Nova mentes docet fames - Verhalten und Einstellungen gegenüber genmanipulierten Lebensmitteln in Abhängigkeit vom Deprivationszustand


Diplomarbeit, 2008

123 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Theorie
1.1 Einleitung
1.2 Gentechnik: Begriffe, Definitionen und Anwendungen
1.3 Bisheriger Stand der psychologischen Forschung zu Genfood
1.3.1 Moderierende Variablen auf die Einstellungen gegenüber Genfood
1.3.2 Akzeptanz und habituelle Ablehnung von Genfood
1.3.3 Implizite Einstellungen gegenüber Genfood
1.4 Implizite und explizite Einstellungen gegenüber Genfood aus Perspektive des RIMs (Strack & Deutsch, 2004)
1.4.1 Überblick über das RIM (Strack & Deutsch, 2004)
1.4.2 Erklärungsansatz zur Dissoziation zwischen impulsivem und reflektivem System gegenüber Genfood
1.5 Modulation der Ekel- und Ablehnungsreaktionen gegenüber Genfood durch Nahrungsdeprivation
1.6 Hypothesen

2 Methoden
2.1 Versuchspersonen
2.2 Versuchsaufbau
2.3 Versuchsdesign
2.4 Versuchsablauf
2.5 Unabhängige Variablen
2.5.1 Manipulation der Variable “Deprivation”
2.5.2 Manipulation der Variable “Bezeichnung”
2.6 Abhängige Variablen
2.6.1 Implizite Einstellungen
2.6.2 Explizite Einstellungen
2.6.3 Essverhalten
2.7 Kontrollvariablen
2.7.1 Variable Stimmung
2.7.2 Erfassung der Akzeptanz und habituellen Ablehnung von Genfood

3 Ergebnisse
3.1 Analysestichprobe
3.2 Vorbereitende Analysen
3.3 Überprüfung der Manipulationen
3.4 Ergebnisse zu den impliziten Einstellungen
3.4.1 Datenaggregation
3.4.2 Einfluss von Bezeichnung und Deprivation auf implizite Einstellungen
3.5 Ergebnisse zu den expliziten Einstellungen
3.5.1 Bewertung der Appetitlichkeit von Genfood vs. Ökofood
3.5.2 Bewertung der Konsumtendenz von Genfood vs. Ökofood
3.6 Zusammenhang zwischen impliziten und expliziten Einstellungen
3.7 Ergebnisse zum Verhaltensmaß
3.7.1 Gegessene Menge in Abhängigkeit von Deprivation & Bezeichnung
3.7.2 Vorhersage des Essverhaltens
3.8 Zusammenfassung der Ergebnisse

4 Diskussion und Fazit
4.1 Fazit

5 Literaturverzeichnis

6 Anhang
6.1 Bildmaterial & Wortlisten
6.2 Instruktionen
6.2.1 Startinstruktion
6.2.2 st-IAT Instruktion im Kontext „Öko“ in Reihenfolge „Öko st-IAT zuerst“
6.2.3 Explizite Bewertungsinstruktion im Kontext „Öko“ in Reihenfolge „Öko st-IAT zuerst“
6.2.4 st-IAT Instruktionen im Kontext „Gen“ in Reihenfolge „Öko st-IAT zuerst“
6.2.5 Explizite Bewertungsinstruktion im Kontext „Gen“ in Reihenfolge „Öko st-IAT zuerst“
6.2.6 st-IAT Instruktionen im Kontext „Gen“ in Reihenfolge „Gen st-IAT zuerst“
6.2.7 Explizite Bewertungsinstruktion im Kontext „Gen“ in Reihenfolge „Gen st-IAT zuerst“
6.2.8 st-IAT Instruktionen im Kontext „Öko“ in Reihenfolge „Gen st-IAT zuerst“
6.2.9 Explizite Bewertungsinstruktion im Kontext „Öko“ in Reihenfolge „Gen st-IAT zuerst“
6.2.10 Konsumpräferenz-Instruktion im Kontext „Gen“
6.2.11 Konsumpräferenz-Instruktion im Kontext „Öko“
6.3 Fragebögen
6.3.1 Inventar zur fingierten Konsumpräferenzstudie im Kontext „Öko“
6.3.2 Inventar zur fingierten Konsumpräferenzstudie im Kontext „Gen“
6.3.3 Kontrollfragebogen
6.3.4 Formale Daten
6.3.5 Offene „suspicious“ Fragen
6.3.6 Samples zur Selektion „verdächtiger“ Versuchspersonen
6.4 Übersicht über alle methodischen Bedingungen

Danksagung

Mein besonderer Dank gilt Dipl.-Psych. Atilla Höfling. Seine kompetente und freundschaftliche Betreuung während der gesamten Diplomarbeit haben mich stets dazu motiviert, dieses Projekt mit all meinen Kräften in die Tat umzusetzen. Ich habe auch durch Atilla in dieser Zeit eine große Freude am wissenschaftlichen Arbeiten gefunden. Danke! Weiterhin möchte ich mich bei meinem engsten Freund und Vertrauten aus Würzburg, Dipl.- Psych. Philippe T. Pereira, bedanken. Er hat mir nicht nur zahlreiche Tipps und fachliche Ratschläge bei kniffeligen Problemen erteilt, sondern mich ebenso herzlich bei sich zu Hause aufgenommen, wenn ich tagelang am Institut in Würzburg arbeiten musste. Der größte Dank geht jedoch an den wichtigsten Menschen in meinem Leben: Julia. Sie hat mir stets ihre ganze Liebe gegeben, großes Verständnis für mich gehabt und jederzeit sehr viel Interesse an meiner Arbeit gezeigt. Dank ihrer mentalen Stärke und menschlichen Güte empfand ich all die Strapazen der Abschlussphase als weitaus weniger belastend. Ich danke Dir von ganzem Herzen für alles, was Du für mich getan hast.

Zum Schluss möchte ich meinen Eltern und meinem Bruder meine tiefe Anerkennung aussprechen. Auch wenn mir das Studium nicht immer leicht gefallen ist, so habt ihr immer an mich geglaubt und mir sehr geholfen. Deshalb widme ich diese Arbeit Euch, meiner Familie.

Berlin, den 05.03.2008

Daniel

Abstract

Die vorliegende empirische Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema, wie genmanipulierte Le- bensmittel im reflektiven System und auf Ebene der automatischen Informationsverarbeitung bewertet werden. Zusätzlich war von Interesse, ob Personen tatsächlich bereit sind, Genfood essen würden und wie viel sie davon konsumieren. Sowohl die Einstellungen als auch das beobachtete Verhalten wurden zusätzlich unter dem Einfluss des subjektiv erlebten Hungers untersucht und anhand des Reflective-Impulsive-Models (Strack & Deutsch, 2004) erörtert.

Zu diesem Zweck mussten 27 satte Personen und 32 deprivierte Probanden eine an- gebliche Reaktionszeitaufgabe („ single-target-IAT “; Wigboldus, 2004; sc-IAT, Karpinski & Steinman, 2006) mit Bildern von Obst und Gemüse absolvieren, welche ihnen entweder als „genmanipuliert“ oder aus „natürlich-ökologischem Anbau“ vorgestellt wurden. Im Anschluss sollten die Teilnehmer die Bilder nach ihrer Appetitlichkeit bewerten und angeben, wie gerne sie diese Früchte gerne essen würden. Darüber hinaus galt es, einen freiwilligen Geschmacks- test mit einem Apfel durchzuführen, welcher entweder als „Gen-Apfel“ oder als „Bio-Apfel“ deklariert war.

Es konnte gezeigt werden, dass ungeachtet des Hungerzustandes sowohl die automa- tischen als auch die expliziten Bewertungen gegenüber Genfood negativer ausfallen, als für Ökofood. Kontra-intuitiv differenzierten hungrige Personen stärker zwischen Gen- und Öko- food, wohingegen satte Probanden diese Unterscheidung nicht vornahmen. Ein nahrungs- aufwertender Effekt des Deprivationszustandes, wie er exemplarisch von Hoefling & Strack (2007) im Kontext der Emotion Ekel berichtet wurde, konnte lediglich auf expliziter Ebene als deskriptive Tendenz ermittelt werden. Trotz der negativen Einstellungen gegenüber Genfood lehnte nur eine Person den Konsum des angeblichen Gen-Apfels ab. Unabhängig vom Hungerzustand präferierten die Teilnehmer den Bioapfel mehr, wohingegen hungrige Testpersonen deutlich mehr vom Gen-Apfel gegessen haben, als es vergleichsweise die satten Probanden taten. Auf Verhaltensebene konnte demzufolge ein aufwertender Einfluss der Deprivation auf Genfood bestätigt werden.

Die Studie stellt einen umfassenden Versuch dar, erstmalig Einstellungen und Verhalten gegenüber Genfood unter Berücksichtigung homöstatischer Dysregulation experimentell zu erfassen. Ferner werden die gesammelten Erkenntnisse mit bisherigen Literaturbefunden in Beziehung gesetzt und in das „Reflective-Impulsive-Model“ übertragen.

