Die Darstellung der Reformation und ihrer Akteure in Schullehrbüchern im Vergleich


Bachelorarbeit, 2020

37 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Darstellung der Reformation in Schullehrbüchern
2.1. Lehrwerke der 1950er Jahre im Vergleich
2.1.1 Kamps neues Realienbuch –
2.1.2 Geschichtliches Unterrichtswerk für Mittelklassen Band II –
2.1.3 Geschichtliches Unterrichtswerk Ausgabe B (Mittelstufe) Band 3 – Die Auflösung der abendländischen Einheit –
2.2. Lehrwerke der 1980er Jahre im Vergleich
2.2.1 Tempora Grundriss der Geschichte. Band 1 Altertum, Mittelalter, Frühe Neuzeit –
2.2.2 Unsere Geschichte Band 2. Vom Beginn der Neuzeit bis zum Ende des 19. Jahrhunderts –
2.2.3 Geschichtsbuch 2 Die Menschen und ihre Geschichte in Darstellungen und Dokumenten. Ausgabe A: Das Mittelalter und die frühe Neuzeit –
2.3 Aktuelle Lehrwerke im Vergleich
2.3.1 Zeitreise 7 – 962 bis 1750. Ausgabe für Bayern –
2.3.2 Horizonte 7/8 – Geschichte Gymnasium Rheinland-Pfalz –
2.3.3 Geschichte und Geschehen 1/2 C – Sekundarstufe 1 –

3. Didaktische Entwicklungen zum Themenkomplex Reformation

4. Abschlussbetrachtung – Darstellung der Reformation

5. Literaturverzeichnis

6. Quellenverzeichnis Schulbuchliteratur

1. Einleitung

„Das Schulbuch ist das Leitmedium des Geschichtsunterrichts und wird es wohl auch bleiben“1 schreibt Michael Sauer in seiner Einführung in die Geschichtsdidaktik. Schulbücher stellen neben den Lehrpersonen selbst meist den ersten Zugang der Schülerinnen und Schüler zur Geschichte dar. Es sollte das Ziel dieser Lehrbücher sein, den Schülerinnen und Schülern einen objektiven Zugang zur Geschichte zu ermöglichen und ihnen Quellen und Material an die Hand zu geben, sodass sie eigenständig die Ereignisse und Zusammenhänge beurteilen können. Da diese Bücher häufig grundlegende Materialsammlungen für den Unterricht darstellen, kann davon gesprochen werden, dass diese einen sehr hohen Stellenwert genießen. Aus diesem Grund sollen ebendiese Schulbücher im Fokus der hier vorliegenden Arbeit stehen, wobei die Reformation und ihre Akteure als Untersuchungsgegenstand genutzt werden sollen. Die Konzentration auf ein Ereignis beziehungsweise einen Themenkomplex ermöglicht es, im Rahmen dieser Arbeit auf mehrere verschiedene Lehrbücher einzugehen und diese zu vergleichen. Um mögliche Entwicklungen und Veränderungen innerhalb der Schulbuchlektüre zu erarbeiten, werden dazu Bücher aus den 1950er Jahren, den 1980er Jahren und den Jahren nach 2000 untersucht.

Doch warum der Fokus auf der Reformation? Die Folgen der Reformation lassen sich bis heute im Alltag der Menschen in Europa beobachten. So auch in der Schule. Schülerinnen und Schüler werden für den Religionsunterricht nach Konfessionen eingeteilt. Viele stellen sich dabei sicher die Frage, warum sie nicht den gleichen Unterricht erhalten. Neben dem Religionsunterricht selbst ist es das Fach Geschichte, in dem Schülerinnen und Schüler Aufschluss darüber erhalten, warum sie unter Umständen nicht mit ihrer besten Freundin oder ihrem besten Freund im gleichen Religionsunterricht sind. Dazu kommt, dass die Reformation als solches nicht eindeutig als positives oder negatives Ereignis beurteilt werden kann und daher deren Darstellungen einen deutlich objektiveren Charakter zulassen müsste, als es beispielsweise beim Nationalsozialismus oder dem Vietnamkrieg der Fall sein könnte.

