Identitätsfindungen in modernen und postmodernen Adoleszenzromanen anhand der Romane "Marsmädchen" und "Busfahrt mit Kuhn" von Tamara Bach

Wie unterscheidet sich die Identitätsentwicklung der Protagonisten in den beiden Romanen?


Hausarbeit, 2020

16 Seiten, Note: 1.3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorie
2.1 Identitätsbildung
2.2 Moderne Adoleszenzromane
2.3 Postmoderne Adoleszenzromane

3 Untersuchung exemplarischer Identitätsentwicklungen
3.1 Identitätsbildung der Protagonistin aus Marsmädchen
3.2 Identitätsbildung der Protagonistin aus Busfahrt mit Kuhn
3.3 Vergleich

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Welche Werte bestimmen mein Leben? Und wie sehen mich eigentlich andere? (vgl. Hannover & Wolter & Lysann 2018, 238). Das sind Fragen, die sich Jugendliche in der Adoleszenzphase häufig stellen wobei es an ihnen selbst liegt, Antworten auf diese zu finden. Es handelt sich um die Zeit, in der sich der Mensch allmählich vom Kind zum Erwachsenen entwickelt. Das Interessante an der Adoleszenzphase ist insbesondere, dass sie sich von Person zu Person unterscheidet und jeder seine individuelle Entwicklung durchschreiten muss, um eine eigene Identität zu entwickeln und diese letztendlich zu festigen. Folglich spielt die Identitätsentwicklung schon früh eine große Rolle und ist eines der präsentesten Themen in der Jugend. Der heranwachsende Mensch beginnt damit sich immer häufiger mit sich selbst auseinanderzusetzen und wird im Prozess der Identitätsfindung immer wieder mit Problemen konfrontiert, wodurch die Phase der Adoleszenz für Jugendliche eine fundamentale Herausforderung darstellt. In Tamara Bachs Romanen Marsmädchen und Busfahrt mit Kuhn wird der Leser unter anderem mit dem Leben von zwei Jugendlichen in ihrer Phase der Identitätsbildung konfrontiert und erlebt, wie diese beginnen zu sich selbst zu finden und begreifen wer sie eigentlich sind und was sie ausmacht.

Aus diesem Grund werde ich mich im Folgenden intensiv mit der Identitätsfindung der beiden Protagonistinnen aus Marsmädchen und Busfahrt mit Kuhn auseinandersetzen. Dabei untersuche ich, inwiefern sich die Protagonistinnen, im Hinblick auf den Prozess ihrer Identitätsfindung im Laufe der beiden Romane, voneinander unterscheiden.

Als Grundlage findet zunächst eine Darstellung der theoretischen Hintergründe postmoderner und moderner Adoleszenzromane statt, sowie eine Erläuterung des theoretischen Wissens bezüglich der Identitätsentwicklung. Anschließend werden Marsmädchen und Busfahrt mit Kuhn mit Blick auf das theoretische Wissen untersucht und miteinander verglichen. Zuletzt wird ein Resümee gezogen und die Romane werden mit Blick auf die Schule bewertet.

2 Theorie

2.1 Identitätsbildung

Die Identität oder anders das Selbst bezeichnet Konzepte oder Vorstellungen des Individuums über sich selbst (vgl. Hannover & Wolter & Lysann 2018, 237). Diese entwickeln sich zum einen durch die Selbstbeobachtung und zum anderen durch die Wahrnehmung der sozialen Rückmeldung von Mitmenschen (vgl. ebd., 237). Außerdem entwickelt sich die Identität ein Leben lang (vgl. ebd., 238). Sie wird beeinflusst durch die täglichen Interaktionen mit Menschen, denn diese geben den Individuen eine Rückmeldung, die dann als neues Wissen gespeichert werden kann (vgl. ebd., 238).

Bezogen auf das Jugendalter, welches für die Forschungsfrage an Bedeutung gewinnt, stellt sich heraus, dass sich in der Jugend häufig Fragen zu der eigenen Person gestellt werden (vgl. ebd., 238). Diese Fragen und die Auseinandersetzung mit diesen ist insbesondere für die Selbst- und Identitätsentwicklung sehr wichtig (vgl. ebd., 238). Im Jugendalter beginnt vor allem eine körperliche Veränderung, oder auch pubertäre Reifung, sowie die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit von der Umwelt, wodurch sich Jugendliche immer mehr mit der eigenen Person auseinandersetzen: „Sie beobachten sich und reflektieren die eigene Person, um ihre Identität als erwachsene, eigenständige Person zu entwickeln“ (vgl. ebd., 239). Hierzu gehören auch Fragen zur Identität in Zusammenhang mit der Sexualität (vgl. ebd., 239).

