Das Kollektive Gedächtnis als Zugang zur römischen Republik


Essay, 2020

24 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Geschichtskultur und kollektives Gedächtnis
1.2. Kollektives Gedächtnis als Mittel des Verständnisses der römischen Republik
1.3. Kollektives Gedächtnis und Nobilität
1.4. Mündlichkeit und Schriftlichkeit

2. Feste als Medium des Erinnerns
2.1. pompa funebris

3. Erinnerungsvermittlung innerhalb der Erziehung

Fazit

Literatur

1.Einleitung

In dieser kurzen Einleitung sollen zunächst die wichtigsten Begriffe definiert werden, die später eine Rolle bei der Entwicklung der These spielen werden. Das Ziel dieser Arbeit ist es, zu zeigen wie sich in der römischen Republik eine Identität des Römerseins ausbilden konnte. Dies gelang, wie gezeigt werden soll, nicht primär durch die Geschichtsschreibung, die auch noch relativ spät einsetzte, sondern über kulturelle Praktiken wie die Veranstaltung von Festen. Hier nahm die pompa funebris, der römische Begräbnisumzug für politisch bedeutende Mitglieder der Nobilität, eine zentrale Rolle ein, die im Mittelpunkt des Aufsatzes stehen wird. Die identitätsstiftende Erinnerungskultur der Römischen Republik ist in den letzten Jahren in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten und es ist mittlerweile eine Forschungsdiskussion darüber entstanden. Aus diesem Grund kann auf Aufsätze von verschiedenen Autoren zurückgegriffen werden. Die der Arbeit zugrundeliegende Frage ist nun, in welcher Form die Schaffung eines kulturellen Gedächtnisses gelingen konnte und welche Praxis hier die größte Bedeutung hatte.

1.1. Geschichtskultur und kollektives Gedächtnis

Der Begriff des kollektiven Gedächtnisses wurde aus dem Begriff des kulturellen Gedächtnisses weiterentwickelt. Dieses Verdienst kommt vor allem den Kulturwissenschaftlern Aleida und Jan Assmann zu. Dieses Konzept hatte bereits Vorläufer. So kommt schon im Anschluss an die Arbeiten von Friedrich Nietzsche und Siegmund Freud bei Aby Warburg der Begriff des sozialen Gedächtnisses vor. Maurice Halbwachs sprach von einem „mémoire collective“ und Carl Gustav Jungs Archetypenlehre gilt ebenfalls als verwandtes Konzept, obwohl es stärker psychologistisch und biologistisch geprägt war.1

Aleida und Jan Assmann bezeichnen das kulturelle Gedächtnis als „die Tradition in uns, die über Generationen, in jahrhunderte-, ja teilweise jahrtausendelanger Wiederholung gehärteten Texte, Bilder und Riten, die unser Zeit- und Geschichtsbewußtsein, unser Selbst- und Weltbild prägen.“2

Das kollektive Gedächtnis setzt sich aus den beiden Bestandsteilen des kommunikativen und des kulturellen Gedächtnisses zusammen. Das kommunikative Gedächtnis beschränkt sich auf 80 Jahre, denn so lange kann sich eine mündliche Überlieferung halten. Weil es eine mündliche Überlieferung ist, ist es alltagsnahe und gruppengebunden. Das kulturelle Gedächtnis ist nicht an eine gewisse Zeit gebunden und bezieht sich auf archäologische und schriftliche Nachlässe der Menschen. Die Vermittlung kann mündlich, schriftlich, normativ sowie narrativ erfolgen. Es wird mit den menschlichen Traditionen assoziiert. Religiöse Feste und Gedenktage sind typische Manifestationen. In der Antike gab es bereits die sogenannte „Gedächtniskunst“ (ars memoriae). Sie war ein Element der Rhetorik und kam aus diesem Grund auch in den dazugehörigen Schriften vor. Was hier allerdings nicht berücksichtigt ist, ist das Erinnern als kollektives Phänomen zu betrachten und es so in den Mittelpunkt zu rücken. Assmann definiert die „Erinnerungskultur“ als „die Einhaltung einer sozialen Verpflichtung [und ein] Gedächtnis, das Gemeinschaft stiftet.“3

