Wie erfasst die PISA-Studie die soziale Ungleichheit? Die Messung des sozialen Status der Herkunftsfamilien in den PISA-Studien


Hausarbeit, 2017

12 Seiten, Note: 1.5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Allgemeines zu den PISA Studien

3. Klassifizieren von Berufen: ISCO

4. Erfassung des Prestiges von Berufen: SIOPS

5. Quantitative Bestimmung des sozioökonomischen Status: (H)ISEI
6.1 Qualitative Bestimmung des sozioökonomischen Status: EGP
6.2 Sechs- Klassen- Version der EGP Klassifizierung mit jeweils einem Beispiel

7. Konkrete Implementierung

8. Zusammenfassung von Indikatoren: Der ESCS- Index

9. Kapitalformen nach Bourdieu
9.1 Ökonomisches Kapital
9.2 Kulturelles Kapital
9.3 Soziales Kapital
9.4 Umwandlungen einer Kapitalform in die andere
9.5 Kritische Betrachtung und Relevanz
9.6 Bourdieu und PISA

10. Abschließende Worte

11. Literatur

1. Einführung

In dieser Hausarbeit soll geklärt werden, auf welche Art und Weise die PISA Studien soziale Ungleichheit erfassen. Im Anschluss wird die Kapital- Theorie Bourdieus vertieft und eine Bewertung diesbezüglich vorgenommen. Zum Schluss wird reflektiert woraus die Brücke zwischen der Theorie Bourdieus und PISA in der Praxis besteht.

2. Allgemeines zu den PISA Studien

PISA bezeichnet das Programme for International Student Assessment. Hierbei wird untersucht, inwiefern sich Schüler am Ende ihrer verpflichtenden Schulzeit Fähigkeiten und Fachkenntnisse angeeignet haben, die relevant sind für eine gesellschaftliche Teilhabe.

An der aktuellen Studie haben mehr als 500 000 fünfzehnjährige Schüler aus 72 Nationen und Regionen teilgenommen. Naturwissenschaften standen dieses Mal im Fokus.

Bei der aktuellen Studie aus dem Jahr 2015 handelt sich um die sechste derartige Erhebung, die seit 2000 alle drei Jahre stattfindet.1

Erhoben wird die internationale Schulleistungsstudie PISA durch die OECD (Organisationfor Economic Co-operation and Development), der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, deren Ziel es nach eigenen Angaben ist, eine Politik zu begünstigen, "die das Leben der Menschen weltweit in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht verbessert."2

Es handelt sich um eine internationale Organisation, gegründet 1961 um wirtschaftlichen Fortschritt und den Welthandel zu stimulieren. Die 33 Mitgliedsstaaten produzieren Zwei Drittel der weltweiten Güter und Dienstleistungen.3

Im Rahmen der PISA Studien werden Aspekte sozialer Herkunft der Schüler erfasst und mit den gezeigten Leistungen in Bezug gebracht. Ziel ist es, sozioökonomische, kulturelle und soziale Kapital­Dimensionen der Herkunftsfamilie, wie sie Bourdieu beschreibt, zu berücksichtigen.4

Diese Kategorien zur Erfassung werden zuerst vorgestellt. Die der PISA Studie zugrunde gelegte Theorie zur Herangehensweise nach Bourdieu wird anschließend näher geschildert.

3. Klassifizieren von Berufen: ISCO

Die sozioökonomische Situation der Herkunftsfamilien wird in PISA vor allem über die spezifische Berufstätigkeit der Eltern erfasst. Dazu ist eine Klassifizierung der Berufe nötig, die international angewendet werden kann. Zu diesem Bereich hat das Internationale Arbeitsamt (International Labour Organisation, Agentur der Vereinten Nationen5 ) schon im Jahr 1968 eine standardisierte Klassifizierung von Berufen veröffentlicht: Die „International Standard Classification of Occupations", ISCO-68). 1988 wurde dieses Kategoriensystem an eine veränderte Arbeitswelt in den Industriestaaten angepasst. In der PISA Studie werden die Berufe entsprechend des ISCO kodiert. Im ISCO 88 sind die Berufe in einer hierarchischen Struktur angeordnet, auf der untersten Ebene sind 390 konkrete Tätigkeiten. Diese werden zusammengefasst zu 116 Berufsuntergruppen, diese fließen zusammen zu 28 Berufsgruppen, welche in 10 Berufshauptgruppen, inklusive der Soldaten, eingeteilt werden.6 Die Frage wird aufgeworfen, ob der ISCO 88 aufgrund der fehlenden Aktualität in den ersten PISA Studien überhaupt hinreichend valide war. 2008 wurde ISCO 88 durch die modernere Klassifizierung ISCO 08 abgelöst7, die in den neueren PISA Studien Verwendung findet8. Hierbei werden 436 Berufsgattungen unterschieden.9

