Die deutschsprachige Kurzgeschichte am Beispiel des Erzählbandes 'Schreckliche Treue' von Marlen Haushofer


Seminararbeit, 2004
21 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die historische Entwicklung der deutschsprachigen Kurzgeschichte und die Paralellen zu Marlen Haushofer

3. Der Erzählband Schreckliche Treue und seine Bedeutung für die Autorin Marlen Haushofer

4. Autobiographische und soziokulturelle Bezüge in den Erzählungen Marlen Haushofers
4.1 Der Titel Schreckliche Treue
4.2 Haushofers Thematisierung der Ehe und der zwischenmenschlichen Beziehungen
4.3 Das Desinteresse am Menschen in Haushofers Kurzgeschichten
4.4 Hoffnungs- und Trostlosigkeit des Alltags
4.5 Die Darstellung der soziokulturellen Folgen des Krieges

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:

1. Einleitung

Die deutschsprachige Kurzgeschichte hat eine besondere Bedeutung für die Literaturwissenschaft, da sie stets sehr eng mit historischen und politischen Geschehnissen und dem damit verbundenen sozialen Wandel verzahnt war und auch heute noch ist. Besonders in den unmittelbaren Nachkriegsjahren gewann die Kurzgeschichte enorm an Bedeutung. Der 2. Weltkrieg wurde aber auch noch bis in die 1960er Jahre hinein in Kurzgeschichten thematisiert. So brachte auch Marlen Haushofer 1968 einen Erzählband unter dem Titel Schreckliche Treue heraus, der ebenfalls Kriegserlebnisse beinhaltet, diese aber eher im Bezug auf den sozialen Wandel thematisiert. So beschreibt die Titelgeschichte , was eine Mutter mit ihrem Sohn im letzten Kriegswinter auf ihrer Heimreise erlebt. Die Autorin hinterlässt in ihren Geschichten Spuren ihrer eigenen Biographie. Scheiternde Ehen, Desinteresse am Menschen und alltägliche Hoffnungs- und Trostlosigkeit, die in Haushofers Erzählungen zu finden sind, lassen auf Einstellungen und Erfahrungen der Autorin selbst schließen.

In dieser Arbeit möchte ich zuerst auf die historische Entwicklung der Kurzgeschichte eingehen, um den Erzählband Haushofers in den historischen Kontext einzuordnen. Darauf folgend soll kurz auf die äußere Struktur des Erzählbandes und seine Bedeutung für die Autorin Marlen Haushofer eingegangen werden.

Im Hauptteil dieser Arbeit werden einzelne Passagen auf autobiographische Bezüge hin untersucht.

2. Die historische Entwicklung der deutschsprachigen Kurzgeschichte und die Paralellen zu Marlen Haushofer

Im Folgenden soll die Entwicklung der deutschen Kurzgeschichte von der Jahrhundertwende (vom 19. in das 20. Jahrhundert) bis heute dargestellt werden und das hier behandelte Werk Haushofers in den historischen Kontext der Kurzgeschichte eingeordnet.

Mit dem Naturalismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden erste Kurzgeschichten, wie z.B. „Ein Tod“ von Arno Holz und Johannes Schlaf (1889). Zwar blieben „[...] das protokollarische Nachzeichnen von Zuständen, die lautgetreue Aufnahme von Alltagsszenen, das Aneinanderfügen von Beobachtungen im sogenannten >> Sekundenstil<<[...] eine Episode „[1], dennoch wurde aber durch diese ersten Kurzgeschichten der Grundstein für eine neue Gattung der deutschen Literatur gelegt. Beeinflusst wurden die ersten Autoren der Kurzgeschichten durch die amerikanische Short- Story. Diese gaben ihnen trotz eigener stilistischer Ansätze einen zentralen Orientierungspunkt.[2]

Da die Novelle bis dato die kürzeste epische Gattung war, gab man der Kurzgeschichte zunächst den Namen Novellette, wobei man diese neue Gattung noch nicht ganz von der Novelle trennte.

