Restauration und Legitimität - Über die Bedeutung, die Funktion und den konkreten Inhalt politischer Begriffe


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Begriffsgeschichte

2. Legitimität als politischer Kampfbegriff?

3. Restauration als Epochenbegriff?
3.1. Im Spiegel der Lexika
3.2. Phänomen der Geschichte?

4. Die Problematik politischer Begriffe in der Geschichtswissenschaft

Literaturverzeichnis

Einleitung

Wir benutzen im Alltag oft leichtfertig Begriffe, ohne sie weiter zu hinterfragen. Welche Bedeutung haben sie? Welche Funktion spielen sie innerhalb unserer Gesellschaft? Sind sie an bestimmte historische Ereignisse geknüpft?

Alle diese Fragen treten in der Alltagssprache in den Hintergrund, zu hoch wäre der Zeitaufwand und unmöglich die Hintergründe sämtlicher Begriffe zu kennen. Doch sobald wir uns auf wissenschaftlichem oder auch politischem Terrain bewegen, sollten wir uns über die Bedeutungen und Inhalte der verwendeten Begriffe im Klaren sein. Viel zu oft geschieht es, dass Politiker sich aufs rhetorische Glatteis manövrieren, weil sie die Bedeutung, Funktion oder Hintergründe der Begriffe nicht kennen, die sie verwenden.

Die seit 1950er Jahren arbeitende begriffsgeschichtliche Forschung beschäftigt sich eben mit den oben genannten Fragen. Sie analysiert, welche Erfahrungen und Sachverhalte sich in einem Begriff verbergen und welche Bedeutung und Funktion jenem zu unterschiedlicher Zeit zukamen und noch immer zukommen.[1]

In dieser Arbeit geht es um die beiden politisch geprägten Begriffe ‚Legitimität’ und ‚Restauration’, um ihren Inhalt, ihre Funktion und ihre Bedeutung.

Im ersten Kapitel erläutere ich kurz die Begriffsgeschichte und einige ihrer Theorien in Bezug auf ‚Begriffe’ und ‚Bedeutung’.

Im zweiten und dritten Kapitel geht es um die beiden Begriffe aus begriffsgeschichtlicher und semantischer Sicht. Wann und wie wurde der abstrakte Begriff Legitimität geprägt? Ist er doch nur ein politischer Kampfbegriff? Wann und wie entstand der Begriff Restauration? Ist er verallgemeinerbar? Letztere Frage bezieht sich auf das Buch Robert A. Kanns „Die Restauration als Phänomen in der Geschichte“, in dem der Autor den Versuch unternimmt, Restauration als historischen Grundbegriff zu formulieren.

Ich setze mich dazu auch mit Artikeln der beiden Begriffe aus Staats- und Politiklexika in dem Zeitraum von 1847 bis heute auseinander. Wie werden die Begriffe gesehen? Wie verwendet? Welche Funktion und Bedeutung haben sie? Welche Auffälligkeiten zeigen sich, insbesondere im Vergleich?

Das vierte Kapitel ist gleichzeitig das Schlusskapitel. Mit den Ergebnissen der drei vorigen Kapitel wird sich mit der Problematik abstrakter politischer Begriffe in der Geschichtswissenschaft beschäftigt. Wie lassen sich politische Begriffe historisch verwenden? Sind abstrakte Begriffe in der Geschichtswissenschaft überhaupt möglich? Die meisten Begriffe sind doch mit Ereignissen verknüpft. Lassen sich historische Ereignisse ‚schablonisieren’?

1. Begriffsgeschichte

Seit dem 18. Jahrhundert schrieb man Begriffsgeschichten, die in den Sprachwissenschaften und der historischen Lexikographie einen Platz erhielten.[2] Seit den 1950er Jahren ist die Begriffsgeschichte ein geschichts­wissenschaftliches Forschungskonzept, das Sprache als etwas sieht, ohne das keine Erfahrung oder Wissenschaft möglich sei.[3] Die Begriffsgeschichte fragt danach, „welche Erfahrungen und Sachverhalte auf ihren Begriff gebracht werden“ und „wie diese Erfahrungen oder Sachverhalte begriffen werden“.[4] Vertreter der Begriffsgeschichte, allen voran der Historiker Reinhart Koselleck, sehen Gesellschaft und Sprache als „metahistorische Vorgaben, ohne die keine Geschichte und keine Historie denkbar“ sei.[5] Denn ohne Sprache sei auch keine Erinnerung oder gar wissenschaftliche Bearbeitung dieser Erinnerung möglich.[6]

Unter der Federführung Kosellecks wurde in den 1970ern ein begriffgeschichtliches Nachschlagewerk herausgegeben, welches bisher ohne Beispiel blieb.[7] In „Geschichtliche Grundbegriffe“ geht es um die Grundbegriffe der politisch-sozialen Sprache, die sich seit der Antike bis in die Gegenwart gehalten haben.[8] Was sind Grundbegriffe?

