Konstruktion, Imagination und Inszenierung im touristischen Raum

Die Heurige in Wien aus sozial- und kulturanthropologischer Perspektive


Diplomarbeit, 2008
114 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

THEORETISCHER TEIL
1.Einleitung
1.1. Aufbau der Arbeit
1.2. Forschungsfragen
1.3. Methoden
2. Tourismus und Ethnologie
2.1. Mögliche Definitionen
2.2. Ethnologische Tourismusforschung
3. Konstruktion touristischer Räume
3.1. Modelle zur Konstruktion touristischer Räume
3.1.1. Modell nach Arjun Appadurai
3.1.2. Marc Augé – Das Konzept der Nicht-Orte
3.1.3. Modell nach Tim Edensor – „enclavic“ und „heterogenous tourist spaces“
3.1.3.1. Enclavic tourist space
3.1.3.2. „Heterogenous tourist space“
3.1.4. Modell nach Christoph Hennig – Das Konzept der Phantasieräume
3.2. Kritische Zusammenfassung
4. Imagination, Inszenierung und Performance
4.1. Imagination und touristische Wahrnehmung
4.2. Der touristische Blick
4.3. Inszenierung
4.3.1. Pseudo-Events
4.3.2. Staged Authenticity
4.4. Touristische Räume und Performance
4.5. Post-Tourismus
4.6. Erlebniswelten versus „authentische Erfahrungen“
5. Tourismus in Wien
5.1. Zu Gast in Wien
5.2. Wiener Tourismusverband – WienTourismus und Destinationsmarketing
5.3. Mögliche zukünftige Entwicklungen im Wien Tourismus
6. Der Heurige als touristischer Raum
6.1. Kurze Geschichte des Wiener Heurigen
6.2. Der Verein „Der Wiener Heurige“
6.3. Der Heurige als Tourismusinstitution

EMPIRISCHER TEIL
7. Ethnographische Forschung
7.1. Methoden
7.2. Inszenierungen und Performances rund um den Heurigen
7.2.1. Vienna Heurigen Show
7.2.2. Der Vienna Heurigenexpress
7.2.3. Das muss ein Stück vom Himmel sein: Wien und der Wein
7.3. Sichtweisen der touristischen Akteure – Experteninterviews
7.3.1. Imagination – touristische Wahrnehmung
7.3.2. Inszenierung und Performance
7.3.3. Bedeutung des Heurigen als Touristenattraktion
7.3.4. Zukunft des Wientourismus
7.4. Touristische Sichtweisen
7.4.1. Erwartungen
7.4.2. Touristische Wahrnehmung – Erlebnis Heurigen
7.4.3. Performance und Inszenierung
7.4.4. Vorschläge und spontane Ideen zum Thema
7.5. Word-Rap
8. Zusammenfassung der Ergebnisse
9. Conclusio

Bibliographie

Internetquellen

Abbildungen

THEORETISCHER TEIL

1.Einleitung

Bei der ethnologischen Tourismusforschung handelt es sich um ein sehr weites, facettenreiches Forschungsfeld. Arbeiten thematisieren beispielsweise die Interaktion von Reisenden und Bereisten oder auch Konsequenzen des (Massen-)Tourismus für die lokale Bevölkerung und deren Lebensweise. Andere Forschungen hingegen beschäftigen sich mit modernen Formen von Mobilität oder der Analyse von Freizeit- und Themenparks.

Um sich mit Thematiken wie diesen auseinanderzusetzen ist es jedoch, auch wenn dies zweifellos sehr reizvoll wäre, nicht unbedingt notwendig ein Forschungsgebiet am anderen Ende der Welt auszuwählen. Touristische Räume befinden sich auch hier, praktisch direkt vor unsrer Haustür. Österreich ist eines der Länder mit der höchsten Tourismusintensität weltweit und demnach als Forschungsgebiet bestens geeignet.

Es erschien mir daher interessant „anthropology at home“ zu betreiben und Wien, die Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin, einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten und unter dem Motto: „Zuhause und trotzdem weit weg“ die Welt zu erkunden. Es war spannend, Gewohntes zu hinterfragen und aus einer ganz anderen Sichtweise zu erfahren.

Bei der Wahl eines für die Durchführung dieser Forschung geeigneten Raums stieß ich auf die Homepage des „WienTourismus“. Hier findet man unter der Rubrik „72 Stunden in Wien“ einige Vorschläge zur Gestaltung eines Kurzurlaubs in der österreichischen Hauptstadt. Bereits am ersten Abend in Wien wird den Reisenden ein Besuch beim Heurigen vorgeschlagen. Beschreibungen wie: „ein urwienerisches Abendvergnügen“, „nothing more authentic than an evening at a Heurigen“ oder ein „plaisir viennois par exellence“ suggerieren ein „typisches“ Wienerlebnis. Doch was hat es mit dieser „typischen, authentischen, urwienerischen“ Attraktion auf sich? Wenn ich an den Heurigen denke, denke ich an Sonntagsausflüge, Zitronenkracherl, weißen Spritzer und laue Sommernächte, an ungezwungenes Beisammensein. Doch wie wird der Heurige von anderen wahrgenommen? Welche Motivationen haben Touristen den Heurigen zu besuchen?

Geht es ihnen tatsächlich um das Erleben „authentischer, typischer Lebensweisen“? Suchen sie Kontakt mit Einheimischen in einer entspannten Atmosphäre? Möchten sie endlich wissen, was es mit der viel zitierten „Gemütlichkeit“ auf sich hat? Oder ist der Heurigenbesuch einfach ein weiterer Pflichtpunkt auf der Liste der „must sees“ bzw. „must does“ in Wien?

Im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses stehen die Erwartungen der Touristen. Deren Bilder und Imaginationen im Vorfeld sowie Wahrnehmungen und Erfahrungen im touristischen Raum, aber auch die „andere Seite“, nämlich die Perspektive der Gastgeber, sollen beleuchtet werden. Wie erleben im Tourismus bzw. beim Heurigen tätige Personen diesen Raum, dessen Vermarktung und Inszenierung und welche Arten der Interaktion gibt es zwischen Einheimischen und Touristen? Dies sind nur einige der Fragen, auf die ich mir im Zuge dieser Arbeit eine Antworte erhoffte.

