Konjunktur und Krise in der deutschen Maschinenbauindustrie von 1914 bis 1923


Doktorarbeit / Dissertation, 1981

218 Seiten, Note: 0,5


Leseprobe

Gliederung

Vorwort 2020

Vorwort

1. Einleitung

2. Die Kriegskonjunktur in der deutschen Maschinenbauindustrie von 1914 bis 1918
2.1. Die Nachfrage auf dem Markt der Maschinenbauindustrie
2.2. Die Produktion der Maschinenbauindustrie
2.3. Der Export der Maschinenbauindustrie
2.4. Die Preise auf den Märkten der Maschinenbauindustrie
2.5. Die Profite der Maschinenbauindustrie
2.6. Die Lage der Arbeiter der Maschinenbauindustrie

3. Die Inflationskonjunktur der deutschen Maschinenbauindustrie von 1919 bis 1923
3.1. Die Nachfrage auf den Märkten der Maschinenbauindustrie
3.2. Die Produktion der Maschinenbauindustrie
3.3. Der Export der Maschinenbauindustrie
3.4. Die Preise auf den Märkten der Maschinenbauindustrie
3.5. Die Profite der Maschinenbauindustrie
3.6. Die Lage der Arbeiter der Maschinenbauindustrie

4. Schluß

5. Quellen und Anmerkungen

6. Verzeichnis der Abbildungen

7. Verzeichnis der Tabellen

8. Literaturverzeichnis

Diese Abhandlung wurde am . vom Wissenschaftlichen Rat der Hochschule für Ökonomie „Bruno Leuschner“ Berlin als Dissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Wirtschaftswissenschaften angenommen.

Rektor der Hochschule

Prof. Dr. sc. Rolf Sieber

Gutachter

Prof. Dr. sc. Walter Becker

Prof. Dr. Dr. h. c. Hans Mottek

Doz. Dr. sc. Heinz Wehner

Vorwort 2020

Es ist schon einige Zeit her, dass die vorliegende Arbeit veröffentlicht werden sollte. Es war meine Dissertation A. Sie wurde immerhin mit dem Prädikat „summa cum laude“ bewertet. Die Publikation scheiterte damals im letzten Moment an einer wissenschaftsinternen Intrige, an einem „Totschlagargument“ des de facto damaligen Herausgebers der vorgesehenen Serie (Verlängerung des Betrachtungszeitraums bis Ende 1932/Anfang 1933). Das hätte eine Verdopplung der Arbeit bedeutet. Das wollte und konnte ich nicht. U. a. wegen neuer wissenschaftlicher Verpflichtungen.

Die Zeit von 1914 bis 1923 ist noch immer eine besonders schwierige und wichtige der deutschen (Wirtschafts-)Geschichte. Und die Maschinenbauindustrie ist mitten drin. Natürlich hat es inzwischen weiteren wissenschaftlichen Fortschritt gegeben. Ich habe mich daran selbst beteiligt und ein Stück weit das „Geheimnis des Krieges“, seiner Entstehung gelüftet.1

Das Gros der politisch Verantwortlichen aller beteiligten Länder hat damals im Juli 1914 den kommenden Krieg weit unterschätzt. Ein kluger Ökonom hätte schon im Juli 1914 zumindest Deutschland vor diesem Krieg warnen können und müssen. Wie bspw. Friedrich Engels, der schon frühzeitig schrieb, was kommen wird.2 Oder sein Parteifreund August Bebel.

Aber Ökonomen wurden damals nicht gelesen oder gehört. Es war die Stunde (der Monat) der Militärs. Aus deutscher Sicht war nur ein relativ kurzer Krieg vorgesehen (zwei Feldzüge von etwa 6 Wochen nach Westen und nach Osten). Spätestens Weihnachten 1914 sollten die siegreichen Helden zu Hause sein.

Wenn der Allerhöchste geahnt hätte, was auf Deutschland und seine Dynastie zukommen würde, hätte er wahrscheinlich diesen Krieg verhindert. Z. B. indem er seinen „Kollegen“ aus Wien ausgebremst hätte. Österreich-Ungarn hatte einen (kleinen) Hauptgegner: Serbien. Aber hinter dem stand das riesige russische Reich. Gegen das war Österreich-Ungarn chancenlos, jedenfalls ohne Deutschland. Aber wenn Deutschland sich einbrachte, musste es - so war die Bündnis-Konstellation vor dem Ersten Weltkrieg - Frankreich und (leider, aus deutscher Perspektive) England auf den Plan rufen.

An nur einem Tag der berühmt-berüchtigten Marnesschlacht in der ersten Septemberhälfte 1914 verbrauchte das deutsche Heer mehr Munition als im gesamten Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Damit waren die ursprünglichen Planungen des Krieges (Schlieffenplan) dahin. Das deutsche Heer lebte munitionsseitig zeitweilig nur von „von der Hand in den Mund“. Dass Deutschland den Krieg überhaupt noch weiterführen konnte, lag auch an seiner Maschinenbauindustrie, die schnell und effizient einen erheblichen Teil ihrer Kapazitäten auf Kriegsproduktion umstellen konnte. Dabei arbeiteten die für die Aufträge zuständigen Stellen häufig genug neben- und gegeneinander.

Aber der neue Bedarf (und die neuen Preise) stimulierten die Industrie. Dennoch wusste schon im Herbst 1914 der preußische Kriegsminister, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Die Soldaten waren wieder einmal schlauer als ihre Offiziere (Friedrich Engels). Von den Generälen und der allerhöchsten Stelle ganz zu schweigen. An Weihnachten 1914 verbrüderten sich französische und deutsche Soldaten und feierten gemeinsam. Allerdings gingen ihre Vorgesetzten dagegen vor und die Soldaten mussten noch fast vier Jahre unter furchtbaren Bedingungen gegeneinander kämpfen.

Auch die Nachkriegsjahre nach 1918 waren - als Ökonom traut man sich kaum, das zu schreiben - ziemlich „verrückt“. U. a. erreichte die deutsche Maschinenbauindustrie eine Inflationskonjunktur als die Wirtschaften der Siegerstaaten des Weltkrieges unter einer Überproduktionskrise ächzten. Das Voraneilen der äußeren Geldentwertung erlaubte der deutschen Industrie (u. a. Maschinen) niedrige Preise auf dem Weltmarkt (in Devisen). Die Importe (z. B. Nichteisenmetalle) mussten allerdings zu Weltmarktpreisen bezahlt werden, was große volkswirtschaftliche Verluste bedingte.

Die wirtschaftliche Lage war zeitlich und nach Betrieben sehr differenziert, je nach Möglichkeit die Inflation zu nutzen. U. a. um Kredite aufzunehmen und mit entwertetem Geld zurück zu zahlen.

Die Maschinenbauindustrie kam relativ gut über die Inflation, besonders weil die von ihr gezahlten Reallöhne, die Existenzbedingungen ihrer Werktätigen, sehr niedrig waren. 1923 brach das Inflationssystem zusammen. Deutschland geriet auch in schwere politische Krisen. Deutschland schaffte indes den Ausweg aus der Situation, ehe einige Jahre später die nächste Krise kam.

Für die neuerliche Publikation musste das gesamte Schriftbild der Arbeit nochmals geändert werden. Auch einige redaktionelle Änderungen sind erfolgt. Für die große technische Unterstützung bin ich Frau Andrea Fölsche und Herrn Martin Fölsche zu großem Dank verpflichtet. Ebenso natürlich meiner Ehefrau Valerie Malich-Richel. Danke!

Vorwort

Konjunktur und Krise in der deutschen Maschinenbauindustrie 1914 bis 1923. Beide Phasen des kapitalistischen Reproduktionszyklus bestimmten die Geschichte des deutschen Maschinenbaus, und der gesamten deutschen Wirtschaft und Gesellschaft, während des ersten Weltkrieges und in seinen ersten Folgejahren in recht eigentümlicher Weise. Nicht in ihrer gewohnten, klassischen Form, sondern stark modifiziert, in ihrem Antlitz gewandelt vor allem durch die grelle Schminke einer historisch einzigartigen, schließlich bis zur theoretisch denkbar letztmöglichen Konsequenz forcierten Papiergeldinflation. Namentlich diese Modifikation ist es, die dem Wirtschaftshistoriker die Periode von 1914 bis 1923 so reizvoll wie schwierig und ihre wirtschaftshistorische Erforschung heute für die weitere Bereicherung und Vertiefung unserer Theorie und damit letzten Endes für unsere praktische Politik wiederum so zwingend macht. In diesem Kontext einen Beitrag zu leisten, im Interesse der weiteren Qualifizierung unserer Wissenschaft, das ist die Hoffnung, die sich mit der Vorlage dieser Arbeit verbindet.

Wenn man sich jahrelang mit einem umfangreicheren Forschungsgegenstand wie diesem, herumgeschlagen hat, dann hat man am Ende meist auch eine größere Dankesschuld abzutragen bei denen, die dieser Arbeit ihre Unterstützung zuteilwerden ließen. Zu besonderem Dank bin ich meinem Betreuer Prof. Dr. sc. W. Becker sowie Prof. Dr. Dr. h. c. H. Mottek und Prof. Dr. sc. L. Baar für ihre Beratung und konstruktive Kritik verpflichtet. Mein Dank gilt ferner allen meinen Kollegen, die das Gelingen dieser Arbeit auf verschiedenste Art und Weise förderten. In technischen Fragen waren mir die Kolleginnen des Sekretariats unseres Wissenschaftsbereiches eine große Hilfe. Dafür gebührt ihnen ebenso mein Dank, wie den Kolleginnen unserer Hochschulbibliothek, die mir viel Verständnis und Geduld entgegenbrachten. Last not least möchte ich schließlich meiner Familie, vor allem meiner Mutter, die auch die umfangreichen Schreibarbeiten an der Endfassung übernahm, herzlich für die mir jahrelang erwiesene tatkräftige Unterstützung danken.

Wildau, März 1981

U. Malich

1. Einleitung

Die deutsche Maschinenbauindustrie entstand mit dem Einsetzen der Hauptphase der Industriellen Revolution, also etwa in dem Dezennium von 1836 bis 1846.1 Die in dieser Zeit beginnende massenhafte Anlage von konstantem fixen Kapital, der massenhaft einsetzende Mechanisierungsprozeß, hatten eine gewaltige Nachfrage nach Maschinen und damit die Notwendigkeit ihrer maschinellen Erzeugung hervorgerufen.2 "Die große Industrie mußte sich also ihres charakteristischen Produktionsmittels, der Maschine selbst, bemächtigen und Maschinen durch Maschinen produzieren. So erst schuf sie ihre adäquate technische Unterlage und stellte sich auf ihre eigenen Füße."3

Der Fortgang der Industriellen Revolution lieferte im Verein mit dem technischen Fortschritt und der Vertiefung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung den Nährboden für die stürmische - freilich zyklische - Entfaltung der deutschen Maschinenbauindustrie in den folgenden Jahrzehnten.4 Die Maschinenbauindustrie setzte ihre schnelle Aufwärtsentwicklung aber auch nach dem Ende der Industriellen Revolution, bei insgesamt verlangsamtem Industrialisie­rungstempo, fort. Allerdings war ihr nunmehr der nationale Markt zu eng geworden und sie trat auf den Weltmarkt hinaus, von dem sie jetzt nachhaltige zusätzliche Wachstumsimpulse erhielt. Seit 1868 gestaltete sich die deutsche Maschinenaußen-handelsbilanz, abgesehen von einer nochmaligen kurzen Phase starker Passivität in den Jahren 1873/75, dauernd aktiv,5 wobei die letzten 15 bis 20 Jahre vor dem ersten Weltkrieg dann einen solchen Aufschwung des Maschinenexports brachten, daß Deutschland hier die führende Position auf dem Weltmarkt errang.6 Die deutsche Maschinenbauproduktion hatte sich von 1885 - bis hierher reichen die entsprechenden Berechnungen von Wagenführ zurück - bis 1913 immerhin mehr als versiebenfacht, die gesamte Industrieproduktion hatte sich indessen nur mehr als verdreifacht.7

Die gewaltige Entwicklung, die die deutsche Maschinenbauindustrie von ihrer Entstehung bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges genommen hatte, ist konkret-historischer Ausdruck der spezifischen Stellung des Maschinenbaus im industriellen Wachstumsprozeß. Der Maschinen­bau versorgt die gesamte Industrie und darüber hinaus weitere wichtige Bereiche der Volkswirtschaft mit den notwendigen Instrumenten ihrer Produktion; er ist damit sowohl entscheidende Determinante wie zugleich Resultante des industriellen resp. volkswirtschaft­lichen Wachstums- bzw. Reproduktionsprozesses.8

Die besondere, die Schlüsselstellung des Maschinenbaus im Wachstums- bzw. Reproduk­tionsprozeß der modernen Volkswirtschaft weist ihm gleichsam eine entsprechende heraus­ragende Bedeutung für die wirtschaftshistorische und wirtschaftstheoretische Erkenntnis zu. Alle nennenswerten ökonomischen Erscheinungen und Tendenzen werden durch den Maschinenbau beeinflußt, mitbestimmt und finden in seiner Entwicklung ihre Widerspiegelung.

Der außerordentlichen Relevanz der Entwicklung der Maschinenbauindustrie für die wirt­schaftshistorische Erkenntnis im allgemeinen und damit in nächster Instanz für die Qualifi­zierung der ökonomischen Theorie trägt der Wissenschaftsbereich (früher Institut) Wirt­schaftsgeschichte der Hochschule für Ökonomie "Bruno Leuschner" Berlin nun schon seit Jahrzehnten mit seiner Maschinenbauforschung Rechnung. Es entstanden hier die Disser­tationen von Alfred Schröter und Walter Becker zur Entwicklung der deutschen Maschinen­bauindustrie in der Industriellen Revolution, die gemeinsam im Akademie-Verlag publiziert wurden.9

In Betreuung des Bereiches Wirtschaftsgeschichte der Hochschule für Ökonomie fertigte Ernst Barth seine Dissertation zur Entwicklung der deutschen Maschinenbauindustrie von 1870 bis 1914, die auch die Grundlage einer entsprechenden Publikation bildete.10 Alle diese Arbeiten waren letztlich auf die tragenden Forschungsvorhaben des Wissenschaftsbereiches, d. h. die Bände zwei und drei der "Wirtschaftsgeschichte Deutschlands",11 orientiert. Ähnlich die vorlie­gende. Sie setzt, den Zeitraum von 1914 bis 1923 erfassend, die Reihe der Maschinenbau­forschung des Wissenschaftsbereiches Wirtschaftsgeschichte der Hochschule für Ökonomie fort und ist ein Beitrag für die geplante Überarbeitung des dritten Bandes der "Wirtschafts­geschichte Deutschlands".

Die Periode von 1914 bis 1923 stellt sowohl im Weltmaßstab, als auch im Besonderen für Deutschland einen tiefen historischen Einschnitt von weitreichender ökonomischer, sozialer und politischer Bedeutung dar. Schon Ende 1914 erkannte Lenin: "Der europäische Krieg bedeutet eine gewaltige historische Krise, den Beginn einer neuen Epoche."12 Die Jahre von 1914 bis 1923 waren eine Zeit ungeheurerer wirtschaftlicher Deformierung, der Zerrüttung der weltwirtschaftlichen Beziehungen, der furchtbaren Verelendung der Volksmassen. In den Jahren 1919 und 1923 stand die deutsche Wirtschaft jeweils kurz vor dem völligen Zusammenbruch.13 Die verheerende soziale Lage des deutschen Volkes hatte dessen Revolutionierung "erzeugt" (Lenin)14, die sowohl Ende 1918, als auch im Herbst 1923 die Macht des deutschen Imperialismus ernsthaft in Frage stellte.15 Aber diese Macht wurde nicht gebrochen, vielmehr wurden, namentlich in Gestalt der Überakkumulation in der Schwer­industrie, der Forcierung der "Monopolisierung und Verstaatlichung der Produktion" (Lenin)16 - in den Nachkriegsjahren unter bedeutsamen Formenwandel - unter der Ägide vor allem der Schwerindustrie und in Gestalt der weitgehenden Pauperisierung der mittleren Volks­schichten, hier auch bereits wieder die Keime gelegt für den neuerlichen, so verhängnisvollen Aufstieg Deutschlands.

Der großen, wenn auch zwiespältigen Geschichtsträchtigkeit jedoch noch nicht angemessen ist der Stand unserer wirtschaftshistorischen Erkenntnis der Zeit von 1914 bis 1923. Während zwar die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, insbesondere für die Kriegszeit, einschließlich ihrer theoretischen Wertung, schon relativ gründlich erforscht ist, sind die Entwicklung der Produktivkräfte und der kapitalistische Reproduktionsprozeß als der Unterbau der Produktivkraft- und Produktionsverhältnisentwicklung, noch unzureichend er­forscht. Gerade einer die Maschinenbauindustrie betreffenden wirtschaftshistorischen Unter­suchung ergeben sich hier, eben auf Grund der spezifischen Stellung dieses Zweiges inner­halb der Industrie resp. der Volkswirtschaft, hervorragende Möglichkeiten zur Verminderung dieses Erkenntnisdefizits beizutragen.