4. Erfassung des Prestiges von Berufen: SIOPS

Welche Stellung haben Personen in der sozialen Rangordnung einer Gesellschaft? Maße zum Berufsprestige, die eine lange Tradition haben, können eine Antwort darstellen. Von Ganzeboom und Treiman wurde 1996 der Standard Index of Occupational Prestige Scale (SIOPS) entwickelt. Dieser Index beruht auf empirischen Studien in ca. 60 Ländern. Personen wurden dahingehend befragt, wie sie einzelne berufliche Tätigkeiten nach ihrem sozialen Image einstufen. Aus den Daten konstruierte Treiman eine standardisierte Skala mit Werten, die zwischen 0 und 100 liegen. Es gab Korrelationen mit anderen Skalen, die das Prestige darstellten, was auf entsprechende Validität deutet. Problematisch ist einerseits, dass unberücksichtigt bleibt, welche Faktoren in die berufliche Reputation einfließen. Es drängt sich andererseits der Gedanke auf, dass Prestigemaße historisch und geografisch sehr volatil sein müssten. Nichtsdestotrotz konnte Treiman angeblich zeigen, „dass der Prestigerang von Berufen weitgehend unabhängig vom untersuchten Land ist."10 Da der Index von Treiman mittels ISCO kodiert wird, ist er zur PISA Studie kompatibel.11

5. Quantitative Bestimmung des sozioökonomischen Status: (H)ISEI

Der von Ganzeboom und Mitarbeitern 1992 entwickelte International Socio-Economic Index of Occupational Status (ISEI) besitzt den Vorteil, dass der ökonomische Standpunkt vom beruflichen Prestige getrennt wird. Berufe werden als Mediator zwischen erworbenen Qualifikationen und der Einkommenssituation betrachtet. Die Berufstätigkeiten werden auf einer linearen Skala so angeordnet, dass in einer pfadanalytischen Modellierung die indirekte Einwirkung von Bildung auf die Löhne maximiert und zugleich die direkte Einwirkung minimiert wird. Die Autoren des ISEI werteten Daten zu Bildungsabschlüssen, beruflicher Tätigkeit und dem Einkommen von 74 000 Berufstätigen aus 16 Ländern aus. Der ISEI hat sich in vergleichenden Untersuchungen als geeignet erwiesen. Daher hat der Index in PISA bei allen weltweiten Vergleichen die Rolle des Standardindikators. Die untenstehende Abbildung vergleicht für eine Auswahl an Berufen die SIOPS- und die ISEI- Skalenwerte. Eine Parallelität ist nicht feststellbar, jedoch Kovarianz. Es gibt widersprüchliche Zusammenhänge zwischen beiden sozioökonomischen Indikatoren: Verkäufer haben einen höheren ISEI Wert als Krankenschwestern, bezüglich des beruflichen Ansehens liegen jedoch die Krankenschwestern mit ihrem SIOPS- Wert vorne. Obwohl Professoren und Ärzte die höchsten SIOPS- Werte haben, erreichen Richter die höchsten ISEI- Zahlenwerte.12

Berücksichtigt man den Aspekt, dass stets der höher zu bewertende Elternteil zählt, so spricht man auch vom Highest ISEI, dem HISEI.13

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: BAUMERT, MAAZ, 2006, S.16.