Koselleck erläutert in seiner Einleitung zum Nachschlagewerk den (theoretischen) Unterschied zwischen Wort bzw. einfachem Begriff und Begriff bzw. Grundbegriff.[9] Hier muss man derweil aufpassen, mit den Bezeichnungen nicht ins Straucheln zu kommen, denn in der begriffsgeschichtlichen Literatur werden sie munter durcheinander gewürfelt. Auch zu beachten ist, dass die Übergänge zwischen Wort und Begriff fließend sind, eine eindeutige Abgrenzung wie Koselleck sie vorzunehmen versucht also problematisch erscheint.[10]

Ein Wort oder einfacher Begriff verweise auf den Gedanken oder die Sache, so Koselleck. Die Bedeutung hänge sowohl vom Wort als auch dem gedanklichen Inhalt, dem Kontext oder der Situation ab. Ein Grundbegriff hingegen sei mehr als nur seine bloße Wortbedeutung. Er entstünde, „wenn die Fülle eines politisch-sozialen Bedeutungszusammenhanges, in dem ein Wort gebraucht wird, insgesamt in das eine Wort eingeht.“[11] Wörter haben folglich Bedeutungsmöglichkeiten, Begriffe eine Bedeutungsfülle.[12] Grundbegriffe sind „unersetzbar und unaustauschbar“ und ohne sie kommt keine politische und keine Sprach­gemeinschaft aus. „Zugleich werden sie umstritten, weil verschiedene Sprecher ein Deutungsmonopol durchsetzen wollen.“[13]

„Bedeutungsfülle?“ Dann gibt es also mehrere Bedeutungen?

Die Bedeutung eines Wortes ist eng verknüpft mit dem zu bezeichnenden Sachverhalt oder Objekt. Nach dem ‚linguistischen Dreieck’ gibt es Wörter. Diese haben Be­deutungen, und diese Bedeutungen beziehen sich auf gewisse Realitäten oder Objekte.[14]

Wenn ein Wort mit einer bestimmten Bedeutung auf eine bestimmte Realität oder einen bestimmten Zustand gebraucht werde, dann werde dieses Wort einzigartig, so Koselleck. Der Begriff mit dieser gewissen Bedeutung sei nur auf diesen einen Zustand anwendbar und dies verändere sich nicht im Laufe der Zeit. Was sich ändere, sei die Rezeption des Begriffs. Nachfolgende Generationen geben dem Begriff unterschiedliche Bedeutungen und Anwendungen. Doch der Begriff selbst mache keine Veränderungen durch, er habe keine Geschichte, seine Rezeption allerdings schon.[15]

Begriffe haben also zu verschiedener Zeit unterschiedliche Bedeutungen. Sie haben „verschiedene Zeitschichten und deren Bedeutungen haben verschiedene Dauer“. Ein Begriff gewinnt oder verliert im Laufe der Zeit eine Vielfalt an Bedeutungen. Koselleck nennt dies eine „komplexe temporale Struktur“.[16] Zu dieser ‚temporalen Struktur’ gehört auch die Vielfalt an unterschiedlichen Anwendern bzw. Rezipienten, also Schichten, Gruppen, Parteien[17] etc., die von einem Begriff verschiedene „Bedeutungsstreifen“ aus dem Bedeutungsfeld abrufen[18].

Da ein Sachverhalt aber nicht auf ewig mit einem und demselben Begriff zusammenhängen kann, „ruft er [ Anmerk.: der Sachverhalt] eine Mehrzahl von Benennungen hervor, die seinem Wandel gerecht werden sollen“.[19] Heiner Schultz formuliert vier Möglichkeiten, wie sich das Verhältnis von Begriff und Sachverhalt wandeln kann. 1) Bedeutung und Sachverhalt bleiben über längere Zeit gleich. Dies ist ein sehr seltener Fall. 2) Die Bedeutung bleibt, der Sachverhalt bzw. die Realität ändert sich und muss neu begriffen werden. Ein Beispiel hierfür ist der Marxismus. 3) Die Realität bleibt gleich, aber die Bedeutung ändert sich. Passendere sprachliche Ausdrucksformen müssen gefunden werden. Dies ist bei dem Begriff ‚Revolution’ der Fall. Durch die Französische Revolution wurde der Begriff verklärt, obwohl es sich real immer noch um blutige Bürgerkriege handelt(e). 4) Bedeutung und Realität driften völlig auseinander. Der Begriff ‚Staat’ bedeutete noch bis ins 19. Jahrhundert ‚Stand’, z. B. der eines Fürsten. ‚Status’ als Bezeichnung für plurale Gesellschaft wurde zu ‚Staat’, der die alleinige Souveränität für sich beanspruchte.[20]