Die vorliegende Untersuchung und Darstellung der Entwicklung der deutschen Maschinenbau­industrie in den Jahren von 1914 bis 1923 konzentrierte sich auf den konkreten Verlauf des Reproduktionsprozesses in der Maschinenbauindustrie, a priori aber unter Einbeziehung der Zusammenhänge zwischen diesem und dem gesamtwirtschaftlichen resp. -industriellen Re­produktionsprozeß sowie der Produktivkraft- und Produktionsverhältnisentwicklung in der Maschinenbauindustrie.

Die ursprünglich sowohl in zeitlicher als auch inhaltlicher Hinsicht breitere Konzipierung der Arbeit konnte im Interesse einer ausreichend tiefen und zugleich umfassenden Analyse und Darstellung in Anbetracht des geringen Aufbereitungsgrades des vorhandenen Quellenma­terials nicht realisiert werden.

Ausgehend vom Gegenstand lassen sich die Zielstellungen der vorliegenden Arbeit wie folgt umreißen: Zunächst wird allgemein die weitere Vervollständigung unserer Kenntnis der Geschichte der deutschen Maschinenbauindustrie sowie, gewissermaßen in einem Zuge, die Erweiterung unseres historischen Wissens von der industriellen resp. volkswirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland im Betrachtungszeitraum schlechthin angestrebt. Im Einzelnen werden dabei u.a. so entscheidende Fragen wie die Zusammenhänge von Krieg und Ökonomie, Krieg und technischer Fortschritt, Inflation und Zyklus, Inflation und technischer Fortschritt, Inflation und Außenhandel, Inflation, Konjunktur und Rohstoffmarkt verfolgt. Die vorliegende Arbeit will, insgesamt wie bezüglich wichtiger Einzelfragen, a priori Baustein sein für die tiefere theoretische Durchdringung und Erfassung einmal wesentlicher Seiten des modernen Kapitalismus, namentlich des Krisenmechanismus, der Monopolisierung und der wachsenden staatlichen Regulierungstätigkeit, und zwar jeweils in ihrer Dialektik mit dem, gerade vom Maschinenbau determinierten technischen Fortschritt, sowie zum anderen bestimmter allgemeiner Entwicklungsprobleme des Maschinenbaus, die auch für unsere heutige Wirtschaftspraxis von erheblichem Belang sind, wie beispw. die Kausalität von zunehmender Massenproduktion und Einsatz von Spezial- und Sondermaschinen auf der einen Seite (beim Maschinenanwender) und Absinken der Losgröße der Produktion und Berücksichtigung spezieller Anwenderwünsche, damit Tendenz zur Einzelfertigung auf der anderen Seite (beim Maschinenhersteller) und ihre Konsequenzen für die betriebliche und die volkswirtschaftliche Produktivitätsentwicklung u.a.m.17

Der Ausgangsstand auf dem Untersuchungsgebiet, d.h. konkret der Stand der bisherigen wirtschaftshistorischen Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Maschinenbauindustrie von 1914 bis 1923 ist, wie weiter oben schon angedeutet, noch vergleichsweise gering. Die spezielle Maschinenbauforschung endet bislang mit dem Jahr 1914. Die (auch noch nicht sehr zahlreichen) allgemeineren wirtschaftshistorischen Untersuchungen über den Betrachtungs­zeitraum, einschließlich derjenigen, die sich des kapitalistischen Reproduktionsprozesses verstärkt annehmen, berücksichtigen die Maschinenbauindustrie entweder überhaupt nicht oder nur punktuell. Die vorgenommenen Einschätzungen und Wertungen des kapitalistischen Reproduktionsprozesses von 1914 bis 1923 polarisieren sich überdies in zwei sehr gegen­sätzliche Grundauffassungen. Eine Tatsache, die die Untersuchung des Reproduktions­verlaufes in der Maschinenbauindustrie nicht eben begünstigt, sie andererseits aber um so dringender macht. Trotz vieler noch ungelöster bzw. strittiger Fragen gestattet der gegen­wärtige Stand der allgemeineren Wirtschaftsgeschichte aber schon wesentliche, für die konkrete ökonomische Entwicklung der Maschinenbauindustrie relevante Grundeinsichten.

Die bürgerliche Wirtschaftshistoriographie, die sich mit der Geschichte des deutschen Maschinenbaus von 1914 bis 1923 beschäftigt, ist zwar bedeutend umfangreicher als die marxistische und auch sehr vielfältig, aber sie ist generell, wiewohl sich das im Einzelnen recht differenziert auswirkt, in ihrer Fähigkeit, die objektive historische Wahrheit zu erkennen, die objektive historische Realität richtig widerzuspiegeln, beschränkt. Wenngleich Tatsachen ein hartnäckiges Ding sind, und Wirtschaftsgeschichte, auch bürgerliche, vor allem Aufbereitung und Reflexion von Tatsachen ist, so wird natürlich eben diese Aufbereitung und Reflexion der Tatsachen von der Klassenposition des Historikers nachdrücklich beeinflußt. Und die bürgerliche Wirtschaftsgeschichte interpretiert letztlich idealistisch-metaphysisch, die Geschichte vom Standpunkt des Kapitals aus und in dessen Interesse, obwohl ihr verschie­dentlich die Verfolgung und Rekapitulation der tatsächlichen ökonomischen Entwicklung spontan auch materialistische Dialektik beizubringen scheint.

Zum methodischen Vorgehen. Hier ist zunächst ein formeller Unterschied zu machen zwischen der Untersuchung und der Darstellung. Die Untersuchung muß erst die umfassende Aneignung des Stoffs bringen, die inneren und äußeren Zusammenhänge und Widersprüche, die bestimmenden Tendenzen der Entwicklung aufdecken, ehe die wirkliche Bewegung entsprechend dargestellt werden kann. Auch das Verhältnis der Historie zur Theorie zeigt sich in Untersuchung und Darstellung verschieden. Während die Theorie für die Untersuchung Ausgangspunkt und methodische Grundlage ist, ist sie, ihre Vervollkommnung, für die Darstellung umgekehrt schließlich Endpunkt und Zweck.

Als Ausgangspunkt und methodische Grundlage unserer Untersuchung sind vor allem die materialistische Dialektik, ihre Elemente bzw. Prinzipien,18 ferner auch die Reproduktions-, die Akkumulations-, die Realisations- und die Krisentheorie von Marx, die Leninsche Imperialis­mustheorie sowie die, zumindest in den Ansätzen, auch bereits auf Marx zurückgehenden theoretischen Vorstellungen von der Schlüsselstellung des Maschinenbaus in der großen Industrie von Bedeutung.

Die Forschungsarbeit selbst beginnt dann mit der Entwicklung eines Konzepts bzw. Modells der Untersuchung und Darstellung des Reproduktionsverlaufes in der Maschinenbauindustrie, das es ermöglicht, diese in ihrer ganzen Totalität, in ihrer inneren Widersprüchlichkeit und in ihrer Wechselwirkung mit dem für sie relevanten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umfeld zu erfassen und widerzuspiegeln. Dieses Konzept bzw. Modell der Untersuchung und Darstellung wird, aufbauend auf dem skizzierten theoretisch-methodischen Fundament, in einem langwierigen mehrstufigen Analyse-, Abstraktions- und Verallgemeinerungsprozeß, dem die bereits vorliegenden wirtschaftshistorischen und die zeitgenössischen Darstellungen zur realen ökonomischen Entwicklung der deutschen Maschinenbauindustrie von 1914 bis 1923 und ihren Bedingungen zugrundegelegt werden und in einem Synthese- und Konkretionsprozeß erarbeitet. Auf der Grundlage des so gewonnenen Konzepts bzw. Modells erfolgt dann die Untersuchung des Reproduktionsverlaufes im Detail. Das methodische Vorgehen ist hierbei prinzipiell das gleiche wie bei dem vorangegangenen Arbeitsschritt. Zunächst die Analyse der vorliegenden relevanten Darstellungen, Abstraktion und Verall­gemeinerung, dann die Synthese und die Konkretion des Stoffes auf einer neuen Erkenntnisstute. Im Unterschied zu der ersten, konzeptionellen Arbeitsetappe, wo die Analyse notwendig sehr breit angelegt und relativ grob und oberflächlich sein muß, ist diese hier, da das Spektrum des Stoffes viel schmaler, entsprechend feiner und tiefer. Das macht aber wieder bestimmte Rückwirkungen der Ergebnisse der Detailuntersuchungen auf das Gesamtkonzept bzw. -modell möglich, die zu einer Modifizierung desselben führen können oder müssen.

Die Untersuchung des Reproduktionsverlaufs in der Maschinenbauindustrie auf der Grundlage der entsprechenden theoretischen, historischen und zeitgenössischen Darstellungen erfor­dert, im Großen wie im Detail, die Anwendung der drei grundlegenden logischen Schlußver­fahren Deduktion, Reduktion und Induktion.

Besondere Probleme erwachsen für die Untersuchung, namentlich die Abstraktions- und Verallgemeinerungsprozesse, aber auch für die Darstellung, einmal aus der außerordentlichen Heterogenität der deutschen Maschinenbauindustrie und zum anderen aus der sehr schwierigen Abgrenzung der Maschinenbauindustrie von den ihr verwandten Zweigen, die vor allem dem historisch gewachsenen Mischcharakter der meisten Betriebe im Grenzfeld zwischen den Zweigen - gerade die Maschinenbaubetriebe entfalteten einen bemerkenswerten Ehrgeiz hinsichtlich der Streuung ihres Produktionsprogramms sowie den schon damals auftretenden Kombinationstendenzen. Die Beschränkung auf die Haupt­prozesse der Entwicklung sowie größte Bedachtsamkeit bei den Verallgemeinerungen sind daher angezeigt.

In der endgültigen Darstellung sind die Prozeduren der Untersuchung dann vergessen; die Summe und die spezifische, zweckentsprechend modellierte Anordnung des im Detail bereits auf höherer Stufe Konkretisierten, die in bestimmtem Maße ein Fortschreiten von der Erscheinung des kapitalistischen Reproduktionsprozesses in der deutschen Maschinenbauin­dustrie zu dessen Wesen verfolgt, ergeben, falls die Arbeit gelingt, die ideelle Widerspiegelung des realen Historischen, des Reproduktionsverlaufes in der deutschen Maschinenbauindustrie von 1914 bis 1923 und seiner Determinanten und Resultanten, ergeben nunmehr im Ganzen geistig Konkretes höherer Stufe.

2. Die Kriegskonjunktur der deutschen Maschinenbauindustrie 1914 - 1918

2.1. Die Nachfrage auf dem Markt der Maschinenbauindustrie

Die Bewegung der Nachfrage auf dem Markt der Maschinenbauindustrie war in der letzten Zeit vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges zwar sehr widersprüchlich, insgesamt aber dominierten Rückgangserscheinungen das Bild. Namentlich ab Mitte 1913 kam es zu einer erheblichen Abnahme des Eingangs von Inlandsaufträgen bei den deutschen Maschinen­fabriken.1 Die Bestellungen des Auslands hielten sich demgegenüber im Wesentlichen auf ihrem hohen Niveau.2 Nach einer Repräsentativuntersuchung des Vereine deutscher Maschinenbau-Anstalten (VdMA) ging der Auftragseingang in der Maschinenbauindustrie im Jahre 1913 gegenüber dem Vorjahr insgesamt um fast 30 Prozent zurück, war aber noch merklich größer als im Jahre 1911.3 Im ersten Halbjahr 1914 setzte sich der Rückgang im Auftragseingang dann, wenn auch deutlich verlangsamt, weiter fort.4 Von Seiten der Maschi­nenbauindustrie wurde die verminderte Auftragserteilung auf die politische Entwicklung, insbesondere "die Einwirkungen des Balkankrieges und die wiederholten Spannungen zwischen den europäischen Mächtegruppen" sowie auf die fühlbare Geldknappheit seit Ende 1912,5 die in erster Linie eine Geldkapitalknappheit war und entsprechende negative Wirkungen auf die kauffähige Nachfrage nach Maschinen hatte, zurückgeführt.

Obzwar der Auftragsbestand bei den Maschinenbauunternehmen in der letzten Zeit vor dem Kriegsausbruch infolge des großen Auftragsüberhangs von 1912 und der meist mehrmona­tigen produktionsbedingten Lieferzeit6 im allgemeinen noch relativ hoch war,7 signalisierte die Abnahme der Neuaufträge bereits recht eindeutig den Beginn einer Überproduktionskrise, sowohl in der Maschinenbauindustrie selbst, als auch in der deutschen Wirtschaft insgesamt.8

Die Krise wurde durch die akute Zuspitzung der politischen Gegensätze seit Herbst 1912,9 nicht zuletzt weil dem ohnehin angespannten Geldkapitalmarkt infolge der politischen Unsi­cherheit und der besonders ab 1913 forcierten Aufrüstung10 weitere Mittel entzogen wurden, zweifellos vorzeitig herbeigeführt,11 trat aber, da die Übersteigerung der Hochkonjunktur ver­hindert wurde und eine Reihe von Auftriebskräften, wie z.B. aus der elektrotechnisch­chemischen Umwälzung erwachsende Modernisierungsnachfrage,12 die hohe Auslandsnach- frage13 sowie das noch anhaltend große Arbeitskräfteangebot,14 noch einige Wirkung zeigten, recht schleppend ein.

Ob die Krise von 1913/14 bloß eine schwache Krise war, wie es namentlich zeitgenössische bürgerliche Wirtschaftsbetrachtungen immer wieder glauben machen wollten,15 oder ob sie vielmehr den Auftakt zu einer besonders schweren zyklischen Krise, etwa von den Ausmaßen der Gründerkrise oder der Weltwirtschaftskrise von 1929/32, wie es bspw. Hans Mottek und Thomas Kuzcynski annehmen,16 darstellte und damit den sich abzeichnenden generellen Trendumbruch in der Konjunkturentwicklung einläutete,17 wurde durch den Ausbruch des ersten Weltkrieges zu einer hypothetischen Frage. Der Ende Juli/Anfang August 1914 die Völker überziehende blutige Raubkrieg der Imperialisten, Ausdruck und Höhepunkt ihrer sich seit Jahrzehnten zuspitzenden Widersprüche,18 unterbrach bzw. besser überlagerte mit seinen gewaltigen unmittelbaren ökonomischen Konsequenzen den normalen zyklischen Konjunkturverlauf, wie auch den langwelligen Rhythmus der Konjunktur, entscheidend.

Auf dem Markt der Maschinenbauindustrie löste der Ausbruch des Krieges zunächst einen scharfen Sturz der ohnehin schon gedrückten Nachfrage aus.19 Der Eingang von Inlands­aufträgen bei den Maschinenbaufabriken sank im August 1914 auf nur rd. 20 Prozent des durchschnittlichen Niveaus der letzten Vorkriegszeit, der Eingang von Auslandsaufträge sogar unter 10 Prozent des in der letzten Vorkriegszeit üblichen.20 Darüber hinaus wurde die Maschinenbauindustrie noch von zahlreichen Auftragskündigungen und -moratorien, nament­lich aus den Entente-Staaten, aber auch von neutralen und deutschen Abnehmern, betroffen.21 Per 1. September 1914 hatte die deutsche Maschinenbauindustrie einen durchschnittlichen Auftragsbestand, der, bei etwa im Maße der Einberufungen eingeschränkter Produktion, noch für fünf Monate die Arbeit der Betriebe gewährleisten konnte.22

Der einschneidende Nachfragerückgang auf dem Maschinenbaumarkt war in erster Linie auf den sogenannten Kriegsstoß, d. h., die unmittelbaren, schweren Erschütterungen, die der Kriegsausbruch in der Wirtschaft hervorrief, zurückzuführen. Der Kriegsausbruch bewirkte, einmal im Zusammenhang mit der Mobilmachung, infolge der fast gänzlichen mehrwöchigen Unterbindung des öffentlichen Güterverkehrs, der massenhaften und wahllosen Einziehung von vor allem qualifizierten Arbeitskräften und der drastischen Einschränkung des Telegrafen­, Fernsprech- und Postverkehrs, und zum anderen im Zusammenhang mit der "Unübersicht­lichkeit der Verhältnisse und der Ungewißheit über die Dauer des Krieges" und der plötzlichen, zunächst fast völligen Abschneidung Deutschlands vom Weltmarkt, eine weitgehende Des­organisation und Lähmung des Wirtschaftslebens,23 die (zwangsläufig) auf dem sehr reagiblen Markt der Maschinenbauindustrie eine entsprechende konzentrierte und prononcierte Wider­spiegelung fand.

