Der Ritter mit dem Bock"


Hausarbeit, 2018

14 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Die mittelalterliche Semantik von Hässlichkeit
2.2 Instrumentalisierung von Hässlichkeit in „Der Ritter mit dem Bock“

3. Schluss und Ausblick

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Begriff des „Hässlichen“ hat seinen Ursprung im Mittelalter. Zur damaligen Zeit gab es keine einheitliche Erläuterung des Wortes und Hässlichkeit wurde unterschiedlich definiert. Der Fokus dieser Hausarbeit liegt auf der Hässlichkeitsvermittlung in der mittelalterlichen Erzählung „Die Welt des Gauriel von Muntabel“ Konrads von Stoffeln. Sie wird auf den Protagonisten Gauriel bezogen. Es handelt sich hierbei um einen höfischen Versroman des 13. Jahrhunderts, der sich mit dem Stoff der Artusepik1 befasst.

Bevor auf die Erzählung eingegangen wird, werden die Ansichten der Theoretiker Karl Rosenkranz sowie Victor Hugo zu dem Begriff der Hässlichkeit gegenübergestellt. Es wurde im Mittelalter unterschieden zwischen einer klassischen und einer christlichen Definition. Um zu verstehen, was Hässlichkeit damals bedeutete, muss man wissen, welchen Stellenwert Schönheit, besonders in der Literatur besaß.

Im nächsten Schritt wird das Motiv der Hässlichkeit in der Erzählung „Der Ritter mit dem Bock“ untersucht. Speziell an dem Protagonisten Gauriel von Muntabel lässt sich veranschaulichen, welche Theorie zur Hässlichkeit der Autor Konrad von Stoffeln verfolgte und wie er sie in seine Erzählung einbettete. Bewusst liegt der Fokus dieser Arbeit auf Gauriels Beziehung zu einer hohen Minne, da sie als Auslöser des Hässlichen eine wichtige Funktion einnimmt und sie später auch diejenige ist, die ihn wieder in seine frühere Gestalt zurückverwandelt. Die Beziehung der beiden sowie der Akt der Verwandlung mit seinen Auswirkungen werden deshalb untersucht. Außerdem wird die Gesellschaft bezüglich ihrer Reaktion gegenüber Gauriels Verwandlung analysiert.

Die Absicht dieser Hausarbeit ist es, darzulegen, wie von Stoffeln Hässlichkeit in seiner Erzählung auf Gauriel anwendet und was er damit möglicherweise erreichen wollte.

Bewusst wird nicht auf die Veränderung der Martenehe2 eingegangen, da dies den Rahmen der Hausarbeit überschreiten würde.

2. Hauptteil

2.1 Die mittelalterliche Semantik von Hässlichkeit

2.1.1 Klassische und christliche Definition

Im Mittelalter wurde zwischen einer klassischen und einer christlichen Rechtfertigung des Hässlichkeitsbegriffs unterschieden. Bei beiden ging man davon aus, dass das Schöne vor der Hässlichkeit präsent war.3

Einer der ersten und bekanntesten Theoretiker der klassischen Rechtfertigung war Karl Rosenkranz (1853). Seiner Meinung nach ist das Hässliche nur eine Art Übergangsform. Hässlichkeit dient für ihn allein dem Zwecke, das Schöne durch das „Komische“ wieder hervorzubringen. Das „Komische“ beschreibt er als eine gemischte Empfindung des Menschen, welche sich bei der Bildung einer abgeschlossenen Gestalt mit ästhetischen Charakter automatisch ins Schöne zurückbildet.

Das Schöne ist die positive Bedingung seiner Existenz und das Komische ist die Form, durch welche es sich, dem Schönen gegenüber, von seinem negativen Charakter wiedererlöst. (…) Das Schöne ist also, wie das Gute, ein Absolutes, und das Häßliche, wie das Böse, nur ein Relatives.4

Rosenkranz veranschaulichte dies anhand eines Stufenprozesses durch die Natur. Er wusste, dass etwas, das nicht schön ist, nicht automatisch hässlich sein muss. Etwas Hässliches kann auch „böse“ sein und etwas Schönes als „gut“ bezeichnet werden. In seinen Überlegungen verließ der Theoretiker allerdings nicht den Boden der klassischen Ansicht hierzu.5 Die Begriffe der Hässlichkeit und Schönheit stellte er lediglich als Gegensätze gegenüber.

