Die US-Subprime-Krise 2007/2008. Ursachen, Ablauf und Bedeutung


Akademische Arbeit, 2020

42 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Ziel der Arbeit
1.3 Beschreibung der Vorgehensweise

2. U.S.-ökonomischer Kontext des U.S.-Immobilienbooms nach der Jahrtausendwende
2.1 Entwicklungslinien der U.S.-Konjunktur von 2000 bis 2009
2.1.1 U.S.-Aktienmarktentwicklung um die Jahrtausendwende
2.1.2 Konjunkturelle Eintrübung der U.S.-Wirtschaft im Jahr 2001
2.1.3 Wirtschaftswachstumsphase von 2002 bis 2004
2.1.4 Konjunkturelle Eintrübung der U.S.-Wirtschaft von 2005 bis 2009
2.2 Privatwirtschaftliche Entwicklung in den Jahren 2007 und 2008
2.3 Staatliche Deregulierung der Kreditvergaberichtlinien bis 2009
2.4 Geldpolitische Flankierung der U.S.-Wirtschaft von 2000 bis 2009

3. Analyse des U.S.-Immobilienmarktes und U.S.-Immobilienfinanzierungsmarktes von 1996 bis 2009
3.1 U.S.-Immobilienpreisentwicklung von 1996 bis 2009
3.2 Kreditvergabepraktiken im Subprime-Segment bis 2009
3.3 Verbriefung von Kreditforderungen
3.3.1 Mortgage Backed Securities
3.3.2 Collateralized Dept Obligations
3.3.3 Credit Default Swaps

4. Bedeutung der Verbriefung von Subprime-Krediten für die U.S. Subprime-Krise

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

ABS Asset Backed Securities

AIG American International Group

Ca. Circa

CDO Collateralized Dept Obligation

CDS Credit Default Swap

CEO Chief Executive Officer

EDV elektronische Datenverarbeitung

Fannie Mae Federal National Mortgage Association

Freddie Mac Federal Home Loan Mortgage Corporation

FED Federal Reserve System

FICO Fair Isaac Corporation

GDP Gross Domestic Product

LIBOR London Interbank Offered Rate

MBS Mortgage Backed Securities

Mio. Million

Mrd. Milliarde

NASDAQ National Association of Securities Dealers Automated Quotations

TED Treasury Bill Eurodollar Difference

USA United States of America

U.S. GAAP United States Generally Accepted Accounting Principles

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Beschreibung der Vorgehensweise

Abb. 2: Verlauf des NASDAQ Composite Index von 1997 bis Ende 2001

Abb. 3: Verlauf des Dow Jones Industrial Average Index von 2000 bis Ende 2001

Abb. 4: Prozentuale Veränderung des GDP zwischen 2001 und 2004

Abb. 5: Verlauf des TED-Spreads von 2007 bis Ende 2009

Abb. 6: Verlauf der Effective Federal Funds Rate von 2000 bis Ende 2009

Abb. 7: Prozentuale Veränderung des Case-Shiller 20-City Composite Home Price Index von 2000 bis Ende 2009

Abb. 8: Verlauf des Dreimonats-USD LIBOR von 2003 bis Ende 2007

Abb. 9: Visualisierung des Verbriefungsprozesses

Abb. 10: Darstellung der Ereignis der U.S. Subprime-Krise

1. Einleitung

1.1 Problemstellung

Die Ereignisse am U.S.-Immobilien- und Hypothekenmarkt von 2007 und 2008 sind seit mittlerweile über 10 Jahren vergangen. Dennoch bildet die sogenannte U.S. Subprime-Krise den Grundstein für die Finanz- und Weltwirtschaftskrise in den darauffolgenden Jahren. Die U.S. Subprime-Krise bezeichnet dabei den Tiefpunkt einer Entwicklung am U.S. amerikanischen Immobilien- und Hypothekenmarkt in den Jahren 2007 und 2008, als Ergebnis einer komplexen Verflechtung von verschiedenen mikro- und makroökonomischen Faktoren. Mit ihren indirekten, globalen Auswirkungen bilden die Geschehnisse einen relevanten Aspekt für die heutigen geld- und wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen.