Mir scheint der Heurige als touristischer Raum auch deshalb interessant, weil es sich dabei nicht um eine „klassische Sehenswürdigkeit“ im Sinne bekannter Bauwerke oder Museen handelt, denn der Heurige ist, abgesehen von seiner Funktion als Gastronomiebetrieb, viel mehr. Er ist eine Inszenierung. Ein Ort der Rekreation, eine Zurschaustellung, ein Platz, an dem Menschen zusammenkommen und Zeit miteinander verbringen.

1.1. Aufbau der Arbeit

Nach einer kurzen Einführung in das Thema und der Definition einiger grundlegender Begrifflichkeiten soll zunächst aufgezeigt werden, welchen Stellenwert die Tourismusforschung innerhalb der Kultur- und Sozialanthropologie einnimmt und mit welchen Themenbereichen sich die Disziplin auseinandersetzt.

Mit Hilfe verschiedener ethnologischer Konzepte und Theorien, die sich mit tourismusspezifischen Thematiken beschäftigen und mir in Bezug auf mein Forschungsfeld besonders relevant erscheinen, soll im ersten Teil der Arbeit ein theoretischer Rahmen geschaffen werden. Dieser setzt sich vorerst mit der Frage auseinander, welche Ansätze die Kultur- und Sozialanthropologie in Bezug auf die Konstruktion touristischer Räume anbietet. Aufgegriffen werden hier unterschiedliche Konzepte und Modelle, wie unter anderem jenes Arjun Appadurais (1996), der traditionelle Raumkonzepte der Kultur- und Sozialanthropologie für obsolet erklärt und vorschlägt, bisher existierende Vorstelllungen zu überdenken und neu zu definieren. Auch der britische Ethnologe Tim Edensor verweist in seinem Werk „Tourists at the Taj“ (1998) auf die multiple Identität touristischer Räume. Er entwirft zwei auf den ersten Blick gegensätzlich erscheinende Räume, nämlich den „enclavic“ und den „heterogenous tourist space“. Der französische Soziologe Marc Augè hingegen plädiert für eine ganzheitliche Neudefinition des anthropologischen Ortes. Im Gegensatz zu Orten, die gewisse Kriterien wie Identität, Relation und Geschichte aufweisen, definiert Augé so genannte „non-lieux“, also Nicht-Orte. Christoph Henning (1997) wiederum verweist auf die, seiner Meinung nach, entscheidenden Elemente der Konstruktion touristischer Räume, nämlich die Wahrnehmung der Reisenden, deren Motivationen und individuellen Imaginationen. Die unterschiedlichen Konzepte sollen vorgestellt und kritisch hinterfragt werden.

Um den Themenkomplex der Konstruktion touristischer Räume sinnvoll zu ergänzen und vertiefen zu können, beschäftigen sich die folgenden Kapitel mit Thematiken der Imagination, Inszenierung und Performance. Dabei werden unterschiedliche Formen der touristischen Wahrnehmung, des touristischen Blicks, aber auch Theorien zum Thema Inszenierung herangezogen. Anhand verschiedener theoretischer Konzepte, wie etwa jenem der „staged authenticity“ von Dean MacCannell, oder Boornsteins Ansatz des „Pseudo-Events“ soll aufgezeigt werden, welche unterschiedlichen Zugänge die Disziplin anbietet.

Kapitel 5 befasst sich mit dem Tourismus in Wien. Es wird der Frage nachgegangen, welche wirtschaftliche Bedeutung der Tourismus für die Stadt hat, aus welchen Ländern die meisten Besucher kommen und welche Sehenswürdigkeiten diese am liebsten besuchen. Das Kapitel soll dem Leser einige überblicksartige Informationen zum Thema Tourismus in Wien bieten. Im folgenden Kapitel wird dann eine beliebte Touristenattraktion Wien, nämlich der Heurigen vorgestellt und näher beschrieben. Nachgegangen wird hier unter anderem der Frage, welchen Stellenwert der Heurigen als touristischer Raum einnimmt. Um ein Bild von der Vermarktung des Heurigen als touristische Attraktion zu bekommen, werden einige Beispiele touristischer Angebote angeführt und kurz beschrieben.

Den abschließenden Teil dieser Arbeit bildet die ethnographische Forschung. Zunächst werden die Methoden der Feldforschung und deren Verlauf beschrieben. Außerdem beinhaltet er die Auswertung der Experteninterviews sowie jener Befragungen, die die touristische Sichtweise thematisieren. Meinungen, Eindrücke und unterschiedliche Wienbilder sollen einander gegenübergestellt werden. Um eine möglichst übersichtliche Darstellung zu gewährleisten und die umfassenden Erhebungsergebnisse besser zu strukturieren, wurden einzelne Kategorien erarbeitet. Das auf diese Weise entstehende Bild soll die touristische Praxis veranschaulichen.

1.2. Forschungsfragen

Im Mittelpunkt des Interesses standen vor allem die folgenden Forschungsfragen:

- Wie wird der Heurigen als touristischer Raum konstruiert respektive präsentiert?
- Welche Erwartungen, vorgefasste Meinungen und Bilder haben Touristen, die den Heurigen besuchen, im Vorfeld und inwieweit entsprechen diese dem tatsächlich Erlebten?
- Welche Arten von Performances finden statt?
- Inwieweit werden touristische Räume entsprechend der Erwatungen der Touristen inszeniert?
- Kommt es zu einer aktiven Mitgestaltung des touristischen Raumes durch die Touristen?

