Die Memoiren George Manolescus und ihr Einfluss auf Thomas Manns "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
27 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Entstehungsgeschichte der Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull
2.1 Das Aufgreifen des Stoffes (1906-1909)
2.2 Wiederaufnahme des Stoffes (1943 und 1947)
2.3 Fortsetzung der Bekenntnisse(1951-1954)

3. Die Memoiren Georges Manolescus
3.1 Die Memoiren als Inspiration und Handlungsgerüst
3.2 Künstlerthematik
3.3 Schein und Sein – eine Gesellschaftskritik
3.4 Der Prozess

4. Reisestationen
4.1 Die Weltausstellungen von Paris und Chicago

5. Felix Krull – ein Schelmenroman!
5.1 Der schelmische Held
5.2 Der Schelm und seine Zeit
5.3 Form und Sprache

6. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Kein anderes Werk Thomas Manns umfasst eine so lange Entstehungszeit wie Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Die leicht verständliche, humorvolle Erzählart macht das Buch zunächst jedem interessierten Leser zugänglich - 400 Seiten voller charmanter Abenteuer, kleiner Diebereien und größerer Hochstapeleien des Helden Felix Krull. Doch hinter dem Schein des Amüsements und dem Hochstaplermotiv bietet uns Thomas Mann mit Hilfe seines Protagonisten Krull eine nicht zu unterschätzende sozialkritische oder gar gesellschaftspolitische Dimension.

Doch welchen Anstoß hatte Thomas Mann, einen Roman zu schreiben, der ihn sein ganzes Leben hindurch beschäftigen sollte? Inspiration und Handlungsgerüst bei der Entstehung seines Schelmenromans waren unter anderem die 1905 veröffentlichten Memoiren des rumänischen Hoteldiebes und Hochstaplers Georges Manolescu, die einen sensationellen Erfolg feierten. Danben findet man entfernte Anklänge an Goethes Dichtung und Wahrheit, und schließlich Motive aus verschiedenen Glückskindmärchen.

Die vorliegende Arbeit will zunächst auf die besondere Entstehungsgeschichte des Romans eingehen. Es soll deshalb im ersten Teil geklärt werden, wie es zu einer fast 50-jährigen Entstehungszeit kommen konnte. Danach wird der Einfluss der Manolescu-Memoiren auf Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull untersucht. Nachweisbar wurden in der ersten Arbeitsphase verschiedene Motive und Eigenschaften des Protagonisten Manolescu auf den Protagonisten Krull übertragen. Vor allem die Fortsetzung der Manolescu-Memoiren, der zweite Band Gescheitert. Aus dem Seelenleben eines Verbrechers, bildete eine wahre Fundgrube für Thomas Mann. Die Künstlerthematik beider Romane führt schließlich zu einer tiefgründigen Gesellschaftskritik. Das vierte Kapitel beschäftigt sich zunächst mit den Reisestationen. Es soll anhand der Weltausstellungen in Paris und Chicago geklärt werden, wie es vor allem Manolescu möglich war, diese sensationellen Diebstähle in Millionenhöhe zu begehen. Das letzte Kapitel geht schließlich auf die literarische Gattung des Schelmenromans ein. Hierbei werden die Bekenntnisse natürlich vorrangig betrachtet, doch finden sich auch bei dem Hochstapler Manolescu schelmische Züge. Neben der Beschreibung des schelmischen Helden und seines Verhältnisses zu seiner Zeit soll auch die Form und Sprache untersucht werden, denn trägt der Roman nicht nur Züge der Manolescu-Memoiren, sondern man findet bei näherer Betrachtung auch etliche autobiographische Parallelen zum Leben Thomas Manns. Dieses Kapitel ist auch gleichzeitig eine Zusammenfassung der bisher gewonnen Erkenntnisse.

2. Zur Entstehungsgeschichte der Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Fast 50 Jahre lang schrieb Thomas Mann an seinem letzten Roman Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Die Entstehungsgeschichte des Buches ist - wie das durch Emigration bestimmte Leben Thomas Manns - von mehreren aufeinanderfolgenden Brüchen geprägt. Immer wieder unterbrach er seine schriftstellerische Arbeit an diesem Roman, weil andere Werke Vorrang hatten und weil sein Leben nach 1933 von wenig äußerer Kontinuität geprägt war. Man kann die Entstehungszeit des Romans deshalb in drei große Phasen einteilen, die nachfolgend näher erläutert werden:

