Ansätze zur Messung der Risikowahrnemung


Seminararbeit, 2008

28 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitende Worte

2 Zur Notwendigkeit der Erweiterung der präskriptiven Entscheidungstheorie

3 Der psychometrische Ansatz zur Untersuchung der Risikowahrnehmung
3.1 Untersuchungsansatz und -aufbau
3.2 Untersuchungsergebnisse
3.3 Kritische Würdigung

4 Der unrealistische Optimismus zur Erklärung der Risikowahrnehmung
4.1 Untersuchungsansatz
4.2 Untersuchungsaufbau Weinsteins
4.3 Erklärungsansätze und Untersuchungsergebnisse
4.4 Kritische Würdigung

5 Kulturtheoretische Aspekte der Risikowahrnehmung
5.1 Hintergrund des kulturtheoretischen Ansatzes
5.2 Soziale Organisationsformen der Cultural Theory
5.3 Ableitung der Kulturtypen
5.4 Risikowahrnehmung der unterschiedlichen Kulturtypen
5.5 Kritische Würdigung

6 Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Quantitative Beurteilung der Risikoquellen

Abb. 2: Beurteilung von Risikoquellen anhand von Risikomerkmalen

Abb. 3: Beziehung der übergeordneten Risikofaktoren

Abb. 4: Einschätzung der Wahrscheinlichkeit positiver und negativer Ereignisse

Abb. 5: Korrelation zwischen Wahrscheinlichkeit der Ereignisse und ihrer Merkmale

Abb. 6: Grid/Group-Schema der Cultural Theory

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitende Worte

Der Begriff des Risikos begegnet uns alltäglich. Ein einheitliches Verständnis existiert hingegen nicht. So findet sich eine Vielzahl gängiger Definitionen, die je nach Erklärungsversuch unterschiedliche Schwerpunkte legen. Den klassischen Ansatz bildet dabei der aktuarwissenschaftlich geprägte Risikobegriff, der das Risiko als Produkt aus Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenausmaß begreift. Diese Definition nutzen insbesondere Experten. Im Gegensatz dazu beziehen Laien jedoch eine Vielzahl weiterer Faktoren in ihre Risikowahrnehmung ein. Risiko stellt in diesem Kontext vielmehr ein komplexes, mehrdimensionales Konstrukt dar.1 In der folgenden Arbeit sollen drei konkrete Ansätze präsentiert werden, die diese multikontextuellen Aspekte bei der Erklärung und Messung der Risikowahrnehmung berücksichtigen.

Hierzu werden im folgenden zweiten Kapitel am Beispiel der präskriptiven Entschei- dungstheorie zunächst die Schwächen eines auf rein rationalem Kalkül abgestellten Er- klärungsansatzes aufgezeigt. Im dritten Kapitel wird mit dem psychometrischen Para- digma ein Ansatz vorgestellt, der insbesondere die unterschiedliche Risikowahrneh- mung zwischen Experten und Laien unter Berücksichtigung sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse erklärt. Das anschließend vierte Kapitel untersucht die Risikowahrneh- mung aus einer psychologisch geprägten Perspektive. Hier wird aufgezeigt, dass eine verzerrte Wahrnehmung hinsichtlich der Eintrittswahrscheinlichkeiten vorgegebener Ereignisse herrscht. Der kulturtheoretische Ansatz, der Thema des fünften Kapitels ist, unternimmt den Versuch, die Erkenntnisse der Risikowahrnehmung in einen theoreti- schen Gesamtkontext zu integrieren. Die Risikowahrnehmung hängt hier von der Zuge- hörigkeit zu einem der definierten idealtypischen sozialen Organisationsformen ab. Das abschließend sechste Kapitel fasst die wesentlichen Aussagen dieser Arbeit zusammen und bildet zugleich ihren Abschluss.

