Im Fokus der Arbeit stehen drei Schwerpunkte: Einmal die Entstehungsgeschichte des Caesarromans, zum zweiten die Klärung der Gattung "Historischer Roman" im Kontext der Brechtschen materialistischen Geschichtsauffassung, die sich grundlegend vom personenzentrierten Geschichtsbild 19. Jh. abhebt, und drittens das Fragment selbst, welches als Dekonstruktion des personalen Geschichtsbildes, dargestellt in einem 3-stufigen Erkenntnisprozess des namenlosen Historikers, zu lesen ist.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Gründe für die Verwendung der Gattung historischer Roman
2. Strukturanalyse - Geschichtsschreibung als Hauptthema des Caesarromans
Schluss
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Beweggründe Bertolt Brechts für die Wahl der Gattung „historischer Roman“ während seines Exils sowie die spezifische erzählerische Struktur seines Romanfragments „Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar“. Dabei wird analysiert, wie Brecht eine materialistische Geschichtskonzeption gegen die bürgerliche, personenzentrierte Geschichtsschreibung positioniert und diese kritische Auseinandersetzung selbst zum zentralen Gegenstand des Romans macht.
- Historischer Kontext der Exilliteratur und Gattungspräferenzen
- Brechts Faschismuskonzeption und das realitätsadäquate Romanschreibverfahren
- Dekonstruktion des heroischen Caesarbildes und der „Große-Männer-Theorie“
- Die Funktion des namenlosen Ich-Erzählers als Erkenntnissubjekt
- Einsatz von Montage und Verfremdung zur Darstellung ökonomischer Prozesse
Auszug aus dem Buch
Die Strukturanalyse – Geschichtsschreibung als Hauptthema des Caesarromans
Der große Caius Julius Caesar, über dessen Privatleben ich nun aus den Aufzeichnungen seines langjährigen Sekretärs Einzelheiten zu erfahren hoffte, war eben zwanzig Jahre tot. Er hatte ein neues Zeitalter eingeleitet. Vor ihm war Rom eine große Stadt mit einigen zerstreuten Kolonien gewesen. Erst er hatte das Imperium gegründet. Er hatte die Gesetze kodifiziert, das Münzwesen reformiert, sogar den Kalender den wissenschaftlichen Erkenntnissen angepaßt. Seine Feldzüge in Gallien, welche die römischen Feldzeichen bis ins ferne Britannien trugen, hatten dem Handel und der Zivilisation einen neuen Kontinent eröffnet. Sein Standbild stand unter denen der Götter, nach ihm nannten sich Städte und ein Jahresmonat, und die Monarchen fügten seinen erlauchten Namen zu den ihrigen zu. Die römische Geschichte hatte ihren Alexander bekommen. Es war schon klar, dass er das unerreichbare Vorbild aller Diktatoren werden würde. Und kleineren Geschlechtern blieb nur seine Taten zu beschreiben. Dies sollte meine geplante Biographie tun. (1176)
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Fragment „Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar“ ein, skizziert die Entstehungsgeschichte im Exil und legt den methodischen Fokus auf die Untersuchung der Gattungswahl sowie die Struktur des Textes.
1. Gründe für die Verwendung der Gattung historischer Roman: Das Kapitel beleuchtet die literaturtheoretischen und biographischen Hintergründe, die Brecht dazu bewogen, sich im Exil verstärkt dem historischen Roman zuzuwenden, und setzt sein Vorgehen in Bezug zur zeitgenössischen Exilliteratur.
2. Strukturanalyse - Geschichtsschreibung als Hauptthema des Caesarromans: Hier wird detailliert analysiert, wie der Erkenntnisprozess des Erzählers die ideologische Entlarvung ökonomischer Machtstrukturen im alten Rom abbildet und den historischen Roman als Gegenentwurf zur bürgerlichen Geschichtsschreibung formt.
Schluss: Das letzte Kapitel fasst zusammen, dass das Werk durch die bewusste Abkehr von einer klassischen Biographie und die Anwendung montagetechnischer Verfahren eine praktische Umsetzung von Brechts marxistischer Ästhetik darstellt.
Schlüsselwörter
Bertolt Brecht, Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar, Historischer Roman, Exilliteratur, Materialistische Geschichtskonzeption, Faschismuskonzeption, Erkenntnisprozess, Caesar, Klassenkampf, Entmythologisierung, Montage, Verfremdung, Ökonomie, Geschichtsschreibung, Marxismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Bertolt Brechts Romanfragment „Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar“ unter gattungstheoretischen und strukturellen Gesichtspunkten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Mittelpunkt stehen die Funktion des historischen Romans im Exil, die Kritik an der personenzentrierten Geschichtsschreibung und die Darstellung ökonomischer Machtverhältnisse.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Brecht den klassischen historischen Roman umgestaltet, um einen materialistischen Blick auf historische Prozesse zu ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die gattungs- und strukturanalytische Methode, um Brechts ästhetische Verfahren und deren ideologische Begründung zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Gattungspräferenzen im Exil sowie die detaillierte Analyse der narrativen Struktur und des Erkenntnisprozesses des Ich-Erzählers.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Historizität, Aktualität, Brechtscher Realismus, Kapitalismuskritik und die Dekonstruktion historischer Mythen.
Welche Bedeutung kommt der „Seeräuberanekdote“ im Roman zu?
Sie dient als Modellfall, um die personenzentrierte Geschichtsschreibung durch eine ökonomisch motivierte Darstellung der Zusammenhänge zu entlarven.
Warum wählt Brecht einen namenlosen Ich-Erzähler?
Die Namenlosigkeit unterstreicht, dass der Erzähler nicht als individuelle Persönlichkeit, sondern als stellvertretender Historiker fungiert, der einen beispielhaften Erkenntnisprozess durchläuft.
Inwiefern ist der „Kaufakt“ der Dokumente symbolisch zu verstehen?
Der Kauf der Aufzeichnungen verdeutlicht die geschäftliche Grundlage der historischen Wahrheit und soll jedes rein idealistische oder emotionale Interesse am „großen Mann“ Caesar ausschließen.
- Arbeit zitieren
- Carl Röthig (Autor:in), 2005, Geschichtsschreibung im historischen Roman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93559