Märchen als Erziehungsmittel. Pädagogische Handlungsanleitungen in "Rotkäppchen" und "Der Froschkönig"


Hausarbeit, 2019

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methodologie

3. Grundlagen und Grundbegriffe: Das Märchen als Erziehungsmittel
3.1 Terminologie: Erziehung
3.2 Begriffsentfaltung: Erziehungsmittel
3.3 Bestimmungsversuch: Märchen

4. Das Märchen als Erziehungsmittel
4.1 Pädagogische Handlungsanleitungen und Förderung durch Märchen
4.1.1 Sprachförderung
4.1.2 Exkurs: Förderung von Interkulturalität
4.2 Das vermeintliche Paradoxon der altertümlichen Märchen in der modernen Erziehung
4.3 Das Fallbeispiel Rotkäppchen
4.3.1 Handlungsanleitungen in Rotkäppchen
4.4 Das Fallbeispiel Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich
4.4.1 Handlungsmaximen in Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich

5. Kritische Reflexion der Verwendung von Märchen als Erziehungsmittel und Bewertung

6. Bibliografie

1. Einleitung

„Keine andere Dichtung versteht dem menschlichen Herzen so feine Dinge zu sagen wie das Märchen“ (Johann Gottfried von Herder in Dorst/Vogel 2014, S. 156)

Egal ob über Liebe, Freundschaft oder das Leben generell, es gibt wohl kaum eine literarische Gattung, die mehr Lebensweisheiten enthält als das Märchen. Denn obwohl Märchen in der Welt der Fantasie anzusiedeln sind, so enthalten sie doch eine innere Wahrheit, die so realistisch ist, dass sie jeden Einzelnen persönlich anspricht, wie der deutsche Dichter J. G. von Herder im obenstehenden Ausspruch treffend beschreibt. Auch wenn diese Form der Literatur vor allem die Kleinsten der Lesewelt zu faszinieren scheint, lassen sich die erwachsenen LeserInnen oder ErzählerInnen zumeist genauso von den magischen Handlungen begeistern.

Obwohl das Märchen eines der ältesten literarischen Gattungen in den unterschiedlichen Kulturen der Welt ist, gelten die fantastischen Geschichten über in Tiere verwandelte Prinzen oder schlafende Prinzessinnen als ein nicht wegzudenkender Bestandteil der meisten Kinderzimmer. Die Vermutung liegt nahe, dass dies daher rührt, dass die behandelten Problematiken schlichtweg jene sind, die einem tagtäglich begegnen und die es zu bestehen gilt. Sei es die Angst vor dem Unbekannten oder abenteuerliche Begegnungen, im Märchen wird all das fantasievoll thematisiert und meist erfolgreich bewältigt. Der scheinbar zeitlose Charakter dieser Form der Literatur unterstreicht deren tragende Rolle bei der Kindererziehung bis zum heutigen Tag. Eltern, Erziehungs-berechtigte und -beauftragte bedienen sich gerne an den klassischen und allseits bekannten Mären, um den Kindern mögliche Konsequenzen ihrer Taten aufzuzeigen oder aber um eine inspirierende Aussicht auf das zu bieten, was passieren kann, wenn man es wagt über sich hinauszuwachsen. Denn Lesen, sowie das Vorlesen, bildet, fördert und formt den Charakter unweigerlich und aufgrund dieses hohen Potenzials und der hohen Variabilität an Gestaltungsmöglichkeiten scheinen die pädagogischen Grenzen des Märchens beinahe uneingeschränkt.

Im Verlauf der vorliegenden Arbeit soll nun dargelegt werden, worin die Begründung dafür liegt, dass Märchen durchaus als adäquate Unterstützung der alltäglichen Kindererziehung erachtet und darüber hinaus sogar als eigenständiges Erziehungsmittel betrachtet werden können.

2. Methodologie

Das grundlegende Ziel der präsenten Arbeit liegt darin, in einer vielumfassenden und kritischen Erörterung die Adäquatheit und das Potenzial von Märchen als pädagogisches Instrument und Erziehungsmittel zu durchleuchten. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf dem Inhalt und pädagogischen Gehalt der Märchen im Hinblick auf die Kindererziehung, jedoch zu keinem Zeitpunkt auf der diachronischen oder historischen Entwicklung besagten Literaturgenres.