Der Erinnerungsprozess ist ein subjektives Phänomen, das auch bei Gruppen vorhanden ist und in Form von Traditionen deren Verhalten prägt. Ausgangspunkt vieler Erinnerungskulturen ist der „Tod“, der in jeder Kultur naturgemäß eine wichtige Rolle übernimmt, denn ist das Sterben etwas Endgültiges, das uns mit unserer Vergänglichkeit konfrontiert. Wie bereits erwähnt, meint Assmann daher, dass das Gedenken an die Toten die älteste und verbreitetste Form der Erinnerungskultur sei und beruft sich als Zeuge dafür auf die frühen Funde von Steinanlagen in der Ost- und Zentraltürkei.4

Interessant für das Thema dieser Arbeit ist auch Halbwachs Konzept des „mémoire collective“, das schon in den 1920er und 1930er Jahren entwickelt wurde. Halbwachs sieht im Gedächtnis einen inneren Raum, welchen der Mensch erst durch den Prozess der Sozialisation begreifen könne. Dieser innere Raum sei durch eine Summe verbaler und symbolischer Konventionen geprägt. Hierbei müsse man Gedächtnis und Geschichte unterscheiden. Im Sinne eines erkenntnistheoretischen Realismus und einem positivistischen Geschichtsbild, das historischen Tatsachen eine subjektunabhängige Wirklichkeit zuschreibt, unterscheidet er das subjektive Phänomen des Gedächtnisses von der Geschichte. Die individuelle Erinnerung spielt sich immer im größeren Rahmen des kollektiven Gedächtnisses ab, da Erinnern als ein kollektiver Prozess verstanden wird. Halbwachs geht von einer von der Erinnerung geprägten Rekonstruktion der Vergangenheit aus. Damit ist gemeint, dass je nach Kultur und Epoche ein anderer Blick auf die vergangenen Ereignisse geworfen wird. In diesem Sinne habe dieser Blick auf das Vergangene jeweils eine Aktualisierung erfahren, wenn sich der Bezugsrahmen durch die Inhalte der Gegenwart verändere.5

1.2. Kollektives Gedächtnis als Mittel des Verständnisses der römischen Republik

Hölkeskamp hat nun beispielsweise versucht, dieses Konzept des kulturellen Gedächtnisses auch für das Verständnis des Umganges mit der Vergangenheit in der römischen Republik zu nutzen. Das kulturelle Gedächtnis ist, wie gezeigt wurde, ein kollektives Wissen, das einer Gruppe oder der ganzen Gesellschaft zukommt. Übertragen auf die Geschichtswissenschaften bedeutet dies, dass eben diese Gruppe bzw. Gesellschaft nach ihren historischen Wurzeln sucht, über die sie sich im Rahmen eines Selbstbildes definiert und ein Bewusstsein für eine kulturelle Eigenart gewinnt. In diesem Sinne gewinnt das „kulturelle Gedächtnis“ den Status einer wichtigen Quelle, die über gemeinschaftliche Muster von Wahrnehmung, Reflexion und Deutung einer bestimmten Kultur Aufschluss geben können. Dem kollektiven Gedächtnis kommt eine konstitutive Funktion zu. Einerseits ist hier die formativ-erzieherische Funktion zu nennen. Das kulturelle Gedächtnis fördert den Zusammenhalt der Gruppe und kann somit zivilisierend und disziplinierend wirken, es wirkt außerdem normativ, indem es der Gruppe den Weg für Handlungen in Gegenwart und Zukunft weisen kann. Wir werden auf beide Bereiche noch zu sprechen kommen. Für diese Arbeit ist es wichtig, dass das kulturelle Gedächtnis von einer beständigen Pflege abhängig ist. Hierzu dienen unterschiedliche Hilfsmittel. Man denkt zunächst wahrscheinlich an kanonische Texte, es kommen aber auch noch ganz andere Hilfsmittel zum Einsatz. So erfüllen eine mündliche Erinnerung, Bilder und Symbole (z. B. Denkmäler), Feste und Gedenktage, Zeremonien und andere Rituale, die zum Beispiel an geschichtsträchtigen Orten stattfinden, eine wichtige Funktion. Häufig sind es spezielle Orte, an denen diese Funktion des kulturellen Gedächtnisses seinen Ausdruck findet.6 Wir werden nun in dieser Arbeit sehen, dass gerade letztere für das Verständnis von großer Bedeutung sind.