6.1 Qualitative Bestimmung des sozioökonomischen Status: EGP

Im Gegensatz zu den vorherig beschriebenen Indizes, die Berufe auf eine eindimensionale Skala abbilden, basieren andere Zugänge zur Überführung der sozioökonomischen Gegebenheiten darauf, die qualitativen Dimensionen der sozialen Schichten herauszustreichen. Innerhalb einer sozialen Klasse, die konstruiert wird, sind Differenzen relativ gering. In der Soziologie hat das von Erikson, Goldthorpe und Portocarero 1979 elaborierte Modell zur international vergleichbaren Klassifizierung von Berufen Bedeutung erlangt. Das EGP- Modell ist eine systematische Kategorisierung, die berufliche Tätigkeiten nach folgenden Faktoren ordnet: Liegt eine manuelle, nichtmanuelle oder landwirtschaftliche Beschäftigung vor? Ist die berufliche Stellung selbstständig oder abhängig beschäftigt? Gibt es keine, geringe oder große Weisungsberechtigungen? Sind keine, niedrige oder hohe Qualifikationen notwendig um den Beruf auszuüben? Die Autoren kommen zu einer Einteilung von Berufen in elf Klassen. Speziell für Deutschland ist auch eine Anwendung von sechs Klassen möglich. Das EGP Schema hat eine bessere theoretische Grundlage als Skalen für Berufsprestige und der sozioökonomischen Stellung, wie sie oben erläutert sind. Konkrete Gruppen von Personen können illustrativ beschrieben werden. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass die Klassifizierung bei der Datenerhebung von Bildungs- und Einkommensaspekten unabhängig ist, zumal die Erhebung des Einkommens die Wirklichkeit nicht unbedingt spiegelt. Ganzeboom, Treiman et al. sowie Erikson und Goldthorpe haben 1989 ein Rekodiersystem herausgebildet das die EGP Klassen mit den ISCO Kodierungen kompatibel macht. Dies erfordertjedoch weitergehende Informationen zum Beruf und den Weisungsberechtigungen. In Deutschland liegen durch eine Elternbefragung zusätzliche Informationen vor, die es ermöglichen, das EGP Schema zu benutzen. Möchte man jedoch internationale Vergleiche anstellen, so muss auf den weniger ausdrucksvollen ISEI zurückgegriffen werden.14

6.2 Sechs-Klassen- Version der EGP Klassifizierung mit jeweils einem Beispiel:

I Obere Dienstklasse: Hinzugerechnet werden freie Akademiker,15 Angestellte in Leitungsposition, leitende Beamte, Unternehmer mit mehr als zehn Angestellten, Lehrer an Hochschulen und Gymnasien. Kleinster gemeinsamer Nenner sind entsprechende Verantwortung, Entscheidungsberechtigung und Autonomie der beruflichen Tätigkeit. (Beispiel: Lehrer an der Pädagogischen Hochschule)

II Untere Dienstklasse: Mitglieder dieser Gruppe haben zwar entsprechendes Einkommen das an das Einkommen der oben genannten Klasse angrenzt, dennoch haben sie eine geringere Macht- und Verantwortungsposition, sowie weniger Autonomie. Hinzugerechnet werden Semiprofessionelle, das mittlere Management, mittlere Beamte und technische Arbeitnehmer, die nichtmanuell arbeiten. (Beispiel: Grundschullehrer)

Illa und lllb Routinedienstleitungen in Handel und Verwaltung: Illa beinhaltet die typischen Berufe in Büro und Verwaltung. Die Arbeit ist größtenteils Routine. (Beispiel: Sekretärin)

Klasse lllb besteht aus Berufen mit geringer Qualifikation, nichtmanuelle Beschäftigungen, wie etwa Tätigkeiten im Verkaufs- und Servicebereich. (Beispiel: Autoverkäufer) Tätigkeiten aus diesem Bereich können oft ohne spezielle Ausbildung ausgeübt werden.

