Der Gegenstand der Arbeit soll sein, wie sich die Romantiker dazu alternative "Gegenwelten" geschaffen haben, und zwar "in der Romantik". Die Präposition "in" grenzt die Epoche der Romantik von den anderen literarischen Epochen – Aufklärung, Weimarer Klassik – von vornherein ab, die um 1800 literarisch wirksam waren.
Mit ihrer Literatur formulierten die Romantiker katexochen eine abweichende Rezeption von Wirklichkeit und Sicht auf ihre vorfindliche Welt, mit der sie nicht zufrieden waren und an der sie einiges auszusetzen hatten. Wie sich diese explizit antiaufklärerische Kritik artikulierte und welches ihr Zweck war, nämlich (nicht nur) literarisch ein "Rollback" des Mystizismus und des Aberglaubens zu bewerkstelligen, soll in dieser Arbeit aufgezeigt und erklärt werden.
Inhaltsverzeichnis
I. Der bürgerliche Staat in statu nascendi
II. Ein neuer ästhetischer Entwurf: Romantisierung der Wirklichkeit
III. Sonderlinge und Außenseiter
IV. Die Kritik an den Philistern
V. Die schwarze Romantik
VI. Kritik an den Romantikern
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie und warum die Romantiker als Gegenbewegung zur Aufklärung alternative "Gegenwelten" schufen und dabei die bestehenden gesellschaftlichen sowie literarischen Strukturen kritisierten, um durch eine Poetisierung der Welt ihr beschädigtes Subjektbild zu heilen.
- Die polit-ökonomischen Hintergründe der Entstehung bürgerlicher Gegenwelten um 1800.
- Die theoretische Programmatik der "Romantisierung der Wirklichkeit" bei Friedrich Schlegel und Novalis.
- Die literarische Konstruktion von Außenseitertum und Künstlerexistenz am Beispiel von E.T.A. Hoffmann und Adelbert von Chamisso.
- Die aggressive Abgrenzung der Romantiker gegenüber dem zeitgenössischen Philistertum als Sinnbild bürgerlicher Angepasstheit.
- Die Entwicklung und ästhetische Funktion der schwarzen Romantik als Ausdruck existenzieller Unsicherheit.
Auszug aus dem Buch
Exkurs: Was ist Romantische Ironie?
Die Betrachtung der Weltsicht der Romantiker bzw. zu ihrer Absicht, die Welt zu romantisieren, macht es auch nötig, einen kurzen Blick auf eines ihrer poetischen Mittel zu werfen, nämlich auf die „Romantische Ironie“. Friedrich Schlegel hat den Begriff der Ironie in die moderne Literatur eingeführt.
Vorweg: Nicht gemeint ist das rhetorische Stilmittel der Ironie, also das Übertriebene und das Hervorheben des Gegenteils des Gemeinten zur Verdeutlichung desselben. Vielmehr bezeichnet der Terminus eine ästhetische Technik und eine ästhetische Grundhaltung, mit der die eigenen Bedingungen des Schreibens reflektiert und sichtbar gemacht werden sollen. Mittels dieser Technik erhebt sich der romantische Künstler über sein Kunstwerk, stellt es zur Disposition, nimmt sich zurück, macht sich gleichsam darüber lustig und propagiert auf diese Weise seine schöpferische Freiheit und seine Willkür beim Schreiben seiner Texte.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Der bürgerliche Staat in statu nascendi: Dieses Kapitel skizziert die ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen des frühen 19. Jahrhunderts, in denen das aufstrebende Bürgertum seine eigene Kultur etablierte und die Romantiker auf diese Realität mit dem Wunsch nach Romantisierung reagierten.
II. Ein neuer ästhetischer Entwurf: Romantisierung der Wirklichkeit: Hier wird das romantische Programm analysiert, das als Reaktion auf die Aufklärung das Primat des Gefühls und der Kunst gegen die Nützlichkeitsorientierung und Rationalität setzte.
III. Sonderlinge und Außenseiter: Dieses Kapitel beleuchtet die prekäre Stellung romantischer Schriftsteller als Außenseiter im neu entstehenden literarischen Kunstbetrieb und wie sie diese Rolle für ihre künstlerische Identität nutzten.
IV. Die Kritik an den Philistern: Der Fokus liegt hier auf der scharfen Abgrenzung der Romantiker gegenüber dem Philister als Inbegriff bürgerlicher Spießbürgerlichkeit und deren fehlender Fähigkeit zur Fantasie.
V. Die schwarze Romantik: Dieses Kapitel behandelt die dunklen, irrationalen Motive der Romantik, wie das Unheimliche und Schauerliche, und deren Bedeutung für die Bewältigung existenzieller Ängste.
VI. Kritik an den Romantikern (Goethe, Heine): Hier wird die zeitgenössische Ablehnung der romantischen Poetik durch klassische Autoren wie Goethe und Heine dargestellt, die die romantische Literatur als krankhaft und instabil diskreditierten.
Schlüsselwörter
Romantik, Aufklärung, Gegenwelten, Philister, Romantisierung der Wirklichkeit, Friedrich Schlegel, Novalis, Universalpoesie, Außenseiter, Schwarze Romantik, E.T.A. Hoffmann, Poesie, Innerlichkeit, Romantische Ironie, Bürgertum
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Literatur der Romantik als eine gezielte Gegenbewegung zur Aufklärung und untersucht die Schaffung alternativer „Gegenwelten“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Kritik am bürgerlichen Nützlichkeitsdenken, das romantische Programm der „Romantisierung der Wirklichkeit“ sowie die Rolle des Künstlers als Außenseiter.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Motive und die ästhetische Programmatik der Romantiker zu analysieren, die darauf abzielten, die durch die Moderne entfremdeten Subjekte mittels Poesie zu heilen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primäre Texte der Romantik sowie zeitgenössische theoretische Quellen und moderne Rezeptionsforschung einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Verhältnis von Romantikern zu Staat und Gesellschaft, die theoretischen Ansätze zur „Romantisierung“, das Phänomen der „schwarzen Romantik“ sowie die polemische Kritik von Goethe und Heine.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Romantik, Aufklärung, Philistertum, Universalpoesie, Innerlichkeit und Künstlerexistenz.
Wie unterscheidet sich die „schwarze“ von der „weißen“ Romantik?
Während die „weiße“ Romantik oft ein idealistisches Weltbild verfolgt, konzentriert sich die schwarze Romantik auf die düsteren, angstbesetzten Aspekte des menschlichen Geistes wie das Unheimliche und Wahnsinnige.
Warum kritisieren die Romantiker den „Philister“ so scharf?
Der Philister gilt den Romantikern als Inbegriff der geistlosen bürgerlichen Angepasstheit und der puren Nützlichkeitsorientierung, welche die menschliche Fantasie und die höheren geistigen Bedürfnisse unterdrückt.
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- Hartmut Meyer (Autor:in), Gegenwelten in der Romantik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/935698