Die Spaßwestern mit Bud Spencer und Terence Hill und ihr Bezug zum "klassischen" Italowestern


Essay, 2008
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Man könnte meinen, der amerikanische Western wäre in den 1950er Jahren begraben worden. Das Urteil, der Western sei wegen der Wiederkehr immer gleicher Motive und der Fixierung auf den schlichten Gegensatz von Schurken und Gerechten hoffnungslos ausgereizt und antiquiert, konnten seitdem nur noch Ausnahmeerfolge wie „Der mit dem Wolf tanzt“ von 1990 oder Clint Eastwoods „Erbarmungslos“ von 1992 außer Kraft setzen. Doch die Katastrophe des 11. Septembers hat in den Vereinigten Staaten vieles verändert. Sie hat nicht nur einen schon immer da gewesenen Patriotismus verstärkt, sondern den Sinn für einfache Gefühle und Helden, sowie die Sehnsucht nach einer übersichtlichen Welt, neu entfacht. Seither hat der klassische amerikanische Western einen seit drei Jahrzehnten nicht mehr gekannten Aufschwung erlebt: Mit „Open Range“, „The Missing“ oder „The Last Samurai“ kamen 2003 gleich mehrere Filme auf den US-amerikanischen Markt, die sich klassischer Westernstoffe bedienen. Mit der Rückbesinnung auf eine Zeit, die für die Nation identitätsstiftend war, versucht Hollywood das Bedürfnis der Amerikaner nach Patriotismus zu befriedigen.[1]

Die Filme sind sicherlich Einzelerscheinungen und werden keine Renaissance der klassischen Westernperiode, die auf die 1930er bis 1950er Jahre zu datieren ist[2], hervorrufen. Das Wiederaufkommen des klassischen amerikanischen Westerns und der Rückgriff auf altbekannte und beliebte Muster erklärt sich aus einem Verlust von Werten, Orientierungslosigkeit und dem Wunsch nach einer geordneten Welt.

Will man tatsächlich von einem „Revival“ des Westerns sprechen, bezieht sich dieses jedoch ausschließlich auf den amerikanischen Western. Der Italowestern, wie ihn der Zuschauer in seiner Blütezeit, der zweiten Hälfte der 1960er Jahre, erlebte, erfährt eine solche Wiederbelebung wohl kaum, obwohl sich wesentliche Elemente des Italowesterns – wie der Samuraistoff – in zeitgenössischen Filmen wie denen von Quentin Tarantino oder den japanischen „Zatôichi“-Filmen wiederfinden.[3]

Diese Tatsache ergibt sich zum einen aus der enormen Zeitgebundenheit des klassischen Italowesterns als Reaktion auf den amerikanischen Western. Nachdem sich die anfänglichen Italowestern – bloße Kopien des amerikanischen Westerns – als nicht sehr erfolgreich erwiesen hatten, fanden sich mit Sergio Leone und Sergio Corbucci Regisseure, die radikal mit der Tradition des amerikanischen Westerns brachen. Dabei hatten sie nicht den Anspruch Filme für die Ewigkeit zu schaffen, war das Italowestern-Genre doch wie kaum ein anderes nüchtern vom Markt bestimmt.[4] Die Hauptmotivation der „Väter“[5] des Italowesterns bestand darin, der Western-Gattung ein neues, realistischeres Gesicht zu verleihen. Dafür brachen sie mit den herrschenden Werten des amerikanischen Westerns, mit moralischen Ansprüchen, Tugenden, Heldenbildern und gespieltem Pathos und schufen damit ein neues Western-Genre.[6] Die klare Abwendung Leones und Corbuccis von einer übersichtlichen Kategorisierung in gut und böse, schwarz und weiß, ist auch Ausdruck eines Werteverlustes, den seinerzeit die 1968er Bewegung artikulierte.[7] Sergio Corbucci war einer der wenigen Regisseure des Italowesterns, der die politischen Ideen und Kontroversen der 1968er Aufstände in seine Filme mit einfließen ließ.[8]

Zum anderen will derzeit aber auch niemand – erst recht kein Hollywoodproduzent – unglückliche Geschichten sehen, wie sie im Italowestern zu Tage traten. Wenn der Zuschauer sich nach mehr Orientierung in der Welt, nach Heldenvorbildern und moralischen Grenzen sehnt, dann kann das der Italowestern nicht bedienen.

