Legitimation der Ostkolonisation Livlands

Motive der mittelalterlichen Kreuzzugsgeschichtsschreibung, dargestellt am Beispiel des Werks Reinhard Wittrams (1902 - 1973)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Chroniken des Deutschordens im mittelalterlichen Livland
2.1 Historische Entwicklungen im 12. und 13. Jahrhundert
2.2 Gattung der Deutschordenschronik
2.3 Autoren und Werke

3. Motive der Kreuzzugsgeschichtsschreibung
3.1 Herrschaftslegitimierende Denkmuster
3.2 Zivilisierungsmotiv
3.3 Christianisierungsmotiv

4. Konzepte altlivländischer Geschichte des deutschbaltischen Historikers Reinhard Wittram
4.1 Historische Entwicklungen im 20. Jahrhundert
4.2 Politische Instrumentalisierung

5. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das mittelalterliche Livland, das geografisch in etwa den heutigen Republiken Estland und Lettland entspricht, war eine Grenzregion der lateinischen christianitas im Nordosten Europas. Erobert, besiedelt und christianisiert wurden die baltischen Völker im 12. und 13. Jahrhundert durch den Deutschen Orden, der sich zum Heidenkampf verpflichtet, und seine Unternehmungen in Kreuzzugs-chroniken festgehalten hatte. Die mittelalterlichen Darstellungen der Eroberung Livlands beeinflussten bis ins 20. Jahrhundert hinein die Forschungsinteressen und -erzeugnisse deutschbaltischer Historiker, die nationale Traditionszusammenhänge zwischen dem Mittelalter und der Moderne zu erkennen glaubten.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die zentralen Motive in der livländischen Kreuzzugsgeschichtsschreibung zu charakterisieren sowie ihre Funktion nachzuvollziehen. Darauf aufbauend soll untersucht werden, wie deutschbaltische Historiker im 20. Jahrhundert Elemente mittelalterlicher Kreuzzugschroniken als Argument für die deutsche Herrschaft im Baltikum und gegen die politisch-staatliche Emanzipation der Letten und Esten nutzten. Im Zentrum der Betrachtung steht hierbei das Werk Reinhard Wittrams (1902-1973), einer der profiliertesten deutschbaltischen „Ostforscher“, der ab 1938 Professor in Riga und von 1955 an bis zu seiner Emeritierung Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Göttingen war.

Untersucht werden zunächst zwei Chroniken des mittelalterlichen Livlands. Dabei handelt es sich zum einen um die lateinische ,Livländische Chronik‘ (nach 1180) des Priesters Heinrich von Lettland, der selbst an Missionsreisen der deutschen Kreuzritter teilgenommen hatte. Als zweiter Text wird die ,Livländische Reimchronik‘ (nach 1290) herangezogen, die von einem Bruder des Deutschen Ordens in mittelhochdeutscher Sprache verfasst worden war. Die livländische Chronik des Hermann von Wartberge aus dem 14. Jahrhundert wird nicht miteinbezogen, da die vorliegende Untersuchung sich auf die frühen Chroniken der livländischen Eroberung fokussiert. Im Folgekapitel wird anhand ausgewählter Publikationen Wittrams, erschienen in den 1930er und 1940er Jahren, das Fortwirken der mittelalterlichen Geschichtsschreibung bis weit ins 20. Jahrhundert hinein aufgezeigt.

2. Chroniken des Deutschordens im mittelalterlichen Livland

Das zweite Kapitel beleuchtet zunächst die historischen Hintergründe für die Niederlassung des Deutschen Ordens im damaligen Livland. Die Ursachen für die Entstehung einer deutschen Ostsiedlung im Mittelalter werden ebenso beschrieben wie der Verlauf der Eroberung Livlands. Nachdem die Vorbedingungen für die Chronikproduktion des Deutschen Ordens in Livland geklärt worden sind, wird auf die Quellengattung der Deutschordenschronik, ihre Charakteristika und Grundfunktionen, eingegangen. Abschließend werden diejenigen Chroniken, die die höchste Relevanz für die Geschichtsschreibung des Deutschen Ordens in Livland haben, vorgestellt.

2.1 Historische Entwicklungen im 12. und 13. Jahrhundert

Die Herrschaft der deutschen Minderheit im damaligen Livland nahm ihren Anfang im Hochmittelalter und dauerte sieben Jahrhunderte an. Die ersten deutschen Siedler auf lettischem und estnischem Gebiet waren Kaufleute der Hanse, denen Geistliche und wenig später Kreuzfahrer nachfolgten.