Nur zum wenigsten verbarg sich indessen hinter dem starken anfänglichen Nachfragerück­gang auf dem Maschinenbaumarkt bereits der Beginn einer spontan spekulativen Anpassung der Wirtschaft an den zu erwartenden Kriegsbedarf, war doch in den ersten Kriegswochen die zukünftige Entwicklung des volkswirtschaftlichen Bedarfs noch keineswegs auch nur annähernd abzusehen, da, wie hinlänglich, namentlich von Alfred Schröter, nachgewiesen,24 die herrschende Klasse nebst ihren staatlichen Mandataren die gewaltigen ökonomischen Anforderungen, die dieser Krieg stellen sollte, zunächst noch weitgehend verkannte.25 Daher ist es auch kaum einleuchtend, wenn gerade Alfred Schröter andererseits wiederum davon spricht, daß der Kriegsbeginn sprunghaft die Struktur des Bedarfes veränderte, und in dieser Strukturveränderung die eine, ökonomische, Ursache des Kriegsstoßes erblickt.26 Der Kriegsausbruch und die mit ihm verbundenen schweren Störungen des Wirtschaftslebens waren vielmehr ihrerseits Ursache für eine kurzfristige radikale Bedarfseinschränkung.

Die Veränderung der Bedarfsstruktur entsprechend den Erfordernissen des Krieges erfolgte hingegen erst, was noch zu zeigen sein wird, in dessen weiterem Verlauf. Ein realer, für die Maschinenbauindustrie relevanter Kriegsbedarf, für unsere weitere Unter­suchung unterscheiden wir ihn zweckmäßigerweise noch in direkten und indirekten, d.h. in Bedarf einmal an Waffen, Munition und anderen Ausrüstungsgegenständen von Heer, Marine und dem sich nunmehr außerordentlich schnell entwickelnden Militärflugwesen27 sowie in Be­darf an Produktionsinstrumenten zur Herstellung eben dieser Waffen, Munition und sonstigen militärischen Ausrüstungsgegenständen, trat in den ersten Kriegswochen erst in sehr gerin­gem Umfange auf dem Maschinenbaumarkt auf.28 Insoweit die Maschinenbauindustrie überhaupt von Anfang an direkte Kriegsaufträge erhielt, kamen diese nur den wenigen, traditionell auf dem Rüstungsmarkt, von dem die Maschinenbauindustrie nach 1870 in nicht unerheblichem Maße durch spezialisierte Rüstungsbetriebe (Krupp, Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken u.a.) verdrängt wurde,29 vertretenen Großunternehmen wie Borsig, Schwartzkopff oder MAN zugute.30 Indirekte Kriegsaufträge bekamen zunächst nur einige wenige Werkzeugmaschinenfabriken, z.B. Loewe.31 Bestimmend für die Lage des Maschinen­baumarktes in den erste Kriegswochen war eindeutig der drastische Rückgang der Nachfrage in den eigentlichen, für die Maschinenbauindustrie relevanten Bedarfsrichtungen, also dem Bedarf der Abteilungen I und II an Produktionsinstrumenten zur Herstellung der verschieden­sten Produktions- und Konsumtionsmittel; im weiteren, der Literatur folgend, aber nicht sehr glücklich, auch als "Friedens"bedarf bezeichnet.32

Doch bereits im September 1914 begann die Nachfrage auf dem Maschinenbaumarkt wieder spürbar anzusteigen.33 Einmal erholte sich im Zuge einer weitgehenden Normalisierung des Wirtschaftslebens nach dem Ende der Mobilmachung in der zweiten Augusthälfte und den schnellen militärischen Anfangserfolgen Deutschlands die Inlandsnachfrage nach den eigentlichen Erzeugnissen des Maschinenbaus in gewissem Maße; sowohl wurden wieder mehr Neuaufträge vergeben als auch eine Reihe Auftragsannullierungen wieder rückgängig gemacht.34 Vor allem aber trat ab September, nach dem Scheitern des Schlieffenplans in der Marneschlacht Anfang desselben Monats und dem Übergang vom Bewegungs- zum Stellungskrieg ein gewaltiger Kriegsbedarf auf dem Maschinenbaumarkt in Erscheinung.

Die tatsächlichen, dem hohen Stand der gesellschaftlichen Produktivkräfte entsprechenden Dimensionen dieses Krieges, der Einsatz von Menschen, Material und Technik in bislang für unmöglich gehaltenen Größenordnungen, zeichneten sich nun, da an einem einzigen Tage der Marneschlacht mehr Munition verfeuert wurde als im ganzen Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71,35 mit dramatischer Deutlichkeit ab. Ab Mitte September 1914 behinderte eine permanente Munitionskrise wochenlang die deutsche Kriegführung.36 Die Heeresbe- schaffungsstellen verfielen in eine wahre Ankaufspanik und versuchten möglichst schnell möglichst viel zu bekommen.37 Der Geschäftsführer des VdMA konnte im Frühjahr 1918 rückblickend feststellen: "Als man sich nach dem ungeahnt großen Munitionsverbrauch in der Marneschlacht und dem sich daran anschließenden Stellungskampf im Westen, der die kühnsten Vorausberechnungen unserer Heeresverwaltung übertraf, wieder der Industrie erinnerte, deren hilfsbereite Angebote man zu Beginn des Krieges mit überlegenem Lächeln zurückgewiesen hatte, da wurde auch der Maschinenbau in das Heimatheer eingereiht."38 Diese "Einreihung" hatte sich allerdings, als die tatsächlichen Zusammenhänge von Krieg und Ökonomie mit aller Schärfe offenbar wurden, weniger pathetisch, sondern mehr geschäfts­mäßig nüchtern vollzogen.

Die sprunghafte Steigerung des Heeresbedarfs, die über die Produktionsmöglichkeiten der eigentlichen Rüstungsindustrie weit hinausging, bewirkte eine noch überproportionale Stei­gerung der Nachfrage auf dem Maschinenbaumarkt. Zum einen erhielt die Maschinen­bauindustrie nun die verschiedenartigsten direkten Kriegsaufträge. Von vor allem Munition wie Geschosse aller Kaliber, Bomben, Minen u.a., über Maschinengewehre und schwere Feuerwaffen wie Feldgeschütze, Flugabwehrgeschütze, Minenwerfer usw., über Teile dieser Waffen wie Lafetten, Geschützrohre, Deckplatten von Lafetten, über Fahrzeuge wie Lastkraft­wagen, Feldbahnlokomotiven, Lokomobile und Fahrräder, über die unterschiedlichsten Wagen wie Proviantwagen, Munitionswagen, Maschinengewehrwagen, Beobachtungswagen, Sani­tätswagen, Feldbahnwagen, Tankwagen, Nahkampfmittelwagen, Telegraphenwagen und Ge­birgskarren, über Motore für Flugzeuge, Kraftwagen und Kriegsschiffe (namentlich auch für U- Boote) bis zu Luftschiffhallen, Fliegerschuppen, Ramm- und Hindernispfählen für Draht­verhaue, Brücken, Pontons, Wellblechbaracken, Militärbettstellen, Steigbügeln, Militärfeld­schmieden, Hufeisen und schließlich und letztlich künstlichen Gliedern wurde der Maschinen­bauindustrie so ziemlich alles und meist in sehr erheblichen Mengen in Auftrag gegeben, was die Kriegsführung nunmehr erheischte.39 Nur zum geringeren Teil blieb die Maschinen­bauindustrie bei der Realisierung dieser Aufträge im Rahmen ihres eigentlichen Arbeits­gebietes, überwiegend waren Neukonstruktionen sowie eine gewisse Neueinrichtung und -organisation, eine Umstellung der Betriebe, worauf im folgenden Abschnitt noch näher eingegangen wird, erforderlich.40 Neben dem direkten Kriegsbedarf wurde, induziert durch dessen gewaltige, quantitative wie auch qualitative Entwicklung, aber auch noch ein bedeutender indirekter Kriegsbedarf auf dem Maschinenbaumarkt wirksam. Der außerordent­liche direkte Kriegsbedarf hatte sich natürlich nicht nur gegenüber der Maschinenbauindustrie geltend gemacht, sondern war als zahlungskräftige Nachfrage auch auf den Märkten anderer, für die Kriegsproduktion mehr oder weniger relevanter Zweige aufgetreten. Machte aber schon die Aufnahme der Kriegsproduktion in der technisch-technologisch und betriebsorganisa­torisch mit der eigentlichen Rüstungsindustrie eng verwandten Maschinenbauindustrie häufig Neueinrichtungen und Umstellungen notwendig, so mußte das für andere, dem neuen Pro­duktionsgebiet ferner stehende Zweige umso mehr der Fall sein. Der Zwang zur Umstellung der Produktionseinrichtungen bei der Aufnahme von Kriegsproduktionen erzeugte dabei eine umfangreiche Nachfrage nach entsprechenden Anlagen, Arbeits- und Kraftmaschinen sowie mechanischen Hilfsmitteln, von besonderen Spannköpfen zur Einrichtung der Werkzeugma­schinen für die Massenproduktion über Drehbänke, Fräsmaschinen, Stanzmaschinen und Pulverschneidemaschinen bis hin zu ganzen neuartigen chemischen Anlagen (z.B. zur Ammoniak- und Salpetergewinnung), indirekte Kriegsnachfrage, auf dem Maschinenbau- markt.41

Die Nachfrage des Auslands auf dem deutschen Maschinenbaumarkt kam dagegen in den ersten Monaten des Krieges, trotz der noch im August 1914 erfolgten spürbaren Lockerung des allgemeinen Ausfuhrverbotes für "Eisen und Stahl , roh, bearbeitet und in Erzeugnissen aller Art" sowie ausdrücklich Werkzeugmaschinen vom 31. Juli 1914,42 vor allem wohl aufgrund entsprechender Interventionen "maßgeblicher interessierter industrieller Kreise",43 zunächst kaum über den Tiefstand vom August 1914 hinaus.44 Neben den bekannten politischen Maßnahmen der kriegführenden Seiten zur Unterbindung des Handels mit dem Feinde, die durch moralische Faktoren in ihrer Wirkung zweifellos noch ergänzt wurden und der Behinderung des deutschen Handels mit den Neutralen durch die Entente hatte vor allem der international auftretende Kriegsstoß - auch die Neutralen wurden ernsthaft getroffen - zunächst erhebliche Konsequenzen für die Auslandsnachfrage auf dem deutschen Markt und dabei auf dem Maschinenbaumarkt noch im Besonderen.45

Der seit Mitte September 1914 radikale Anstieg der Gesamtnachfrage auf dem Maschinenbau­markt verlangsamte sich um die Jahreswende 1914/15 entscheidend.46 Ausgangspunkt war, daß sich der direkte Kriegsbedarf etwa Ende November/Dezember 1914 relativ stabilisiert hatte bzw. von diesem Zeitpunkt an nur noch verhalten weiterstieg, so z.B. infolge der zunehmenden Motorisierung des Kriegswesens, die allerdings wiederum speziell für die Maschinenbauindustrie entsprechend vermehrte Nachfrage bedeutete.47 Die relative Beruhi­gung in der Entwicklung des direkten Kriegsbedarfs zog indessen aber, mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung, die teils spekulativ bedingt war, teils aus bestimmten, technisch und ökonomisch notwendigen Fristen resultierte, einen gewissen Abschluß der Umstellung der deutschen Wirtschaft auf den Krieg nach sich,48 was zu einer zeitweiligen Verringerung der indirekten Kriegsnachfrage auf dem Maschinenbaumarkt führte,49 so daß es in summa zu der besagten wesentlichen Abschwächung des Nachfrageanstiegs kam.

Zum Zeitpunkt dieser Abschwächung, Ende 1914/Anfang 1915, hatte der Auftragseingang - das entscheidende Maß der Nachfrage - bei der Maschinenbauindustrie quantitativ, bei mittlerweile aber völliger Umkehrung der Proportion zwischen " Friedens " - und Kriegs- bzw. Rüstungsaufträgen, das Niveau der letzten Vorkriegszeit bereits wieder annähernd zu 100 Prozent erreicht, davon waren schätzungsweise 40 bis 50 Punkte direkte Kriegsaufträge, 30 bis 40 Punkte indirekte Kriegsaufträge und rund 20 Punkte " Friedens " aufträge des Inlands und Auslandsaufträge zusammen.50

Die rasche allgemeine Wiederbelebung der Nachfrage auf dem Maschinenbaumarkt fand allerdings in der heterogenen Maschinenbauindustrie einen im Einzelnen durchaus recht differenzierten Niederschlag.51 Wenn auch die anfängliche Praxis der Heeresverwaltung, "die Aufträge nicht an jeden leistungsfähigen Anbieter, sondern nur an wenige, der Heeresver­waltung von früher her bekannte große Lieferer zu vergeben,"52 durch die alle Vorausberech­nungen der Kriegsplaner über den Haufen werfende Eskalation des Munitionsverbrauchs seit der Marneschlacht dann fast in ihr Gegenteil verkehrt wurde, die Industrie und zunächst vor allem auch eine Vielzahl "Gelegenheitszwischenhändler übelster Sorte", wie ein Karl Helfferich, ja selbst nicht unbedingt ein Mann der feineren Sorte, schreibt, nun mit Aufträgen förmlich überschüttet wurden,53 in der Maschinenbauindustrie schon bald immerhin 1400 bis 1700 Fabriken, d.h. gut die Hälfte aller industriellen Maschinenbaubetriebe in Deutschland, mit der Bearbeitung von Geschossen für die Heeresverwaltung beschäftigt waren,54 so gab es trotzdem erhebliche Unterschiede in der Anteilnahme der Maschinenbauindustrie an der Kriegskonjunktur nach Unternehmensgröße und Kapitalkraft, nach Maschinenbauzweig und nach der Standortlage, die ungeachtet der im Folgenden noch weiteren Steigerung des Kriegs­bedarfs die gesamte Kriegszeit über nicht verschwanden. Die Unterschiede entsprechend der Unternehmensgröße und Kapitalkraft resultierte einmal aus der Größenordnung der Kriegsauf­träge, die überwiegend Massenproduktion erforderten55 und daher die Produktionsmöglich­keiten der kleineren Betriebe oftmals überstiegen.56 Ferner waren die kleineren Betriebe aufgrund ihrer geringen Kapitalkraft und ihres schlechteren Kredits häufig auch nicht in der Lage, notwendige Umstellungen, zumal in einem hinreichenden Tempo, zu realisieren.57 Auch die unter ökonomischem Gesichtspunkt zunächst wahllosen Einberufungen behinderten die Kleinbetriebe viel stärker als die größeren Unternehmen.58 Und schließlich hatten die zahl­reichen in der Regel namenlosen Kleinbetriebe des Maschinenbaus a priori auch nur sehr begrenzte Geschäftsbeziehungen, wodurch die Kontaktaufnahme mit den maßgebenden Heeresbeschaffungsstellen nicht, wie bei den größeren und eingeführten Unternehmen, eben erleichtert wurde.59 Die Unterschiede nach dem vorwiegend vertretenen Zweig des Maschinenbaus hatten ihre Ursache vor allem in den entsprechend der strukturellen Entfernung des eigentlichen Produktionsfeldes von der direkten und indirekten Kriegsproduktion differenzierten Umstellungsaufwendungen. Namentlich den die Abteilung II bedienenden Maschinenbauzweigen erschwerten daher die zumeist relativ höheren Umstellungsaufwen­dungen die Beteiligung an der Kriegskonjunktur.60 Die Unterschiede nach der territorialen Lage ergaben sich im Wesentlichen aus den differenzierten Transportbelastungen, die jetzt mit dem weitgehenden Übergang der Maschinenbauindustrie zur Produktion von Massenware und dem damit verbundenen Absinken des spezifischen Wertes der Erzeugnisse als Kostenfaktor relativ wieder erheblich an Gewicht gewannen, sowie aus den differenzierten Möglichkeiten der Kontaktnahme mit den maßgebenden militärischen Beschaffungsstellen61 und schließlich aus den restriktiven Wirkungen, die bestimmten Standorten der Maschinenindustrie aus der zeitweilig unmittelbaren Nähe der Front erwuchsen.62

Die Unterschiede in der Anteilnahme der deutschen Maschinenbauindustrie an der Kriegskon­junktur des ersten Weltkrieges und deren Gründe konnten an dieser Stelle nur skizziert werden. Die (allerdings lückenhaften) Angaben der Gewerbeaufsicht zur Entwicklung der Beschäftigung in der deutschen Maschinenbauindustrie gestatten abschließend einen rohen Überblick (Tabelle 1) über die territorial differenzierte Ausprägung der Kriegskonjunktur, in dem neben der Wirkung der Standortfaktoren auch die des strukturellen Faktors zur Geltung kommt, da die Zweigstruktur des Maschinenbaus territorial verschieden war - gerade in Sachsen waren bspw. die die Abteilung II bedienenden Maschinenbauzweige besonders stark vertreten.63

Tab. 1 Zur Entwicklung der Beschäftigung in den Betrieben der deutschen Maschinen­ bauindustrie mit mindestens 10 Arbeitern nach Standortgebieten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nur Betriebe mit mindestens 50 Arbeitern.

Nach den Stichprobenerhebungen des Statistischen Reichsamtes. Basiswert ist die Beschäftigungszahl vom März 1914. Die Indexwerte für 1915, 17 u. 18 sind Mittelwerte der vom Statistischen Reichsamt jeweils für die Monate März und September berechneten Indizes.

