Massenmediale Realität

Massenmedien als Funktionssystem innerhalb der Systemtheorie Niklas Luhmanns


Seminararbeit, 2008

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. MASSENMEDIEN BEI NIKLAS LUHMANN
2.1 THEORIE OPERATIV GESCHLOSSENER SYSTEME
2.2 MASSENMEDIEN ALS FUNKTIONSSYSTEM
2.3 NACHRICHTEN UND BERICHTE
2.4 FUNKTIONEN DER MASSENMEDIEN

3. FAZIT

4. LITERATURVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

„Die Behauptung ist nicht übertrieben, dass unter den Instrumenten, welche gegenwärtig zur Verfügung stehen, das Fernsehen ebenso entscheidend für die Zukunft sein kann wie die Nuklearbombe oder der Computer“ (Flusser, 2005, S. 103).

Für Vilém Flusser bedeutete das Fernsehen in erster Linie eine ethische, ästhetische und intellektuelle Herausforderung, nicht zuletzt aufgrund seiner vermeintlichen Fähigkeit Menschen in ihren Einstellungen beeinflussen zu können. Anschließend an diese populäre Kritik massenmedialer Manipulation, vermeint Pierre Bourdieu in den Strukturen des Fernsehens selbst die Aushöhlungen des Politdiskurses zu entdecken, und damit einhergehend die zwangsläufige „Verdummung“ des Publikums, welches sich bereitwillig seinem auferlegten Schicksal fügt (Bourdieu, 1998).

Allen Annahmen in dieser Richtung liegt der Vorwurf der Propaganda und Manipulation zugrunde. Fernsehen wird, aufgrund der Möglichkeit unzählige Adressaten zu erreichen, definiert als Maschine, die missbraucht werden kann. Sei es durch Werbung, und damit verbundenen Wirtschaftsinteressen, sei es durch Politik, welche das Fernsehen als Instrument zur Verbreitung von Programmen verwendet, um auf Wählerfang zu gehen.

Dass Fernsehen auch zu Manipulationszwecken verwendet wird, würde Niklas Luhmann nicht leugnen. Aber fernab von ethischen Diskussionen, interessiert sich Luhmann für die Frage, inwiefern eine Gesellschaft dazu kommt einen Teil ihrer Selbstbeschreibung über das Funktionssystem der Massenmedien anfertigen zu lassen, während er den Manipulationsverdacht als systeminhärent, und damit als innerhalb des Funktionssystems verhandel-, aber nicht lösbar, bezeichnet.

Ziel dieser Hausarbeit ist es darzulegen, inwiefern Niklas Luhmann Massenmedien als Funktionssystem beschreibt.

2. MASSENMEDIEN BEI NIKLAS LUHMANN

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“ (Luhmann, 2004, S.9).

Niklas Luhmann blieb die Wirkmächtigkeit von Massenmedien nicht verborgen. Nichtsdestotrotz formulierte er weiter: „Andererseits wissen wir so viel über die Massenmedien, dass wir diesen Quellen nicht trauen können. Wir wehren uns mit einem Manipulationsverdacht, der aber nicht zu nennenswerten Konsequenzen führt, da das den Massenmedien entnommene Wissen sich wie von selbst zu einem selbstverstärkenden Gefüge zusammenschließt“ (Luhmann, 2004, S.9).

Schon in diesen zwei Sätzen ist die ganze Diskussion rund um die Persuasiv-Techniken massenmedialer Realität enthalten. Auf der einen Seite ein breitenwirksames und flächendeckendes Medium, mit der potenziellen Erreichbarkeit unzähliger Adressaten, auf der anderen Seite der immer wieder geäußerte Manipulationsverdacht, der nicht zu nennenswerten Konsequenzen führt.

Um das Funktionssystem der Massenmedien in systemtheoretische Überlegungen einbauen zu können, bedarf es in einem ersten Schritt der Herausarbeitung allgemeiner Strukturmerkmale und – gesetze von Funktionssystemen, um dann in einem zweiten Schritt Massenmedien als Funktionssystem zu beschreiben.

2.1 THEORIE OPERATIV GESCHLOSSENER SYSTEME

Für Niklas Luhmann kennzeichnet sich die Moderne durch funktionale Differenzierung. Während in stratifikatorisch – hierarchischen Gesellschaften Über- und Unterbau der Gesellschaft in wechselseitigen Machtverhältnissen agierten, oder Machtzustände in einer Institution bündelten, zeigt sich die moderne Gesellschaft als Ensemble unterschiedlicher Funktionssysteme, welche in sich geschlossen, operativ funktionieren und jeweils unterschiedlichen Leitdifferenzen folgen. Während sich Funktionssysteme, wie Politik, Wissenschaft, Kunst oder Massemedien in ihrer Grundfunktionalität nicht voneinander unterscheiden, also auf denselben grundsätzlich – autopoietischen Fundamenten beruhen, agieren sie dennoch vornehmlich autonom voneinander und sind in ihren Verhältnissen zueinander nur über strukturelle Kopplungen und Irritationen betroffen. Luhmann stellt daher klar, dass eine Überlappung der jeweiligen Funktionssysteme, also z.B. der Übernahme der Politik durch die Wirtschaft unmöglich ist, und erteilt somit allen Negativ-Utopien eine grundsätzliche Absage.