2.2 Moderne Adoleszenzromane

Generell lässt sich der moderne vom postmodernen Adoleszenzroman unterscheiden, wobei der Übergang als fließend bezeichnet wird, da es Romane gibt, die durchaus Merkmale beider Zeiten aufweisen (vgl. Weinkauff & Von Glasenapp 2018, 131). Im Jahre 1970 wurden immer mehr moderne Adoleszenzromane von Jugendbuchverlagen veröffentlicht, die sich vorrangig an Jugendliche als Rezipienten richteten (vgl. Lange 2012b, 14).

Es lassen sich drei Schwerpunkte hinsichtlich des Beitrages zur Identitätsentwicklung herausfiltern, die vorwiegend in dieser Literatur vertreten sind. Hierzu gehören die Liebe bzw. die Sexualität, die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern, sowie die Suche nach der eigenen Identität der Jugendlichen (vgl. ebd., 14).

Mit der Sexualität einhergehend werden unter anderem Partnerschaften, Homosexualität, Eifersucht, ungewollte Schwangerschaften uvm. thematisiert (vgl. Lange 2012a, 160). Die Sexualität wird in modernen Adoleszenzromanen offen dargelegt und die Unsicherheit der Jugendlichen gegenüber dem anderen oder selben Geschlecht ist zunehmend ein zentrales Thema. Begleitet wird dies von der der emotionalen Betroffenheit und Verletzbarkeit, mit der Jugendliche zu kämpfen haben (vgl. Lange 2012b, 15).

Ein weiterer Aspekt, der zur Identitätsentwicklung beiträgt, ist das konflikthafte Aufeinandertreffen der Jugendlichen mit Erwachsenen (Weinkauff & Von Glasenapp 2018, 130). Sie spalten sich von den Erwachsenen ab, beispielsweise in Form eines Aufbruchs (vgl. ebd., 130). Demnach entwickelt sich die Identität in modernen Adoleszenzromanen unter anderem durch das Schaffen räumlicher Freiheiten und das Fliehen vor vertrauten Strukturen, zum Beispiel in Form einer Reise fern von den Erwachsenen (vgl. Stemmann 2019, 14).

Außerdem geht es vor allem um die Auseinandersetzung mit dem Selbstbild und der eigenen Unsicherheit bezüglich diesem (vgl. Lange 2012a, 160). Es existieren radikale Selbstfindungsprozesse der Protagonisten, die aus diesem Grund meist als ein sehr ausgeprägtes Individuum erscheinen (Weinkauff & Von Glasenapp 2018, 128). Diese Prozesse werden auch oftmals auf narrativer Ebene dargestellt, vor allem durch moderne Erzähltechniken, wie beispielsweise dem Auftreten des Ich- und personalen Erzählers, der erlebten Rede und dem inneren Monolog (vgl. ebd., 128).

Ein weiteres Merkmal moderner Adoleszenzromane hinsichtlich der Identitätsentwicklung ist, die oftmals problemoffene Gestaltung (vgl. Lange 2012b, 68). Damit ist gemeint, dass es für den schwierigen Prozess der Identitätsentwicklung, den die Jugendlichen womöglich im Laufe des Romans durchlaufen, nicht unbedingt eine Lösung am Ende gibt (vgl. ebd., 68). Es kann durchaus vorkommen, dass das Scheitern der Protagonisten hinsichtlich dieser dargestellt wird (vgl. ebd., 68). Auf der anderen Seite gibt es auch solche, die Lösungsmöglichkeiten aufzeigen, welche der Rezipient nachvollzieht oder auch auf die eigene Realität beziehen kann (vgl. ebd., 68).

2.3 Postmoderne Adoleszenzromane

Der postmoderne Adoleszenzroman setzte sich im deutschen Raum in den 1990er Jahren durch (vgl. Stemmann 2019, 14). Jedoch lässt sich der Übergang von den modernen zu den postmodernen Adoleszenzromanen als fließend beschreiben (vgl. Weinkauff & Von Glasenapp 2018, 131).