Zunächst gilt es den Gattungsbegriff des Märchens prägnant zu umreißen, um ihn daraufhin in den pädagogischen Kontext einbetten und reflektieren zu können. Anhand der terminologischen Aufarbeitung von diversen Fachbegriffen aus der Erziehungswissenschaft kann eine dem Rahmen dieser Arbeit zweckdienliche und wissenschaftlich valide Basis geschaffen werden, die als ideale und zugleich unerlässliche Grundlage für weiterführende Diskussionen und Fragestellungen erachtet wird. Daraufhin wird der Fokus auf die zentrale Fragestellung gelenkt, ob Märchen als Erziehungsmittel zu handeln sind und ihnen eine pädagogische Legitimität zusteht. Eine nähere Auseinandersetzung mit fördernden Aspekten hinsichtlich der Sprache und Interkulturalität der Kinder, sowie eventuellen Handlungsmaximen, dient zum einen der weiteren Entfaltung der Thematik, zum anderen der Überleitung zur Fallbeispielanalyse. Vor diesem Hintergrund werden zwei kanonische Märchen herangezogen, deren jeweiliger Inhalt präzise zusammengefasst und die potentielle Bedeutung für die Kindererziehung herauskristallisiert werden soll. Eine anschließende kritische Auseinandersetzung und Reflexion mit Märchen hinsichtlich deren vermeintlicher Altertümlichkeit und viel diskutierter, tradierter Wertevorstellung und -vermittlung, sowie eine reflektierte Stellungnahme zur pädagogischen Anwendbarkeit soll diesen Rundumschlag zu einem stimmigen Ende bringen.

3. Grundlagen und Grundbegriffe: Das Märchen als Erziehungsmittel

Damit Unklarheiten oder Missverständnisse weitestgehend vermieden werden können, sollen in den nachstehenden Sektionen einige notwendige Begrifflichkeiten näher erläutert werden. Der Erziehungsbegriff und die Bezeichnung des Erziehungsmittels werden getrennt definiert, um das möglicherweise bereits vorhandene Vorverständnis dieser Thematiken aufzubrechen und explizit im Zusammenhang mit Märchen zu erweitern. Auch auf den Terminus des Märchens selbst wird im Folgenden ausdrücklich eingegangen.

3.1 Terminologie: Erziehung

Prinzipiell ist der Grundbegriff der Erziehung ein sehr weitläufiger und kaum zu fassender, weshalb anschließend lediglich auf eine Auswahl grundlegender Merkmale näher eingegangen werden soll. Dies ist darin zu begründen, dass die Vielzahl der Definitionsversuche nicht dargebracht werden kann und es auch nicht Ziel dieser Arbeit ist, die Ansätze diverser Theorien zu vergleichen oder gar zu bewerten.

Der deutsch-österreichische Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka versuchte den Terminus der Erziehung wie folgt zu erklären:

„Unter den vielen Handlungen, die Menschen ausführen, gibt es auch solche, die als ‚Erziehen‘ bezeichnet werden. Wodurch unterscheidet sich erzieherisches Handeln von anderen Handlungen? In erster Linie durch den Zweck, den der Handelnde verfolgt. Er will durch sein Handeln etwas Bestimmtes erreichen: er will in einem oder in mehreren Menschen eine bestimmte Wirkung hervorbringen. Erzieherisches Handeln ist also auf Mitmenschen gerichtet; es ist mitmenschliches oder soziales Handeln “ (Brezinka 1978, S. 42, Hervorhebung im Original).