IVa- IVc Selbstständige („Kleinbürgertum") und selbstständige Landwirte: In diese Einteilung fallen alle Selbstständigen aus manuellen Berufen mit bzw. ohne Kollegen. Freiberufler ohne hohe Qualifikationen werden hinzugezählt. Die Marktlage diktiert die materiellen Verhältnisse. Daher gibt es starke Schwankungen. Allen gemein in dieser Gruppe ist die hohe Selbstbestimmung. (Beispiel: Handwerker)

V-Vl Facharbeiter und Arbeiter mit Leitungsfunktionen sowie Angestellte in manuellen Berufen: Zu V hinzugerechnet werden die unteren technischen beruflichen Tätigkeiten. Vorarbeiter, Meister und Techniker- manuelle Arbeiter- sowie die Aufsicht im manuellen Sektor. Klasse VI fasst die Angestellten mit manueller Arbeit zusammen, die eine Berufsausbildung absolviert haben. (Beispiel: Monteur bei Daimler)

Vila und Vllb Un- und angelernteArbeiter sowie Landarbeiter: Vila gruppiert alle manuellen Berufe die un- und angelernt sind. Berufe aus dem tertiären Sektor die weitgehend manuell sind, mit geringen Anforderungen. (Beispiel: Postbote) Vllb berücksichtigt gelernte bzw. ungelernte Arbeiter aus der Landwirtschaft, der Forstwirtschaft, der Fischwirtschaft und der Jagd.

7. Konkrete Implementierung

Der soziale Hintergrund der Schüler wird in der hauptsächlichen PISA Studie auf dreierlei Weise ermittelt: Durch den internationalen Schülerfragebogen, den hierzulande erstellten Schülerfragebogen mit Ergänzungen des internationalen Schülerfragebogens, sowie den hier entwickelten Elternfragebogen. Um auch Migranten- und Flüchtlingsfamilien zu erreichen, liegt der Elternfragebogen in acht unterschiedlichen Übersetzungen vor. Der berufliche Status der Eltern wurde wie folgt erfasst: Der internationale Schülerfragebogen fragte nach dem Erwerbstätigkeitsstatus der Eltern, denjeweiligen (aktuellen bzw. letzten) Beruf, eine Beschreibung der Tätigkeiten. Der deutsche Schülerfragebogen fragte nach der beruflichen Stellung der Eltern, klassifiziert wie in der deutschen Sozialversicherung. Um die Angaben der Schüler zu validieren wurden in Deutschland alle genannten Angaben auch von den Eltern erfragt. Zusätzlich wurden die Eltern gebeten, die Zahl ihrer beruflich Untergebenen anzugeben. Dies deutet auf die Weisungsbefugnisse der Eltern. Alle Angaben waren notwendig um eine EGP Klassifizierung zu ermöglichen. International wurden die Elternberufe nach ISCO-88 kodiert und in den ISEI transformiert. Die Erfassung des Status der Erwerbstätigkeit der Eltern, also ob eine Vollzeit- oder Teilzeitbeschäftigung/ Arbeitslosigkeit o.ä. vorliegt, sind an und für sich aussagekräftige Indizien: Längere Arbeitslosigkeit des Hauptverdieners wirkt sich negativ auf die Schulbildung aus, genauso wie die Vollbeschäftigung beider Eltern zu Vernachlässigung der Kinder führen kann.

Um die sozioökonomische Lage der Familie, bzw. den Wohlstand zu bestimmen, wurden im internationalen Schülerfragebogen Fragen zu den Wohnverhältnissen und dem Eigentum von teuren Bedarfsartikeln gestellt. Das Problem besteht natürlich, welche materiellen Güter für die internationale Befragung auszuwählen sind, um als Indikatoren für den verhältnismäßigen Wohlstand einer Familie zu dienen. Wenn eine Familie in den USA zum Beispiel nicht selten drei Autos hat, so ist dies in der Türkei wohl eher die Ausnahme. Die einen Familien in den USA können eher der amerikanischen Mittelschicht, die anderen in der Türkei eher der türkischen Oberschicht zugerechnet werden. Entscheidend bei PISA war einerseits ein Feldtest, andererseits die Häufigkeit von Vorschlägen aus den mitmachenden Ländern. In der Hauptuntersuchung wurden die Schüler etwa befragt, ob sie einen eigenen Raum haben, zur Anzahl der Badezimmer zu Hause, ob eine Geschirrspülmaschine oder ein Internetzugang vorhanden ist, und zur Anzahl der verfügbaren Autos, PCs, Fernseher und Handys. Das Problem der interkulturellen Validität so gewonnener Skalen bleibt bestehen.16