2 Zur Notwendigkeit der Erweiterung der präskriptiven Entscheidungstheorie

Bevor mit einer tieferen Untersuchung der Risikowahrnehmung auf Basis sozialwissen- schaftlicher und psychologischer Erklärungsansätze begonnen werden kann, bedarf es vorab, ihre Notwendigkeit zu erläutern. So stellt sich die berechtigte Frage, warum nicht auf die bereits vorhandenen Erkenntnisse der präskriptiven Entscheidungstheorie zur Untersuchung der Risikoeinstellung eines Individuums zurückgegriffen wird.2 Eine Er- klärung lässt sich durch einen Verweis auf ihre Annahmen geben. Die präskriptive Ent- scheidungstheorie unterstellt ein rein rationales Verhalten entsprechend einer individu- ellen Nutzenfunktion sowie symmetrisch verteilte Informationen zwischen den han- delnden Akteuren.3

Tatsächlich ist allerdings zu beobachten, dass diese Prämissen in vielen Fällen alltäglicher Entscheidungssituationen nicht gegeben sind.4 In diesen Fällen behelfen sich die Entscheidungsträger einer Vielzahl intuitiver Heuristiken. Die wesentlichen, für diese Arbeit relevanten seien hier kurz vorgestellt.5

- Verfügbarkeitsheuristik

Einschätzung einer höheren Wahrscheinlichkeit für Ereignisse, die leichter ins Gedächtnis gerufen werden können, d.h. verfügbar sind.

- Verankerungsheuristik

Einschätzungen von unsicheren Ereignissen werden von einem Startpunkt (Anker) aus schrittweise angepasst. Hierbei spielen verfügbare Information und ihre wahrgenommene Bedeutung eine wesentliche Rolle.

- Repräsentativitätsheuristik

Orientierung an repräsentativen Charakteristika einer Teilmenge der Grundgesamt zur Schätzung der Wahrscheinlichkeit. Dabei kann ein Rückschluss von einer zu kleinen Teilmenge zu Verzerrungen führen („Gesetz der kleinen Zahlen“).

- Kontrollillusion

Glaube an eine stärkere Kontrollierbarkeit einer Situation als dies tatsächlich der Fall ist. Dieser Effekt ist insbesondere bei Situationen feststellbar, die dem Entscheidungsträger einen gewissen Bekanntheitsgrad suggerieren.

Die Existenz der beschriebenen Heuristiken in unsicheren Entscheidungssituationen erfordert Ansätze, die dieses Verhalten berücksichtigen und integrieren. Sie sind Inhalt der folgenden Kapitel.

3 Der psychometrische Ansatz zur Untersuchung der Risikowahrnehmung

3.1 Untersuchungsansatz und -aufbau

Der psychometrische Ansatz zur Untersuchung der Risikowahrnehmung ist bedeutend durch die Untersuchungen Slovics geprägt.6 Die anhaltende Diskussion um die Nutzung der Kernenergie in den USA bildete dabei den Anlass und den Hintergrund der Untersuchung. Slovics Anliegen bestand insbesondere darin, die unterschiedliche Risikowahrnehmung zwischen Laien und Experten auf Basis sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse zu untersuchen und zu erklären. Sein Ziel lag in der Erstellung einer RisikoTaxonomie (cognitive map), mit deren Hilfe die Aversion und Indifferenz7 gegenüber bestimmten Risiken sowie deren Einflussfaktoren erklärbar ist.

Slovic ging davon aus, dass neben Experten auch Laien sinnvolle Antworten auf schwierige und komplexe Fragestellungen geben können, d.h. das Risiko als ein kom- plexes, mehrdimensionales Konstrukt wahrnehmen. Folglich sollte es möglich sein, die darauf basierenden Risikourteile sowie deren Determinanten mit Hilfe geeigneter Me- thoden ermitteln und messen zu können. Und tatsächlich lieferten seine ersten Befrag- ten, eine Gruppe von Psychologiestudenten sowie Mitglieder der feministischen „Lea- gue of Women Voters“, ordentlich interpretierbare Antworten hinsichtlich der abgefrag- ten Risiken. Die Datenerhebung führte er dabei mittels eines Fragebogens durch, d.h. die Untersuchung basiert auf den explizit geäußerten Wahrnehmungen der Befragten.8

Der Aufbau des Fragebogens untergliedert sich dabei in zwei Teile. Zunächst sollten die Befragten eine Liste vorgegebener Risikoquellen anhand einer 100-Punkt-Skala quantitativ bewerten. Ein Wert von 0 bedeutet in diesem Kontext, dass der Befragte das Risiko als absolut ungefährlich einschätzt. Ein Punktwert von 100 wird währenddessen als eine erhebliche Bedrohung interpretiert. Entsprechend gibt eine Einordnung zwischen beiden Extrema eine quantitativ messbare Tendenzaussage hinsichtlich der Risikowahrnehmung der betrachteten Risikoquelle (vgl. Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Quantitative Beurteilung der Risikoquellen9

