Kaiser Karl V. und die Universalmonarchie. Entspricht sein Selbstverständnis als Herrscher der Vorstellung nach Mercurinio Gattinara?

Eine Untersuchung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

27 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleit

Haupttei

1. Die Universalmonarchie
1.2 Mittelalterliche Grundlagen und eine traditionelle Kaiseridee
1.3 Universalmonarchie zur Zeit Karls V
1.3.1 Die Universalmonarchie nach Mercurinio Gattinara
1.3.2 Ein Universalmonarch bei Mercurinio Gattinara

2. Selbstverständnis Karls V
2.1 Karl V.: Leben, Regentschaft und Abdankung
2.2 Karls V. Selbstverständnis als Herrscher

3. Inwiefern findet sich in Karls V. Selbstverständnis als Herrscher die Vorstellung eines Universalmonarchen nach Mercurinio Gattinara wieder?

Schlu

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Karl V. gehört zu den Persönlichkeiten der Geschichte, welche immerfort Auf­merksamkeit bekommen haben, sei es durch die Größe seines Reiches, seine Rolle bei der Reformation oder aufgrund seines freiwilligen Amtsrücktrittes. Geprägt durch die Glaubensspaltung und politischen Dauerkonflikte, regierte er in einer Zeit, in welcher sich ein Wandel von dem personenorientierten Herr­schaftspluralismus des Mittelalters zu einem souveränen Flächenstaat der Neuzeit vollzog.1 Einen wichtigen Aspekt in der Forschung nimmt daher auch Karls V. Rolle als Herrscher „zwischen den Zeiten“2 ein. Von seinem Herr­schaftsantritt als römischer König 1519 mit dem Wahlspruch >plus ultra< bis zur seiner freiwilligen Abdankung 1555 findet sich in der Erinnerung an die Person Karl V. zwar keine Heroisierung wieder3, dennoch ist die Erforschung und Erinnerung an den Kaiser derzeit vor allem nach dem 500. Jahrestag der Reformation im Jahr 2017 wieder dinghaft. Auch kommt den „politischen Tes­tamenten“ Karls V., die an seinen Sohn und Erben Philipp II. gerichtet sind, ein immer höherer Stellenwert zu. Sie sind eine zentrale Quelle für die Erfor­schung der Regierungsgrundsätze Karls V..

Nach der Entdeckung Amerikas 1492, rückte eine >Neue Welt< in den Blick der europäischen Herrschaft und Mission, von dem auch Karl V. betroffen war. Das Reich Karls V., welches durch einen dynastischen Zufall unteranderem auch Teile von spanischen Kolonien in Amerika einnahm, konnte aufgrund sei­ner räumlichen Ausdehnung als eine neue Art von Weltreich gelten.4 Doch entspricht dieses Weltreich auch Karls Idee von Herrschaft? Oder wurzelten seine Vorstellungen noch eher auf den mittelalterlichen Traditionslinien der ka­nonischen und römischen Rechtslehre, sowie dem korporativen Bild der uni­versalen Kirche?5 Der in diesem Zusammenhang auftretende Begriff der >Uni- versalmonarchie< ist auch für die zu untersuchende Forschungsfrage von grundlegendem Interesse, welche lautet:

Inwiefern findet sich in Karls V. Selbstverständnis als Herrscher die Vorstel­lung eines Universalmonarchen nach Mercurinio Gattinara wieder?

Entspricht Karl V. den zeitgenössischen Vorstellungen eines Universalmonar­chen, speziell dem Mercurinio Gattinaras oder war er vielleicht einfach ein Kai­ser, der die mittelalterlichen Traditionen sehr ernst nahm?

Zu deren Untersuchung wird zunächst die Bedeutung, welche dem Begriff der >Universalmonarchie< im Einzelnen und zur Zeit Karls V. im Besonderen zu­kommt, betrachtet und identifiziert was einen Universalmonarchen letztendlich charakterisiert. Im Fokus der Betrachtung steht dabei vor allem der Entwurf der Universalmonarchie nach Marcurinio Gattinara.