1 Theorie

1.1 Einleitung

Mitte der 90er Jahre begannen die USA als erste Nation mit dem großflächigen Anbau von gentechnisch verändertem Mais und Soja und zögerten nicht, dessen Weiterverarbeitung zu bzw. in anderen Lebensmitteln zuzulassen. Aus Sicht der produzierenden Industrie liegt der Nutzen gentechnischer Manipulation in der Lösung der globalen Ernährungsfrage und in einer effizient-umweltschonenden Agrarökonomie. Sie genießt jedoch auf Seiten der Verbraucher- schützer und Konsumenten eine weitaus geringere Akzeptanz (Gaskell, Allum, Bauer, Durant, Allansdottir, Bonfadelli, Boy, de Cheveigné, Fjaestad, Gutteling, Hampel, Jelsoe, Correia Jesuino, Kohring, Kronberger, Midden, Hviid Nielsen, Przestalski, Rusanen, Skellaris, Torgersen, Twardowski & Wagner, 2000; Gaskell, Allum & Stares, 2003; Gaskell, Allum, Wagner, Kroneberger, Torgersen, Hampel & Bardes, 2004; Grose, 2000; INRA, 2000). So löst das Thema Genfood beim Verbraucher vor allem große Ablehnung, Besorgnis und Zweifel aus (Slovic, 2000; Gaskell et al., 2004; Haukenes, 2004; Townsend & Campbell, 2004; Siegrist, 2003, Gregory, Flynn & Slovic, 2001; Frewer, Miles & Marsh, 2002; Vilella- Vila & Costa-Font, 2005; Laros & Steenkamp, 2004; Ferguson, Farrell, Lowe & James, 2001; Subrahmanyan & Cheng, 2000; Vilella-Vila, Costa-Font & Mossialos, 2005; Tenbült, de Vries, Dreezens & Martijn, 2005; Verdurme & Viaene, 2003; Townsend, Clark & Travis, 2004).

Bislang existieren in der Literatur jedoch keine Studien, welche sowohl die expliziten als auch automatischen (impliziten, vgl. dazu Kapitel 1.4) Bewertungen gegenüber Genfood gleichermaßen behandeln und zusätzlich in Beziehung zu tatsächlichem Essverhalten setzen. Bisherige Untersuchungen geben jedoch Anlass zu der Annahme, dass das Essverhalten auch von impliziten und expliziten Einstellungen abhängen sollte (Hofmann, Rauch & Gawronski, 2007, Friese, Hofmann & Wänke, 2007). Beispielsweise konnte bereits gezeigt werden, dass der Konsum von Süßigkeiten maßgeblich durch die Standards für gezügeltes Essverhalten vorhergesagt werden kann, insofern genügend Ressourcen für die Selbstregulation vorhanden sind. Fallen diese Ressourcen hingegen niedriger aus, prädiktieren die impliziten Einstellungen gegenüber Süßigkeiten ebenfalls das Konsumverhalten (Hofmann et al., 2007). Zum Thema Genfood existiert lediglich eine einzige Untersuchung, welche auf die automatische Ebene der Informationsverarbeitung abzielt. Interessanter Weise wurden trotz der eingangs erwähnten Ablehnung von Genfood deutlich positive implizite Einstellungen gegenüber genetisch veränderten Lebensmitteln gefunden (Spence & Townsend, 2006).

Aus diesem kontra-intuitiven Befund lassen sich zahlreiche interessante Frage- stellungen ableiten, z.B. Warum lässt sich in der Bewertung von Genfood eine Diskrepanz zwischen expliziter und automatischer Informationsverarbeitung beobachten? Ist eventuell nur ein ungeeignetes Verfahren für die Erfassung der automatischen Informationsverarbeitung bei Spence und Townsend (2006) angewendet worden? Welche Rolle spielt das äußere Erscheinungsbild (unmittelbarer visueller Input) von genetisch veränderten Produkten? Gene- tisch manipulierte Lebensmittel sehen, allgemein formuliert, äußerst attraktiv und sauber aus und verfügen somit über ein hohes optisches Anreizpotential. Andererseits steht Genfood auch mit Emotionen wie Angst und Ekel in Zusammenhang (Townsend & Campbell, 2004; Laros & Steenkamp, 2004). Vor allem spielt in diesem Kontext die besorgniserregende Herkunft der Lebensmittel sowie die Ungewissheit über potentielle Kontaminierung mit toxischen Substraten eine Rolle. Welche Denk- und Schlussfolgerungsprozesse sind dafür ausschlaggebend, dass Genfood mit einer solchen ablehnenden Haltung einhergeht? Es ist zu vermuten, dass in Anlehnung an das „ Reflektive-Impulsive-Model “ (Strack & Deutsch, 2004) eine deutliche Diskrepanz zwischen dem impulsivem System als auch dem reflektivem System auftreten könnte. Weiterhin stellt sich die Frage, ob sich eine solche Dissonanz zwischen implizitem und explizitem Maß eventuell empirisch belegen lässt?

Das Thema wird darüber hinaus inhaltlich um den Einfluss akuter Nahrungs- deprivation auf die Einschätzung bzw. den Verzehr von Genfood erweitert. In der Literatur finden sich bereits Belege dafür, dass beispielsweise der subjektiv erlebte Hungerzustand einen unmittelbar positiven Einfluss auf die wahrgenommene Valenz von Essenreizen ausübt. So konnte gezeigt werden, dass Nahrungsdeprivation sowohl mit positiveren impliziten Einstellungen gegenüber essensrelevanten Stimuli einhergeht (Hoefling & Strack, 2007; Seibt, Häfner & Deutsch, 2007) als auch automatische Annäherungsreaktionen verstärkt (Seibt et al., 2007). Der Titel und das Thema dieser Arbeit orientieren sich speziell an dieser Befundlage („ nova mentes docet fames “ - Neue Einstellungen lehrt der Hunger.). Abschlie- ßend stellt sich die Frage, ob sich anhand der impliziten und expliziten Einstellungen gegen- über Genfood unter Umständen tatsächliches Essverhalten bezüglich genetisch manipulierter Nahrung in Verbindung bringen lässt.

Auf der Basis des sozialpsychologischen Zwei-System Modells („ Reflective- Impulsive-Model “; Strack & Deutsch, 2004) wird in der vorliegenden Arbeit versucht, erste experimentelle Daten zu den genannten Fragestellungen zu liefern. Da bis zum heutigen Tage keine Untersuchung vorliegt, welche diese zentralen Punkte unter Berücksichtigung des Faktors Deprivation miteinander kombiniert, setzt sich diese Studie folgende zentrale Ziele:

Die impliziten Einstellungen gegenüber Genfood werden anhand eines anderen Messverfahrens erhoben („ single-target Implicit-Association Test “, Wigboldus, 2004). Darüber hinaus werden die expliziten Einstellungen gegenüber Genfood auf mehreren Di- mensionen (objektiv vs. subjektiv) erfasst. Es wird überprüft, ob sich eine Diskrepanz zwischen diesen beiden Modi der Informationsverarbeitung gegenüber Genfood belegen lässt. Zusätzlich soll ein reales Essverhalten gegenüber genmanipulierter Nahrung gemessen werden und einem Vergleich zu den gezeigten Einstellungen unterzogen werden. Schluss- endlich werden all jene Ziele gleichermaßen unter dem Einfluss des subjektiven Hunger- zustandes untersucht.

Die vorliegende Studie stellt somit einen ersten wichtigen Beitrag zur Erforschung von reflektiven bzw. impulsiven Bewertungen und dem Konsumentenverhalten im Zusammenhang mit Genfood dar.

1.2 Gentechnik: Begriffe, Definitionen und Anwendungen

Nach Hautvast & van de Wiel (2001) versteht man unter genetischer Modifikation „ [..] ein technisches Verfahren, bei welchem Teile des Erbmaterials eines Organismus k ü nstlich in die Gene eines anderen Organismus ü bertragen werden, um dessen ph ä notypische Eigenschaften zu verbessern. “ (englische Übersetzung aus Dreezens, Martijn, Tenbült, Kok & de Vries, 2005, Seite 116). Lebende Systeme, welche aus der künstlichen genetischen Modifikation hervorgehen, werden unter dem Begriff „genetisch veränderte Organismen“ (GVO, eng. GMO) bzw. „transgene Organismen“ zusammengefasst. In wissenschaftlichen Arbeiten im Bereich der Psychologie wird jedoch weitestgehend die Abkürzung GMF („ genetically modified food “) synonym für Genfood bzw. GMO verwendet. Dementsprechend wird diese Abkürzung für die weiteren Ausführungen eingesetzt.