1.3. Methoden

Basierend auf dem im Vorfeld erarbeiteten theoretischen Teil, der sich mit Konstruktion, Repräsentation und Inszenierung im touristischen Raum auseinandersetzt, nähere ich mich dem Themenfeld im zweiten Teil dieser Arbeit mittels eines empirischen Zugangs. Dabei werden unterschiedliche, einander ergänzende Methoden herangezogen. Neben der Methode der teilnehmenden Beobachtung wurden Interviews geführt. Diese qualitativen Interviews richteten sich sowohl an im Tourismus (bzw. der Gastronomie) tätige Personen, so zum Beispiel Heurigenbesitzer, Fremdenführer usw. Zusätzlich wurden Touristen, die gerade einen Abend beim Heurigen verbrachten, interviewt. Erfragt wurden die Erwartungen des Touristen und sein Verhalten im touristischen Raum „Heurigen“. Die Analyse der auf diese Weise erhobenen Daten sowie zusätzliche Einsichten, die anhand teilnehmender Beobachtung sowie informeller Gesprächen gewonnen wurden, sollen helfen die Forschungsfragen sinnvoll zu beantworten. Die Methoden der ethnographischen Forschung werden auf Seite 66 genauer beschrieben.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde in der folgenden Diplomarbeit die weibliche Form von Personenbezeichnungen weggelassen, diese beziehen sich jedoch stets auf beide Geschlechter.

2. Tourismus und Ethnologie

Das nun folgende Kapitel versteht sich als kurze Einleitung. Während zuerst einige grundlegende Definitionen bestimmter für diese Arbeit wichtiger Begrifflichkeiten erläutert werden, möchte ich im Anschluss daran die Disziplin der ethnologischen Tourismusforschung vorstellen. Ein kurzer geschichtlicher Abriss soll den Stellenwert, den die Tourismusforschung innerhalb der Sozial- und Kulturanthropologie einnimmt, beschreiben. Außerdem wird der Frage nachgegangen, mit welchen aktuellen Themenbereichen sich die Disziplin auseinandersetzt bzw. welche Forschungsgebiete in Zukunft interessant sein könnten.

2.1. Mögliche Definitionen

Der Tourismus stellt ein überaus vielfältiges Forschungsfeld dar, in dem unterschiedliche Weltbilder, Vorstellungen, Traditionen und Akteure aufeinander treffen. Ebenso umfangreich wie das Forschungsfeld selbst sind auch die Annäherungen an dieses, seitens verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen. Felder der Tourismusforschung umfassen unter andrem Bereiche der Wirtschaft, Soziologie, Geographie, Psychologie, Kulturwissenschaft und viele andere mehr (Vgl. Mundt, 1998 IX).

Die Tourismusforschung ist demnach eine interdisziplinäre Wissenschaft, die über eine Vielzahl an unterschiedlichen Zugängen und Betrachtungsweisen verfügt und je nach Forschungsinteressen ökonomische, soziale oder politische Schwerpunkte setzt.

In der Literatur finden sich zahlreiche Definitionen der Begriffs Tourismus, beziehungsweise parallel dazu gebräuchlicher Begriffe wie Touristik, Fremden- oder Reiseverkehr. Stellt man sich die Aufgabe ein so vielschichtiges, komplexes Phänomen mit nur wenigen Worten definieren zu wollen, wird einem schnell klar, wie schwierig es ist eine alles umfassende Beschreibung zu finden.

Das Wort „Tourismus“ stammt ursprünglich aus dem Griechischen. „Tornos“ bedeutet zirkelähnliches Werkzeug. Dieser Begriff gelangte über das lateinische „tornare“, was etwa mit (um)runden übersetzt werden kann, und das französische „tour“ ins Englische und Deutsche. Ein Tourist ist demnach jemand, der eine solche Tour macht (Vgl. Mundt 1998: 2).

Meyers Lexikon bietet folgende Definition an:

Tourismus [tu-; englisch, zu tour »Ausflug«] der, Touristik, Fremdenverkehr, das mit der modernen Industriegesellschaft verbundene, durch technischen Fortschritt der Verkehrs- und Kommunikationsmittel geförderte und durch Zunahme von Freizeit, Lebensalter, Bildung und Konsum ermöglichte sowie durch organisierte Reiseangebote erleichterte, primär auf die Freizeit bezogene Reiseverhalten zunehmend größerer Bevölkerungsgruppen. Unterschieden werden u. a. nach Entfernung und Reiseziel Nah- oder Ferntourismus beziehungsweise Inlands- und Auslandstourismus, nach der Dauer Kurz-, Wochenend-, Urlaubs- und Langzeittourismus, nach der Teilnehmerzahl Gruppen- und Einzeltourismus, nach Organisationsform beziehungsweise Leistungsangebot Pauschal- und Individualtourismus. Motive für den Tourismus sind physischer (Erholung, Entspannung, Fitness), psychischer (Zerstreuung, Entlastung, Selbstfindung, Abenteuer), interpersoneller (Geselligkeit, Gruppenerfahrungen), kultureller (Interesse an anderen Gesellschaften, Bildung) sowie sozialpsychologischer Natur (Status- oder Prestigemotivation). (http://lexikon.meyers.de/meyers/Tourismus)

In Anlehnung an die Definition der WTO, der Welttourismusorganisation, kann Tourismus bzw. Fremdenverkehr verstanden werden als:

„Die Gesamtheit der Beziehungen und Erscheinungen, die sich aus der Ortsveränderung und dem Aufenthalt der Personen ergeben, für die der Aufenthaltsort weder hauptsächlicher und dauernder Wohn- noch Arbeitsort ist.“ (www.world-tourism.org)

Diese Definition berücksichtigt, im Gegensatz zu vielen früheren Definitionen, sowohl Dienst- und Geschäftsreisen als auch private Reisen.

Nach Mundt (1998) fasst man unter dem Oberbegriff „Tourismus“ alle Reisen, unabhängig von ihren Zielen und Zwecken, zusammen, die den zeitweisen Aufenthalt an einem andern als dem Wohnort einschließen und bei denen die Rückfahrt Bestandteil der Reise ist (Vgl. Mundt, 1998: 3).

