Götterschutz oder Schutz der Götter? - Die Polis und ihre Götter im Krieg


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Heiligtümer und Kultbilder
1.1. Das Heiligtum
1.2. Das Kultbild: Die Gottheit selbst?

2. Götterschutz oder Schutz der Götter?
2.1. Die Griechen und ihre Götter
2.1.1. Schutz der Götter oder Schutz der Kultbilder?
2.1.2. Die Perser und die Zerstörung von Heiligtümern
2.1.3. Schutzsuche statt Schutz
2.2. Die Götter und ihre Griechen

Fazit: Wer beschützt wen?

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

In der archaischen und klassischen Zeit[1] herrschte in Griechenland ständig Krieg, und der Frieden dauerte nie lange an. Meist war fruchtbares Land, von dem Griechenland nur sehr wenig besitzt, die Ursache eines Konflikts. Athen etwa versuchte seiner Überbevölkerung Herr zu werden, indem es die fruchtbaren Gebiete außerhalb Attikas eroberte und dort Kolonien gründete.[2]

Welch große Rolle der Krieg in der griechischen Welt spielte, beweist auch das Vorhandensein zweier Kriegsgötter in der griechischen Mythologie: zum einen Ares, die chaotische und brutale Seite des Krieges, wenig geschätzt und nur notgedrungen beachtet; zum anderen Athena, die vernünftige Seite des Krieges, die immer auf einen möglichst guten Ausgang hinarbeitet. Eine eigene Friedensgöttin, Eiréne, haben die Griechen zwar, doch sie hat kaum Durchsetzungsvermögen und ist immer auf die Hilfe anderer Götter angewiesen.[3] Wie gingen die Griechen in der Zeit des Krieges mit dem Besitz der eigenen und der Götter des Feindes um?

Die griechische Religion war eine Alltagsreligion, die eng mit dem gesellschaftlichen Leben auf allen Ebenen verwoben war.[4] Die Kulte waren Angelegenheit der einzelnen sozialen Gruppen wie Familie, Phratrie, Phyle. Gemeinsame Riten und Gottheiten förderten und stärkten die Polisgemeinschaft. Die griechische Religion könnte man deshalb auch eine ‚soziale Religion’ nennen, denn sie sicherte den Zusammenhalt der Gruppen.[5] Mit ihren staatlich kontrollierten Kulten bildete sie somit eine Grundlage für die Identität der Polis. Die Beziehung zu den Göttern bildete somit eine ‚Garantie’ für die Existenz der Stadt.[6] Denn der Polisbürger fühlte sich nur in dem Maße zugehörig wie er auch am staatlichen Glauben teilhatte, und dieser wurde schließlich über die städtischen Heiligtümer und Kulte ausgeübt; die Familien hatten für den Alltagsgebrauch schließlich ihre eigenen Hausgötter und Kulte.[7]

In dieser Arbeit soll es um die Frage gehen, ob die Griechen im Kriegsfall ihre Götter beschützten, etwa indem sie die Heiligtümer bewachten oder evakuierten, oder ob sie eher in diesen Tempeln Zuflucht suchten, um die Götter um Beistand anzuflehen. Um dies beantworten zu können, muss zuerst geklärt werden, was die Heiligtümer und Kultbilder den Menschen und auch den Göttern bedeuteten.

Im ersten Kapitel werde ich zunächst auf das Heiligtum eingehen. Wie sah es aus? Welche Funktion und welche Bedeutung hatte es für die Religion? Danach widme ich mich den Kultbildern. Welche Bedeutung hatten die Kultbilder für den Gläubigen, die Polis und die Gottheiten im einzelnen?

Im zweiten Kapitel beschäftige ich mich mit der Hauptfrage der Arbeit. Der erste Teil des Kapitels behandelt die Frage, ob die Griechen den Besitz der Götter, ja sogar die Götter selbst zu schützen versuchten, und ob es überhaupt notwendig war, die Götter oder ihre Heiligtümer zu beschützen. Hier wird auch die Reaktion auf die Zerstörungen durch die Perser als mögliches Zeichen herangezogen, wie die Griechen im Krieg untereinander mit den Heiligtümern umgingen.

Im zweiten Teil des Kapitels geht es darum, inwieweit die Götter die Menschen im Kriegsfall beschützten und die Menschen in den Tempeln Zuflucht suchten. Inwiefern war auf die Götter Verlass? Und wenn, wie zeigten sie ihre Hilfe?

Im Fazit werde ich die Ergebnisse zusammenfassen und versuchen, die eingangs gestellte Frage: Götterschutz oder Schutz der Götter? zu beantworten.

Diese Arbeit bewegt sich hauptsächlich im Zeitrahmen der archaischen und klassischen Zeit Griechenlands, da diese Zeit die unruhigste war und die Staatsreligion der Stadtstaaten ihre Hochzeit hatten.[8]

Hauptsächlich beziehe ich mich auf Auszügen aus Herodots Historien aus dem 5. Jahrhundert vor Christus und Pausanias’ Beschreibung Griechenlands aus dem 2. Jahrhundert nach Christus, da diese am meisten Material zur Fragestellung dieser Arbeit liefern.

Es sind bereits Werke erschienen, die sich mit dem Thema dieser Arbeit oder auch mit Teilaspekten beschäftigen. In ihrer Monographie Die Gottheit und ihr Bild. Untersuchungen zur Funktion griechischer Kultbilder in Religion und Politik[9] widmet sich die Historikerin Tanja Susanne Scheer der Funktion und dem Umgang der Griechen mit ihren Kultbildern. Die vorliegende Arbeit stützt sich vor allem auf Ergebnisse aus diesem Werk.

Emily Kearns setzt sich in ihrem Aufsatz Saving the City[10] mit dem Schutz der Stadt durch ihre Götter und Heroen auseinander.

In Herbert Müllers Aufsatz Φυγής ένεχεν[11] sind Quellenauszüge zusammengestellt, in denen es um Fälle von Evakuierung geht, was für diese Arbeit hilfreich bei der Beantwortung der Frage, ob Heiligtümer evakuiert wurden.

Der Religionshistoriker und Anthropologe Jean-Pierre Vernant behandelt in seinem Werk Mythos und Religion im alten Griechenland[12] unter anderem für diese Arbeit wichtige Teilaspekte wie Heiligtum und Kultstätte.

1. Heiligtümer und Kultbilder

1.1 Das Heiligtum

Anders als bei heiligen Stätten des heutigen Christentums, entstand die Heiligkeit einer Stätte im antiken Griechenland nicht erst durch die Weihung oder die Erbauung eines Tempels bzw. einer Kirche. Im Gegenteil, die Heiligkeit einer Stätte war erst die Voraussetzung für die Entstehung eines heiligen Bezirks einschließlich eines Tempels. Manche Orte waren besonders geeignet, wie etwa Quellen, Grotten und Haine, in denen die Menschen die Anwesenheit des Göttlichen spüren konnten.[13]

Ein Heiligtum der griechischen Antike bestand zum einen aus dem Tempel, der Wohnsitz für die Gottheit war; er enthielt unter anderem die Kultbilder und Geschenke, die man der Gottheit geweiht hatte. Der Tempel diente jedoch nicht als Ort für die Kulthandlungen; für diese gab es den Außenaltar (bōmos). Das Ganze wurde vom temenos, dem heiligen Bezirk umgeben. Zum Heiligtum konnten auch Haine, Quellen, Höhlen, Berggipfel gehören, je nachdem, was man der Gottheit zusprach und weihte. Das konkrete Aussehen eines Heiligtums richtete sich immer nach der jeweiligen Gottheit und ihren Bedürfnissen bzw. Vorlieben.[14] Die wichtigste Bedeutung des Heiligtums lag in seiner Funktion als Kultstätte und Zentrum des jeweiligen Götterkultes.

