Erzählbarkeit des Fremden: Kulturelle Fremdheitserfahrung in der Science Fiction am Beispiel von Clark Darltons "Planet der Mock" und Stanislaw Lems "Der Unbesiegbare"


Hausarbeit, 2007
25 Seiten, Note: 2.3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Erzähltextanalyse
II.1 Clark Darltons "Planet der Mock"
II.2 Stanislaw Lems "Der Unbesiegbare"
II.3 Vergleich

III. Probabilität - Begriffsbestimmung
III.1 "Planet der Mock"
III.2 "Der Unbesiegbare"

IV. Fazit

Literaturverzeichnis
Primär- und Quellenliteratur
Sekundär- und Forschungsliteratur

I. Einleitung

Das formulierte Thema legt die Erzähltextanalyse[1] der beiden Werke nahe. Diese Analyse wird werkweise in Kapitel II durchgeführt.

Zwei Aspekte werden noch hinzugezogen, um der Themenstellung wie den

Besonderheiten der Gattung Science Fiction gerecht werden zu können.

Zum einen geht es um die Probabilität, die in Kapitel III als ""innere subjektive Glaubwürdigkeit eines Textes""[2] bestimmt wird, um dann werkweise zu betrachten, wie probabel der Autor dem Leser den science fictionalen ""Als-ob-Kosmos""[3] vermitteln kann.

Der dritte Aspekt durchzieht die gesamte Arbeit. Gemeint ist die Anthropozentrik, die den Menschen (Griech.: anthropos) in den Mittelpunkt (Lat.: centrum) stellt. Mit Protagoras' "Homomensura-Satz" ""Der Mensch ist das Maß aller Dinge…""[4] lässt sich prägnant die hinter dem Anthropozentrismus stehende Haltung beschreiben, nämlich dass sich der Mensch im ontologischen wie erkenntnistheoretischen Sinne[5] maßgebend für die Welt und den Kosmos hält. Die Abhängigkeit der Fremdheitserfahrung von der kulturbedingten Wahrnehmungsweise[6] erklärt die der Anthropozentrik eingeräumte Bedeutungstiefe. Dies ist erfahrungsgemäß die weitverbreitete, ja übliche Perspektive von Science Fiction – Produktionen .

Im Hinblick auf Letztgenanntes stechen Darltons "Planet der Mock" und Lems "Der Unbesiegbare" aus dem Gros des Genres hervor, da in beiden Werken der Anthropozentrismus in differierendem Maße kritisch zur Sprache kommt. Allein deshalb kann diese Arbeit nicht den Anspruch erheben, beispielhaft für das Genre zu untersuchen, wie kulturelle Fremdheitserfahrung erzählerisch umgesetzt wird.

Durch die Auswahl der Werke ist jedoch gewährleistet, dass zwei in ihren Wurzeln verschieden zu datierende Subgattungen dieses Genres Berücksichtigung finden, die Hans Esselborn einmal mit dem Kürzel SF für die ""triviale Massenproduktion""[7], einmal mit dem Genrenamen Science Fiction für ""eine anspruchsvollere, eher wissenschaftliche und philosopische Linie""[8] benennt.

Im Sinne Staches gilt es hier die Dichotomie von Trivial- und Literatenliteratur jedoch zu durchbrechen, indem für erste der wert(ungs)frei(er)e Begriff "Paraliteratur" gewählt wird. Darauf fußend zeigt Stache, dass eine Hierarchisierung keinen Sinn macht. So orientiere und richte sich Paraliteratur an bestimmten sozialen Gruppen aus und bediene deren Ansprüche und Bedürfnisse durch die (Mas-

sen-)produktion entsprechender Lektüre, womit sie ihren weder besseren noch schlechteren Zweck, primär der Unterhaltung, erfüllt[9]. Derart entdichotomisiert gewinnt die Verschiedenheit beider Werke eine ganz neue Qualität, eben weil sie aus konträren Bereichen des Genrespektrums stammen. "Planet der Mock" ist demzufolge nämlich der paraliterarischen SF-Subgattung, "Der Unbesiegbare" der Science Fiction – Subgattung zuzuordnen, was noch zu zeigen sein wird.

Als Besonderheit ist hervorzuheben, dass "Planet der Mock" hier als Hörspiel[10] vorliegt und entsprechend untersucht wird. Das Hörspiel, das gekürzt die Handlung des gleichnamigen Taschenbuchs wiedergibt, ist ein Produkt der PERRY RHODAN – Serie. Es ist also nur ein Puzzlestein der inzwischen 46jährigen Seriengeschichte mit über 3000 Jahren erzählter Geschichte.