Die Bezeichnung GMF geht aus der so genannten grünen Gentechnik hervor, welche all diejenigen technischen Verfahren umfasst, die in der Landwirtschaft bzw. Lebensmittel- industrie eingesetzt werden. Ausgewählte, hoch entwickelte Kulturpflanzen werden genetisch derart modifiziert, dass sie entweder in erhöhtem Maße Eiweiße, Kohlenhydrate und andere Nährstoffe bilden oder verschieden Resistenzen gegen Insekten, Pilze, Unkraut o.ä. entwickeln (Falk, Chassy, Harlander, Hoban, McGloughlin & Akhlaghi, 2002). Durch den Einsatz der grünen Gentechnik sollen agronomisch wünschenswerte Ergebnisse, wie Pro- duktivitätssteigerungen oder Reduktionen der Umweltbeeinträchtigungen, erzielt werden. Gentechnisch veränderte Kulturpflanzen wie Mais, Raps, Soja oder Baumwolle können bei- spielsweise durch ein von ihnen produziertes Enzym spezielle Unkräuter unschädlich machen (DFG, 2001). Dadurch sollen Unkrautvernichtungsmittel gezielter angewendet und somit ihr

Einsatz quantitativ verringert werden (Schuler, Poppy, Kerry & Denholm, 1998). Außerdem wird angestrebt, Kulturpflanzen durch genetische Manipulation salz-, trockenheits- oder kälteresistent zu machen, um sie unter den ungünstigen klimatischen Bedingungen vieler Entwicklungsländer gedeihen zu lassen (DFG, 2001).

Über solche, für den Konsumenten keinen offensichtlichen Nutzen darstellende Eigen- schaften hinaus, sollen Pflanzen zukünftig vornehmlich ernährungsphysiologische Vorteile und einen besseren Geschmack bieten. Ebenso wird eine längere Lagerfähigkeit bzw. Halt- barkeit angestrebt (Falk et al., 2002; Perr, 2002). Darüber hinaus bietet die grüne Gentechnik eine Vielfalt an Möglichkeiten, medizinische Wirkstoffe kostengünstig innerhalb von Pflanzen zu synthetisieren (Richter & Kipp, 1999; Fischer, Liao, Hoffmann, Schillberg & Emans, 1999) oder sie gar als Grundlage für die Gewinnung alternativer Rohstoffe heran- zuziehen (Landgrebe, Kaschenz, Sternkopf, Westermann, Becker, Müller, Schneider, Burger & Kühleis, 2003).

Allen genannten Punkten stehen eine Reihe negativer Aspekte gegenüber, welche sich unmittelbar aus der Anwendung der grünen Gentechnik ergeben. Eine detaillierte Diskussion über die Vor- und Nachteile der Gentechnik würde den Rahmen dieser Arbeit jedoch sprengen. (für eine Übersicht siehe z.B. Metcalfe, 2003; DFG, 2001; Tappeser, Eckelkamp & Weber, 2000; WHO, 2005).

1.3 Bisheriger Stand der psychologischen Forschung zu Genfood

Während für die Befürworter die "grüne" Gentechnik im Kern nichts anderes ist, als die Fort- setzung der akzeptierten Pflanzenzüchtung mit anderen Mitteln (Kempken & Kempken, 2004), handelt es sich für die Kritiker um eine risikoträchtige Technologie, die manipulativ in die Grundstrukturen des Lebendigen eingreift (Winnacker, 1996). Die Debatte um Genfood bzw. Gentechnik ist bis zum heutigen Tage stark polarisiert und ebenso emotional aufgeladen (Vilella-Vila & Costa-Font, 2004; Gaskell, Bauer & Durant, 1998; Kasperson, Jhaveri & Kasperson, 2001; Vilella-Vila et al., 2005; Frewer et al., 2002). Welche Befürchtungen bzw. Risiken gegenüber GMF geäußert werden und von welchen Faktoren die Ablehnung von GMF abhängt, soll in diesem Kapitel näher beleuchtet werden.

1.3.1 Moderierende Variablen auf die Einstellungen gegenüber Genfood

In der Literatur tauchen zahlreiche Einflussgrößen auf, die in unmittelbarem Zusammenhang mit der Akzeptanz bzw. Ablehnung von Genfood stehen. So zeigt bisherige Forschung, dass Frauen die mit gentechnisch veränderten Lebensmitteln einhergehenden Risiken deutlich höher einschätzen als Männer (Verdurme & Viaene, 2003; Frewer et al., 2002; Frewer, Lassen, Kettlitz, Scholderer, Beekman & Berdal, 2004; MEN-Usine Nouvelle, 2001; Mendenhall & Evenson, 2002; Poortanga, 2005). Ein plausibler Grund dafür ist, dass Frauen sich vorrangig um die Lebensmitteleinkäufe und das Kochen bemühen und deshalb mit erhöhter Vorsicht respektive Ablehnung auf Genprodukte reagieren als es bei Männern der Fall ist (Siegrist, 2003). Unterstützung erfährt dieses Argument durch die Tatsache, dass Familien bzw. Mütter mit jungen Kindern ebenfalls starke Abneigungen gegenüber Genfood hegen, da die gesunde Ernährung und Versorgung der Heranwachsenden das zentrale Moment der elterlichen Fürsorge darstellt (Siegrist, 2003; Verdurme & Viaene, 2003; Subrahmanyan & Cheng, 2000).

Neben dem Einfluss des Geschlechts erschließt sich aus der Literatur ein weiterer Zu- sammenhang zwischen Bildungsstand, Faktenwissen und Akzeptanz von GMF (Subrahman- yan & Cheng, 2000; Gaskell et al., 2004; Scholderer & Balderjahn, 1999; Verdurme & Viaene, 2003; Poortanga, 2005, Frewer et al, 2002; Laros & Steenkamp, 2004). Personen, die einen höheren Bildungsgrad (z.B. akademischer Titel) besitzen, zeigen beispielsweise eine deutlich geringere Akzeptanz gegenüber genetisch modifizierter Nahrung als Personen, die nur ein relativ niedriges Ausbildungsniveau beschreiben (Gaskell, Brauer, Durant & Allum, 1999; Scholderer & Balderjahn, 1999; Verdurme & Viaene, 2003; Poortanga, 2005). Die Bereitschaft, sich kritisch mit dieser Technologie auseinander zu setzen, ist bei gebildeten Menschen deutlich größer (Scholderer & Balderjahn, 1999; Sandoe, 2001). Andererseits liegen jedoch auch Studien vor, welche diesen Zusammenhang argumentativ umkehren. Demzufolge stehen geringes Faktenwissen zum Thema GMF ebenfalls mit erhöhter Risikowahrnehmung und geringerer Akzeptanz in Zusammenhang (Gaskell et al., 2004; Verdurme & Viaene, 2003; Poortanga, 2005).

Zu den moderierenden Faktoren zählen ebenfalls sozio-demografische Komponenten, wie das Wahlverhalten, Essgewohnheiten oder die Konfession. Beispielsweise setzen Wähler konservativer Parteien deutlich mehr Vertrauen in die Gentechnik und staatliche Regu- lierungsbehörden, als es im Gegensatz Anhänger grüner bzw. linksorientierter Bewegungen zeigen (Poortanga, 2005; Siegrist 2003). Hinsichtlich der Essgewohnheit äußern Vegetarier die meisten Bedenken im Kontext genetisch manipulierter Lebensmittel (Subrahmanyan & Cheng, 2000; Saher, Lindeman & Hursti, 2006). Die Religion spielt ebenfalls eine Rolle, in- wieweit Risiken bewertet bzw. Unbehagen im Zusammenhang mit Genfood aufkommt. Gläubige Hindus und Atheisten hegen gleichermaßen weniger Zweifel an gesundheitlichen Aspekten, als es bei Christen oder Muslimen der Fall ist (Subrahmanyan & Cheng, 2000).

Zusammenfassend lässt sich formulieren, dass die Einstellung gegenüber GMF durch eine Reihe verschiedener Faktoren moderiert wird. Dass GMF in weiten Teilen der Bevölkerung jedoch nach wie vor überwiegend negative Reaktionen hervorrufen, soll im nächsten Abschnitt dargestellt werden.

1.3.2 Akzeptanz und habituelle Ablehnung von Genfood

Die Akzeptanz bzw. explizite Einstellung gegenüber Genfood wird bereits seit ge- raumer Zeit von verschiedenen Forschergruppen erfasst. Zwischen 1996 und 1999 führte George Gaskell eine umfangreiche, europaweite Studie durch, welche die öffentliche Mei- nung zu Biotechnologie und genmanipulierter Nahrungsmittel abbildete. Demnach würden zwischen 48% und 66% aller Befragten gentechnisch veränderte Produkte nach wie vor nicht kaufen (Gaskell, Allum, Bauer, Durant, Allansdottir & Bonfadelli, 2000) und lehnen gen- manipulierte Nahrung ab (Grose, 2000; INRA, 2000). Aus einer weiteren repräsentativen Umfrage in 17 EU Nationen geht hervor, dass sich die überwiegende Mehrheit der Befragten (62%) skeptisch gegenüber GMF äußert und ausschließlich Nachteile im Bezug zu Genfood sieht (Gaskell et al., 2004). Diese ablehnende Haltung ist jedoch nicht nur auf Europa begrenzt. Auch in anderen Nationen der Welt führen Umfragen zu vergleichbaren Ergeb- nissen. Eine Studie von Subrahmanyan & Cheng (2000) an 700 Probanden aus Singapur und zahlreichen weiteren asiatischen Staaten eröffnet im Detail, dass 55% aller Befragten besorgt sind, Genfood zu essen und Zweifel an Ethik, Gesundheit und Ökologie haben. Auch Lang- zeiteffekte sind nach Meinung von über 60% der Befragten nicht genügend erforscht.