Bei der Untersuchung der Lehrwerke soll auf jedes hier ausgewählte Lehrwerk einzeln eingegangen werden und jeweils ein kurzes Fazit am Ende der jeweiligen Analyse gezogen werden. Nachdem auf Kapitelaufbau und bedarfsweise Gesamtstruktur des Werkes eingegangen worden ist, erfolgt dann eine inhaltliche Auseinandersetzung, wobei dabei immer berücksichtigt werden soll was genannt wurde und wie die Sachverhalte beschrieben worden sind. Neben den Verfassertexten muss auch die Auswahl der Quellen berücksichtigt werden. Neben der Reformation im Allgemeinen werden auch deren Akteure einer genaueren Betrachtung unterzogen. Im Grunde ergibt sich hieraus die Frage, ob es trotz des vermeintlich objektiven Themenkomplexes zu eher subjektiven Darstellungen der Reformation und ihrer Akteure in der Schulbuchliteratur kam und wie sich diese im Laufe der Zeit geändert hat oder auch nicht.

Neben den Untersuchungen zur Reformation soll später auch kurz auf signifikante Beobachtungen hinsichtlich der didaktischen Herangehensweise eingegangen werden. Damit sollen weitere Aspekte aus der Entwicklung der Schulbuchliteratur aufgezeigt und mögliche Rückschlüsse auf die Darstellung im Allgemeinen gezogen werden.

Das Luther-Jubiläum 2017 war Anlass für eine Vielzahl neuer Studien und Untersuchungen, unter anderem auch im Bereich der Schulbuchforschung. So finden sich im Band 145 der Bildungsmedienforschung, das als Sonderausgabe mit dem Titel Luther und die Reformation in internationalen Geschichtskulturen, veröffentlicht wurde zahlreiche Beiträge, die ähnliche Themen behandeln. Dabei gibt allen voran der Basisbeitrag von Thomas Martin Buck interessante Impulse zum aktuellen Forschungsstand, die auch Teil dieser Untersuchung sein sollen. Dazu gehört zum einen der Aspekt der veränderten Epocheneinteilung. Nicht mehr einzelne Ereignisse und Personen sollten demnach im Mittelpunkt stehen, sondern die Reformation als Prozess. Daher wäre es ebenso angebracht sich von 1517 als Start- und 1555 als Endpunkt der Reformation zu trennen2.

Ebenso wird in Bucks Ausarbeitung angedeutet, dass auch die Darstellung der „Heldenfigur“ Martin Luther nicht mehr dem aktuellen Forschungsstand entspricht3. Es sollte bei der Analyse der Lehrbuchtexte also auch untersucht werden, auf welcher Basis diese aufbauen. Werden diese tatsächlich auf Basis der Biographie einer Einzelperson erzählt oder haben sich diese eher zu einer soziokulturellen Geschichtswahrnehmung gewandelt? Neben Thomas Martin Buck liefert auch der Beitrag von Helene Albers einen starken Impuls und somit auch eine Untersuchungsgrundlage für diese Arbeit. Sie bezeichnet Luthers Judenfeindschaft als blinden Fleck in Geschichtsschulbüchern4. Daran schließt sich die Frage an, ob dies in den hier zu untersuchenden Werken ebenso der Fall ist oder, ob dies zu Gunsten einer positiven Gesamtdarstellung der Reformation ausgelassen wird.

2. Die Darstellung der Reformation in Schullehrbüchern

2.1. Lehrwerke der 1950er Jahre im Vergleich

In diesem Teilabschnitt werden drei unterschiedliche Lehrwerke betrachtet, die zu Beginn der 1950er Jahre im Geschichtsunterricht eingesetzt wurden. Von diesen wurden zwei ausschließlich für den Geschichtsunterricht verfasst, das dritte hingegen hat den Charakter eines Gemeinschaftskundebuchs oder Allgemeinbildungsbuchs.