In einem weiteren Werk erläutert er, dass das Ziel erzieherischen Handelns darin liege „unmündige Menschen reifer, mündiger und besser zu machen“ (Brezinka 2019, S. 216). Diesen Definitionsversuchen ist zu entnehmen, dass die Erziehung an sich stets zwischen zwei oder mehreren Personen stattfindet, intentional, zielgebunden und von persönlichen Einschätzungen und Urteilen geprägt ist. Diese Vermutung wird auch durch die Ansichten von Hermann Giesecke bestätigt, wonach Erziehung „immer nur das [meint, G.M.], was bewusst und planvoll zum Zwecke der optimalen kindlichen Entwicklung geschieht“ (Giesecke 1991, S. 70). Bei dieser Erläuterung wird deutlich, dass die Erziehung als werteorientiert, mutwillig und bewusst zu interpretieren ist. Einem weiteren Definitionsversuch zufolge haben die Erziehenden das Ziel „Kenntnisse und Fähigkeiten, Handlungswillen und Handlungsfähigkeit, also die individuelle Mündigkeit der Kinder und Jugendlichen und ihre Kompetenz zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben möglichst dauerhaft zu verbessern“ (Schaub/Zenke 2004, S. 189), wobei hier erneut auf die Intentionalität und die Zielgerichtetheit der Erziehung aufmerksam gemacht wird. Es gilt darauf zu verweisen, dass im weiteren Verlauf der Arbeit ausschließlich dieses Modell der intentionalen Erziehung berücksichtigt wird.

3.2 Begriffsentfaltung: Erziehungsmittel

Um den Begriff des Erziehungsmittels erklären zu können, ist es dienlich eingangs den Begriff der Erziehungsziele aufzugreifen. Erziehungsziele sind „vorgestellte und erstrebte Endzustände erzieherischen Handelns und Gestaltens“ (Hamann 1994, S. 96) und sind dabei immer in Abhängigkeit von der historischen Gesamtstruktur und der Kultur einer Gesellschaft zu betrachten. Eine allgemeingültige Auffassung der Erziehungsziele ist demnach nicht möglich (ebd., S. 98). Voraussetzung für eine gelingende Erziehung ist es, ein Erziehungsziel festzulegen und gewisse Mittel hierfür auszuwählen, damit dieses auch erreicht werden kann, in anderen Worten die sogenannten Erziehungsmittel (Brezinka 1986, S. 12).

Besagte Erziehungsmittel sind „Maßnahmen und Situationen, mit deren Hilfe Erziehende auf Heranwachsende einwirken in der Absicht, deren Verhalten, Einstellungen und Motive zu bilden, zu festigen oder zu fördern“ (Geißler 1982, S.6). Man kann diese Mittel auch als „Praktiken“ (Domke 1991, S. 124), „Ausdrucksformen pädagogischen Handelns“ (Hamann 1994, S. 26) oder „Erziehungsmaßnahmen“ (Hobmair/Treffer 1979, S. 74) verstehen und sie beziehen sich demnach bei der Frage: „Wer wird von wem warum wozu auf welcher Grundlage wie womit erzogen?“ (Brezinka 1990, S. 96) auf das Womit. Als genau solches, sprich als Erziehungsmittel, kann das Märchen dienen, vielmehr das Rezipieren dieser kinderliterarischen Werke - und dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob es selbst gelesen oder vorgelesen wird. Im Fortlauf der Arbeit wird auf das Märchen als Erziehungsmittel selbstverständlich vertiefend eingegangen (siehe Kapitel 4.).

3.3 Bestimmungsversuch: Märchen

Der seit der Mitte des 15. Jahrhunderts gebräuchliche Begriff vom Märchen ist die Diminutivform zu Mär, eine für den heutigen Sprachgebrauch wenig geläufig und eher altertümlich klingende und erscheinende Begrifflichkeit. Wortwörtlich übersetzt ist es demnach eine kleine Erzählung (vgl. Geister 2010, S.12f.). Im Allgemeinen wird unter dem Begriff des Märchens „eine besondere Art der Erzählung“ (Lüthi 2004, S. 1) verstanden, welche als „welthaltige Abenteuererzählung von raffender, sublimierender Stilgestalt“ (Lüthi 2005, S. 77) zu handeln ist. Thematisch befasst sich das Märchen stets mit dem „ganzen Spektrum menschlicher Existenz und mit dem ursprünglichen Erleben von Wirklichkeit, in die das Mögliche wie selbstverständlich mit einbezogen wird“ (Freund 2005, S. 7). Auch die Haupteigenschaft für „groß und klein, alt und jung, reich und arm, für Angehörige aller Berufe in gleichem Maße bestimmt zu sein“ (Hsia 1975, S. 170) ist nicht zu vernachlässigen.1