Es sind verschiedene Ursachen, die für diese grundsätzliche reservierte Haltung gegenüber der Gentechnik und ihrer Ausläufer in Frage kommen. Die Gentechnologie bricht in den Augen Millionen Verbraucher mit der Natur, weil sie es ermöglicht, Erbmaterial verschiedener Organismen beliebig zu verändern. Sie wird daher als zu tiefer Eingriff bzw. zu gefährliche Manipulation an der Natur verstanden (Winnacker, 1996). Aus ethischer Sicht ist dies für die meisten Menschen nicht vertretbar, zumal es sich um Lebensmittel handelt, deren Verzehr nahezu jeden Einzelnen im Alltag betrifft oder betreffen könnte (Subrahmanyan & Cheng, 2000; Vilella-Vila et al., 2005; Tenbült et al., 2005).

Im Allgemeinen werden gentechnisch modifizierten Produkten Attribute wie „künstlich, unnatürlich, unnötig, ungesund“ zugeordnet (Verdurme & Viaene, 2003; Townsend et al., 2004; Tenbült et al., 2005). Petra Tenbült und ihre Kollegen (2005) fanden zum Beispiel heraus, dass die wahrgenommene Natürlichkeit eines Lebensmittelproduktes von der jeweiligen Herstellungssparte abhängt. Je mehr ein normales Produkt („ normal food “) als „natürlich“ betrachtet wird, desto „unnatürlicher“ wird sein Pendant aus gentechnischer Herstellung bewertet („ genentically modified food “).

Gentechnisch veränderte Lebensmitteln werden im Allgemeinen als großes Risiko für Mensch bzw. Natur erachtet und vor allem mit Nachteilen, die für den Verbraucher er- wachsen, in Verbindung gebracht (Gaskell et al., 2004; Haukenes, 2004; Townsend & Campbell, 2004; Siegrist, 2003). Man kann in diesem Zusammenhang durchaus von einer risikobegründeten Angst vor Genfood beim Verbraucher sprechen, die durch die überwiegend kritische Berichterstattung in den Medien noch zusätzlich potenziert wird (Laros & Steenkamp, 2004). Während die risikobegründete „Angst“ gegenüber Genfood einen hohen Stellenwert einnimmt, lassen sich direkte affektive Einflüsse auf die Kaufintention oder eine subjektive Risikoeinschätzung nicht bestätigen. Weder das körperliche Stress- noch das phy- siologische Erregungsniveau, welche beide als Indikator für erlebte Angst herangezogen werden, geben Anlass zu der Vermutung, dass Genfood beim Verbraucher körperliche Angstreaktionen auslöst (Townsend et al., 2004; Townsend & Campbell, 2004). Trotzdem findet sich in den Ergebnissen der Studie von Laros und Steenkamp (2004) ein signifikanter Beleg dafür, dass sich die affektive Dimension der erlebten Besorgnis („ worry “) beim Kon- sumenten auf das Kaufverhalten und die Akzeptanz von Genfood auswirkt. Sie ist daher als Kontrollvariable im empirischen Teil der Arbeit von hohem Interesse.

Eine weitere affektive Komponente, die eine tragende Rolle bei der vehementen Ab- lehnung von GMF spielen könnte, stellt die Basisemotion Ekel (Ekman & Friesen, 1975; Izard 1971) dar. Gemäß den zahlreichen Arbeiten von Rozin & Fallon (1987, vgl. dazu auch Rozin, Fallon & Mandell, 1984; Rozin, Lowery & Ebert, 1994), wird Ekel vorrangig als eine nahrungsbezogene Emotion („ food related emotion “) definiert. In erster Linie kommen zwei wesentliche Gründe dafür in Frage, weshalb Nahrung aufgrund spezifischer Charakteristika vermieden wird. Zum einen handelt es sich um unmittelbar wahrnehmbare sensorische Eigen- schaften, wie unappetitliches Aussehen, schlechter Geschmack, übler Geruch, die eine Ver- meidungsreaktion provozieren. Zum anderen kommen auch weitaus abstraktere Gründe dafür in Frage, warum Nahrung nicht verzehrt wird, wie beispielsweise eine zweifelhafte Herkunft, Besorgnis über Langzeitfolgen, Angst oder moralische Bedenken. In Rozins Übersichtsarbeit werden sämtliche ekelrelevanten Kriterien in vier Dimensionen eingeteilt („ distaste “: Ekel- attribute; „ disgust “: Widerwärtigkeit; „ inappropriate “: Ungeeignetheit und „ danger “: Gefahr), nach welcher Nahrung aufgrund spezifischen Kriterien vermieden wird. Weshalb genmanipulierte Lebensmittel aufgrund der Emotion Ekel von einem Organismus abgelehnt werden, kann jedoch nur im Vergleich zur Dimension „ disgust “ (Widerwärtigkeit bzw. Quelle der Herkunft) und „ danger “ (Gefahr) abstrahiert werden. Gesetzt den Fall, einer Per- son wird ein wohlriechendes und gut zubereitetes Fleischgericht vorgesetzt, so würde die In- formation über die Quelle der Herkunft „ Das ist ein Rattensteak “ gänzlich konträre Be- wertung erfahren, als wenn es sich um die Information „ Schweineschnitzel “ handelt. Die Be- zeichnung „Gen“ könnte eine vergleichbare Ablehnungshaltung implizieren, da der Großteil aller Verbraucher der Qualität von genmanipulierten Lebensmitteln kein Vertrauen schenkt (Haukenes, 2004) und sich vor gesundheitlichen Risiken bewahren möchte („ better save than sorry “ -Effekt, Haukenes, 2004).

Das Kriterium der Gefahr (Dimension: „ danger “), welches sich im Kontext Ekel vor allem über Verunreinigung durch schädliche Mikroorganismen oder toxischer Substanzen definiert (Rozin & Fallon, 1987), pflanzt sich bei GMF auf weitaus subtilerem Niveau fort. So erwächst aus der relativ großen Unwissenheit darüber, inwieweit mittels genetischer Mani- pulation Pflanzen für die Lebensmittelherstellung nutzbar gemacht werden, ein grund- sätzliches Unbehagen dahingehend, was in dieser Nahrung alles enthalten ist und wie sich diese Inhaltsstoffe auf den Körper auswirken (siehe bspw. Subrahmanyan & Cheng, 2000). Genfood verfügt zwar demzufolge über bestimmte Merkmale, die einen Ekelreiz kenn- zeichnen, erfüllt jedoch nicht vollständig dessen Definition (vgl. dazu Rozin & Fallon, 1987). Beispielsweise ist bislang nicht geklärt, wie sich GMF in Bezug zu den Kriterien „ con- tamination “ (Kontaminierung) und „ offensiveness “ (Anstößigkeit) verhält. Laut Rozin und Fallon (1987) gehen von Ekelreizen gleichermaßen diese beiden Wirkungen aus, d.h. dass allein der Anblick von ekelauslösenden Objekten als unerträglich empfunden wird, auch wenn man sie gar nicht essen muss. Genfood erfüllt nach Ansicht des Autors diese beiden Kriterien nicht. Auch wenn die strenge Definition von Ekel nicht vollends auf Genfood übertragbar ist, so geht jedoch aus der Literatur hervor, dass Menschen zumindest GMF mit Ekel in Verbin- dung bringen. Townsend und Campbell (2004) berichten beispielsweise, dass die Gruppe der Nicht-GMF Käufer („ non purchasers “) Genfood deutlich ekelerregender bewerten (M Käufer = 2.38, SD = 1.50; M Nicht-Käufer = 3.84, SD = 1.7; p < .01) als die Gruppe potentieller GMFKäufer („ purchasers “).

Schlussendlich zeigen die zitierten Befunde, dass auf reflektiver Ebene GMF mit Ablehnung und einer Risikowahrnehmung einhergeht. Zusätzlich wird GMF aus abstrakten Gründen und aus gesundheitlicher Sorge zurückgewiesen und scheint mit der Emotion Ekel in Zusammenhang zu stehen. Ob sich diese Phänomene auch auf impulsivem Niveau der Informationsverarbeitung zeigen, soll im nächsten Abschnitt erörtert werden.