2.1.1 Kamps neues Realienbuch – 1953

Bei diesem Werk handelt es sich um das zuvor erwähnte Gemeinschaftskundebuch. Gemäß dem gemeinschaftskundlichen Charakter beinhaltet es die Fachbereiche Geschichte, Erdkunde, Naturkunde und Naturlehre. Verlegt wurde dieses Lehrbuch Verlag F. Kamp in Bochum. Der Geschichtsteil des Buches umfasst eine historische Gesamtdarstellung, die mit der Entstehung der Erde beginnt und mit der damaligen Gegenwart endet5. Diese Einteilung des Werks lässt bereits im Vorfeld vermuten, dass die einzelnen Kapitel sehr knappgehalten sind. So umfasst in diesem Fall das Kapitel zur Reformation selbst gerade einmal die Seiten 76 – 81, wobei darin auch Abschnitte mit den Titeln Die deutschen Bauernkriege und Der Abfall und der Aufstieg der Niederlande enthalten sind.

Zu Beginn des Kapitels Die Reformation und ihre Folgen steht ein Abschnitt mit dem Titel Ein Bild der Zeit. Das Besondere an diesem einführenden Text ist, dass er nicht als klassischer Verfassertext, sondern als im Dezember 1520 geführter Dialog zwischen zwei Ratsherren verfasst wurde, wodurch der Leser in eine zeitgenössische Perspektive versetzt wird. Darin diskutieren die Ratsherren über die Situation, in der sich Kirche und Reich aktuell befinden. Direkt zu Beginn des Dialogs drückt einer der Teilnehmer seine Sorgen über die Handlungen Luthers aus, denn er befürchtet, dass „eine Kirchenspaltung (…) den Untergang des Reiches herbeiführen“6 kann. Gleichsam wird der Dialog auch genutzt, um Luthers Biografie kurz zu umreißen. Im weiteren Verlauf des Dialogs wird auf Luthers Motive, gegen die bestehende Kirchenordnung vorzugehen, eingegangen, wobei diese lediglich aufgeführt und nicht wirklich dargelegt werden. Eben derselbe Redner berichtet zugleich, dass sich Frankreich bereits von Rom gelöst hätte und auch in England ähnliche Vorbereitungen getroffen werden. Außerdem werden John Wiclif und Johann Hus als Gegensprecher der Kirche sowie Renaissance und Humanismus als allgemeine Bewegungen aufgeführt7.

Interessant an dieser Darstellung ist vor allem, dass Luther nicht als Lichtgestalt gepriesen wird, sondern vielmehr als lokaler Vertreter einer Bewegung eingestuft wird, die das gesamte Abendland betrifft. Des Weiteren wird der Schwerpunkt in diesem Text vor allem auf den verbindenden Charakter des Christentums gelegt, da immer wieder darauf eingegangen wird, dass das ohnehin schon gespaltene Europa durch eine mögliche Aufspaltung der Kirche und den damit verbundenen Konflikten weiter geschwächt wird. Dabei wird eindeutig die Angst vor einer türkischen Invasion ausgedrückt, was gleich mehrmals Erwähnung findet8.

Im Anschluss an den Dialog wurde von den Verfassern eine Zeittafel eingefügt, die die aus deren Sicht wichtigsten Ereignisse der Reformation bis hin zum 30-Jährigen Krieg aufführt. Dabei handelt es sich im Gegensatz zum einleitenden Text um eine eher nüchterne Darstellung, während der folgende Abschnitt über den Bauernkrieg als Monolog Thomas Münzers dargestellt wird, in dem die Gründe für die Aufstände genannt werden. Der Verlauf des Aufstandes hingegen wird in einem kurzen Teilabschnitt als klassischer Verfassertext dargestellt.