Quelle: Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., 1914 - 1918, Bd. 1, S. 76f., 223, 268f., 798f., 950f., 1016 u. Bd. 2, S. 2. XVIII u. Bd. 3, S. 16; Zusammensetzung und Löhne der Arbeiterschaft, sowie die Arbeitszeit während des Krieges, in: Reichs-Arbeitsblatt, hg. v. Statistischen Reichsamte. Abteilung für Arbeiterstatistik, Jg.17, Nr. 8, S. 619. Eine die Ausprägung der Kriegskonjunktur nivellierende Wirkung der immer weiteren Expansion des Kriegsbedarfs, die schließlich zur Heranziehung auch der unter schlechten Produktionsbedingungen (inklusive Transport- und Umstellungsbedingungen) arbeitenden Betriebe zu dessen Deckung führte,64 kann aus den wenigen Angaben der Tabelle 1 kaum ersehen werden. Nur zum Geringsten dürfte das der Begrenztheit des statistischen Materials geschuldet sein, sondern vielmehr der Tatsache, daß die von Anfang an stark am Kriegsgeschäft teilhabenden Betriebe auf der Grundlage der hier erzielten glänzenden Profite ihre Kapazitäten bald beträchtlich erweitern und damit ihren Vorsprung in der Ausnutzung der durch den Krieg erzeugten Konjunktur vor den später nachziehenden Konkurrenten im Wesentlichen wohl halten konnten.

Von Ende 1914 - hier hatten wir den Verfolg der Nachfrageentwicklung unterbrochen - bis Mitte 1916 war die Nachfrage auf dem deutschen Maschinenbaumarkt zunächst vergleichs­weise allmählich weiter angestiegen.65 Diese Zunahme der Nachfrage war jedoch nur z. T. auf eine entsprechende Entwicklung des Kriegsbedarfs zurückzuführen. Zwar bewirkte namentlich die Motorisierung des Kriegswesens einen weiteren merklichen Anstieg der direkten Kriegsnachfrage auf dem Maschinenbaumarkt, trotz zeitweiligen Rückgangs (Herbst 1915, Frühsommer 1916) der Nachfrage nach Waffen und Munition.66 Demgegenüber war aber die indirekte Kriegsnachfrage im Frühjahr 1915, nachdem die Produktionsumstellungen in der deutschen Wirtschaft hier zu einem gewissen Abschluß gelangt waren, zunächst zurückge- gangen.67 Wenn auch dieser Rückgang schon bald einem erneuten Wiederanstieg Platz machte,68 vor allem da der Ersatzbedarf bei den Maschinen für die direkte Kriegsproduktion infolge der hier besonders hohen Beanspruchung und Abnutzung außerordentlich groß war69 und zudem der Umstellungsprozeß in der Wirtschaft nicht völlig aufhörte, sondern in bestimm­ten Zweigen (u.a. Chemieindustrie) noch weiterging,70 blieb die indirekte Kriegsnachfrage bis Mitte 1916 dennoch unter dem Niveau von Ende 1914. Das bedeutet aber, daß die Nachfragesteigerung auf dem Maschinenbaumarkt von Ende 1914 bis Mitte 1916 in erheblichem Maße auch das Ergebnis einer entsprechenden Entwicklung des "Frie- dens"bedarfs gewesen sein mußte. Und in der Tat. Die weitere allgemeine Konsolidierung der ökonomischen Situation im Zusammenhang mit der Anfang 1915 weitgehend vollzogenen Anpassung der Wirtschaft an die Erfordernisse der militärischen Kriegsführung, der Her­ausbildung der deutschen Kriegswirtschaft,71 hatte die Nachfrage der (vordergründig) nicht für den Krieg arbeitenden Zweige auf dem Maschinenbaumarkt ebenso angeregt wie der sich auch hier nun immer stärker geltend machende Ersatzbedarf an Maschinen und wie der auch hier zunehmende Arbeitskräftemangel, der zur Ersetzung von Hand - durch Maschinenarbeit drängte.72 Neben der inneren "Friedens"nachfrage hatte sich aber auch die Nachfrage des Auslands auf dem deutschen Maschinenbaumarkt, die ihrem Charakter nach ganz überwiegend ebenfalls "Friedens"nachfrage war - zumindest war sie unter den konkreten Bedingungen der Ausfuhrreglementierung im allgemeinen nur als solche für die Maschinenbauindustrie auch tatsächlich relevant, bis Mitte 1916 in durchaus nennenswertem Maße wiederbelebt.73 Zwar blieb die Nachfrage aus den Entente-Ländern und aus Übersee, die vor dem Krieg immerhin rund 70 Prozent der gesamten Auslandsnachfrage auf dem deutschen Maschinenbaumarkt ausgemacht hatte,74 infolge der beiderseitigen Maßnahmen zur Unterbindung "des Handels mit dem Feinde" sowie des jeweils feindlichen Außenhandels überhaupt, ökonomisch weitgehend bedeutungslos,75 obwohl es der Entente erwiesenerma­ßen gelungen war, verschiedentlich kriegswichtige Maschinen auf neutralem Umweg in Deutschland zu kaufen76 - ein zweifellos bemerkenswerter Handelsweg,77 der indes in beiden Richtungen befahren wurde und der, wenn er auch in seiner ökonomischen Bedeutung nicht überbewertet werden sollte, ein immerhin höchst aufschlußreiches Pendant zum offiziell zur Schau getragenen Patriotismus der Kapitalisten war.78 Auch die Nachfrage der Verbündeten Deutschlands deren Zugang zum deutschen Maschinenbaumarkt, selbst insoweit es sich um direkte und indirekte Kriegsnachfrage handelte, vergleichsweise frei war,79 hielt sich aufgrund der geringen Kaufkraft dieser wirtschaftlich rückständigen Länder, die durch den Krieg noch weiter beschnitten wurde, in sehr engen Grenzen.80

Dafür entfaltete sich eher in den Deutschland benachbarten neutralen Staaten Dänemark, Schweden, Norwegen, Holland und Schweiz nach der Überwindung des anfänglichen Schocks des Kriegsausbruches angeregt durch die wachsenden Engpässe bei vielen wichti­gen Importwaren und gefördert durch die bald reichlichen Gewinne aus dem Handel mit den kriegführenden Mächten eine bedeutende Industrialisierungswelle, eine lebhafte Gründer- und Expansionstätigkeit, die zu starker Nachfrage namentlich auch nach deutschen Maschinen führte.81

Insgesamt war der Auftragseingang bei der deutschen Maschinenbauindustrie bis Mitte 1916, nivelliert man die z. T. nicht unbedeutenden Schwankungen von Monat zu Monat, auf min­destens 120 Prozent des Niveaus der letzten Vorkriegszeit angestiegen, davon waren etwa 60 bis 65 Punkte direkte Kriegsaufträge, etwa 25 bis 30 Punkte indirekte Kriegsaufträge, rund 25 Punkte Friedensaufträge des Inlands und etwa 5 bis 10 Punkte Auslandsaufträge.

Ab Ende Juli 1916 nahm die Nachfrage auf dem Markt der Maschinenbauindustrie dann wieder in einem außerordentlich forciertem Tempo, das dem von Herbst 1914 nahe kam, weiter zu.82 In den Wochen davor war Deutschland in eine schwere Krise geraten. Einmal hatte sich sowohl die kriegswirtschaftliche als auch die innenpolitische Situation in Deutschland seit dem Frühjahr 1916 merkbar verschlechtert.83 Vor allem aber hatte die Entfaltung der englisch­französischen Offensive an der Somme seit dem 1. Juli 1916 zu einer kritischen Lage auf militärischem Gebiet geführt, die durch gleichzeitige Niederlagen des österreichisch­ungarischen Verbündeten an der Ostfront und an der italienischen Front sowie durch den drohenden Kriegseintritt Rumäniens auf Seiten der Entente noch zusätzlich verschärft wurde.84 Die für die deutsche militärische Führung überraschende gewaltige Material­überlegenheit der Alliierten in der Sommeschlacht - auf deutscher Seite waren die Munitionsvorräte bereits innerhalb von drei Tagen fast völlig aufgebraucht - offenbarte ein­deutig das Fiasko der im blutigen Ringen um Verdun so grauenhaft symbolisierten Ermattungsstrategie Falkenhayns, die dieser als neuer Generalstabschef nach dem Scheitern des Schlieffenplans in der Marneschlacht entwickelt und durchgesetzt hatte.85 Der deutschen Obersten Heeresleitung war in den ersten beiden Monaten der Sommeschlacht die operativ­taktische Führung vollkommen entglitten; sie lebte in ihren Entscheidungen "von der Hand in den Mund".86 Der grundlegende, Verlauf und Ergebnis des Krieges bestimmende Widerspruch zwischen den weitgespannten expansionistischen Zielen und den beschränkten politischen, militärischen und ökonomischen Möglichkeiten Deutschlands war im Sommer 1916 offen zutage getreten.

Die schwere Krise, in die Deutschland geraten war, löste heftige Auseinandersetzungen innerhalb der herrschenden Klasse um die Kriegsziele, um die militärische Strategie zur Erreichung dieser Ziele und um die Art und Weise der kriegswirtschaftlichen Absicherung der militärischen Kriegführung aus,87 in deren Ergebnis sie unter der Führung der aggressivsten und reaktionärsten Kräfte die Flucht nach Vorn antrat. Eine offensivere militärische Strategie, basierend vor allem auf einer ungeheuren Steigerung der Kriegsproduktion, auf einer totalen Mobilisierung und Ausnutzung aller ökonomischen Potenzen im Interesse der Kriegführung, abgesichert durch eine verschärfte Militarisierung im Inneren, sollte Deutschland ungeachtet der nun deutlich schlechteren Gesamtkonstellation den großen Sieg noch aus dem Feuer reißen. In Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und General Erich Ludendorff fand die herrschende Klasse die idealen Sachwalter dieser neuen, noch abenteuerlicheren Variante ihrer Politik. Am 28. August 1916 wurde das Gespann Hindenburg/Ludendorff als dritte Oberste Heeresleitung (III. OHL) eingesetzt.88

Die Vernichtungsstrategie, die die neue OHL zu betreiben beabsichtigte, bedeutete in gewis­sem Sinne eine Rückkehr zu der Strategie Schlieffens. Jetzt, im Sommer 1916, waren die Bedingungen für die erfolgreiche Realisierung einer derartigen Strategie infolge der beträcht­lichen Veränderung der Kräfteverhältnisse zugunsten der Entente aber erheblich ungünstiger als noch zu Beginn des Krieges.89

Den gewachsenen Widerspruch zwischen den weitreichenden militärischen Zielen und den beschränkten militärischen Kräften hoffte die neue OHL durch eine bessere Organisation und Taktik der Kriegsführung und insbesondere durch den massiven Einsatz modernster Kriegstechnik zu überwinden.90 Gerade in diesem letzten Punkt trafen sich die Intentionen Hindenburgs und Ludendorffs mit denen der Kriegsindustrie, was alles andere als ein Zufall war. Ludendorff, der eigentliche Kopf der neuen OHL, hatte bereits seit längerem enge Beziehungen zur Schwerindustrie.91 Am 23. August 1916 hatte das schwerindustrielle Mono­polkapital, der Verein Deutscher Eisenhüttenleute, seine Auffassung der Lage und seine Vorschläge in einer Denkschrift niedergelegt, die dem Kriegsminister "und wohl auch anderen maßgebenden militärischen Persönlichkeiten", d. h. namentlich Hindenburg und Ludendorff, zugeleitet wurde.92

Am 28. August wurden Hindenburg und Ludendorff als neue OHL eingesetzt. Just am selben Tage fand der Kanzler, Theobald von Bethmann Hollweg, die Herren "bereits orientiert und fest entschlossen durchzugreifen".93 Und schon am 31. August präsentierte der Generalfeld­marschall dem Kriegsminister die Forderung der OHL nach einer gewaltigen Ausweitung der Kriegsproduktion, der eigentliche Kern des später, ab Ende Oktober 1916, popularisierten "Hindenburg-Programms".94 Hindenburg forderte u.a. nichts weniger als die Verdopplung der Pulver- und Munitionsproduktion, die Verdopplung der Produktion von Minenwerfern, die Ver­dreifachung der Produktion von Maschinengewehren, Geschützen, Flugzeugen und von Material für den Stellungsbau (namentlich Stacheldraht).95 Das Hindenburg-Programm im engeren Sinne und die umfassenden Regulierungsmaßnahmen zu seiner Verwirklichung stellten, in Gestalt der Kreierung der kapitalistischen Wirtschaftsprogrammierung, zweifellos einen entscheidenden Höhepunkt der staatsmonopolistischen Entwicklung, der Verstaatli­chung (im weiten Sinne des Wortes) der kapitalistischen Wirtschaft unter der Ägide des Monopols während des ersten Weltkrieges dar und waren damit zugleich der hervorste­chendste Ausdruck der neuen Qualität, die der Staatsmonopolismus während des ersten Weltkrieges erlangte.

Die Verschärfung der Kriegspolitik Deutschlands, namentlich die Politik "des großen Sprunges" auf kriegswirtschaftlichem Gebiet, machte sich bereits ab Ende 1916 auf dem Markt der Maschinenbauindustrie in einer starken Steigerung, zunächst der direkten Kriegs­nachfrage, geltend.96 Dieser Anstieg setzte sich, was dann ab September 1916 auf das Hindenburg-Programm zurückzuführen war, bis Ende 1916 sehr kräftig und im weiteren dann unter deutlicher und fortschreitender Abschwächung noch bis etwa Mai 1918 fort.97 Die außerordentliche Zunahme des direkten Kriegsbedarfs löste zwangsläufig, ähnlich wie im Herbst 1914, auch eine gewaltige Erhöhung des indirekten Kriegsbedarfs aus. "Die im Hindenburg-Programm vorgesehene kurzfristige enorme Steigerung der Rüstungsproduktion konnte nicht allein durch die Militarisierung der Wirtschaft ermöglicht werden. Sie setzte vor allem den Aufbau neuer Produktionskapazitäten voraus..."98 Nicht nur unmittelbare Kriegslie­ferungen, an denen die Maschinenbau-Werkstätten in großem Umfange beteiligt sind, mußten gesteigert werden, sondern die Maschinenbau-Werkstätten mußten auch riesige mittelbare Kriegslieferungen übernehmen, um die Erweiterungen und Neuanlagen zu ermöglichen, zu denen viele Industrien, insbesondere die Eisenhüttenindustrie und die chemische Industrie sich gezwungen sahen."99 Hesse verweist desweiteren noch auf den Ausbau der Kokereien, der Flugzeug- und Kraftwagenwerke, verschiedener Ersatzstoffindustrien, der Bergwerke sowie der Metallverarbeitung und der Maschinenindustrie selbst.100 Im Unterschied zum Herbst 1914 konnte im Herbst 1916 eine radikale Erhöhung der direkten Kriegsproduktion nicht in erster Linie durch entsprechende Produktionsumstellungen erzielt werden; wenngleich es auch zu einer erneuten Umstellungswelle kam,101 so waren dennoch die Umstellungs­möglichkeiten nunmehr relativ begrenzt und nicht unerhebliche Kapazitätserweiterungen unumgänglich. "Waren", so stellte der VdMA im Mai 1918 rückblickend fest, "in dem ersten Zeiträume die im Frieden vorhandenen Betriebe auf den Höchstertrag an Heereslieferungen umgestellt worden, so galt es nunmehr, durch Ausbau und Erweiterung der Betriebe die Verarbeitung aller nur beschaffbaren Rohstoffe für die Kriegswirtschaft sicherzustellen. Wieder wurde der Maschinenbau in allen seinen Zweigen bis zur Überlastung herangezogen, ..."102 Die vermeintliche und, in freilich geringerem Maße, auch tatsächliche Notwendigkeit bedeutender Kapazitätserweiterungen zur Realisierung des Hindenburg-Programms, läßt bereits, in Anbetracht der angespannten wirtschaftlichen und militärischen Lage, in der sich Deutschland seit Sommer 1916 befand, die Irrationalität der kriegswirtschaftlichen Bemühungen der dritten OHL erkennen,103 ganz abgesehen davon, daß die konkrete Dimensionierung und Strukturierung der Kapazitätserweiterungen offensichtlich noch maß­geblich von den Eigeninteressen der Kriegsindustrien, insbesondere der Schwerindustrie, bestimmt wurde.104 Das Anlaufen des Hindenburg-Programms führte dann auch folgerichtig zu einer weiteren, dramatischen Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage, die die OHL Anfang Februar 1917 zu einer erheblichen Kurskorrektur in Richtung einer drastischen Einschränkung des Kapazitätsausbaus zugunsten einer maximalen Ausnutzung der vorhandenen Kapazitäten zwang.105 Auf dem Markt der Maschinenbauindustrie bewirkte der Kurswechsel in der Kriegswirtschaftspolitik Deutschlands einen kurzzeitigen scharfen Rückgang der indirekten Kriegsnachfrage.106 Die im weiteren immer mehr zunehmende Belastung der Maschinerie der Kriegsindustrie und die gleichzeitige Verschlechterung ihrer Wartung ließen aber die entsprechende Ersatznachfrage auf dem Maschinenbaumarkt permanent ansteigen,107 so daß der Nachfragerückgang vom Februar 1917 bald kompensiert war. Etwa Mitte 1918 erreichte die indirekte Kriegsnachfrage Ihren Höhepunkt während des Krieges.108