Durch das Zusammenspiel von expansiver Geldpolitik und gelockerten Rahmenbedingungen bei der Kreditvergabe, hatten sich während der Aufschwungphase am U.S.-Immobilienmarkt Preisblasen gebildet. Die spätere Korrektur hatte, bedingt durch die Verbreitung von Immobilienkrediten durch innovativen Finanzprodukten, weitreichende Folgen für den U.S. amerikanischen Finanzsektor und die Finanzmärkte weltweit.1 Durch den, sich rückläufig entwickelnden U.S. Immobilienmarkt verzeichneten Kreditinstitute zunehmend Kreditausfälle. Infolge von Liquiditätsengpässen gipfelte die Entwicklung in einer Vertrauenskrise zwischen den Finanzinstitutionen. Den Tiefpunkt markiert dabei die Insolvenz der U.S. amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers im September 2008.2

Im Kern dieser Entwicklung stehen die Kreditnehmer des Subprime-Segments, welche sich durch ein geringes Einkommen und eine unterdurchschnittliche Kreditwürdigkeit kennzeichnen. Gerade Subprime-Kredite waren von der Korrektur am U.S.-Immobilienmarkt stark betroffen und legten mit dem sprunghaften Anstieg von Kreditausfällen den Grundstein für den folgenden Krisenverlauf.

1.2 Ziel der Arbeit

Die Beschreibung des Ablaufs der U.S. Subprime-Krise und die Analyse der, im Kern für die Entwicklung verantwortlichen Ursachen bilden die Grundlage der vorliegenden Arbeit. Die Herleitung erfolgt dabei anhand der bereits im großen Umfang zur Verfügung stehenden Literatur. Das Ziel der Arbeit besteht darin, die vorhandene Literatur zu der Thematik zu erfassen, den Ablauf der U.S. Subprime-Krise zu skizzieren und die Ergebnisse im Kern zusammenfassend wiederzugeben. Im Weiteren soll die Frage beantwortet werden, welche elementaren Aspekte maßgeblich für die weitreichende Einflussnahme der U.S. Subprime-Krise verantwortlich waren.

1.3 Beschreibung der Vorgehensweise

Abbildung 1 beschreibt die Vorgehensweise bei der Erarbeitung. Die Frage nach den Ursachen und dem Ablauf der U.S. Subprime-Krise bildet dabei den inhaltlichen Rahmen dieser Arbeit.

Abb. 1 : Beschreibung der Vorgehensweise

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

Als Ausgangslage für die Analyse des U.S.-Immobilienmarktes dient Kapitel 2 mit der Einordnung des Analysegegenstandes in den gesamtökonomischen Kontext der USA. Hierzu werden in Kapitel 2.1 zunächst die Entwicklungslinien nach der Jahrtausendwende skizziert. Darauf aufbauend werden in Kapitel 2.2 die Folgen anhand ihrer Auswirkungen auf privatwirtschaftliche Unternehmen verdeutlicht. Des Weiteren erfasst Kapitel 2.3 die staatlichen Deregulierungen, welche im Vorfeld die regulatorischen Rahmenbedingungen für die Entwicklung gesetzt hatten. Kapitel 2.4 erfasst die geldpolitischen Maßnahmen der U.S.-Zentralbank, zur Beeinflussung der konjunkturellen Phasen der U.S.-Wirtschaft zwischen den Jahren 2000 und 2009.

Nachdem Kapitel 2 die konjunkturelle Entwicklung der USA zwischen 2000 und 2009 in den gesamtökonomischen Kontext einordnet und die Rahmenbedingungen beschreibt, wird in Kapitel 3 darauf aufbauend der U.S.-Immobilen- und Immobilienfinanzierungsmarkt analysiert. Im Zuge der Analyse wird in Kapitel 3.1 zunächst die Preisentwicklung der U.S.-Immobilien in dem Zeitfenster von 1996 bis 2009 erarbeitet. Die Verflechtung zwischen dem U.S.-Immobilienmarkt und dem U.S.-Finanzsektor stellt Kapitel 3.2 dar. Hier wird der Begriff des Subprime-Kreditnehmers definiert und die Kreditvergabepraktiken in diesem Segment konkretisiert. In dem Zusammenhang befasst sich Kapitel 3.3 mit der Verbriefung von Kreditforderungen. In den Unterkapiteln 3.3.1 bis 3.3.3 werden die gängigsten Verbriefungsstrukturen erläutert und deren Charakteristika analysiert.

In Kapitel 4 wird eine abschließende Bewertung des Analysegegenstandes aus Kapitel 3 vorgenommen. Das Fazit in Kapitel 5 bildet das Ende der Arbeit.