Als Ursache für die Entstehung einer deutschen Ostsiedlung im mittelalterlichen Livland gilt der doppelte Expansionsprozess.1 Ab dem frühen 12. Jahrhundert begann eine Siedlungsbewegung von Mitteleuropa aus nach Norden und Osten. Dies lag zum einen daran, dass Vertreter der katholischen Kirche sich wieder auf den Missionsbefehl besannen, den Christus seinen Anhängern aufgetragen hatte (Mt 28, 19f.). Zum anderen setzten ein rasches Bevölkerungswachstum sowie eine höhere Produktivität der Landwirtschaft, der Zuwachs an Gewerbetreibenden und an Ministerialen, aus deren Gruppe sich der Deutsche Orden zu einem Großteil rekrutierte, die wesentlichen Impulse für den Landes-ausbau von Mittel- nach Nordosteuropa. Missionierungsbemühungen sind im Falle der livländischen Eroberung also eng verknüpft mit dem Landesausbau deutscher Siedler.2

Die Christianisierung des heutigen Baltikums begann mit dem Wirken des Augustinermönchs Meinhard, später erster Bischof von Livland, der sich ab 1180 um die friedliche Missionierung der baltischen Stämme bemühte.3

Mit der Weihe des Zisterziensers Bertold von Loccum, der um 1196/97 Meinhards Nachfolge als Bischof der Liven antrat, endeten die friedlichen Missionstätigkeiten in Livland. Nachdem Papst Coelestin III. die Kreuzzugsbulle bewilligt und damit die Eroberung Livlands den Kreuzzügen ins Heilige Land gleichgestellt hatte, organisierte Bertold ein bewaffnetes Kreuzfahrerheer. Der erste Einsatz der Armee, bestehend aus Sachsen, Westfalen und Friesen, markiert 1198 den Beginn der gewaltsamen Eroberung des Baltikums durch deutsche Kreuzfahrer. An der Eroberung des heute lettisch-estnischen Gebiets waren zunächst die livländischen Schwertbrüder beteiligt, die nach einer schweren Niederlage im Jahr 1237 im Deutschen Orden aufgingen, sowie deutsche Vasallen, Bürger und Kaufleute.4

Der Deutsche Orden zählt, wie die Templer und Johanniter, zu den drei großen Kreuzzugsorden und wurde 1198 gegründet. Wie bei den anderen Kreuzfahrerorden war der Gründungszweck des Deutschen Ordens der Kampf gegen die Heiden. Der Wirkungskreis des Ordens beschränkte sich zunächst auf Palästina, weitete sich dann aber in den Jahrzehnten nach dessen Gründung bis nach Nordosteuropa aus.5

Während die Herrschaft im Heiligen Land nur von kurzer Dauer war und bereits 1291 aufgegeben werden musste, gelang es dem Deutschen Orden nach jahrzehntelangen Kämpfen, Liven, Letten und Esten dauerhaft zu unterwerfen. Neben der Missionierung der Einheimischen strebten die Ordensritter nun danach, eine weltliche Herrschaft zu errichten. Der Deutsche Orden, der aufgrund seiner militärischen Schlagkraft6 für die „Kombination von Bekehrung und Unterwerfung“7 geradezu prädestiniert gewesen sei, trug im 13. Jahrhundert maßgeblich zur Bildung der sogenannten Livländischen Konföderation bei. Dieser Zusammenschluss von Kleinstaaten setzte sich aus den Bistümern Riga, Dorpat, Ösel-Wiek und Kurland, dem Herrschaftsgebiet des Deutschen Ordens sowie dem ehemals dänischen Herzogtum Estland zusammen.8

Das Herrschaftsstreben der Eroberer zeigt sich nicht nur in den neu gegründeten Staatenbündnissen, sondern auch in den schriftlichen Selbstdarstellungen des Deutschen Ordens. Die Charakteristika der Deutschordenschronik werden im Folgenden näher beleuchtet.