2.1 Das Aufgreifen des Stoffes (1906-1909)

Bereits 1905 greift Thomas Mann den Krull-Stoff auf. Wysling spricht in seiner ausführlichen Studie über die Entstehung der Bekenntnisse von einer „stillen Konzeption“. Es ist unklar, ob Thomas Mann die Hochstaplermemoiren von Georges Manolescu bereits in ihrem Erscheinungsjahr 1905 gelesen hat oder ob er erst durch die Märzausgabe der „Neuen Rundschau“ 1906 darauf aufmerksam wurde. Den Arbeitstitel Hochstapler hat er jedoch zu dieser Zeit bereits in seinem Notizbuch vermerkt. So schreibt er 1906 in das Notizbuch 9:

„Der Hochstapler lernt einen jungen Grafen kennen, der ein Liebesverhältnis hat und dem seine Familie, um ihn los zu machen, eine Reise um die Welt verordnet hat. Sie hat ihm eine große Summe dazu geschickt und verlangt Briefe von Stationen. Felix macht ihm den Vorschlag, zu tauschen. Er empfängt das Geld, sie schreiben zusammen nach dem Bädeker die Briefe, und Felix reist als Graf u. giebt die Briefe an den betr. Stationen auf, während der wirkl. Graf bei seinem Liebchen bleibt. Dieser Fall gewöhnt ihn an die Vornehmheit u. den Reichtum.“

Zu dieser Zeit scheinen also bereits der Name des Protagonisten und die Hauptthemen des Romans „Titelsucht, Vornehmheit und Illusion“[1] zu bestehen. Doch erst nach dem Abschluss der Königlichen Hoheit findet er Zeit, sich seinen neuen Plänen zuzuwenden.

So schreibt er Ende Oktober 1909 an die Redaktion der Saale-Zeitung:

„Ich arbeite zur Zeit an einem Essay, der den Titel >Geist und Kunst< führen wird. Ferner beschäftige ich mich mit einer größeren Erzählung >Der Hochstapler<, die psychologisch eine gewisse Ergänzung zu meinem Fürstenroman bedeuten wird. Auch mache ich die erste Studie zu einem geplanten historischen Roman [>Friedrich<].“[2]

Und an seinen Bruder Heinrich Mann am 10.01.1910:

„Ich sammle, notiere und studiere für die Bekenntnisse des Hochstaplers, die wohl mein Sonderbarstes werden. Ich bin manchmal überrascht, was ich dabei aus mir heraushole. Es ist aber eine ungesunde Arbeit und für die Nerven nicht gut.“[3]

Im Januar 1910 begann er schließlich mit der eigentlichen Arbeit: dem Sammeln, Notieren und Studieren einer Unmenge an Materialien. So schnitt er Bilder und Artikel aus Illustrierten und Reiseführern aus, anhand derer er thematische Dossiers zusammenstellte, die Titel wie „Elegante Festlichkeiten“, „Weiblichkeit“ oder „Intérieurs“ trugen. Mit der Niederschrift des ersten Buches dürfte er im Februar oder März begonnen haben. Innere und äußere Umstände – ein Zerwürfnis mit dem Bruder drohte[4], seine Schwester Carla nahm sich das Leben, und dazu die ständigen Scherereien mit Theodor Lessing – machten ihn oft arbeitsunfähig und führten zu einer erneuten Unterbrechung der schriftstellerischen Arbeit am Hochstapler. 1911 erschien schließlich ein Fragment aus dem Hochstapler – der Theaterbesuch im 1. Buch, Kapitel 5 – im Fischer Verlag[5]. Doch schon folgte die nächste längere Unterbrechung vom Juli 1911 bis Juli 1912 zugunsten der Novelle Der Tod in Venedig. Thomas Mann schreibt in einem Brief an Philipp Witkop am 12.03.1913:

„Daß Ihnen das Hochstapler-Fragment damals gefallen hat, freut mich besonders. Da mich der >T.i.V.< ein rundes Jahr gekostet hat, bin ich mit dem Roman noch sehr im Rückstand, - und Sie können sich denken, wie schwer es mir wurde, mich nach der Novelle in den parodistischen, durchaus komischen Ton des Romans zurückzufinden.“[6]

Das Manuskript der Bekenntnisse war im Sommer 1913 bis zur Erstfassung des Rosza -Kapitels gediehen[7]. Der 1913 begonnene Roman Der Zauberberg war, wie der Tod in Venedig, nur als kleine Zwischenarbeit gedacht, wurde jedoch schnell zum Hauptgeschäft seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Dazu kamen die Gedanken im Kriege, der Essay Friedrich und die große Koalition und schließlich die Betrachtungen eines Unpolitischen. Auch war während der Kriegsjahre nicht an eine intensive Fortsetzung des Romans zu denken. Erst durch die zahlreichen Vorlesungen Ende 1916 u.a. in Berlin und München hatte er „neue Lust geschöpft, das wunderliche Unternehmen später fort- und zu Ende zu führen. Wenn nur die Kräfte reichen“ (08.10.1916 an Paul Amman)[8]. 1922 erscheint das „Buch der Kindheit“ in der illustrierten Luxusausgabe des Rikola-Verlags.