Wie zu Beginn erwähnt beinhaltet das Kapitel über die Reformation in Kamps neues Realienbuch auch ein Teilkapitel über die Niederlande. Darin wird vor allem über die Loslösung von Spanien berichtet. Die Reformation findet dahingehend Erwähnung, dass Spanien, ausschließlich katholisch geblieben, Protestanten mittels Inquisition scharf verfolgte9. Im Grunde lässt sich jedoch festhalten, dass wirtschaftliche und politische Gründe die Hauptursachen für den Konflikt waren.

Abschließend lässt sich zu diesem Unterrichtswerk festhalten, dass es zwar die Reformation insgesamt recht knapp, aber dennoch kontrovers und multiperspektivisch behandelt. So werden einerseits Gefahren der Bewegung thematisiert und in Form von Ängsten eines Ratsherrn dargestellt. Andererseits werden auch die Kritikpunkte an der katholischen Kirche klar hervorgehoben. Wenn auch keine klare Bewertung erfolgt, so wird doch eine eher positive Positionierung zur Reformation impliziert, da diese als allgemeine Bewegung gegen die Missstände innerhalb der Kirche beschrieben wird.

2.1.2 Geschichtliches Unterrichtswerk für Mittelklassen Band II – 1951

Bei dem folgenden Werk handelt es sich um ein Werk, das explizit für den Geschichtsunterricht verfasst wurde. Es trägt den Haupttitel Geschichtliches Unterrichtswerk für Mittelklassen Band II: Geschichte des Abendlandes von der germanischen Frühzeit bis 1648 und wurde von dem Lehrmittel-Verlag Offenburg und dem Ernst Klett Verlag Stuttgart im Jahr 1951 verlegt. Das Lehrwerk umfasst die Zeiträume des Altertums bis hin zum Ende des 30-Jährigen Krieges. Wobei der im Titel des Buches implizierte Schwerpunkt den Kapitelbezeichnungen nach umgesetzt wird. Das Kapitel zur Reformation umfasst die Seiten 145 bis 154, wobei auch die Inhalte der Anschlusskapitel Revolutionäre Bewegungen, Die Erneuerung der alten Kirche und Religionskämpfe in Europa durchaus mit der Reformation selbst in Verbindung zu bringen sind10.

Im vorliegenden Lehrbuch werden die Deutschen als gottesfürchtiges Volk beschrieben, die alles daran setzten mit Gott im Reinen zu sein. Es wird ebenfalls direkt ausgedrückt, dass sämtliche Stände den weltlichen Vertretern der Kirche kritisch gegenüberstanden. Wenn auch eine „Sehnsucht nach einer Reform“11 aller beschrieben wird, so wird dennoch direkt in der Einleitung des Kapitels klar formuliert, dass die Reformation aus dem Wirken Martin Luthers hervorging. Nach dieser kurzen Einleitung lässt sich im Überblick zunächst feststellen, dass das Kapitel überwiegend an Luthers Leben orientiert ist und auch Wert auf Chronologie gelegt wird. Schon früh wird Luthers Grundüberzeugung, dass der Mensch sich nicht durch Werke, sondern allein durch seinen Glauben vor Gott verantwortet und somit auch Vergebung erhält, verdeutlicht. Demgegenüber wird Johann Tetzel als Negativbeispiel genannt und als Auslöser für Luthers Veröffentlichung der 95 Thesen impliziert. Die Einleitung sowie drei der Thesen finden sich ebenfalls als Abdruck in diesem Abschnitt, es wird jedoch nicht weiter darauf eingegangen12. Ebenso ergeht es den auf den beiden folgenden Seiten abgedruckten Bildern. Bei diesen handelt es sich um Portraits von Erasmus, Luther, Zwingli und Calvin sowie Darstellungen von bewaffneten Bauern, zinszahlenden Bauern und der Übergabe der Augsburger Konfession13.