Dieses Konzept lässt sich nun durchaus auch auf verschiedene Epoche übertragen. Unterschiedliche Untersuchungen wurden zum Beispiel schon von Assmann selbst bereits für Ägypten, Israel, dem frühen und dem klassischen Griechenland etc. durchgeführt. Uns interessiert hier das republikanische Rom, für das der Ansatz im Prinzip ebenfalls schon von Assmann verwendet wurde. Assmann bezog sich hier vor allem auf das monumentale Gedächtnis des populus Romanus und der politischen Klasse, die eine besondere Bedeutung hierfür besäße. Hier wurden bereits Bilder und Statuen, Gebäude und Denkmäler, sowie letztlich auch die damit verbundenen Botschaften und Geschichten von ihm erwähnt. Eine große Bedeutung scheint auch der pompa funebris zuzukommen, wie ich in einem eigenen Kapitel später noch genauer zeigen möchte. In gleicher Weise wurde auch die mit einem Triumph in Verbindung gebrachte Symbolik sowie die traditionelle Darbietung von Reden, die die Gestik und die Auftrittsweisen betraf, als Formen des kulturellen Gedächtnisses miteinbezogen.7

Diese Arbeit versucht einen Überblick über wichtige Formen dieser römischen Geschichtskultur zu geben. Einige davon wurden bereits oben genannt. Hölkeskamp meint, dass folgende Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit eine umfangreiche Erkenntnis des kulturellen Gedächtnisses gelingen kann:

„Konkret ist ein solches, einigermaßen abstrakt klingendes Programm etwa folgendermaßen einzulösen: Einerseits muß es darum gehen, die Inhalte und Gegenstände des römischen Geschichtsbewußtseins zu benennen, also jene Fixpunkte zu identifizieren, um die das historische Wissen im ‚kulturellen Gedächtnis‘ der Gesellschaft anlagerte – die Marksteine der Geschichte Roms, einschneidende Ereignisse, große Entscheidungen oder auch hervorragende Persönlichkeiten, an die man sich im Zusammenhang damit zu erinnern pflegte. Dabei kommt es andererseits zugleich darauf an, die spezifischen, d.h. typisch römischen Kriterien der Selektion solcher Fixpunkte namhaft zu machen und die besondere Art und Weise zu verdeutlichen, in der solche Ereignisse und Gestalten immer neu aktualisiert wurden. Denn kein Gedächtnis – und schon gar nicht das kulturelle – kann ja Geschichte an sich, als amorphe Gesamtheit des vergangenen Geschehens bewahren. Es bleibt davon immer nur das, was die Gesellschaft in jeder Epoche mit ihrem gegenwärtigen Bezugsrahmen rekonstruieren kann – und das heißt, in aller Deutlichkeit formuliert, daß die tatsächlich bewahrte Vergangenheit eine kulturelle Schöpfung, ja ein ‚soziales Konstrukt‘ ist.“8

In diesem Sinne kann es hilfreich sein, auf die oben mit Bezug auf Halbwachs Konzept des „mémoire collective“ gebrachte Unterscheidung zwischen Gedächtnis und Geschichte zurückzukommen.9 Ohne ihm hier sehr stark in seinem Geschichtspositivismus zu folgen, kann man feststellen, dass vergangene Ereignisse immer unter bestimmten Gesichtspunkten betrachtet werden. Das heißt, dass auch die Römer auf ihre Vergangenheit aufgrund gewisser Prämissen blickten, welche sich aufgrund ihrer kulturellen Identität herausgebildet haben. Dies kommt vor allem in letzten Teil des Zitates von Hölkeskamp zum Ausdruck. Die Inhalte und Gegenstände des römischen Geschichtsbewußtseins erhalten also erst dadurch ihre Erklärung, indem sie als Funktion verstanden werden. Hölkeskamp sagt daher zurecht, dass man „typisch römischen Kriterien der Selektion solcher Fixpunkte“ namhaft machen müsse. Wenn wir in dieser Arbeit auf einige Formen kulturellen Gedächtnisses blicken, können wir diese Ansicht bestätigen. Wir werden hierbei vor allem auf Feste Medium des kollektiven Erinnerns blicken. In einem größeren Umfang soll vor allem die pompa funebris behandelt werden, weil es hierzu ausführliche Darstellungen gibt und sie vor allem schon in der Zeit vor der römischen Geschichtsschreibung zum zentralen Element der kollektiven Erinnerung im republikanischen Rom wurden.10 Und selbst als diese aufkam, war sie gar nicht so wichtig für das kulturelle Gedächtnis der Römer. Letztlich soll auch noch auf die Erinnerungsvermittlung innerhalb der Erziehung relativ kurz geblickt werden.