Das Fragment endet mit Bankrott und Tod von Krulls Vater. 1924 schließlich schreibt Thomas Mann an H. v. Hülsen: „Der Zauberberg ist fertig.“ Doch wieder drängen sich andere Aufgaben vor die Vollendung des Krull-Romans, „[...] was erst noch rasch gemacht sein möchte, - zur Zeit sind es historisierende, kostümliche Dinge, Joseph in Ägypten, Spanisch-Niederländisches, Erasmus-Luther [...]“ (26.07.1925 an Max Rychner)[9]. In einem Gespräch mit Thomas Mann hält Oskar Maurus Fontana in Jahr darauf jedoch fest:

„Was ich sonst noch arbeiten möchte? Den Krull beenden. Ich muß bei meiner Schachtelmethode auf ein langes Leben hoffen. Freilich, die Fortsetzung des Krull ist in vielen Aphorismen festgelegt. Im ganzen soll dieser Roman eine Parodie auf die Selbstbiographie des XVIII. Jahrhunderts werden. Unter anderem. Drei oder vier Bücher kommen noch. Krull beschreibt weiter seine Laufbahn. Wenn er 40 Jahre alt ist, glaube ich – und da blickt Thomas Mann mit einem seltsamen Lächeln ins Leere, als sähe er wen – hört Krull zu schreiben auf.“[10]

Doch warum hat Thomas Mann zweimal die Arbeit an den Bekenntnissen unterbrochen – einmal 1911 zugunsten der Venedig -Novelle und 1913 zugunsten des Zauberbergs ? In einem Brief an Félix Bertraud gibt er selbst die Antwort:

„Ich weiß nicht, warum ich damals stecken geblieben bin. Vielleicht weil ich den extrem individualistischen, unsozialen Charakter des Buches als unzeitgemäß empfand. Vielleicht auch, weil mir schien, dass ich in diesem Teil schon alles Wesentliche gegeben hätte. Immerhin habe ich den Gedanken an die Fortsetzung niemals ganz aus den Augen verloren, und wenn ich die Last abgewälzt habe, an der ich gegenwärtig schleppe, findet sich vielleicht die Laune, das absonderliche Ding zu beenden.“[11]

1937 wurden während seines Exils das erste Buch und die Kapitel 1-5 des zweiten Buches veröffentlicht.

2.2 Wiederaufnahme des Krull-Stoffes (1943 und 1947)

„Die umstürzenden Abenteuer dieser Jahrzehnte, die Zumutungen, die zwei große Kriege stellten an Herz und Hirn, Revolution, Exil und Wanderschaft, in immer erneuter Arbeit durchgestanden, - und nun reizt mich der Trotz, zurückzugreifen auf das, worüber so viel Sturm und Mühe, Zeit und Leben hinweggegangen [...]“ schreibt Thomas Mann 1943. Doch noch sollte es nicht dazu kommen. Der Faustus-Stoff siegt über die Fortsetzungspläne und wird 1947 abgeschlossen, die folgenden Sommermonate waren mit Reisen ausgefüllt. Dann 1947 wieder der Gedanke an die Aufnahme des Krull-Stoffes.

An Agnes E. Mayer schreibt er (10.10.1947):

„ In belebteren Stunden bewege ich allerlei Arbeitspläne: eine mittelalterliche Legenden-Novelle, die mit den >Vertauschten Köpfen< und der Moses-Geschichte das dritte Stück meiner „Trois Contes“ bilden könnte; den Ausbau des Felix Krull-Fragments zu einem modernen, in der Equipagenzeit spielenden Schelmen-Roman. Das Komische, das Lachen, der Humor scheinen mir mehr und mehr als Heil der Seele [...].“[12]

Doch auch diesmal gibt es keine Fortsetzung des Krull-Fragments. Wieder schiebt sich andere Arbeit dazwischen. Die Idee der Trois Contes und Der Erwählte siegen über die Wiederaufnahme der Arbeit an den Bekenntnissen.