Die inländische "Friedens"nachfrage auf dem Maschinenbaumarkt sank mit dem Anlaufen des Hindenburg-Programms, da dessen Erfüllung nicht zuletzt durch eine drastische Einschrän­kung der nicht kriegswichtigen Zweige der Wirtschaft erkauft werden sollte und mußte,109 zunächst deutlich ab.110 Bemerkenswerterweise nahm sie jedoch bereits vom Frühjahr 1917 an und bis etwa Mitte 1918, als alle ökonomischen Potenzen höchstmöglich für die Kriegs­produktion ausgenutzt werden sollten - und vorgeblich auch wurden,111 allmählich wieder zu; und zwar namentlich von Seiten der Kriegsindustrien, die, ihre riesigen Kriegsprofite anlegend, sich nun schon immer stärker auf eine "Friedens"produktion nach dem Ende des Krieges vorbereiteten.112 Die Nachfrage des Auslands, d.h. in erster Linie der neutralen Nachbarländer, nach deutschen Maschinen ging nach ihrer Erholung bis Mitte 1916 von Herbst 1916 bis Mitte 1918 im allgemeinen wieder ständig zurück.113 Vor allem die infolge der starken Inan­spruchnahme der Kapazitäten für die Kriegsproduktion, insbesondere in der Zeit von Herbst 1916 bis Frühjahr 1917, sowie des wachsenden Rohstoff- und Facharbeitermangels zunehmende Unfähigkeit der deutschen Maschinenbauindustrie dem ausländischen Bedarf zu entsprechen,114 hatte, neben der weiter gesteigerten administrativen Behinderung des deutschen Außenhandels mit den Neutralen, sowohl von alliierter als auch von deutscher Seite selbst,115 diese Entwicklung bedingt. Im weiteren kam dazu dann noch eine relative Sättigung des neutralen Bedarfs, zumal die deutschen Maschinenpreise, z.T. wegen der vergleichsweise recht hohen Rohstoffkosten - die schwerindustriellen Monopolverbände verlangten für Liefe­rungen, die mittelbar für die Ausfuhr bestimmt waren, erhöhte Preise - und infolge ihrer Regulierung,116 besonders aber wegen erheblichen Steigerung des Markkurses ab Ende 1917,117 abschreckend wirkten.118

Mitte 1918 hatte der Auftragseingang bei der deutschen Maschinenbauindustrie, die monatli­chen Schwankungen nivelliert, mit einer Größenordnung von etwa 170 bis 175 Prozent des­Niveaus der letzten Vorkriegszeit, davon ca 75 Punkte direkte Kriegsaufträge, reichlich 55 Punkte indirekte Kriegsaufträge, 40 Punkte inländische "Friedens"aufträge und keine 5 Punkte Auslandsaufträge, seinen Höhepunkt während des Krieges erreicht. Die gewaltige Aus­dehnung und völlige Umstrukturierung der Nachfrage auf dem Maschinenbaumarkt in den Jahren des Krieges war in erster Linie das Ergebnis einer entsprechenden Regulierungstätigkeit. Der Staat konzentrierte und verteilte zu einem erheblichen Teil die volkswirtschaftliche Kaufkraft im Interesse der militärischen Kriegsführung. Die direkten Kriegskosten beliefen sich auf immerhin etwa 164 Milliarden Mark,119 davon Kriegs­sachausgaben allein 115 Milliarden.120 Damit wurden wohl mindestens 50 Prozent des in den Kriegsjahren erzeugten Nationaleinkommens durch den Krieg vernichtet. Allein auf dem Markt der Maschinenbauindustrie waren rund ein Zehntel der direkten Kriegskosten, resp. reichlich ein Siebentel der Kriegssachkosten, etwa 9 bis 10 Milliarden Goldmark, als direkte Kriegsnachfrage in Erscheinung getreten. Die hauptsächlichsten Mittel des Staates zur Regulierung der Kaufkraft und Nachfrage zugunsten der Kriegführung waren die Steuern, die lang- und die kurzfristige gedeckte innere Verschuldung sowie die kurzfristige ungedeckte Verschuldung (Inflation).

Der ökonomisch fundierteste Weg der Abdeckung der Kriegskosten, die Steigerung der or­dentlichen Einnahmen des Staates, unter den konkreten Bedingungen des Krieges fast ausschließlich nur über Steuererhöhungen möglich, wurde in Deutschland in nur geringem Maße beschritten. Durch Steuermehreinnahmen wurden etwa 6 Prozent der deutschen Kriegsausgaben finanziert.121 Zunächst war der Steuerweg in den finanzpolitischen Bemühungen der herrschenden Klasse ganz ausgeklammert, man rechnete ja mit einem kurzen und siegreichen Krieg und glaubte daher auf diesen innerpolitisch zweifellos nicht ungefährlichen Weg verzichten zu können.122

Der wachsende Druck auf die Staatsfinanzen zwang dann aber ab 1916 die Steuerschraube anzuziehen, da zumindest der Schuldendienst durch ordentliche Einnahmen gedeckt werden sollte.123 Jedoch nicht einmal dieses Ziel wurde erreicht.124 Neben dem mehr formalen Grund der für das Reich ungünstigen Verteilung der Steuerkompetenzen - die Einkommenssteuer, die bspw. in Großbritannien recht erfolgreich zur Kriegsfinanzierung ausgenutzt wurde, war in Deutschland den Bundesstaaten vorbehalten - standen einer durchgreifenden staatlichen Steuerpolitik und damit offenen Abdeckung der ungeheuren Kriegskosten, vor allem der potentielle Widerstand des Volkes sowie das Bestreben der herrschenden Klasse zur Finan­zierung des in ihrem Interesse geführten Krieges selbst so wenig wie möglich beizutragen, entgegen.125

Die Kriegsfinanzierung war daher von vornherein vor allem von der Prämisse bestimmt, die Rechnung des Krieges im Nachhinein dem besiegten Gegner zu präsentieren.126 Durch Erhöhung der inneren Staatsschuld, die nach dem Kriege durch Kontributionszahlungen der Rivalen getilgt werden sollte, gedachte die herrschende Klasse in Deutschland das Gros der Kriegskosten aufzubringen. Beginnend ab September 1914 wurden in halbjährlichem Rhythmus insgesamt neun Kriegsanleihen, langfristige Schuldverschreibungen des Staates mit jeweils fünfprozentiger Verzinsung und Ausgabenkursen von knapp 100 Prozent aufgelegt, die bei einer Gesamtzeichnungssumme von 98,4 Milliarden Mark einen Erlös von 97 Milliarden Mark erbrachten und damit 59 Prozent der deutschen Kriegskosten abdeckten.127 Da die Kriegsanleihen nach dem Krieg aber durch die Inflation fast völlig entwertet wurden,128 kam die Aufbringung der Kriegskosten auf dem Anleiheweg faktisch einer (verdeckten) inneren Besteuerung gleich. Die Anleihezeichnung verteilte sich, nach für die soziale Stellung der Zeichner relevanten Zeichnungsgrößen grob untergliedert, wie folgt:

Tab. 2 Die Verteilung der Kriegsanleihezeichnung nach sozialstatusrelevanten Zeich­ nungsgrößen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Legende: A = Zeichnungen bis 500 Mark (bes. Arbeiter, Kleinbauern, untere Angestellte u. Beamte).

B = Zeichnungen von 600 bis 10.000 Mark (bes. Mittelschichten, d.h. Handwerker, Kleinhandel, Mittel- u. Großbauern, mittlere und höhere Angestellte u. Beamte, Arbeiteraristokratie, freie Berufe).

C = Zeichnungen von 10.100 bis 500.000 Mark (bes. mittleres Kapital).

D = Zeichnungen über 500.000 (bes. Großkapital)

a) = Zahl der Zeichnungen
b) = Zeichnungsbetrag in Millionen Mark
c) = Anteil am gesamten Zeichnungsbetrag in Prozent

Quelle: Nach: Calwer, Richard, Das Wirtschaftsleben. Monatsberichte des Wirtschafts­statistischen Bureaus von Richard Calwer, Berlin, 1919, H. 4, S. 5ff. Zur sozialen Untergliederung der deutschen Bevölkerung vgl. z. B. Günther, Adolf, Die Folgen des Krieges für Einkommen und Lebenshaltung der mittleren Volksschichten Deutsch­lands, in: Meerwarth, Rudolf/Günther, Adolf/ Zimmermann, Waldemar, Die Einwir­kung des Krieges auf Bevölkerungsbewegung, Einkommen und Lebenshaltung in Deutschland (= Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Weltkrieges, Veröffentli­chungen der Carnergie-Stiftung für internationalen Frieden), Stuttgart/Berlin/ Leipzig/New Haven 1932.

Die in der Literatur noch anzutreffende pauschale Deutung, daß über die Kriegsanleihen der Großteil der Kriegskosten unmittelbar auf die Volksmassen abgewälzt wurde,129 wird durch die Statistik nur bedingt bestätigt. Etwa 70 Prozent der aufgelegten Anleihen wurden durch das Kapital gezeichnet. Damit waren die Kriegsanleihen ein wirksames Instrument der Kaufkraft­umverteilung auch innerhalb des Kapitals und auch zu Lasten des Kapitals insgesamt.130

Freilich räumte der Staat den kapitalistischen Anleihezeichnern eine Reine Vergünstigungen ein, die die Entwertungsverluste für das Kapital verminderten. So konnten die Anleihestücke u.a. zur Steuerzahlung und nach Kriegsschluß auch zum Erwerb von Kriegsgütern aus Staatsbesitz verwandt werden.131 Ferner war ihre Lombardierung bei den Darlehnskassen möglich.132 In Grenzen gehalten wurden die Entwertungsverluste der kapitalistischen Zeichner nicht zuletzt auch deshalb, weil sie frühzeitig, und zwar namentlich die ganz großen Zeichner, begannen, die Kriegsanleihe wieder abzustoßen.133 Insoweit die Kriegsanleihe direkt oder indirekt (über ihre Beleihung) eine Zahlungsmittelfunktion erlangte, war sie eine originäre, wenn auch temporär wirkende Ursache der Kriegsinflation.

Steuern und Kriegsanleihen deckten zusammen 65 Prozent der deutschen Kriegskosten. Die restlichen 35 Prozent bzw. 57 Milliarden Mark kamen durch den Verkauf unverzinslicher Schatzanweisungen (Schatzwechsel), kurzfristiger Schuldverschreibungen des Staates, in die Reichskassen.134 Rund die Hälfte der Schatzwechsel konnte auf dem Geldmarkt unterge­bracht werden.135 Die kurzfristige innere Verschuldung hatte in diesem Falle im Wesentlichen die gleichen ökonomischen Wirkungen wie die langfristige Verschuldung über die Anleihen. Die andere Hälfte der Schatzwechsel mußte bei der Reichsbank diskontiert werdend.136 Die Schatzwechseldiskontierung, bis Dezember 1918 in einer Größenordnung von 27,2 Milliarden Mark,137 wurde zum Hauptspringquell der Inflation während des Krieges. Durch Veränderung der entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen waren die kurzfristigen unverzinslichen Reichsschatzanweisungen von Beginn des Krieges an in unbeschränkter Höhe als (freilich fiktive) Sekundärdeckung der umlaufenden Geldmenge zugelassen.138 Damit war der staat­lichen inflationistischen Geldschöpfung zur Finanzierung des Krieges das entscheidende Tor geöffnet. Und diese inflationistische Geldschöpfung funktionierte dann auch praktisch gleich vom ersten Kriegstag an.139 Die von Helfferich verbreitete Auffassung, daß es, solange die Kriegsausgaben durch die langfristige innere Verschuldung (formell) balanciert waren, zu einer Inflation nicht kommen könnte,140 die sich sinngemäß auch in verschiedenen neueren141 und auch älteren142 Arbeiten wiederfindet, verfälscht die tatsächlichen Verhältnisse bzw. ist eine Betrachtung aus dem Bockshorn. Der Staat war vielmehr während des gesamten Krieges, auch unter dem Schatzamtssekretär Helfferich, auf die inflationistische Geldschöpfung angewiesen und zu keiner Zeit wurde die kurzfristige Staatsschuld bei der Reichsbank durch die Anleiheeinnahmen gänzlich abgelöst. Im Verlaufe des Krieges nahm die Bedeutung der ungedeckten Staatsschuld für die Kriegsfinanzierung freilich tendenziell immer mehr zu. Die tatsächliche Entwicklung der Inflation unmittelbar unter der Ägide des Reiches verdeutlicht die folgende Abbildung:

Abb. 1 Die Bewegung des Schatzwechselbestandes bei der Reichsbank und des Reichsbanknotenumlaufs

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Legende: 1) Die Entwicklung des Schatzwechselbestandes 2) Die Entwicklung des Reichsbanknotenumlaufs

Quelle: Nach: Hesse, Friedrich, a.a.O., S. 426ff. u. 454f.

Die Kriegsinflation wurde indessen aber noch aus weiteren Quellen gespeist. Vor allem die Geldschöpfung der Darlehnskassen, die besonders den Finanzbedarf der Länder und Kommunen, in bestimmtem Maße aber auch der Wirtschaft, befriedigen sollte, spielte hier eine entscheidende Rolle, zumal die Darlehnskassenscheine zur Primärdeckung (!) des Reichsbanknotenumlaufs zugelassen waren.143 Im Dezember 1918 befanden sich schließlich 10,1 Milliarden Mark Darlehenskassenscheine im freien Verkehr und 5,5 Milliarden im Portefeuille der Reichsbank.144 Der Papiergeldumlauf insgesamt war von 1913 bis Dezember 1918 von 2.369 Milliarden Mark auf 32.937 Milliarden Mark angestiegen und hatte sich damit fast vervierzehnfacht.145 Die Inflation erwies sich in ihrem Zusammenspiel von primärer Kaufkraftbildung in den Händen des Staates und sekundärer Kaufkraftumverteilung zugunsten der Kriegsindustrien als ein vorzügliches, weil weitgehend konspiratives und zugleich effizientes, Regulierungsinstrument der herrschenden Klasse zur ökonomischen Absicherung der Kriegsführung und zur gleichzeitigen Bereicherung des im Kriegsgeschäft stehenden Großkapitals. Im Verlaufe des Krieges bedurfte die indirekte inflationistische Regulierung dann allerdings auch einer zunehmenden Ergänzung durch direkte Regulierungsmethoden (Lebensmittelrationierung, Rohstoffkontingentierung, Hilfsdienstgesetz), und zwar sowohl im Interesse einer Verschleierung ihres Wesens als auch im Interesse ihres Funktionierens.

Der Staat trachtete zunächst durch eine Höchstpreispolitik die der Geldblähe notwendig folgende Geldentwertung hintanzuhalten, um die Tatsache der Inflation vor den Volksmassen zu verbergen bzw. zu verharmlosen und zugleich seine Kaufkraft möglichst hoch zu halten.146 Die Höchstpreispolitik mußte aber zwangsläufig zu einem gewaltigen Widerspruch zwischen der Geldmengenaufblähung und der Geldentwertung führen (gestaute Inflation), der seiner­seits den inflationistischen Umverteilungsmechanismus in Gestalt der sich herausbildenden Preisscheren zugunsten der Kriegsindustrien und zulasten der nicht kriegswichtigen Zweige der Wirtschaft und vor allem zulasten der Einkommen der arbeitenden Massen zunehmend unwirksam machen mußte. Denn die Geldblähe ließ bei den künstlich niedrig gehaltenen Preisen nach und nach bei dem größten Teil der Wirtschaftssubjekte einen Kaufkraftüberhang entstehen, der sie konkurrenzfähig auch gegenüber den aus erster Hand von der Inflation begünstigten Kriegsindustrien machte.147 Eine weitere marktwirksame Kaufkraftbildung und - umverteilung war unter diesen Bedingungen nunmehr nur noch mit Hilfe entsprechender direkter, administrativer Regelmechanismen möglich.148

Die Umverteilung des Nationaleinkommens und -vermögens, die Umverteilung der volkswirt­schaftlichen Kaufkraft zugunsten des Kriegsverbrauchs und zugunsten der Akkumulation der Kriegsindustrien, realisiert vor allem mit Hilfe der Steuer-, Schulden- und Inflationspolitik des Staates, die nicht zuletzt in der gewaltigen Ausdehnung der direkten und der indirekten Kriegsnachfrage und mithin der Gesamtnachfrage auf dem Markt der Maschinenbauindustrie einen entsprechenden Niederschlag gefunden hatte, war notwendigerweise erkauft mit einer, zunächst noch zum Teil latenten, Auszehrung und Disproportionierung der volkswirtschaft­lichen Substanz; eine Entwicklung, die schließlich im faktischen Zusammenbruch der deutschen Kriegswirtschaft kulminieren mußte.149 Je länger der Krieg dauerte, desto offen­kundiger auch wurde der wirtschaftliche Zerfallsprozeß. Ab Mitte 1918 stand die deutsche Wirtschaft dann schon eindeutig im Zeichen des Niedergangs.150

Der Markt der Maschinenbauindustrie schien von dieser Entwicklung indessen kaum berührt. Mitte 1918 hatte die Nachfrage hier ihren Höhepunkt während des Krieges erreicht und im Folgenden, bis in den Oktober hinein, stagnierte sie auf diesem erreichten hohen Niveau im Wesentlichen. Bestimmend war, daß die direkte Kriegsnachfrage ihren gewaltigen Umfang im Großen und Ganzen noch weiterhin behauptete.151 Demgegenüber war die indirekte Kriegs­nachfrage seit Mitte 1918 allerdings schon stark rückläufig.152 Dieser Rückgang wurde aber durch den gleichzeitigen weiteren Anstieg der inländischen "Friedens-Nachfrage" weitgehend wieder kompensiert.153 Die Auslandsnachfrage, deren Anteil an der Gesamtnachfrage mittler­weile verschwindend gering geworden war, blieb, ungeachtet der Bemühungen der Maschi­nenbauindustrie sie jetzt wieder mehr zu beleben,154 auf ihrem niedrigen Stand stehen. Insgesamt war die Nachfrageentwicklung für die deutsche Maschinenbauindustrie also bis Oktober 1918 nicht ungünstig, allein die Veränderung in der Nachfragestruktur kündigte den bevorstehenden Zusammenbruch der deutschen Kriegswirtschaft und damit der Kriegskon­junktur des Maschinenbaues bereits an.