2. U.S.-ökonomischer Kontext des U.S.-Immobilienbooms nach der Jahrtausendwende

Die in Kapitel 2 skizzierte wirtschaftliche Entwicklung der USA und deren Auswirkungen auf die Privatwirtschaft, sowie die politisch forcierten Deregulierungsmaßnahmen und die geldpolitische Flankierung der Ereignisse durch die U.S.-Zentralbank, dienen als Basis für die darauf aufbauende Analyse des, in Kapitel 3 beschriebenen U.S.-Immobilienmarktes- und Immobilienfinanzierungsmarktes.

2.1 Entwicklungslinien der U.S.-Konjunktur von 2000 bis 2009

Um die Auswirkungen auf die Privatwirtschaft der USA und die geldpolitische Flankierung der Federal Reserve ab 2000 nachvollziehen zu können, bedarf es einer chronologischen Aufarbeitung der privatwirtschaftlich und konjunkturell relevanten Ereignisse ab der Jahrtausendwende bis 2009, welche in den folgenden Unterkapiteln skizziert werden.

2.1.1 U.S.-Aktienmarktentwicklung um die Jahrtausendwende

Zuträglich für die prosperierende Entwicklung des U.S.-Immobilienmarktes von 2002 bis 2006 war ein vorangegangener Aufschwung am Aktienmarkt für Kommunikationswerte, wie IT- und EDV-Unternehmen. An dem sogenannten Neuen Markt (engl. New Economy) hatten sich seit Ende der 1990er Jahre, induziert durch extremen Optimismus bezogen auf das Gewinnpotenzial der Technologiewerte und der Verdrängung wirtschaftlicher Risiken, spekulative Preisblasen gebildet. Getrieben durch hohe Gewinnerwartungen investierten vor der Jahrtausendwende immer mehr private Anleger in überbewertete Aktien von Telekommunikationsunternehmen.3 Hinzu kam, dass institutionelle Anleger wie Pensions- und Versicherungsfonds nach der Asienkrise (1997 – 1998) das Vertrauen in die Aktienmärkte der Schwellenländer verloren hatten und zunehmend in den heimischen U.S.-Aktienmarkt investierten.

Auch die Schwellenländer selbst begannen nach der Krise zunehmend in den amerikanischen Kapitalmarkt zu investieren.4 Die durch die Kapitalzuflüsse aus dem Ausland gestiegene Nachfrage nach Anlagemöglichkeiten ließ die Aktienkurse von Technologieunternehmen weiter ansteigen. Die Erwartungen an eine nachhaltige und langanhaltende Preissteigerung des Technologiesektors wurde um die Jahrtausendwende hingegen vermehrt von Skandalen um Bilanzfälschungen überschattet. Die Entwicklung erreichte im März 2000 den Höhepunkt, als infolge des Vertrauensverlustes durch manipulierte Gewinn- und Wachstumszahlen einiger Unternehmen die Aktienkurse um durchschnittlich mehr als 30 % einbrachen.5 Durch das Platzen der Aktienpreisblase und der daraus resultierenden Unsicherheit für Investoren und Anleger am Aktienmarkt, entwickelten sich die Kurse für Technologie- und Kommunikationswerten nach 2000 stark rückläufig.6

Abb. 2 : Verlauf des NASDAQ Composite Indexa von 1997 bis E

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

a) NASDAQ (National Association of Securities Dealers Automated Quotations) Composite Index = Index für den Aktienhandel am NASDAQ Aktienmarkt.

Quelle: Macrotrends LLC 2020, URL: „https://www.macrotrends.net/1320/nasdaq-historical-chart”

Abbildung 2 beschreibt den Verlauf des NASDAQ Composite Index von 1997 bis Ende 2001. Der Index spiegelt dabei die Bildung der Preisblase während der Aufschwungphase in den späten 1990er Jahren bis zum Höhepunkt im März 2000 wider. Innerhalb von drei Jahren erfuhr der Index einen Anstieg von etwa 300 %. Ebenfalls verdeutlicht die Entwicklung den starken Einbruch der Kurse ab der Jahrtausendwende, induziert durch Bilanzskandale. Wie sich am Kursverlauf ablesen lässt, brach der Index von 2000 bis 2001 um mehr als 50 % ein.