2.3 Fortsetzung der Bekenntnisse (1951-54)

Zwar war schon früh eine Gesamtkonzeption vorhanden, doch erst im Jahre 1951 nahm der Autor die Arbeit wieder auf – übrigens genau auf der Manuskriptseite, die er 1913 aus der Hand gelegt hatte. Doch galt es zunächst, „in den alten Ton zurückzufinden, Nahtstellen zu verdichten, die Verwandlungen zu bedenken, die mit Krull in den vierzig Jahren vorgegangen waren, die er in der Grube gelegen hatte.“[13] Die Arbeit geht zunächst gut voran. An Kuno Fiedler schreibt er im Juni 1951:

„Übrigens arbeite ich, nämlich an den Krull-Memoiren, und zu dem alten Fragment sind schon etwa 150 Seiten hinzugekommen, zum Teil sehr gute und groteske; aber ob ich es wirklich fertig mache, bezweifle ich doch manchmal.“[14]

Im September 1951 ging das Manuskript mit auf Europareise. Am 24. September las er im Zürcher Schauspielhaus das Kapitel über Krulls Fahrt nach Paris und schloss mit der Schilderung von Krulls Besuch im Zirkus. Auf der Rückreise von Europa, im Oktober 1951, hatte er übrigens in Chicago das Museum of Natural History besucht, „wo man die Ursprünge des Lebens und den Beginn des Menschen mit erregender Anschaulichkeit dargestellt findet“ (10.10.1951 an Ida Herz). Diese Besichtigungen tauchen später in der Begegnung Krulls mit Kuckuck, und insbesondere seinem Besuch im Museu Sciênas Naturaes von Lissabon, auf. Doch drängen schon wieder neue Pläne, „etwas Halbstündiges für B.B.C. über <Der Künstler und die Gesellschaft> ist aufzusetzen, eine Essay Sammlung, Material aus 5 Jahrzehnten zu redigieren und zu bevorworten, und vor Leserzumutungen und Briefschulden weiß ich oft nicht mehr ein noch aus“ (11.03.1952 an E. Preetorius).

Und wieder scheint es zum Abbruch der Bekenntnisse zu kommen. In einem Brief an Ferdinand Lion (28.04.1952) heißt es:

„Nie hätte ich mir so etwas wie die Felix Krull-Memoiren noch einmal aufhalsen sollen; in keiner Beziehung, weder dem Gegenstande nach, noch den Ansprüchen nach, die er stellt, ist die Aufgabe de mon âge.“ Und weiter: „[...] aber ich denke doch oft daran, abzubrechen, es bei einem erweiterten Fragment sein Bewenden haben zu lassen und mir die Hände frei zu machen für Neues, das mich noch etwas erfrischen könnte, wie etwa die Erasmus-Novelle, zu der Sie mich ermutigen.“[15]

Und tatsächlich unterbricht er die Arbeit im Mai 1952, um Die Betrogene zu schreiben. Der Krull war vor dem Abbruch mindestens bis zum Gespräch mit Kuckuck, wahrscheinlich aber noch um einiges weiter gediehen. Nachdem Thomas Mann im Frühjahr 1953 seine letzte Novelle beendet hatte, plante er, nach den Lissabonner Episoden auch Krulls Erlebnisse mit den Meyer-Novaro Geschwistern darzustellen (08.10.153 an Eberhard Hilscher):

„Jetzt schreibe ich täglich 20 Zeilen an den Memoiren Felix Krulls, der gerade als Marquis de Venosta in Lissabon ein Liebesverhältnis mit Mutter und Tochter zugleich hat. Demnächst wird er auf einer argentinischen Estancia ein solches mit Bruder und Schwester zugleich haben. Was wollen Sie von einem solchen Vaganten! Womit ich nicht den Krull, sondern mich meine, der unbrauchbar ist als Literaturhistoriker seiner selbst.“[16]

Doch dazu kommt es nicht, denn wieder fühlt er sich „belastet mit diesem Ungetüm von Krull-Memoiren, das fortwährend die schwierigsten Probleme aufwirft“ (04.11.1953 an Albrecht Goes).[17] Die Unterbrechungen in der Entstehungsgeschichte sind damit nicht nur auf zusätzliche schriftstellerische Arbeiten zurückzuführen, sondern auch auf das durchaus gespaltene Verhältnis Thomas Manns zu seinem letzten Werk. Um die Jahreswende beschließt er, alles Vorhandene unter dem Titel Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, I. Teil herauszugeben.