1.3. Kollektives Gedächtnis und Nobilität

Immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass in der römischen Republik vor allem die Nobilität für die Formierung des kollektiven Gedächtnisses verantwortlich war. So betont auch Hölkeskamp diesen Zusammenhang.11 Es gilt also besonders darauf zu achten, wenn man sich diesem Phänomen widmen möchte. Dies wird schon daran ersichtlich, dass in den Geschichtswerken vornehmlich Themen der großen Politik behandelt werden. In dieses Bild passt auch, dass ihre Verfasser meist Senatoren waren. Solche Werke dienten oft ganz bestimmten Zwecken und sie wurden auch propagandistisch eingesetzt.12

Das Wort nobilis kommt von noscere. Es bedeutet ungefähr so viel wie „erkennbar“ oder „bekannt“. Es hat ursprünglich nicht nur eine positive Bedeutung, sondern konnte auch einen schändlichen und tragischen Ruf meinen. imperator nobilis bezeichnet zum Beispiel einen siegreichen Feldherren, drückt also eine äußerst positive Verbindung der Bedeutung aus.13

Wer war nun Teil dieser Nobilität? Tatsächlich waren es nicht viele Menschen, die sich dazu rechnen durften. Zunächst zählte die militärische Führungsschicht dazu, die Konsulare, also Mitglieder des römischen Senates, die zumindest einmal das Amt des Konsuls ausüben konnten. Ebenso gehörte auch der erweiterte Kreis der sogenannten „Senatsaristokratie“ dazu. Es bestanden hierbei wiederum weitreichende Verbindung zum Ritterstand. Die Bezeichnung Nobilitas wurde aber nicht nur für Angehörige dieser genannten Führungsschicht verwendet, sondern auch für die Führungsschicht bzw. den Adel anderer Völker und Städte verwendet. Kriterien, die diese Zugehörigkeit auszeichneten, waren unter anderem ein großes Vermögen, ein Ehrenamt (honos), die Gunst der Gemeinde (gratia plebis) sowie potentia, womit die Möglichkeit gemeint war, seinen Willen durchzusetzen. Innerhalb des „Adels“ konnte man auch aufsteigen. Hierzu trugen beispielsweise Taten oder Verwandtschaften bzw. auch Wahlverwandtschaften bei. Worauf es auch ankam war ein legitimierender Ahnenbezug. Dieser kam bei den pompa funebris, auf die noch zurückzukommen sein wird, zum Ausdruck, wo man seine imagines vorwies.14

Assmann bezeichnete das Totengedenken als „Ursprung und Mitte“ einer Erinnerungskultur, und schon er führt als Beispiel die pompa funebris an. Diese waren wie ein „Akt der Belebung“ durch die Gemeinschaft, die sich der Ahnen kollektiv erinnert. Hier galten deshalb stark ausgeprägte kollektive Selektionsprinzipien. So durfte man bei den pompa funebris sich nur derjenigen Familienmitglieder erinnern, welche hohe Staatsämter vorweisen konnten. Ausschließlich dann, wenn diese Ahnen von allen Römern anerkannt wurden, galten sie als würdig, öffentlich, also wiederum von der kollektiv an diesem Akt der Belebung beteiligten Gesamtheit, gewürdigt zu werden. Ahnen, die kein solches Amt innehatten, konnten jedoch problemlos im privaten Ahnenkult verehrt werden. Es ging also darum, wer auch von dieser Öffentlichkeit verehrt wurde.15

Wie wurde man zu einem Teil der Nobilität?

