Das Exilwerk Joseph Roths am Beispiel seines Romans "Die Kapuzinergruft"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

14 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. EINORDNUNG DES WERKES IN DAS GESAMTWERK

3. PERSPEKTIVEN AUS DEM EXIL
3.1. Untergang der Monarchie
3.2. Verlust der Heimat
3.3. Ehre
3.4. Kritik gegenüber der Gesellschaft. li

4. FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Der Niedergang patriachaler Verhältnisse, ein hohes Maß an Armut und Infrastruktur sowie der Einbruch der Moderne sind bestimmte Momente in einem historischen Drama, das die Juden in Osteuropa ereilt. Roths Texte sind melancholische Dokumente einerzunehmendentzauberten Welt.1

Als 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, emigrierte sich Joseph Roth nach Paris und verließ seine Heimat. Trotz seiner misslichen Lage, sein Heimatland verlassen haben zu müssen, bleibt Roth produktiv und verfasst viele Werke in seinen Exiljahren, die sogar publiziert werden. In diesen Werken blickt er oft auf seine Vergangenheit und sein ehemaliges Heimatland zurück und thematisiert allgemeine Problematiken, die häufig in Exilliteratur Anwendung finden. Roth ist nur einer von vielen Autoren, der unter den politischen Erneuerungen sehr leiden muss und sich sehnlichst sein ehemaliges Vaterland herbeiwünscht.2

Nostalgisch und monarchistisch treffen bei den in dieser Episode entstandenen Werke am besten über die Erzählhaltung des Autors zu. Nostalgisch auf sein altes Heimatland zurückblickend, welches für alle Zeit verloren zu sein scheint, schreibt Roth seine Texte und gewährt einen Einblick in die Gedankenwelt eines Exilanten. Roth gerät über die Exiljahre in eine „monarchistische Illusion“3 und hatte immer Hoffnung, dass die Monarchie wieder zustande kommt.

In der nun vorliegenden Arbeit soll der Versuch gestartet werden, zu untersuchen, welche Perspektiven des Autors in dem Roman „Die Kapuzinergruft“ aus dem Exil angeführt werden. Dabei wird auf biographische und historische Hintergründe geachtet, damit die Erzählung genau gedeutet werden kann. Zum Beginn soll eine kurze Einbettung des Romans in das Gesamtwerk erfolgen und kurz einige, wichtige Hintergrundinformation offen gelegt werden. Abschließend soll gesagt werden, welche Intention Roth bei dem Roman anstrebt und mit welchen Mitteln ihm diese zu erzielen gelingt.

2. Einordnung des Werkes in das Gesamtwerk

Roth wurde in Galizien geboren, was ein Kronland ein Teil der Österreich-Ungarn Monarchie war. Nach dem Untergang des Franz-Joseph-Zeitalters begannen für viele Länder dramatische Jahre voller Zerstörungen und auch Zwangsherrschaft. Roth ist nur einer von vielen Personen, der sich die Ordnung und den Frieden der alten Heimat sehnlich wieder herbeiwünscht.

Monarchistisch und nostalgisch sind wohl die in der Primärliteratur meist verwendeten Adjektiven, mit denen der Exilautor Joseph Roth beschrieben wird. Als der Roman „Die Kapuzinergruft“ erscheint, befindet sich Roth bereits seit einigen Jahren im Exil in Paris. Depressionen, Geldsorgen und Alkoholexzesse prägen seinen Tagesablauf.4 Nostalgisch auf sein altes Heimatland blickend, welches niemals mehr das Gleiche sein wird, schreibt Roth seine Texte und gewährt einen Einblick in die Gedankenwelt eines Exilanten. Roth gerät über die Exiljahre in eine „monarchistische Illusion“5 und hatte immer Hoffnung, dass die Monarchie wieder zustande kommt.

Der Roman erscheint 1949 und ist die Fortsetzung des „Radetzkymarsch“, dessen Hauptcharaktere ebenfalls die Trotta Familie ist.