8. Zusammenfassung von Indikatoren: Der ESCS- Index

In PISA 2003 wurde, um Merkmale von Familien zusammenzufassen, ein neuer Index gebildet, ökonomische, kulturelle und soziale Dimensionen sollen berücksichtigt werden. Es ist der sogenannte Index of Economic, Social and Cultural Status (ESCS).17 Zusammengefasst wurden die Variablen: ISEI, der höchste Bildungsabschluss der Eltern der Schüler, konvertiert in die Dauer der Schul- und Ausbildungszeit, dem PISA- Indexvon Familienwohlstand, dem PISA- Index von bildungsmäßigen Ressourcen zu Hause, und dem PISA- Index der häuslichen Besitztümer, die verwandt sind mit klassischer Kultur.18 Meine Recherchen in OECD Veröffentlichungen im Internet im ergaben, dass der ESCS auch in PISA 2006, 2009, 2012 und 2015 Anmerkung der Redaktion: Die Anwendung fand.

9. Kapitalformen nach Bourdieu

Pierre Bourdieu (*1930, Denguin, Frankreich, f 2002, Paris) war ein französischer Soziologe, allgemein bekannter Intellektueller, in der Tradition von Émile Zola und Jean-Paul Sartre. Bourdieus Konzept des Habitus (sozial erworbene Dispositionen) war einflussreich in neueren postmodernen Geistes- und Sozialwissenschaften. Ein erster Durchbruch gelang ihm mit „Sociologie de l'Algerie" (1958; „Die Algerier", 1962).19 Sein Werk „La Distinction" („Die feinen Unterschiede"), erschienen 1979 in Frankreich bzw. 1982 in Deutschland, machte ihn weltberühmt. Er war ein Mitbegründer der globalisierungskritischen Organisation Attac.20

In seinem einflussreichen Artikel „Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital", erstveröffentlicht 1983, zeichnet Bourdieu ein Bild der Gesellschaft, deren innewohnende Struktur der Struktur der Verteilung von Kapitalsorten entspricht.

Zu aller erst zeichnet Bourdieu zwei Bilder darüber, was die gesellschaftliche Welt nicht ist: Erstens ist sie kein Nacheinander von kurzlebigen und mechanischen Zuständen des Gleichgewichts, in dem die Menschen ersetzbare atomare Einheiten sind. Zweitens ist sie kein Roulettespiel, in dem jeder jederzeit die gleichen Chancen hat, in der „jedermann zu jeder Zeit alles werden könnte."21 Bourdieu kritisiert den wirtschaftswissenschaftlichen Kapitalbegriff und fordert den Warenaustausch als Spezialfall unter verschiedenen Formen sozialen Austausches zu behandeln, um eine „Wissenschaft von der Ökonomie der Praxis"22 zu befördern. Bourdieu unterscheidet drei grundlegende Arten von Kapital: ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital und soziales Kapital.

9.1 Ökonomisches Kapital:

Diese Kapitalform lässt sich direkt mit Geld aufwiegen. Eine gesellschaftlich anerkannte feste Form erhält diese Kapitalsorte durch das Eigentumsrecht.

9.2 Kulturelles Kapital:

Dieses wird gegliedert in inkorporiertes kulturelles Kapital, in objektiviertes kulturelles Kapital und institutionalisiertes kulturelles Kapital.

I Inkorporiertes Kulturkapital: Diese Kapitalform ist körpergebunden und wurde verinnerlicht. Es entspricht dem deutschen Bildungsbegriff (englisch: Cultivation). Dieser Prozess der Verinnerlichung erfordert einen zeitlichen Aufwand, kann nicht delegiert werden und erfordert eine sog. „libido sciendi", also Lust auf Wissen.23 Letzteres bringt viele Entbehrungen mit sich. Die Dauer des Erwerbs von Bildung ist ein Maß zur Bestimmung der Akkumulation. Dieses Kulturkapital kann nicht kurzfristig weitergegeben werden. Wie wird es überhaupt übertragen? Es muss einen konstanten und starken Input seitens der Familie geben, damit das Kind von klein auf lernt. Die Familie muss also selbst über entsprechendes Kulturkapital verfügen. Diese durch Erbfolge bestimmte Übertragung findet nach außen hin unsichtbar statt. Zeit ist bekanntlich Geld und die Familie muss auch gewährleisten, dass es überhaupt eine von wirtschaftlichen Zwängen befreite Lernzeit für den Heranwachsenden oder jungen Erwachsenen gibt.

