Zur Nutzenorientierung des Homo Oeconomicus

Die Genese spezifischer Nutzenvorstellungen unter Rückgriff auf die Soziologie Pierre Bourdieus


Hausarbeit, 2008
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der Homo Oeconomicus
2.1 Die Nutzenorientierung des Homo Oeconomicus
2.2 Einwände gegen das Modell rationaler Akteure

3 Die Soziologie Pierre Bourdieus
3.1 Habitus- und Feldtheorie
3.2 Geschmäcker und Lebensstile
3.3 Bourdieus Kapitalbegriff

4 Die Genese spezifischer Nutzenvorstellungen
4.1 Methodologische Anmerkung
4.2 Erweiterter Nutzenhorizont durch Bourdieus Kapitalbegriff
4.3 Feld- und lebensstilspezifische Nutzenvorstellungen
4.4 Habitus als Inkorporation von Nutzenleitlinien

5 Schlussfolgerungen und Ausblick

Literatur

Anhang

A Zur Biographie Pierre Bourdieus

Zur Nutzenorientierung des Homo Oeconomicus

„ Das wirklich Schwierige und Seltene ist nicht, sogenannte » eigene Einf ä lle « zu haben, sondern sein Scherflein dazu beizutragen, jene nicht personengebundenen Denkweisen zu entwickeln und durchzusetzen, mit denen die verschiedensten Menschen Gedanken hervorbringen k ö nnen, die bisher nicht gedacht werden konnten. “

(Bourdieu 1987: 12)

1 Einleitung

Als Akteurmodell des Rational-Choice-Ansatzes zeichnet sich der Homo Oeco- nomicus neben einer rationalen Zielverfolgung und Handlungswahl, sowie der Verfügung über begrenzte Ressourcen vor allem durch seine Orientierung am eignen Nutzen aus, den er stets zu maximieren sucht. Aus soziologischer Sicht - das Akteurmodell wurde ursprünglich in den Wirtschaftswissenschaften entwickelt - stellt sich hier die Frage danach, wie die dazu nötigen Nutzenvorstellungen zustande kommen. Was nutzt dem Homo Oeconomicus? Oder präziser formuliert: Woher weiß der Homo Oeconomicus eigentlich, was ihm nutzt? Weiß er es überhaupt, oder wird er von „unsichtbaren“ Nutzenvorstellungen geleitet, die ihm gar nicht bewusst werden? Rational-Choice-Analysen liefern dazu im Allgemeinen zwei Erklärungsbeiträge: Zum einen werden Nutzenkalküle hier durch alltagsweltliche Plausibilitäten er- setzt, zum anderen wird auf die Wiedergabe expliziter Nutzenartikulationen der untersuchten Akteure zurückgegriffen. Beide Erklärungsweisen sind „gleicher- maßen unbefriedigend“ (Schimank 2007: 101), weshalb es berechtigt ist, den Rational-Choice-Ansatz zur Erklärung der Nutzenvorstellungen des Homo Oeco- nomicus zu verlassen und auf andere soziologische Konzepte zurückzugreifen (vgl. dazu auch Kap. 4.1).

Die Liste der Konzeptionen klassischer Soziologen, die hier einen Erklärungsbei- trag leisten können, ist lang: Sie führt - um nur einige mögliche Anknüpfungs- punkte herauszugreifen - von Durkheims „Gußformen“ über Webers „Wert- sphären“ und Luhmanns teilsystemspezifische „binäre Codes“ bis hin zur Sozio- logie Pierre Bourdieus, auf die sich die vorliegende Arbeit konzentrieren wird. Die Wahl von Bourdieu scheint dabei auf der ersten Blick unorthodox zu sein, hat er doch explizit Kritik geübt am Rational-Choice-Ansatz und sich dabei auch gegen das Akteurmodell des Homo Oeconomicus ausgesprochen. Bei genauerer Betrachtung jedoch scheint gerade Bourdieus Anliegen, den soziologischen Dualismus von Subjektivismus und Objektivismus durch eine praxeologische Erklärungsweise sowie den klassischen philosophischen Dualismus von Freiheit und Determinismus durch die Habitustheorie überwinden zu wollen (vgl. FuchsHeinritz/ König 2005: 238ff.), besonders geeignet zur Beantwortung einer Fragestellung, die sich genau an der Schnittstelle zwischen mikrosoziologischer Handlungswahl und ihrer makrosoziologischen Determination befindet.

