Als das Bundesverfassungsgericht im Januar 2005 das Verbot von Studiengebühren – eingeführt von der rot-grünen Regierungskoalition im April 2002 - aufhob, wurde die bis dato immer wieder geführte Diskussion um die Finanzierung der Hochschulausbildung erneut entfacht. Generelle Überlegungen wurden angestellt, ob Hochschüler weiterhin auf Staatskosten studieren dürfen oder ob sie sich an der Studienfinanzierung selbst zu beteiligen haben. Viele Bundesländer sprachen sich daraufhin für die Einführung von Studiengebühren beim Erststudium aus, darunter auch Nordrhein-Westfalen.
„In den unterschiedlichen Reaktionen auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes sind sowohl verteilungspolitische als auch effizienzorientierte Erwägungen zum Ausdruck gekommen – auch wenn erstere zu dominieren scheinen.“ Aus der Verteilungsperspektive wird die Einführung von Gebühren entweder begrüßt, da nicht mehr nur die Besserverdienenden exklusiv profitieren; oder sie wird abgelehnt, weil einkommensschwache Gruppen von der Bildung ausgeschlossen werden.
Aus der Effizienzperspektive gibt es auch einige Gründe, die für oder gegen die öffentliche Bereitstellung der Hochschulbildung sprechen.
In diesem Zusammenhang ist ebenfalls die Bildung als solche zu erwähnen. Bildung ist eine der wichtigsten Ressourcen des sonst rohstoffarmen Deutschlands; erhöhtes Humankapital und ein damit einhergehendes erhöhtes Einkommensniveau sorgt laut OECD-Analysen für überproportionales Wirtschaftswachstum. Dies zeigt sehr genau wie wichtig das Bildungssystem, speziell der tertiäre Be-reich, für Deutschland und seine internationale Positionierung ist. Im Vergleich der Bildungsausgaben weltweit führender Industriestaaten belegt Deutschland einen der hinteren Ränge - nur 4,5% des BIP wurden im Jahre 2003 in die Bildung investiert, der OECD Durchschnitt lag hingegen bei 5,2%. Im Laufe dieser Arbeit werde ich zunächst die Effizienzaspekte der öffentlichen und der privaten Finanzierung des Hochschulstudiums beleuchten. Hierunter fallen speziell die effizienzpolitischen Argumente des Marktversagens wie positive externe Effekte der Hochschulbildung, imperfekte Kapitalmärkte für Bildungskredite sowie die fehlende Möglichkeit, sich durch Bildungskredite gegen Bildungsrisiken zu versichern. Auch das Argument, dass Hochschulbildung ein öffentliches Gut ist und so vom Staat zur Verfügung zu stellen sei, wird hierbei nicht außer Acht gelassen und kritisch hinterfragt. Die Steuereinflussfaktoren auf Bildungsinvestitionen finden ebenfalls Berücksichtigung.
Anschließend setze ich mich ausführlich mit den Verteilungsaspekten der Hochschulfinanzierung auseinander. Diese werden anhand empirischer Studien erörtert. Hierbei wird auf die Unterschiede zwischen einer Längsschnittanalyse und einer Querschnittanalyse der Perspektiven eingegangen, welche für das jeweilige Ergebnis von entscheidender Bedeutung sind.
Am Ende dieser Arbeit wird deutlich, dass es keine vertretbaren Gründe für eine ausschließlich öffentliche Kostenübernahme der Hochschulbildung gibt. Vertretbare Argumente gegen die (Wieder-) Einführung von Studiengebühren können ebenfalls nicht angeführt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Effizienzaspekte
2.1 Marktversagen
2.2 Bildungsinvestitionen vs. Einkommensteuer
3. Verteilungsaspekte
3.1 Empirische Untersuchungen zu den Verteilungswirkungen der öffentlichen Hochschulfinanzierung
3.1.1 Längsschnittanalyse vs. Querschnittanalyse
3.1.2 Die Nettotransferkalkulation
3.2 Die Hansen-Weisbrod-Pechman-Debatte – ihre Entstehung, ihre Folgen
3.2.1 Die Studie von Hansen und Weisbrod
3.2.2 Die Hansen-Weisbrod-Pechman-Debatte
3.2.3 Die Studie von Grüske
3.2.4 Die Studie von Sturn und Wohlfahrt
3.2.5 Die Studie von Barbaro
4. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen öffentlicher und privater Hochschulfinanzierung in Deutschland. Das primäre Ziel ist es, unter Berücksichtigung von Effizienzaspekten und verteilungspolitischen Argumenten zu erörtern, ob eine ausschließlich staatliche Kostenübernahme durch Studiengebühren ergänzt oder ersetzt werden sollte.