Victor Hugo hingegen kritisierte den klassischen Kanon des Schönen und definierte Hässlichkeit mit einer christlichen Rechtfertigung (1827). Hugo teilte nicht die Ansicht der klassischen Sichtweise von Hässlichkeit, in der der Begriff der Vorstellung einer idealen Kunst unterliegt. Er sagte, Hässlichkeit habe nicht nur etwas mit Kunst zu tun, sondern auch sehr viel mit der Realität. Auch entgegnete er, dass Hässlichkeit nicht nur der Negation des Schönen diene, sondern selbstständigen Charakter besäße. Der Theoretiker veranschaulichte dies anhand der christlichen Schöpfungsgeschichte. Demnach kann sich die Darstellungsmöglichkeit des Hässlichen durch Individualität weiter ausbauen. Dabei kommt es nicht auf Individuen im Einzelnen an, sondern auf alle Lebewesen, so wie sich auch die Schöpfungsgeschichte mit nicht nur einem Individuum speziell beschäftigt.6 Nach Hugos Theorie scheint es, als gäbe es mehr Vielfalt in Form von Hässlichkeit als in Form von Schönheit.

Der klassische und christliche Kanon wurden damals stets getrennt voneinander betrachtet. Jedoch war man in späterer Zeit sicher, dass eine Stilmischung beider möglich sei.7

2.1.2 Darstellungsformen in der Literatur

In der mittelalterlichen Literatur wurde der Begriff der Hässlichkeit an die menschliche Gestalt gebunden. Der Fokus lag auf der Dichotomie von Heiden und Christen. Die mittelalterliche Literatur hat sich im Laufe der Zeit immer mehr christianisiert. In ihr hatten die Heiden immer Unrecht und Christen demnach Recht. Der edle Ritter war Teil des christlichen Schönheitskanons. Feinde des christlichen Glaubens galten als böse und waren demnach hässlich. Für „schöne Heiden“ gab es zwei Spielregeln: entweder sie ließen sich taufen und wurden somit zu Christen oder sie wurden mit dem Tod bestraft. „Die größere Chance des Überlebens liegt für die Heiden […] in der Häßlichkeit!“.8

Philologen setzten mit Tugenden den größten Spannungsaufbau in ihren Geschichten. Das Schöne wurde mit sittlich guten Taten gleichgesetzt und wenn Figuren schlechte Taten begannen, wurden sie als Sünder oft mit der Hölle bestraft.9 Das Motiv des Leidenstriumphs erhielt dann an Gewichtung (gloria passionis).10 Der Sünder musste in der Hölle das Schlimmste aushalten und sich beweisen, aber wurde irgendwann von Gott verschont. Dies war an eine Bestätigung, oftmals optischen Verwandlung gebunden. Wurde ein Mensch vom Aussehen her tierisch beschrieben, galt er nicht gleich als hässlich, erst die detaillierte Vorstellung und der Ekel des Publikums/Lesers machten die Person schließlich hässlich.11

Da der Fokus dieser Arbeit auf der Vermittlung von Hässlichkeit und nicht auf dem Schönheitskanon des Mittelalters liegt, soll nur kurz erwähnt werden, welche Kriterien bei der Maßstabsetzung des Schönen eine Rolle gespielt haben, da das Hässliche nur durch die Autonomie des Schönen entstanden ist. Im Eneasroman12 wurde männliche und weibliche Schönheit nach den fünf Aspekten Jugend; Verzicht auf Kosmetika; Erotik; Höfischer Habitus und Zuschauer-Rolle im Text definiert.13 Inwieweit die Aspekte in der Erzählung „Der Ritter mit dem Bock“ eine Rolle spielen, wird noch zum Ausdruck kommen.