Anschließend wird das Selbstverständnis Karls V. und dessen damit verbun­denes Regierungskonzept fokussiert. Wie präsentierte sich Karl V. zu seiner Wahl zum römisch-deutschen Kaiser 1519 und welche Anschauung hatte er von sich selbst zur Zeit seines Herrschaftshöhepunktes 1548, ferner wie trat dieser am Ende seiner Regierung 1555 auf? Im Fokus der Betrachtung steht dabei vor allem letzteres und die damit verbundene Abdankungsrede.

Schlussendlich kann die Forschungsfrage ermittelt werden, inwiefern sich in Karls V. Selbstverständnis als Herrscher die Vorstellung eines Universalmo­narchen wiederfindet.

Für diese Arbeit sind zwei Quellen von zentraler Bedeutung. Als erste Quelle dient Mercurion Gattinaras Autobiographie6, um aus dieser Kernaussagen zu seinem Konzept der Universalmonarchie zu gewinnen. Als zweite Quelle wird Karls V. Ansprache vor den Deputierten niederländischen Generalständen am 25. Oktober 1555 betrachtet. Sowohl in dem Rückblick auf sein Leben, seine Regentschaft und seine Abdankung, als auch im Hinblick auf seine Ansprache von 1555, spiegelt sich sein Selbstverständnis von seinen Aufgaben als Herr­scher am Ende seiner Regierungszeit.7

Weitere Quellen, sind zum einen ein Brief Gattinaras an Karl V. 15198 und die Wahlkapitulation Karls V. vom 03. Juli 15199.

Für eine umfangreichere und noch genauere Untersuchung wären, neben den genannten Quellen, auch noch eine dritte Quelle für die Zeit von Karls V. Krö­nung gewinnbringend. Aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Arbeit, wird sich dies Forschung vor allem auf das Selbstverständnis von Karl V. am Ende seiner Regierung konzentrieren und sich für das Leben und die Regierungszeit auf Sekundärliteratur stützen.

Eine umfassende Biographie von Karl V. geben sowohl Alfred Kohler10 als auch Karl Brandi11. Mit Karl V. als Kaiser zwischen Mittelalter und Neuzeit be­fasst sich Luise Schorn-Schütte12. Sie betrachtet außerdem aktuelle For­schungsfragen und gibt dabei dem Leser einen schnellen Überblick zu Karl V. Zentral für die Untersuchen des Begriffes der >Universalmonarchie< sind Franz Bosbach13 und Vladimir Schnurbein14 Um sich eine Vorstellung von der traditionellen Kaiseridee des Mittelalters zu verschaffen, eignet sich besonders das Werk von und Horst Rabe15.

Zur generellen Einführung in die Frühen Neuzeit geben Hinrichs16 und Vocelka17 einen umfassenden Überblick.

Hauptteil

1. Die Universalmonarchie

Für eine Determination der Begriffe >Universalmonarchie< und >Universalmo- narch< zur Zeit Karls V., werden zunächst die unabdingbaren Grundlagen und die damit verbundene Kaiseridee des Mittelalters betrachtet. Die einzig wahre Definition der Begriffe gibt es nicht. Ab dem 15. Jahrhundert waren die Vor­stellungen darüber, was >Universalmonarchie< explizit ausmache, facetten­reich, doch stets in mittelalterlichen Traditionslinien entworfen. Das änderte sich auch in der Zeit Karls V. nicht. Für die Forschungsfrage soll im Besonde­ren dasjenige Konzept von Universalmonarchie eruiert werden, welches Karls Selbstverständis als Herrscher geprägt haben könnte. Mithin liegt der Fokus primär auf dem Konzept, des ersten und letzten Großkanzler Karls V. Mercui- nio Gattinara. Dieser war mit der Familie eng vertraut und stand bereits im Dienst von Karls Großvaters Maximilian I. und seiner Tante Margarete von Österreich.