Es sei betont, dass es nicht Absicht der vorliegenden Arbeit ist, den Homo Oe- conomicus grundsätzlich zu kritisieren; sein Potenzial zur Erklärung sozialen Handelns soll hier nicht in Zweifel gezogen werden. Es geht lediglich darum, einen möglichen Ansatzpunkt für die Erweiterung des Akteurmodells ausfindig zu machen.

Dazu wird der Homo Oeconomicus im folgenden Kapitel zunächst mit seiner Entstehungsgeschichte und seinen Eigenschaften vorgestellt und in den Kontext der soziologischen Akteurtheorie eingeordnet. Dies bildet die Grundlage für die Darstellungen einiger Einwände gegen das Modell rationalen Handelns, wobei die Nutzenorientierung des Homo Oeconomicus im Zentrum der Kritik stehen wird. In Kapitel 3 werden mit der Habitus- und Feldtheorie, den Geschmäckern und Lebensstilen sowie mit der Kapitaltheorie einige für die Fragestellung rele- vante Konzepte Pierre Bourdieus erläutert und anhand von Beispielen illustriert. Bourdieus Theoriekomponenten werden dabei jeweils in einen größeren soziolo- gischen Kontext gestellt und im Besonderen zwischen den Polen Subjektivismus und Objektivismus verortet1. Im vierten Kapitel werden die vorgestellten Kon- zepte Bourdieus sodann auf ihren Erklärungsbeitrag zur Genese spezifischer Nutzenvorstellungen untersucht. Sein Kapitalbegriff wird dabei für eine Erweite- rung des Nutzenhorizonts des Homo Oeconomicus herangezogen, seine Feld- theorie und die Lebensstile werden zur Eingrenzung möglicher Nutzenvorstel- lungen verwendet und die Habitustheorie für die Erklärung der Entstehung ei- ner situationsspezifischen Nutzenvorstellung anwendbar gemacht. Im Schluss- kapitel werden diese Überlegungen in einem Modell zusammengefasst, um ab- schließend einen Ausblick zu geben auf mögliche weitere Ansätze zur Theoreti- sierung der Nutzenkomponente des Homo Oeconomicus.

2 Der Homo Oeconomicus

Das Akteurmodell des Homo Oeconomicus wurde ursprünglich in den Wirt- schaftswissenschaften entwickelt und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals von dem italienischen Ökonomen und Soziologen Vilfredo Pareto (1971, orig. 1906) als solches bezeichnet2. Zu verstehen ist es zunächst als Gegenentwurf zum Modell des normorientierten Homo Sociologicus, welcher in der soziologi- schen Diskussion bereits längere und breitere Anerkennung erfahren hat und mithin als „Akteurmodell des soziologischen Mainstreams“ (Schimank 2007: 71) bezeichnet werden kann. Spätestens seit dem Ende der 1980er Jahre hat sich der Homo Oeconomicus aber auch als soziologisches Akteurmodell etabliert; mitunter wird ihm - unter Rückgriff auf einen von Reinhard Wippler und Sieg- wart Lindenberg (1987: 137ff.) geprägten Begriff - gar ein „theoretischer Pri- mat“ (Schimank 2007: 158f.) in der modernen Gesellschaft zugesprochen. Be- gründet wird dieser mit einer „kulturellen Aufwertung von Eigeninteressen und Rationalität“ (ebd.: 163ff.), sowie durch die funktionale Differenzierung moder- ner Gesellschaften:

„[Die] drei Auswirkungen zunehmender funktionaler Differenzierung - wachsende Abhängigkeiten, Symmetrierung gesellschaftlicher Einflusspotentiale und Konkurrenzsteigerung - erhöhen somit alle gleichermaßen den sozialen Interdependenzdruck auf die Akteure, wodurch diese immer stärker auf ihre Eigeninteressen als Handlungsantriebe gestoßen werden“ (ebd.: 161).