2.2 Instrumentalisierung von Hässlichkeit in „Der Ritter mit dem Bock“

2.2.1 Auswirkungen auf den Protagonisten Gauriel von Muntabel

2.2.1.1 Verbindung zur Minne

Die Semantik der Hässlichkeit in der Erzählung „Der Ritter mit dem Bock“ erfährt durch die Verbindung des Protagonisten Gauriel von Muntabel zu einer wohlhabenden Minne ihren Auslöser. Beide lieben sich, doch dann macht Gauriel ihrer Ansicht nach einen Fehler, indem er sein Schweigeverbot bricht und einer anderen Frau ein Kompliment bezüglich ihrer Schönheit macht, was zeigt, dass der Begriff Schönheit, besonders am Hofe, einen hohen Stellenwert besaß.14 Dass Gauriel das Schweigegebot seiner Minne durchbricht, indem er von ihr im Beisein einer anderen Frau spricht, kann sie ihm nicht verzeihen, denn sie fühlt sich von ihm verraten und ist der Meinung, dass Gauriel keiner anderen Frau schmeicheln darf, außer ihr. Trotz Gauriels Flehen um Gnade15, bestraft sie ihn. „Diu schoene wirt iu gar benommen unt wert ein sölh bilde gar ungestalt unt wilde […] in disem bilde ir sterbet, ob ir niht hulde erwerbet.“16 Die Minne besitzt große Macht und verwandelt Gauriel in eine körperlich hässliche Gestalt, weil sie den Gedanken nicht ertragen könnte, dass Gauriel nach ihr eine neue Liebe findet.17 Seinen Charakter schließt sie aber nicht in die Verwandlung mit ein, dieser bleibt so, wie er vorher war. Durch die Verwandlung wird Gauriel sehr krank, ist für lange Zeit bettlägerig und muss dabei zusehen, wie sein Körper sich immer mehr verwandelt. Seine Hautfarbe sowie die Sprache verändern sich unter Anderem.18 „Der Erzähler sieht sich außer Stande, in Worte zu fassen, wie scheußlich Gauriels Anblick ist – nur die Verkehrung der Farbe und der Sprache als wichtiges Kulturgut und Menschenfähigkeit erwähnt er.“19 Jedoch wirkt sich die körperliche Hässlichkeit für Gauriel nicht auf der Handlungsebene aus. Obwohl erwähnt wird, dass sich seine Sprache verändert, bleibt der Protagonist kommunikations- und interaktionsfähig. Auch die Veränderung seiner Farbe hat keine Auswirkung auf einen möglichen Identitätsverlust, was die Erzählung um Gauriel von anderen mittelalterlichen Erzählungen, wie der um Iwein20 oder Tristan21, unterscheidet.22 Vielmehr hat die körperliche Verfärbung Einfluss auf den Verstand Gauriels. Seine Kampfeslust scheint nicht nur mutig, teils ist sie ironisiert, überheblich und mit Wahnsinn codiert, um mit der Erwartungshaltung des Publikums zu spielen. „Die Farbe seines Körpers bleibt hier aber zweitrangig.“23 Allein das mittelalterliche Motiv der Verfärbung ist ausschlaggebend für den Leser, um Gauriels Körperzustand als problematisch, „ekelerregend“ anzusehen.24

Statt eines schönen Pferdes bekommt der Ritter einen „Bock“ an seiner Seite25, welcher seine erworbene Hässlichkeit symbolisch noch einmal unterstreicht. Auf seinem Wappen trägt Gauriel das Symbol eines Ziegenbocks. Im christianisierten Mittelalter stand die Symbolik einer Ziege für den Teufel. „Mit uz gestracten klawen in aller der gebaere sam er der tiufel waere. Ouch was vil wol da vorne der boc mit sinem horne […]“26 Diese metaphorische Verwendung könnte aufgrund der zuvor erwähnten höllischen Jenseitsvorstellungen im Zusammenhang mit der christlichen Rechtfertigung des Hässlichkeitsbegriffs stehen.27

[...]


1 Es handelt sich hierbei um eine literarische Gattung, die von Autoren seit dem 12. Jahrhundert in unterschiedlichen Variationen aufgegriffen wird. Bezugspunkt bildet die britannische Sagengestalt König Artus sowie die Ritter an seiner Tafelrunde.