Die folgenden Abschnitte des Kapitels sind allen voran ereignisgeschichtlich geprägt. Um deren Aussagekraft zu untermauern wurden an verschiedenen Stellen immer wieder diverse Schriften von Geistlichen oder auch Unterstützern Luthers, wie beispielsweise Albrecht Dürer, zitiert14. Während diese zwar in chronologischer Weise Ereignisse erzählen, lässt sich dennoch feststellen, dass Luther in verschiedenen Aspekten sehr positiv dargestellt und ihm als Person eine weitreichende Wirkung zugesprochen wird. So wird beispielsweise seine Bibelübersetzung als prägendes Werk zur Vereinheitlichung der deutschen Schriftsprache beschrieben. Gleichzeitig wird auch beschrieben, dass kein anderer Vertreter in der Lage war die aufgebrachten Bilderstürmer zu besänftigen, sodass Luther selbst sich der durch Reichsacht und Kirchenbann entstandenen Gefahr aussetzte, um diese zu zügeln15. Nicht erwähnt wird dabei, dass Luther dies nicht aus Eigeninitiative tat, sondern nach Aufforderung durch die Vertreter handelte16. Allem voran wird in diesem Werk hinsichtlich der Gründung der Landeskirchen Luther eine außerordentliche Stellung zugesprochen. So findet sich hier der Satz: „Luther gab den Fürsten eine beherrschende Stellung in der Landeskirche.“17 Dieser Ausdruck wirkt so, als wäre es allein Luthers Entscheidung gewesen, welche Position die Landesfürsten in der neu geordneten Kirche erhalten. Mögliche politische Motive der Fürsten oder politische Vorteile einer reformierten Kirche finden an dieser Stelle keinerlei Erwähnung. Dabei ließen sich diese gerade am Beispiel des hier erwähnten Philipps von Hessen darstellen, da dieser sich im Zuge der Reformation deutlich mehr Unabhängigkeit von Kirche und Klerus sicherte, indem er beispielsweise den Einfluss des Mainzer Erzbischofs auf die Gerichte auflöste18.

Auf weitere Reformatoren oder reformatorische Bewegungen in anderen Ländern wird in diesem Lehrwerk weniger eingegangen. Als einzige Beispiele werden hier Ulrich Zwingli und Johann Calvin genannt. Dabei wird jedoch darauf eingegangen, dass es sich bei Zwinglis Bestrebungen um eine eigenständige Entwicklung handelte, die nahezu zeitgleich mit der von Luther stattfand. Konträr zu Luthers Geschichte wird Zwinglis reformatorisches Wirken als nahezu unangefochten beschrieben, da er nicht die „schweren inneren und äußeren Kämpfe, die Luther zu bestehen hatte“19 erlebte.

Die letzten beiden Unterkapitel gehen vor allem auf Konflikte ein, die aus der Reformation entstanden sind. Dabei schließt es jedoch mit dem Augsburger Religionsfrieden ab, wodurch das Kapitel den Verlauf der Reformation vom Beginn bis zu ihrem tatsächlichen Abschluss darstellt20.

Im Allgemeinen lässt sich zu diesem Lehrwerk festhalten, dass es die Reformation sehr ausführlich behandelt. Dabei wird allerdings überwiegend auf Ereignisgeschichte eingegangen und diese kaum kritisch betrachtet. Die Reformation als historisches Phänomen wird vor allem an der Person Martin Luther festgemacht und deren Erfolg ebenso.

2.1.3 Geschichtliches Unterrichtswerk Ausgabe B (Mittelstufe) Band 3 – Die Auflösung der abendländischen Einheit – 1952

Das dritte Unterrichtswerk aus diesem Jahrzehnt ist ebenfalls eigens für den Geschichtsunterricht verfasst worden. Während Band 1 den Titel Das Abendland im Werden und Band 2 den Titel Das Abendland in der Einheit tragen, wird mit dem Titel des hier zu untersuchenden Band 3 Die Auflösung der abendländischen Einheit deutlich auf ein spaltendes Ereignis angespielt, welches auch durchaus auf die Reformation bezogen werden kann. Das Lehrwerk stammt aus dem Jahre 1952 und wurde vom Schroedel Verlag in Hannover verlegt. Das Buch behandelt den Zeitraum von 1483 bis 1815 und wie der Titel vermuten lässt, ist das erste Kapitel des Lehrwerkes das über die Reformation.