Es zeigt sich, dass der postmoderne Adoleszenzroman andere Entwürfe der Identität und vom eigenen Selbst der Protagonisten beinhaltet: „[…] konterkariert die ‘traditionellen Vorstellungen von Identitätsfindung, von Autonomie und Persönlichkeit’ […], indem dort Figuren agieren, die sich durch die erzählte Welt treiben lassen und sich in der unsteten Bewegungsspur einem festen Selbstentwurf entziehen.“ (Stemmann 2019, 15). Das bedeutet, dass sich die Identität nicht festigt, sondern sich stetig verschiebt und weiterentwickelt, sowohl vor als auch zurück (vgl. ebd., 15). Das Individuum ist auf der Suche nach der Selbstverwirklichung und einem unverwechselbaren Ich, welches bereit ist, sich außerhalb der Gesellschaft zu positionieren (vgl. Weinkauff & Von Glasenapp 2018, 132). Es kreist mehr um sich selbst und um andere Personen, sodass insbesondere die ältere Generation wenig Einfluss hat und in den Hintergrund rückt (vgl. Stemmann 2019, 15). Dieser brüchige Selbstentwurf wird durch literarische Techniken, wie beispielsweise autodiegetische Stimmen, innere Monologe, Bewusstseinsströme, assoziative Auflistungen, Traumsequenzen und achronologische Zeitstrukturen verdeutlicht (vgl. ebd., 15).

Das Selbst der Protagonisten ist oftmals gekennzeichnet durch „Patchworkidentitäten“, die sich an Selbstreflexivität und häufig wechselnden Eigenschafen des Individuums erkennen lassen (vgl. Weinkauff & Von Glasenapp 2018, 132). Außerdem gehören Drogen, sexuelle Erfahrungen, sowie Konsumerleben zu der Entwicklung der Protagonisten der postmodernen Adoleszenzromane (vgl. ebd., 132). Sexualität, Alkoholismus und Drogenkonsum werden völlig tabulos dargestellt (vgl. Lange 2000, 72).

Zudem hat die Ablösung der Familie, durch die Entdramatisierung des Generationskonfliktes, wenig bis keinen Einfluss mehr auf die Entwicklung des Individuums. (vgl. Weinkauff & Von Glasenapp 2018, 132). In postmodernen Adoleszenzromanen zeigen die Jugendlichen auf der Suche nach der eigenen Identität fortlaufende Normverstöße und die traditionellen Vorstellungen von Identitätsfindung, Autonomie und Persönlichkeitsentwicklung, werden dabei enorm in Frage gestellt (vgl. Lange 2000, 72). Demnach existiert im Laufe der Identitätsentwicklung eine Pluralität von Werten und Normen und es herrscht ein Spiel mit diesen (vgl. Weinkauff & Von Glasenapp 2018, 132).

3 Untersuchung exemplarischer Identitätsentwicklungen

3.1 Identitätsbildung der Protagonistin aus Marsmädchen

In dem modernen Adoleszenzroman Marsmädchen geht es um Miriam, die zunächst gelangweilt von ihrem Leben ist. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie sich mit Laura, der neuen Mitschülerin der Klasse, anfreundet und sich ihr Leben schlagartig verändert. Sie beginnt aus sich herauszukommen und die Freundschaft zu Laura wird immer intensiver.

Der Adoleszenzroman Marsmädchen wird aus der Sicht der Protagonistin Miriam geschrieben (vgl. Bach 2011, 9). Somit stellt sie mit ihren fünfzehn Jahren eine typische Hauptrolle der modernen Adoleszenzroman dar. (vgl. Lange 2012b, 14).

Zu den Schwerpunkten der Identitätsentwicklung in modernen Adoleszenzromanen gehört unter anderem die Entwicklung der Sexualität (vgl. Lange 2012a, 160). Auch die Protagonistin Miriam lernt sich im Laufe des Romans hinsichtlich ihrer sexuellen Neigungen besser kennen. Zunächst ist sie sich selbst unsicher, ob sie in ihrem Leben jemals wirklich verliebt war (vgl. Bach 2011, 61). Im Laufe des Romans gesteht sie sich allerdings ein, dass sie in ein Mädchen verliebt ist, als sie mit einer Freundin darüber redet: „‘Und wer? Kenn ich ihn?’ Und da frage ich mich, ob sie es tatsächlich verstehen würde. Dass es kein ‘Er’ ist.“ (ebd., 149).