II Objektiviertes Kulturkapital: Diese Kapitalform lässt sich nur verstehen im Zusammenhang mit inkorporiertem Kulturkapital. Das objektivierte Kulturkapital ist einerseits materiell übertragbar, als Schrift/ Gemälde oder Maschine etc. - Kompetenzen, die die Aneignung ermöglichen, sind dagegen verinnerlichtes Kulturkapital. Der materielle Besitzer von Produktionsmitteln muss entweder selbst lernen diese zu benutzen, oder Menschen beschäftigen, die das geforderte inkorporierte Kulturkapital besitzen. Mit der Akkumulation von objektiviertem Kulturkapital in einer Gesellschaft nimmt auch die für seine Beherrschung notwendige Lern- und Ausbildungszeit zu.

Das objektivierte Kulturkapital ist dann aktiv und handelnd, solange eine Aneignung und ein Gebrauch stattfindet. Dies passiert in Kunst, Wissenschaft aber auch in der Arbeitswelt allgemein. Im letzteren Feld setzen die Akteure ihre Fähigkeiten und ihr Wissen (inkorporiertes Kulturkapital) ein, um objektiviertes Kulturkapital zu beherrschen und daraus Profite zu ziehen.

Ill Institutionalisiertes Kulturkapital

Das angesprochene inkorporierte Kulturkapital hängt sehr mit seinem Besitzer und dessen Körperlichkeit zusammen. Es vergeht mit dem Alter, dem Verlust des Gedächtnisses und mit dem Tod seines Inhabers. Dies ist ein Grund warum es schulische Titel gibt. Der Titel ist ein Kennzeichen für kulturelle Kompetenz, das dem Inhaber einen dauerhaften und gesetzlich geschützten Wert zuweist. Titel erzeugen eine Diskrepanz zwischen dem kulturellen Kapital des Autodidakten, der ständig unter dem Druck steht, sich zu beweisen, und dem kulturellen Kapital, das mittels Titel durch Ausbildungsstätten und dem Rechtswesen garantiert wird. Bourdieu spricht in diesem Zusammenhang von „Alchimie" und „Magie"24, und beschreibt damit die Art und Weise wie Titel plötzlich völlig unabhängig von der Person des Titelträgers gehandhabt werden, und wie völlig ausgeblendet wird, welches kulturelle Kapital zum Zeitpunkt X tatsächlich vorhanden ist. Minimale Unterschiede in der Leistung bzw. in den Noten erzeugen „brutale Diskontinuitäten"25. Wenn etwa nur die 10 Besten einer Abschlussprüfung bestehen dürfen, obwohl alle gute und ähnliche Leistungen zeigen. Der Titel schafft zwischen dem letzten erfolgreichen Abschlussprüfling und dem ersten durchgefallenen Prüfling einen signifikanten Unterschied, der konkret nicht gegeben ist.

Titel ermöglichen den Vergleich der Inhaber und deren Austausch wie etwa bei einer Nachfolge. Zuletzt beschreibt Bourdieu die Umwandlung und Rückumwandlung von ökonomischem in kulturelles Kapital in Form von Schultiteln. Die Investition in Bildung hat dann Sinn, wenn man nach der Ausbildung mit hoher Wahrscheinlichkeit das entsprechende Geld verdient. Entscheidend ist hierbei auch, welche Seltenheits- bzw. Alleinstellungsmerkmale erworben wurden.

9.3 Soziales Kapital:

Sozialkapital bezeichnet nach Bourdieu die Summe aller bestehenden und erwartbaren Ressourcen, die mit einem Netz aus Beziehungen und Bekanntschaften verbunden sind. Anders formuliert, die Ressourcen, die von der Mitgliedschaft in Gruppen herrühren. Das gesamte Kapital aller Gruppenmitglieder dient dem einzelnen in der Gruppe als Sicherheit, es macht ihn kreditwürdig- sei dies bezüglich finanzieller Kredite oder bezüglich eines Vorschusses anderer Kapitalformen. Jede einzelne Beziehung wird aufrechterhalten durch materielle sowie symbolische Akte des Tauschens. Eine Institutionalisierung und Garantien werden durch einen gemeinsamen Namen (Familienname, Klasse, Stamm, Schule, Partei etc.) erreicht. Man beachte, dass beim Austausch materielle und symbolische Gesichtspunkte verknüpft sind. Diese Verknüpfung muss sichtbar sein.