„Die Kapuzinergruft“ ist ein Lebensbericht, welches aus der Sicht Franz Ferdinand Trottas in der Ich-Perspektive geschildert wird. Die Erzählung beginnt im Jahre 1913 und endet im März 1938, mit dem Ereignis des Anschlusses Österreichs ans Deutsche Reich. Es wird ein Österreichbild von dem Erzähler rekonstruiert, nach dem sich Roth sehnt.

3. Perspektiven aus dem Exil

3.1. Untergang der Monarchie

Joseph Roth beschreibt den Untergang der Österreich-Ungarn-Monarchie. Der Autor blickt melancholisch auf das Vaterland, vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, zurück. Er beschreibt das kulturvolle und friedliche Reich und wie dies all durch den Krieg verloren gegangen ist. Das idealistische Leben während der Habsburgermonarchie wird hochgelebt. Als der Protagonist zum Beispiel den Fiaker Manes in Polen besucht, schildert er die Umgebung und sagt: „all dies war Heimat, stärker als nur ein Vaterland, weit und bunt, dennoch vertraut und Heimat: die kaiser- und königliche Monarchie.“6 Roth definiert seine Heimat somit als die Monarchie und nicht eine Nation, was gegen den später aufkommenden Nationalsozialismus spricht.

Durch den Untergang der Donaumonarchie gehen die alten Bestandteile der Gesellschaft und des Lebens des Protagonisten verloren. Durch diesen Verlust entsteht Trauer und Verzweiflung bei der Bevölkerung. Es werden ständig melancholische Rückblicke von Trotta (oder indirekt von Roth) auf das alte Österreich gemacht. Häufig wird der Untergang des Vaterlandes aber auch in der Sprachlosigkeit deutlich.

Der Untergang der Habsburger Monarchie wird geschildert und anhand diverser Schicksalsschläge verdeutlicht, wie die Menschen sowohl materiell als auch psychisch mit dieser Veränderung zu kämpfen hatten. Viele Menschen verlieren mit dem Vaterland ihre eigene Identität, so auch Franz Ferdinand Trotta. 1913 führt Trotta noch ein wohlhabendes und unbesorgtes Leben in Wien, geht in Bars und ist finanziell unabhängig. Als er nach dem Ersten Weltkrieg wieder nach Hause kommt, verändert sich alles: Er hat plötzlich viele Geldprobleme und seine Frau hat sich während seiner Abwesenheit mit einer anderen Frau vergnügt und verlässt ihn und ihr gemeinsames Kind schlussendlich.

Ich fühlte mich wohl, ich war wieder zu Hause. Wir hatten alle Stand, Rang und Namen, Haus und Geld und Wert verloren, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Jeden Morgen, wenn wir erwachten, jede Nacht wenn wir uns schlafen legten, fluchten wir dem Tod, der uns zu seinem gewaltigen Fest vergeblich gelockt hatte. Und jeder von uns beneidete die Gefallenen. Sie ruhten unter der Erde, und im nächsten Frühling würden Veilchen aus ihren Gebeinen wachsen. Wir aber waren heillos unfruchtbar heimgekehrt, mit lahmenden Lenden, ein todgeweihtes Geschlecht, das der Tod verschmäht hatte (...) Fürden Tod untauglich befunden.7

Auch sein Vetter leidet sehr an dem Untergang der Monarchie. Obwohl dieser zuvor bereits ein sehr bodenständiges Leben führte, werden seine Lebensumstände nochmals um einiges verschlimmert. Er meint, er könne nun nicht mehr in allen Ländern seine Kastanien verkaufen, denn man brauche jetzt ein Visum, um in ein anderes Land einreisen zu dürfen, was natürlich seine Arbeit sehr erschwert.