- Marktversagen und die ökonomische Rechtfertigung staatlicher Bildungsfinanzierung
- Die Rolle von Humankapital und Bildungsinvestitionen im Steuersystem
- Kritische Analyse empirischer Studien zur Umverteilung durch Hochschulfinanzierung
- Methodische Unterscheidung zwischen Querschnitt- und Längsschnittanalysen
- Bedeutung von Nettotransferkalkulationen für die Bewertung von Bildungspolitik
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Die Studie von Hansen und Weisbrod
Im Jahre 1969 untersuchten die beiden Wissenschaftler W. Lee Hansen und Burton A. Weisbrod die Verteilungseffekte einer öffentlichen Hochschulfinanzierung für den kalifornischen Staat. Die zugrunde gelegten Daten stammen aus dem Jahre 1964 und wurden von den beiden in einer zeitpunktbezogenen Querschnittanalyse aufgearbeitet.
Hansen und Weisbrod teilten die Haushalte zuerst in solche mit und ohne studierende Kinder ein. Eine weitere Unterteilung folgte in Studierende, die auf ein Junior College (J.C.), auf ein State College (S.C.) oder auf die Universität von Kalifornien (U.C.) gingen. Es wurden die Durchschnittseinkommen, die durchschnittlichen Kosten für die Ausbildung – bezahlt vom Staat - und das durchschnittliche Steueraufkommen der Haushalte mit studierenden Kindern pro Jahr bestimmt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Debatte um die Einführung von Studiengebühren in Deutschland vor dem Hintergrund des Urteils des Bundesverfassungsgerichts und stellt die Forschungsfrage nach der Notwendigkeit öffentlicher versus privater Finanzierung.
2. Effizienzaspekte: Dieses Kapitel prüft potenzielle Marktversagenstatbestände wie externe Effekte und unvollkommene Kapitalmärkte sowie den Einfluss progressiver Einkommensteuern auf Bildungsinvestitionen.
3. Verteilungsaspekte: Der Hauptteil analysiert empirische Studien zur Verteilungswirkung staatlicher Hochschulfinanzierung, erklärt die methodischen Konzepte der Nettotransferkalkulation und diskutiert bedeutende Forschungsarbeiten, darunter die Hansen-Weisbrod-Pechman-Debatte.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass weder effizienz- noch verteilungsorientierte Argumente eine vollständige staatliche Finanzierung zwingend rechtfertigen und plädiert für eine stärkere private Kostenbeteiligung.
Schlüsselwörter
Hochschulfinanzierung, Studiengebühren, Bildungsökonomik, Marktversagen, Humankapital, Nettotransferkalkulation, Umverteilung, Querschnittanalyse, Längsschnittanalyse, Bildungsinvestitionen, Steuerinzidenz, Chancengleichheit, Öffentliche Güter, Bildungskredite, Sozialer Ausgleich
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der ökonomischen und verteilungspolitischen Analyse der Hochschulfinanzierung in Deutschland, insbesondere im Kontext der Debatte um Studiengebühren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder sind die Effizienzaspekte der Bildungsfinanzierung (Marktversagen) und die empirische Überprüfung der Verteilungswirkungen staatlicher Hochschulförderung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Prüfung der Argumente für eine staatliche Kostenübernahme im Vergleich zu einer privaten Beteiligung der Studierenden.
Welche wissenschaftliche Methodik wird für die Analyse verwendet?
Es wird eine fundierte Literaturanalyse empirischer Studien angewandt, wobei insbesondere die methodischen Unterschiede zwischen Querschnitt- und Längsschnittanalysen sowie das Konzept der Nettotransferkalkulation gegenübergestellt werden.
Welche Inhalte bilden den Kern des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begründung staatlichen Eingreifens durch Marktversagen und die detaillierte Diskussion historischer und aktueller Studien zu Umverteilungseffekten im Hochschulsektor.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit am besten?
Wesentliche Begriffe sind Bildungsökonomik, Studiengebühren, Umverteilungseffekte, Humankapital und Nettotransferkalkulation.
Was besagt die Hansen-Weisbrod-Pechman-Debatte?
Sie beschreibt einen methodischen wissenschaftlichen Streit darüber, ob öffentliche Hochschulfinanzierung zu einer regressiven (von arm nach reich) oder progressiven (von reich nach arm) Umverteilung führt, abhängig von der Modellierung der Haushaltsschichtung.
Wie bewerten die Autoren die Rolle der sozialen Herkunft?
Die Studien verdeutlichen, dass Kinder aus einkommensstärkeren Schichten an Hochschulen oft überrepräsentiert sind, was die Debatte über soziale Gerechtigkeit bei gebührenfreien Systemen befeuert.
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- Steffen Meyer-Feldmann (Author), 2007, Hochschulbildung: Öffentliche oder private Finanzierung?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93263