Ob und wenn ja, inwiefern sich die Vorstellung der Universalmonarchie Gat­tinaras zu anderen geläufigen Vorstellungen der Zeit unterschied und inwie­fern eine Vorstellung von Universalmonarchie Karl V. beeinflusste, soll im wei­teren Verlauf deutlich werden.

1.2 Mittelalterliche Grundlagen und eine traditionelle Kaiseridee

Ausgehend von der Antike wurde die Frage nach der mittelalterlichen Vorstel­lung des Kaisertums von „[...] augustinischem Gedankengut, platonischem Politideal und stoischem Universalismus geprägt und später hinzu verstärkt durch die Rezeption der aristotelischen Staatslehre.“18 Eine einzig wahre all­gemeingültige Herrschaftslehre von einer traditionellen Kaiseridee des Mittel­alters gab es nicht. Diese Lehre konnte je nach Weltbild oder durch verschie­dene Traditionen von Herrschaftsauffassungen variieren.19 Dennoch finden sich gemeinsame Grundstrukturen in der Forschung um Bosbach, Rabe, Koh­ler und Schurbein wieder.

Eine Grundlage der politischen Ideenwelt des Mittelalters war die Monarchia, was die weltliche Alleinherrschaft eines Kaisers bedeutete.20 An der Spitze standen dabei Kaiser >monarchia imperii< und Papst >monarchia eccle- siae<.21,,[...]in der theokratischen Auffassung einer päpstlichen Supermatie und in der dualistischen Auffassung von der Monarchia des Kaisers in temporalibus mit mehr oder weniger Affinität zu Ecclesiae und Papstum.“22

Der Begriff >Monarchia< kann zur >Monarchia universalis< erweitert werden. Diese bedeutete eine Erhöhung und Vollendung des Monarchen in die Rich­tung auf machtpolitische und rechtlich begründete Weisungsbefugnis des Herrschers, gegenüber allen anderen Herrschern.23 „Als Inhaber des „Impe­rium“ oder „reimen mundi“ sei der Kaiser der „dominus“ oder „moderator“ des Weltkreises.“24 Weiterhin sei er die >lex animata<, die Quelle aller Macht.25 Eine weitere Legitimation für den Kaiser und seinen universalen Anspruch lie­ferte die Weissagung in der Geschichte von den sieben Weltreichen im zwei­ten Buch Daniel.26 In der Weissagung sei es die Aufgabe des Kaisertums sich die Welt untertänig zu machen, um auf das Reich Gottes warten zu können. Das römisch-deutsche Kaisertum legitimierte sich auf dieser biblischen Vorse­hung. Die Kaiserwürde sei „[...] von Gott angeordnet, von den Propheten vo­rausgesagt, von den Aposteln gepredigt und von unserem Erlöser Christus selbst durch seine Geburt, sein Leben und seinen Tod, durch Worte und Werk bestätigt.“27

Weiterhin war im Mittelalter das Postulat einer fortdauernden Einheit des Im­perium Romanum wichtig.28 Diese >translatio Imperii< war mit dem kaiserli­chen Anspruch verbunden das Imperium Romanum in seiner antiken Größe wiederaufzubauen. Die Legitimation des Kaisers war dabei mit dem Anspruch verbunden, Oberhaupt der Christenheit zu sein. Seine Aufgabe war der Schutz der Christenheit und die Missionierung der Welt.29 Das antik-römische Kaiser­tum wurde durch die Kaiserkrönung Karls des Großen im Jahr 800 auf die römisch-deutschen Könige und Kaiser übertragen.30 Der Kaiser galt fortan als erster Fürst der Christenheit mit der Pflicht zur Verteidigung des christlichen Glaubens.

Der Herrschaftsbereich konnte im Mittelalter folglich in zweifacher Weise auf­gefasst werden. Zum einen konnte ein Kaiser ein Herrscher über den ganzen Erdkreis sein, oder im Sinne der Christianitas, ein Herrscher im Hinblick auf das Römische Reich in seiner universal oder nahezu antiken Größe.31 Die pri­mären Aufgaben des Kaisers lagen in der Wahrung von Schutz und Frieden der >res publica christianas< und dem damit verbundenen Schutz gegen den Türken.