Bei "Der Unbesiegbare" handelt es sich um das Printmedium Taschenbuch[11], auch ist es kein Teil einer Reihe, sondern eine in sich abgeschlossene (wie Planet der Mock auch) Erzählung, die allerdings in anderen Werken Lems keine Anknüpfungspunkte findet. D.h., dass man bei der vergleichenden Analyse stets vorsichtig sein muss, da es bezüglich des Mediums und der Einbettung in eine fortschreitende Narration keinen gemeinsamen Vergleichspunkt gibt.

Aber ungeachtet, ob gehört oder gelesen, sollen die drei genannten Aspekte hier zur Beantwortung der Frage führen: Wie kommt kulturelle Fremdheitserfahrung in beiden Werken (erzählerisch) zur Darstellung?

II. Erzähltextanalyse

II.1 Clark Darltons "Planet der Mock"

Da es sich hier um das etwa 70minütige Hörspiel handelt, kann jedem Charakter und dem Erzähler die Stimme eines Sprechers eindeutig zugeordnet werden.

Einteilen lassen sich die gesprochenen Rollen in drei Gruppen: Erstens die Erzählerinstanz, sodann die Gruppe der Terraner rundum die Serien-Hauptperson Perry Rhodan. Dieser Gruppe gehören fünf Personen an, vier Menschen und der

Mausbiber Gucky. Die dritte Gruppe bilden die drei ameisenähnlichen Mocks XO, Artos und Bral. Die urmenschlichen Drags, Feinde der Mock, oder die Gedankenprojektionen der Mock[12] werden nur akustisch inszeniert, ihnen fällt keine konkrete Rolle zu.

Das Besondere an dieser Adaption ist, dass die Gruppen der Terraner und der Mock erzählende Aufgaben übernehmen. Das soll heißen, dass an Stellen, wo sonst ein Erzähler in Er-Form aus personaler oder neutraler Haltung die Handlung für den Zuhörer begleitend beschreibt, die Figuren untereinander im Dialog ihre Handlungen versprachlichen oder dies durch akustische Untermalung geschieht. Wo sonst die Instanz eines Erzählers z.B. mitteilt, dass jemand von A nach B geht, sagt dieser, dass er es tut, womit der Erzähler an dieser Stelle seiner Aufgabe entledigt ist. Auch werden beispielsweise Gehgeräusche eingespielt, stampfende Füße auf Kies, die dem Zuhörer die ansonsten nonverbalen Teile der Handlung veranschaulichen. Dies erfolgt sicherlich, um die Handlung flüssiger zu machen, sprich, ohne dass ständig ein Erzähler mit Handlungsbeschreibungen eingreift. Damit ist die Erzählerinstanz selbstredend nicht überflüssig geworden, ihr kommt hier die, dem Aufbau der Handlung geschuldete, Rolle zu, zwischen den beiden Gruppen für den Zuhörer zu vermitteln. Sie greift dann i.a.R. nur noch dann ein, wenn Szenenwechsel stattfinden oder wenn etwas von einem höheren Standpunkt aus geschildert werden soll, der den jeweiligen Horizont der Gruppe übersteigt. Denn eine Kommunikation zwischen beiden Gruppen findet zu keinem Zeitpunkt statt, zumeist weiß oder versteht die eine Gruppe nicht, was die andere macht.

Das Hörspiel öffnet damit, dass ein auktorial auftretender Erzähler in vier Beiträgen Stellung zur anthropozentrischen Haltung des Menschen nimmt und diese letztlich ad absurdum führt, ohne sich jedoch auf die eigentliche Erzählung zu beziehen, somit aber den gedanklichen Rahmen der Geschichte setzt. So heißt es:

""Ein Gedanke hat viele Jahrtausende hindurch die Wege der Menschheit bestimmt. Ihm verdankt sie ihre Götter und Teufel, ihre Schicksale und ihre Grenzen, in denen sich die Nationen voneinander trennten. Dieser Gedanke besagt: Wir Menschen sind die einzigen intelligenten Lebewesen im Universum. Wir sind allein im All! Allein im All….""

Diese Annahme wird vom selben Erzähler hinterfragt und versucht zu widerlegen:

""Allein im All? Wenn nur eine Sonne unter einer Million Sonnen Planeten besäße, und wiederum nur jeder millionste Planet eine ähnlich günstige Position wie die Erde zu ihrem Stern hätte, so gäbe es allein in unserer Galaxie eine Million erdenähnliche Planeten, auf denen sich Leben entwickeln könnte.""