Ähnlich erging es dem Italowestern auch in den 1970er Jahren, als sich das Publikum übersättigt von der Gewalt und der düsteren Stimmung in den Italowestern seit Mitte der 1960er Jahre zeigte.[9] Mit E. B. Clucher alias Enzo Barboni fand sich ein Regisseur, der nunmehr seinerseits mit dem klassischen Italowestern brach und eine neue (oder letzte) Phase[10] des Italowesterns einläutete. Der komische Western, der sich bald ganz vom Italowestern abwand, mit seinen Hauptrepräsentanten Bud Spencer alias Carlo Pedersoli und Terence Hill alias Mario Girotti, war geboren. Auch Sergio Corbucci, der den wechselnden Strömungen des kommerziellen italienischen Kinos folgte, drehte in dieser Phase zusammen mit dem Spencer-Hill-Duo zwei Slapstick-Komödien: „Zwei sind nicht zu bremsen“ von 1978 und „Zwei Asse trumpfen auf“ von 1981.

Dieser Essay folgt der Fragestellung, welchen Bezug die Filme mit Terence Hill und Bud Spencer zum „klassischen“ Italowestern haben. Klassisch bezeichnet hier die Werke der Regisseure Sergio Corbucci, vor allem „Django“ von 1966 und „Leichen pflastern seinen Weg“ von 1968 und die Sergio Leones, vor allem die „Dollar-Trilogie“[11]. Damit schließe ich mich der Aussage Hans-Christoph Blumenbergs, dass sich die eigentliche Leistung der Gattung und ihre Originalität am besten an den Filmen von Leone und Corbucci demonstrieren lässt, an.[12]

Die herausragenden Merkmale dieser Italowestern vergleiche ich mit den Charakteristika dreier „komischer Western“ à la Bud Spencer und Terence Hill, an denen sich auch die Entwicklung des Spencer/Hill-Duos allgemein nachvollziehen lässt: Ihrem ersten gemeinsamen Film, „Gott vergibt ... wir beide nie“ von 1967 und der aus diesem Film neu entstandenen deutschen Synchronisation „Zwei vom Affen gebissen“, an dem Film „Die rechte und die linke Hand des Teufels“ von 1970, mit dem der Regisseur E. B. Clucher den komischen Western einläutete und das Erfolgsduo Spencer/Hill endgültig zu dessen Repräsentanten machte und schließlich an dessen Fortsetzung, dem Film „Vier Fäuste für ein Halleluja“ von 1971. Zunächst beschreibt der Essay die herausragenden Merkmale des Italowesterns und geht dann anhand der drei Spencer/Hill-Filme auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede des klassischen Italowesterns und des „Spaßwesterns“ ein.

Wie bereits erwähnt entstand der Italowestern als eine Reaktion auf den auslaufenden amerikanischen Western. Weil die Entstehung von italienischen Western, die seit ihrem Anfang in den 1960er Jahren kommerziell motiviert war, zunächst noch als einfache Imitation amerikanischer Western stattfand, wurde und wird der Italowestern auch heute noch von vielen zu Unrecht als „Bastard des amerikanischen Westerns“[13] gesehen. Sergio Leone gelang es dann 1964 mit „Für eine Handvoll Dollar“ als erstem Regisseur, mit einem italienischen Western neue Maßstäbe zu setzen, indem er in seinem Film mit dem amerikanischen Western brach und diesen entmystifizierte.[14] Sein Hauptdarsteller, der „Mann ohne Name“ (Clint Eastwood), ist cool, ironisch, eiskalt berechnend und verfolgt – obwohl er auch altruistische Züge zeigt – primär seine eigenen, monetären Absichten. Auch Sergio Corbuccis „Django“ (Franco Nero) ist eher Antiheld als Held und ebenfalls auf persönlichen Profit aus. Corbuccis „Silenzio“ (Jean-Louis Trintignant) bringt als ein weiteres Motiv der Italowestern-Hauptakteure die persönliche Rache mit ein. Egal ob die „Helden“ monetäre Absichten haben oder Vergeltung suchen, sie sind stets einsam, bindungsunfähig und eigen, was sich in ihren speziellen Waffen, Verkleidungen oder Techniken ausdrückt.[15] Damit stehen sie in extremer Weise den tugendhaften Helden und deren Heldentaten im amerikanischen Western entgegen.

Der amerikanische Western orientiert sich oft an geschichtlichen Gegebenheiten, wohingegen es sich beim Italowestern um ein rein fiktives Genre, ohne realen Hintergrund, handelt.[16] Trotzdem wirken die in den italienischen Western dargestellten, teilweise mit drastischen Bildmitteln eingeführten, Grausamkeiten authentischer und entsprechen viel mehr der historischen Wirklichkeit als die weniger brutale Gewalt der amerikanischen Western.[17] Die harte und detailgetreue Darstellung von Gewalt, die vordergründig, amoralisch und kalt erscheint und nicht näher erklärt wird, entspricht einem Umbruch (1968er Bewegung) in den gesellschaftlichen Wahrnehmungsweisen von Gewalt, die sich hier von „gesellschaftlich nachvollziehbaren Rechtsvorstellungen“[18] zu lösen beginnt.[19] Die auffällige Brutalität in den italienischen Western verleiht ihnen auf der einen Seite eine „authentische Atmosphäre permanenter Brutalität“[20], hat ihnen auf der anderen jedoch auch den negativ besetzten Beinamen „Brutalo-Western“[21] eingebracht.