Problematischer gestaltet sich eine nähere Bestimmung der Märchen in Bezug auf Herkunft und Alter, denn auf die Frage nach dem Ursprung verbleibt nur die Antwort, dass diese in der Tat uralt, universell verarbeitet und überall dort zu finden seien, wo es Sprache gäbe (vgl. Tolkien 1984, S. 71f.). Dies lässt vermuten, dass diese literarische Gattung bereits seit vielen Jahrtausenden in der Menschheitsgeschichte anzutreffen ist (vgl. Geister 2010, S. 13). Da Märchen „sich schon immer der Zeit und Umgebung angepasst“ (Wehse 1990, S. 11) haben, lässt sich schlussfolgern, dass die kleinen Erzählungen etwas Zeitloses an sich haben, dass es ihnen ermöglicht so lange zu überdauern. Ebendies sei „das Erregende am Märchen, dass uns in ihm mitten in der modernen und rationalisierten Welt eine Denkweise entgegentritt, die eine geistige Verbindungslinie von der Gegenwart zu einer archaisch-magischen Vorstufe unseres Weltbildes herzustellen scheint“ (Röhrich 1956,S. 4).

Letztendlich lässt sich festhalten, dass das Märchen eine fiktive und mündlich weitergegebene Erzählung ist, welche aus einer unbestimmten, jedoch vergangenen Zeit stammt und deren Handlung sich bevorzugt an außergewöhnlichen Orten abspielt. Naturgesetze sind in den Geschichten häufig nicht von Bedeutung und zumeist entkommt die Hauptfigur ihrer misslichen Lage, indem sie eine oder mehrere gefährliche Aufgaben besteht (vgl. Geister 2010, S. 12).

4. Das Märchen als Erziehungsmittel

Bis ins 19. Jahrhundert galt es als erzieherische Maßnahme dem Edukandus Märchen vorzulesen oder zu erzählen, da die Geschichte an sich als pädagogisch bewertet wurde. Auf zugängliche Art und Weise werden sowohl Werte und Tugenden vermittelt als auch mahnende und abschreckende Wirkungen erzielt. Im darauffolgenden Jahrhundert rückten vermehrt die tiefenpsychologischen ebenso wie die psychoanalytischen Ansätze in den Vordergrund, welche die persönlichkeitsbildenden Strukturen des Märchens hervorhoben. Dies legte den Grundstein der sogenannten Märchenpädagogik, in der unter anderem aufgezeigt wird, inwiefern Märchen zur Entwicklungsförderung von Menschen aller Altersgruppen beitragen können (ebd., S. 7).

Der typische Ausspruch: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute!“ (ebd.), suggeriert das klassische Happy End im Märchen. Die Vermutung liegt nahe, dass durch die glückliche Fügung am Ende der Erzählung sowohl Kinder, Jugendliche als auch Erwachsene motiviert werden sollen, sich im Anschluss den Herausforderungen und Entwicklungsaufgaben im wahren Leben zu stellen. Da Märchen zur „Ermutigung der Schwachen, Kleinen und Unterdrückten“ (Haas, zitiert in Reifarth 2003, S. 75) dienen sollen und „Geborgenheits- und Glückspotentiale oder aber Hilfen für die psychische Reifung“ (ebd.) in sich tragen, scheint die daraus resultierende Schlussfolgerung, dass sie durchaus der Erziehung dienlich sind. SchriftstellerInnen von Märchen fungieren sozusagen als „empfindliche Seismographen gesellschaftlicher Erschütterungen“ (Wührl 1984, S. 295) und können „aktuelle Botschaften in sinnbildlicher Form transportieren“ (Bolik 1994, S. 281). Das für die Entwicklung Fördernde und somit Wertvolle am Märchen ist es, dass es ihm gelingt „Wünsche und Hoffnungen zu formulieren, aber gleichzeitig auf die Kluft zwischen ihnen und der Realität zu verweisen“ (Schmitz-Köster 1989, S. 99), woraus sich eindeutig ergibt, dass das Märchen Hilfestellung bieten kann Emotionales fassbarer zu gestalten, ohne dabei die notwendigen Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen zu lassen. Zumal das Märchen eine lineare Erzählung ist, demgemäß zu keiner Zeit Handlungsabläufe parallel zueinander stattfinden, sich zeitlich chronologisch verhält und in sich stringent ist, ist es ersichtlich, dass diese Erzählform nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder und Jugendliche geeignet ist (vgl. Geister 2010, S. 13f.). Viele PädagogInnen haben den entwicklungspsychologischen Wert des Märchens vor allem für heranwachsende Kinder bereits erkannt und sind darin übereingekommen, dass „kaum ein anderes Erziehungselement die geistige und seelische Entwicklung so fördert wie die Erzählstunde“ (Neudert 2011, S. 34)