Doderer bezeichnet die ersten Kurzgeschichten als skizzenhaft. Er versteht darunter Geschichten mit einem abprubten, offenen Schluß, der auf einen „schicksalsentscheidenden Augenblick“[3] folgt. Die Handlung fiel jedoch karg aus, da sie hinter ausschweifenden Umschreibungen verborgen blieb.[4]

Amerikanische Short-stories geben trotz eigener Ansätze der Kurzgeschichte in dieser Zeit „einen zentralen Orientierungspunkt“[5]. Die Short- story bildet sich als „Lieblingsform deutscher Erzähler“[6] heraus. Vorbilder waren damals Edar Allen Poe und Bret Hartes. In Europa zählten Maupassant und Tschechow zu den ersten Vertretern der Kurzgeschichte. Diese schrieben ihre Kurzprosa unter anderem auch für Zeitschriften und Zeitungen. Kurzgeschichten gewannen für Zeitschriften und Tageszeitungen immer mehr an Bedeutung, so dass auch Kurzprosawettbewerbe junger Nachwuchsautoren in Zeitschriften, wie „Jugend“ und „Simplicissimus“ veranstaltet wurden.[7] Da der Stoff der Geschichten meist Themen des Alltagslebens der Mittelschicht behandelten, kam es zu Diskussionen über das Niveau der Kurzgeschichten. Diese Probleme tauchten aber auch in der weiteren Entwicklung dieser Gattung immer wieder auf.[8] Heinrich Manns frühe Prosa prägte durch Komprimierungstechniken, wie Sprungraffung und methaphorische Sprache die Kurzgeschichte. Kritiker dieser neuen Gattung befürchteten, dass das Aufkommen der Kurzgeschichte die Novelle verdränge.[9]

Die zwanziger Jahre galten als die expressionistische Epoche, für die es im Bereich der Kurzgeschichte aber keine charakteristischen Erzählmethoden gab. Skizzenhafte Kurzgeschichten galten nach Doderer als Reaktion auf den Impressionismus und Realismus. Schäfer kritisierte Merkmale wie „psychologische Zerfaserung“ und merkte an, dass nur das zur Handlung gehörende in einer Kurzgeschichte vorkommen dürfe und die Sprache sich von der Einfachheit der Naturalisten unterscheiden soll.[10] Formale Änderungen wurden vorgenommen.

Nicht durch Zustandsschilderungen, sondern durch die Handlung wird der Leser auf das überwältigende Ereignis am Schluß der Geschichte vorbereitet. Der Schluß war nicht mehr unerwartet, sondern gewichtig und überwältigend, was schweren Stoff voraussetzte.[11]

Bedeutende Erzähler des zwanzigsten Jahrhunderts waren Wilhelm Schäfer und Paul Ernst u.a.. Neben den skizzenhaften Kurzgeschichten kamen auch die „streng epischen Kurzgeschichten“[12] auf .

Insgesamt orientierte man sich weiterhin an der amerikanischen Short-story.

Im Dritten Reich wurde Feindliteratur, zu der die amerikanischen Kurzgeschichten gehörten, verboten. Auch einzelnen Autoren wurden Verbote ausgesprochen. Die Nationalsozialisten forderten, dass volksnahe, deutsche Stoffe verwendet werden sollten, anstatt sich an der Short-story zu orientieren. „Kurzgeschichten, Skizzen oder Novellen [sollten] in einer deutschen Landschaft spielen [und] von deutschen Menschen und deutscher Umwelt getragen werden“[13] An die tägliche Zeitungskurzgeschichte stellte man kulturpolitische Forderungen. Die Kurzgeschichte war von der nationalsozialistischen Kulturpolitik geprägt. Es wurden vornehmlich Themen wie Hitlerjugend oder Arbeitsdienst gewählt. Ferner gab es die Kriegs- und Soldatenkurzgeschichte. Protagonisten der Kurzgeschichten waren „bloße Träger von Ideologien“[14] Ihre soziale Umwelt spielte keine Rolle. Für das eigentliche Element der Kurzgeschichte, nämlich einen Ausschnitt aus dem Leben eines Menschen darzustellen, bliebt keinen Raum. „Es ging also darum die nationalsozialistische Auffassung von Pflichtgefühl und Heldentum zu propagieren und ein sogenanntes Kampfbewusstsein zu wecken.“[15]