2.2 Gattung der Deutschordenschronik

Die Deutschordenschronik wird als besondere Form der Chronik, einer Gattung der mittelalterlichen Geschichtsschreibung, verstanden. Wie auch die Chronik im Allgemeinen, reiht sie Ereignisse in ihrer zeitlichen Abfolge aneinander, und steht damit in enger Verbindung zu den Annalen9, die Auskunft geben über die wichtigsten Nachrichten eines Jahres. Darüber hinaus ist sie üblicherweise von einem Autor verfasst, spricht einen größeren Kreis von Rezipienten an und stellt immer wieder Bezüge zur christlichen Heilsgeschichte her.10

Boockmann unterscheidet zwischen einer Deutschordenschronik im engeren und weiteren Sinne. Der eng gefasst Begriff bezieht sich auf chronikalische Texte, die von einem Ordensbruder für Ordensbrüder verfasst wurden. Die weite Begriffsauffassung bezieht auch Texte mit ein, die von Autoren außerhalb des Ordens geschrieben wurden und weniger den Charakter von Ordens-, als vielmehr von Landeschroniken haben.11 Die Übergänge von der Ordens- zur Landesgeschichtsschreibung sind fließend, da der inhaltliche Schwerpunkt der Deutschordenschronik – neben den Schilderungen des Heidenkampfes – auf territorialgeschichtlichen Themen liegt.12

Der Aufbau von Deutschordenschroniken folgt keiner einheitlichen Form, sondern ist heterogen. Einerseits werden Bezüge zur Heiligen Schrift hergestellt, andererseits soll die Leserschaft auch unterhalten werden. Zu diesem Zweck setzen die Verfasser unter anderem Elemente der Heldenepik ein.13

Die Funktion der Deutschordenschroniken konnte erstens praktischer Art sein: So hatte die mittelalterliche Geschichtsschreibung meist eine erzieherische Absicht.14 Die Verfasser wollten die Ordensritter zur Einhaltung der Regeln motivieren und sie an ihre ursprüngliche Bestimmung, die Bekämpfung und Bekehrung von Heiden, erinnern.15 Neben der Darstellung vorbildlicher Verhaltensmuster sollten die Chroniken zweitens gewährleisten, dass der Ruhm Verstorbener über deren Tod hinaus anhält und von den nachfolgenden Generationen nicht vergessen wird.16

Drittens, und das ist im Kontext der vorliegenden Arbeit besonders relevant, war es die Zielsetzung der Autoren, mittels der Chronik bestimmte Ansprüche zu beweisen. Bartlett spricht in diesem Zusammenhang von „Gründungsurkunden“17, die sich der Deutsche Orden selbst ausstellte, um die Ostkolonisation zu legitimieren.

2.3 Autoren und Werke

Die vorliegende Untersuchung beschränkt sich auf die frühen Chroniken des Deutschen Ordens in Livland: das ,Chronicon Livoniae‘ des Heinrich von Lettland18, entstanden zwischen 1208 und 1259, und die ,Livländische Reimchronik‘19, entstanden zwischen 1290 und 1298.

Heinrichs Werk gilt als „für die Entstehung der deutschen Kolonie Livlands und zugleich auch für die Frühgeschichte der baltischen Völker […] weitaus wichtigste Quelle“20. Jedoch ist strittig, ob das ,Chronicon Livoniae‘ der Geschichtsschreibung des Deutschen Ordens zuzuordnen ist. Während Hellmann Heinrichs ,Livländische Chronik‘ von der Deutschordenschronistik abgrenzt21, da ihr Verfasser kein Ordensmitglied sondern Priester des Bistums Riga war, plädiert Boockmann für eine weite Begriffsauffassung: „Wer von der […] für den Orden geschriebenen mittelalterlichen Geschichtsschreibung spricht, der kann sich […] nicht auf die Deutschordenschronistik im engeren Sinne beschränken.“22 Die vorliegende Arbeit schließt sich der letztgenannten Meinung an und zählt die ,Livländische Chronik‘, die ja auf dem Gebiet des Deutschen Ordens entstanden ist, zu dessen Geschichtsschreibung.

Der Verfasser des ,Chronicon Livoniae‘ stammte aus dem niederdeutschen Raum und empfing 1208 durch Bischof Albert die Priesterweihe. Heinrichs Dienstherr war mit großer Wahrscheinlichkeit auch derjenige, der ihn damit beauftragte, die Bekehrungsgeschichte des Baltikums schriftlich festzuhalten.23

Heinrichs Chronik umfasst den Zeitraum 1180 bis 1227. Zu Beginn wird von Meinhards Wirken, dem ersten Bischof von Livland, berichtet. In der Folge gliedert Heinrich die Ereignisse, angelehnt an die Regierungsjahre seines Dienstherren Bischof Albert, chronologisch. Darstellungen über die Anfänge des Schwertbrüderordens, der 1237 im Deutschen Orden aufging, sind ebenfalls enthalten.