Zu Beginn gibt das Lehrwerk in Form einer Zeittafel einen Überblick über die Schlüsselereignisse der Reformation, wobei diese lediglich genannt werden und auf kurze Erläuterungen verzichtet wird21. Wie schon beim vorherigen Lehrwerk orientieren sich die Verfasser auch hier zunächst sehr ausgiebig an Luthers Biografie und erzählen dessen Lebensgeschichte vergleichsweise nüchtern und wertungsfrei, weshalb an dieser Stelle darauf nicht genauer eingegangen werden soll. Es wird jedoch deutlich gemacht, dass Luther zunächst nicht das Anliegen hatte eine Bewegung loszutreten oder ein allgemeines Aufbegehren gegen die Kirche zu fördern. Die Autoren verdeutlichen dies damit, dass beispielsweise ausdrücklich Johann Tetzel mit den 95 Streitsätzen herausgefordert werden sollte, deren Übersetzung und Verbreitung und allem voran deren Resonanz bei der Bevölkerung Luther überraschte. Die Aussage, dass Luther „mit einem Schlage Wortführer einer Bewegung geworden [war]“22 bestärkt den Aspekt, dass Luther ein Vertreter des ohnehin schon verbreiteten Wunsches nach Veränderung war. Hinsichtlich der Disputation mit Dr. Eck wurden Formulierungen gewählt, die andeuten, dass Martin Luther nicht gewillt war sich in dem Maße von der Kirche loszulösen. Dort schreiben die Autoren, dass Dr. Eck Luther in die Enge trieb und so erst zu den als ketzerisch eingestuften Aussagen trieb. Auch die Auslegung von Luthers Schriften wird angesprochen. Es wird darauf verwiesen, dass die Anhänger Luthers diese teilweise anders interpretierten als es beabsichtigt war, was ebenfalls dafürspricht, dass Luther weniger Einfluss auf die Ereignisse hatte, als es beispielsweise in anderen Lehrbüchern angenommen wird23.

Wie auch im vorherigen Werk, Geschichte des Abendlandes von der germanischen Frühzeit bis 1648, werden auch in diesem Fall reformatorische Bewegungen in anderen Ländern und deren Vertreter verhältnismäßig kurz umrissen. Die Autoren widmen der Schweizer Reformation etwa eine Seite des Kapitels, auf der die Personen Ulrich Zwingli und Johann Calvin behandelt werden. „Als Pfarrer in Zürich lernte Zwingli Luthers Schriften kennen und trat unter ihrem Einfluß gegen die Einrichtungen der katholischen Kirche auf.“24 Mit dieser Aussage positionieren sich die Autoren ganz klar dazu, dass Luther mehr oder weniger alleiniger Urheber der Reformation war. Dies wurde allerdings von Zwingli selbst bestritten, da er nach eigener Aussage das Evangelium predigte, bevor er Kenntnis von Luthers Schriften hatte25. Trotz der ansonsten sehr ausführlichen Ausführungen wird auf den bedeutendsten Streitpunkt innerhalb der Reformationsbewegung, den Abendmalstreit, nur in einem Nebensatz eingegangen, obwohl dieser ein weiterhin bestehender Unterschied zwischen den beiden großen evangelischen Kirchen ist26. Auch Johann Calvin wird nur kurz angesprochen. Dabei wird vor allem sein eher radikales Vorgehen und seine Strenge und die Orte, an denen sich seine Lehre ausbreitete, beschrieben27.