Grundsätzlich etablieren sich Funktionssysteme über System – Umwelt Differenz. Operativ geschlossen kann ein System nur agieren, wenn es sich gegen Umwelteinflüsse abgrenzt, und für den eigenen, autopoietischen Fortgang nur Einflüsse zulässt, die systemintern kommunikativ behandelt werden können. Dementsprechend bedeutet die Segmentierung der Gesellschaft in verschiedene Funktionssysteme keine hierarchische Anordnung mit wechselseitigen Protagonisten auf der Seite der „Herrscher“ und der „Beherrschten“, sondern vielmehr eine horizontale Nebeneinanderreihung als Gleichheit ungleicher Systeme. Aufgrund unterschiedlicher Strukturbedingungen und ausdifferenzierten System – Umwelt Abgrenzungen, erreicht keines der Teilsysteme das gesellschaftliche Primat über das andere (Luhmann b, 2006, S.254). Zwar können bestimmte Ereigniskontexte in verschiedenen Funktionssystemen auftauchen, so z.B. das Thema der Arbeitslosigkeit in der Politik und in den Massenmedien, aber gerade in der Entscheidung des weiteren Umgangs mit der Thematik, etablieren die Funktionssysteme anhand ihrer, im binären Code festgelegten Leitdifferenz unterschiedliche Vorgehensweisen. So ist die Politik gezwungen das Thema der Arbeitslosigkeit unter der Vorgabe von Macht / Opposition zu verhandeln, während Massenmedien sich an der Leitdifferenz von Information / Nicht – Information orientieren, und das Thema auf seine Anschlussfähigkeit hin überprüfen (Luhmann b, 2006, S.275).

Dementsprechend ist es die Aufgabe der Binärcodierung die Zuordnung von legitimen Operationen zu einem System sicherzustellen, hier verstanden als eine Unterscheidung von Entweder – Oder, unter Ausschluss dritter Möglichkeiten (Luhmann b, 2006, S.165). Aufgrund der Ausschließlichkeit beider Werte, etwas kann nur wahr oder falsch sein, wobei nur der positive Wert als Designationswert operativ wirksam ist, während der negative Wert als Reflexionswert nur auf den positiven Wert verweist, wird in das System Entscheidungszwang implantiert, und somit Anschlusskommunikation verfügbar gemacht. Demnach erfordern die Codewerte eine Neutralisierung moralischer Gesichtspunkte. So kann in der Wissenschaft nicht hinterfragt werden, ob Erkenntnis moralisch wertvoll, oder eher zu verachten ist, da diese Frage den Wahrheitsgehalt von Aussagen oder Theoriegebäuden nicht tangiert (Luhmann b, 2006, S.167).

Anhand der Leitdifferenz wird sichergestellt, dass nur das Einfluss nimmt, was für das System auch verhandelbar ist (Luhmann b, 2006, S.263). Die Kriterien der Zuordnung von z.B. wahr oder falsch, nennt Luhmann Programme, deren Aufgabe es ist, die an sich inhaltsarme Binärcodierung zu füllen. Während die Wissenschaft sich an ihren eigenen Logiken und Theoriegebäuden orientiert, um Tatbestände, Logiken oder Zusammenhänge auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen, orientiert sich die Rechtssprechung z.B. an Gesetzen (Luhmann b, 2006, S.266). Funktionssysteme unterscheiden sich demnach nicht nur anhand ihrer Leitdifferenz, sie agieren auch anhand unterschiedlicher Programmierung, welche für das eine System sinnvoll, für das andere nicht zu gebrauchen ist (Luhmann b, 2006, S.267).

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Massenmediale Realität
Untertitel
Massenmedien als Funktionssystem innerhalb der Systemtheorie Niklas Luhmanns
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Fakultät für Sozialwissenschaft, Sektion für Sozialpsychologie)
Veranstaltung
Sozialtheorie I
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V93276
ISBN (eBook)
9783640131679
ISBN (Buch)
9783640136896
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Massenmediale, Realität, Sozialtheorie
Arbeit zitieren
Michael Kazmierski (Autor), 2008, Massenmediale Realität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93276

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