Leone und Corbucci wandten sich nicht nur in der Beschreibung ihrer Protagonisten und der Gewaltausführungen von einer in schwarz-weiß denkenden Welt in den amerikanischen Western ab, sondern auch durch die Ablehnung von moralischen Ansprüchen. Sind diese im amerikanischen Western stets vorhanden, so existiert Moral im italienischen Western nicht als fest umrissener oder eindeutiger Begriff. Es gibt keine heile Weltordnung, kein Gesetz, das Gerechtigkeit garantiert – denn die Sheriffs in Italowestern sind oft korrupt – vielmehr herrscht „moralisches Chaos“[22]. Gerechtigkeit wird deshalb von den Protagonisten der italienischen Western auf ihrem eigenen individuellen Wege gesucht.[23] Im Italowestern besteht keine Kategorisierung in „gut“ und „böse“, denn auch die „Helden“ des Italowesterns sind moralisch nicht integer und verkörpern damit nicht das „Gute“. In „Leichen pflastern seinen Weg“ perfektioniert Corbucci das moralische Chaos, indem er am Ende den Oberschurken Loco den Sieg davon tragen lässt. Die sittlichen Grenzen sind folglich im Italowestern, im Gegensatz zum amerikanischen Western, wo das Gute jedes Mal die Oberhand behält, erheblich verschwommen.[24]

Die Story der klassischen italienischen Western verläuft gewöhnlich nach den schon genannten Motiven Rache und dem Streben nach Geld. Sie wird nicht episch erzählt, sondern besteht aus einer Aneinanderreihung von spektakulären Auftritten und Handlungshöhepunkten.[25] Zudem weist sie eine, wohl dem katholischen Italien entsprungene, große christliche Allegorie auf.[26]

[...]


[1] vgl. Beier 2003, S. 180 ff.

[2] vgl. Beier 2003, S. 180

[3] vgl. http://www.arte.tv/de

[4] vgl. Studienkreis Film (Hrsg.) 1999, S. 4 (Vorwort)

[5] http://www.arte.tv/de

[6] vgl. Bruckner 2002, S. 9

[7] vgl. http://www.arte.tv/de

[8] vgl. Weber 1999, S. 26

[9] vgl. Bruckner 2002, S. 238

[10] vgl. Baumgarten/Tritt 1999, S. 91

[11] Zur Dollar-Trilogie werden Sergio Leones Filme „Für eine Handvoll Dollar“ von 1964, „Für ein paar Dollar mehr“ von 1965 und „Zwei glorreiche Halunken“ von 1966 gezählt.

[12] Blumenberg 1999, S. 12

[13] Blumenberg 1999, S. 7

[14] vgl. Blumenberg 1999, S. 9

[15] vgl. Bruckner 2002, S. 10; Gass 1999, S. 22 und Weber 1999, S. 25

[16] vgl. http://www.arte.tv/de

[17] vgl. Blumenberg 1999, S. 8; http://www.fistfulofwesterns.com/ und Gass 1999, S. 21

[18] Gass 1999, S. 21

[19] vgl. http://www.arte.tv/de und Blumenberg 1999, S. 8

[20] Blumenberg 1999, S. 9

[21] http://www.arte.tv/de

[22] Blumenberg 1999, S. 8

[23] vgl. Blumenberg 1999, S. 8; Bruckner 2002, S. 9; http://www.fistfulofwesterns.com und Gass 1999, S. 21

[24] vgl. http://www.arte.tv/de und Blumenberg 1999, S. 8

[25] vgl. Blumenberg 1999, S. 10 f.

[26] vgl. http://www.arte.tv/de und http://www.fistfulofwesterns.com/

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Spaßwestern mit Bud Spencer und Terence Hill und ihr Bezug zum "klassischen" Italowestern
Hochschule
Universität Osnabrück
Veranstaltung
Internationalität der Medien – Der Italowestern
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V93271
ISBN (eBook)
9783638073554
ISBN (Buch)
9783638957748
Dateigröße
1002 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit wurde im Rahmen des Seminars „Internationalität der Medien – Der Italowestern“ verfasst und von Prof. Dr. phil. Wolfgang Becker, Dozent für Medienwissenschaften an der Universität Osnabrück, korrigiert und benotet.
Schlagworte
Spaßwestern, Spencer, Terence, Hill, Internationalität, Medien, Western, Bud, Italowestern
Arbeit zitieren
Annira Busch (Autor), 2008, Die Spaßwestern mit Bud Spencer und Terence Hill und ihr Bezug zum "klassischen" Italowestern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93271

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