1.3.3 Implizite Einstellungen gegenüber Genfood

Es liegt bislang nur eine einzige Studie vor, welche sich der Erfassung automatischer Assoziationen bzw. impliziten Einstellungen gegenüber GMF widmet. Mittels des „ Go- NoGo-Association-Task “ (GNAT) von Nosek & Banaji (2001) erhoben Spence und Town- send (2006) an 62 Versuchspersonen die impliziten Einstellungen gegenüber genetisch manipulierter Lebensmittel. Die Methodik dieser Reiz-Reaktionsaufgabe („ response com- petition task “) GNAT basiert auf der Logik, dass die Schnelligkeit, mit der auf zwei Reize per Tastendruck reagiert wird umso höher ausfällt, insofern diese zwei Stimuli stark miteinander assoziiert sind. Im Umkehrschluss wird auf Reize, die weniger intensiv miteinander assoziiert sind, langsamer reagiert. Die Abhängige Variable dieses impliziten Messverfahrens beruht demzufolge auf den reinen Antwortlatenzen. Die Forscher setzten diese Reiz-Reaktions- Aufgaben in drei verschiedene Kontexte („ context-free, ordinary food, organic food “). Im ersten Durchgang der kontextfreien Bedingung musste jeder Proband am Computer auf Wör- ter per Tastendruck reagieren, die begrifflich zur Kategorie „ gm-food “ gehören („ engeneered salmon “ , „ modified tomatoes “) und ebenso auf Wörter, welche eine grundsätzlich positive Valenz ausdrücken („ nice “ , „ happy “ , „ exzellent “). Wörter mit negativer Valenz sollten hin- gegen ignoriert werden (= keine Taste drücken). In einem zweiten Durchgang galt es wieder auf Begriffe im Kontext „ gm-food “ zu reagieren, jedoch diesmal auch auf Wörter negativer Valenz („ sad “ , „ bad “ , „ horrible “). Wörter mit positiver Valenz sollten ignoriert werden.

In den kontextualisierten Bedingungen wurden neue Wörter als zu ignorierende Stimuli mit in die Aufgabe übernommen („ organic food “: „ organic carrots “ , „ free range “ , „ natural ingredients “ ; „ ordinary food “: „ sheep “ , „ farming fruit “ , „ potatoes “). Beispielsweise mussten die Probanden in der „ organic food “ -Kontextbedingung im ersten Durchgang auf „ gm-W ö rter “ reagieren und auf positive Wörter. Negative Wörter und Begriffe aus dem Kontext „ organic food “ sollten unbeachtet (= keine Tastenreaktion) bleiben.

Prinzipiell ist es nun möglich, die Assoziationsstärke zwischen den zwei Elementen (gm-Wörter vs. positive Wörter; gm-Wörter vs. negative Wörter) über die registrierten Fehler (= falsche Tastenreaktionen) bzw. die benötigte Reaktionszeit auszuwerten. Spence und Townsend (2004) entschieden sich für die zweite Variante und zogen die Reaktionszeiten als Indikator für die Assoziationsstärke zwischen Genfood und dessen Valenz heran (Nosek & Banaji, 2001). Je stärker zum Beispiel die Verknüpfung zwischen negativen Wörtern und GMF-bezogenen Ausdrücken ist, desto geringer fällt die Reaktionslatenz aus. Die Assoziationen in dieser semantischen Kategorie sind demzufolge ähnlich und erleichtern (schnell) die Aktivierung von automatisch motiviertem Vermeidungsverhalten (Tasten- reaktion auf eng assoziierte Wortkategorien). Entgegen ihren Hypothesen fanden Spence und Townsend (2006) in der kontextfreien Bedingung positive implizite Einstellungen gegenüber „ gm-food “ . Im kategorischen Vergleich zu gewöhnlichen Lebensmitteln („ ordinary food “) bzw. Bioprodukten („ organic food “) reduzierte sich die implizite Einstellung lediglich auf ein neutrales Niveau, obwohl auf expliziter Ebene die Bewertungen gegenüber GMF negativ ausfielen.

Spence und Townsend liefern in ihrer Studie keine befriedigende Erklärung für dieses unerwartete Ergebnis auf Seiten der impliziten Daten (Anm. d. A.: Lediglich die Homogenität der studentischen Stichprobe wird für die Daten verantwortlich gemacht, vgl. dazu Original- artikel; Angaben im Literaturverzeichnis). Obwohl ausschließlich Wörter als nahrungsbe- zogene Stimuli verwendet wurden, legen die Ergebnisse aus einer Zwei-Prozess-Perspektive der Informationsverarbeitung (z.B. Strack & Deutsch, 2004) nahe, dass es zu einer Disso- ziation zwischen der reflektiven und der impulsiven Ebene der Informationsverarbeitung kommt, wenn Verbraucher mit Genfood konfrontiert werden. Diese Annahme wird durch den Umstand untermauert, dass das äußere Erscheinungsbild (unmittelbarer visueller Input) von genetisch veränderten Produkten meist sehr attraktiver und ansprechender Natur ist, obwohl auf rationaler Ebene Bedenken gegenüber GMF bestehen. Kurz gesagt: man sieht leckere und attraktive Nahrung, ist sich gleichzeitig aber darüber im Klaren, dass sie aus ungenügend abgesicherter Herstellung stammt und der Verzehr ein potentielles Gesundheitsrisiko darstellt.

Im folgenden Kapitel wird der Versuch unternommen, die gesammelten Erkenntnisse aus den vorangegangenen Abschnitten in das „ Reflektive-Impulsive-Model “ (kurz: RIM) von Strack & Deutsch (2004) zu übertragen und zu diskutieren.

1.4 Implizite und explizite Einstellungen gegenüber Genfood aus Perspektive des RIMs (Strack & Deutsch, 2004)

Zunächst werden in diesem Abschnitt die grundlegenden Aspekte des Reflective-Impulsive- Models (Strack & Deutsch, 2004) skizziert. Im Anschluss daran wird ein Erklärungsversuch unternommen, wie eine Dissoziation in der Informationsverarbeitung zwischen impulsivem und reflektivem System gegenüber dem Konstrukt Genfood zustande kommen könnte.

1.4.1 Überblick über das RIM (Strack & Deutsch, 2004)

Das Modell von Strack und Deutsch (2004) unterscheidet ein impulsives und ein re- flektives System der Informationsverarbeitung, welche zwar parallel operieren, jedoch nicht immer zwingend gleichzeitig aktiv sind. Es wird angenommen, dass das impulsive System immer arbeitet, wohingegen das reflektive System aufgrund der Abhängigkeit von benötigter Zeit und kognitiver Kapazität z.B. durch verschiedene Störeinflüsse (z.B. Ablenkung) aus- geschaltet werden kann. Im impulsiven System breiten sich aktivierte Erregungen in einem assoziativen Netzwerk aus, welches nach konnektionistischen Prinzipien funktioniert (Green- wald & Banaji, 1995; Smith, 1996). Zudem enthält das impulsive System zahlreiche Verhaltensschemata, die unmittelbar angeregt werden können. Nach dem Modell von Strack und Deutsch (2004) speist sich spontanes Verhalten vor allem aus assoziativen Verknüpf- ungen zwischen wahrgenommenen Merkmalen der Situation und damit assoziierten Ver- haltensschemata, welche die automatische Verhaltenssteuerung ermöglichen.

Unabhängig davon werden Informationen auch im reflektiven System verarbeitet, wobei die aktivierten Konzepte in ein propositionales Format (= aussagelogisches Format) übergeführt werden. Das propositionale Wissen des reflektiven Systems wird in rationalen Denk- und Entscheidungsprozessen genutzt und beeinflusst mittels Intentionsbildungen das Verhalten. Gemäß dem RIM können demzufolge zwei Arten von Einstellungen unterschieden werden: Implizite Einstellungen haben die Form assoziativer Strukturen, die durch indirekte Verfahren wie „ affektives Priming “ (vgl. dazu De Houwer, 2003) oder den „ Implicit Association Test “ (vgl. dazu Greenwald, McGhee & Schwartz, 1998) erfasst werden. Ex- plizite Einstellungen stellen hingegen propositionale Strukturen dar, welche auf klassische Weise direkt erfragt werden können. In erster Linie basieren Selbstauskünfte und kon- trolliertes Verhalten eher auf propositionalen Situationskategorisierungen, elaborierten In- formationen und Wertungen sowie bewussten Entscheidungen bzw. Intentionen.