Den aus der Reformation entsprungenen Unruhen wird in diesem Lehrwerk das umfangreiche Unterkapitel III. Unruhen in Deutschland gewidmet. Auch hier wird Luthers Vorgehen gegen die Schwarmgeister beschrieben und wie im vorherigen Lehrwerk wird Luther ein friedfertiges Verhalten zugesprochen. Anders hingegen werden Untergruppen beurteilt, die augenscheinlich aus der reformatorischen Bewegung hervorgingen. Dabei werden die Handlungen der Wiedertäufer mit eher negativ konnotierten Begriffen beschrieben. So schreiben die Autoren, dass diese Andersgläubige mit Feuer und Schwert ausrotteten und sich kommunistisch verhielten28.

In den Ausführungen zum Bauernkrieg wird die Person Martin Luther erstmals in einer eher negativen Rolle dargestellt. Während er zuvor als eher vermittelnder Charakter beschrieben wird, der Gewalt ablehnt, ruft er an dieser Stelle mit der Schrift „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“ zur „völlige[n] Vernichtung“29 auf. Im Vorfeld war Luther bei Predigten auf eine aggressive Zuhörerschaft gestoßen und hatte sich so nach anfänglichen Aufrufen zum Frieden von der Bauernschaft distanziert30.

Die Ausbreitung der Reformation wird in diesem Lehrbuch in einen engen Zusammenhang mit politischen Konflikten und der Außenpolitik des Kaisers gebracht. So wird deren Erfolg durchaus nachdrücklich auf die Entscheidung, die auf dem 1. Reichstag zu Speyer getroffen wurde, bezogen. Dabei wird dem Leser auch verdeutlicht, dass die Reformation keinesfalls von vornherein erfolgreich hätte sein können, sondern erst durch für die Bewegung förderliche Ereignisse erfolgreich wurde31. So waren es beispielsweise die außenpolitischen Konflikte des Kaisers, die ihn davon abhielten gegen die Reformation vorzugehen, da er zur Verteidigung des Reiches auch auf die Unterstützung der protestantischen Fürsten angewiesen war. So wurden den Reichsständen im Jahr 1526 Freiraum über religiöse Angelegenheiten erteilt32. Besonders erwähnenswert ist bei diesem Werk die vielfache Nennung Melanchthons. Es wird den Schülern verdeutlicht, dass Luther Unterstützer hatte und nicht allein tätig war. So war die Neuordnung der Schulen dessen Werk33.

Der im Folgenden beschriebene Religionskrieg zwischen protestantischen Fürsten und dem Kaiser zeigt erneut die enge Verbundenheit zwischen Reformation und Politik auf und geht überwiegend auf innen- und außenpolitische Aspekte des Reiches ein. Dabei werden immer wieder die Eingeständnisse betont, die Kaiser und somit auch Papst gegenüber den Protestanten machten, wenn es darum ging das Reich gegen äußere Feinde wie die Türken zu verteidigen34. Wären die Autoren an dieser Stelle eher hinterfragend vorgegangen hätte die Frage aufgeworfen werden können, warum der Kaiser überhaupt gegen die Protestanten vorgeht, wenn diese ihm im Kriegsfall dennoch zur Seite stehen.

Abschließend lässt sich zu diesem Unterrichtswerk festhalten, dass es vor allem einen darstellenden Charakter hat und nahezu vollständig auf die Ereignisgeschichte fokussiert ist. Die Entstehung der Reformation wird vor allem Martin Luther zugeschrieben. Andere Reformatoren wie beispielsweise Ulrich Zwingli werden in die Rolle eines Nachahmers gesetzt und stehen nach den Schilderungen der Autoren ganz klar im Schatten Luthers. Gleichzeitig wird die Reformation als religiöses oder kirchliches Ereignis auch klar in Verbindung zur damaligen Politik gesetzt. Wenn dies auch nicht betont wird, so lässt sich anhand der Schilderungen erkennen, dass die Reformation nicht nur auf religiöser Ebene zu Veränderungen führte, sondern auch von damaligen Herrscherschichten als Anlass für Veränderung genommen wurden.