In der politischen Praxis war der Kaiser jedoch von der Mitwirkung der Reichs­stände angewiesen. Zudem regierte er nicht als <Alleinherrscher> über die Christenheit. An der Spitze stand immer auch der Papst. Auch übertrugen die Kaiser im Hochmittelalter den Fürsten wichtige Reichsrechte. Und mit der „Goldenen Bulle“ von 1356 wurde das Wahlkönigtum festgeschrieben.

Der Begriff >Monarchia Universalis< diente ausschließlich der Handlungslegi­timation von Papst und Kaiser und war ausschließlich in der puplizistischen Traktatenliteratur, Propagandaschriften, Manifesten, und Akten mit internen Überlegungen, nicht aber in der Realität zu finden.32

1.3 Universalmonarchie zur Zeit Karls V.

Die eine Definition von Universalmonarchie gibt es auch hier nicht. Hauptsäch­lich wurde der Begriff als politischer Leitbegriff, der auf den oben erläuterten mittelalterlichen Grundlagen basierte, verwendet. Der Inhalt der Herrscher­funktionen legitimierte sich ebenfalls auf den mittelalterlichen Traditionslinien. In der Zuordnung von Papst und Kaiser herrschte auch Uneinigkeit. Bosbach macht zwei Konzepte aus: In dem hierokratischen Konzept stand der Papst an der Spitze, hingegen kam es im imperialen Konzept zu einer Trennung des geistlichen und weltlichen Bereiches, mit Papst und Kaiser an der Spitze.33 Wie Bosbach feststellte, war der Begriff zur Zeit Karls V. aber immer zuerst an die Person des Kaisers gebunden.34 Zwei extreme Interpretationsansätze lie­ferten bspw. Domenico de Domenichis 1456, der eine alleinige Existenz einer päpstlichen Universalmonarchie vertrat und Antonio Rosellis, welcher sich a- auf Dante stützte und das universale Kaisertum bejahte und verteidgte.

„Die Frage nach der Vorstellung von Monarchia im 15. Jahrhundert führt zu dem Ergebnis, daß das Bild der universalen Herrschaft in dieser Zeit reich an Varianten war.“35

1.3.1 Die Universalmonarchie nach Mercurinio Gattinara

Gattinara gab Karl V.36 „[...] die wirklich brauchbare Form für die christliche Lei­tung aller seiner Länder und Völker [...]“37. Er schaffte es außerdem „[...] aus der begrenzten burgundischen oder spanischen Welt in die universale hin­überzuführen und in wirklich großem Stil die Zentralregierung Karls zu organi­sieren [,..].“38

Um die Persönlichkeit Gattinaras und seine Politik kennenzulernen, ist es hilf­reich seine von Ilse Kodek übersetzte Autobiographie heranzuziehen. Für eine kritische Auseinandersetzung mit der vorliegenden Quelle ist es wichtig zu be­rücksichtigen, dass es sich nicht um die Originalfassung handelt. Es handelt sich um eine Übersetzung aus dem lateinischen von Ilse Kodek, welche sich, wie sie selbst einführt, „[...] auf dem schmalen Grat zwischen Texttreue und Lesbarkeit [,..]“39 befindet. Auch die Auswahl der Inhalte ist kritisch zu hinter­fragen, da diese nach Gattinaras eigenem Interesse und seiner Perspektive geschah. Karl V. wird in der Biographie beispielsweise als Schüler Gattinaras gesehen, welchem Gattinara den rechten Weg weisen wollte. Kodek be­schreibt es in einer eher negativen Färbung so: „Karl das Pferd und Gattinara sein Reiter.“40 Inwieweit Gattinara Karl V. als Marionette oder ähnliches be­nutzte, bleibt Spekulation. Fest steht hingegen, dass Gattinara politisch auf Karl V. einwirkte und dabei von Karl als rechtmäßigem Kaiser überzeugt war. Für den Zweck der Arbeit eignet sie sich insofern, dass seine persönliche Sichtweise gefragt ist.