4.1 Pädagogische Handlungsanleitungen und Förderung durch Märchen

Generell ist Erziehung in beinahe jedem Märchen mehr oder weniger von Bedeutung. Orientierungsmaßstäbe und Verstöße gegen ebendiese werden thematisiert und die daraus resultierenden Konsequenzen folgen unmittelbar auf das Handeln, sodass kein großer Spielraum für Fehlinterpretation bleibt. Häufig muss die Hauptfigur des Märchens aus diversen Gründen Abenteuer bestehen, welche in der Entwicklungspsychologie mit den Herausforderungen der Realität gleichzusetzen sind (vgl. Geister 2010, S. 108). Das Märchen kann also in gewisser Maßen als „eine Art Erziehungs- und Bildungsroman im kleinen [sic!]“ (Ranke 1984, S. 376) verstanden werden. Es scheint naheliegend, dass die gegebenen Handlungsanleitungen im Märchen in Form der vermittelten Moralvorstellungen und auf getroffene Entscheidungen folgende Nachwirkungen, sollen dazu animieren und Anreize bieten die verschiedenen Entwicklungsstufen in der Realität zu bewältigen.

Da Märchen überwiegend in der Welt der Fantasie zuhause sind, lässt sich zweifelsohne behaupten, dass vor allem diese beim Lesen und Erzählen von Märchen angeregt und gefördert wird. Während früher in der Philosophie die Fantasie eher für unbedeutend abgetan und schlicht als die Fähigkeit, sich Dinge vorzustellen, die gegenwärtig mit den Sinnen nicht aktiv fassbar sind (Vgl. Flügge, 1963, Vorwort, ohne Seitenangabe) definiert wurde, schreiben andere ihr eine weitaus prägnantere Rolle zu und somit zwangsläufig auch dem Märchen. Beispielsweise verlangte der Pädagoge Friedrich Schleiermacher selbst nach „einer reinen Sammlung von Kindermärchen in richtiger Tendenz für den Geist und das Herz der Kinder, mit allem Reichtum zauberischer Weltszenen, sowie mit der ganzen Unschuld einer Jugendseele begabt“ (Schleiermacher in Gerstl 1964, S. 24). Denn Fantasie ist viel wichtiger für Kinder als die quantitative Anhäufung von Tatsachen, da Kinder bevorzugt mit der Unterstützung von Bildern denken und sich weniger des kausalen Wissens bedienen. Ebendies bietet die Chance den Prozess der Charakterbildung erfolgreich voranzutreiben (vgl. Rogge/Bartram 2015, Vorwort ohne Seitenangabe). Von einer gelungenen Erziehung ist zumeist dann die Rede, wenn das gesamte Potenzial der Persönlichkeitsentwicklung ausgeschöpft wurde und nicht nur Teile dieser, denn es sollen Physis und Psyche gleicher Maßen gefördert werden. Emotionale und seelische Kompetenzen werden ebenso als erstrebenswert deklariert, wie sprachliche und soziale Fertigkeiten (vgl. ebd., S. 7). Fantasie ist zweifelsohne wichtig für das alltägliche Leben, da sie einen mit der Realität verbindet und es gleichzeitig erlaubt eben diese auf eine eigene Art zu betrachten, teilweise neu zu interpretieren und in gewisser Maßen sogar die Grenzen des Erlebten zu erweitern. Fantasie ist der Grundstein der Fähigkeit der Kontrafaktizität, die es ermöglicht verschiedene Versionen der Wirklichkeit wahrzunehmen und an die jeweiligen Zukunftspläne anzupassen (vgl. Karimi 2016, S. 259). Zwangsläufig kommt man zu dem Ergebnis, dass Fantasie eine wichtige Voraussetzung für das spätere Leben darstellt, da sie einen leichteren Umgang mit Problemen ermöglicht, Spontanität fördert und kreatives Denken schult. Die Fähigkeit sich an ungewohnte Situationen anzupassen und ebenso neue, unbekannte Probleme zu lösen, erleichtert das Leben selbstredend. Demnach scheint die Konklusion zulässig, dass die Förderung von Fantasie mit der Steigerung von Intelligenz gleichzusetzen ist und das Erlernen dieser in der Kindheit daher als unumgänglich einzustufen ist. Da Märchen dieser Kompetenz entgegenkommen, ist es gewiss als empfehlenswert anzusehen Kindern und Jugendlichen die Inhalte von Märchen zu vermitteln.