Innerhalb der Akteurtheorie wird das Verhältnis der beiden Akteurmodelle3 auf zwei verschiedene Weisen gesehen: James S. Coleman (1990) beispielsweise und in der deutschen Theoriediskussion vor allem Hartmut Esser (1990) verste- hen den Homo Oeconomicus als explizite Konkurrenz zum Homo Sociologicus. Esser vertritt dabei die These, dass sämtliches soziales Handeln mit diesem ei- nen Akteurmodell erklärt werden könne, was er auf die Formel zuspitzt: „Homo Oeconomicus? Homo Oeconomicus!“ (Esser 1999: 313). Andere Autoren, wie z.B. Uwe Schimank (2007), betrachten den Homo Oeconomicus hingegen eher als Komplement ä rmodell zum Homo Sociologicus: „Der Homo Oeconomicus kann sich nur in einer Welt entfalten, in der erst einmal der Homo Sociologicus Erwartungssicherheit schafft“ (ebd.: 166).

Als Prototyp eines rational handelnden sozialen Akteurs ist der Homo Oeconomicus der Ökonomik4 und dem Rational-Choice-Ansatz zuzuordnen. Seine Eigenschaften sollen im Folgenden dargestellt und anschließend unter besonderer Berücksichtigung seiner Nutzenorientierung kritisch gewürdigt werden.

2.1 Die Nutzenorientierung des Homo Oeconomicus

Die Nutzenorientierung ist für die vorliegende Arbeit von besonderem Interesse: Der Homo Oeconomicus - so die Konzeption des Akteurmodells - ist stets bemüht, seinen eigenen Nutzen zu maximieren. Diese aus der Nutzentheorie stammende These soll hier näher beleuchtet werden.

Wenn das Handeln des Homo Oeconomicus bisher als eine Folge von „rational choices“ beschrieben wurde, bedeutet dies zunächst, dass er seine Handlungs- wahlen im Sinne bewusster Entscheidungen trifft. Dazu muss er über spezifi- sche Zielvorstellungen verfügen, und ihm müssen die Alternativen bekannt sein, mit denen er seine Ziele erreichen kann. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich die soziale Wirklichkeit im Allgemeinen durch eine Parallelität mehrere verfolgter Ziele auszeichnet, die nicht unbedingt gleichzeitig erreicht werden können (vgl. ebd.: 72f.). Die Entscheidung für eine bestimmte Alternative er- folgt dann auf Grundlage einer Kosten-Nutzen-Bilanz (vgl. Frank 1991: 4ff.). Hier bezieht der Homo Oeconomicus sowohl Opportunitätskosten in seine Ent- scheidungsfindung mit ein - die Kosten also, die ihm durch die Zielverfolgung entstehen - als auch den abnehmenden Grenznutzen seiner Handlungen; Der Zusatznutzen einer immer weiter getriebenen Zielverfolgung nämlich wird im- mer geringer. Für einen Akteur beispielsweise, der seinen Durst mit Hilfe von Bier stillen möchte, bedeutet dies: „Das zweite Bier schmeckt bereits weniger als das erste, und das gilt erst recht für das fünfte oder zehnte“ (Schimank 2007: 75). Darüberhinaus berücksichtigt der Homo Oeconomicus die Wahr- scheinlichkeit, mit der ein bestimmtes Ziel durch eine bestimmte Handlungs- wahl erreicht werden kann. Im Fall des Biertrinkens ist dies zunächst nicht frag- lich, es sei denn, der Akteur verfügt nicht über genügend Geld für genügend Bier zur Durstlöschung. Der Homo Oeconomicus handelt also vor dem Hinter- grund begrenzter Ressourcen, die sich letztendlich aus der existentiellen Zeit- knappheit des Menschen ergeben: „Sein Wollen übersteigt meist sein Können“ (ebd.: 74). Letztendlich aber entscheidet sich ein Akteur im Sinne der Nutzen- theorie stets für die Handlung, die ihm am geeignetsten scheint5, seine Ziele zu erreichen. Die Nutzenorientierung setzt damit an zwei Punkten des Entschei- dungsprozesses an: Der Homo Oeconomicus wählt erstens stets die Ziele, die seinen eigenen Nutzen zu maximieren versprechen, und einmal als solche for- muliert, bilden diese Ziele zweitens eine Art Leitmarke für die Entscheidung darüber, welche konkreten Handlungen den maximalen Nutzen bei der Zieler- reichung aufweisen.