In einem Brief schreibt Gattinara an Karl: „Sire! Da Gott, der Schöpfer, Euch die Gnade erwiesen hat, Eure Würde über alle christlichen Könige und Fürsten zu erhöhen, indem Er Euch zum größten Kaiser und König seit der Teilung des Reiches Karls des Großen, Eures Vorgängers, machte und Euch auf den Weg der rechtmäßigen Weltherrschaft (monarchie) verwies [...].“41. Hier wird Gat­tinaras Wunsch verdeutlicht, dass Karl V. zum Weltherrscher >orbis monarchia obtinere<42 aufsteigen sollte und dabei alle anderen weltlichen Könige und Fürsten beherrscht hätte.

Desweitern sprach Gattinara von der Möglichkeit, durch das Kaisertum Karl V., das unter Karl dem Großen geteilte Imperium, wiederherzustellen.43 Dabei sollte die Staatspolitik das Wirkungsfeld seiner >Monarchia Universalis< sein. Er war davon überzeugt, dass nur durch eine kaiserliche Herrschaft ein allge­meiner Frieden erreicht werden könne, denn ausschließlich ein Monarch könne zu einem Universalmonarchen aufsteigen, mit nur einem Glauben, nur einer Gerechtigkeit und dem äußersten Ziel den Frieden durchsetzen.

Gattinara sah in Karl V. und seinen Gütern die Voraussetzung, um eine Welt­herrschaft zu erlangen.44 Wichtig sei dabei auch das Verhältnis zwischen Karl V. und Papst Leo gewesen, welches Gattinara in Ordnung gebracht habe.45 Italien war für Gattinara das wichtigste T ätigkeitsfeld eines Kaisers. Er schrieb Karl V. 1519, dass man sich zuerst um die italienischen Dinge kümmern müsse, bevor man sich schwierigeren Unternehmungen hinwende, da Italien die wichtigste Grundlage für sein Kaiserreich ist.46 Der Schlüssel zur Lösung der europäischen Probleme sah Gattinara in der Apenninenhalbinsel, „[...] in­dem nämlich der Kaiser Italien befriede und dort die Oberherrschaft errichte.“47 Es solle keine direkte Inbesitznahme sein, sondern eine milde Oberherrschaft, um die Furcht vor einer Eroberung und Tyrannei zu vermeiden.48 Die herge­stellte Ordnung zwischen Kaiser und Papst zeigt aber nicht, dass Gattinara Karl V. in seiner Herrschaft mit dem Papst als gleichgestellt ansah. Karl V. nahm als Kaiser die absolute Spitze ein. Dies Legitimiert Gattinara auf der oben bereits erläuterten Kaiserwürde.49

Inwiefern hinter der Italienpolitik nur die herrschaftliche Absicherung des er­strebten universalen Kaiserreichs Karls V. stand bleibt ungeklärt.

Fest steht hingegen, dass Gattinaras Universalmonarchie sich eher auf Italien und Europa und weniger auf die >Neue Welt< Amerika bezog. Damit knüpfte er an dem traditionellen Bild der monarchia universalis im Sinne einer Wieder­herstellung des Imperium Romanum an.

Es dürfte nicht verwundern, wenn diese schillernden, schmeichelhaften und überzeugenden Worte, den jungen Karl V. beeindruckten und er sich dadurch erst recht durch seine Wahl zum Kaiser ermuntert fühlte, seine Herrschaft zu einer Universalmonarchie auszuweiten. Für Kohler steht der enorme Einfluss Gattinaras auf Karls Politik außer Frage. Für ihn besaß Gattinara weitreichen­den und nachhaltigen Einfluss vor allem auf den jungen Karl.50

„Gattinaras Programm war am Hofe des neugewählten Kaisers offenbar als einziges geeignete, dem stark entwickelten Herrschaftsbewußstsein Karls Rechnung zu tragen und die Kaiseridee mit neuem Inhalt zu erfüllen.“51

1.3.2 Ein Universalmonarch bei Mercurinio Gattinara

Auch der Begriff des Universalmonarchen gestaltet sich schwierig, da Gat­tinara keine Definition gibt, welche herangezogen werden könnte. Dennoch kann unteranderem aus dem vorangegangenen Abschnitt zur Universalmo­narchie Gattinaras und der zur Recherche verwendeten Literatur, ein Bild ei­nes Universalmonarchen entworfen werden, welches einer Definition Gattina­ras wohl recht nah gekommen wäre.