In einem zweiten Schritt sollten die quantitativ beurteilten Risikoquellen jeweils hin- sichtlich bestimmter, vorgegebener Risikomerkmale qualitativ charakterisiert werden. Zur Beurteilung setzte Slovic Likert-Skalen ein. Eine exemplarische Beurteilung der Risikoquellen Atomkraft und Röntgenstrahlen anhand verschiedener Risikomerkmale stellt Abb. 2 dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Beurteilung von Risikoquellen anhand von Risikomerkmalen10

3.2 Untersuchungsergebnisse

In den ersten Untersuchungen stellte Slovic fest, dass die Urteile zu unterschiedlichen Risikomerkmalen über eine Reihe von Risikoquellen hinweg miteinander korrelieren. So werden beispielsweise freiwillig eingegangene Risiken tendenziell auch als kontrollierbar eingeschätzt.11 Mittels einer Faktoranalyse ließen sich die Risikomerkmale zu zwei bzw. drei12 übergeordneten Risikofaktoren zusammenfassen.13

Der erste Faktor spiegelt die Schrecklichkeit eines Risikos wider (dread risk). Er impli- ziert solche Risikoquellen, die mit tödlichen Folgen verbunden sind sowie als unfreiwil- lig, besonders katastrophal oder unkontrollierbar angesehen werden. Der zweite Faktor stellt auf die Bekanntheit des Risikos ab (unknown risk). Ein hohes Gewicht fällt hier- bei auf solche Risiken, die sinnlich nicht wahrnehmbar oder beobachtbar sind, die noch nicht hinreichend erforscht wurden oder bei denen eine zeitliche Verzögerung der Wir- kung zu befürchten ist. Typischerweise zählen zu den häufigsten Nennungen Risiko- quellen wie Gentechnologie, neuartige chemische Verbindungen oder elektromagneti- sche Felder.

Diese beiden Faktoren sind durch einen Zweifaktoren-Raum miteinander verbunden (vgl. Abb. 3). Die Struktur aus zwei zusammenhängenden Faktoren konnte in ähnlicher Form durch verschiedene weitere Studien bestätigt werden.14 Dabei spielt die Schrecklichkeit eines Risikos (Faktor 1) für die Risikowahrnehmung die dominante Rolle. Je höher eine Risikoquelle unter diesem Aspekt wahrgenommen wird, desto höher ist auch das mit ihr verbundene Risiko.15

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Beziehung der ü bergeordneten Risikofaktoren16

Nach der Identifizierung der relevanten Einflussfaktoren für die Risikowahrnehmung von Laien, stellt sich nun die Frage, welche Erkenntnisse hieraus gezogen werden kön- nen. Ein Hauptergebnis des psychometrischen Ansatzes ist die Bestätigung der Hypo- these, dass Laien Risiken als ein mehrdimensionales Konstrukt betrachten, dass auf ko- härent und statistisch verarbeitbaren Urteilen basiert. Für die Risikowahrnehmung spie- len dabei qualitative Faktoren eine größere Rolle als quantitative. Hinsichtlich der quan- titativen Faktoren wird tendenziell dem Schadenausmaß gegenüber der Eintrittswahr- scheinlichkeit ein höherer Stellenwert beigemessen.17 Der Laie stellt sich also primär die Frage, was ein Schaden kostet und nicht bzw. nachrangig wie wahrscheinlich sein Eintritt ist.18

Zusammenfassend lässt sich also konstatieren, dass ein Laie ein Risiko nicht als ein allgemeines und objektives Objekt wahrnimmt, sondern seine Wahrnehmung vielmehr von subjektiven Einflüssen geprägt ist. Sie unterscheidet sich also deutlich von der eines Experten. Diese Erkenntnis relativiert folglich auch den klassischen Risikobegriff der Aktuarwissenschaften, die Risiko als das Produkt aus Schadenausmaß und Eintritts- wahrscheinlichkeit definieren. Laien verfügen dahingehend über ein reichhaltigeres und komplexeres Konzept von Risiko.19