1.4.2 Erklärungsansatz zur Dissoziation zwischen impulsivem und reflektivem System gegenüber Genfood

Ein erster Kernaspekt dieser Arbeit ist somit die Frage, ob impulsive und reflektive Informationsverarbeitung beim Anblick von GMF dissoziieren, oder nicht. Wie bereits erörtert, zielt die grüne Gentechnik darauf ab, Lebensmittel zu produzieren, die auf allen sensorischen Kanälen beim Rezipienten eine positive Wirkung entfalten. Die Produkte sollen optisch so attraktiv und geschmacksintensiv wie möglich sein, über längere Lagerfähigkeit verfügen und einen erhöhten Nährstoffgehalt aufweisen. Der bloße Anblick solcher Produkte müsste laut RIM (Strack & Deutsch, 2004) auf impulsiver Ebene positive Assoziationen, wie „attraktiv“, „sauber“, „gut“ oder „ansprechend“ auslösen.

Es ist allerdings ebenfalls denkbar, dass in diesem Zusammenhang auch auf impul- siver Ebene automatisch negative Assoziationen hervorgerufen werden, wie „gefährlich“, „giftig“, „ungenießbar“ und „kontaminiert“. Beispielsweise ist aus der Stereotypen-Forschung bekannt, dass Bilder von Personen, welche zufällig als „HIV positiv“ bezeichnet wurden, dementsprechend negative implizite Assoziationen wachgerufen haben (Neumann, Hülsen- beck & Seibt, 2004). Eine Einschätzung, inwieweit die impliziten Einstellungen gegenüber Genfood jedoch letzten Endes ausfallen, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich. Dieses Thema ist bislang ein offenes Feld in der Sozialpsychologie und lediglich durch eine einzige Studie abgedeckt (siehe Punkt 1.3.3).

Die zitierten Studien zum bisherigen Stand der Forschung gegenüber Genfood (siehe Kapitel 1.3) legen die Vermutung nahe, dass im reflektiven System GMF mit einer Ab- lehnung und vor allem negativen expliziten Einstellungen in Verbindung steht. Die positiven impliziten bzw. neutralen Einstellungen und die negativen expliziten Einstellungen gegenüber GMF, welche in der bereits geschilderten Studie von Spence und Townsend (2006) gefunden wurden, bilden exemplarisch eine antagonistische Konfiguration von impulsivem und reflek- tivem System ab.

Ebenso entscheidend ist die Frage, wie die beiden Repräsentationen auf das Verhalten auswirken. Sowohl das impulsive als auch das reflektive System besitzen zumindest zum Teil einen gemeinsamem Ursprung, den assoziativen Speicher bzw. die zugrundeliegende Wiss- ensstruktur (Higgins, 1996; Higgins & Bargh, 1987). Laut dem RIM von Strack und Deutsch (2004) wird Verhalten auf einer gemeinsamen Endstrecke ausgelöst. D.h. alle Verhal- tensschemata sind Bestandteil des assoziativen Speichers. Beide Prozesse können zu gleichem Verhalten führen und synergetisch zusammenspielen, jedoch auch inkompatibles Verhalten bewirken und antagonistisch arbeiten. Im Falle gegenläufiger Verhaltensimplikationen überstimmt das reflektive System das impulsive System nur unter ganz bestimmten Umstän- den (z.B. Kapazität, kein Zeitdruck, Motivation). D.h. negative explizite Einstellungen gegen- über GMF führen nicht zwangsläufig zu einer Vermeidungsreaktion gegenüber GMF. In der Studie von Townsend und Campbell (2004) gaben beispielsweise 49% der Befragten an, kein GMF kaufen zu wollen („ non-purchasers “). Dennoch haben 93% aller Testpersonen in einem darauf folgenden, fingierten Geschmackstest einen angeblichen „Gen-Apfel“ gekostet. Dieser kontroverse Befund verlangt jedoch eine gewisse Vorsicht bei der Bewertung, denn die Tat- sache, GMF nicht kaufen zu wollen, es aber zu essen, wenn man es im Rahmen eines Ex- periments unentgeltlich angeboten bekommt, ist nicht zwingend miteinander unvereinbar. Umso mehr ist es im empirischen Teil dieser Arbeit daher von Interesse, ob sich dieses Ver- halten unter Umständen erneut zeigt. Dennoch gibt diese offenkundige Dissoziation zwischen der einerseits ablehnenden Kaufbereitschaft und dem andererseits gezeigten Essverhalten An- lass zu der Annahme, dass sich die Antipathie gegenüber GMF nicht zwingend im Kauf- verhalten bzw. Essverhalten niederschlagen muss.

Zusammenfassend lässt sich formulieren, dass die Betrachtung impliziter und ex- pliziter Einstellungen gegenüber GMF aus der Perspektive des RIMs einen potenten Ansatz für die Erklärung von Einstellungen und Verhalten gegenüber GMF darstellt. Einerseits liegt die Vermutung nahe, dass das positive äußere Erscheinungsbild von Genprodukten auf impul- siver Ebene zu positiven Assoziationen führt. Andererseits gibt es Indizien dafür, dass sich die optische Valenz von GMF nicht durchsetzt, sondern die Bezeichnung („ label “) „Genfood“ ebenfalls negative Assoziationen wachruft und von der Emotion Ekel begleitet wird. Dem- zufolge würden auf impulsivem Niveau negative Bewertungen provoziert. Dem entgegen er- scheint die Einschätzung von GMF im reflektiven System relativ homogen. Die Literatur- befunde, welche aus Fragebögen, Interviews und Umfragen hervorgehen, zeigen eine massive Abwertung bzw. Entwertung von Genfood (Grose, 2000; INRA, 2000; Gaskell et al., 2004).

Wie bereits angeführt, ist das erste Ziel dieser Arbeit, empirisch zu überprüfen, ob die Verarbeitung des Themas GMF im impulsiven System von der Bewertung im reflektiven Sys- tem dissoziiert oder nicht. In Anlehnung an die Studie von Townsend und Campbell (2004) lautet eine weitere zentrale Fragestellung, wie sich Personen verhalten, wenn sie tatsächlich von einem genmanipulierten Apfel essen sollen. Ob das Essverhalten möglicherweise auch in Diskrepanz zu den Einstellungen gegenüber GMF steht, ist dabei ebenso ein wichtiger Teil dieser Untersuchung. Umso interessanter werden die genannten Ziele, wenn man sie unter dem Einfluss einer homöostatischen Dysregulation betrachtet, speziell des subjektiv erleb- baren Hungergefühls. Es existieren bereits einige Hinweise darauf, dass auch die Ablehnung von Genfood durchaus vom Nahrungsdeprivationszustand abhängen könnte. Die Evaluation deprivationsrelevanter Konzepte kann sich in Abhängigkeit vom physiologischen Zustand verändern (Hofling & Strack, 2007; Seibt, Häfner & Deutsch, 2007; Ferguson & Bargh, 2004; Sherman, Rose, Koch, Presson & Chassin, 2003). Explizite Bewertungen von hungrigen Pro- banden fallen sowohl für positive, als auch für reflektive und impulsive Determinanten so- zialen Verhaltens selbst für negative Nahrungsbilder besser aus, als die von satten Probanden (Hoefling & Strack, 2007). Seibt et al. (2007) konnten darüber hinaus zeigen, dass sich auch die unmittelbare Evaluation relevanter Stimuli (im IAT, vgl. dazu Originalartikel) in Abhäng- igkeit vom Deprivationszustand verändert: Implizite Bewertungen von hungrigen Probanden waren für essensrelevante Stimuli ebenfalls besser als die von satten Probanden.

Im nächsten Kapitel werden daher die genannten Ziele in Zusammenhang mit Nah- rungsdeprivation und dessen Einfluss auf die Bewertung und das Verhalten gegenüber Gen- food diskutiert.

1.5 Modulation der Ekel- und Ablehnungsreaktionen gegenüber Genfood durch Nahrungsdeprivation

Die wichtigste Frage in diesem Abschnitt beschäftigt sich mit der Annahme, ob die Ableh- nung von GMF unter Umständen vom Deprivationszustand abgeschwächt bzw. abgefedert wird. In der Literatur finden sich bereits Belege dafür, dass beispielsweise der subjektiv er- lebte Hungerzustand einen unmittelbar positiven Einfluss auf die wahrgenommene Valenz von Essenreizen ausübt. So konnte gezeigt werden, dass Nahrungsdeprivation sowohl mit po- sitiveren impliziten Einstellungen gegenüber essensrelevanten Stimuli einhergeht (Hoefling et al., 2007; Seibt et al., 2007) als auch automatische Annäherungsreaktionen verstärkt (Seibt et al., 2007). Außerdem liegt eine aktuelle Studie vor, in welcher deutlich wird, dass der ekel- relevante faziale Gesichtsausdruck (Levatoraktivität) bei hungrigen Personen deutlich schwächer ausfällt, wenn sie mit Bildern unappetitlich aussehender Speisen konfrontiert wur- den. Satte Probanden hingegen reagierten in diesem Fall mit erhöhter Levatoraktivität (Hoefling et al., 2007). All diese Untersuchungen verdeutlichen, dass es unter dem Einfluss des Deprivationszustandes sogar zu einer Aufwertung von prinzipiell abzulehnenden Essens- reizen kommen kann, welche sich sowohl auf impliziter, expliziter als auch auf der Ver- haltensebene widerspiegelt. Was den Einfluss von Nahrungsdeprivation auf implizite und ex- plizite Einstellungen gegenüber GMF betrifft, so gibt es bisweilen keine wissenschaftlichen Befunde. Exakt diese Lücke in der Literatur gab den Anlass dazu, die vorliegende Arbeit an- zufertigen. Sie ist thematisch auch deshalb von Interesse, da im Gegensatz zu ekelerregenden Speisen für genmanipulierte Produkten keinerlei negative sensorische Attribute, wie schlechter Geschmack, übler Geruch oder verdorbener Zustand, zutreffen (vgl. dazu Rozin (vgl. dazu Rozin & Fallon, 1987). Diese Diskrepanz zwischen der visuell-olfaktorischer Un- beflecktheit und der nachweislich massiven Ablehnung auf kognitiver bzw. reflektiver Ebene wirft die Frage auf, ob es eventuell auch gegenüber GMF zu einer deprivationsbedingten Aufwertung kommt.