4.1.1 Sprachförderung

Zweifelsfrei ist Sprache einer der elementarsten Bausteine im alltäglichen Miteinander und von größter Bedeutung in einem sozialen Gefüge. In der Pädagogik, sowie in unzähligen weiteren Wissenschaften, ist Kommunikation von unschätzbarem Wert, da sie es ermöglicht sich über das auszutauschen, was mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist, wie zum Beispiel innere Konflikte. Umso weiter fortgeschritten der Mensch in seiner Entwicklung ist, desto mehr Erfahrungen hat er vorzuweisen, an denen er sich im Zweifelsfall orientieren kann, um persönliche Krisen zu überstehen. Wenn Erfahrungswerte jedoch nicht mehr ausreichen, besteht immer noch die Möglichkeit sich Unterstützung von außerhalb einzuholen. Voraussetzung dafür ist das Vermögen sich auszudrücken und abstrakte Umstände formulieren zu können. Wenn jedoch ein Mensch noch jung und unerfahren ist, ist es zweifelsohne schwieriger für diesen adäquat über eventuelle Konflikte Auskunft zu geben. Hierbei können Märchen vor großem Nutzen sein. Denn Herausforderungen, die einem zu Erziehenden in seinem Reifungsprozess begegnen, werden in Märchen thematisiert und können dadurch als Unterstützung oder Inspiration dienen, wie diese zu bestreiten sind. Wenn beschrieben wird, wie sich die Märchenfigur beispielsweise in eine bedrohliche oder unbekannte Situation begibt, löst dies ein Gefühl aus, dass dem jungen Zuhörer möglicherweise unter realen Umständen bereits begegnet ist und welches es zu verarbeiten gilt. Über das Gefühl findet eine Identifikation mit der Märchengestalt statt und es entsteht ein fassbares Bild für die normalerweise abstrakten Gefühle (vgl. Geister 2010, S. 86). So entsteht die Möglichkeit Kindern „Worte und Bilder für ihr inneres Erleben“ (ebd., S. 87) zu geben, was eine gewisse Form der Sprachförderung darstellt. Denn auf diese Art und Weise wird es dem Edukandus ermöglicht „Sprache als Instrument der Reflexion zu nutzen“ (Peitz, zitiert nach Geister 2010, S. 86), was beim Bestehen noch folgender Hindernisse und der weiteren Persönlichkeitsentwicklung förderlich zu Tage treten kann.

[...]


1 Auf das Korrigieren der Rechtschreibung innerhalb des Zitats nach Adrian Hsia (1975) wurde aufgrund der Lesbarkeit bewusst verzichtet.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Märchen als Erziehungsmittel. Pädagogische Handlungsanleitungen in "Rotkäppchen" und "Der Froschkönig"
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
22
Katalognummer
V935809
ISBN (eBook)
9783346265982
ISBN (Buch)
9783346265999
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Märchen, Erziehungsmittel, Erziehung, Definition, Pädagogik, Erziehungswissenschaft
Arbeit zitieren
Gloria Meßner (Autor), 2019, Märchen als Erziehungsmittel. Pädagogische Handlungsanleitungen in "Rotkäppchen" und "Der Froschkönig", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/935809

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