Er versucht sich also der Logik und Wahrscheinlichkeit zu bedienen, indem er gewisse Annahmen trifft, um aufzuzeigen, welche Möglichkeiten es für das Leben demnach geben dürfte, anderswo zu entstehen. Erstere Annahme wird nun im Angesicht der Größe des Kosmos als widersinnig dargestellt:

""Das Universum hat viele Millionen Galaxien - vielleicht sogar Milliar- den. Der Gedanke, der Mensch könne im Universum allein sein, ist also der lächerlichste, egoistischste und engstirnigste Gedanke, den das menschliche Gehirn jemals hervorbrachte.""

Deutliche Kritik an der Anthropozentrik kommt in der vierten Stellungnahme, mit Bezug auf Protagoras' berühmten ""Homomensura-Satz"", zum Ausdruck:

""Und noch ein weiterer Irrtum bestimmt das Denken der Menschen: Er hält sich für das Maß aller Dinge – und nicht das Universum, in dem er lebt. Ihm fehlt die Vorstellungskraft, sich etwas völlig Fremdes auszu- denken, etwas, das auf der Erde nicht existiert. Und noch viel weniger vermag er sich vorzustellen, dass anderswo andere Naturgesetze gelten.""

Nicht nur allein die Argumentationsweise des Erzählers soll den Zuhörer dazu bringen, über die hier kritisierte Position nachzudenken, auch die zwischen den Beiträgen erfolgten Einschübe der eigentlichen Erzählung tragen dazu bei.

So wird nach dem ersten Beitrag gerade zu den außerirdischen Mocks hingeblendet, womit gezeigt wäre, dass der Mensch doch nicht allein im All ist. Ein Er-Erzähler, wie es ihn durchgehend gibt, führt den Mock-Charakter Bral ein, wie dieser u.a. an die Sonne denkt, die er in der unterirdischen Stadt sonst nie sieht. Der Erzähler verheißt dem Leser aber, dass Bral diese und noch viel mehr an diesem Tage zu sehen bekomme. Damit ist das "Fenster" zur folgenden Geschichte geöffnet: Die Mocks fliegen zum Nachbarplaneten Rana, um diesen als Siedlungswelt auszukundschaften, wo man im Schutz vor den urmenschlichen Drags leben kann, die die Oberfläche der gemeinsamen Heimatwelt beherrschen.

Die Terraner hingegen, die nach zweiter Stellungnahme des Erzählers erstmals auftreten, interessieren sich nur für besagte Drags, die das Niveau einer Steinzeitkultur erreicht haben. Diese genauer zu untersuchen ist der Anlass, ins System zu fliegen. Auf diese Weise schließt sich dann auch der Kreis, den die vier Beiträge zeichnen, da die Terraner alles, was sie auf Rana oder Mockar, der Mockschen Heimatwelt, sehen, mit ihren Maßstäben bewerten. So kommt es dann auch zu den Missverständnissen, denen beide Seiten ausgesetzt sind, da auch die Mocks einer gewissen "Mockozentrik" unterliegen und sich nicht vorstellen können, dass die barbarischen Drags intelligente "Brüder" im All haben, während die Terraner nicht einmal daran denken, dass die vermeintlichen Tiere intelligent sein könnten.

Der Zuhörer hingegen kann alles überblicken, da ihm beide Standpunkte

dargeboten und diese obendrein durch die Instanz des Erzählers miteinander in Verbindung gesetzt werden. Während die Terraner z.B. bei einer Erkundung auf Rana das Beiboot der Mock für ""eine unbemannte Aufklärungsrakete"", die Mocks das Schiff der Terraner ihrerseits für einen metallischen Berg halten, ist dem Zuhörer bewusst, welchen Irrtümern die jeweilige Seite ausgesetzt ist.