Die Soziologen Crang und Coleman definieren modernen Tourismus folgendermaßen:

“Modern tourism is therefore an inherently expansive economy, constantly appropriating and constructing new experiences and places“

(Coleman/Crang, 2002:3).

Aufgrund der enormen Vielfalt touristischer Erscheinungsformen ergibt sich, wie bereits anhand der vielen unterschiedlichen Definitionen des Begriffs Tourismus deutlich wird, dass es sich hier um ein komplexes Phänomen handelt, das kaum klar abzugrenzen ist.

2.2. Ethnologische Tourismusforschung

Für die Sozial- und Kulturanthropologie stellt der Tourismus ein relativ neues Forschungsfeld dar. In den 1960er und 70er Jahren waren die meisten Anthropologen noch mit Forschungen in relativ kleinen, oft isolierten Gemeinschaften beschäftigt und nahmen deshalb das Phänomen „Tourismus“ als wenig bedeutend wahr. Die Disziplin beschäftigte sich eher mit der Erforschung bestimmter Gesellschaften, die als kleine, in sich geschlossene Einheiten gesehen wurden. Innerhalb der sozial- und kulturanthropologischen Forschung schien damals kein Platz für Touristen bzw. den Tourismus als wissenschaftliche Disziplin (Vgl. Crang/Coleman, 2002: 4).

Die Auseinandersetzung mit Themen der Tourismusforschung gewann demnach erst Ende der 1970er Jahren mit dem Aufschwung der Tourismusindustrie und einer beginnenden Entwicklung des Massentourismus an Bedeutung.

Im Vordergrund standen zunächst vor allem der interkulturelle Kontakt, die Interaktion zwischen Reisenden und Bereisten, Gast und Gastgebern, sowie die Auswirkungen auf Identität und Selbstbild der Bereisten oder auch die Vermarktung von Kultur und Konsumgütern, aber auch Problematiken wie die Zerstörung bzw. grundlegende Veränderung lokaler Gemeinschaften und deren Lebensweise durch den Tourismus.

Eines der ersten bedeutenden Werke der ethnologischen Tourismusforschung ist Valene Smiths 1977 erschienenes Buch „Hosts and Guests“. Smith vertritt die innovative Idee, Ethnologie könne einen interessanten Beitrag zur Tourismusforschung leisten, da sie über ethnographische Basisdaten verfügt und sich mit Prozessen der Akkulturation beschäftigt, sich aber dennoch bewusst ist, dass Tourismus nur eines der zahlreichen Elemente ist, die einen Kulturwandel ausmachen. Der Sammelband umfasst unterschiedliche Beiträge aus verschiedenen Regionen. Aufgezeigt werden Forschungen, die sich vorwiegend mit dem oft sehr komplexen Phänomen der Interaktion zwischen Reisenden und der lokalen Bevölkerung auseinandersetzen (Vgl. Smith, 1978).

Die ethnologische Tourismusforschung beschäftigt sich seit Beginn ihres Bestehens mit unterschiedlichen Thematiken. Forschungen reichen von klassisch methodologischen Studien bestimmter Tourismusdestinationen (z. B. Tucker 2002, Boissevain 2004) über Arbeiten zum Thema „tourist art“ (z.B. Graburn 1976) oder Forschungen, die sich mit Fragen des materiellen und immateriellen Erbes (z.B. Nadel-Klein 2003) auseinandersetzen. Auch die Auswirkungen des Tourismus auf die Gastgesellschaften und deren kulturelles und soziales System (z.B. Graburn 1983, Kahrmann 1995) werden von vielen Autoren diskutiert.

Im anfänglichen Diskurs stand die Auseinandersetzung mit dem touristischen Blick (tourist gaze) lange Zeit im Vordergrund. Neuere Forschungsarbeiten setzen sich hingegen mit Themen wie beispielsweise der imaginären Geographie (z. B. Hennig 1997), modernen Formen von Mobilität oder der Analyse von Freizeit- und Themenparks auseinander. Auch die performative Dimension touristischer Räume wird in aktuelleren Arbeiten häufig thematisiert. Theoretische Konzepte analysieren die Konstruktion touristischer Räume und werfen dadurch neue interessante Fragestellungen auf. So etwa das Verhältnis von Kultur, Raum und Landschaft oder die Bedeutung, die Weltbildern, Imaginationen, Phantasien und Wünschen der Reisenden bei eben dieser Konstruktion neuer touristischer Räumen zukommt. Der Raum respektive die Landschaft als Bühne für Aktionen und Erlebnisse und viele andere interessante Zugänge finden Platz innerhalb der aktuellen Forschung

(Vgl. Mader, 2004: 188f ).

Mitte April letzten Jahres nahm ich an einen Kongress an der London Metropolitan University teil, der den Titel „Thinking through tourism“ trug. Dieser wurde von der der ASA, der „Association of Social Anthropologists of the UK and Commonwealth“, organisiert und gab Professoren, Studenten und Interessierten aus aller Welt die Möglichkeit ihre derzeitigen Arbeiten, Feldforschungsberichte oder bereits abgeschlossenen Projekte zu präsentieren bzw. sich über rezente Entwicklungen zu informieren und miteinander auszutauschen. Im Mittelpunkt standen grundlegende Fragen ethnologischer Tourismusforschung sowie aktuelle Forschungsströmungen, aber auch mögliche Zukunftsperspektiven der Disziplin wurden diskutiert.

Da im Laufe dieses Kongresses einige interessante Ideen für zukünftige Forschungen aufgeworfen wurden, möchte ich ein paar davon gerne an dieser Stelle erwähnen.

Die Möglichkeiten für zukünftige Forschungen sind vielfältig. So könnten kommende Forschungsarbeiten Themenkomplexe beinhalten wie etwa: Tourismus und Politik in transnationalen Gesellschaften, Tourismus und angewandte Intervention, gegenwärtige und zukünftige Beziehungen zwischen Tourismus, Staat und nicht-staatlichen Organisationen oder auch Mobilität und Transformation vor dem Hintergrund der Globalisierung, um nur einige zu nennen. Zweifellos wäre es auch interessant der Frage nachzugehen, welchen Beitrag die Kultur- und Sozialanthropologie zu einem besseren Verständnis von Politik, Macht und touristischer Entwicklung leisten kann.