»Man braucht jetzt ein Visum für jedes Land extra!« [...] »Zeit meines Lebens hab ich so was nicht gesehen. Jedes Jahr hab ich überall verkaufen können [...] und er zählte alle alten, verlorenen Kronländer auf. »Und jetzt ist alles verboten. Und dabei habe ich einen Paß.8 9 [...] »Dies ist nur ein Maronibrater«, sagte Chojnicki, »aber sehen Sie her: es ist ein geradezu symbolischer Beruf. Symbolisch für die alte Monarchie. [...]Überall wo man seine Maroni gegessen hat, war Österreich, regierte Franz Joseph. Jetztgibt's keine Maroni mehrohne Visum.[16]

Es wird ein zerstückeltes Land geschildert. Ein Land, in dem die einstigen Landsleute auf einmal keine mehr sind, sondern in einem anderen Land leben, und legal nicht mehr einreisen dürfen. Wie Amthor et al sagt, sind die Personen in Roths Geschichten „nicht als Masse, sondern als herausragende Gestalten exemplifiziert“10. Jeder der Figuren hat seine eigene Geschichte. In dem Roman vergehen ganze 25 Jahre, die den Weg Trottas erzählen. Er trifft in seinem Leben viele Personen des Öfteren und erfährt von deren Verhängnisse und wie sie mit der veränderten Welt umgehen. Jede Person hat ein anderes Schicksal, doch in einer Hinsicht haben sie eine Gemeinsamkeit: Das Leben nach dem Krieg und nach dem Zerfall der Donaumonarchie ist misslicherwie zuvor.

Das Schicksal des jüdischen Fiakers Manes Reisinger ist noch tragischer, wie von den anderen. Seine Heimatstadt Zlotogrod wurde während des Krieges zerstört und seine Frau dabei getötet. Nichts ist, wie es vorher war. Viele Bürger verlieren ihre Arbeit und ihr Heim.

Aber, was ist die Welt, was ein Städtchen, was ein Mensch, was gar ein Fiaker gegen Gott. Gott hat die Welt verwirrt, das Städtchen Zlotogrod hat ervernichtet. Krokos und Gänseblümchen wachsen dort, wo unsere Häuser gestanden haben, und meine Frau ist auch schon tot. Eine Granate hat sie zerrissen; die anderen Zlotogroderauch.11

Der einzige verbleibende Stolz und Hoffnungsschimmer von Manes Reisinger ist sein Sohn Ephraim, von dem er überzeugt ist, er werde eine Revolution starten und die Welt verbessern. Für diesen Versuch musste Ephraim jedoch schließlich sterben.

Es wird die Hoffnungslosigkeit und Trübseligkeit der Menschen gezeigt. Die einfache Bevölkerung, wie Manes Reisinger und Joseph Branco, die zuvor keinen großen Besitz hatten, haben durch den Untergang der Habsburgermonarchie viel verloren, obwohl sie ihr Leben im Krieg riskiert haben. Auch Chojnicki schildert ein Gespräch, was er mit seinem Bruder geführt hatte:

Die Klerikalen und klerikalen Trottel, die jetzt regieren, machen eine sogenannte Nation aus uns; aus uns, die wir eine Übernation sind, die einzige Übernation, die in der Welt existiert hat. [...] wir sind Polen, höre ich. Wir waren es immer. Warum sollen wir nicht? Und wir sind Österreicher: Warum sollten wir keine sein? Aber es gibt eine spezielle Trottelei der Ideologen [...]Die christlichen Alpentrottel folgen den Sozialdemokraten. Aufden Bergen wohnt die Dummheit12

Durch die Schicksalsschläge der Personen, zeigt der Autor, wie auseinandergebrochen das einst geliebte und schöne Land nach dem Krieg ist. Die Menschen, die im Krieg ihr Leben aufs Spiel setzten, können ihre Arbeit nicht mehr nachgehen, dürfen nicht mehr in andere Länder reisen, die Heimatorte werden zerstört und Familien auseinandergerissen. Überdies wird der Anschluss ans Deutsch Reich und der Nationalsozialismus kritisiert. Dabei wird die Nationalität und das Zugehörigkeitsgefühl der Bevölkerung klar ausgedrückt: Sie sind Polen und daher Österreicher!