Wie angedeutet fungiert der Erzähler oftmals zur Vermittlung, indem er sich eines auktorialen Erzählverhaltens mit externem point of view bedient, wobei beides nicht immer voll ausgeschöpft wird (z.B. was die Verfügung über Innensicht betrifft). Er weiß stets über beide Parteien Bescheid. Als die Terraner mit ihrem Raumschiff auf Mockar landen, gräbt sich unbemerkt ein Landebein in den Boden und zerstört große Teile der unterirdischen Stadt der Mocks. Der Erzähler sorgt in solchen Momenten für das "Umblenden" der Perspektive, in diesem Fall weg von den Terranern hin zu den Mocks, die sich durch Flucht auf die Oberfläche zu retten suchen. Diese Flucht hingegen wird nicht mehr aus der Perspektive der Fliehenden geschildert, sondern es wird zurückgeblendet zu den Terranern. Diese Szenenwechsel finden gegen Ende des Hörspiels in rascher werdender Folge statt, was die Dramatik der Ereignisse widerspiegelt und die immerzu stattfindenden Missverständnisse betont. So haben die Terraner erneut nur Augen für die aus dem Wald kommenden Drags, nehmen die flüchtenden Mocks am Boden nicht wahr, übersehen sie selbst dann noch, als sich Drags nach ihnen bücken, um sie später gemeinsam mit den befreundeten Humanoiden am "Lagerfeuer" zu essen.

[...]


[1] Hierbei wird folgend (Kap. II.1-2) stets auf die Begriffsbestimmungen in Kap. 9.2 des Basislexikons Bezug genommen. Spörl, Uwe: Basislexikon zur literaturwissenschaftlichen Terminologie (2002). In: Fernuni-Hagen. URL: http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termini/welcome.html (26.06.2007).

[2] Zit. nach Stache, Rainer: Perry Rhodan. Überlegungen zum Wandel einer Heftromanserie. 2. Auflage Berlin: SHAYOL Verlag 2002, S. 81.

[3] In Referenz auf Andreas Dörner vgl. Spurensuche im All. Perry Rhodan Studies - Wissen, Theorien, Perspektiven. Hg.v. Klaus Bollhöfener, Klaus Farin, Dierk Spreen. Berlin: Verlag der Jugendkulturen 2003, S. 89 und 90

[4] Vgl. Figal, Günter: Sokrates. Eine kurze Einführung (Hörbuch-Adaption von: Sokrates. Der Philosoph. In: Philosophen des Altertums. Von der Frühzeit bis zur Klassik. Hg.v. Erler, Michael und Andreas Graeser. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2000, S. 99-111). Berlin: Argon Verlag 2006.

[5] Neben den zwei genannten gilt es je nach Sachbezug noch eine sprachphilosophische wie eine ethische Ausprägung der Anthropozentrik zu unterscheiden. Wiedemann, Uwe: Anthropozentrik (o.A.). In: phillex. Url: http://www.phillex.de/anthropo.htm (26.06.2007).

[6] Siehe v.a. "Maß aller Dinge" bei Hille, Helmut: I.(A7) Grundlage einer Theorie des Messens (30.05.2007). In: Helmut-Hille. Url: http://www.helmut-hille.de/grundlag.html (26.06.2007).

[7] Vgl. Esselborn, Hans: Die literarische Science Fiction. Kursband. Hagen: FernUniversität 2005, S. 11.

[8] Ebenda.

[9] Für Staches Ausführungen zur Paraliteratur und seiner Enthierarchisierung vgl. Stache, Überlegungen zum Wandel einer Heftromanserie, S. 19F.

[10] Darlton, Clark: Planet der Mock. Köln: Eins A Medien 2002 (Hörspiel).

[11] Vgl. Lem, Stanislaw: Der Unbesiegbare. Leipzig: Suhrkamp 1995.

[12] Die Mocks können mit Hilfe ihrer Gedanken aus denen ihrer Gegner sog. Gedankenprojektionen materialisieren lassen, die Materie, also auch Lebewesen gefährlich, selber aber nicht auf herkömmliche Weise zerstört werden können. Mit Hilfe dieser können sie zwar Feinde (Drags) effektiv in die Flucht schlagen, diese zumeist Ungeheuer bleiben dann aber existent und für die Mocks eine Bedrohung.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Erzählbarkeit des Fremden: Kulturelle Fremdheitserfahrung in der Science Fiction am Beispiel von Clark Darltons "Planet der Mock" und Stanislaw Lems "Der Unbesiegbare"
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für neuere deutsche und europäische Literatur )
Note
2.3
Autor
Jahr
2007
Seiten
25
Katalognummer
V93442
ISBN (eBook)
9783638066808
ISBN (Buch)
9783638953146
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erzählbarkeit, Fremden, Kulturelle, Fremdheitserfahrung, Science, Fiction, Beispiel, Clark, Darltons, Planet, Mock, Stanislaw, Lems, Unbesiegbare
Arbeit zitieren
Dominic Schnettler (Autor), 2007, Erzählbarkeit des Fremden: Kulturelle Fremdheitserfahrung in der Science Fiction am Beispiel von Clark Darltons "Planet der Mock" und Stanislaw Lems "Der Unbesiegbare", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93442

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