Die ersten Jahre nach dem 2. Weltkrieg (1945-1950) waren charakteristisch für den Aufstieg der deutschen Kurzgeschichte als moderne eigenständige Literaturform. Die Kurzgeschichte hatte eine spezifische Bedeutung für junge Autoren im Zeitalter der „Trümmerliteratur“. Auch die Österreicherin Marlen Haushofer begann 1946 im Alter von 26 Jahren professionell zu schreiben.

„Sie gehörte zu der nach 1920 geborenen Generation die nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft in einem ungeheuren „Mitteilungswahn“ ( Kurt Klinger) literarisch an die Öffentlichkeit trat. Auf diese „Jungen“ richtete sich die ältere Autorengeneration große Hoffnungen für den literarischen Neubeginn.“[16]

Den Jungen Autorinnen der österreichischen Nachkriegszeit wurde vielfach der Status von „Verlorenen“ und „Verbannten“ zugeschreiben.[17] “Mit ersten Veröffentlichungen ab 1945 steht das Frühwerk der „Jungen“ repräsentativ für eine generelle Befindlichkeit der Nachkriegsgeneration. [...] Gemeisam ist dieser Generation [...], dass sie dabei oftmals das Begriffspaar „Erinnern“ und „Vergessen“ in den privaten Raum und in familiäre Strukturen einschreibt.[18]

[...]


[1] Grabert, Mulot, Nürnberger 1988, S. 235.

[2] Vgl. Marx 1997, S.98.

[3] Doderer, Die Kurzgeschichte in Deutschland. Ihre Form und ihre Entwicklung. 2. Auflage. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1969, S. 81 zit. nach Marx 1997, S. 97.

[4] Vgl. ebd.

[5] Marx 1997, S. 97.

[6] Ebd., S.98.

[7] vgl. Marx 1997, S. 99.

[8] Ebd. S. 100.

[9] Vgl. ebd. S. 103.

[10] Ebd. S. 104.

[11] Vgl. Doderer, Die Kurzgeschichte in Deutschland. Ihre Form und ihre Entwicklung. 2. Auflage. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1969, S. 81 zit. nach Marx 1997, S. 105.

[12] Ebd. S. 84.

[13] vgl. Obermann, Nationalsozialistische Kurzgeschichte, in: das Wort (Moskau) 2, 8, 1937, S. 54 zit. nach Marx 1997, S. 113.

[14] Marx 1997, S. 114.

[15] Obermann, Nationalsozialistische Kurzgeschichte, in: das Wort (Moskau) 2, 8, 1937, zit. nach Marx 1997, S. 115.

[16] Schmidjell 1990, S. 22.

[17] siehe Schmidjell 1991, S. 6.

[18] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die deutschsprachige Kurzgeschichte am Beispiel des Erzählbandes 'Schreckliche Treue' von Marlen Haushofer
Hochschule
Universität zu Köln  (Seminar für Deutsche Sprache und ihre Didaktik)
Veranstaltung
Einführung in die Literaturwissenschaft
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
21
Katalognummer
V93382
ISBN (eBook)
9783638068246
ISBN (Buch)
9783640109227
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kurzgeschichte, Beispiel, Erzählbandes, Schreckliche, Treue, Marlen, Haushofer, Einführung, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Birgit Wilke (Autor), 2004, Die deutschsprachige Kurzgeschichte am Beispiel des Erzählbandes 'Schreckliche Treue' von Marlen Haushofer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93382

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