Auffallend ist, dass sie Probleme damit hat, sich selbst zu beschreiben bzw. sich anders wahrnimmt, als wie andere sie wahrnehmen. Zu Anfang des Buches wird deutlich, dass sie nicht in der Lage ist ihre eigene Identität und was sie besonders macht darzustellen: „Ich bin Miriam. Ich bin müde. Und das war es. Das bin ich. Mehr und nicht weniger. Einfach nicht mehr.“ (ebd., 10). Laura nimmt sie von Anfang an ganz anders wahr. Es zeigt sich, dass sie Miriam nicht als langweilig empfindet, so wie Miriam es selbst oft tut. Sie verleiht sie ihr den Spitznamen „Mi“, wodurch Miriam sich besonderer fühlt (ebd., 61). Auch macht Laura ihr Komplimente: „Siehst gut aus.“ (ebd., 65). Dieser Aspekt zeigt, dass Miriam sich unsicher gegenüber ihren Mitmenschen fühlt, obwohl sie in einer anderen Art und Weise wahrgenommen wird, als wie sie sich selbst sieht und einschätzt (vgl. Lange 2012b, 15). Generell lässt sich zu diesem Punkt sagen, dass sie sich sowohl gegenüber dem anderen als auch gegenüber dem selben Geschlecht am Anfang des Romans unsicher fühlt. Deutlich wird dies, als Laura sie fragt, ob sie jemals verliebt gewesen ist: „‘Warste verliebt?’ ‘Weiß nicht.’ ‘Wieso denn nicht?’ ‘Na, weil ich`s nicht weiß’.“ (Bach 2011, 60f)

Ein weiterer Aspekt, der laut moderner Adoleszenzromane zur Identitätsentwicklung beiträgt, ist das konflikthafte Aufeinandertreffen der Jugendlichen mit den Erwachsenen (Weinkauff & Von Glasenapp 2018, 130). Hier zeigen sich auch bei Miriam viele Konflikte mit ihrer Mutter:

„GRRRRRRRR! Ich fühle, wie das Sauergefühl langsam in mir aufsteigt wie heiße Milch, es blubbert, grrrrr! ‘Aha, du hast nicht herein (h-e-r-e-i-n) gesagt. Mhh. Tja. Was hältst du denn davon, wenn wir die Tür einfach aushängen, dann kannst du dich auch nicht beschweren, wenn ich nicht richtig klopfe!’ ARRRRRRRRGH! ‘Oder was denkst du?’ ‘Aber das ist mein Zimmer!’ Die zu lebenslanger Sklaverei Verdammte wusste nur zu genau, dass sie gegen eine Mauer anschrie, ihre Schreie bleiben ungehört.“ (Bach 2011, 28).

Sie führen einige Streitgespräche, welche durch sprachliche Besonderheiten, beispielsweise Einschübe von Gedanken, die die Gefühle der Protagonistin verdeutlichen, geprägt sind (vgl. ebd., 28). Die Beziehung der Mutter zu ihrer Tochter scheint sich zu verändern, als Miriam sich eingesteht, dass sie in Laura verliebt ist. Sie findet mehr zu sich selbst und zu ihrer Identität und überwindet ihre anfängliche Unsicherheit. Dieser Eindruck entsteht, als die Mutter von Miriam sich als eine vertraute Bezugsperson zeigt, in dem Moment als ihre Tochter ihr indirekt von ihrer Homosexualität erzählt:

„‘Ich mein, Mama, was würdest du denn machen, wenn ich mich in ein Mädchen verliebe? Und nicht in einen Jungen?’ […] ‘Ach, Maus, komisch wär`s schon […]. Aber solange es dir gut geht, ist es mir echt egal, ob Mann oder Frau.’.“ (ebd., 177f).

Allerdings ist anzumerken, dass die vertraute Beziehung der beiden zwischenzeitlich spürbar ist (vgl. ebd., 76). Das bedeutet, dass Miriam sich nicht komplett von den Erwachsenen abspaltet, wie es eigentlich in modernen Adoleszenzromanen der Fall ist (vgl. Weinkauff & Glasenapp 2018, 130). Dieser Aspekt ist darauf zurückzuführen, dass es Adoleszenzromane gibt, welche durchaus Merkmale beider Zeiten aufweisen (vgl. ebd., 131).

Die Identität Jugendlicher entwickelt sich in modernen Adoleszenzromanen unter anderem durch das Schaffen räumlicher Freiheiten und dem Fliehen vor vertrauten Strukturen (vgl. Stemmann 2019, 14). Das Bedürfnis äußert sich schon am Anfang des Romans: „Ich muss raus. Ich muss irgendwas machen, jetzt, sofort.“ (Bach 2011, 36). Aber auch im weiteren Verlauf zeigt es sich bei Miriam, als sie mit Laura und ihrem Freund Phillip wegfahren will: „Wir nehmen uns einfach ein Wochenendticket und fahren.“ (ebd., 144).