Der „Glanz der Abstammung“ bzw. das dadurch erlangte Ansehen, die claritudo generis (nominis), wurde also entweder ererbt oder durch Taten erworben. Letztere boten eine Möglichkeit auch ohne den „Glanz der Abstammung“ dazuzugehören.16

Nun scheint also das kollektive Gedächtnis eine Sache der Nobilitas gewesen zu sein, der hier das prägende Element zu sein scheint. Baumann et. al. fragen nun aber, ob es nicht auch einen besonderen Erinnerungsort des populus Romanus außerhalb der gentes gegeben hat. Ohne hierauf sehr genau einzugehen, scheint dies zumindest eine interessante Frage, ob sich der populus Romanus in Form des Mythos doch stärker an der Bildung des kollektive Gedächtnisses beteiligen konnte als man vermutet.17

1.4. Mündlichkeit und Schriftlichkeit

Bevor wir nun genauer auf diese Zusammenhänge eingehen müssen wir noch ein paar Worte über die wichtige Rolle der mündlichen Überlieferung bei den Römern verlieren. Wie später gezeigt wird, war sie nicht deshalb so wichtig, weil die schriftliche Überlieferung vollständig gefehlt hätte, sondern weil nicht-schriftliche Überlieferungsformen besonders gut dazu geeignet waren, Inhalte, die das kollektive Gedächtnis betrafen, anzusprechen. Die später, am Ende des 3. Jahrhunderts, einsetzende Geschichtsschreibung war nämlich zu sehr vom Dekadenzdiskurs beherrscht, als dass sie in der Lage gewesen wäre, dieselbe einheitsstiftende Funktion zu gewährleisten. Dieser stellte weniger eine Verbindung der Vergangenheit mit der Gegenwart her, stattdessen wurde vor allem der Wandel der Nobilität thematisiert. Letzteres beschränkte die Wirkung wie auch die Tatsache, dass einige Werke auf Griechisch geschrieben waren, auf einen adeligen Leserkreis.18

Die carmina bestanden jedenfalls auch immer gleichzeitig mit der schriftlich überlieferten Tradition. So, dass die römische Geschichte grundsätzlich von Anfang an auf schriftlichen, aber genauso mündlichen Grundlagen beruhen musste. Es handelt sich ja in Rom nicht um eine Gesellschaft, die aufgrund ihrer Nichtschriftlichkeit auf die schriftliche Überlieferung verzichten hätte müssen. Laut Timpe spielte es im Prinzip nur eine untergeordnete Rolle, ob die Überlieferung schriftlich oder mündlich erfolgte: In beiden Fällen mussten bestimmte Kriterien enthalten sein. Zu diesen zählten für die römische Geschichtsschreibung das memoria dignum, welches einen homogenen Raum der Erinnerung schaffen sollte, und die res gestae, die kühnen Taten großer Persönlichkeiten. Er sieht letztlich drei grundlegende Voraussetzungen gegeben: 1) Der Handlungsträger populus Romanus, das Auswahlkriterium memoria dignum, die Bestimmung des Erinnerungsstoffes als res gestae.19

Wenngleich die schriftliche Überlieferung ausführlicher als Quelle hierzu herangezogen wird, heißt es eben nicht, dass die mündliche Überlieferung nicht auch von diesen Bestimmungen geprägt gewesen wäre. Eine wichtige Grundlage hierfür war eine homogene römische Führungsschicht, welche sich dennoch gleichzeitig mit dem Gedeihen der römischen Republik identifizierte und als Repräsentation der Gesamtheit der Römer verstand.20

2. Feste als Medium des Erinnerns

In diesem Kapitel möchte ich zunächst allgemein auf die wichtige Rolle von Festen für die Römer eingehen und auch immer wieder kurze Vergleiche zu den Griechen machen. Im Anschluss an diese kurze Einleitung möchte ich auf die pompa funebris eingehen und die Rolle, die insbesondere sie für eine Identitätsstiftung bei den Römern spielte. Allgemein gilt das, was Bösel insbesondere für die pompa funebris herausgestellt hat, nämlich, dass sie bereits in der Zeit vor der Geschichtsschreibung von großer Bedeutung war für die kollektive Erinnerung der Römer und bei der Identitätsstiftung und der Frage, was einen Römer ausmacht, wichtige Dienste leistete.21 Weil gerade die pompa funebris von so großer Bedeutung war und sich sehr gut zur Illustration eignet, wird sie später als Beispiel fungieren. Hier war der Rahmen größer als bei einem gewöhnlichen Gedenken, bei welchem meist ähnliche Elemente eine Rolle spielten.