Die Herrschaftstitel >Universalmonarch< und >Kaiser< bedingen sich gegen­seitig und sind nicht unabhängig voneinander zu betrachten. Der Universal­monarch schien in der Vorstellung Gattinaras eine Art Erweiterung der mittel­alterlichen Kaiseridee gewesen zu sein. Die Voraussetzung um überhaupt Mo­narch einer >monarchia orbis< werden zu können, war vorab den Kaisertitel für sich zu beanspruchen. Durch die Kaiserwürde, welche eine legitimiere sich die Herrschaft eines Kaisers und somit auch die seines späteren “Upgrades“ des Universalmonarchen. Unter dem Kaisertitel stehe das Reiche unter dem Schutz und Schirm des Kaisers >sub cuius umbra<. Diese Bedeutung der Kai­serwürde, sei gleichzeitig auch eine Verpflichtung.52

Im oberen Abschnitt zur Universalmonarchie, wird in Gattinaras Sprachge­brauch die Vorstellung von Einheit der Universalmonarchie und des Kaiser­tums in der Person Karls V. sehr deutlich. „Dieser [Gattinara] begreift das Kai­sertum als Anspruchstitel und Mittel für Karl V. zum Erreichen der universalen Herrschaft.“53 Der Kaisertitel, war folglich nicht nur eine gute Voraussetzung, er war der Anspruch auf eine universale Herrschaft.

Eine weitere günstige Voraussetzung war es, wenn dieser Kaiser schon vor der Wahl ein machtvoller Fürst mit vielen Ländereien war, wie beispielsweise Karl V. durch sein dynastisches Erbe. Durch sein dynastisches Erbe war erst­mals die Möglichkeit gegeben, das Imperium Romanum in seiner antiken Größe wieder zu errichten. Genau hierin lag für Gattinara das primäre politi­sche Streben eines Universalmonarchen. Wäre dies erreicht, könne anschlie­ßend das oberste politische Ziel angestrebt werden: die Weltherrschaft >orbis monachria obtinere<.54 Durch die Kaiserwürde und sein Reich sei es Karl V.

[...]


1 Rabe, Horst. Deutsche Geschichte 1500-1600. Das Jahrhundert der Glaubensspaltung. München 1991, S. 105.

2 Schorn-Schütte, Luise. Karl V.. Kaiser zwischen Mittelalter und Neuzeit. München 2000. S. 2.

3 Schorn-Schütte. S. 89.

4 Kohler, Alfred. Karl V. 1500-1558. Eine Biographie. München 2000. S. 97.

5 Bosbach, Franz. Monarchia Universalis. Ein politischer Leitbegriff der frühen Neuzeit. Bd. 32. Göttingen 1988. S. 38.

6 Kodek, Ilse. Der Großkanzler Kaiser Karls V. zieht Bilanz. Die Autobiographie Mercurinio Gattinaras aus dem Lateinischen übersetzt. Münster. 2004.

7 Ansprache Karls V. vor den Deputierten der niederländischen Generalstände, Auszug. In: Kohler, Alfred (Hg.). Quellen zur Geschichte Karl V.. Bd 15. Darmstadt 1990. S. 466-468.

8 Brief Gattinara an Karl V 1519., Auszug. In: Kohler, Alfred (Hg.). Quellen zur Geschichte Karls V., Darmstadt. 1990. S. 59-60.

9 Wahlkapitulation Karls V. Frankfurt am Main, 3. Juli 1519. In: Walder, Ernst [Bearb.]. Kai­ser, Reich und Reformation 1517 -1525. Lang 1974. S. 22.