Da der Chronist selbst an zahlreichen Kriegs- und Missionszügen teilnahm, lässt er den Leser nicht nur am Missionsvorhaben, sondern auch an seinen persönlichen Erfahrungen und Eindrücken, die er bei seinen Reisen durch Livland sammelt, teilhaben. Vor diesem Hintergrund ordnen einige Historiker das ,Chronicon Livonia‘ der Landesgeschichtsschreibung zu.24

Das ,Chronicon Livoniae‘ ist in lateinischer Sprache verfasst, was den damaligen Rezipientenkreis bedeutend einschränkte. Einen volkstümlicheren Charakter hat dahingegen die ,Livländische Reimchronik‘, die sich aus mittelhochdeutschen Versen zusammensetzt.25

Die ,Livländische Reimchronik‘ wurde im späten 13. Jahrhundert von einem anonymen Autor verfasst. Seine tiefgehenden Kenntnisse der Kriegsführung lassen darauf schließen, dass es sich bei dem Verfasser um einen Ritter des Deutschen Ordens handelte.26

Im Mittelpunkt der Chronik steht die Christianisierung Livlands. Der Autor eröffnet seine chronikalische Erzählung mit der Ankunft deutscher Kaufleute und Siedler an der Düna zu Beginn des 13. Jahrhunderts, beleuchtet die Gründung des Schwertbrüderordens und dessen Übergang in den Deutschen Orden ab 1237. Charakteristisch für die ,Livländische Reimchronik‘ sind die detaillierten Beschreibungen der Kriegshandlungen und der Auseinandersetzungen zwischen den deutschen Ordensbrüdern und den baltischen Stämmen.

Als sogenanntes „Tischbuch“ diente die ‚Livländische Reimchronik‘ dazu, den Ordensrittern bei den gemeinsamen Mahlzeiten laut vorgelesen zu werden. Damit sollte die Erinnerung an die Christianisierung Livlands immer wachgehalten und die Motivation der Ritter, gegen die Heiden zu kämpfen, bestärkt werden.27

3. Motive der Kreuzzugsgeschichtsschreibung

Zur Legitimierung der Ostkolonisation Livlands nutzen die mittelalterlichen Chronisten zum einen die Unterscheidung in Christen und Heiden, zum anderen stellten sie dem Bild des zivilisierten, deutschen Eroberers das des einheimischen „Barbaren“ gegenüber.28 Sowohl das Christianisierungs- als auch das Zivilisierungsmotiv werden zu Beginn des dritten Kapitels anhand Osterhammels Grundelemente kolonialistischen Denkens theoretisch fundiert. Darauf aufbauend werden am Beispiel des ‚Chronicon Livoniae‘ und der ‚Livländischen Reimchronik‘ die narrativen Strategien der Verfasser, die diese zur Legitimierung der Fremdherrschaft einsetzen, herausgearbeitet.

3.1 Herrschaftslegitimierende Denkmuster

Nach Osterhammel gibt es drei Grundelemente, die prägend sind für das kolonialistische Denken der Neuzeit: (1) das Konstruieren anthropologischer Gegenbilder, (2) Sendungsglaube und Vormundschaft sowie (3) die Utopie der Nicht-Politik.29 Während das letztgenannte Element eine eher geringe Relevanz für die Untersuchung der mittelalterlichen Kreuzzugsgeschichtsschreibung hat, eignen sich die beiden erstgenannten Merkmale dafür, die Perspektive der mittelalterlichen Chronisten einzuordnen. Hierfür soll im Folgenden ausgeführt werden, welche Denkmuster dem Christianisierungs- und Zivilisierungsmotiv der Kreuzzugsgeschichtsschreibung zu Grunde liegen.

Das erstgenannte Element geht von der Grundannahme aus, bei der einheimische Bevölkerung handle es sich um das anthropologischer Gegenbild zu einem selbst, d. h., sie unterscheide sich grundsätzlich von den Eroberern. Die Bewohner des eroberten Gebiets werden als intellektuell, physisch sowie kulturell unterlegen wahrgenommen. Als „Beleg“ für die Andersartigkeit der Fremden gelten beispielsweise heidnische Sitten, mangelnde technologische Kompetenzen oder auch schlechte Charaktereigenschaften.30 Die deutschen Eroberer sahen sich gewissermaßen als Kulturbringer für den Nordosten Europas (Zivilisierungsmotiv).