Andererseits ist es auch denkbar, dass es die starken Assoziation von Genfood mit gesundheitlichen Risiken (Gaskell et al., 2004; Haukenes, 2004; Townsend & Campbell, 2004; Siegrist, 2003; Tenbült et al., 2005) zu einer gedrosselten bzw. geringen Konsumbereitschaft führen. Aus der Studie von Kauffman, Herman & Polivy (1995) geht beispielsweise hervor, dass hungrige Personen durchaus auch zu Vermeidungsreaktionen gegenüber Essensreizen neigen, insofern deren Eigenschaften den Eindruck einer toxischen Substanz auslösen (vgl. dazu Rozin & Fallon, 1987; siehe auch siehe Punkt 1.3.2) und für den Organismus die Gefahr einer Vergiftung signalisieren.

Zusammenfassend lassen sich folgende Annahmen bezüglich dieses noch uner- forschten Themas formulieren. Einerseits ist denkbar, dass sich unter dem Einfluss von sub- jektiv erlebtem Hunger die positive optische Valenz von Genfood bei der impulsiven und reflektiven Verarbeitung durchsetzt. Andererseits besteht auch Anlass zu der Annahme, dass die positive Valenz selbst im Zustand der Nahrungsdeprivation in beiden Systemen ohne Wir- kung verbleibt, weil die kognitive Entwertung zu stark ins Gewicht fällt (Stichwort: Gesundheitsrisiko). Ebenso ist es möglich, dass die attraktive Augenscheinlichkeit von GMF nur bei der Verarbeitung im impulsiven System zum Tragen kommt. In diesem Falle sind unter Umständen positive implizite Einstellungen zu erwarten, da die unmittelbare optische Wirkung von Genfood bei Deprivation vorrangig automatische Annäherungsreaktionen provoziert.

Auf reflektiver Ebene könnte trotz des Hungers die ideelle Ablehnung von GMF weiterhin Bestand haben, da der optische Eindruck durch die negativen propositionalen Wiss- ensstrukturen zu GMF bewusst ausgehebelt wird. Analoge Überlegungen kommen im Kon- text der Deprivation auch für das Essverhalten in Frage. Es ist wird im Zuge der Arbeit beispielsweise überprüft, ob Personen überhaupt bereit sind, einen Gen-Apfel zu essen und ob die Konsummenge durch den Einfluss von Deprivation moderiert wird. Verzehren deprivierte Personen mehr von einem Gen-Apfel als satte Probanden? Inwieweit sich ein Essverhalten im Kontext von GMF aus impliziten oder expliziten Einstellungen vorhersagen lässt, ist zwar ebenfalls Gegenstand der Untersuchung, fügt sich jedoch eher zweitrangig in den theo- retischen Rahmen ein. Die gesammelten Argumentationslinien der vorangegangenen Ab- schnitte werden im nächsten Kapitel abschließend zu konkreten Hypothesen verdichtet.

1.6 Hypothesen

Die zusammengetragenen Fakten aus den vorangegangen Kapiteln bilden die Basis für ein Paradigma, welches sich auf die grundlegende Entwertung bzw. Abwertung von gentechnisch manipulierten Lebensmittel bezieht. Die Hypothesen sind auf die drei zentralen Untersuch- ungsdimensionen ausgerichtet: explizite Einstellungen gegenüber GMF, implizite Einstell- ungen gegenüber GMF und Essverhalten gegenüber GMF. Die Überzeugung, dass Genfood gefährlich, ungesund und risikobehaftet ist, hängt davon ab, wie leicht diese Attributionen ins Bewusstsein gelangen. Ausgehend von bisherigen Befunden (vgl. Kapitel 1.3), welche die ne- gativen Einstellungen und hohe Risikobewertung genetisch veränderter Lebensmittel belegen, wird auch in dieser Studie eine negative explizite Einstellung gegenüber GMF erwartet.

H1 Genetisch veränderte Lebensmittel werden auf reflektiver Ebene negativer beurteilt als biologisch angebaute Lebensmittel.

H1.0. Die Bewertung von genetisch veränderten Lebensmitteln und biologisch angebauten Lebensmitteln unterscheidet sich auf reflektiver Ebene nicht voneinander.

Im impulsiven System breiten sich aktivierte Erregungen ebenfalls im assoziativen Netzwerk aus, welches jedoch nach konnektionistischen Prinzipien funktioniert (Greenwald & Banaji, 1995; Smith, 1996). Es werden all jene Elemente stärker miteinander verknüpft, die sich ähneln bzw. die über längere Zeiträume hinweg häufig gleichzeitig aktiviert werden. Die Hypothese gestaltet sich aufgrund der Neuheit dieses Themas explorativ. Genfood ähnelt auf rein visueller Ebene in hohem Maße attraktiver und appetitlicher Nahrung. Es sind demzu- folge positive implizite Einstellungen zu erwarten. Wenn sich hingegen das häufig negativ aktivierte das Konzept „Gen“ gegenüber dem optischen Eindruck durchsetzt, sind negative implizite Einstellungen zu erwarten.

H2a Genetisch veränderte Lebensmittel werden auf impulsiver Ebene ähnlich positiv bewertet, wie biologisch angebaute Lebensmittel.

H2b Genetisch veränderte Lebensmittel werden auf impulsiver Ebene negativer beurteilt als biologisch angebaute Lebensmittel. Es existieren bereits einige Studien, die zeigen, dass Essverhalten von expliziten und impliziten Einstellungen abhängt (Hofmann et al., 2007; Friese et al., 2007). Speziell im Kontext von GMF ist es jedoch vorstellbar, dass sich trotz der erwarteten Diskrepanz zwischen reflektiver und impulsiver Verarbeitung ein gedrosseltes Essverhalten zeigt.

H3 Es wird weniger von einem Gen-Apfel gegessen und mehr von einem Bio-Apfel konsumiert.

H3.0. Personen essen von beiden Apfelsorten die gleiche Menge.

Für den Faktor Deprivation werden zu den drei zentralen Untersuchungsgegenständen jeweils eigene Hypothesen aufgestellt. Da der Einfluss des Hungers auf die reflektive und impulsive Beurteilung von Genfood und einem damit zusammenhängenden Essverhalten bislang noch unerforscht ist, werden an gegebener Stelle erneut explorative Annahmen formuliert.

In Anlehnung an die Befunde (Hoefling & Strack, 2007; Seibt et al. 2007, Ferguson & Bargh, 2004; Sherman et al., 2003) wird auch im Zusammenhang mit GMF eine explizite Aufwertung nahrungsrelevanter Reize durch den Einfluss der Deprivation erwartet.

H4 Hungrige Personen bewerten genetisch veränderte Lebensmittel auf reflektiver Ebene positiver als satte Probanden.

H4.0. Hungrige und satte Personen beurteilen genetisch veränderte Lebensmittel auf reflektiver Ebene nicht unterschiedlich.

Bezug nehmend auf die Studien von Hoefling et al. (2007) bzw. Seibt et al. (2007) führt Nahrungsdeprivation sowohl zu positiveren impliziten Einstellungen gegenüber essensrelevanten Stimuli und verstärkt auch automatische Annäherungsreaktionen. Im Kontext von GMF sollten sich ebenfalls eine positivere implizite Einstellung und ein gesteigertes Essverhalten aus dem Einfluss der Deprivation ergeben.

H5a Hungrige Personen bewerten genetisch veränderte Lebensmittel auf impulsiver Ebene positiver als satte Personen.

H5b Hungrige Personen bewerten auf impulsiver Ebene genetisch veränderte Lebensmittel negativer als satte Personen.

H6 Hungrige Personen essen mehr von einem Gen-Apfel als satte Personen.

H6.0. Hungrige und satte Personen essen die gleiche Menge von dem Gen-Apfel.

Die aufgestellten Hypothesen runden hiermit den theoretischen Rahmen dieser Arbeit ab und leiten in den methodischen Teil über.