2.1.2 Konjunkturelle Eintrübung der U.S.-Wirtschaft im Jahr 2001

Nachdem der U.S.-Leitindex Dow Jones Industrial Average bereits ab dem Jahr 2000 durch den Börsencrash der Technologieaktien stark unter Druck gesetzt worden war und ab diesem Zeitpunkt nahezu stagnierte, verlor der Leitindex infolge der Terroranschläge vom 11. September 2001, nach einer viertägigen Schließung des Handelsmarktes am 17. September 2001 zwischenzeitlich mehr als 7 %.7

An der U.S.-Wirtschaft zeichnete sich bereits ab Anfang 2001 eine Rezession ab. Um die Wirtschaft zu stimulieren und Unsicherheiten an den Aktienmärkten vorzubeugen, senkte die U.S-Zentralbank Federal Reserve den U.S.-Leitzins von 6,25 % auf knapp unter 2 %, im Jahr 2002.8

Abb. 3 : Verlauf des Dow Jones Industrial Average Indexa von 2000 bis E

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

a) Dow Jones Industrial Average = Index für die Kursentwicklung der, nach Aktienwert 30 bedeutendsten, börsennotierten U.S.-Unternehmen.

Quelle: Macrotrends LLC 2020, URL: „https://www.macrotrends.net/1319/dow-jones-100-year-historical-chart”

Abbildung 3 beschreibt den Verlauf des U.S.-Leitindex Dow Jones Industrial Average in den Jahren 2000 bis 2001. Für das Jahr 2000 zeichnet sich eine volatil, leicht rückläufige Entwicklung ab, wobei der Index ab dem Jahreswechsel 2000/2001 signifikant an Wert verlor. Ab Februar/März 2001 markiert die graue Schraffierung der Abbildung die Rezessionsphase. Die rückläufige Entwicklung erreichte im September 2001 ihren Tiefpunkt, als der Index im Vergleich zum Allzeithoch um die Jahrtausendwende ca. 20 % an Wert verlor.

2.1.3 Wirtschaftswachstumsphase von 2002 bis 2004

Bedingt durch die massive Zinssenkung der Federal Reserve, infolge der Ereignisse am Aktienmarkt für Technologiewerte im März 2000 (siehe hierzu Kapitel 2.1.1) und den Terroranschlägen vom 11. September 2001 (siehe hierzu Kapitel 2.1.2), konnte sich die U.S.-Wirtschaft nach einer neunmonatigen Rezession zwischen März bis November 2001 schnell erholen. Wesentlicher Treiber dieser Entwicklung war der Refinanzierungsboom am U.S.-Hypothekenmarkt, durch die zunehmende Verfügbarkeit und Inanspruchnahme der Kreditaufnahme einkommensschwacher U.S.-Bürger zur Immobilienfinanzierung, ermöglicht durch den niedrigen U.S.-Leitzins.9 Abbildung 4 beschreibt dazu das Wirtschaftswachstum in den USA in den Jahren 2001 bis 2005, anhand des Gross Domestic Products (GDP).

Abb. 4 : Prozentuale Veränderung des GDPa zwischen 2001

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

a) GDP (Gross Domestic Product) = gibt den Gesamtwert aller am U.S.-Markt gehandelten bzw. produzierten Güter innerhalb eines Jahres wieder. Hier als inflationsbereinigte, prozentuale Veränderung.

Quelle: U.S. Bureau of Economic Analysis 2020, URL: „https://fred.stlouisfed.org/series/GDPC1”

Abbildung 4 beschreibt das Wirtschaftswachstum der USA in den Jahren von 2001 bis 2005 anhand des Kursverlaufs des Real Gross Domestic Product (GDP), dem U.S.-amerikanischen Äquivalent zum deutschen Bruttoinlandsprodukt, in Form der prozentualen Veränderung zum Basisjahr 2001 = 100 %. Neben der Rezession in 2001 verdeutlicht der Kursverlauf die Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs in den USA ab 2002. Innerhalb von zwei Jahren verzeichnete die U.S.-Wirtschaft ein Wachstum von ca. 10 %. Maßgeblich hatte der Refinanzierungsboom am U.S.-Hypothekenmarkt, ermöglicht durch den niedrigen U.S.-Leitzins, zu dem Aufschwung in dem Zeitraum beigetragen. Als Folge des konjunkturellen Wachstums sank die U.S.-Arbeitslosenquote zeitversetzt ab Mitte 2003 von 6,3 auf 4,4 % in 2007.10 Zur selben Zeit überstieg die Preissteigerungsrate in den USA das ökonomische Wachstum, sowie die Lohnsteigerung.11 Um einer sich abzeichnenden Inflationsgefahr entgegenzuwirken, hatte die Federal Reserve, unter dem Vorsitz von Alan Greenspan, ab Mitte 2004 begonnen, den U.S.-Leitzins wieder sukzessive anzuheben.12

2.1.4 Konjunkturelle Eintrübung der U.S.-Wirtschaft von 2005 bis 2009

Der Anstieg des U.S.-Leitzinses, infolge der sich abzeichnenden Inflationsgefahr, sorgte unmittelbar für eine erhöhte Zinsbelastung bei Kreditnehmern mit variablen Zinssätzen.13 Durch das Nachjustieren der Kreditzinsen überstieg die Zinslast besonders bei einkommensschwachen Kreditnehmern deren finanzielle Belastbarkeit. Durch den Anstieg des U.S.-Leitzinses setzte kurz darauf eine Zunahme von Kreditausfällen ein.14

Kreditgeber versuchten zunehmend, ausstehende Darlehnsbeträge von säumigen Kreditnehmern durch die Zwangsvollstreckung der finanzierten Immobilien zu begleichen. Diese Entwicklung hatte einen Anstieg des Angebots am Immobilienmarkt zur Folge, weshalb die Marktpreise für Immobilien zunächst stagnierten und sich etwa ab Herbst 2006, in Abhängigkeit zum weiterhin ansteigenden U.S.-Leitzins, rückläufig entwickelten. Infolgedessen verzeichneten Kreditgeber zunehmend Verluste aus ihren Kreditgeschäften, da der, bei der Zwangsversteigerung erzielte Verkaufspreis des Hauses unterhalb des ausstehenden Darlehnsbetrags gesunken war.15 Die sinkenden Immobilienpreise stellten somit nicht nur ein Problem für die Hausbesitzer, sondern im weiteren Verlauf auch für die Kreditgeber dar, da in das Kreditverhältnis eingebrachte Sicherheiten immer mehr an Marktwert verloren.16

Durch den zunehmenden Forderungsverkauf der Geschäftsbanken mittels strukturierter Finanzprodukte nach der Jahrtausendwende, hatte diese Entwicklung allerdings nicht nur bilateral zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer Auswirkungen, sondern traf eine breite Masse an Finanzinvestoren, welche ihre Gelder in forderungsbesicherte Wertpapiere investiert hatten. Durch die Verbriefung mittels Mortgage Backed Securities und später auch Collateralized Dept Obligations waren somit auch Anleihenhalter abseits des Immobilienmarktes von der rückläufigen Immobilienpreisentwicklung betroffen.17

Verursacht durch den Preisverfall am U.S.-Immobilienmarkt verzeichneten die Anleihen, welche durch verbriefte Forderungen aus Immobiliendarlehn gedeckt waren, Wertverluste. Die Sicherheit der zugrundeliegenden Vermögensgegenstände wurde zunehmend angezweifelt, weshalb Rating-Agenturen Mortgage Backed Securities und andere verbreitete, strukturierte Finanzprodukte im Zusammenhang mit dem Preisverfall des Immobilienmarktes mitunter signifikant herabstuften.18 Der Wertverlust und die Herabstufung der Ratings für forderungsbesicherte Wertpapiere brachte institutionelle Anleger wie Versicherungsgesellschaften oder Pensionsfonds zunehmend in Bedrängnis. Diese waren gemäß ihrer Anlagevorschriften dazu verpflichtet, herabgestufte oder im Marktwert gefallene Wertpapiere zu veräußern. Aufgrund des daraus resultierenden Überangebots an forderungsbesicherten Wertpapieren19 waren Anleger zusehends gezwungen, ihre Papiere unterhalb des Nennwerts zu verkaufen.20 Bedingt durch den Forderungsausfall, die rückläufigen Immobilienpreise, der Herabstufung der Ratings und dem Wertverlust, brach der Handel mit forderungsbesicherten Wertpapieren im zweiten und dritten Quartal 2007 nahezu gänzlich ein.21

U.S.-Investment- und Geschäftsbanken sind nach den Rechnungslegungsvorschriften der U.S.-GAAP (United States Generally Accepted Accounting Principles) zu einer marktnahen Bewertung ihres Anlagevermögens, dem sogenannten Fair Value verpflichtet. In der Bilanz gehaltene Vermögenswerte sind dabei laufend (tageweise) bis mindestens quartalsweise zu bewerten, wodurch Marktpreisänderungen zeitnah in die Bilanz einfließen.22 Die unmittelbar bilanzierten Wertverluste durch Wertberichtigung der forderungsbesicherten Wertpapiere mussten abgeschrieben werden, was zur Verminderung des Eigenkapitals führte und negative Auswirkungen auf die weitere Kreditvergabe, sowie die Refinanzierung der Banken hatte.23

Der Finanzsektor, sowie der Geld- und Kapitalmarkt waren indirekt an den Immobilienmarkt, beziehungsweise direkt an die Entwicklung des Immobilienkreditmarktes gekoppelt. Der Fundamentalwert der forderungsbesicherten Wertpapiere ließ sich allerdings durch die komplexen Verbriefungsstrukturen nicht mehr identifizieren. Als die Banken, welche sich gegenseitig über den Interbankenmarkt bzw. über Rückkaufgeschäfte finanzierten, nicht mehr in der Lage waren, die Ausfallrisiken ihrer Kreditforderungen exakt beziffern zu können, löste dies eine Vertrauenskrise zwischen den Finanzinstituten aus. Diese waren nicht mehr bereit, sich gegenseitig Liquidität zu Verfügung zu stellen. Der zum Teil sehr hohe Fremdkapitalanteil von langfristig finanzierten forderungsbesicherten Wertpapieren, welche zum Zwecke der Fristentransformation mittels kurzfristigem Fremdkapital refinanziert wurden, war besonders anfällig für eine gestörte Liquiditätsbeschaffung.24 Infolge der Unsicherheit stieg der Zinssatz für Interbankenkredite auf ein Rekordhoch und überschüssige Liquidität der Banken wurde nicht mehr am Interbankenmarkt verliehen, sondern bei der Federal Reserve in Form von Überschussreserven hinterlegt.25

Der Verlauf dieser gestörten Liquiditätsbeschaffung über den Interbankenmarkt wird anhand des, in Abbildung 5 beschriebenen TED-Spreads für das Zeitfenster von 2007 bis Ende 2009, verdeutlicht. Der Kursverlauf setzt den Dreimonats-LIBOR, welcher den Referenzzinssatz für internationale Interbankenkredite ermittelt, mit der Rendite für Dreimonats-Treasury Bills (U.S. Schatzwechsel) ins Verhältnis. Ein hoher Spread-Wert stellt einen Indikator für eine Störung des Interbankenhandels dar.26

Abb. 5 : Verlauf des TED-Spreadsa von 2007 bis E

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

a) TED-Spread (Treasury Bill Eurodollar Difference) = Verhältnis zwischen der Verzinsung des Dreimonats-LIBOR (London Interbank Offered Rate) und dem Dreimonats-Treasury Bills (U.S. Schatzwechsel).

Quelle: Federal Reserve Bank of St. Louis 2020, URL: „https://fred.stlouisfed.org/series/TEDRATE“

Der Kursverlauf weist zwischen 2007 und 2009 zwei signifikante Merkmale auf. Der erste starke Anstieg des Spreads von 0,5 % auf über 2 % im August 2007 lässt sich dabei unter anderem auf die Insolvenzmeldung von zwei Hedgefonds von Bear Stearns (31.07.2007), sowie die Insolvenzmeldung von American Home Mortgage (06.08.2007), einer der größten U.S.-Hypothekenanbieter zurückführen. Der von August 2007 bis September 2008 im Bereich zwischen 1 % bis 2 % volatil verlaufende Spread verdeutlich die zunehmende Sensibilisierung für Kreditausfälle am Interbankenmarkt. Der zweite signifikante Anstieg des Spreads von 1 % auf ca. 4,5 % von September bis Oktober 2008 lässt sich zunächst auf die Insolvenzmeldung der U.S.-Investmentbank Lehman Brothers (15.09.2008), die unmittelbar folgende Verstaatlichung des Kreditversicherers American International Group (17.09.2008), sowie auf die Ablehnung eines, vom U.S.-Finanzministerium geplanten Rettungspakets für den U.S.-Finanzsektor in Höhe von $ 700 Mrd. am 28.09.2008 zurückführen.27

2.2 Privatwirtschaftliche Entwicklung in den Jahren 2007 und 2008

Die Folgen der in Kapitel 2.1.4 beschriebenen, volatilen und deutlich angespannten wirtschaftlichen Lage in den USA werden in Kapitel 2.2 anhand deren Auswirkungen auf die folgenden privatwirtschaftlichen, sowie halbstaatlichen Unternehmen skizziert. Dabei dient die fallweise Beschreibung dazu, die wesentlichen Ereignisse in chronologischer Abfolge für eine bessere Einordnung des Umfangs widerzuspiegeln. Die folgenden Beispiele stellen keinen ganzheitlichen Umfang der Ereignisse dar, sondern dienen stellvertretend dazu, die Auswirkungen zu klassifizieren.

Die U.S.-Investmentbank Bear Stearns

Die im Jahr 1923 gegründete U.S. amerikanische Investmentbank Bear Stearns beschäftigte im Jahr 2007 etwa 13.000 Mitarbeiter. Infolge der Wertberichtigungen von forderungsbesicherten Wertpapieren musste das Unternehmen im dritten und vierten Quartal 2007 mehr als 2 Mrd. U.S.-Dollar außerplanmäßig abschreiben.28 Die schlechten Quartalszahlen hatten dafür gesorgt, dass Bear Stearns den Zugang zum Interbankenmarkt und damit zu einer der wichtigsten Refinanzierungsquellen verlor.

Unter staatlichen Garantien des U.S.-Finanzministeriums und mithilfe der Federal Reserve wurde Bear Stearns am 17. März 2008 zu einem Kurs von 10 $/Aktie an den direkten Konkurrenten JP Morgan Chase & Co. verkauft. Der Aktienkurs von Bear Stearns lag noch eine Woche zuvor bei ca. 30 $/Aktie.29 Die Übernahme unter staatlichen Garantien wurde seitens des U.S.-Finanzministeriums dadurch begründet, dass sich die Lage am U.S.-Finanzsektor, im Falle einer Insolvenz von Bear Stearns, weiter zugespitzt hätte.30

Die Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac

Die staatlich-lizensierten Hypothekenbanken (engl. Government Sponsored Enterprises) Fannie Mae (Federal National Mortgage Association) und Freddie Mac (Federal Home Loan Mortgage Corporation) galten aufgrund ihres starken Einflusses auf den Hypothekenmarkt als wesentliche Treiber der U.S.-Immobilienwirtschaft. Die Hypothekenbanken verfolgten im politischen Sinne den öffentlichen Zweck, liquide und zinsgünstige Hypotheken für die Eigenheimfinanzierung sicherzustellen,31 indem sie Hypothekenforderungen von anderen Hypothekenbanken am Sekundärmarkt erwarben, damit diese wiederum neue Kredite vergeben konnten.32 Zur politischen Förderung der Eigentumsbildung einkommensschwacher Bevölkerungsschichten wurden Fannie Mae und Freddie Mac im Jahr 1992 durch den Federal Housing Enterprise Financial Safety and Soundness Act dazu verpflichtet, einen definierten prozentualen Anteil an Hypotheken von einkommens- und bonitätsschwachen Schuldnern zu halten.33 Im Sommer 2008 hielten die Finanzintermediäre Immobilienkredite in Höhe von ca. 5 Billionen U.S.-Dollar, was etwa 50 % des gesamten U.S.-Hypothekenmarktes entsprach. Infolgedessen waren diese von dem Preisverfall im Immobilienmarkt, sowie dem Anstieg der Kreditausfälle stark betroffen. Mit einem Wertverlust des Aktienkurses von etwa 50 % wurden die beiden Hypothekenbanken am 8. August 2008 verstaatlicht.34 Das U.S.-Finanzministerium hatte Fannie Mae und Freddie Mac, bedingt durch ihre wichtige Funktion für einen funktionierenden U.S.-Immobilienmarkt als „too big to fail“ eingestuft. Die Insolvenz der zwei größten Hypothekengeber wäre für den U.S.-Hypothekenmarkt und die U.S.-Immobilienwirtschaft nicht tragbar gewesen.35