2 Liebesbeziehung zwischen einem Sterblichen und eines verführerischen, Albtraum auslösenden, weiblichen Wesens.

3 Vgl. Jauss, Hans Robert: Die klassische und die christliche Rechtfertigung des Hässlichen in mittelalterlicher Literatur. In: Die nicht mehr schönen Künste. Grenzphänomene des Ästhetischen (= Poetik und Hermeneutik III). Hrsg. Hans Robert Jauss. München 1968, S. 143.

4 Ebd., S. 144.

5 Vgl. Jauss, Hans Robert: Die klassische und die christliche Rechtfertigung des Hässlichen in mittelalterlicher Literatur, S. 143 f.

6 Vgl. ebd., S. 145 f.

7 Vgl. ebd., S. 147 f.

8 Jauss, Hans Robert: Die klassische und die christliche Rechtfertigung des Hässlichen in mittelalterlicher Literatur, S. 148 f.

9 Vgl. ebd., S. 150.

10 Vgl. ebd., S. 147 f.

11 Vgl. ebd., S.154.

12 Der Eneasroman ist der erste höfische Roman im deutschen Raum seit dem Mittelalter. Er ist eine Übersetzung des französischen Romans d`Èneás und wurde zwischen 1170 und 1188 von Heinrich von Veldeke verfasst.

13 Vgl. Haupt, Barbara: Der schöne Körper in der höfischen Epik. In: Körperinszenierungen in der mittelalterlichen Literatur. Kolloquium am Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld, 1999. Hrsg. Klaus Ridder und Otto Langer. Berlin: Weidler 2002, S. 49.

14 Vgl. Khull, Ferdinand (Hg.): Gauriel von Muntabel. Eine höfische Erzählung aus dem 13. Jahrhundert. Mit einem Nachwort und Literaturverzeichnis von Alexander Hildebrand. Nachdruck der Ausgabe von 1885. Osnabrück 1969, V. 43 ff.

15 Vgl. ebd., V. 220 ff.

16 Ebd., V. 236ff.

17 Vgl. ebd., V. 229 ff.

18 Vgl. ebd., V. 259ff.

19 Oster, Carolin: Die Farben höfischer Körper: Farbattribuierung und höfische Identität in mittelhochdeutschen Artus- und Tristanromanen (Literatur – Theorie – Geschichte, Band 6). Siegen 2014, S. 213.

20 Mittelhochdeutscher Versroman, der im Jahr 1200 von Hartmann von Aue verfasst worden ist. Iwein ist der Protagonist sowie der Held in der Geschichte.

21 Der Stoff um Tristan und Isolde ist im europäischen Mittelalter ein beliebtes Thema der Dichter gewesen.

22 Vgl. Oster, Carolin: Die Farben höfischer Körper, S. 213.

23 Ebd., S. 213 f.

24 Vgl. ebd., S. 214.

25 Vgl. Khull, Ferdinand (Hg.): Gauriel von Muntabel, V. 287ff.

26 Ebd., V. 1825 ff.

27 Vgl. Freie Universität Berlin, Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften: Der Teufel im abendländischen Mittelalter, unter http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/v/littheo/teufel/literatur/mittelalter/index.html (abgerufen am 25.03.2018).

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das mittelalterliche Motiv von Hässlichkeit in der Erzählung "Der Ritter mit dem Bock"
Hochschule
Universität Paderborn  (Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Monströse Ritter und ein Bock: Die Welt des 'Gauriel von Muntabel' Konrads von Stoffeln
Note
1,0
Jahr
2018
Seiten
14
Katalognummer
V931192
ISBN (eBook)
9783346259370
ISBN (Buch)
9783346259387
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ritter, Boch, Hässlichkeit, Gauriel, Konrad von Stoffeln
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Das mittelalterliche Motiv von Hässlichkeit in der Erzählung "Der Ritter mit dem Bock", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/931192

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das mittelalterliche Motiv von Hässlichkeit in der Erzählung "Der Ritter mit dem Bock"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden