Die Geschichte „eines einfachen Mannes“ liest sich leicht und engagiert und bewegt das Gemüt des Lesers. „Man schämt sich nicht [...] ganz sentimentalisch erschüttert zu sein,“ heißt es in Stefan Zweigs Hiob-Rezension. Beinahe jeder Autor versucht eben diese Wirkung bei seinen Lesern zu erreichen. Dabei hat jeder Autor seinen eigenen Stil, ja beinahe seine eigene Sprache. Joseph Roth, der selbst lange Zeit als Journalist gearbeitet hatte, stellte eine programmatische Forderung, die ihm selbst wohl bei jeder schriftstellerischen Arbeit gegenwärtig war: „Aus dem Vergehenden, dem Verwehenden, das Merkwürdige und zugleich das Menschlich-Bezeichnende festzuhalten, ist die Pflicht des Schriftstellers. Er hat die erhabene bescheidene Aufgabe, die privaten Schicksale aufzuklauben, welche die Geschichte fallen lässt. Blind und leichtfertig, wie es scheint.“
Während der thematische Stoff Roths bereits eine „sentimentale Erschütterung“ impliziert, weil es sich um menschliche Grundprobleme und Grundthemen handelt, muss jetzt lediglich noch die Sprache und der Stil dieser Grundstimmung angepasst werden.
Roth hat dabei einen ganz eigenen Stil. Viele seiner Kritiker beschreiben ihn als „Analytiker“ und „eminenten Beobachter“ (Hermann Kesten), seine Sprache als „immer wunderbar einfach, strahlend treffsicher [...] (Ulrich Greiner) und seine Werke „erlebt man statt zu lesen“ (Stefan Zweig).
In folgender Arbeit soll es nun darum gehen, eben diese Besonderheiten der Roth´schen Sprache und Erzählweise in dem Roman „Hiob“ (1930) zu analysieren und seinen Stil zu charakterisieren. Dabei sollen sowohl die Aspekte der Syntax und Wortwahl, der Erzählhaltung, der verwendeten stilistischen Mittel und der besonderen Sprache (Bezug zur Bibel und zu der Gattung Märchen) erörtert werden. Abschließend wird geprüft, ob sich in dem Roman „Hiob“ eine Einheit von Handlung, Zeit und Ort nachvollziehen lässt, was eigentlich ein typisches Merkmal des aristotelischen Dramas darstellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kurze Inhaltsangabe einschließlich Aufbau
3. Die einfache Sprache – Syntax und Wortwahl
4. Der kunstvolle Stil
4.1 Stilistische Mittel / Rhetorische Figuren
4.2 Die Märchenhaftigkeit des Romans
4.3 Einfluss der biblischen Sprache
5. Die variable Erzählweise
5.1 Sachliches Erzählen: Beobachten und Dokumentieren
5.2 Perspektivenwechsel
5.3 Einheit von Zeit, Ort und Handlung?
6. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die sprachliche Gestaltung und Erzählweise von Joseph Roths Roman "Hiob" (1930), um die spezifischen stilistischen Merkmale zu identifizieren, die zur emotionalen Wirkung auf den Leser beitragen. Dabei wird analysiert, wie durch die Kombination von einfacher Syntax, biblischen Anleihen, märchenhaften Elementen und variablen Erzählperspektiven eine realistische wie poetische Stimmung erzeugt wird.
- Strukturelle Analyse von Syntax und Wortwahl
- Einsatz von rhetorischen Figuren und Stilmitteln
- Integration biblischer Sprache und märchenhafter Erzählstrukturen
- Analyse der Erzählhaltung und Perspektivwechsel
- Untersuchung der Einheit von Zeit, Ort und Handlung
Auszug aus dem Buch
3. Die einfache Sprache – Syntax und Wortwahl
In einer Einschätzung des Hiob – Romans von Hermann Kesten heißt es, dass die Sprache Roths gekennzeichnet ist von „strikter Einfachheit, die sprachliche Umwege nicht kennt“ und keinerlei „Prunk“ braucht. Diese Einfachheit der Sprache kommt schon in den ersten Sätzen des Romans „Hiob“ zur Geltung:
„Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow ein Mann namens Mendel Singer. Er war fromm, gottesfürchtig gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude. Er übte den schlichten Beruf eines Lehrers aus. In seinem Haus, das nur aus einer geräumigen Küche bestand, vermittelte er den Kindern die Kenntnis der Bibel. Er lehrte mit Eifer und ohne aufsehnerregenden Erfolg. Hunderttausende vor ihm hatten wie er gelebt und unterrichtet [...]“ (Roth, J.: Hiob. S. 7.)