[...]


1 Sauer, Michael: Geschichte unterrichten, 2010, S. 260.

2 Buck, Thomas Martin: The long European Reformation, in: Fuchs, Eckhardt (Hg.), Luther und die Reformation in internationalen Geschichtskulturen, 2017, S. 23f.

3 Vgl. Ebd. S. 22.

4 Vgl. Albers, Helene: Luthers Judenfeindschaft – ein blinder Fleck im Geschichtsschulbuch? in: Fuchs, Eckhardt (Hg.), Luther und die Reformation in internationalen Geschichtskulturen, 2017, S. 324.

5 Vgl. Helm, Horst et al., Kamps neues Realienbuch, 1953, S. III – XVI.

6 Helm, Horst et al., Kamps neues Realienbuch, 1953, S. 76.

7 Vgl. Ebd., S. 77.

8 Vgl. Helm, Horst et al., Kamps neues Realienbuch, 1953, S. 77 und S. 78.

9 Vgl. Ebd. S. 80 und S. 81.

10 Vgl. Krüger, Karl: Geschichte des Abendlandes, 1951, „Inhaltsverzeichnis“ (ohne Seitenzahl).

11 Vgl. Ebd., S. 145.

12 Vgl. Ebd., S. 146.

13 Vgl. Ebd., S. 147 und 148.

14 Vgl. Ebd., S. 150.

15 Vgl. Krüger, Karl: Geschichte des Abendlandes, 1951, S. 151.

16 Vgl. Mörke, Olaf: Die Reformation, 2011, S.29.

17 Krüger, Karl: Geschichte des Abendlandes, 1951, S. 151.

18 Vgl. Dienst, Karl: Artikel Philipp der Großmütige, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Sp. 477.

19 Vgl. Krüger, Karl: Geschichte des Abendlandes, 1951, S. 152.

20 Vgl. Ebd., S. 154.

21 Vgl. Wachendorf, Helmut und Bendfeld, Bernhard: Die Auflösung der abendländischen Einheit, 1952, S. 7.

22 Vgl. Ebd., S. 10, (war) hinzugefügt C.H.

23 Vgl. Ebd., S. 11.

24 Vgl. Wachendorf, Helmut und Bendfeld, Bernhard: Die Auflösung der abendländischen Einheit, 1952, S. 14.

25 Vgl. Stephens, Peter: Zwingli, Zürich 1997, S. 33.

26 Vgl. Campi, Emidio: Die Reformation in Zürich, in: Die schweizerische Reformation, Zürich 2017, S. 99.

27 Vgl. Wachendorf, Helmut und Bendfeld, Bernhard: Die Auflösung der abendländischen Einheit, 1952, S. 15.

28 Vgl. Ebd., S. 16.

29 Ebd., S. 18, (n) hinzugefügt, C.H.

30 Vgl. Brecht, Martin: Martin Luther. Band 2, 1986, S. 175-178.

31 Vgl. Wachendorf, Helmut und Bendfeld, Bernhard: Die Auflösung der abendländischen Einheit, 1952, S. 20 und 22.

32 Vgl. Lutz, Heinrich und Kohler, Alfred: Reformation und Gegenreformation, 2002, S. 37.

33 Vgl. Wachendorf, Helmut und Bendfeld, Bernhard: Die Auflösung der abendländischen Einheit, 1952, S. 21.

34 Vgl. Ebd., S. 22.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung der Reformation und ihrer Akteure in Schullehrbüchern im Vergleich
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Geschichte)
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
37
Katalognummer
V933784
ISBN (eBook)
9783346262585
ISBN (Buch)
9783346262592
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reformation, Geschichte, Schulunterricht, Geschichtsunterricht, Luther, Schulbücher
Arbeit zitieren
Christopher Horn (Autor:in), 2020, Die Darstellung der Reformation und ihrer Akteure in Schullehrbüchern im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/933784

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