Außerdem geht es bei der Identitätsentwicklung in modernen Adoleszenzromanen um die Auseinandersetzung mit dem Selbstbild und der eigenen Unsicherheit bezüglich diesem (vgl. Lange 2012a, 160). Die Protagonistin Miriam zeigt sich am Anfang des Romans in einigen Situationen unsicher. Dies wird häufig durch ihre Gedanken verdeutlicht: „Ich steh hier wie ein Idiot […] (ebd., 40). ‘Was kannst du denn?’ ‘Bitte?’ ‘Na, jeder kann was, oder?’ ‘Ja?’ frag ich. Jeder kann was. Klar.“ (ebd., 47). Hier zeigen sich oftmals innere Monologe, welche Miriams Unsicherheiten widerspiegeln. Auch als sie in den Spiegel schaut zeigt sich, dass sie viele Dinge an sich selbst nicht mag und nur wenig Gefallen an sich findet:

„Was ich mag: […] meine Augen sind o.k. […] ich habe keine Akne. […] kleine Nase. Was ich nicht mag: […] dünne Lippen, breiter Mund. […] doch Pickel, wenn auch keine Akne. […] Blöde Scheißdrecksfingernägel, die nicht halten, die splittern und umknicken. Kacke. […] dicker Bauch, dicke Oberschenkel. Komische Wabbelarme. […] Füße finde ich an niemandem hübsch. […] Ohrläppchen stehen ab. Große Ohren. […] kriege immer diesem einen roten Fleck auf der linken Wange, weiß nicht warum, ist doof. […] Zähne sind auch nicht richtig weiß.“ (s.63).

Als letztes Merkmal moderner Adoleszenzromane lässt sich herausfiltern, dass diese oftmals problemoffen gestaltet werden (vgl. Lange 2012b, 68). Folglich kommt es im Prozess der Identitätsentwicklung der Protagonisten nicht unbedingt zu einer Lösung. Stattdessen kann es auch zum Scheitern der Identitätsfindung kommen (vgl. ebd., 68). Dies zeigt sich in gewisser Weise auch bei Miriam. Am Ende des Romans verschwindet Laura plötzlich aus ihrem Leben und erscheint zu dem letzten Treffen, um das sie Miriam gebeten hat, nicht (vgl. Bach 2011, 188). Die Lösung hätte sein können, dass Laura und Miriam zu ihrer Liebe stehen und dadurch zu sich selbst finden und stehen. Jedoch verschwindet Laura aus Miriams Leben ohne jegliche Begründung (vgl. ebd., 191). Allerdings muss dieser Aspekt nicht unbedingt bedeuten, dass die Identitätsfindung der Protagonistin gescheitert ist, denn sie hat ein Stück weit zu sich selbst finden können. Am Ende des Buches macht sie den Eindruck, als habe sie sich in gewisser Weise verändert bzw. weiterentwickelt. Dies liegt zum einen daran, dass sie weniger über sich selbst nachdenkt, da sie nur selten innere Monologe führt, und wie sie auf andere wirkt (vgl. ebd., 185- 192). Zum anderen scheint es, als habe sie ihr Selbst besser kennengelernt, durch die Liebesgeschichte mit Laura, die sie in eine andere Welt geführt hat, welche ihr vorher noch unbekannt war. Zur Entwicklung der Identität gehört nämlich auch sich die Fragen zur Identität in Zusammenhang mit der eigenen Sexualität zu stellen (vgl. Hannover & Wolter & Lysann 2018, 239).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich in Marsmädchen einige Kriterien der Identitätsbildung von modernen Adoleszenzromanen in der Protagonistin Miriam widerspiegeln.

3.2 Identitätsbildung der Protagonistin aus Busfahrt mit Kuhn

In dem postmodernen Adoleszenzroman Busfahrt mit Kuhn geht es um die letzte Reise von der Protagonistin Rike und ihren Freunden Sissi, Lex und Noah, bevor sich ihre Wege nach den Abiturprüfungen trennen. Das Abenteuer beginnt damit, dass sie den Wagen von Rikes Bruder Kurti stehlen. Sie begeben sich auf eine Reise zu einem Festival nach Bayern. Auf dieser Reise kommt es zu unterschiedlichen Konflikten zwischen den Jugendlichen.