Ideengeschichtlich zurückzuführen sind diese Überlegungen zur Nutzenorientierung auf den Utilitarismus der klassischen Ökonomie des britischen Philosophen Jeremy Bentham (1748-1832):

„By the principle of utility is meant that principle which approves or disapproves of every action whatsoever, according to the tendency which it appears to have to aug- ment or diminish the happiness of the party whose interest is in the question: or, what is the same thing in other words, to promote or to oppose that happiness” (Bentham 1982: 11f.).

Abschließend sei noch erwähnt, dass das Modell des Homo Oeconomicus nicht ausschließlich auf individuelle sondern auch auf korporative Akteure angewandt werden kann (vgl. Schimank 2007: 81). Einige Autoren, wie beispielsweise Hans Geser (1990), stellen sogar die These auf, dass korporative Akteure häufiger im Sinne eines Homo Oeconomicus handeln, da ihre Fähigkeit zu rationaler Nutzenverfolgung größer sei als die einzelner Individuen.

2.2 Einwände gegen das Modell rationaler Akteure

Die Kritik am Modell des Homo Oeconomicus ist vielfältig und teils mit entschie- dener Vehemenz vorgetragen worden6. Sie bezieht sich erstens und ganz grundsätzlich auf den Rational-Choice-Ansatz an sich: Die perfekte Rationalität, die den Entscheidungen des Homo Oeconomicus unterstellt wird, sei in der Rea- lität so gar nicht vorzufinden (vgl. Kirsch 1977). Diesem Kritikpunkt kann mit Herbert Simons (1982) Konzept der „bounded rationality“ jedoch zufriedenstel- lend begegnet werden, wenn man davon ausgeht, dass ein rationaler Umgang mit Rationalitätshindernissen zumindest eine begrenzte Rationalität gewährleis- tet. Ein zweiter Kritikpunkt bezieht sich auf den methodologischen Ansatz der Rational-Choice-Theorie (vgl. hierzu auch Kapitel 4.1). Hier wird die These ver- treten, dass ein großer Teil des als rational deklarierten Handelns ex post nur als solches erscheint; die Beobachtung und Erklärung von Handlungswahlen unterlägen mithin einer „Rationalitätsfiktion“ (vgl. Turner 1991). Drittens wird in Bezug auf den Homo Oeconomicus kritisiert, dass ein wesentlicher Teil des Handelns in Form habitualisierter Routinen abläuft. Auch wenn diese dabei zu- nächst wie das genaue Gegenteil einer rationalen Handlungswahl erscheinen, betont vor allem Hartmut Esser, dass sie aufgrund ihrer Entlastungseffekte im Ergebnis sehr wohl - zumindest begrenzt - rational seien (vgl. Esser 1990: 234ff.). Ein vierter Einwand schließlich zielt auf eine Eingrenzung der Einsatz- bedingungen des Homo Oeconomicus. Dieser sei nur in „Hochkostensituatio- nen“ als handlungserklärendes Modell einsetzbar, während Akteure in „Niedrig- kostensituationen“ keinen ausreichend großen Druck verspürten, besondere Anstrengung in eine rationale Handlungswahl zu investieren (vgl. Zintl 1989).

Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit ist nun aber nicht ein Einwand, der sich - wie die bisher beschriebenen Kritikpunkte - in der ein oder anderen Weise gegen die Rationalitätsunterstellungen des behandelten Akteurmodells richtet. Im Zentrum des Interesses steht stattdessen die Feststellung, dass dem Homo Oeconomicus - besonders von den Wirtschaftswissenschaften - seine Nutzenorientierung eher implizit unterstellt wird und diese somit axiomatischen Charakter hat (vgl. Kirchgässner 2000: 10). Dass die Nutzenvorstellungen als nicht weiter zu erklärende Randbedingungen verstanden werden, ist aus erklärungsökonomischen Gründen zunächst auch sinnvoll:

„Die moderne Ökonomie macht um solche grundsätzlichen Fragen meist einen weiten Bogen. Sie faßt das Nutzenprinzip viel harmloser auf: als eine ganz nützliche, weil praktisch und prognostisch sehr erfolgreiche Grundannahme zur Erklärung menschlichen Handelns [...] Die Nutzentheorie auf der Grundlage des Nutzenprinzips ist als theoretisches Instrument unter anderem deshalb so erfolgreich, weil sie einige Grundannahmen macht, die es erlauben, komplexe Aggregationen [...] auf eine mathematisch relativ einfache Weise vorzunehmen [...]“ (Esser 1999: 296).