9.4 Umwandlungen einer Kapitalform in die andere:

Ökonomisches Kapital lässt sich in andere Kapitalformen eintauschen, jedoch ist eine mehr oder weniger große zusätzliche „Transformationsarbeit"26 notwendig. Manche Güter und Dienstleistungen erhält man mittels ökonomischen Kapitals, ohne Warten und sonstige Kosten, andere hingegen erhält man nur bei entsprechendem sozialen Kapital, mittels Beziehungen.

[...]


1 Vgl. OECD: http://www.oecd.org/berlin/themen/pisa-studie/, Aufruf am 23.2.2017.

2 OECD: http://www.oecd.org/berlin/dieoecd/, Aufruf am 23.2.2017.

3 Vgl. Encyclopaedia Britannica online, „OECD".

4 Vgl. BAUMERT, MAAZ, 2006, S.ll ff.

5 Vgl. Encyclopaedia Britannica online, „International Labour Organization (ILO)".

6 Vgl. BAUMERT, MAAZ, 2006, S.14 ff.

7 Vgl. ILO: http://www.ilo.org/public/english/bureau/stat/isco/docs/methodology08.docx, Aufruf am 2.3.2017.

8 Vgl. Annex A - PISA 2012 technical background, OECD, 2013.

9 Vgl. ILO: http://www.ilo.org/public/english/bureau/stat/isco/docs/methodology08.docx, Aufruf am 2.3.2017.

10 BAUMERT, MAAZ, 2006, S.15.

11 Vgl. BAUMERT, MAAZ, 2006, S.15.

12 Vgl. BAUMERT, MAAZ, 2006, S.16 ff.

13 Vgl. Annex A - PISA 2012 technical background, OECD, 2013, S.192.

14 Vgl. BAUMERT, MAAZ, 2006, S.17 ff.

15 Vgl. Baumert & Schümer, 2001, S.339 in BAUMERT, MAAZ, 2006, S.18.

16 Vgl. BAUMERT, MAAZ, 2006, S.19 ff.

17 Vgl. Prenzel et al.: PISA 2003, S.239.

18 Vgl. OECD: https://stats.oecd.org/glossary/detail.asp?ID=5401, Aufrufam 6.3.2017.

19 Vgl. Encyclopaedia Britannica online, „Pierre Bourdieu".

20 Vgl. FAZ Archiv online, Artikel vom 24.01.2002.

21 Bourdieu 1983 in Bauer et al.: Handbuch Bildungs- und Erziehungssoziologie, S.229.

22 Bourdieu 1983 in Bauer et al.: Handbuch Bildungs- und Erziehungssoziologie, S.230.

23 Navigium Latein- Wörterbuch: http://www.navigium.de/latein-woerterbuch.php?form=sciendi, Aufruf am 11.1.2017.

24 Bourdieu 1983 in Bauer et al.: Handbuch Bildungs- und Erziehungssoziologie, S.237.

25 Ebd.

26 Bourdieu 1983 in Bauer et al.: Handbuch Bildungs- und Erziehungssoziologie, S.231.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Wie erfasst die PISA-Studie die soziale Ungleichheit? Die Messung des sozialen Status der Herkunftsfamilien in den PISA-Studien
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Note
1.5
Autor
Jahr
2017
Seiten
12
Katalognummer
V931813
ISBN (eBook)
9783346252845
ISBN (Buch)
9783346252852
Sprache
Deutsch
Schlagworte
PISA, Indikatoren, sozialer Status, soziale Ungleichheit
Arbeit zitieren
Alexander Eisener (Autor), 2017, Wie erfasst die PISA-Studie die soziale Ungleichheit? Die Messung des sozialen Status der Herkunftsfamilien in den PISA-Studien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/931813

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