2 Methoden

Im empirischen Teil dieser Arbeit werden sämtliche Angaben zur erhobenen Stichprobe, dem methodischen Vorgehen und experimentellen Rahmenbedingungen dargelegt.

2.1 Versuchspersonen

Im Erhebungszeitraum vom 23.04. bis 25.05.2007 nahmen insgesamt 70 Personen (51 weib- lich) im Alter von 18 - 39 Jahren (M = 22.0, SD = 3.7) an einer angeblichen ‚Konsum- entenpsychologische Studie teil. Die Versuche fanden jeweils von 12:00 bis 13:00 Uhr und von 13:30 bis 14:30 statt. Die Testteilnehmer wurden über mehrere Kanäle gewonnen, indem Anzeigen im Internet geschaltet, schriftliche Probandengesuche ausgehängt und telefonische Anfragen bei registrierten Testkandidaten aus der institutsinternen Kartei gestellt wurden. In erster Linie nahmen Studenten der Psychologie aus niederen Semestern teil, deren fachlichen Vorkenntnisse hinsichtlich der angewendeten Methoden und Hypothesen als gering einzustufen sind. Sämtliche Teilnehmer wurden im Vorfeld der Studie vom Versuchsleiter telefonisch kontaktiert. In diesen Gesprächen wurde unter anderem nach eventuell bestehenden Lebensmittelallergien gefragt und die Deprivationsinstruktion vermittelt (siehe Punkt 2.5.1).

2.2 Versuchsaufbau

Die versuchstechnische Umsetzung fand am psychologischen Institut II der Universität Würzburg statt. Im Labor befanden sich drei durch Trennwände separierte Tische, auf denen jeweils ein handelüblicher PC mit CRT-Monitor (19“) aufgebaut war (siehe Abb. 1). Die Bildschirme wurden einheitlich auf eine grafische Auflösung von 1024 x 768 Pixel justiert und waren in einem Abstand von 80 cm in Augenhöhe der Versuchperson postiert. Die Pro- banden wurden außerdem instruiert, einen Lärmschutz-Kopfhörer aufzusetzen, so dass während der gesamten Erhebungsdauer sichergestellt war, dass sich die Versuchspersonen weder sehen noch hören konnten. Der Großteil des Experiments war automatisiert und fand direkt am Computer statt. Zum Einsatz kamen die auf Microsoft Windows basierenden Programme „Medialab“ und „Direct RT“ der Firma Empirisoft (http://www.empirisoft.com).

Arbeitsplatz Labor

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1

2.3 Versuchsdesign

Es wurde mit einem gemischten 2x2 Versuchsplan gearbeitet, in dem die Variablen „Deprivation“ (satte Personen vs. hungrige Personen) und „Bezeichnung“ (Genfood vs. Ökofood) systematisch variiert wurden. Der Faktor „Deprivation“ war unabhängig ( „ between subject manipulation “), wohingegen der Faktor „Bezeichnung“ innerhalb der Versuchsperson variiert wurde ( „ within subject manipulation “). Wie sich die Manipulationen im Detail gestalteten, wird im folgenden Abschnitt beschrieben.

2.4 Versuchsablauf

Die anwesenden Teilnehmer wurden freundlich vom Versuchsleiter begrüßt und in das Labor geführt. Dort wurden sie je nach Gruppenstärke auf die vorhandenen Laborcomputer auf- geteilt und gebeten, davor Platz zu nehmen. Im Anschluss stellte sich der Versuchsleiter kurz vor und instruierte die Teilnehmer. Er erklärte, dass es sich um eine ca. 60-minütige weitest- gehend computergestützte Studie handeln würde, bei der mehrere kleine Teilaufgaben (Frage- bögen, Reaktionszeitexperimente) aus der Konsumentenpsychologie selbstständig bearbeitet werden sollten. Es wurde darauf hingewiesen, dass vor jedem kurzen Teilabschnitt eine In- struktion am Bildschirm dargeboten würde (siehe Anhang 6.2.1), die sorgfältig zu lesen und zu befolgen sei. Es war den Anwesenden darüber hinaus jederzeit möglich, sich per Hand- zeichen bei dem Versuchsleiter zu melden, falls während der Testung Fragen oder Schwierig- keiten auftauchen sollten. Anschließend wurden die Teilnehmerinnen darüber aufgeklärt, dass sämtliche Daten und persönlichen Angaben den allgemeinen Bestimmungen zum Datenschutz unterliegen. Kurz bevor jeder Teilnehmer mit dem Experiment begann, forderte sie der Ver- suchsleiter auf, den bereitliegenden Lärmschutz aufzusetzen, um ungestört dem Versuch Folge leisten zu können.

Zu Beginn wurde eine allgemeine Startinstruktion am Bildschirm präsentiert (siehe Anhang 6.2.1), in der die Probanden unter anderem darum gebeten wurden, gegebenenfalls ihre Mobiltelefone auszuschalten und zusammen mit ihren Armbanduhren in der Tasche zu verstauen, um unnötige Störungen während des Versuchs zu vermeiden. Direkt danach wurde die momentanen Stimmung (PANAS „baseline“-Messung; t1) der Probanden erfasst (siehe Punkt 2.7.1).

Die nächste Aufgabe für die Testpersonen bestand darin, den ersten von insgesamt zwei „ single-target IATs “ (Greenwald et al., 1998; Wigboldus, 2004; Karpinski & Steinman, 2006) zu absolvieren. Je nach methodischer Bedingung handelte es sich um den st-IAT zur Messung der impliziten Einstellung gegenüber Genfood oder Biofood (vgl. dazu Punkt 2.6.1).

Nach Absolvierung der ersten indirekten Messung schloss sich die Erfassung der expliziten Einstellungen der im st-IAT gezeigten Lebensmitteln an (vgl. dazu Punkt 2.6.2). Der ersten Sektion zur Erfassung impliziter als auch expliziter Einstellungen gegen-über Gen- bzw. Biofood folgte eine irrelevante Füllaufgabe („ filler task “), welche erstens für alle Teilnehmer identisch war und zweitens keinerlei Einfluss auf die Ergebnisse hatte. Sie wird daher nicht näher beschrieben.

Unmittelbar danach galt es den nächsten st-IAT zu absolvieren, welcher jedoch inhalt- lich dem ersten entgegengerichtet war (vgl. dazu Punkt 2.6.1). Die anschließende Erhebung der zweiten expliziten Einstellungsdaten richtete sich inhaltlich und bezüglich der präsen- tierten Bilder wieder nach dem unmittelbar vorangegangenen st-IAT (vgl. dazu Punkt 2.6.2).

Im nächsten experimentellen Abschnitt wechselte der Bearbeitungsmodus vom Computer zu schriftlichen Fragebogenform. Das reale Essverhaltensmaß sollte erfasst werden (siehe Punkt 2.6.3). Per Instruktion (siehe Anhang 6.2) wurden die Probanden gebeten, dem Versuchsleiter ein Handzeichen zu geben. Somit wurde signalisiert, dass die fingierte Konsumpräferenzstudie beginnen konnte. Jedem der Teilnehmer wurde ein Teller serviert, auf dem sich der gewogene grüne Apfel der Marke „Granny Smith“ befand. Zusätzlich reichte der Versuchsleiter das Inventar zur Konsumpräferenzstudie und erklärte den Teilnehmern, dass sie für diesen Teilabschnitt des laufenden Experiments 20 Minuten Zeit zur Bearbeitung hätten, welche unabhängig von der Bearbeitungsgeschwindigkeit in jedem Falle eingehalten werden müsse. Per Instruktionstext (siehe Anhang 6.2.10, 6.2.11) im Fragebogen wurde die eine Hälfte aller Testpersonen darüber in Kenntnis gesetzt, dass es sich bei dem servierten Obst um einen Gen-Apfel handele, wohingegen die andere Hälfte sich mit einem Bio-Apfel konfrontiert sah. Unmittelbar nach Ablauf der fixierten Mindestlaufzeit deckte der Ver- suchsleiter die Teller mit den Äpfeln ab, sammelte die ausgefüllten Fragebögen ein und richtete die Arbeitsplätze wieder her, damit der Versuch alsdann am Computer weiter fort- fahren konnte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 123 Seiten

Details

Titel
Nova mentes docet fames - Verhalten und Einstellungen gegenüber genmanipulierten Lebensmitteln in Abhängigkeit vom Deprivationszustand
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Lehrstuhl für Psychologie II)
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
123
Katalognummer
V93489
ISBN (eBook)
9783638063258
ISBN (Buch)
9783638955348
Dateigröße
1438 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nova, Verhalten, Einstellungen, Lebensmitteln, Abhängigkeit, Deprivationszustand
Arbeit zitieren
Daniel Jäger (Autor), 2008, Nova mentes docet fames - Verhalten und Einstellungen gegenüber genmanipulierten Lebensmitteln in Abhängigkeit vom Deprivationszustand, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93489

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