Insbesondere wegen der noch immer außerordentlichen Größenordnung der Nachfrage kam der konkrete Termin des Zusammenbruchs der Kriegskonjunktur, der ja entscheidend von den politischen und militärischen Ereignissen bestimmt worden war, für die Maschinenbauindustrie relativ überraschend.155 Erst die Novemberrevolution und der Waffenstillstand von Compiégne erwirkten schließlich den radikalen Sturz der Nachfrage auf dem Maschinenbaumarkt und damit das jähe Ende der Kriegskonjunktur der Maschinenbauindustrie. Ausschlaggebend war der Rückgang der direkten Kriegsnachfrage. Neuaufträge wurden nicht mehr erteilt.156 Schon erteilte Aufträge wurden in erheblichem Maße annulliert. "Die Heereslieferungen mußten sofort oder doch nach kurzer Zeit abgebrochen werden. Die erteilten Aufträge wurden vom Staat zurückgezogen."157 Siodlaczek verweist allerdings mit Recht darauf, daß zur Vermeidung einer Massenarbeitslosigkeit ein Teil der Kriegsaufträge aufrechterhalten wurde.158 Die von Baudis vertretene Anschauung, daß die Produktion von Rüstungsgütern zunächst weiter lief und "erst ganz allmählich" gedrosselt wurde,159 entspricht jedoch nicht der historischen Realität. Bei der indirekten Kriegsnachfrage das gleiche Bild wie bei der direkten: Der Auftragseingang stockte völlig, dazu umfangreiche Annullierungen.160 Auch die inländische "Friedens"nachfrage, die in den letzten Kriegsmonaten in bemerkenswerter Weise zugenommen hatte, zeigte unter dem Eindruck der konkreten politischen und ökonomischen Bedingungen der ersten Nachkriegs­wochen gewisse Rückgangserscheinungen.161 Die Auslandsnachfrage wurde durch den nun spürbar einsetzenden Markverfall162 zwar in gewissem Maße belebt, die beschränkten deutschen Liefermöglichkeiten sowie die andauernde alliierte Blockade setzten dieser Belebung jedoch von vornherein sehr enge Grenzen.163 So erfuhr die Nachfrage auf dem Markt der Maschinenbauindustrie nach dem Höhenflug während des Krieges binnen weniger Wochen eine unerhörte Schrumpfung und erreichte einen Tiefstand wie er seit September 1914 nicht mehr zu beobachten war. Die kapitalistische deutsche Wirtschaft wurde durch das relativ abrupte Fiasko der militärischen Kriegführung164 schwer erschüttert, erhielt erneut einen „Stoß“, vergleichbar dem der ersten Wochen nach Kriegsbeginn, der auf dem Maschinenbau­markt wiederum eine entsprechende konzentrierte und prononcierte Widerspiegelung fand. Bezeichnendes Synonym der jähen Wendung in der Entwicklung der Nachfrage auf dem deutschen Maschinenbaumarkt waren die zahlreichen Notstandsaufträge, die zu übernehmen die Maschinenbauindustrie sich in den letzten Wochen des Jahres 1918 gezwungen sah.165

2.2. Die Produktion der Maschinenbauindustrie

Die letzten Jahre vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges brachten ein weiteres stürmisches Anwachsen der deutschen Maschinenbauproduktion. Von 1907, einem Jahr der Hochkon­junktur und des Krisenbeginns (Oktober),1 bis 1913 stieg der Umfang der Produktion der deutschen Maschinenbauindustrie nach den von Wagenführ berechneten Indexzahlen um etwa 53 Prozent,2 wobei sich das Produktionswachstum auf die letzten vier Jahre konzent­rierte.3 In diesen Jahren betrug der jährliche Produktionszuwachs im Durchschnitt fast 12 Prozent.4 Entsprechende Ermittlungen des VdMA bestätigen im Wesentlichen die Wagenführ- schen Berechnungen. Auf Grund einer Umfrage unter seinen Mitgliedern konnte der VdMA "zuverlässige Schätzungen" der Erzeugung der Maschinenbauindustrie vornehmen,5 die für die Zeit von 1907 bis 1914 einen Produktionszuwachs von 50 Prozent ausweisen. (1914 lag die Produktion infolge des Kriegsausbruchs indes schon wieder unter dem Stand von 1913). Eine Stichprobenuntersuchung des VdMA zur Entwicklung des Versands der Maschinenbau­industrie seit 1909, die in den Vorkriegsjahren 83 Großunternehmen und reichlich ein Sechstel (!) der gesamten Maschinenbauproduktion erfaßte, weist für den Zeitraum von 1909 bis 1913 einen Produktionsanstieg von 54 Prozent dem Werte nach (laufende Preise) und 61 Prozent der Menge (Gewicht) nach aus.6 Im Jahre 1914 belief sich die Jahreserzeugung der deutschen Maschinenbauindustrie nach den Angaben des VdMA auf etwa 3 Milliarden Mark.7 Stellt man für das Jahr 1914, in Anlehnung vor allem an die Entwicklung der Beschäftigtenzahlen im Maschinenbau,8 einen Produktionsrückgang von mindestens 10 Prozent in Rechnung und berücksichtigt den durchschnittlichen Preisanstieg des Jahres 1914, verursacht durch die Preisentwicklung der ersten Kriegsmonate, von reichlich 5 Prozent,9 so ergibt sich für 1913, dem letzten vollen Friedens- und damit auch Basisjahr für die Untersuchung der Produktions­entwicklung in den nachfolgenden Jahren, ein Produktionsumfang von 3,18 Milliarden Mark resp., bei einem durchschnittlichen Tonnenpreis von 935 Mark,10 von 3,4 Millionen Tonnen in der deutschen Maschinenbauindustrie.11 Eine Größenordnung, die eine Spitzenposition inner­halb der deutschen Industrieproduktion bedeutete.12

Reichlich 550.000 Arbeiter und Angestellte, deren durchschnittliches Qualifikationsniveau deutlich höher war als das der Beschäftigten der meisten anderen Zweige,13 sicherten mit ihrer Wertarbeit dem Maschinenbau seine hervorragende Stellung in der deutschen Wirtschaft.

Indessen war das Jahr 1913 für die deutsche Maschinenbauindustrie aber bereits ein Jahr der Überproduktion. Die Gegenüberstellung von Versand und Auftragseingang verdeutlicht diese Tatsachen:

Tab. 3 Zur Entwicklung von Versand und Auftragseingang bei der deutschen Maschinenbauindustrie 1909 - 1913 (in Millionen Mark)X

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aufgrund einer Stichprobenuntersuchung des VdMA, die 83 Unternehmen und reichlich ein Sechstel der gesamten Maschinenbauproduktion erfaßte.

Quelle: Rech, Zehn Jahre Maschinenstatistik, a.a.O., S. 262 u. 267.

Wenngleich der infolge der Nichtberücksichtigung der namentlich bei Verschlechterung der allgemeinen Wirtschaftslage im Maschinenbau recht häufigen Auftragsannullierungen14 tat­sächlich deutliche Umschlag der Marktlage im Jahre 1913 von dieser Statistik nur abge­schwächt widergespiegelt wird, so ist dennoch die Tendenz zur Krise unverkennbar. Die fällige zyklische Überproduktionskrise kam jedoch in der deutschen Maschinenbauindustrie bis zum Beginn des ersten Weltkrieges noch nicht zum Ausbruch. Das lag einmal, worauf bereits im ersten Abschnitt verwiesen wurde, an dem namhaften Auftragsüberhang, der sich im Hochkonjunkturjahr 1912 gebildet hatte, und war zum anderen bedingt durch das (zumindest) bis zum ersten Weltkrieg eindeutige Vorherrschen langfristiger, nicht sofort vom Lager zu befriedigender Aufträge,15 durch das Vorherrschen der sogenannten Kundenproduktion,16 wodurch der Kriseneintritt hinausgezögert wurde.17

Es blieb den unmittelbaren Wirkungen des Kriegsausbruchs auf die kapitalistische Wirtschaft, dem sogenannten Kriegsstoß, vorbehalten, die Überproduktionskrise im Maschinenbau zur Realität werden zu lassen; wobei diese nun jedoch nicht als eine zyklische klassifiziert werden kann - obschon deren Bedingungen ja gegeben waren und sie praktisch vor der Tür stand. Die Überproduktionskrise vom Spätsommer 1914 war eine primär durch den exogenen Faktor des Kriegsausbruchs nicht nur ausgelöste, sondern auch determinierte Krise. Daher die berechtigte Bezeichnung "Kriegskrisis".18 Der einschneidende, im ersten Abschnitt beschrie­bene, Nachfragerückgang (besonders viele Auftragsannullierungen) führte nun zu der sich schon länger abzeichnenden rigorosen Produktionseinschränkung in der Maschinenbauin- dustrie,19 zumal den Maschinenbaukapitalisten eine Produktion auf Lager unter den konkreten politischen (resp. militärischen) und ökonomischen Bedingungen der ersten Kriegswochen noch weniger als sonst angezeigt schien.20 Zahlreiche völlige Stilllegungen, besonders kleinerer und mittlerer Maschinenbaubetriebe, erhebliche Verkürzungen der wöchentlichen Arbeitszeit (meist um etwa die Hälfte) sowie umfangreiche Entlassungen kennzeichneten die Situation.21 Ende August 1914 waren 21,5 Prozent der Mitglieder der vier Gewerkschaften der Metall- und Maschinenindustrie (Deutscher Metallarbeiter-Verband, Christlicher Metallarbei­ter-Verband Deutschlands, Gewerkverein Deutscher Metallarbeiter und Verband der Kupfer­schmiede Deutschlands) arbeitslos.22 Indes war der Nachfragesturz nicht die alleinige Ursache des drastischen Rückgangs der Produktion, sondern der Kriegsausbruch hatte zugleich auch eine spürbare Verschlechterung der Produktionsbedingungen, eine (absolute) Kontraktion der Produktionsmöglichkeiten hervorgerufen. So entzog die Mobilmachung der Wirtschaft binnen kurzem einen erheblichen Teil des Arbeitskräftepotentials. Nach einer repräsentativen Erhebung der Gewerkschaften wurden bis Anfang September 27,7 Prozent der männlichen Arbeitskräfte zum Kriegsdienst einberufen,23 und zwar ohne jede Rücksicht auf etwaige öko­nomische Konsequenzen.24 Die tatsächliche Bedeutung der Ökonomie für diesen Krieg war den selbstherrlichen Generalstabsstrategen, ja zunächst noch nicht aufgegangen.25 Die Maschinenbauindustrie wurde dann auch von den Einberufungen relativ noch stärker als die Gesamtwirtschaft betroffen, da qualifizierte Arbeitskräfte vorrangig gezogen wurden.26 Der VdMA ermittelte, daß bei Ausbruch des Krieges rd. 32,5 Prozent der Arbeiter und 30,83 Prozent der Beamten eingezogen worden sind, bei Facharbeitern allein lag der Anteil bei 37,4 Prozent und bei Bürobeamten allein bei 37,5 Prozent.27 Einzelne Angaben aus wichtigen Großunternehmen des Maschinenbaus bestätigen diese Angaben. Bei der Hanomag wurden 28 Prozent der Werksangehörigen einberufen,28 bei der MAN fast ein Drittel29 und bei Schwartzkopff 36 Prozent30. Die Einberufungen wirkten sich ungeachtet der hohen Arbeits­losigkeit und der hohen Zahl Arbeitsuchender auch in den Maschinenbauberufen31 negativ auf die Produktionsmöglichkeiten der Maschinenbauindustrie aus. Abgesehen von den notwen­digen Einarbeitungszeiten neuer Arbeitskräfte trat bereits partiell Facharbeitermangel (Dreher, Kessel- und Hammerschmiede) auf32 und zum anderen hatte namentlich bei den Kleinbe­trieben die Einberufung wichtiger Fachkräfte bzw. auch des Unternehmers infolge der geringen Ausgleichs- resp. Vertretungsmöglichkeiten nicht selten die Betriebsschließung zur Folge.33 Die im Zuge der Mobilmachung fast völlige, etwa dreiwöchige Einstellung des öffentlichen Güterverkehrs per Schiene, der eine wesentliche allgemeine Bedingung des gesellschaftlichen Produktionsprozesses war,34 unterbrach darüber hinaus sowohl die Roh- und Hilfsstoffzufuhr für die Maschinenindustrie als auch deren Versand.35 Die Unterbrechung der Roh- und Hilfsstoffzufuhr wurde in ihrer Wirkung auf die Produktion allerdings durch eine entsprechende, in der Maschinenbauindustrie übliche, auf mehrere Wochen resp. Monate berechnete Bevorratung zunächst noch aufgefangen.36 Demgegenüber potenzierte jedoch die Unterbindung des Versands noch die ohnehin infolge des außerordentlichen Nachfragerück­gangs beträchtlichen Realisationsschwierigkeiten. In summa ergänzte und verschärfte die Verschlechterung der Produktionsbedingungen in den ersten Kriegswochen noch die restrik­tive Wirkung der Verschlechterung der Realisationsbedingungen auf die Produktion der Maschinenbauindustrie; die Kontraktion des Marktes war allerdings die entscheidende Determinante des Produktionsrückgangs, weshalb die Kriegsausbruchskrise ja auch im Wesentlichen als Überproduktionskrise in Erscheinung trat.

Der Versand der Maschinenbauindustrie sank unter den Einwirkungen des Kriegsausbruchs insgesamt im ersten Kriegsmonat fast bis auf ein Viertel (!) des monatlichen Durchschnitts der letzten Vorkriegszeit (1913/14) ab.37 Kaum höher dürfte die Produktion gelegen haben. Die Beschäftigtenzahl war gegenüber den letzten Vorkriegsmonaten, als die Arbeitsplatzkapazität der Maschinenindustrie annähernd vollständig ausgenutzt wurde,38 um über 50 Prozent gesunken. Die noch beschäftigten Arbeitskräfte mußten kurzarbeiten. Daher kann für den ersten Kriegsmonat ein Produktionsniveau von nur etwa einem Drittel des in den Vormonaten üblichen als wahrscheinlich angesehen werden.