Die Bekenntnisse wurden vor Mitte Oktober 1954, ein Jahr vor dem Tod des Autors, veröffentlicht und waren einen Monat später bereits vergriffen. Thomas Mann schreibt dazu an Jonas Lesser (03.11.1954):

„Ich war mir wirklich einer so lebhaften Aufnahme dieser späten Scherze nicht vermutend. Die deutsche wie die Schweizer Presse schlägt hohe Töne an und die erste Auflage von 20 000 Stück ist schon vergriffen – ein paar Wochen wird bei aller Beschleunigung des Neudrucks das Buch nicht lieferbar sein, was immer ärgerlich ist. Selbst meine wachsende Müdigkeit sollte sich durch soviel Anteilnahme ermutigt fühlen, den Spaß fortzusetzen. Aber ich sage mir auch wieder, dass es kein Unglück wäre, wenn der Roman weit offen stehen bliebe. So recht zu beendigen wäre er ohnehin wohl nicht, auch wenn ich noch 400 Seiten zustande brächte.“[18]

Eine Fortsetzung wollte er von der Aufnahme des Buches abhängig machen. Doch Müdigkeit und Arbeitsunlust setzten ihm immer mehr zu. Er schreibt an Harald Kohtz (15.04.1955):

„Was den zweiten Teil der Krull-Memoiren betrifft, von denen offen gestanden noch kein Wort auf dem Papier steht, so ist der Roman ja seit mehr als 40 Jahren zu Ende geplant, und wie er ausgeht, ist im ersten Teil mehrfach angedeutet. Das fernere Leben Krulls wird eine Ehe- und Zuchthaus-Episode bringen und ein Leben der beständigen Täuschung darstellen, das sehr anstrengend ist und seinen Mann schon früh abnutzt. Er setzt sich zur Ruhe schon mit 40 Jahren mit einer kleinen Erbschaft, die er von seinem Paten macht, und schreibt in London seine Memoiren. Denn, wie Napoleon sagte, man taugt nur einige wenige Jahre für den Krieg.“[19]

[...]


[1] Hans Wysling, Archivalisches Gewühle, S. 237

[2] Veröffentlicht im Anschluss an Paul Lehmanns Artikel >Thomas Mann. Zum heutigen Vortrage in der <Literarischen Gesellschaft>, Saale-Zeitung, Halle/ S., 02.11.1909

[3] Selbstkommentare Th. Mann, S. 61

[4] Über viele Jahre befehdete sich Thomas Mann mit seinem älteren Bruder Heinrich Mann, der sehr viel mehr politisch engagiert war als er. Spätestens 1930 mit seiner berühmten antifaschistischen Rede „Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft.“ änderte sich jedoch das Bild des unpolitischen Thomas Mann.

[5] >Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krully9. Bruchstück aus einem Roman< (Der Theaterbesuch, 1. Buch, Kap. 5), Almanach des S. Fischer Verlags, Das XXVte Jahr, Berlin 1911, S. 273-283

[6] Selbstkommentare Th. Mann, S.67

[7] Thomas Sprecher hat seinem Aufsatz Bürger Krull eine tabellarische Übersicht zur Entstehung von „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ angehängt.

[8] Ebd., S. 72

[9] Ebd., S. 81

[10] in: Hans Wysling, Archivalisches Gewühle, S. 245

[11] Thomas Mann in einem Brief an Félix Bertraud, München, 21.11.1923 Selbstkommentare Th. Mann, S. 80

[12] Ebd., S. 88

[13] in: Hans Wysling, Archivalisches Gewühle, S. 252

[14] Thomas Mann in einem Brief an Kuno Fiedler, Pacific Palisades, 02.06.1951 Selbstkommentare Th. Mann, S. 95

[15] Ebd., S. 112

[16] Ebd., S. 122

[17] Ebd., S. 123

[18] Ebd., S. 145

[19] Ebd., S. 156

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die Memoiren George Manolescus und ihr Einfluss auf Thomas Manns "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull"
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
„Von Syrakus nach Tibet – über die Nordsee“. Deutsche Reiseliteratur von Seume bis Ransmayr
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
27
Katalognummer
V93570
ISBN (eBook)
9783638067607
ISBN (Buch)
9783638953832
Dateigröße
598 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Memoiren, George, Manolescus, Einfluss, Thomas, Manns, Bekenntnisse, Hochstaplers, Felix, Krull, Syrakus, Tibet, Nordsee“, Deutsche, Reiseliteratur, Seume, Ransmayr
Arbeit zitieren
Kristina Mahlau (Autor), 2005, Die Memoiren George Manolescus und ihr Einfluss auf Thomas Manns "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93570

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