Die Unzufriedenheit mit der neuen Welt und der Unwillen sich darin anzupassen betont Trotta immer wieder. Er sagt, es wäre besser gewesen, wenn er im Krieg gefallen wäre. Für ihn ist die Welt nach der Österreich-Ungarn-Monarchie, nicht mehr lebenswert. „Sah ich mich seit langem schon, seit der Heimkehr aus dem Krieg, als unrecht Lebenden an!“13 Dass Roth seine eigenen Gefühle in dem Werk Ausdruck verleiht, wird in vielen Briefen belegt. So schrieb er in einem „»Mein stärkstes Erlebnis war der Krieg und der Untergang meines Vaterlandes, des einzigen, das ich je besessen: der österreichisch-ungarischen Monarchie.«“14

Brittnacher et al beschreiben die Figuren als Figuren des „Dritten“, die Grenzgänger und [...] Maronibrater sind nicht nur die Leidtragenden eines Jahrhunderts der Deterritorialisierunggen und Verwerfungen, sondern zugleich dessen Exponenten, die keineswegs alle nur willenlos ihr Schicksal erdulden, sondern sich mal geduldig, mal pragmatisch, mitunter aber auch virtuos der Mobilitätsansprüchen einersich neu formierenden Welt aussetzen.15

Der Autor erschafft somit einen bildhaften Kontrast der Lebensumstände vor dem Krieg und nach dem Krieg in seinem Werk. Er beschreibt das Leben während der Donaumonarchie, als sehr gut und friedlich, die Zeit nach dem Krieg jedoch als katastrophal.

[...]


1 Wolfgang Müller-Frank: Mit einem >e<. Zwischen Diaspora und Assimilation. Ein Streit unter Freunden: Joseph Roth und Soma Morgenstern, In: Stern, Barbara Eichinger (Hrsg.): Wien und die jüdische Erfahrung 1900 - 1938. Akkulturation - Antisemitismus - Zionismus. Wien - Köln - Weimar: Böhlau Verlag 2009, S. 391.

2 Vgl. Wilhelm von Sternburg: Joseph Roth-Eine Biographie. Köln: Verlag Kiepenhauer & Witsch 2010, S. 12f.

3 Müller-Frank: Mit einem >e<. Zwischen Diaspora und Assimilation, S. 13.

4 Vgl. Sternburg: Joseph Roth-Eine Biographie, S. 12.

5 Ebd.,S. 13.

6 Joseph Roth: Die Kapuzinergruft, 4. Aufl., München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2008, S. 45.

7 Ebd.,S. 141.

8 Ebd.,S. 167.

9 Ebd., S. 167f.

10 Hans Richard Brittnacher, Wiebke Amthor: Wunder der Zeichen. Zur Einführung in diesen Band, in: Wiebke Amthor, Richard Brittnacher (Hrsg.): Joseph Roth - Zur Modernität des Melancholischen Blicks. Berlin/Boston: Walter de Gruyter 2012, S. 142.

11 Roth: Die Kapuzinergruft, S. 165.

12 Ebd., S. 174.

13 Ebd.,S. 181.

14 Sternburg:Joseph Roth-Eine Biographie,S. 16.

15 Brittnacher, Amthor: Wunder der Zeichen. Zur Einführung in diesen Band, S. 5f.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das Exilwerk Joseph Roths am Beispiel seines Romans "Die Kapuzinergruft"
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
2
Autor
Jahr
2020
Seiten
14
Katalognummer
V933800
ISBN (eBook)
9783346262554
ISBN (Buch)
9783346262561
Sprache
Deutsch
Schlagworte
exilwerk, joseph, roths, beispiel, romans, kapuzinergruft
Arbeit zitieren
Anna May (Autor), 2020, Das Exilwerk Joseph Roths am Beispiel seines Romans "Die Kapuzinergruft", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/933800

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