Als nach Beendigung des Aufmarsches zwischen dem 16. und 19. August (die entsprechen­den Angaben in der Literatur gehen hier auseinander)39 der öffentliche Güterverkehr wieder in Gang kam,40 hatte das für die Maschinenbauproduktion, da sich die Nachfrage zunächst nur unwesentlich wiederbelebte, nur geringe Bedeutung.41 Erst die förmliche Explosion der Nachfrage auf dem Maschinenbaumarkt etwa ab Mitte September infolge des seit der Marneschlacht ungeheuer anschwellenden Kriegsbedarfs erwirkte einen schnellen Wiederan­stieg der Produktion: Neben der erheblich reduzierten (angestammten) Erzeugung von Pro­duktionsinstrumenten für die Konsumtions- und Produktionsmittelindustrien (im Folgenden als "Friedens"produktion bezeichnet) nahm die deutsche Maschinenbauindustrie nunmehr in großem Umfange die Produktion von direkten und indirekten Kriegsgütern, d. h. einmal von Waffen, Munition und anderen Ausrüstungsgegenständen für Heer, Marine und Luftwaffe sowie zum anderen von Produktionsinstrumenten zur Herstellung eben dieser direkten Kriegsgüter auf.42 Bei der indirekten Kriegsproduktion blieb der Maschinenbau im allgemeinen innerhalb seines üblichen Produktionsfeldes; allerdings waren hier dennoch vielfach Neu­konstruktionen notwendig und auch die Losgröße der Produktion stieg zum Teil nicht uner­heblich an.43 Die direkte Kriegsproduktion fiel nur zum geringeren Teil in den Rahmen der eigentlichen Maschinenbauarbeit, überwiegend erforderte ihre Aufnahme eine Umstellung bzw. Neueinrichtung der Maschinenfabriken: die Maschinenbauindustrie mußte sich sowohl auf die neuen Erzeugnisarten als auch auf die völlig neuen Größenordnungen der Produktion einstellen.44 Die Umstellungsaufwendungen der Maschinenbauindustrie waren jedoch ver­gleichsweise gering.45 Namentlich die in technischer Hinsicht enge Verwandtschaft der meisten direkten Kriegsgüter mit den eigentlichen Maschinenbauerzeugnissen, zudem die Möglichkeit aufgrund der besonderen Marktlage während des Krieges46 das konkrete Sortiment der Kriegsproduktion auch unter Berücksichtigung der gegebenen Produktionsbe­dingungen zu gestalten47 sowie ferner die an sich außerordentliche Universalität und damit Anpassungsfähigkeit des deutschen Maschinenbaues48 und schließlich auch seine Traditio­nen in der Kriegsmaterialproduktion49 erleichterten die Übernahme der direkten Kriegsproduk­tion. Die größten Umstellungsschwierigkeiten erwuchsen der Maschinenbauindustrie offen­sichtlich noch aus der Notwendigkeit der Massenerzeugung eines Großteils der direkten Kriegsgüter, insbesondere der Munition.50 "Bei der Munitionsherstellung und ganz besonders bei der Infanteriemunition handelt es sich um eine ganz außergewöhnlich große Massenpräzisionsfabrikation, die nicht mehr mit Hunderttausenden, sondern mit vielen Millionen von Einzelfabrikaten rechnet."51 Wenngleich vor dem ersten Weltkrieg auch in der deutschen Maschinenbauindustrie eine Tendenz zur Massenproduktion zu beobachten war, so war der diesbezügliche Stand zu Beginn des Krieges, gemessenen an den nun erforderlichen Dimensionen der Produktion einer Reihe direkter Kriegsgüter, aber geradezu zwerghaft, woraus zwangsläufig Anpassungsprobleme resultieren mußten.52

Der Übergang zur Massenproduktion der verschiedensten Kriegsgüter nötigte die Maschinen­fabriken im Allgemeinen zu einer speziellen Herrichtung der Werkzeugmaschinen,53 forderte deren Spezialisierung auf bestimmte Arbeitsgänge und damit eine Vertiefung der inner­betrieblichen Arbeitsteilung.54 Letzteres mußte aber auf die Schranken des in der Maschi­nenbauindustrie (noch) dominierenden klassischen Fabriksystems stoßen. Namentlich die Starrheit der mechanischen Transmission, die die Organisation der Fabrik und die ange­wandten Technologien entscheidend determinierte,55 stand den Erfordernissen der Gestaltung einer rationellen Massenproduktion entgegen.

Die aus der Kriegsproduktion zumindest partiell erwachsende Potenzierung der allgemeinen Tendenz zur Massenproduktion hat zweifellos die Krise des klassischen Fabriksystems spürbar verschärft 56 und damit zugleich auch den Zwang zu dessen Überwindung. Das gestattet den logischen Schluß, daß die Umstellung der Maschinenfabriken auf die Kriegsproduktion auch von einem gewissen „Elektrifizierungssprung“, von einer namhaften Verdrängung der mechanischen durch die elektrische Transmission begleitet war. Ein solcher sprunghafter Fortschritt im Prozeß der Ablösung des klassischen Fabriksystems im Zusammenhang mit der Aufnahme der Kriegsproduktion blieb in der historischen Realität jedoch aus.

In der ersten Kriegszeit war das Gros der Kapitalisten noch in dem Glauben an einen kurzen Krieg und damit auch an eine nur relativ kurze Kriegskonjunktur befangen.57 Diese Anschauung wirkte zweifellos auf eine Minimierung der Umstellungsinvestitionen hin und stand damit einer Forcierung der ja außerordentlich kapitalaufwendigen Umrüstung58 der Fabriken auf den elektrischen Betrieb, die natürlich auch im Einzelfall zumeist Prozeß­charakter trug,59 entgegen. Auf der anderen Seite wurde die weitere Elektrifizierung der Fabri­ken, auch schon bald und zunehmend durch die Engpässe der deutschen Kriegswirtschaft, angefangen beim Buntmetall- (besonders Kupfer-)mangel über den Arbeitskräfte- bis zum Kohlemangel, objektiv behindert.60 Henniger geht in seinem "Ausblick auf den Elektrifi­zierungsprozeß während das ersten Weltkrieges" zunächst, auf eine nähere sachliche und/oder quellenmäßige Belegung allerdings verzichtend, davon aus, "daß sich die Um­stellung auf die Kriegswirtschaft während des ersten Kriegsjahres negativ bei der Anzahl der (Elektro - U. M.) Motorenanschlüsse auswirkte,"61 um dann auf Grund von Angaben über die Zahl und Leistung der an das Netz der Berliner Elektrizitätswerke bzw. der Städtischen Elektrizitätswerke Berlin62 angeschlossenen Elektromotore für das zweite Kriegsjahr aber einen drastischen Anstieg der Zahl der installierten Elektromotore und (noch überproportional) der installierten Gesamtleistung festzustellen.63 Henniger erklärt die "sprunghafte" Zunahme im zweiten Kriegsjahr mit dem Übergang zur staatsmonopolistischen Kriegswirtschaft!?64 Während das Hindenburg-Programm im dritten Kriegsjahr dann jedoch kaum Bedeutung für den Elektrifizierungsprozeß hatte.65

Die Feststellungen Hennigers sind indes nicht recht überzeugend. Einmal begann der Über­gang zur Kriegswirtschaft schon im August 1914 und die Umstellung der Wirtschaft auf die Kriegsproduktion war auch bereits Anfang 1915 weitgehend vollzogen. Der Kriegsbedarf hatte sich zugleich in etwa stabilisiert. Selbst wenn man den Drang nach Rückverwandlung der Kriegsprofite, die allerdings im dritten Kriegsjahr noch ungleich höher waren, in industrielIes Kapital sowie die nunmehr geänderten Vorstellungen der Kapitalisten von der möglichen Dauer des Krieges in Rechnung stellt, scheint eine besondere Forcierung der Umrüstung der Produktionskapazitäten auf den elektrischen Betrieb im zweiten Kriegsjahr in Anbetracht der konkreten Absatz- und besonders Beschaffungsmarktlage kaum vorstellbar; in der übrigen ausgewerteten Literatur finden sich dann auch keine Hinweise auf eine solche Entwicklung.66 Der "Elektrifizierungssprung" im zweiten Kriegsjahr ist wohl in erster Linie ein statistisches Phänomen. Mit dem Jahr 1915/16, als die Berliner Stromlieferungsanlagen der BEW in städtisches Eigentum übergegangen waren, wechselt die Quelle der statistischen Angaben Hennigers.67

Offenbar wechselt damit auch die Basis der entsprechenden statistischen Erhebungen. So ist einmal die Eingliederung der schon vor dem städtischen Elektrizitätswerke68 in das neuge- bildete Unternehmen denkbar, während andererseits nicht klar ist, ob und inwieweit die Vorortanlagen der BEW von der Stadt Berlin mit übernommen wurden69 und wie selbige jeweils von der Statistik berücksichtigt wurden.

Generell wird man, abweichend von Henniger,70 davon ausgehen müssen, daß sich das Tempo der Elektrifizierung in der Industrie während des ersten Weltkrieges im Vergleich zur letzten Vorkriegszeit (zunehmend) verringert hat.71 In der Maschinenbauindustrie speziell verlief der Prozeß der weiteren Ablösung des klassischen Fabriksystems während der Weltkriegsjahre allerdings abweichend vom allgemeinen Durchschnitt. So waren die entsprechenden aus der Veränderung der Marktlage erwachsenden Triebkräfte zumindest zum Teil in der Maschinenbauindustrie stärker wirksam (nämlich vor allen insoweit direkter Kriegsbedarf zu befriedigen und dazu Massenproduktion erheischt war) und zugleich waren die kriegswirtschaftlichen Engpässe und damit die die Elektrifizierung hemmenden Faktoren in der Maschinenbauindustrie weniger als in anderen Zweigen fühlbar, da die Maschinenbau­industrie als ausgesprochene Kriegsindustrie vor allem in der Rohstoffversorgung Sonder­bedingungen hatte. Es dürften sich bei der Maschinenbauindustrie die extraordinären kriegs­wirtschaftsspezifischen Stimuli und Hemmnisse der Elektrifizierung im ganzen weitgehend paralysiert haben, so daß die Elektrifizierung hier mindestens in etwa in dem Tempo der Vorkriegszeit weiterging und der ohnehin vorhandene Vorsprung72 gegenüber den meisten anderen Zweigen sich während des Weltkrieges noch vergrößerte. Die Annahme eines besonderen "Elektrifizierungssprungs" ist aber selbst für die Maschinenbauindustrie wenig zwingend.73

Die Welle der Umstellungen auf die Kriegsproduktion war in der Maschinenbauindustrie ebenso wie der anfänglich schnelle (Wieder-)Anstieg ihrer Produktion indes schon Ende 1914 im Ergebnis der relativen Stabilisierung zuerst der direkten, dann der indirekten Kriegsnach­frage merkbar abgeebbt, ohne nun jedoch völlig aufzuhören.74 Der weitgehende Abschluß der Produktionsumstellungen Ende 1914 zeigte an, daß sich die deutsche Maschinenbauindustrie auf die durch den Krieg, durch die materiellen Erfordernisse der Kriegführung erheischte Veränderung (Umstrukturierung) des volkswirtschaftlichen Bedarfs, die gegenüber der Wirt­schaft zunächst vor allem vermittels der, im ersten Abschnitt ausführlich beschriebenen Kaufkraft- und Nachfrageumverteilung geltend gemacht wurde, im Wesentlichen eingestellt hatte. Die Umstellung der Maschinenbauindustrie wie der Wirtschaft überhaupt75 auf die Bedürfnisse der Kriegführung in den ersten Kriegsmonaten erfolgte überwiegend spontan spekulativ in Reaktion auf die Modifizierung des Marktes. Auch in Anbetracht der Tatsache, daß diese Modifizierung des Marktes weitgehend durch die staatliche Nachfrage, die - indes auch wieder in Abhängigkeit von den konkreten Marktverhältnissen - die höchsten Preise zahlte,76 determiniert war,77 stellt sich der Umstellungsprozeß der ersten Kriegsmonate daher als ein wesentliches spontanes Element der Konstituierung der Kriegswirtschaft dar. Ein Aspekt, der bei der Charakterisierung der Kriegswirtschaft in unserer entsprechenden Literatur nur unzureichend gewürdigt wird.

Die Produktion der deutschen Maschinenbauindustrie lag Ende 1914, als ihre Umstellung auf den veränderten Bedarf im allgemeinen vollzogen war, bereits schon wieder bei etwa 90 Prozent des Standes der letzten Vorkriegszeit, davon waren ca. 40 Punkte direkte Kriegs­produktion, über 30 Punkte indirekte Kriegs-Produktion und etwa 15 bis 20 Punkte "Frie- dens"produktion.78 Wenngleich die Produktion damit zunächst sogar noch schneller als die Beschäftigung angestiegen war, so hatte sie ungeachtet dessen aber nicht mit der Steigerung der Nachfrage Schritt halten können. Die Überproduktion der ersten Kriegszeit war in Unterproduktion ungeschlagen; die "Kriegskrisis" in eine Kriegskonjunktur. Die (relative) Unterproduktion der Maschinenbauindustrie, das Zurückbleiben ihrer Produktion hinter der entsprechenden Nachfrage auf dem Markt, dieser Widerspruch zwischen Produktion und Markt, der in der Kriegskonjunktur sein äußeres Erscheinungsbild fand, bestimmte die wirtschaftliche Lage der Maschinenbauindustrie, ihren Reproduktionsprozeß, nunmehr für die gesamte folgende Kriegszeit. Unterproduktion resp. Konjunktur der Maschinenbauindustrie waren während des Krieges zweifach spezifisch determiniert. Einmal wurde der Markt der Maschinenbauindustrie durch die staatsmonopolistische Kaufkraft- und Nachfragebildung und -umverteilung im Zusammenhang namentlich mit der Kriegsfinanzierung extraordinär erweitert und zum anderen erwuchsen der Produktionskraft der Maschinenbauindustrie aus den ökonomischen Sonderbedingungen, die der Krieg vor allem durch die ungeheure permanente Vernichtung von Nationaleinkommen und -vermögen sowie auch durch die zumindest partielle Abschnürung Deutschlands vom Weltmarkt hervorrief, tendenziell extraordinäre, alle Ele­mente resp. Bedingungen des Produktionsprozesses tangierende Restriktionen, die durch die parallel mit der Umverteilung der volkswirtschaftlichen Kaufkraft und Nachfrage auch erfol­gende Umstrukturierung der volkswirtschaftlichen Produktivkräfte nur teilweise kompensiert wurden. Im Einzelnen gestalteten sich die sachlichen und personellen Produktionsbe­dingungen der deutschen Maschinenbauindustrie während des ersten Weltkrieges wie folgt:

Die Kriegskonjunktur in der Maschinenbauindustrie stimulierte und ermöglichte über die Steigerung der Profite eine erhebliche extensive und intensive Erweiterung der Produktionskapazität der Maschinenbauindustrie. Die zur Verfügung stehenden Jubiläums­festschriften zahlreicher, meist namhafter Maschinenbauunternehmen sowie die zeitgenös­sische Wirtschaftsliteratur geben Zeugnis von dieser außergewöhnlichen Erweiterungsbe­wegung der Kriegszeit.79 Die deutsche Maschinenbauindustrie vergrößerte, grob geschätzt in Orientierung an die Entwicklung der Beschäftigtenzahl80 und unter Berücksichtigung des im Kriege höheren Schichtkoeffizienten wie auch der - weiter unten noch zu besprechenden - partiellen Nichtauslastung der vorhandenen Arbeitsplatzkapazität, ihren Produktionsapparat während des ersten Weltkrieges um etwa 40 Prozent! Zugleich erfolgte, hauptsächlich auf dem Wege der Erneuerung, eine durchgreifende Modernisierung des Produktionsapparates. Wenngleich in den Kriegsjahren infolge der starken Belastung der Maschinerie (Mehrschichtarbeit; überhöhte Arbeitsgeschwindigkeiten; teilweise nicht zweckentsprechen­der Gebrauch; ungeschulte Arbeitskräfte) bei gleichzeitig ungenügender Wartung (Fachar­beitermangel; quantitativer und qualitativer Schmiermittelmangel) der physische Verschleiß naturgemäß außerordentlich hoch war,81 so überkompensierte dennoch das Maß der Erneuerung das des Verschleißes wahrscheinlich nicht unwesentlich. Die Verdreifachung (!) der ja schon vor dem Kriege respektablen deutschen Werkzeugmaschinenproduktion während des Krieges82 ist ein gewichtiges Indiz der gewaltigen extensiven Erweiterung des Produktionsapparates gerade der Maschinenbauindustrie.