Aus diesen Vorstellungen ergibt sich zwangsläufig eine Vormundschaftspflicht gegenüber den Eroberten. Denn wer kulturell unterlegen oder sogar unmündig ist, benötigt Führung.31 Im Mittelalter waren die deutschen Siedler ganz konkret davon überzeugt, die Livländer durch die Bekehrung von ewiger Sünde zu befreien und damit den Missionsgedanken Christi zu erfüllen (Christianisierungsmotiv).

3.2 Zivilisierungsmotiv

Zivilisierungsmotive sind, wie schon in Abschnitt 3.1. erläutert, nicht nur Bestandteil des neuzeitlichen, überseeischen Kolonialismus, sondern wurden bereits im Mittelalter zur Herrschaftslegitimierung genutzt.

Für die Abwertung der einheimischen Bevölkerung gibt es in Heinrich von Lettlands ,Livländischer Chronik‘ mehrere Beispiele. Das Hervorheben der „inferiore[n] ,Andersartigkeit‘“32 wird deutlich, wenn Heinrich den deutschen Siedlern und Ordensrittern durchweg positive Eigenschaften zuschreibt, das Bild des Liven hingegen größtenteils mit negativen Stereotypen belegt. Zwar gesteht Heinrich den Liven durchaus zu, im Kampf listig, gerissen und schlau vorzugehen33, gleichwohl hält er sie für töricht und verstockt, da sie sich vehement gegen die christliche Botschaft wehren: „Ein Kranker auch rief den Bruder Theoderich, bat um die Taufe, jedoch die freche Verstocktheit der Weiber hinderte ihn an seinem heiligen Vorsatz.“34

Um die kulturelle Überlegenheit gegenüber den Liven herauszustellen, berichtet Heinrich gleich zu Beginn der Chronik davon, dass die Technik des Steinmauerbaus erst mit den deutschen Siedlern ins Land gekommen sei.35

Weiterhin wird aus den Schilderungen des Kriegsgeschehens deutlich, dass Heinrich den Liven eine animalische Natur unterstellt und sie gewissermaßen mit Bestien gleichsetzt, die sich im Kampf in reißende Wölfe36 verwandeln und ihre Feinde Glied für Glied37 zerreißen. Ganz im Gegensatz dazu zeichnen sich die deutschen Eroberer grundsätzlich durch Standhaftigkeit38, Mannhaftigkeit39 und rühmliches40 Verhalten im Kriegsgeschehen aus.

Grundsätzlich attestiert Heinrich den Liven einen zweifelhaften, verschlagenen Charakter. Zu nennen sind hier die negativ konnotierten Adjektive treulos41, heuchlerisch42, trügerisch43, diebisch44 sowie schmeichlerisch45, mit denen der Chronist die livländische Bevölkerung beschreibt.

[...]


1 Hartmut Boockmann, Der Deutsche Orden. Zwölf Kapitel aus seiner Geschichte, München 1981, S. 71.

2 Ebd., S. 115ff.

3 Manfred Hellmann, Die Anfänge christlicher Mission in den baltischen Ländern, in: ders. (Hrsg.), Studien über die Anfänge der Mission in Livland, Sigmaringen 1989 (Vorträge und Forschungen, 37), S. 7-36, hier: 34.

4 Norbert Angermann/Karsten Brüggemann, Geschichte der baltischen Länder, Stuttgart 2018, S. 23.

5 Boockmann, Der Deutsche Orden, S. 11.

6 Robert Bartlett, Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt. Eroberung, Kolonisie-rung und kultureller Wandel von 950 bis 1350, München 1996, S. 122.

7 Boockmann, Der Deutsche Orden, S. 93.

8 Angermann/Brüggemann, Geschichte der baltischen Länder, S. 29-30.

9 Herbert Grundmann, Geschichtsschreibung im Mittelalter: Gattungen - Epochen - Eigenart, 3. Aufl., Göttingen 1978, S. 25.

10 Karl Schnith, Artikel ,Der Begriff Chronik‘, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 2, Stuttgart - Weimar 1999, Sp. 1956–1967.

11 Hartmut Boockmann, Die Geschichtsschreibung des Deutschen Ordens. Gattungsfragen und „Gebrauchssituationen”, in: Hans Patze (Hrsg.), Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein im späten Mittelalter, Sigmaringen 1987 (Vorträge und Forschungen, 31), S. 447-467, hier: S. 447-448.