Religiöse Feste, wie sie in Athen und Rom abgehalten wurden, wiesen ähnliche Elemente auf. Zunächst einmal ging es eigentlich um das Opfer. Dieses Ereignis wurde durch ein Rahmenprogramm begleitet. So ging meist eine Prozession voraus; außerdem konnten auch Tänze und Gesänge sowie Fackelzüge, aber auch Reden, bestimmte Wettkämpfe oder Spiele stattfinden. Des Weiteren aber auch noch szenische Darbietungen oder Bankette. Feste dauerten oft mehrere Tage, manche sogar bis zu einem Monat.22

Schon in Athen stand vor allem die identitätsstiftende Funktion solcher Feste im Vordergrund. Es ging darum, die Vergangenheit in die Gegenwart zu transferieren. Andererseits konnte gerade dadurch der Zusammenhalt des demos unterstützt werden. Man wies auf die vergangenen Erfolge, welche lediglich durch den engen Zusammenhalt innerhalb der Gemeinschaft der einzelnen Bürger und das geschlossene Auftreten gegenüber den Feinden bewerkstelligt worden seien. Der Hinweis auf die glorreichen Erfolge der Vorfahren sollte der in der Gegenwart agierenden Bevölkerung wichtige Impulse liefern, um auf aktuelle Probleme zu reagieren. Die damaligen Erfolge wurden zu einer Art Vorbild, dem man am besten nacheifern sollte. Die glorreiche Geschichte zeigte außerdem, dass patrios politeia etwas sei, das um jeden Preis erhalten und verteidigt werden müsse. Im besten Fall sollten Ruhm und Einfluss von Athen sogar vergrößert werden, um das Werk der Vorfahren weiterzuführen.23

Allgemein stellten religiöse Feste einen Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses dar und häufig gedachte man bei religiösen Festen einem mythischen oder aber einem historischen Ereignis. Warum verband man ein gewisses Datum mit einem spezifischen Gedenken? Mit einem Fest gedachte man zum Beispiel einem bestimmten Ereignis, das möglicherweise an diesem oder jenem Tag stattfand. An diesem Tag brachte man typischerweise ein Dankesopfer und führte meist ganz bestimmte Rituale aus. Dieses Gedenken, das man mit diesen Ritualen verband, fand in der Regel jedes Jahr von Neuem statt und wurden dann Teil des Kanons öffentlicher religiöser Handlungen. Ähnliche Rituale gab es auch schon in Athen, was hier einen guten Vergleich ermöglicht. Es sollen hier deshalb zwei dieser Opfer in Athen erwähnt werden, die man Jahr für Jahr zum Gedenken an ein wichtiges, die Geschichte der Polis prägendes Ereignis darbrachte. Solche Ereignisse, deren man gedachte, waren einerseits der 403 v. Chr. stattgefundene Sturz der Dreißig Tyrannen durch Thrasyboulos und dessen Anhänger sowie der Seesieg des Chabrias vor Naxos im Jahr 376 v. Chr. Beider Ereignisse, welche auf jeden Fall als für die Athener identitätsstiftend angesehen werden können, gedachte man Jahr für Jahr zum jeweiligen Datum der Überlieferung, wobei man ein Opfer darbrachte.24

Des Weiteren konnte in Athen der Fall eintreten, dass man ein schon existierendes Fest mit dem Gedenken an ein in der Regel historisches Ereignis verband, wenn letzteres in einer zeitlichen Nähe dazu stand. Dies geschah beispielsweise im Falle der Schlacht von Marathon von 480 v. Chr. Man nutze hierzu das Fest der Göttin Artemis Agrotera am 6. Boedromion und verband dieses Fest mit der Erinnerung an das für Athen so wichtige historische Ereignis. Im Zuge des diesbezüglichen Festzuges wurden der Artemis Agrotera in ihrem Tempel in Agrai 500 Ziegen als Opfer dargebracht.25

Der umgekehrte Fall war es, dass ein bestehendes Fest mit einem mythischen Ereignis verbunden wurde. So wusste man bei bestimmten Festen nicht mehr genau, was ihre eigentliche Bedeutung war. In Athen war dies beispielsweise das alte Weinlesefest der Oschophoria, welches man später mit der Theseus-Sage in Verbindung brachte, ohne dass eine solche Verbindung ursprünglich gegeben war. Für Rom gibt es ähnliche Beispiele.26