Darüber hinaus bestand die Möglichkeit, im Heiligtum Zuflucht und Asyl zu suchen, da hier bestimmte Reinheitsgebote bestanden, wie dies in heiligen Stätten sehr vieler Religionen der Fall ist. Eine Verletzung dieses Rechtes auf Schutz galt als religiöser Frevel und wurde entsprechend geahndet.[15]

Das Heiligtum gehörte jedoch auch immer zu einer Stadt, die damit ihr Territorium abstecken und ihre Herrschaft darüber legitimieren wollte, und folglich bewusst an einer bestimmten Stellen einen Tempel erbauen ließ. Tempel und Heiligtümer bildeten also das Fundament für den territorialen Besitz der Polis. Mithilfe „eines Netzes städtischer, vor- und außerstädtischer Heiligtümer“ wurde das Gebiet und damit die Menschen, die in ihm lebten, einer „religiösen Ordnung“ unterworfen; es entstand eine enge kultische Verbindung zwischen den Menschen und ihrer Heimat.[16]

[...]


[1] Mit dieser Zeit werde ich mich hier hauptsächlich beschäftigen, siehe weiter unten.

[2] Vgl. Chamoux, Francois: Griechische Kulturgeschichte, München/Zürich 1966 (gekürzte Reader’s Digest Fassung: Klassisches Griechenland. Die griechische Zivilisation, Stuttgart/Wien/Zürich 2001), S. 79.

[3] Vgl. Burkert, Walter: Krieg, Sieg und die Olympischen Götter der Griechen, in: Stolz, Fritz (Hg.): Religion zu Krieg und Frieden, Zürich 1986, S. 74-76.

[4] Vgl. Vernant, Jean-Pierre: Mythos und Religion im alten Griechenland, Frankfurt a. M./New York 1995, S. 12.

[5] Vgl. Chamoux, S. 111, 118.

[6] Vgl. Sourvinou-Inwood, Christiane: What is Polis Religion?, in: Murray,Oswyn/Price,Simon (Hg.): The Greek City. From Homer to Alexander, New York 1990, S. 304, 306.

[7] Vgl. Chamoux, S. 118.

[8] Vgl. Vernant, S. 14.

[9] Scheer, Tanja Susanne: Die Gottheit und ihr Bild. Untersuchungen zur Funktion griechischer Kultbilder in Religion und Politik, München 2000.

[10] Kearns, Emily: Saving the City, in: Murray,Oswyn/Price,Simon (Hg.): The Greek City. From Homer to Alexander, New York 1990, S. 323-344.

[11] Müller, Helmut: Φυγής ένεχεν, in: Chiron 5, 1975, S. 129-156.

[12] Vernant, Jean-Pierre: Mythos und Religion im alten Griechenland, Frankfurt a. M./New York 1995.

[13] Vgl. Nilsson, Martin P.: Die Religion Griechenlands bis auf die griechische Weltherrschaft (Geschichte der griechischen Religion 1), München 1955, S. 73-75.

[14] Vgl. Vernant, Jean-Pierre: Mythos und Religion im alten Griechenland, Frankfurt a. M./New York 1995, S. 50 und 63.

[15] Vgl. Heilige Stätten, in: Der Brockhaus auf CD-Rom, Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim 2002.

[16] Vgl. Vernant, S. 50-52, Zitate ebd., S. 50.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Götterschutz oder Schutz der Götter? - Die Polis und ihre Götter im Krieg
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Geschichte)
Veranstaltung
Die Stadt und ihre Götter im antiken Griechenland
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V93164
ISBN (eBook)
9783638064163
ISBN (Buch)
9783638951210
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Götterschutz, Schutz, Götter, Polis, Götter, Krieg, Stadt, Götter, Griechenland
Arbeit zitieren
Christine Kruse (Autor), 2008, Götterschutz oder Schutz der Götter? - Die Polis und ihre Götter im Krieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93164

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