12 Grundmann, Geschichtsschreibung, S. 45.

13 Michael Neecke, Literarische Strategien narrativer Identitätsbildung. Eine Untersuchung der frühen Chroniken des Deutschen Ordens, Regensburg 2008 (Regensburger Beiträge zur deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft, 94), S. 27.

14 Grundmann, Geschichtsschreibung, S. 24.

15 Boockmann, Geschichtsschreibung des Deutschen Ordens, S. 454.

16 František Graus, Funktionen der spätmittelalterlichen Geschichtsschreibung, in: Hans Patze (Hrsg.), Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein im späten Mittelalter, Sigmaringen 1987 (Vorträge und Forschungen, 31), S. 11-55, hier: S. 23-24.

17 Bartlett, Geburt Europas, S. 180.

18 Für diese Arbeit wurde folgende Edition benutzt: Heinrich’s von Lettland Livländische Chronik, ein getreuer Bericht, wie das Christenthum und die deutsche Herrschaft sich im Lande der Liven, Letten und Ehsten Bahn gebrochen. Nach Handschriften mit vielfacher Berichtigung des üblichen Textes aus dem Lateinischen übersetzt und erläutert von Eduard Pabst, Reval 1867.

19 Hier benutzt: Die livländische Reimchronik von Dittlieb von Alnpeke, in das Hochdeutsche übertragen und mit Anmerkungen versehen von Eduard Meyer, Reval 1848.

20 Norbert Angermann, Die Mittelalterliche Chronistik, in: Georg von Rauch (Hrsg.), Geschichte der deutschbaltischen Geschichtsschreibung. Im Auftrage der Baltischen Historischen Kommission, Köln 1986, S. 3-20, hier: S. 5.

21 Manfred Hellmann, Artikel ,Livland‘, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 2, Stuttgart - Weimar 1999, Sp. 2008-2009.

22 Boockmann, Geschichtsschreibung des Deutschen Ordens, S. 448.

23 Manfred Hellmann, Artikel ,Heinrich v. Lettland‘, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 4, Stuttgart - Weimar 1999, Sp. 2096-2097.

24 Boockmann, Geschichtsschreibung des Deutschen Ordens, S. 448; Grundmann, Geschichtsschreibung, S. 45.

25 Hellmann, Livland, Sp. 2008-2009.

26 Angermann, Mittelalterliche Chronistik, S. 10.

27 Angermann, Mittelalterliche Chronistik, S. 12; Mary Fischer, ,Di Himels Rote‘. The Idea of Christian Chivalry in the Chronicle of the Teutonic Order, Göppingen 1991, S. 173.

28 Bartlett, Geburt Europas, S. 43.

29 Jürgen Osterhammel, Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen, München 1995, S.113ff.

30 Ebd., S. 113-114.

31 Osterhammel, Kolonialismus, S. 115.

32 Ebd., S. 113.

33 Heinrich von Lettland, Livländische Chronik, I, 11.

34 Ebd., I, 10: Infirmus eciam quidam fratrem Theodericum vocat, baptismum petit. Quem mulierum proterva prohibet pertinacia a sancto proposito.

35 Ebd., I, 6.

36 Ebd., V, 4.

37 Ebd., II, 6.

38 Ebd., VII, 2.

39 Ebd., VII, 2.

40 Ebd., VII, 3.

41 Heinrich von Lettland, Livländische Chronik, VI, 6.

42 Ebd., I, 11.

43 Ebd., X, 1.

44 Ebd., II, 9.

45 Ebd., II, 2.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Legitimation der Ostkolonisation Livlands
Untertitel
Motive der mittelalterlichen Kreuzzugsgeschichtsschreibung, dargestellt am Beispiel des Werks Reinhard Wittrams (1902 - 1973)
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Historisches Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
22
Katalognummer
V932107
ISBN (eBook)
9783346247872
ISBN (Buch)
9783346247889
Sprache
Deutsch
Schlagworte
legitimation, kreuzzugsgeschichtsschreibung, ostkolonisation, livland, baltikum, lettland, wittram, deutschbalten, deutschorden, deutschordenschronik, kreuzzugschronik, chronistik, identitätsbildung, herrschaftslegitimierung
Arbeit zitieren
Amélie Dannenmann (Autor), 2019, Legitimation der Ostkolonisation Livlands, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/932107

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