Die extentive und intensive Erweiterung der Produktionskapazität der deutschen Maschinen­bauindustrie begann bereits im Zuge der Umstellungswelle der ersten Kriegsmonate,83 um dann unter dem Einfluß des Hindenburg-Programms im Herbst 1916/Winter 1917 ihren Höhe­punkt zu erreichen.84

Den weitgesteckten, im ersten Abschnitt näher bezifferten, Forderungen der dritten OHL nach einer Maximalisierung der Kriegsproduktion konnte namentlich die Maschinenbauindustrie nicht allein durch weitere Erhöhung des Grades ihrer Umstellung auf Kriegsproduktion85 gerecht werden, umfangreiche Erweiterungen, besonders auch der Kapazitäten für indirekte Kriegsproduktion, waren nunmehr unumgänglich.86 Und die Industrie ging, wie Oberst Max Bauer, einer der geistigen Väter des Hindenburg-Programms,87 rückblickend schrieb, "mit Feuereifer" an die Arbeit.88

Zuvor jedoch waren die militärischen Beschaffungsstellen, die Mitte 1916 in ihrer Preispolitik gegenüber der Kriegsindustrie eine "unangenehme Pedanterie" an den Tag gelegt hatten,89 wieder zur "Produktionspolitik" zurückgekehrt: schärfster Preisanreiz sollte die Industrie zur höchsten Leistung treiben;90 Geld spielte (nunmehr erneut) keine Rolle mehr.91 Über den Nexus hohe Nachfrage - hoher Preis - hoher Profit wurde das zeitweilig gestörte Verhältnis von kapitalistischem Gesamtinteresse am militärischen Sieg und kapitalistischem Einzel­interesse am Höchstprofit zumindest für die Kriegsindustrie wieder weitgehend ins rechte Lot gebracht und deren Ausbaueifer entsprechend angeregt. Die Maschinenbauindustrie konnte unter diesen Bedingungen die gewaltige Ausdehnung und Modernisierung des Produk­tionsapparates ganz überwiegend selbst finanzieren, so daß die Beanspruchung des Geld­kapitalmarktes, zu normalen Zeiten ein wichtiger Indikator der Investitionstätigkeit, seitens der Maschinenbauindustrie sich in vergleichsweise engen Grenzen hielt.92 Allerdings war es mit hohen monetären Profiten unter den konkreten ökonomischen Bedingungen während des Krieges allein zumeist nicht getan. Die industrielle Anlage der realisierten außerordentlichen Kriegsprofite erheischte notwendig sowohl eine vermehrte Zuweisung von Roh- und Hilfs­stoffen durch die entsprechenden kriegswirtschaftlichen Stellen als auch zusätzliche Arbeits­kräfte, vor allem Facharbeiter.93

Der Roh- und Hilfsstoffmarkt wie auch der Arbeitskräftemarkt waren aber bereits stark angespannt. Wenngleich durch eine verschärfte administrative kriegswirtschaftliche Regu­lierung mit dem Ziel der totalen Mobilisierung aller ökonomischer Potenzen für die Erhöhung der Kriegsproduktion die entsprechenden materiellen und personellen Reserven erschlossen werden sollten, und in einem bestimmten Maße auch tatsächlich Reserven erschlossen wurden, so überforderten dennoch das Hindenburg-Programm und die von ihm initiierte Expansionswelle in der Kriegsindustrie die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und beschleunigten letztlich deren Deformierung und Zerrüttung.94 "Schon Anfang Februar 1917 sah sich (daher - U. M.) die Oberste Heeresleitung genötigt, gegenüber der Industrie den Wunsch auszusprechen, es möchte der Weiterbau aller derjenigen Fabriken, die nicht schon innerhalb der nächsten drei bis vier Monate fertig würden, zunächst (sic!) einmal zurückgestellt werden."95 Da die militärische Führung namentlich über die Roh- und Hilfsstoffzuteilung ihrem Wunsche auch eine entsprechende materielle Gewalt verleihen konnte, wurde die Re­investition der Kriegsprofite in den Produktionsapparat in der Folgezeit zunehmend administrativ b e hindert, ohne allerdings v e r hindert zu werden. Die Maschinenbauindustrie als privilegierte Kriegsindustrie fand in überhöhten Bedarfsanmeldungen, über eine weite Auslegung des Begriffs Kriegsproduktion sowie über graue und schwarze Marktbeziehungen (die zunehmend auch naturalwirtschaftlichen Charakter (Kompensationsgeschäfte) trugen) durchaus eine Reihe von Möglichkeiten, die restriktiven kriegswirtschaftlichen Regulierungen zu unterlaufen.96 Otto Goebel, Insider und Apoleget der deutschen Rohstoffbewirtschaftung des ersten Weltkrieges,97 sah sich unter dem Eindruck der tatsächlichen Umgehung der Regulierungsmaßnahmen immerhin genötigt, einen Kapitalisten zu zitieren, der ihm gegen­über mit Stolz verkündete: "Wir fahren vierspännig durch die Maschen Ihrer Bestimmungen."98 Jedoch konnte selbst die Maschinenbauindustrie, weder ein- noch vierspännig, die immer enger werdenden, objektiv determinierten Grenzen der deutschen Kriegswirtschaft über­winden. Zwangsläufig verminderte sich daher ab Frühjahr 1917 infolge wachsenden Arbeitskräfte-, Roh- und Hilfsstoffmangels sowie zunehmender Verkehrsschwierigkeiten das Tempo der Kapazitätserweiterung in der Maschinenbauindustrie wieder.99

Für das Gros der Neuanlagen bzw. Ausdehnungen sowie der Modernisierungen in der Maschinenbauindustrie war charakteristisch, daß sie, wenngleich ihre Ausnutzung für die Kriegsproduktion meist explizite vorgesehen war, entscheidend auch von den Erfordernissen der künftigen "Friedens"produktion der Nachkriegszeit determiniert waren.100 Nur zu einem geringen Teil diente der Kapazitätsausbau ausschließlich dem Kriegsbedarf.101

Umfang und konkrete Richtungen der Entwicklung der deutschen Maschinenbaukapazität während des ersten Weltkrieges wurden primär vom kapitalistischen Einzelinteresse an einer (langfristig) maximalen Kapitalverwertung und nur sekundär vom kapitalistischen Gesamtin­teresse am militärischen Sieg und einer entsprechenden optimalen ökonomischen Absi­cherung der Kriegführung bestimmt. Daraus resultierte, daß der extensive und intensive Kapa­zitätenausbau in der Maschinenbauindustrie in seinem Umfang über die realen Bedürfnisse der deutschen Kriegswirtschaft hinaus und in seiner konkreten Strukturierung an diesen Bedürfnissen teilweise vorbei ging, was schließlich in der (zunehmenden) Nichtauslastung von Produktionskapazitäten der Maschinenbauindustrie namentlich infolge Arbeitskräfte-, Roh- und Hilfsstoffmangels aber auch (sic!) mangels entsprechender Nachfrage102 seine Widerspiegelung wie auch, in gewissem Maße, Konsequenz fand. Exemplarisch werden hier die Grenzen deutlich, die das privatkapitalistische Eigentum an den Produktionsmitteln und die darauf fußenden ökonomischen Bewegungsgesetze der staatlichen Wirtschaftsregu­lierung setzen, unabhängig davon, daß diese zu Nutz und Frommen der Kapitalisten (insgesamt) erfolgt.

Im Gegensatz zu der Aufblähung des Produktionsapparates der Maschinenbauindustrie über das für die - innerhalb der gegebenen wirtschaftlichen Gesamtkonstellation mögliche - ökono­mische Absicherung der militärischen Kriegführung notwendige Maß hinaus, gestaltete sich die andere Seite der sachlichen Produktionsbedingungen, die Versorgung mit Roh- und Hilfsstoffen, während des Krieges immer mehr zu einem Quantität und Qualität der Maschinen­bauproduktion maßgeblich bestimmenden resp. begrenzenden Engpaß.

Die mengen- und auch wertmäßig bei weitem größte Bedeutung für die Roh- und Hilfsstoff­versorgung der Maschinenbauindustrie hatten Kohle, Eisen und Stahl; die Grundstoffe des Maschinenbaus.103 ln vergleichsweise (sowohl gemessen am Gesamtrohstoffbedarf der Maschinenbauindustrie als auch am volkswirtschaftlichen Gesamtbedarf an den entspre­chenden Roh- bzw. Hilfsstoffen) geringem Maße benötigte der Maschinenbau noch verschie­dene Nichteisenmetalle (Kupfer, Zinn, Zink, Nickel, Aluminium) und deren Legierungen (Bronze, Messing), ferner Schmier- und Treibstoffe, Leder und Baumwollgespinst für Teilrie­men und Förderbänder sowie Gummi.

Die Voraussetzungen für die Versorgung des Maschinenbaus mit den notwendigen Roh- und Hilfsstoffen unter den dann tatsächlichen eintretenden Bedingungen des Krieges erwiesen sich vor allem in Abhängigkeit vom Grad der Eigenerzeugungsmöglichkeiten bei den einzelnen Roh- und Hilfsstoffen als sehr unterschiedlich. Bei Kohle (Stein- und Braunkohle zusammen) hatte Deutschland im letzten Vorkriegsjahr immerhin einen Ausfuhrüberschuß von fast 17 Prozent der inländischen Verbrauchsmenge.104 Bei Roheisen und Rohstahl ergab sich ein Ausfuhrüberschuß von jeweils 4 Prozent des Inlandsverbrauchs.105 Jedoch mußten fast 30 Prozent des in Deutschland geschmolzenen Eisenerzes im Jahre 1913 importiert werden; nach Eisenreingehalt betrug der Importbedarf sogar rund 45 Prozent.106 Viel schwerwiegender aber noch war, daß die meisten Stahlveredler (Mangan, Nickel, Silizium, Chrom, Wolfram, Molybdän u.a.) gar nicht oder nur in sehr geringen Mengen in Deutschland selbst gewonnen werden konnten.107 Ähnlich prekär wie bei den mittelbar vom Maschinenbau benötigten Stahlveredlern waren die Versorgungsvoraussetzungen auch bei den meisten unmittelbar im Maschinenbau verarbeiteten Nichteisenmetallen, dto. auch bei Fetten, Ölen und den anderen genannten Roh- und Hilfsstoffen. Bei Kupfer bspw. hatte Deutschland im Jahre 1913 eine Importabhängigkeit von 82 Prozent,108 die allerdings durch die Reduzierung der beträchtlichen Wiederausfuhr von Fertigerzeugnissen, durch Einsparungen im inneren Verbrauch, durch Steigerung der Eigenerzeugung auf der Basis minderwertiger Erze sowie durch die Mobilisierung der erheblichen Kupferbestände, die in verarbeiteter Form in der Wirtschaft und bei der Bevölkerung existierten, nicht unwesentlich abgeschwächt werden konnte.109 Aluminium wurde vor dem ersten Weltkrieg vollständig importiert; vor allem aus der Schweiz, die das notwendige Bauxit ihrerseits aus Frankreich (!) bezog.110 Der Aufbau einer eigenen Aluminiumindustrie war aber möglich und wurde während des Krieges auch tatsächlich realisiert.111 Das wohl einzige Nichteisenmetall, das in Deutschland selbst in ausreichendem Maße erzeugt wurde, war Zink. Hier erzielte Deutschland im Jahre 1913 einen Ausfuhrüber­schuß von 23 Prozent des Inlandsverbrauchs.112 Demgegenüber ergab sich bei den für die Maschinenbauindustrie zu Schmier- und Treibzwecken unentbehrlichen Mineralölen im letzten Vorkriegsjahr wieder eine Importquote von 93 Prozent,113 die nicht durch eine Steigerung der Eigenerzeugung vermindert werden konnte.114 Hundertprozentig war die deutsche Importab­hängigkeit bei Gummi.115 Die Produktion eines künstlichen Gummisurrogats konnte während des ersten Weltkrieges noch nicht in nennenswertem Umfang realisiert werden; begünstigend für die Versorgung mit Gummi fiel aber zunächst ins Gewicht, daß sich bei Kriegsausbruch erhebliche Vorräte in Deutschland befanden.116

Die knappe Skizze der Voraussetzungen für die Versorgung des Maschinenbaus mit Roh- und Hilfsstoffen läßt eine Reihe gewichtiger, die Produktion hindernde unmittel- und mittelbare Versorgungsengpässe bereits als vorprogrammiert erscheinen. So nimmt es nicht Wunder, daß der VdMA bereits im November 1914 Mangelerscheinungen (Bezugsschwierigkeiten und zugleich beträchtliche Preissteigerungen) namentlich bei den meisten genannten Nichteisen­metallen konstatieren mußte.117 Bemerkenswerterweise traten in den ersten Kriegsmonaten aber auch bei Roheisen Versorgungsprobleme für die Maschinenbauindustrie auf.118 Im November 1914 lag die deutsche Roheisenproduktion immerhin nur bei 50 Prozent des Standes vom Juli 1914.119 Hesse nennt als Gründe besonders Facharbeiter- und Waggon- mangel, weiterhin noch Kohle- bzw. Koks- und Erzmangel.120 In bestimmtem Maße war die Roheisenverknappung der ersten Kriegsmonate aber offenbar auch das Ergebnis einer bewußten Produktionsdrosselung durch die Monopolorganisation der Roheisenerzeuger, den Roheisenverband.121 Zunächst noch war die Maschinenbauindustrie aber ausreichend bevorratet, sowohl mit Roheisen als auch mit Nichteisenmetallen und anderen notwendigen Roh- und Hilfsstoffen.122 Spätestens im Frühjahr 1915 waren die Vorräte aus der Vorkriegszeit indes im Wesentlichen erschöpft. Die Roh- und Hilfsstoffversorgung wurde nunmehr allein von den Konditionen des Krieges bestimmt. Bei Roheisen hatte der mittlerweile erfolgte leichte Wiederanstieg der Produktion123 bei weiterhin partiell gedrückter Nachfrage ("Friedens"nach- frage) eine Entspannung der Versorgungslage gebracht, mit Ausnahme einiger Qualitäts­eisen.124 Andererseits hatten sich aber die Schwierigkeiten der Versorgung mit den Nicht­eisenmetallen - der VdMA führte namentlich Kupfer, Nickel, Zinn und deren Legierungen an - weiter verschärft.125 Die zunehmende Beschneidung der deutschen Importmöglichkeiten126 durch die alliierte Blockade127 verschaffte sich hier jetzt Geltung. Zugleich kam es auch zu einer Selbstverstärkung der Versorgungsengpässe; die kapitalistische Wirtschaft reagierte auf die sich einstellenden Mangelerscheinungen nämlich mit dem Streben nach einer erhöhten Bevorratung, sowohl um Störungen des Produktionsprozesses zu vermeiden, als auch um spekulative Extraprofite zu erzielen.128

Die praktisch vom Beginn des Krieges an gespannte Versorgungslage bei den meisten, in der Regel außerordentlich kriegswichtigen Nichteisenmetallen hatte frühzeitig deren (direkte und zwangsweise) Bewirtschaftung durch den Staat im Interesse der Absicherung der militärischen Kriegführung verlangt.129 Der entsprechende Regulierungsapparat begann sich bereits in den ersten Kriegswochen herauszubilden, um im Verlaufe des Krieges dann eine immer weitere Aufblähung zu erfahren (am 13. August 1914 Gründung der innerhalb des Bewirtschaftungs­systems federführenden Kriegsrohstoffabteilung (KRA) des preußischen Kriegsministeriums; darin verantwortlich für die Metallbewirtschaftung die Sektion M mit den Untersektionen Ma für Auslandsangelegenheiten einschließlich besetzter Gebiete (Ausfuhr, Einfuhr, Freigabe bei Einfuhr, Rohstoffstellen und Vertretungen im Ausland, Lieferung an verbündete Staaten), Mb für bergbauliche Angelegenheiten und Mc für Beschlagnahmen, Bestandserhebungen, Bedarf, Sparmaßnahmen, Freigaben, Zuweisung, Preisregelung und Statistik; weitere, von der Sektion M angeleitete metallwirtschaftliche Organe waren die Metallmeldestelle, die Metall­mobilmachungsstelle, das Metallzuweisungsamt, die Metallfreigabestelle und schließlich die Kriegsmetall - AG, die erste, bereits am 2. September 1914 vom Monopolkapital gegründete und von ihm geleitete, mit staatlichen Vollmachten ausgestattete und von einem staatlichen Kommissar formal kontrollierte sogenannte Kriegsrohstoffgesellschaft, deren Aufgabe das „Aufsaugen, Aufspeichern und Verteilen“ (Rathenau; Hervorhebung von mir - U. M.)130 der von der Kriegsrohstoffabteilung beschlagnahmten Metalle, also die tatsächliche Realisierung der Versorgung der Kriegsindustrie mit den notwendigen Nichteisenmetallen war).131 Nach der Überwindung der Inkarnationsschwierigkeiten hatten sich im wesentlichen folgende Aufgabengebiete der Metallbewirtschaftung (resp. sinngemäß der Rohstoffregu­lierung überhaupt, die bei den Nichteisenmetallen begann und schließlich über 300 sogenannte Sparstoffe erfaßte)132 herauskristallisierte:

1) Die Erfassung und Beschlagnahme der im Inland vorhandenen Vorräte;
2) Die Feststellung des entsprechend den von der Kriegführung gesetzten Prioritäten notwendig zu befriedigenden Bedarfs;
3) Die langfristige Beschränkung bzw. Substituierung der notwendigen Bedarfsmengen;
4) Die Erreichung einer höchstmöglichen Zufuhr durch maximale Erhöhung der Eigenproduktion, durch Ausschöpfung aller Importmöglichkeiten, durch Ausplünderung der besetzten Gebiete und durch verstärkte Rückgewinnung und Wiederverwendung bereits verarbeiteter Mengen (sowohl der Verarbeitungsrückstände und Abfälle als auch der nicht kriegswichtigen Fertigerzeugnisse);
5) Die Entwicklung, Produktion und Einführung von Ersatzstoffen;
6) Die kontingentierte Verteilung zu niedrig gehaltenen Preisen.133

[...]

Ende der Leseprobe aus 218 Seiten

Details

Titel
Konjunktur und Krise in der deutschen Maschinenbauindustrie von 1914 bis 1923
Note
0,5
Autor
Jahr
1981
Seiten
218
Katalognummer
V931541
ISBN (eBook)
9783346243874
ISBN (Buch)
9783346243881
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konjunktur, krise, maschinenbauindustrie, Erster Weltkrieg, Inflation, Verelendung der Arbeiter
Arbeit zitieren
Uwe Malich (Autor), 1981, Konjunktur und Krise in der deutschen Maschinenbauindustrie von 1914 bis 1923, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/931541

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