3.3 Kritische Würdigung

Der psychometrische Ansatz ist aufgrund seiner vielfältigen Einsatz- und Variations- möglichkeiten einer der dominierenden Ansätze in der Risikowahrnehmungsfor- schung.20 Insbesondere die Ausweitung der Befragten auf repräsentative Gruppen trug zur Untersuchung kulturspezifischer Unterschiede in der Risikowahrnehmung bei. So nehmen Männer Risiken anders wahr als Frauen, außerdem existieren kulturspezifische Unterschiede in der Risikowahrnehmung zwischen verschiedenen Ländern.21 Aus den Erkenntnissen hinsichtlich der Risikowahrnehmung unterschiedlicher Personengruppen lassen sich somit Maßnahmen für das Risikomanagement und die Risikokommunikation ableiten. Der psychometrische Ansatz ist im Rahmen der Untersuchung der Risiko- wahrnehmung folglich vielseitig einsetzbar.

Die differenzierten Einsatzmöglichkeiten stellen jedoch auch eine gewisse Kritik an diesem Ansatz dar. So wird dem psychometrischen Ansatz eine fehlende stabile Struk- tur vorgeworfen. Die Möglichkeit, Risikoquellen frei auszutauschen und zu erweitern, führen zu einer teilweise ausufernden Differenzierung, die eine Vergleichbarkeit zwi- schen verschiedenen Studien erheblich erschwert.22 Weiterhin wird kritisiert, dass ins- besondere Fragen nach neuen und komplexen Themen bei Laien gewisse Antworten

[...]


1 Vgl. Slovic (1987), S. 285.

2 Die präskriptive Entscheidungstheorie bietet z.B. mit dem Arrow-Pratt-Maß auf Basis der individuel- len Nutzenfunktion die Möglichkeit zur Messung der Risikoeinstellung eines Individuums; vgl. Pratt (1964), S. 135 f. sowie zusammenfassend Laux (2005), S. 199.

3 Vgl. Eisenführ; Weber (2003), S. 4 f.

4 Vgl. u.a. Kahneman (2003).

5 Eine ausführliche Übersicht relevanter intuitiver Heuristiken geben Eisenführ; Weber (2003), S. 366- 372.

6 Vgl. zum Folgenden Slovic (1987).

7 Ein Beispiel für die Indifferenz ist die bewusste Inkaufnahme des Risikos Rauchen, obwohl die ge- sundheitsgefährdende Wirkung hinlänglich bekannt ist.

8 In diesem Fall spricht man auch von einem expressed-preferences-Ansatz.

9 In Anlehnung an Plapp (2004), S. 297 f. Der Vorschlag für die selbstschutzbezogenen Risikoquellen lehnt sich an die Definition der Gefahrenquellen des BBK an; vgl. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (2006). Der Vorschlag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

10 In Anlehnung an Slovic (1992), S. 122.

11 Das Risiko Autofahren wird z.B. in aller Regel freiwillig ausgeübt. Die Tatsache, das Steuer in der Hand zu halten, suggeriert eine gewisse Kontrolle des Risikos. Autofahren wird daher von vielen In- dividuen als vglw. risikoarm eingestuft.

12 In manchen Studien findet ein dritter Faktor Verwendung, der auf die von einer Risikoquelle Betrof- fenen abzielt (exposed). Er bleibt bei der weiteren Betrachtung jedoch unberücksichtigt.

13 Vgl. Slovic (1987), S. 283.

14 Vgl. Plapp (2004), S. 30.

15 Vgl. Slovic (1987), S. 283.

16 In Anlehnung an Slovic (1987), S. 282.

17 Vgl. Slovic (1987), S. 283.

18 Vgl. Banse; Bechmann (1998), S. 39.

19 Vgl. Slovic (1987), S. 285.

20 Vgl. Plapp (2004), S. 27.

21 Vgl. u.a. die Übersicht bei Renn; Rohrmann (2000), S. 215.

22 Vgl. Slovic (1992), S. 119 sowie Wåhlberg (2001), S. 240.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Ansätze zur Messung der Risikowahrnemung
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
28
Katalognummer
V93457
ISBN (eBook)
9783638065337
Dateigröße
637 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ansätze, Messung, Risikowahrnemung
Arbeit zitieren
Sascha Kwasniok (Autor), 2008, Ansätze zur Messung der Risikowahrnemung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93457

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