Begriff und Wirklichkeit haben folglich zwar aufeinander verweisende Geschichten, diese ändern sich aber auf unterschiedliche Weise und Geschwindigkeit.[21]

Für Karlheinz Stierle, einen Kollege Kosellecks, erweitern neue und alte Bedeutungen das Bedeutungsfeld eines Begriffs. Die Bedeutungsgeschichte bleibt im Begriff immer noch mehr oder weniger vorhanden. Der Begriff hat einen „Vergangenheitshorizont von Bedeutungen“ und einen „Gegenwarts­horizont von konkurrierenden Bedeutungsmöglichkeiten“.[22]

Mit diesem Bedeutungsfeld und seiner anhaltenden Veränderung beschäftigt sich die Begriffsgeschichte um Koselleck vor allem. Sie äußert die Vermutung, dass die Zeit von 1750 bis 1850 eine Art Umbruchszeit gewesen sei, in der ein allgemeiner „Erfahrungswandel“[23] und damit ein beschleunigter Bedeutungs­wandel der Begriffe stattgefunden habe. Überkommene Ausdrücke wurden in ihrer Bedeutung den Veränderungen der „neuen Zeit“ angepasst. Ab circa 1770 tauchen vermehrt neue Begriffe und Bedeutungen auf.[24]

[...]


[1] Koselleck, Reinhart: Begriffsgeschichte, in: Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe, Stuttgart 2002, S. 40/41.

[2] Koselleck, Reinhart: Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache, Frankfurt am Main 2006, S. 10/11.

[3] Lexikon Geschichtswissenschaft, S. 40.

[4] Ebd., S. 41.

[5] Begriffsgeschichten, S. 12; Zitat ebd.

[6] Ebd., S. 18.

[7] Daniel, Ute: Kompendium Kulturgeschichte, 4. verbesserte und ergänzte Aufl., Frankfurt am Main 2004, S. 347.

[8] Ebd.

[9] Koselleck, Reinhart: Einleitung, in: Brunner, Otto/Conze, Werner/Koselleck, Reinhart (Hg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 1, Stuttgart 1972, S. XXII.

[10] Schultz, Heiner: Begriffsgeschichte und Argumentationsgeschichte, in: Koselleck, Reinhart (Hg.): Historische Semantik und Begriffsgeschichte (Sprache und Geschichte, Bd. 1), Stuttgart 1979, S. 55.

[11] Grundbegriffe, Einleitung, S. XXII; Zitat ebd.

[12] Schultz, Historische Semantik, S. 55.

[13] Lexikon Geschichtswissenschaft, S. 41; Zitate ebd.

[14] Begriffsgeschichten, S. 87/88.

[15] Ebd., S. 88.

[16] Begriffsgeschichten, S. 91; Zitate ebd.

[17] Ebd., S. 69.

[18] Ebd., S. 70.

[19] Ebd., S. 62; Zitat ebd.

[20] Schultz, Historische Semantik, S. 65-67.

[21] Begriffsgeschichten, S. 67.

[22] Stierle, Karlheinz: Historische Semantik und die Geschichtlichkeit der Bedeutung, in: Koselleck, Reinhart (Hg.): Historische Semantik und Begriffsgeschichte (Sprache und Geschichte, Bd. 1), Stuttgart 1979, S. 166/167.

[23] Ein verändertes Verhältnis der Menschen zur Geschichte, Natur, Welt und Zeit. Koselleck sieht hierin den Beginn der Neuzeit. Daniel, S. 349 und Grundbegriffe, Einleitung, S. XV.

[24] Grundbegriffe, Einleitung, S. XV.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Restauration und Legitimität - Über die Bedeutung, die Funktion und den konkreten Inhalt politischer Begriffe
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Geschichte)
Veranstaltung
Der Wiener Kongress von 1814/15
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V93160
ISBN (eBook)
9783638064125
ISBN (Buch)
9783638951197
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Restauration, Legitimität, Bedeutung, Funktion, Inhalt, Begriffe, Wiener, Kongress
Arbeit zitieren
Christine Kruse (Autor), 2007, Restauration und Legitimität - Über die Bedeutung, die Funktion und den konkreten Inhalt politischer Begriffe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93160

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