Was die Zukunft der ethnologischen Tourismusforschung und ihre Aufgabenbereiche und Handlungsmöglichkeiten betrifft, halte ich eine vermehrte, zielgerichtete Zusammenarbeit zwischen Ethnologie und Tourismuswirtschaft, wie sie derzeit leider (noch) nicht besonders häufig vorzufinden ist, für sinnvoll. Im Sinne einer angewandten Anthropologie wäre es zudem wünschenswert, sich mit praktischen Fragen ethnologischer Tourismusforschung auseinanderzusetzen. Ethnologen könnten so, auch im Umfeld des Tourismus, ihrer Rolle als Kulturvermittler oder Mediatoren nachkommen und neue Erfahrungen in Zusammenarbeit mit der Tourismusindustrie machen. Eine solche Zusammenarbeit wäre, meiner Meinung nach, für die zukünftige Entwicklung beider Disziplinen bereichernd, da sie einander aufgrund ihrer unterschiedlichen Zugänge, methodologischen Vorgehensweise sowie Datenauswertung und Analyse sehr gut ergänzen und so voneinander profitieren könnten.

Wie in diesem Kapitel bereits kurz umrissen, handelt es sich beim Tourismus um ein äußerst vielseitiges, flexibles und ständigen Veränderungen unterworfenes Phänomen, das laufend neue Erfahrungen, aber auch Räume konstruiert. Im nun folgenden Teil dieser Arbeit möchte ich mich näher mit der Konstruktion touristischer Räume sowie dem Phänomen des touristischen Erlebens auseinandersetzen.

3. Konstruktion touristischer Räume

Der Raum stellt ein zentrales Ordnungsschema dar, das uns hilft die Welt zu strukturieren und zu interpretieren. Vor allem in Zeiten zunehmender Globalisierung und damit einhergehender Vereinheitlichung ist dieses Raumkonzept jedoch ständigen Transformationen und Neubewertungen unterworfen. Auch seitens der Sozial- und Kulturanthropologie ist ein Umdenken gefragt. Menschen leben heute nicht mehr in getrennten kulturellen und räumlichen Einheiten, sondern sind Teil einer vernetzten Gesellschaft. Da eine Unterscheidung von Innen und Außen unter diesen Gegebenheiten nicht möglich ist, beschäftigen sich aktuelle Diskurse zunehmend mit der Formulierung neuer Einheiten und der Neudefinierung traditioneller Raumkonzepte (Vgl. Mader, 2004: 20f). Vor allem für die ethnologische Tourismusforschung sind diese Ansätze besonders interessant.

Ein besonderes Kennzeichen des Tourismus ist dessen Trennung von der Alltagswelt (Vgl. Urry, 2002:3). Diese Trennung erfolgt einerseits durch das Abstandnehmen von Zwängen und Belastungen des Alltags, andererseits bedeutet Reisen auch eine räumliche Bewegung und damit den Zugang zu neuen, unbekannten Orten. Die Reise stellt also einen Kontrast zur Alltagswelt dar und wird stark von imaginären Räumen geprägt. Dabei sind die kollektiven und individuellen Imaginationen, welche in der imaginären Geographie von Mythos und Fiktion, von Phantasie und Träumen verortet sind, mindestens ebenso bedeutend wie die konkreten Orte, die besucht werden. Reisen beinhaltet somit immer das Betreten und Erfahren anderer Räume (Vgl. Mader, 2004: 212).

3.1. Modelle zur Konstruktion touristischer Räume

Im Folgenden möchte ich nun auf einen Raum, nämlich den touristischen, näher eingehen. Da die Konstruktion touristischer Räume ein zentrales Thema dieser Arbeit darstellt, möchte ich einige theoretische Konzepte, die die Sozial– und Kulturanthropologie anbietet, aufgreifen. Dabei soll anhand verschiedener Modelle herausgearbeitet werden, aus welchen Elementen sich die Konstruktion touristischer Räume zusammensetzt. Ferner soll der Frage nach gegangen werden, welche Bewegungsabläufe und Interaktionen in eben diesen Räumen stattfinden. Herangezogen werden unter anderem Ansätze wie etwa jener Arjun Appadurais (1996), der traditionelle Raumkonzepte der Kultur- und Sozialanthropologie für obsolet erklärt und vorschlägt, bisher existierende Vorstelllungen zu überdenken und neu zu definieren. Er geht davon aus, das althergebrachte Raumvorstellungen in einer Welt, die zunehmend vom Phänomen der Globalisierung betroffen ist, nicht mehr länger gültig sein können und sieht sich daher vor die Herausforderung gestellt, ein neues, erweitertes und zeitgemäßes Raumkonzept zu erarbeiten. Auch der britische Ethnologe Tim Edensor verweist in seinem Werk „Tourists at the Taj“ (1998) auf die multiple Identität touristischer Räume. Er entwirft zwei auf den ersten Blick gegensätzliche erscheinende Räume, nämlich den „enclavic“ und „heterogenous tourist space“. Der französische Soziologe Marc Augè hingegen plädiert für eine ganzheitliche Neudefinition des anthropologischen Ortes. Im Gegensatz zu Orten, die gewisse Kriterien wie Identität, Relation und Geschichte aufweisen, definiert Augé so genannte „non-lieux“, also Nicht-Orte. Christoph Henning (1997) wiederum verweist auf die seiner Meinung nach entscheidenden Elemente der Konstruktion touristischer Räume, nämlich die Wahrnehmung der Reisenden, deren Motivationen und individuelle Imaginationen. Er geht davon aus, dass sich im Rahmen der Konstruktion touristischer Räume innere Vorstellungen und äußere Welt miteinander verschränken und auf diese Weise etwas gänzlich Neues entsteht (Vgl. Hennig, 1997: 92). Im nun folgenden Teil dieser Arbeit möchte ich die oben erwähnten Ansätze vorstellen und kritisch hinterfragen.