Die abstrakten Attribute Nutzenverfolgung und -maximierung allerdings „können zur Erklärung des konkreten sozialen Handelns so noch gar nichts beitragen, weil immer erst substantiell spezifiziert werden muss, worin denn in einer bestimmten gesellschaftlichen Situation Nutzen und Verluste eines Akteurs bestehen“ (Schimank 2007: 101).

Es stellt sich daher die erstmals von Margaret Marini (1992) aufgeworfene Fra- ge, warum ein spezifischer gesellschaftlicher Akteur gerade die Nutzenvorstel- lungen hat, die er hat. Diese sind zunächst höchst subjektiv; um einen Begriff Bourdieus vorwegzunehmen und gleichzeitig den Volksmund zu bemühen: Ge- schmäcker sind verschieden. Es ist allerdings davon auszugehen, dass Nutzen- vorstellungen dem Akteur nicht „von Natur aus“ innewohnen, sondern dass sie sozial generiert und konstruiert sind. Richard Münch (1983) spricht in diesem Zusammenhang von situationsübergreifenden „generalisierten Nutzenleitlinien“, die dem Akteur von seinem sozialen Umfeld vorgegeben werden und die die Voraussetzung bilden für die Konstitution situationsspezifischer, substantieller Nutzenorientierungen (vgl. Münch 1983: 51f.).

Die Genese spezifischer Nutzenvorstellungen soll im Folgenden unter Rückgriff auf die theoretischen Konzepte Pierre Bourdieus erklärt werden. Bevor dies im übernächsten Kapitel geschehen kann, werden seine relevanten Begriffe und Überlegungen zunächst vorgestellt.

3 Die Soziologie Pierre Bourdieus

Als forschender Ethnologe und Soziologie trat Pierre Bourdieu7 mit seinen Arbei- ten zur Soziologie der sich unter dem Einfluss der Kolonialisierung wandelnden algerischen Gesellschaft erstmals am Ende der 1950er Jahre in Erscheinung. In den 1960er Jahren analysiert er vornehmlich das französische Bildungssystem mit Hilfe einer Kombination aus quantitativer und qualitativer Sozialforschung, um dann ein Jahrzehnt später kultursoziologische und klassentheoretische Fra- gestellungen ins Zentrum seines Interesses zu rücken. Später wendet sich Bourdieu wissenschaftstheoretischen Überlegungen zu - im Besonderen der Selbstreflexivität der Soziologie. Bourdieus Arbeiten bekommen hier mehr und mehr philosophischen Charakter (vgl. Schwingel 2005: 14ff.). Er ist darüberhi- naus stets bemüht, aus seinen Überlegungen einen praktischen (sprich: an- wendbaren) Nutzen zu destillieren; in diesem Sinne sind seine Schriften stets auch als „politische Arbeiten“ (Fuchs-Heinritz/ König 2005: 297) zu lesen, was mit Bourdieus umfangreichem politischem Engagement korrespondiert.

Von der „Soziologie Pierre Bourdieus“ ist in der vorliegenden Arbeit die Rede, weil Bourdieu nie die Absicht hatte, ein großes, abgeschlossenes Theoriegebäu- de zu entwerfen wie etwa Talcott Parsons oder in der deutschen Soziologie Nik- las Luhmann es getan haben. Im Folgenden wird daher von „Konzepten“ und „Theoriekomponenten“ gesprochen, die Bourdieu stets als Werkzeuge zur Erfor- schung der sozialen Wirklichkeit begriffen hat (vgl. ebd.: 9). Dies verweist auf seine starke Orientierung an empirischer Forschung, die eine selbstständige Theoriearbeit als unnötig, ja geradezu schädlich erscheinen lässt (vgl. ebd.: 216). Gleichwohl sollen im Folgenden einige der (theoretischen) Konzepte aus seinen Arbeiten vorgestellt und in Kapitel 4 kombiniert auf die Fragestellung der vorliegenden Arbeit angewandt werden. Dies scheint legitim, denn:

„Die einzelnen Komponenten (Habitustheorie, Feldtheorie, Kapitaltheorie, Klassentheorie usw.) stehen dabei in einer relationalen Beziehung, d.h., sie sind voneinander abhängig und definieren sich (auch) wechselseitig“ (Schwingel 2005: 19).