Zunächst fällt auf, dass die Reise an sich als ein Merkmal der Identitätsfindung Jugendlicher in modernen Adoleszenzromanen eingestuft werden kann (vgl. Stemmann 2019, 14). Die Jugendlichen schaffen sich räumliche Freiheiten durch die Reise mit dem Ziel des Festivals in Bayern und fliehen aus ihren vertrauten Strukturen (vgl. ebd., 14). Dieser Aspekt verdeutlicht den fließenden Übergang von modernen zu postmodernen Adoleszenzromanen und beweist, dass sich auch Merkmale moderner Adoleszenzromane in dem postmodernen Roman Busfahrt mit Kuhn widerspiegeln können (vgl. Weinkauff & Von Glasenapp 2018, 131).

Des Weiteren zeigt sich, dass sich das Selbst ständig in Bewegung befindet und sich der Entwurf des Selbst nicht festigt (vgl. Stemmann 2019, 15). Im Roman wird dies durch die Reise symbolisiert, die Rike erlebt. Sie befindet sich ständig in Bewegung, und zwar nicht nur durch die Fahrt, sondern auch innerlich. Ihre Identität befindet sich auf der Reise ebenfalls in Bewegung, denn sie denkt oft an Erinnerungen ihrer Vergangenheit zurück: „Rückblick. Zeltlager. Ich elf oder zwölf, Noah entsprechend älter. Der Betreuer erzählt eine Gruselgeschichte. Das Lagerfeuer flackert in den Gesichtern. Mir gegenüber Noahs Gesicht, rotorange, ich schaue ihn an, es ist Nacht. Noah schaut zurück.“ (Bach 2010, 39). Aber sie hat ebenfalls Momente, in denen sie wieder nach vorne blickt, wobei sich diese eher am Ende des Romans zeigen: „Ich werde nicht an der Filmakademie angenommen. Ich habe mich gar nicht beworben. Es geht weiter. Wir stehen auf. Und gehen los. Und irgendwann wird unser Gehen auch eine Richtung bekommen.“ (ebd., 159). Rike scheint sich in Laufe des Romans in dieser Hinsicht entwickelt zu haben. Sie sieht ein, dass nicht alles für ewig ist und dass es immer irgendwie weiter geht: „Das ist ein Epilog. Das Ende des Films. Das ist mein Film. Das ist erst der Anfang.“ (ebd., 159). Ergänzend dazu ist die Identitätsentwicklung postmoderner Adoleszenzromane durch die Weiterentwicklung gekennzeichnet (vgl. Stemmann 2019, 15). Diese zeigt sich unter anderem durch die individuelle Veränderung der einzelnen Charaktere. So trennen sich im Laufe des Romans die Wege von Rike und ihren Freunden, obwohl sie dies frühstens nach der Reise geschehen wird (vgl. Bach 2010, 31). Den Anfang macht Sissi, die auf der Reise verschwindet, um ihre eigene Reise zu beginnen (vgl. ebd., 107). Kurz darauf verschwindet auch ihr Freund Lex, der ihr hinterher reist (vgl. ebd., 111). Zuletzt fährt Rike mit ihrem Bruder aber ohne Noah zurück nach Hause. Somit trennen sich die Wege der vier Freunde schon während der Reise (vgl. ebd., 157). Es lässt sich vermuten, dass sich die Identitäten der Protagonisten auf der Reise so weit verändert haben, dass sie sich schon frühzeitig auseinandergelebt haben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Identitätsfindungen in modernen und postmodernen Adoleszenzromanen anhand der Romane "Marsmädchen" und "Busfahrt mit Kuhn" von Tamara Bach
Untertitel
Wie unterscheidet sich die Identitätsentwicklung der Protagonisten in den beiden Romanen?
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1.3
Jahr
2020
Seiten
16
Katalognummer
V934870
ISBN (eBook)
9783346257710
ISBN (Buch)
9783346257727
Sprache
Deutsch
Schlagworte
identitätsfindungen, adoleszenzromanen, romane, marsmädchen, busfahrt, kuhn, tamara, bach, identitätsentwicklung, protagonisten, romanen
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Identitätsfindungen in modernen und postmodernen Adoleszenzromanen anhand der Romane "Marsmädchen" und "Busfahrt mit Kuhn" von Tamara Bach, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/934870

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