Athen und Rom verband die Praxis, dass die Einführung neuer Gottheiten oder neue Kulte teilweise die Folge einer Bedrohung waren. In Athen wurde so der Pan-Kult genau zur Zeit der Schlacht von Marathon eingeführt. So soll Pheidippides, dem Läufer, Pan erschienen sein und Hilfe versprochen haben. Als der Sieg tatsächlich gelang, wurde ein Heiligtum errichtet und Jahr für Jahr ein Opfer dargebracht, das auch noch mit einem Fackellauf verbunden war. Es lassen sich in Athen und Rom weitere Beispiele bringen. Für Rom eignet sich als Beispiel das Fest der Megalesia, welches der phrygischen Mater Magna gewidmet war und als Folge des schlechten Kriegsverlaufes im 2. Punischen Krieg gegen Hannibal entstand.27

In der römischen Republik lassen sich grundsätzlich ähnliche Praktiken nachweisen, obwohl es auch Unterschiede gibt. So fanden Veranstaltungen, bei denen man sich an Siege erinnerte, zunächst nur in Form von Schlachtengelübden sowie damit verbundenen Tempelgründungen und Spielen statt. Ein jährlich widerkehrendes Gedenken an spezielle Siege, zum Beispiel in Form eines Opfers fand so nicht statt, obwohl es in vielen anderen Kulturen sehr wohl so gehandhabt wurde. Spiele wurden zum Beispiel von Augustus angekündigt, nachdem die Varusschlacht für die Römer so furchtbar ausgegangen war. Er wollte das Kriegsgeschick damit zu seinen Gunsten wenden. Spiele wurden ab der Zeit der späten Republik ebenso grundsätzlich im Anschluss an einen Sieg eines Imperators abgehalten. Diese Praktiken konnten allerdings nicht auf Dauer identitätsstiftend wirken, weil sie kein kulturelles Gedächtnis schufen.28

Die Römer übernahmen diese Form des Gedenkens erst mit dem Ende der römischen Republik. Eintragungen von Siegestagen lassen sich nämlich erst für die Zeit von Sulla und Caesar nachweisen. Sie bezogen sich jeweils auf von ihnen errungene Siege. So feierte man seit 81 v. Chr. von 26. Oktober bis 1. November die Ludi Victoriae Sullanae zu Ehren des Sieges Sullas über die Samniten an der Porta Collina. Caesar ließ seines Sieges bei Pharsalos jährlich vom 20. bis zum 30. Juli gedenken, an denen die sogenannten Ludi Victoriae Caesaris stattfanden. Caesar nutze gleichsam auch die oben beschriebene Praxis, ein bereits bestehendes Fest mit dem Gedenken an eine Schlacht zu verbinden. So verband man das bereits existierende Fest für die Pales, die sogenannte Parilia, mit dem Gedenken seines Triumphes über Munda, der ihm innenpolitisch Probleme bereit hat, im Jahre 45 v. Chr. Man trug nun daher einen Kranz auf dem Kopf, wenn man daran teilnahm.29

Wir werden später über die große Bedeutung der pompa funebris sprechen. Andererseits gab es aber auch andere Praktiken, auf die nun noch ausführlicher eingegangen werden soll, bevor über die pompa funebris zu sprechen sein wird. So gab es in Rom eine große Zahl an Monumenten, die mit den Memorialpraktiken der Nobilität zusammenhängen. Zu diesen zählten zum Beispiel am Kapitol oder dem Forum Romanum aufgestellte Ehrenstatuen, die bereits erwähnten geweihten Tempel sowie in den Tempeln aufgestellte Gemälde und Landkarten. All diese Formen übernahmen eine identitätsstiftende Funktion, da sie Tag für Tag deren Betrachtern die römische Geschichte vor Augen führten. Über die Tempel als Orte der Erinnerung wurde bereits gesprochen. So waren die Jahr für Jahr stattfindenden Gedenktage der Tempelweihe häufig ein Zeitpunkt, an dem man sich eines wichtigen Triumphes oder einem anderen prägenden Ereignis erinnerte. Blösel spricht in diesem Zusammenhang von einem „monumentalen Gedächtnis“, welches sich zur gleichen Zeit wie die pompa funebris ausgebildet habe, nämlich gegen Ende des 4. Jahrhunderts.30