Oder wie Bourdieu selbst schreibt:

„Man muß die Begriffe ernst nehmen, sie kontrollieren und vor allem im Forschungsprozeß kontrolliert, überwacht, mit ihnen arbeiten. Nur so lassen sie sich nach und nach verbessern“ (Bourdieu 1993: 115).

In Anlehnung an den bourdieuschen Empirismus sollen die zentralen Begriffe Habitus, Feld, Geschmack, Lebensstil und Kapital in diesem Kapitel anhand eines Beispiels verdeutlicht werden: am Beispiel der fiktiven Abiturientin Sophie, die aus gutem Hause in der französischen Provinz stammt8.

[...]


1 Diese beiden Pole soziologischer Erklärungsmodelle sind folgendermaßen zu verstehen: Eine subjektivistische Soziologie schöpft ihre Erkenntnisse aus den Erfahrungen des einzelnen Individuums. Für sie gibt es keine Makrostruktur, die menschliches Handeln determiniert, sondern lediglich Subjekte, die sich gegenseitig wahrnehmen und beeinflussen. Eine objektivistische Soziologie hingegen interessiert sich nicht für die Sinnzuschreibungen von Individuen. Die menschliche Praxis wird hier als von der Sozialstruktur abhängiger Prozess betrachtet.

2 Die Idee eines rational handelnden Akteurs im Wirtschaftssystem lässt sich indes zurückverfolgen bis zu John Stuart Mill (1836). Die Bezeichnung „economic man“ wurde erstmals von John Kells Ingram (1967) gebraucht. Zur ausführlichen Entstehungsgeschichte des Homo Oeconomicus vgl. Persky 1995: 221ff.

3 Mit dem Homo Sociologicus und dem Homo Oeconomicus sind die beiden wichtigsten Modelle der Ak- teurtheorie benannt. Es ist davon auszugehen, dass mit ihnen der überwiegende Teil sozialen Handelns erklärt werden kann. Für einige Spezialfälle können darüber hinaus auch Modelle wie der emotional man oder der Identitätsbehaupter herangezogen werden. Vgl. hierzu Schimank 2007: 107ff. Immer wieder wurden in der soziologischen Diskussion weitere Akteurmodelle konzipiert. Bei Pierre Bourdieu ist hier besonders an den „Homo academicus“ zu denken (vgl. Bourdieu 1998a).

4 Ökonomik wird hier verstanden als aus der Nationalökonomie hervorgegangene Methode der Sozialwissenschaften, nicht als deren Gegenstandsbereich. Vgl. dazu Kirchgässner 2000: 2.

5 Das Wort „scheint“ verdeutlicht, dass die Einschätzung von Nutzen, genau wie die von Kosten höchst subjektiven Charakter hat und es keine objektiven Kosten- und Nutzengrößen gibt. Vgl. dazu Schimank 2007: 77f. und Kap. 2.2.

6 Eine ausführliche Darstellung der hier nur stichwortartig genannten Kritikpunkte findet sich z.B. in Schimank 2007: 87ff.

7 Für eine kurze Übersicht zur Biographie Pierre Bourdieus vgl. Anhang A.

8 Um den Beispielfall von den theoretischen Darstellungen abzusetzen, werden die entsprechenden Textstellen kleiner gesetzt. Die zentralen Begriffe aus Bourdieus Konzeptionen werden kursiv gedruckt.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Zur Nutzenorientierung des Homo Oeconomicus
Untertitel
Die Genese spezifischer Nutzenvorstellungen unter Rückgriff auf die Soziologie Pierre Bourdieus
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für Soziologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
26
Katalognummer
V93540
ISBN (eBook)
9783640135493
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nutzenorientierung, Homo, Oeconomicus
Arbeit zitieren
Patrick Heiser (Autor), 2008, Zur Nutzenorientierung des Homo Oeconomicus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93540

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