Diese Satzreihe besteht aus sechs Sätzen, worunter nur ein Relativsatz zu finden ist. Vier der Sätze haben einen parallelen Aufbau, wobei drei davon anaphorisch sind (Er war [...], Er übte [...], Er lehrte [...]). Ein Satz beginnt mit einer Ortsbestimmung (In seinem Haus [...]) und einer mit einer Zeitbestimmung (Vor vielen Jahren [...]). Doch trotz dieser Inversionen wirken die Sätze gleichartig.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik ein und erläutert das Ziel der Arbeit, Roths spezifischen Stil und seine Sprachverwendung im Roman "Hiob" zu analysieren.
2. Kurze Inhaltsangabe einschließlich Aufbau: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die Handlung des Romans, charakterisiert den Protagonisten Mendel Singer und skizziert die Zweiteilung der Geschichte in den Schauplätzen Zuchnow und New York.
3. Die einfache Sprache – Syntax und Wortwahl: Die Untersuchung zeigt auf, dass Roth eine parataktische, klare und ökonomische Sprache verwendet, die durch kurze Sätze und den bewussten Verzicht auf komplizierte Hypotaxen gekennzeichnet ist.
4. Der kunstvolle Stil: Das Kapitel analysiert die rhetorischen Mittel, die Einflüsse märchenhafter Erzählweisen sowie den Bezug zur biblischen Sprache, die gemeinsam Roths spezifischen poetischen Stil begründen.
5. Die variable Erzählweise: Hier wird die Rolle des Erzählers untersucht, wobei insbesondere auf den Wechsel zwischen auktorialen und personalen Perspektiven sowie die zeitliche und räumliche Gestaltung der Handlung eingegangen wird.
6. Schlusswort: Das Schlusswort resümiert die Analyseergebnisse und bestätigt, dass Roth durch seine facettenreiche Sprache das Ziel erreicht, den Leser "sentimental zu erschüttern" und eine bildhafte Welt entstehen zu lassen.
Schlüsselwörter
Joseph Roth, Hiob, Stilanalyse, Syntax, Wortwahl, Erzählweise, Märchenhaftigkeit, biblische Sprache, Neue Sachlichkeit, Perspektivenwechsel, Mendel Singer, Rhetorik, Literaturanalyse, Sprachkunst, Parataxe
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die sprachliche Struktur, den erzählerischen Stil und die Gestaltungsmittel des Romans "Hiob" von Joseph Roth.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Syntax, der Verwendung von rhetorischen Figuren, dem Einfluss biblischer Sprache und den märchenhaften Elementen innerhalb des Romans.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Charakteristika des Roth'schen Stils herauszuarbeiten und zu zeigen, wie durch die gewählte Sprache eine bestimmte emotionale Wirkung beim Leser erzielt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Textanalyse durchgeführt, die auf Sekundärliteratur zu Joseph Roth basiert und textinterne Beispiele systematisch auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Sprache und Syntax, eine Analyse der stilistischen Mittel, die Erörterung des märchenhaften und biblischen Charakters sowie eine Untersuchung der Erzählperspektiven und der Handlungsstruktur.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Analyse?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Parataxe, auktorialer Erzähler, personale Erzählweise, Märchenhaftigkeit und poetische Wirklichkeit.
Wie trägt die "Märchenhaftigkeit" zur Wirkung des Romans bei?
Die märchenhaften Elemente dienen der Verallgemeinerung der Geschichte Mendel Singers und verdeutlichen die einfachen, grundlegenden Bedingungen des menschlichen Daseins.
Wie verändert sich die Erzählperspektive im Roman?
Der Erzähler wechselt flexibel zwischen einer neutralen, auktorialen Perspektive und dem personalen Erzählen, um tiefere Einblicke in die Innenwelt der Figuren zu gewähren.
- Quote paper
- Lisa Schlönvogt (Author), 2008, Sprache, Stil und Erzählweise des Romans „Hiob“ von Joseph Roth, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93171