Die U.S.-Investmentbank Lehman Brothers

Die U.S.-Investmentbank Lehman Brothers galt lange Zeit als eine der vier größten Investmentbanken der Welt, mit einem Börsenwert von über 500 Mrd. U.S.-Dollar (Stand 2006) und mehr als 24.000 Mitarbeitern.36 Richard Fuld, der CEO der Investmentbank hatte während der guten wirtschaftlichen Entwicklung in den Jahren von 2000 bis 2008 insgesamt 484,8 Mio. Dollar (Gehalt und Boni) verdient.37 Ende 2007 umfasste die Bilanz von Lehman Brothers ca. 691 Mrd. Dollar, 50 % davon wurden durch Rückkaufgeschäfte finanziert. Ähnlich wie Bear Stearns, hatte Lehman Brothers Mitte 2008 infolge von Wertberichtigungen hohe Abschreibungen durchführen müssen und dem Unternehmen drohte die Zahlungsunfähigkeit.38 Der U.S.-Finanzminister Henry Paulson teilte am 10. September 2008 mit, dass die Bank nicht von der U.S.-Regierung gerettet werden würde. Auch Gespräche mit Konkurrenten, welche zur Übernahme von Lehman Brothers bereit waren, scheiterten. Am 15. September 2008 musste Lehman Brothers daraufhin Insolvenz anmelden.39 Die Bekanntgabe sorgte für einen sprunghaften Anstieg der Zinssätze am Interbankenmarkt. Das U.S.-Finanzministerium hatte fälschlicherweise angenommen, dass die Insolvenz von Lehman Brothers weniger weitreichende Folgen für das U.S.-Finanzsystem haben würde, als die abgewendete Insolvenz von Bear Stearns. Weiterhin sollte die Ablehnung der Rettung dazu dienen, Fehlanreize für verantwortungsloses Verhalten an den Finanzmärkten (eng. Moral Hazard) einzudämmen.40

[...]


1 Datenquelle: Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages 2009, URL: "https://www.bundestag.de/resource/blob/409652/69ed4dc7fa37c7fa3158d8b5ce274584/wd-4-075-09-pdf-data.pdf".

2 Vgl. Quiring 2013, S. 10.

3 Vgl. für diesen Absatz Krugman 2009, S. 172.

4 Datenquelle: Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages 2009, URL: "https://www.bundestag.de/resource/blob/409652/69ed4dc7fa37c7fa3158d8b5ce274584/wd-4-075-09-pdf-data.pdf".

5 Vgl. Knüfermann 2018, S. 162.

6 Vgl. Bloss et al. 2009, S. 15.

7 Datenquelle: Handelsblatt Print 2001, URL: "https://archiv.handelsblatt.com/document/HB__090-118501%7CHBPM__090118501":

8 Vgl. für diesen Absatz Rottke et al. 2009, S. 21.

9 Vgl. Bechtold 2009, S. 10.

10 Vgl. Bloss et al. 2009, S. 155.

11 Vgl. Sinn 2012, S. 63.

12 Vgl. für diesen Absatz Sinn 2012, S. 70. ff

13 Vgl. Bloss et al. 2009, S. 15.

14 Vgl. Tooze 2018, S. 88.

15 Vgl. Krugman 2009, S. 196.

16 Vgl. Rottke et al. 2009, S. 31.

17 Vgl. für diesen Absatz Krugman 2009, S. 197.

18 Vgl. Sinn 2012, S. 182.

19 Vgl. Rottke et al. 2009, S. 33.

20 Vgl. Krugman 2009, S. 197.

21 Vgl. Gantenbein et al. 2014, S. 70.

22 Vgl. Rottke et al. 2009, S. 33.

23 Vgl. Rottke et al. 2009, S. 33.

24 Datenquelle: Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages 2009, URL: "https://www.bundestag.de/resource/blob/409652/69ed4dc7fa37c7fa3158d8b5ce274584/wd-4-075-09-pdf-data.pdf".

25 Vgl. Knüfermann 2009, S. 2.

26 Vgl. für diesen Absatz Badek 2010, S. 57.

27 Vgl. für diesen Absatz Sinn 2012, S. 417 ff.

28 Vgl. Bloss et al. 2009, S. 133.

29 Vgl. Ebenda.

30 Vgl. Rottke et al. 2009, S. 33.

31 Vgl. Bloss et al. 2009, S. 45.

32 Vgl. Tooze 2018, S. 60.

33 Vgl. Tooze 2018, S. 63.

34 Vgl. Sinn 2012, S. 166.

35 Vgl. Bloss et al. 2009, S. 50

36 Vgl. Sinn 2012, S. 89.

37 Vgl. Tooze 2018, S. 84.

38 Vgl. Tooze 2018, S. 79.

39 Vgl. Sinn 2012, S. 89.

40 Vgl. Rottke et al. 2009, S. 34.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Die US-Subprime-Krise 2007/2008. Ursachen, Ablauf und Bedeutung
Hochschule
EBZ Business School (ehem. Europäisches Bildungszentrum der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft)
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
42
Katalognummer
V932082
ISBN (eBook)
9783346265432
ISBN (Buch)
9783346265449
Sprache
Deutsch
Schlagworte
us-subprimekrise, ursachen, ablauf, bedeutung
Arbeit zitieren
Julian Kemper (Autor:in), 2020, Die US-Subprime-Krise 2007/2008. Ursachen, Ablauf und Bedeutung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/932082

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