3.1.1. Modell nach Arjun Appadurai

In seinem Werk „Modernity at large – cultural dimensions of globalization“ (1997) betont der indische Anthropologe Arjun Appadurai die dringende Notwenigkeit, traditionelle Raumkonzept zu erweitern und kulturelle Prozesse neu zu analysieren. Dabei geht er von der Annahme aus, dass aufgrund zunehmender Globalisierung herkömmliche Modernisierungstheorien außerstande sind, Prozesse und Interaktionen an ebendiesen neu entstandenen Orten adäquat zu erfassen. Daher versucht er, ein gänzlich neues Konzept zu entwickeln. Seine Ideen basieren auf der Vorstellung, dass Globalisierung nicht zwangsläufig auch immer mit kultureller Homogenisierung einhergehen muss. Kultur nimmt dabei eine Schlüsselfunktion ein. Während Modernisierungstheorien immer den Moment des Umbruchs von der traditionellen zur modernen Gesellschaft hervorheben, weist Appadurai auf den seiner Meinung nach generellen Bruch der heutigen Welt mit jeglichen Formen der Vergangenheit hin. Er sieht das Heute als „modernity at large“ (Appadurai, 1996: 3).

Der Zustand dieser „modernity at large“ wird insbesondere durch das globale Zusammenwirken von Massenmedien auf der einen und Migrationsströmen auf der anderen Seite charakterisiert. Appadurai unterstreicht die Rolle moderner elektronischer Medien und hebt hervor, in welchem Ausmaß diese die Kommunikation und das Verhaltens transformieren. Ein weiteres Schlagwort in Appadurais Arbeit ist im Zusammenhang mit der Konstruktion touristischer Räume hoch interessant. Nämlich die „work of imagination“. Diese Vorstellungskraft bezeichnet Appadurai als Ort der Auseinandersetzung, in welchem Individuen oder Gruppen versuchen, das Globale in ihre eigenen Erfahrungen mit der Moderne zu integrieren. Seine Argumentation, die Vorstellung nehme in der heutigen Welt eine signifikante Bedeutung ein, beruht auf mehreren Unterscheidungen. So stellt er erstens fest, die Vorstellungskraft sei aus ihrer bisherigen speziellen Ausdrucksform in Kunst, Mythen und Ritualen ausgebrochen und zu einem Teil der täglichen mentalen Arbeit jedes Einzelnen geworden. Zweitens weist er darauf hin, dass der Konsum von Massenmedien in der Welt oft zu Widerstand, allgemein zu Aktivität führt. Drittes argumentiert er, dass kollektive, durch Massenmedien vermittelte Erfahrungen jeglicher Art ein Zusammengehörigkeitsgefühl hervorrufen (Vgl. Appadurai, 1996 19f). Da Appadurai, wie bereits erwähnt, herkömmliche, statische Ordnungskonzepte als nicht mehr länger angebracht begreift, versucht er neue Ansätze zu erarbeiten. Er schlägt diesbezüglich fünf Dimensionen vor, die er als „scapes“ bezeichnet. Diese versteht er jedoch nicht als fixe Einheiten, sondern vielmehr als fließend, flexibel und unregelmäßig (Vgl. Appadurai, 1996: 33f).

Appadurai unterscheidet in fünf verschiedene „scapes“, nämlich:

- financescapes – der Raum der globalisierten Finanzwelt, an dem ein weltweiter Kapitalaustausch stattfindet,
- technoscapes – globale technologische Räume, in denen sich weltweiter Wissenstransfer abspielt, so beispielsweise das Internet,
- mediascapes – global vernetze Medien; innerhalb dieser Räume geschieht die mediale Produktion und Distribution von Informationen,
- ideoscapes – komplexe ideelle Landschaften, die sich heute besonders schnell bewegen und immer wieder neue regionale Grenzen sprengen, hier finden sich beispielsweise Elemente politischer Ideen,
- ethnoscapes – bilden sich durch globale Bewegungsströme von Menschen. Dabei macht es für Appadurai keinen Unterschied, ob Menschen zur Migration gezwungen werden und ihre Bewegung freiwillig erfolgt. Er sieht sowohl Flüchtlinge und Gastarbeiter als auch Touristen als Teil einer menschlichen Gesellschaft, die zunehmend in Bewegung ist.

Appadurais Konzept der unterschiedlichen globalen Räume und den darin stattfindenden Interaktionen zeichnet sich vor allem durch die Flexibilität der vorgeschlagenen Kategorien aus. Die fünf verschiedenen Dimensionen beeinflussen sich ständig wechselseitig, werden dadurch neu kombiniert und können nicht als voneinander getrennt, sondern vielmehr nur in ihrer Gesamtheit begriffen und analysiert werden. Auch die Wahrnehmung dieser Räume variiere, so stellt Appadurai fest, abhängig von der jeweiligen historischen, kulturellen und politischen Einbindung der Betrachter (Vgl. Appadurai, 1996: 33).

Appadurais Konzept bezieht sich auf globale, kulturelle Prozesse, die einer ständigen Veränderung unterworfen sind. Dabei stellt sich für mich die Frage, inwieweit das hier beschriebene Modell diese ständigen Neuerungen der Kriterien berücksichtigen kann bzw. berücksichtigen sollte. Die besondere Flexibilität, die Appadurais Theorie eigen ist, kann in diesem Sinne einerseits als Stärke gesehen werden, denn sein Modell bietet eine Vielzahl verschiedener Kombinationsmöglichkeiten an, anstatt sich starrer Kategorien zu bedienen. Auf der anderen Seite wirkt das Modell eben gerade aufgrund seiner Flexibilität sehr allgemein und ist daher nicht leicht auf ein konkretes Forschungsfeld umzulegen. Essenziell erscheint mir Appadurais Aufruf zur neuen Theorienbildung und Erweiterung bisher existierender Konzepte.