Auch die Statuen, Tempel, die darin enthaltenen Gemälde und Landkarten sowie vor allem das jeweils damit verbundene Ereignis waren dazu in der Lage, als Stützen für ein kollektives Gedächtnis zu fungieren. Dennoch konnten sie nicht ohne einen Hintergrund ihre Wirkung auf das kulturelle Gedächtnis entfalten. So waren die Inschriften nicht ausreichend, um das damit verbundene historische Ereignis ohne Hintergrundwissen zu verstehen. Es musste also auch dafür gesorgt werden, dass dieser Hintergrund bei dem Betrachter der Monumente bereits vorhanden war, wenn sie mit ihnen in Berührung kamen. Diese Funktion übernahmen nun vor allem die pompa funebris, welche das kollektive Gedächtnis prägen konnten. In ihnen kamen die einzelnen Ereignisse, welche in den Monumenten dargestellt wurden, nicht nur vor und wurden somit ins Gedächtnis gerufen, sondern wurden auch noch in einen geschichtlichen Zusammenhang gesetzt, der durch die chronologische Ordnung der Präsentation der einzelnen bedeutenden Ahnen und ihrer Funktion gewährleistet wurde. Erst dadurch konnte man wohl die geschichtliche Bedeutung im historischen Kontext einordnen. Laut Bösel hatten Statuen und andere Monumente vor allem einen Verweischarakter und einen Rückhalt für das kollektive Gedächtnis, man konnte sich also in verschiedenen Situationen auf sie beziehen, ähnlich wie man zu diesem Zweck auch Münzen mit gewissen Motiven prägte. Sie konnten aber für sich eben nicht alleine das kollektive Gedächtnis und das römische Geschichtsbewusstsein über einen langen Zeitraum aufrechterhalten.31

[...]


1 Y. Baumann, B. Fietz, R. Kath, M. Rücker, Ch. Taube, Die Römische Republik als Kultur des Erinnerns, Deutens und Vergessens. Remembering, interpretation and forgetting as part of the Roman Republic, in: M. Rücker (Hrsgg.), Geschichtsschreibung als Mittel des Erinnerns und Vergessens: Zur Entwicklung, Rolle und Bedeutung von Historiographie in der Römischen Republik, Heidelberg 2011, S. 6-25, hier S. 7.

2 J. Assmann , Das kulturelle Gedächtnis, in: Assmann, Jan (Hrsgg.), Thomas Mann und Ägypten. Mythos und Monotheismus in den Josephsromanen, München 2006, S. 67–75, hier S. 70.

3 J. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 62007, S. 30.

4 ebd. S. 34.

5 Baumann et. al., 2011, S. 6-7.

6 K.-J. Hölkeskamp, Exempla und mos maiorum: Überlegungen zum kollektiven Gedächtnis der Nobilität, in: Ders., Senatus populusque Romanus, Stuttgart 2004. S. 169-198, hier S. 169-170.

7 ebda. S. 171

8 ebda. S. 171-172.

9 Baumann et. al., 2011, S. 6-7.

10 W. Blösel, Die memoria der gentes als Rückgrat der kollektiven Erinnerung im republikanischen Rom, in: U. Eigler, u. a. (Hrsgg.), Formen römischer Geschichtsschreibung von den Anfängen bis Livius. Gattungen – Autoren – Kontexte, Darmstadt 2003, S. 53-72, hier S. 53.

11 Hölkeskamp, 2004, S. 172.

12 Baumann et. al., 2011, S. 9.

13 Ebda.

14 Pol. 6,53,1-54,3.

15 Blösel, 2003, S. 53-54.

16 Baumann et. al., 2011, S. 9.

17 Ebda.

18 Blösel, 2003, S. 70-72.

19 D. Timpe, Mündlichkeit und Schriftlichkeit als Basis der frührömischen Überlieferung, in: Ders.: Antike Geschichtsschreibung, Darmstadt 2007, S. 86-108., hier S. 92-93

20 Ebda.

21 Blösel, 2003, S. 53.

22 Baumann et. al., 2011, S. 15.

23 Ebda.

24 Ebda. S. 13.

25 Ebda. S 14.

26 Ebda.

27 Ebda.

28 Ebda. S. 13.

29 Ebda. S. 14.

30 Blösel, 2003, S. 66.

31 Ebda. S. 66-67.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das Kollektive Gedächtnis als Zugang zur römischen Republik
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Note
1,00
Autor
Jahr
2020
Seiten
24
Katalognummer
V933153
ISBN (eBook)
9783346259660
ISBN (Buch)
9783346259677
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kollektive, gedächtnis, zugang, republik
Arbeit zitieren
Ludwig Mahrenberg (Autor), 2020, Das Kollektive Gedächtnis als Zugang zur römischen Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/933153

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