10 Kohler, Alfred. Karl V. 1500-1558. Eine Biographie. München 2000.

11 Brandi, Karl. Kaiser Karl V.. Werden und Schicksal einer Persönlichkeit und eines Weltrei­ches. Darmstadt 1986.

12 Schorn-Schütte, Luise. Karl V., Kaiser zwischen Mittelalter und Neuzeit. München 2000.

13 Bosbach, Franz. Monarchia Universalis. Ein politischer Leitbegriff der frühen Neuzeit. Göt­tingen 1988. Bd. 32.

14 Schnurbei, Vladimir. Mercurino Gattinara, die Idee der Monarchia Universalis und ihre Wir­kung auf die Politik Kaiser Karls V., Diss. masch. Wien 2010.

15 Rabe, Horst. Deutsche Geschichte 1500-1600. Das Jahrhundert der Glaubensspaltung. München 1991.

16 Hinrichs, Ernst. Einführung in die Geschichte der Frühen Neuzeit. München 1980.

17 Vocelka, Karl. Geschichte der Neuzeit. Wien/ Köln/ Weimar 1500-1918. Bd. 3240.

18 Zit. Bosbach. S. 20.

19 Bosbach. S. 20.

20 Schnurbein. S. 42.

21 Bosbach. S. 19.

22 Zit. Bosbach. S.28.

23 Bosbach. S. 63.

24 Zit. Bosbach. S.38.

25 Bosbach. S. 39.

26 Schnurbein. S.32.

27 Kodek. S. 40.

28 Kohler. S. 94.

29 Schnurbein. S. 36.

30 Schnurbein. S. 36.

31 Bosbach. S. 39.

32 Bosbach S. 14.

33 Bosbach. S. 34.

34 Bosbach S. 31.

35 Zit. Bosbach. S.33.

36 Mercurinio Garrinara: Im Jahr 1465 geboren, stammte Gattinara aus einer piemontesi- schen Adelsfamilie. Er stieg früh in den Dienst des Herzog Savoyen und wurde auf Rat­schlag Maximilians I. von Margarete als juristischer Berater in die Franche Comté und die Niederlande mitgenommen. Als Präsident des Parlaments von Dole, musste er dem Adel weichen. Das Vertrauen zu Margarete blieb jedoch bestehen und so wurden ihm auch von Maximilian I. wichtige Missionen übertragen. Nach dem Tod von Sauvages wurde Gattinara durch seine beständigeninneren Beziehungen am 15. Oktober 1518 zum Großkanzler Karls V.

37 Zit. Brandi. S. 74.

38 Zit. Brandi. S. 74.

39 Zit. Kodek. S. 1.

40 Zit. Kodek. S. 68.

41 Brief Gattinara an Karl V 1519. In: Kohler. S. 59.

42 Gattinara. In: Kodek. S. 154.

43 Kohler. S. 95.

44 Brief Gattinara an Karl V. 1519., In: Kohler. S. 59.

45 Kodek. S. 159.

46 Brief Gattinara an Karl V. S 59.

47 Zit. Kohler. S. 99.

48 Kohler. S. 99.

49 Kodek. S. 40.

50 Kohler. S. 121.

51 Zit. Kohler. S. 121.

52 Gattinara. In: Kodek S. 154.

53 Zit. Bosbach. S. 54.

54 Gattinara. In Kodek. S. 154.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Kaiser Karl V. und die Universalmonarchie. Entspricht sein Selbstverständnis als Herrscher der Vorstellung nach Mercurinio Gattinara?
Untertitel
Eine Untersuchung
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2
Autor
Jahr
2019
Seiten
27
Katalognummer
V931346
ISBN (eBook)
9783346258519
ISBN (Buch)
9783346258526
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kaiser, karl, universalmonarchie, entspricht, selbstverständnis, herrscher, vorstellung, mercurinio, gattinara, eine, untersuchung
Arbeit zitieren
Lena Rose (Autor), 2019, Kaiser Karl V. und die Universalmonarchie. Entspricht sein Selbstverständnis als Herrscher der Vorstellung nach Mercurinio Gattinara?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/931346

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