3.1.2. Marc Augé – Das Konzept der Nicht-Orte

„Wir leben in einer Welt, die zu erkunden wir noch nicht gelernt haben. Wir müssen neu lernen, den Raum zu denken.“ (Augé, 1994 : 46)

In seinem Werk „Non-Lieux. Introduction á une anthropologie de la surmodernité“ beschreibt Marc Augé sein Konzept der Nicht-Orte. Augé nach hat jeder anthropologische Ort mehrere Ebenen. Für ihn sind im Begriff des „anthropologischen Ortes“ sowohl die Möglichkeit der Wege, die dort hinführen, der Diskurs, der dort stattfindet, als auch die Sprache, die ihn kennzeichnet, enthalten (Vgl. Augé, 1994: 93ff). Im Gegensatz zu einem Ort, der immer durch Faktoren wie Identität, Beziehung und eigene Geschichte geprägt ist, zeichnet sich ein „Nicht-Ort“ dadurch aus, dass er sich weder als rational noch als historisch bezeichnen lässt. Im Gegensatz zum Ort ist der Nicht-Ort von einer beliebigen Verfügbarkeit von Gütern, Ideen und Räumen gekennzeichnet, die dazu führt, dass Orte austauschbar werden. Der Raum des Reisens ist Augés Konzept nach der Archetypus des Nicht-Ortes. Zu den Nicht-Orten gehören die für den beschleunigten Verkehr von Personen und Gütern erforderlichen Einrichtungen, so beispielsweise Schnellstrassen, Autobahnen oder Flughäfen, ebenso wie die Verkehrsmittel selbst, große Einkaufszentren und vieles andere mehr. Der Verlust an anthropologischen Orten bewirke, so Augé, eine gleichzeitige Zunahme der Existenz von Nicht-.Orten.

Der Soziologe verweist auf die beliebige Verfügbarkeit von Gütern, Ideen und Räumen, die seiner Ansicht nach dazu führen, dass Orte austauschbar werden. Einsamkeit und Ähnlichkeit kennzeichnen den Nicht-Ort, der ebenso wie der Ort niemals in reiner Gestalt existiert, sondern in dem sich immer wieder neue Orte zusammensetzen. Er sieht sowohl die Nicht-Orte als auch die Menschen, die in ihnen agieren, als austauschbar an. „Die Akteure der Nicht-Orte konsumieren und wickeln eine ritualisierte Kommunikation ab“ (Augé, 1994 : 110f).

Anhand des oben beschriebenen Konzepts der Nicht-Orte entwirft Augé seine Theorie der „surmodernité“, also der Über- bzw. Hypermoderne. Diese „surmodernité“ zeichnet sich vor allem durch ein Übermaßaus. Hier erkennt Augé drei grundlegende Veränderungen. So zum einen die Beschleunigung der Zeit, also das immer schneller werdende Leben bzw. Erleben. Zweitens ein Übermaß an Raum, das gleichzeitig eine Verkleinerung unserer Welt mit sich bringt. Neue Medien sowie Fernreisen schaffen eine neue, andere, symbolische Welt. Man muss nicht zwangsläufig tatsächlich an einem Ort gewesen sein, um sich dort zurechtzufinden. Zu den beiden bereits erwähnten Faktoren kommt noch ein dritter hinzu, nämlich ein Übermaß des Ich, also eine zunehmende Individualisierung. Basierend auf diesen Überlegungen stellt Augé fest, dass es keine festen anthropologischen Bezugssysteme mehr gibt.

Sein Appell, nämlich das Lernen in neuen Kategorien zu denken, geht auch mit dem weiter oben beschriebenen Ansatz Appadurais einher. Beide betonen die Wichtigkeit der Entwicklung neuer Raumkonzeptionen und befürworten das Entstehen ergänzender Modelle, um den Raum besser beschreiben bzw. erfassen zu können.

Meiner Meinung nach lässt Marc Augés Modell einen wichtigen Aspekt gänzlich außer Acht. Viele von uns sind oftmals „gezwungen“, sich an einem der von ihm beschriebenen Nicht-Orte, wie beispielsweise Autobahnen, Schnellstraßen oder Flughäfen, aufzuhalten. Geschäftsleute, Touristen, aber auch Ethnologen beginnen ihre Reise nicht selten auf dem lokalen Flughafen. Doch verlieren diese tatsächlich automatisch (vorübergehend) ihre Identität, wenn sie sich an einem dieser Nicht-Orte aufhalten? Ist ein Identitätsverlust dieser Art überhaupt möglich? Ich halte das für sehr unwahrscheinlich und bin generell nicht der Überzeugung, dass es Orte gibt, an denen Menschen ihre Geschichte oder ihre Identität verlieren oder soweit zurückstecken, dass diese praktisch inexistent wird. Auch die Annahme, Ähnlichkeit rufe Einsamkeit hervor, besitzt, meiner Ansicht nach, keine allgemeine Gültigkeit, denn Ähnlichkeit kann ebenso gut wieder erkannt werden; das schafft Vertrautheit und Sicherheit. Meiner Meinung nach nimmt Augé eine allzu pessimistische Position ein, wenn er behauptet, Menschen sowie Kommunikationsmuster würden austauschbar werden. Auch die Annahme, Nicht-Orte seien als direktes Gegenstück zu anthropologischen Orten einzuordnen, scheint mir überholt. Meiner Ansicht nach ist es in einer zunehmend globalisierten, vernetzten Welt nicht mehr möglich, aber auch nicht zwingend notwendig, anthropologische Orte als begrenzte, statische, weit entfernte Einheiten zu begreifen. Vielmehr wäre es wünschenswert, eben auch diese Nicht-Orte als Räume zu begreifen, in denen Menschen aufeinander treffen, miteinander agieren und auf diese Weise neue Geschichten oder Identitätskonzepte entstehen lassen. Viele rezente Arbeiten machen deutlich, dass eben solche Nicht-Orte, wie Feriendörfer, Hotelanlagen oder Clubressorts, längst Gegenstand anthropologischer Forschung geworden sind. Ich finde diese Entwicklung interessant und durchaus positiv, denn ich sehe auch in den Nicht-Orten keine identen Räume, denn auch sie unterliegen einer ständigen Veränderung.

Die Argumentation, Nicht-Orte hätten keine Geschichte und Menschen würden darin keine Beziehungen aufbauen, muss demnach revidiert werden. Gerade ein Flughafen kann, so glaube ich, sehr vieles sein. Er ist zweifellos ein Ort, an dem unterschiedliche Menschen für kurze Zeit aufeinander treffen, Ort der Kommunikation, Ort des Wiedersehens, des Abschieds und in diesem Sinne auch der Emotionen. Ich würde daher sehr wohl annehmen, dass sowohl der Ort selbst als auch die Personen, die darin agieren, Identität besitzen

3.1.3. Modell nach Tim Edensor – „enclavic“ und „heterogenous tourist spaces“

“Places have multiple identities, are situated points at which a variety of activities occur and a diverse range of people pass through on different routes. The connections people make with places physically, by phone or by post, in memory and imagination vary enormously.” (Edensor, 1998: 20)

In seinem Werk „Tourists at the Taj“ präsentiert der Anthropologe Tim Edensor die Ergebnisse seiner Feldforschung. Er beobachtete Touristen und analysiert ihr Verhalten rund um eine der weltweit bekanntesten Sehenswürdigkeiten, nämlich des Taj Mahal in Agra. Um die Regulierung touristischer Räume besser analysieren zu können, teilt Edensor diese in „enclavic“ (enklavische) und „heterogenous“ (heterogene) touristische Räume ein. Hier geht es ihm besonders darum aufzuzeigen, wie diese reguliert werden, welche Aktivitäten innerhalb dieser Räume stattfinden und wodurch touristische Erfahrungen stimuliert bzw. limitiert werden. Dabei betont er jedoch, dass es sich bei den von ihm beschriebenen „spaces“ zwar um konträre, jedoch oft eng verknüpfte Formen touristischer Räume handele, die fast immer miteinander koexistieren (Vgl. Edensor, 1998: 60).

3.1.3.1. Enclavic tourist space

Im Allgemeinen bezeichnet man Enklaven als einen vom eigenen Staatsgebiet eingeschlossenen Teil eines fremden Staatsgebietes oder einen eingeschlossenen fremden Staat, wie beispielsweise San Marino oder den Vatikan. Edensor versteht unter „enclavic toutist space“ einen organisierten touristischen Raum mit in sich geschlossenem Charakter. Touristen, die sich in ebendiesem Raum befinden, interagieren zumeist nicht mit der lokalen Bevölkerung. Man ist bemüht, die Reisenden von unangenehmen Gerüchen, Geräuschen oder negativen Eindrücken fernzuhalten. „Enclavic tourist spaces“ werden vor allem durch folgende Faktoren geprägt: hohes Investitionskapital und eine Anpassung an internationale Tourismusstandards mit einer dementsprechend ausgebauten Infrastruktur. Das inkludiert sowohl Hotelkomplexe, die einer ständigen Qualitätskontrolle unterworfen sind, Restaurants, die westliche Gerichte oder dem Geschmack westlicher Touristen angepasste lokale Speisen offerieren, zusätzlichen Komfort wie etwa Klimaanlagen, aber auch Personal, das sich den Wünschen und Erwartungen der Touristen anpasst.

Betrieben werden Einrichtungen dieser Art meist von großen nationalen bzw. internationalen Unternehmen. Neben dem Besuch ausgewählter Sehenswürdigkeiten findet man häufig ein hoteleigenes Unterhaltungsprogramm, so werden beispielsweise exotische Shows angeboten oder lokales Kunsthandwerk ausgestellt und zum Verkauf angeboten.

Der einheimischen Bevölkerung, so sie nicht in einer dieser touristisch abgeschotteten Räume arbeitet, bleibt der Kontakt zu den Touristen verwehrt. Handel passiert innerhalb der touristischen Enklave und zeichnet sich durch festgelegte, meist hohe Preise aus, die unter anderem dazu dienen, lokale Besucher sowie Rucksacktouristen fernzuhalten. Auch die landschaftliche Ästhetik ist strikten Kriterien unterworfen. Man ist darum bemüht, alles möglichst sauber und frisch aussehen zu lassen (Vgl. Edensor, 1998: 45f).

Edensor konstatiert:

„The production of enclavic tourist space is part of a wider process whereby space, particularly in the West, is becoming more regulated, commodified and privatised“ (Edensor, 1998:47).

In gewissem Sinn ist Edensors Konzept jenem weiter oben beschriebenen Konzept Marc Augés und dessen „non-lieu“, also ein Nicht-Ort, der keine eigene Identität besitzt und den vor allem seine Austauschbarkeit charakterisiert, ähnlich. In den von Edensor beschriebenen „enclavic tourist spaces“ finden touristische Aktivitäten immer in einem überblickbaren respektive überwachbaren Rahmen statt. Fast alles wird im Vorhinein vom Tourpersonal geplant – und dementsprechend organisiert ist auch die Interaktion. Ein reibungsloser Ablauf steht dabei bei allen Aktivitäten im Vordergrund und es wird darauf geachtet, ein Programm anzubieten (Vgl. Edensor, 1998: 49).

[...]

Ende der Leseprobe aus 114 Seiten

Details

Titel
Konstruktion, Imagination und Inszenierung im touristischen Raum
Untertitel
Die Heurige in Wien aus sozial- und kulturanthropologischer Perspektive
Hochschule
Universität Wien
Note
gut
Autor
Jahr
2008
Seiten
114
Katalognummer
V93150
ISBN (eBook)
9783640158010
ISBN (Buch)
9783640159413
Dateigröße
862 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konstruktion, Imagination, Inszenierung, Raum
Arbeit zitieren
Katharina Kopsitsch (Autor), 2008, Konstruktion, Imagination und Inszenierung im touristischen Raum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93150

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